Herodot, der „Vater der Geschichtsschreibung“, erlaubt uns einen teils sehr persönlichen Einblick in die griechische Religiosität in der Mitte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts. Diese ist gekennzeichnet von Momenten der Skepsis wie auch des Glaubens, die nebeneinander her existieren. Es handelt sich um ein Phänomen der Dekadenz im Zuge des fortschreitenden Aufklärungsprozesses.

I. Einleitung

Herodot, der „Vater der Geschichtsschreibung“ [1], überliefert uns in den neun Büchern seiner Historien zahlreiche Hinweise auf seine Religiosität. Dies gestattet uns einen teils sehr persönlichen Einblick in das weltanschauliche Denken eines Menschen der griechischen Welt in der Mitte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts.

Herodot

Abb. 1: Herodot.

Dem Bild, das Herodot hier von sich selbst zeichnet, kann für die gebildete Schicht der damaligen Zeit durchaus ein repräsentativer Charakter zugebilligt werden, denn Herodot schrieb sein Werk offensichtlich für ein breiteres Publikum. Seine Bemühungen, seinen Lesern einen Text zu bieten, der ihren Geschmack trifft, sind offensichtlich. Die Verbreitung seines Werkes bei den gebildeten Schichten seiner Zeit ist vielfach belegt [2].

Im folgenden soll eine kurze Darstellung der Religiosität Herodots anhand seines Werkes gegeben werden, sowie eine bewusst knapp gehaltene Interpretation und Einordnung des Befundes. Weitergehende Schlüsse seien anderen vorbehalten.

II. Religionskritische Aspekte

Wenden wir uns zunächst den religionskritischen Aspekten bei Herodot zu. Der Grund dafür ist, dass die religionskritischen die religiösen Aspekte bei weitem überwiegen. Deshalb werden wir dem Wesen von Herodots Religiosität eher gerecht, wenn wir uns zunächst seine Skepsis betrachten.

Zweifel an den Quellen des Glaubens

Die stärkste religionskritische Aussage bei Herodot findet sich in seinem Ägypten-Logos:

„Ich habe aber nicht die Absicht, hier zu erzählen, was man mir von den Göttern erzählte, höchstens ihre Namen; denn ich glaube, von den Göttern wissen alle Menschen gleich wenig.“ [3]

Stärker lässt sich religiöse Skepsis kaum formulieren. Aus der bunten Fülle der gegensätzlichen Glaubensvorstellungen der Menschen, die Herodot auf seinen Reisen kennen lernte, destilliert sich für ihn letztlich eine unendliche Unwissenheit heraus [4]. Ja, mehr noch als Unwissenheit: Hinter der Ratlosigkeit schimmert deutlich der Zweifel hindurch, ob es denn überhaupt Götter gebe.

Aber die Skepsis Herodots beschränkt sich keinesfalls auf die Welt fern der Heimat. Mitten ins Zentrum der griechischen Religiosität führt uns sein Bericht: Das Orakel von Delphi selbst, zweifellos die angesehenste religiöse Autorität aller Griechen, habe sich auf höchst profane Weise korrumpieren lassen, indem es auf Wunsch der Alkmeoniden die Spartaner zur Befreiung Athens von der Tyrannis aufrief [5].

Die Pythia auf dem Dreifuß.

Abb. 2: Die Pythia auf dem Dreifuß.

Mit der Glaubwürdigkeit des Orakels von Delphi ist zumindest für einen Griechen letztlich die Glaubwürdigkeit einer jeden religiösen Autorität irreparabel beschädigt, und damit natürlich auch die Religion selbst.

Die Spartaner jedenfalls glaubten dem Orakelspruch zunächst und befreiten Athen. Als sie ihren Irrtum bemerkten, wollten sie die Befreiung rückgängig machen, teils aus religiösen, teils aus höchst eigennützigen Motiven [6]. Es ist kein Zufall, dass Herodot diesem religiös sicher korrekten Ansinnen eine flammende Rede gegen die Tyrannis und für die Freiheit entgegenstellt.

Darin wird an das natürliche Rechtsempfinden appelliert [7]: „Wenn Ihr es wirklich für recht und gut haltet, dass Tyrannen über die Städte herrschen, dann setzt doch zuerst über Euch selbst einen Tyrannen ein.“ Und am Ende findet sich sogar eine religiöse Bekräftigung: „Wir rufen die Götter Griechenlands bei unserer Warnung Euch zu Zeugen an: Gebt den Städten keine Tyrannen!“

Damit stellt Herodot die Religion in den Dienst seiner politischen Überzeugungen. Er unterwirft seine Religiosität seinem säkularen politischen Weltbild, ungeachtet dessen, was religiöse Quellen und Autoritäten zu sagen haben.

Die Bestechlichkeit des Orakels von Delphi kann nicht als ein „Ausrutscher“ wegdiskutiert werden: Herodot berichtet von einem weiteren Korruptionsfall [8]. Wieder einmal sind die Spartaner die Opfer des Betruges. Konkret geht es um die Klärung der Erbfolge der spartanischen Königswürde, d.h. eine Angelegenheit sowohl von höchst politischer als auch von höchst religiöser Natur, denn die Monarchie ist ihrer Natur nach stets eine eminent religiöse Staatsform.

Auch hier flog der Betrug auf, es ist sogar der Name der korrupten Pythia genannt: Perialla. Ihre Absetzung erinnert uns in fataler Weise an das Ritual des Rücktritts bzw. der Entlassung in der heutigen Politik, mit dem man Glaubwürdigkeit wieder herzustellen versucht. Da dabei nicht an die Wurzeln der jeweiligen Entgleisung gegangen wird, handelt es sich meist um ein erfolgloses Manöver. Am Ende wird die bedauernswerte Pythia Perialla nur ein Bauernopfer für die sie umgebende Priesterschaft gewesen sein, in der die wahren Übeltäter zu vermuten sind.

Aber selbst wenn ein Orakelspruch korrekt ergangen zu sein scheint, hört die Skepsis des Herodot nicht auf. In Bezug auf den berühmten Spruch des Orakels von Delphi über die „Mauern aus Holz“, mit denen sich Athen vor den Persern schützen solle, berichtet uns Herodot, dass die Orakeldeuter sich bei der Auslegung des Spruchs zunächst geirrt hätten [9]. Die richtige Deutung musste erst von Themistokles gegen die Orakeldeuter durchgesetzt werden.

Themistokles.

Abb. 3: Themistokles.

Damit ist das Orakelwesen in einem weiteren Punkt ad absurdum geführt worden: Was nützt ein göttlich ergangener Orakelspruch, wenn seine Deutung der menschlichen Fehlbarkeit unterliegt?

Aber nicht nur Orakelsprüche, auch heilige Schriften, so zeigt uns Herodot, verdienen wenig Glaubwürdigkeit. Onomakritos, Seher und Ordner der Sprüche des Musaios, sei einst dabei ertappt worden, wie er eine Weissagung in die Sammlung dieser Sprüche einschob [10].

Natürlich nützt es auch hier nichts, dass der Übeltäter sogleich vertrieben wurde. Der Schaden ist einmal angerichtet, und kann nie mehr repariert werden, denn einmal verlorenes Vertrauen kann nie wieder ganz hergestellt werden.

Religion als Ergebnis von Entwicklung begriffen

Herodot zeigt uns besonders in seinem Ägypten-Logos immer wieder, dass er Religion nicht als etwas ewiges und unveränderliches begreift. Vielmehr stellt er an vielen Stellen dar, wie sich Religion verändert und entwickelt hat. Damit ist natürlich dem Zweifel Tür und Tor geöffnet, denn ein Glaube, der heute so und morgen anders ist, zeigt sich als von Menschen gemacht und kann niemanden wirklich überzeugen.

Aus der Fülle der Beispiele seien nur einige herausgegriffen: Die Ägypter, so Herodot, seien die ersten von allen Menschen gewesen, die den Göttern Tempel, Altäre und Bilder errichtet hätten. Auch die Nennung von 12 Göttern gehe auf sie zurück. Ebenso hätten die Ägypter als erste heilige Feste, Umzüge und Opferdarbietungen veranstaltet. Die Griechen hätten das alles dann von ihnen übernommen [11].

Aber die ägyptische Religion ist auch in sich nicht unveränderlich. So berichtet Herodot, dass sich die Götterzahl einstmals von 8 auf 12 erhöht habe [12]. Vor den Menschen hätten in Ägypten zudem eine Reihe von Göttern geherrscht, einer nach dem anderen [13]. Sowohl die gegenseitige Ablösung der Götter in der Herrschaft als auch deren Verschwinden zu Beginn der Menschenherrschaft durchbrechen jedes Ewigkeits- und Absolutheitsempfinden.

Das Orakel von Dodona soll auf ägyptische Ursprünge zurückgehen [14]: Eine Orakelpriesterin aus Theben soll es gegründet haben, die in der Legende als „Taube“ beschrieben wird. Herodot belässt es nicht dabei, auch hier die Entwicklung von Religion aufzuzeigen, er versucht sich zudem an der Entmythologisierung der Legende: Die Priesterin sei wohl als „Taube“ bezeichnet worden, weil sie eine fremde Sprache sprach, die die Griechen an das Gurren einer Taube erinnert haben könnte.

Zeusheiligtum in Dodona.

Abb. 4: Zeusheiligtum in Dodona.

Als Urquellen der griechischen Religion nennt uns Herodot die beiden Dichter Homer und Hesiod, die nach seiner Einschätzung etwa 400 Jahre vor ihm gelebt hätten, keinesfalls mehr [15]. Diesen beiden verdanke sich der Stammbaum der Götter Griechenlands. Damit streicht Herodot noch einmal die Jugend der griechischen gegenüber der ägyptischen Religion heraus, die Herodot für viel tausende von Jahren alt hält [16].

Naturphilosophisches Weltbild

Herodot betrachtet die Welt völlig frei von religiösen Vorurteilen. Seine Welt ist gänzlich entmythologisiert, hinter allem werden nur vernünftige Ursachen vermutet, mythische Erklärungen dagegen in Frage gestellt.

Eine der wichtigsten Überlieferungen im Gesamtwerk der Historien des Herodot besteht in der Beschreibung einer Karte der ganzen ihm damals bekannten Welt [17]. Diese ist völlig frei von den üblichen mythologischen Vorstellungen der Griechen über die Welt, insbesondere ihre Ränder. Es finden sich nur real existierende Regionen und Völker, aber kein Garten der Hesperiden, kein himmelstragender Atlas oder ähnliches. Berichte von Fabelwesen und dergleichen werden im Gegenteil nur der Vollständigkeit halber wiedergegeben und dabei stets mit einem dicken Fragezeichen versehen [18].

Die Weltkarte nach Herodot (B.C. 450).

Abb. 5: Die Weltkarte nach Herodot (B.C. 450).

Herodot versucht sich auch als Astronom. So berichtet er über die Afrika-Umsegelung unter Pharao Necho und über den Umstand, dass die Schiffsbesatzung die Sonne dabei zeitweise im Norden gesehen habe [19]. Leider kann er diesen Bericht nicht als wahr annehmen, so dass ihm die Kugelgestalt der Erde noch verborgen bleibt. Von Indien glaubt er, die Sonneneinstrahlung sei dort morgens am stärksten, da dort die Sonne aufgehe [20].

Geologische Überlegungen stellt Herodot zu Ägypten an [21]. Er glaubt, dass das Land früher eine Meeresbucht war, in die der Nil neues Land angeschwemmt habe. Als Beleg führt er u.a. auch Muschelversteinerungen an, die er im ägyptischen Hinterland gefunden hat. Seine Überlegungen gehen soweit, eine Prognose über das weitere Schicksal Ägyptens im Zuge weiterer Anschwemmungen anzustellen.

III. Religiöse Aspekte

Explizite Glaubensbekenntnisse

Eine sehr interessante Erzählung Herodots widmet sich der Prüfung der Glaubwürdigkeit von Orakeln. Es ist der lydische König Krösus, der in einem quasi theologischen Experiment verschiedene Orakel nach etwas befragt, was nur er allein wissen kann [22]. Herodot berichtet uns, dass nur das Orakel von Delphi und das Orakel des Amphiaraos die Antwort auf die Frage des Krösus gewusst hätten.

Krösus auf dem ScheiterhaufenHerodot erzählt dies, ohne sich explizit von der Überzeugung des König Krösus, wahrhaftige Orakel gefunden zu haben, abzugrenzen. Allerdings formuliert er stets so, dass er die Meinung des Königs Krösus wiedergibt. Was Herodot selbst darüber denkt, bleibt uns, den Lesern, verborgen.

Die Orakelgläubigkeit des Krösus wird bald hart auf die Probe gestellt. Krösus befragte die Orakel als nächstes, ob er gegen die Perser zu Felde ziehen solle. Beide von ihm gewählten Orakel gaben ihm eine zweideutige Antwort: „Wenn Krösus gegen die Perser zieht, wird er ein großes Reich zerstören.“ [23] Dass damit nicht das Reich der Perser, sondern sein eigenes gemeint war, erkannte Krösus zu spät.

Krösus auf dem Scheiterhaufen.

Abb. 6: Krösus auf dem Scheiterhaufen.

Herodot baut also die genannten Orakelsprüche als wesentliche Motive in seine Erzählung ein; auf diese Weise akzeptiert er ihre Glaubwürdigkeit. Er enthält sich jedoch nicht eines Augenzwinkerns. Die genannten Sprüche der Orakel und ihre Konsequenzen entbehren in der Komposition Herodots ein wenig des Ernstes, den man im Zusammenhang mit religiösen Autoritäten erwarten könnte. Vielmehr scheint den Orakeln der Schalk im Nacken zu sitzen!

Die deutlichste Affirmation von Religion finden wir bei Herodot wiederum im Zusammenhang mit einem Orakelspruch, der den Sieg in der Seeschlacht von Salamis ankündigt:

„Den Göttersprüchen kann ich den Wahrheitsgehalt nicht absprechen. Ich will nicht erst versuchen, sie umzustoßen, da sie ganz unzweideutig sind. […] Auf solches hin, und wenn Bakis so deutliche Worte verkündet, wage ich nicht, über den Widerspruch mancher Weissagung zu reden, und kann es auch von anderen nicht ertragen.“ [24]

Herodot schiebt hier ganz bewusst seine Zweifel und seine Skepsis beiseite, um einem Orakelspruch Glauben schenken zu können, der seinem politischen Glauben bestens zupass kommt. Es ist für uns ganz klar zu erkennen: Herodot weiß im Grunde, dass er nicht glauben sollte, aber er will glauben! Er will seine politischen Überzeugungen mit einer nostalgischen, göttlichen, höheren Weihe verbrämt sehen, will sich in dem Gefühl ungestört wohlfühlen können, dass seine Überzeugungen, seine Mission, von numinosen Mächten getragen werden. Seine Sehnsucht besiegt seine Vorsicht vor dem Selbstbetrug, sie betäubt sein konsequentes Wahrheitsstreben, seine Leidenschaft zur Prüfung und Selbstprüfung.

Ein letzter Hinweis auf die Religiosität Herodots wurde im antiken Naukratis in Ägypten gefunden. Im dortigen Hellenion-Heiligtum brachten die Griechen Weihegeschenke dar, von denen sich Reste in Form von Scherben erhalten haben. Auf zwei dieser Scherben aus der Mitte des fünften Jahrhunderts hat sich die Inschrift „Herodotos“ als Name des Spenders gefunden [25]. Es ist gut möglich, dass diese Weihgeschenke von unserem Herodot dargebracht worden sind.

Herodot hätte den griechischen Heiligtümern somit eine zumindest kulturelle Akzeptanz entgegengebracht. Vielleicht glaubte er nicht an die Götter, aber Weihgeschenke brachte er dennoch dar, weil dies eben so Sitte war bei den Griechen. Zumal im ägyptischen Ausland, wo mit den griechischen Heiligtümern auch immer das Bekenntnis zur griechischen Nation verbunden war.

Selbstverständliche Akzeptanz von Religion

Herodot nimmt die religiösen Sitten und Gebräuche der Griechen seiner Zeit kommentarlos zur Kenntnis. Kulte und Orakel sind feste Bestandteile der von ihm gekannten Kultur. Sie werden nicht hinterfragt, nicht bezweifelt, nicht problematisiert.

Herodot kennt keine Kritik an der Religiosität der Massen oder der gebildeten Schichten. Die Teilnahme an kultischen Akten gilt ihm nicht als „intellektueller Verrat“. Auch der vielfach berichtete Sachverhalt, dass Politiker ihre Entscheidungen auf Orakelsprüche stützen, wird von Herodot nicht kritisiert [26]. Es findet sich keine Skepsis dahingehend, ob Politiker Orakelsprüche nicht grundsätzlich instrumentalisieren.

Herodot selbst ist auch kein „Aussteiger“aus der griechischen Religiosität, er ist nicht aus dieser Glaubensgemeinschaft „ausgetreten“. Herodot berichtet uns von keiner philosophischen Lehre, der er anstatt der griechischen Religion anhängt.

IV. Fazit

Wir haben gesehen, dass Herodot sehr widersprüchliche Haltungen zum Thema Religion einnimmt. Einerseits ist er Skeptiker, aber er verabschiedet sich nicht von der Religion und baut seine Skepsis nicht konsequent zu einer Alternative auf. Andererseits fühlt er sich in der Kultur der griechischen Religiosität wohl, ohne selbst gläubig zu sein. Gläubigkeit bis hin zum Selbstbetrug findet sich bei Herodot immer dann, wenn er damit seine nicht-religiösen, z.B. politischen Zielsetzungen begründen oder gar verbrämen kann.

Rationalitätsfeindlichkeit und Dekadenz

Damit weist Herodot die Symptome einer rationalitätsfeindlichen, dekadenten Haltung in Sachen Religion auf.

Rationalitätsfeindlich deshalb, weil er fortwährend einen Zwiespalt in seinem Geiste kultiviert, ohne diesen konsequent auflösen zu wollen, in welcher Form auch immer. Wie kann er die Widersprüche nur vor sich selbst vertreten, ohne übelste Verdrängungsleistungen, und ohne die Angst, aufgrund von unausgegorenen Anschauungen Fehlschlüsse zu ziehen? Kein strebender Mensch würde dabei stehen bleiben.

Es erweist sich somit, dass wir Herodot nur eine sehr bodenständige, praktische Skepsis zubilligen können. Ein kritischer oder gar philosophischer Kopf war Herodot sicher nicht.

Dekadent kann man die Haltung Herodots deshalb nennen, weil sie natürlich eine Erscheinung der fortschreitenden Aufklärung in der griechischen Kultur darstellt. Es handelt sich um das typische Phänomen des Abbaus von Teilen einer überkommenen Kultur, ohne dass dieser Abbau durch einen Aufbau einer Alternative begleitet würde. Der Mensch Herodot haust weltanschaulich in den Trümmern seiner alten Religion, ohne dies als einen Ausnahmezustand zu begreifen.

Es ist die Blütezeit der sophistischen Bewegung, die den Menschen pragmatische Cleverness, aber keine umfassende Klugheit predigte. Sokrates ist noch nicht auf den Plan getreten, der diesem Ungeist entgegentritt, und mit seiner „dialektiké techné“ einer umfassenden Konsequenz wieder zu ihrem Recht verhilft.

Unterstützt wird die Haltung Herodots natürlich auch durch den offenen Charakter der griechischen Religion. Es gab ja keine verfassten Kirchengemeinschaften und auch keine theologischen Lehrgebäude, die allein durch ihr Vorhandensein Abweichungen sofort sichtbar gemacht hätten. Tempel, Feste und Heiligtümer standen jedermann offen. Die Vielzahl der Götter bildete ein offenes System, in das variierende Glaubensvorstellungen relativ bruchlos integriert werden konnten.

Parallelen zu unserer Zeit

Die Parallelen zur Religiosität in der Welt der Gegenwart sind offenkundig. Dieselbe Rationalitätsfeindlichkeit, dieselbe Dekadenz auch heute.

Um Macht und Einfluss zu erhalten, haben sich die Kirchen längst auch für Menschen geöffnet, die ihre theologischen Lehrgebäude noch nicht einmal mehr kennen, geschweige denn glauben. Konsequente Christen sind marginalisiert und werden nur noch als Störenfriede wahrgenommen. Über sie wird verständnislos hinweggeschritten. Die Macht in den Kirchen ist längst an Menschen übergegangen, die seltsam diffusen, rational nicht mehr kontrollierten Glaubensvorstellungen anhängen. Nicht Zeitlosigkeit, sondern Mode bestimmt die Verkündigung der Kirchen.

Religiosität ist zum inhaltsleeren Ritual verkommen. An Weihnachten geht mancher noch in die Kirche, die Kinder wollen getauft, die Großeltern beerdigt sein, und eine Hochzeit in Weiß gilt für viele als Traumhochzeit. Akzeptanz wird religiösen Lehren nur noch in Form von moralischen Belehrungen für Kinder entgegengebracht, vorausgesetzt natürlich, sie stehen nicht im Widerspruch zum Geist der Zeit.

Auch Politiker präsentieren sich gerne als religiös oder sie sprechen der Religion zumindest eine konstruktive Rolle in der Gesellschaft zu. Was sie dabei jedoch unter Religion im Einzelnen verstehen, leitet sich eher aus ihren politischen Vorstellungen als aus irgendwelchen religiösen Quellen ab.

Die Gesellschaft stört sich an diesen Widersprüchen wenig. Sie scheint sich vielmehr gut in ihnen eingerichtet zu haben. Damals wie heute hat sophistisches Denken Hochkonjunktur.

Anmerkungen

[1] Cicero leg. I 1,5: „pater historiae“

[2] Feix 1995, S. 1293 ff.

[3] Herodot II 3.

[4] Vgl. dazu Herodot III 38: Herodot gibt Pindar darin recht, dass die Sitte aller Wesen König sei.

[5] Herodot V 63.

[6] Herodot V 90-91.

[7] Herodot V 92.

[8] Herodot VI 66.

[9] Herodot VII 143.

[10] Herodot VII 6.

[11] Herodot II 4 und 58.

[12] Herodot II 43.

[13] Herodot II 144.

[14] Herodot II 54-57.

[15] Herodot II 53.

[16] Herodot II 142.

[17] Herodot IV 36 ff.

[18] z.B. Herodot III 116 und IV 16.

[19] Herodot IV 42.

[20] Herodot III 104.

[21] Herodot II 10-13.

[22] Herodot I 46-49.

[23] Herodot I 53.

[24] Herodot VIII 77.

[25] Spiegelberg 1926, S. 13.

[26] z.B. Herodot V 63.

Abbildungen

[1] – [6] Archiv Mysteria3000

Verwendete Literatur

Feix, Josef – Hrsg. (1995): Herodot – Historien. griechisch-deutsch. 2 Bde. Sammlung Tusculum. Zürich: 5. Aufl.

Spiegelberg, Wilhelm (1926): „Die Glaubwürdigkeit von Herodots Bericht über Ägypten im Lichte der ägyptischen Denkmäler“, Vortrag gehalten in der 55. Versammlung der Philologen und Schulmänner in Erlangen, erschienen in der Reihe: Bergsträsser, G. und O. Regenbogen (1926): Orient und Antike 3. Carl Winters Universitäts-Buchhandlung. Heidelberg.