Die ägyptische Doppelkrone wurde innerhalb der PaläoSETI-Forschung unter technischen Gesichtspunkten neu interpretiert. Alexander Nertz folgert aus dem kulturellen Kontext die Unzulässigkeit dieser „modernen“ Interpretationen.

Aus gegebenen Anlass soll hier kurz auf eine Deutung eingegangen werden, die in der Doppelkrone der Könige Ägyptens eine elektrisch betriebene Schockwaffe erkennen möchte. [1] So interpretiert Eva Auf die beiden Bestandteile der Krone als Halterung sowie batterieartige Vorrichtung entsprechend der sogenannten Bagdad-Batterie. Die mit Hilfe der Batterie erzeugte Spannung soll sich über eine an der Krone befindliche Spirale entladen, der darauf folgende „Funkenflug und die schallenden Knallgeräusche“ der Einschüchterung der Feinde und der Demonstration königlicher Macht gedient haben. [2]

Dieser Interpretation hat Rainer Ose vom Fachbereich Elektrotechnik an der FH Braunschweig/Wolfenbüttel widersprochen, da der technische Aufwand von den Ägyptern kaum realisiert werden konnte. [3] Statt dessen bietet er in seinem Artikel mit einem Zylinderkondensator anstelle eines Akkumulationsgenerators eine technisch einfachere Lösung an. Ose selbst lehnt aber, was nicht unerwähnt bleiben soll, die technische Interpretation der Doppelkrone ab. [4]

Beide Autoren beschränken sich bei ihren Darstellungen auf eine technische Interpretation der Doppelkrone, ohne den kulturellen Rahmen zu untersuchen. Ich habe eine nach diesem Schema entwickelte Theorie „Single-Object-Theory“ genannt: die singuläre Beschäftigung mit einem einzelnen Artefakt, welches als Indiz für eine Theorie herangeführt wird, ohne Berücksichtung des konkreten archäologischen und kulturellen Kontextes. [5] Wenn also ein Objekt – wie in diesem Fall die ägyptische Doppelkrone – technisch interpretiert werden soll, muss zuerst nach der Entstehung dieser Erscheinung gefragt werden: Wann tauchte sie in den Quellen das erste Mal auf und gab es Vorläufer?

Zu Beginn sollte man sich zwei Dinge verdeutlichen: Erstens sind die ägyptischen Kronen nur aus den bildlichen Überlieferungen bekannt, d.h. von Reliefs und Skulpturen, Originale wurden nie gefunden. Damit bleibt jede Interpretation über ihre Materialzusammensetzung spekulativ. Zweitens ist die Doppelkrone, wie der Begriff schon ausdrückt, aus zwei Komponenten zusammengesetzt. Dies sind die beiden Landeskronen: die sogenannte rote Krone Unterägyptens (des Nildeltas) und die weiße Krone Oberägyptens (des Niltales) (Abb. 1).

Ägyptische Königskronen

Abb. 1: Ägyptische Königskronen: Doppelkrone (li.), rote Krone (m.), weiße Krone (re.)

Das ägyptische Denken ist tief von dualistischen Prinzipien geprägt. [6] Wenn die alten Ägypter von ihrem Land Ägypten sprachen, verwendeten sie meist den Begriff „die beiden Länder“. Gemeint ist damit die Unterscheidung zwischen Ober- und Unterägypten. Ebenso bezeichneten sich die Könige als ‚König von Ober- und Unterägypten‘. Sie trugen entsprechend eine Krone, welche die beiden Landeskronen miteinander kombinierte, um die symbolische Einheit beider Länder zu repräsentieren.

Als mythologischer Reichseiniger wurde schon bei den alten Ägyptern König Menes angesehen, er lässt sich wahrscheinlich mit dem historisch belegbaren König Aha (um 3000 v.Chr.) identifizieren. [7] Die früheste Darstellung der königliche Doppelkrone findet sich allerdings unter dem fünften König der 1. Dynastie, Den, der etwa 100 Jahre später anzusetzen ist. [8] König Den trägt auch als erster den Titel „König von Ober- und Unterägypten“ (nsw bjt). [9]

Die beiden einzelnen Landeskronen sind dagegen schon sehr viel früher zu belegen. [10] In vordynastischer Zeit wurde das Niltal von der Negade-Kultur beherrscht, die relativ-chronologisch in drei Phasen eingeteilt wird. Aus dem Beginn der Phase Negade II (um 3400 v.Chr.) ist zum ersten Mal eine Darstellung der roten Krone auf einer Keramikscherbe bekannt. [11] Die weiße Krone taucht dagegen erstmals in den Belegen aus der Phase Negade III. (um 3100 v.Chr.) auf. Beide Kronen sind also oberägyptische Entwicklungen und wurden – separat – von den Herrschern der Negade-Kultur getragen. Auf der Schminkpalette des Königs Narmer (um 3000 v.Chr.) ist z.B. der König auf der Vorderseite mit der roten, auf der Rückseite dagegen mit der weißen Krone dargestellt (Abb. 2). Hier sind die zwei Kronen erstmalig auch als Ausprägung des oben genannten dualistischen Prinzips belegt. [12] In der Negade-Zeit wurde also bereits eine symbolische Differenzierung beider Kronen vorgenommen, außerdem bildeten sie zu dieser Zeit noch keine Einheit. Aus dynastischer Zeit, nach der „Erfindung“ der Doppelkrone, gibt es noch zahlreiche Darstellungen, die den König nur mit einer der beiden Kronen zeigen. Das bedeutet für die technische Interpretation, dass der König in diesem Fall entweder nur eine gebrauchsunfähige Waffe oder eine Batterie als Kopfschmuck trägt!

Die Schminkpalette des Königs Narmer.

Abb. 2: Die Schminkpalette des Königs Narmer. Auf der Rückseite (li.) trägt Narmer die weiße Krone, auf der Vorderseite (re.) die Rote.

Die Königskronen können aber nicht nur vom König, sondern auch von Göttern getragen werden. Da diese ebenfalls als Herrscher über Ägypten angesehen wurden, gehörten sowohl die Doppelkrone als auch die Landeskronen zu ihren Insignien. Zur Ikonographie der Götter Osiris, Satis und Astarte zählt beispielsweise nur die weiße Krone, während die Göttin Neith ausschließlich die rote Krone trägt. [13] Auch die jeweiligen Landesgöttinnen tragen nicht die Doppelkrone, sondern entsprechend die weiße oder die rote Krone: Der unterägyptischen Schlangengöttin Wadjet gebührt die rote Krone, der oberägyptischen Geiergöttin Nechbet dagegen die Weiße.

Vor dem Hintergrund des dualistischen Prinzips der Ägypter ist eine Interpretation der Doppelkrone als elektrotechnischen Gegenstand – auch wenn dieser technisch realisierbar wäre – abzulehnen. Die Doppelkrone hat sich im Verlauf der Zeit, der politischen und ideologischen Situation aus zwei gesonderten Landeskronen entwickelt. Für die vorgeschlagene technische Ausdeutung wäre die Einheit der Krone von Beginn an Voraussetzung, nicht aber zwei separate, unabhängig voneinander und zeitlich früher entwickelten Komponenten. Die ägyptischen Königskronen sind, wie auch in allen anderen Kulturen, ein Zeichen königlicher Macht. [14] Die Doppelkrone demonstriert allerdings weniger die königliche bzw. göttliche Allmacht, sondern vorrangig die symbolische Einheit Ägyptens. Eine technische Deutung kann demnach – aus dem kulturellen Kontext heraus – ausgeschlossen werden.

Anmerkungen

[1] Auf 2001, S. 8ff.

[2] ebd.

[3] Ose 2003, S. 8ff.

[4] ebd., S.10

[5] Nertz 2003, S. 3

[6] z.B. Lurker 1998, S. 66

[7] Schneider 2002, S. 154

[8] Goebs 2001, S. 323

[9] Schneider 2002, S. 109

[10] Strauss, Sp. 812; Goebs 2001, S. 323

[11] Wainwright 1923, S. 26

[12] Strauss, Sp. 812f.

[13] Lurker 1998, S. 119

[14] Strauss, Sp. 811; Goebs 2001, S. 321ff.

Abbildungen

[1] Alexander Nertz

[2] aus: Müller, Thiem 2001, S.29

Literatur

Auf, Eva (2001): „Ägyptische Königskronen und die Uräus-Schlange“, in: Sagenhafte Zeiten 2/2001, S. 8-12

Goebs, Katja (2001): „Crowns“, in: Redford, Donald B. – Hrsg. (2001): The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt. Bd.1. Oxford, S. 321-326

Lurker, Manfred (1998): Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter. Bern/ München/Wien

Müller, Hans-Wolfgang u. Thiem, Eberhard (2001): Die Schätze der Pharaonen. Augsburg

Nertz, Alexander (2003): „Single-Object-Theories?“, in: Mysteria3000 1/2003, S. 3

Ose, Rainer (2003): „Elektrizität im alten Ägypten?“, in: Sagenhafte Zeiten 3/2003, S. 8-11

Schneider, Thomas (2002): Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf

Strauss, Christiane: „Kronen“, in: Lexikon der Ägyptologie. Bd. 3, Sp. 811-816

Wainwright, G.W. (1923): „The red crown in early prehistoric times“, in: Journal of Egyptian Archaeology 9, S. 26-33