In der heute kaum noch bekannten Schrift des Vermessungsingenieurs Paul Volquart Molt ‚Die ersten Karten auf Stein und Fels‘ von 1979, beschäftigt sich der Autor mit den bis heute nicht eindeutig interpretierten künstlichen näpfchenartigen Vertiefungen auf den Steinen zahlreicherer megalithischer Bauwerke. Diese Steine werden als Schalensteine bezeichnet.

Bisherige Vermutungen gehen davon aus, es habe sich möglicherweise um Vertiefungen gehandelt, die für Opfergaben gedacht waren. So wäre es denkbar, dass in die Schälchen Flüssigkeiten, etwa Honig, Wasser oder gar Blut gegossen wurde und sie somit rituellen Charakter hatten.

Für diese Nutzung spricht ein schwedischer Brauch, der noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu beobachten war, in die Schälchen ein Kleinod zu legen, etwa eine Münze oder einen Schnürsenkel. Diese waren an die Unterirdischen – zwergenhafte Sagengestalten der nordeuropäischen Folklore gerichtet. [1]

Aus Albersdorf in Dithmarschen ist folgende Sage hierzu überliefert:

„Bei Albersdorf in Süddithmarschen haben vorzeiten die Unterirdischen im Ofenstein gewohnt, einer Höhle, die fünf große Steine bildeten, einer lag oben drüber- Jeder Mensch, der vorüber ging, musste entweder jedes Mal oder wenigstens das erste Mal, etwas da zurücklassen, wenn es auch nur ein Bändchen oder Senkel war.“ [2]

Andererseits scheint der Umstand, dass diese Schälchen häufig senkrecht an den großen Steinen angebracht sind, gegen diese Vermutung zu sprechen, da die Flüssigkeit hier logischerweise sofort wieder hieraus geflossen wäre.

Molt kommt nach der Untersuchung von Schalensteinen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen zu einer gänzlichen anderen Überlegung und schließt, es habe sich in Wahrheit um Flurkarten der jeweiligen Umgebung gehandelt. Die praktische Erwägung für die Menschen der Jungsteinzeit, so ihre Besitztümer und Gehöfte zu kennzeichnen sei Ausschlag für seine Überlegung gewesen, so Molt (S. 8).

Molt kommt zu dem Schluss, dass das Vermessungswesen in Norddeutschland bis auf die Altsteinzeit zurückgeht und identifiziert ein Stück aus Hirschgeweih, das auf ein Alter von 15000 Jahren datiert wird.

Dieses Stück ist heute im Museum für Vor- und Frühgeschichte im Schloss Gottorf in Schleswig ausgestellt. Die im Mittelteil dargestellte Ornamentik könnte laut Molt ein Maßstab zur Bestimmung der Rute, die später als Hamburger Rute bekannt wurde, mit den Maßen Fuß = 12 Zoll, und ein Zoll mit 12 Linien sein (S. 19 f.).

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Abbildung 1: Das Objekt aus Rentierknochen im Schloss Gottorf, dass laut Molt einen Maßstab zur Bestimmung einer Rute ist (Foto: André Kramer)
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Abbildung 2: Das Objekt aus Rentierknochen im Schloss Gottorf, dass laut Molt einen Maßstab zur Bestimmung einer Rute ist (Zeichnung: André Kramer nach Molt)

Weiter vermutet Molt, dass die möglichen Karten auf den Schalensteinen grob nach Norden orientiert seien und sich an Sonnenauf- und Untergang orientieren, möglicherweise sogar nach dem Fixsternhimmel (S. 23).

Durch Übertragungen der Schalensteine- und Felsbilder auf Folien, die dann über rezentes Kartenmaterial gelegt werden konnten, versucht Molt eine empirische Überprüfung seiner These.

Er untersuchte Schalensteine in Orten Norddeutschlands. Namentlich die Megalithen von Plumbohn, Waldhusen, Bunsoh und Hoisdorf.
Der wohl imposanteste dieser Schalensteine ist wohl der Schalenstein von Bunsoh in Dithmarschen, Schleswig-Holstein.

Er stellt einen der Decksteine eines Dolmen dar und ist mit mehreren hundert Schälchen, sowie Sinnbilddarstellungen von Händen, Füßen und einem Radkreuz übersät.

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Abbildung Nr. 3 und 4: Der Dolmen mit dem Schalenstein von Bunsoh (Foto: André Kramer)
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Abbildung Nr. 4: Detailausschnitt mit Radkreuz und Fuß- und Handdarstellungen. Vom Autor mit Kreide nachgezogen (Foto: André Kramer)

Dem Schalenstein von Bunsoh und seiner Analyse widmet Molt den größten Teil in seinem Buch und glaubt am Ende, eine nach dem Fixsternhimmel oriniertierte Flurkarte der Umgebung entdeckt zu haben, die nach Norden ausgerichtet ist. Das Radkreuz identifiziert er hierbei als den Stern Kochab, der vor 4000 Jahren die Funktion des Polarsterns übernommen haben soll (S. 57).

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Abbildung Nr. 5: angebliche Sternenkarte auf dem Schalenstein von Bunsoh (Zeichnung: André Kramer nach Molt)

Die Thesen Molts bleiben nach wie vor faszinierend. Auch wenn man sich häufig des Eindrucks von Spekulation und selektiver Auslegung nicht entziehen kann.

Auch lässt die These von den Flurkarten als Erklärung für die Schalensteine einige Fragen offen und es scheint gute Gründe gegen eine praktisch-weltliche Nutzung der Schalensteine zu geben.

Denn, wieso sollte man eine praktisch gedachte Flurkarte die Besitztümer markiert ausgerechnet an Gräbern anbringen? Außerdem ist bislang nicht vendgültig beantwortet, wann die Schälchen denn nun tatsächlich angebracht wurden (denkbar wäre auch eine nachträgliche Anbringung etwa in der Bronzezeit). Ebenfalls zu klären wäre die Frage, ob die Schalensteine die als Decksteine für Dolmen fungierten überhaupt frei sichtbar gewesen sind. Schließlich wurde das Steingerüst von einem Erdhügel umgeben. Ob die Schalensteine womöglich frei von der Aufschüttung blieben, weiß man nicht.

Fußnoten

[1] Vgl. Schwantes 1955, S. 351
[2] Meyer 1929, S. 21

Literaturverzeichnis

Meyer, Gustav Friedrich: Schleswig-Holsteiner Sagen. Diederichs: Jena 1929

Molt, Paul Volquart: Die ersten Karten auf Stein und Fels vor 4000 Jahren in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Lübeck: Gustav-Weiland 1979

Schwantes, Gustav: Geschichte Schleswig-Holsteins. Wachholz: Neumünster 1955