Ob es um Atlantis geht, Aliens in der Vorzeit oder Atlantikkontakte vor Kolumbus – in grenzwissenschaftlichen Spekulationen nehmen Pyramiden aller Art oft eine Spitzenstellung ein. Um zwei vorgebliche europäische Pyramiden soll es nun gehen, beide stammen aus den Büchern von Atlantisforschern.

Der Borgbjerg bei Boeslunde, Seeland, Dänemark

Der Atlantisforscher Jürgen Spanuth, der in Atlantis eine in der heutigen Nordsee vor Helgoland versunkene Hauptstadt der „germanischen Megalithiker““ sieht, will den von Plato beschriebenen Poseidon-Tempel als Tempelpyramide mit einer Irminsul auf der oberen Plattform deuten. Solche Tempel seien es in der germanischen Bronzezeit tatsächlich errichtet worden, beispielsweise auf der Insel Seeland in Dänemark:

„Daß es solche mächtigen Dreistufenheiligtümer im nordischen Raum einst wirklich gegeben hat, beweist der Dreistufenhügel ‚Borgbjerg‘ bei Boeslunde auf der Insel Seeland. Dieser hat eine rechteckige Form mit drei Stufen oder Terrassen, von denen jede etwa 10 Meter hoch und 3,5 Meter breit ist. Auf der Höhe befindet sich eine ebene Fläche von 54 Meter Länge; in dem Hügel fand man Goldgefäße, die nach SCHILLING ‚Schöpfgefäße für das Opferblut‘ waren. Offenbar fanden hier einst ähnliche Kultfeiern statt, wie sie uns im Atlantisbericht geschildert werden.“ [1]

So spannend eine solche gewaltige Tempelpyramide wäre (es gibt in Europa durchaus echte prähistorische Pyramiden, etwa auf Sardinien), so überholt ist Spanuths Interpretation. Der Borgbjerg wurde in der archäologischen Literatur des 19. Jahrhunderts tatsächlich als Tempel bezeichnet, allerdings nicht als Stufenpyramide, sondern als ein „künstlich terrassierter Hügel“[2]

Die neuere Forschung, die so viel Romantik der vergangenen Zeit vertrieben hat, weiß aber mittlerweile, dass es sich um einen Zentralort der mittleren und späten Eisenzeit gehandelt hat, vergleichbar mit den mittelalterlichen Pfalzen. Der Borgbjerg war demnach eine typische Burg oder Befestigung; den Typus gab es mehrmals in Südschweden und Dänemark.

Judith Jesch [3] spricht davon, dass diese Zentralorte immer die Verkehrswege auf Meer und Land beherrschend angelegt waren und aus einem Haupthaus (dem größten Bauernhof), das wohl auch kultische Bedeutung hatte, sowie außenliegenden Gebäuden bestand. Beispiele neben dem Borgbjerg fänden sich bei Sorte Muld (Ibsker), Bornholm, Gudme auf Fünen, Tisso und Toftegard auf Seeland.

Spanuths „Pyramide“ war also ein mit Wällen umgebener Erdhügel aus der Zeit kurz vor Christi Geburt – und damit keine Kopie eines atlantischen Tempels auf Helgoland oder gar eine germanische Pyramide der Bronzezeit.

Der Hausberg bei Stronegg, Niederösterreich

Otto Muck, der Mann, der den Untergang von Atlantis auf die Minute genau datieren konnte, entdeckt mitten in Österreich eine Pyramide der Atlanter, die unzweifelhafte Ähnlichkeit mit der Stufenpyramide von Sakkara, den mexikanischen „Pyramiden“ und – was sonst – dem biblischen Turm von Babel aufwies. Eine Skizze in seinem Buch verdeutlicht diese Gemeinsamkeiten noch. [4]

Im Gegensatz zu Spanuth folgt Muck keiner überholten archäologischen Meinung, sondern fabuliert frei. Zwar wird der Hausberg, den es in der Tat gibt, seit dem 19. Jahrhundert als Pyramide bezeichnet, allerdings nur, um seine Form zu umreißen (wie man auch einen natürlichen Berg zuweilen eine Pyramide nennt). Nie galt er als früh- oder gar vorgeschichtlich. Auch hat die Anlage von Stronegg kaum Ähnlichkeit mit Mucks Skizze:

„Der Hausberg erhebt sich auf einer Gesamtfläche von ca. 2,85 ha und ist damit eine der größten und bedeutendsten Anlagen dieser Art in Niederösterreich. Obwohl die Entstehung derartiger Wohn- und Befestigungsanlagen bis in das 3. Jahrhundert zurückreicht, dürfte dieses Erdwerk aus dem 9. bis 10. Jahrhundert stammen.

Nordwestlich des ersten Hauptwerkes befindet sich das zweite, kleinere mit einer Basislänge von 53 m in Form eines Pyramidenstumpfes. Auf einer Höhe von 6 m liegt eine ebene, rechteckige Fläche mit einem Ausmaß von 30/25 m, deren Ränder an drei Seiten ziemlich stark abfallen, nur die nach Norden zugewandte Böschung ist weniger steil.

Ein kleineres, an der Südwestseite gelegenes Vorwerk diente zur Verteidigung der Anlage gegen die flachere Seite des Hausberges, hier befand sich auch die Auffahrtsrampe, welche aber durch die Bewirtschaftung der angrenzenden Fläche nur mehr teilweise zu erkennen ist.

Forschungen zufolge befand sich auf dem äußeren Wall ein Palisadenzaun mit einem Tor zur befestigten Zufahrtsrampe. Auf dem pyramidenstumpfförmigen ersten Hauptwerk stand neben einigen anderen Gebäuden ein Wächterhaus. Eine hölzerne Zugbrücke führte zur eigentlichen Burg, deren Hauptwerk aus einem achteckigem Turm bestand und ebenfalls mit einer Brustwehr umgeben war. Bei Grabungen wurden Kupfergeschirr und Münzen aus der Babenbergerzeit gefunden, ebenso Reste von bearbeiteten Balken. Dadurch ist anzunehmen, daß die gesamte Befestigungsanlage aus Holz gebaut war. 1444 erhält Friedrich der IV. die Nachricht, daß mährische Raubscharen das ‚Gschloß Straneck‘ erobert und zerstört haben.“ [5]

Stronegg ist ein typischer Vertreter des Burgentyps der Motte, der in ganz Europa verbreitet ist und reichlich 10 000 Jahre nach dem Untergang von Atlantis in Mode kam. In vielen englischen Städten kann man noch sehr schön erhaltene, bis zu großer Höhe aufgeworfene konische Mottenhügel sehen, auch in Deutschland gibt es noch einige. [6]

Skizze...

Schwarzwaldurlauber beispielsweise können im Murgtal eine Motte bestaunen, die fast identisch ist mit Mucks Atlantischer Pyramide: den Ringwall auf dem Großen Schanzenberg bei Bad Rotenfels, Gaggenau. Die doppelte Umwallung um den etwa 20 x 25 m messenden Kern wurde um 1100 errichtet. [7]

Es gilt somit, zwei angebliche Pyramiden aus dem Inventar der europäischen Vorzeit zu streichen – eine ist ein befestigtes Gehöft aus der Eisenzeit, die andere ein weit verbreiteter Burgtyp. Beide sind weder Pyramiden noch haben sie etwas mit Atlantis zu tun.

Fußnoten

[1] Jürgen Spanuth: Atlantis. Grabert: Tübingen 1965, S. 473; ähnlich in: Das enträtselte Atlantis. Stuttgart 1953, S. 140
[2] z.B. Jens Jacob Asmussen Worsaae: The pre-history of the North: based on contemporary memorials. London, Trübner & Co., 1886, S. 93
[3] Judith Jesch: The Scandinavians from the Vendel period to the tenth century: an ethnographic perspective. Boydell Press, 2002, S. 16
[4] Otto Muck: Alles über Atlantis. München: Knaur 1978, S. 125-127
[5] http://www.stronsdorf.at/system/web/zusatzseite.aspx?menuonr=218266273&detailonr=218248969 (mit Plan, Literaturangaben und Fotos)
[6] Beispiele: http://de.wikipedia.org/wiki/Motte_%28Burg%29. Am Rande des Dorfes, in dem ich zurzeit wohne, gibt es eine schlecht erhaltene Motte, eine zweite – eine perfekte Rundpyramide – liegt kaum 10 km Luftlinie entfernt. Wer sich in seiner unmittelbaren Umgebung umschaut, kann archäologische „Rätsel“ aus ferneren Gegenden oft schneller lösen.
[7] Clemens Kieser: Kunst- und Kulturdenkmale im Landkreis Rastatt und in Baden-Baden. 2002, S. 238