In Bolivien, auf der südlichen Seite des Titicaca-Sees, liegt eine Ruinenstätte, die schon seit langem die Phantasie von Archäologen und Grenzwissenschaftlern beflügelt: Tiahuanaco. Tiahuanaco soll tatsächlich 17.000 Jahre alt sein, Kulturvorläufer unbekannt – und die Mythen reden von weißen und bärtigen Kulturbringern mit blauen Augen. Was ist dran?

Einer der schlagenden Beweise der alternativen Archäologie generell stellt eine Ruinenstätte in Bolivien südlich des Titicacasees dar. Dieser Ort heißt Tiahuanaco, in internationaler Schreibweise wird es Tiwanaku genannt. Der deutsch-bolivianische Archäologe Arthur Posnansky datierte die Stätte auf 15.000 v. Chr. Sie entstand praktisch aus dem Nichts, so heißt es. Doch so viele ungelöste Fragen es auch geben mag – bei Tiahuanaco verstecken sich einige faule Eier als Rätsel getarnt.

Archäoastronomische Datierung …

Eines der größten Mysterien Tiahuanacos macht sein Alter aus. Vor allem für Graham Hancock war dies sehr faszinierend, weil es ganz einfach nicht in unser Geschichtsbild passt, wenn bereits um 15.000 v. Chr. eine Kultur mit ausgeklügelter Organisation ein solches Kultzentrum errichtete – und das ohne Vorläuferkultur, wie Hancock annimmt.

Die archäoastronomische Datierung um 15.000 v. Chr. baut darauf, dass der Zentralplatz Tiahuanacos, die Kalasasaya, ein Sonnenobservatorium war. Kalasasaya bedeutet in Aymara, der Sprache der Indios, „Platz der stehenden Steine“, eine passende Bezeichnung. [1] Der Hauptplatz ist leicht erhöht und besitzt eine rechteckige Form, ca. 130 m mal 120 m, und ist – wie der Name schon sagt – von aufrecht stehenden Monolithen „eingezäunt“. Außerdem ist er nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet. [2]

Östlich liegt der halbunterirdische Tempel, von dem eine Treppe mit einem Tor heraufführt. An den Tag- und Nachtgleichen geht die Sonne im Zentrum des Tores auf. [3] An der Westseite der Kalasasaya befindet sich eine 30 m messende Pfeilerreihe, mit der sich das Jahr einteilen ließ. [4] Von den ursprünglich elf Pfeilern fehlt einer.

Das Tor vom unterirdischen Tempel gesehen.
Abb. 1: Das Tor vom unterirdischen Tempel gesehen. (Quelle: Crystallinks)

Außer der Annahme, an der Ostseite ließen sich die Äquinoktien (Tag- und Nachtgleichen) erkennen, besteht auch die Möglichkeit, dass mit den Eckpfeilern die Sonnenaufgänge an den Sonnenwenden markiert wurden. Problematisch in dieser Hinsicht ist der Beobachtungspunkt. Je nach Aussichtspunkt verändert sich der Winkel zu den Visierpunkten und somit auch die potentiellen Aufgangspunkte der Sonne.

Hier ist die astronomische Ausrichtung der Kalasasaya dargestellt.
Abb. 2: Hier ist die astronomische Ausrichtung der Kalasasaya dargestellt. (Quelle: Drößler)

Am einfachsten ist es, den Mittelpunkt der westlichen Wand zu benutzen, wie es Posnansky und andere nach ihm getan haben. Das Problem war nun, dass die Sonne an den Wenden eben nicht über den Eckpfeilern aufging.

Posnansky behauptete, dass die Eckpfeiler früher einmal als Visierpunkte dienten, zu dem Zeitpunkt, als Tiahuanaco erbaut wurde. Heute gehe die Sonne an einem anderen Punkt auf. Seine Annahme gründet sich auf das Phänomen der Schiefe der Ekliptik. Sie ist der Winkel zwischen der Umlaufbahn der Erde zum Himmelsäquator und beträgt derzeit 23° 27′. [5] Sie pendelt in einem Rhythmus von 41 000 Jahren zwischen 21,1° uns 23,5°. [6] Die Schiefe der Ekliptik durch Beobachtungen an der Kalasasaya bestimmte er auf 23° 8′ 48“.

Die Schiefe der Ekliptik
Abb. 3: Die Schiefe der Ekliptik

Das würde bedeuten, dass die Kalasasaya um 15.000 v. Chr. erbaut worden ist! Oder, denken wir an das sog. Orion-Rätsel nach Bauval, zumindest nach einem Plan aus dieser Zeit gebaut wurde. Ein absolut unglaubliches Ergebnis!

Die frühesten Spuren menschlicher Aktivität gehen auf 12.000 v. Chr. zurück. [7] Die Pukara-Kultur – ein Vorläufer Tiahuanacos – datiert auf 1000 v. Chr. [8] Nach orthodoxer Meinung wurde in Tiahuanaco um 200 nach Chr. angefangen, zu bauen. [9] Daher vertrug sich Posnaksnys Datierung nicht mit den Vorstellungen anderer Wissenschaftler.

Allerdings blieb natürlich Posnanskys Datierung nicht einfach so stehen. Graham Hancock schreibt, dass „Wissenschaftler anderer Disziplinen“ [10] die Ergebnisse von Posnansky ausführlich prüften. Unter den Wissenschaftler waren: Dr. Hans Ludendorff, Leiter der Sternwarte Potsdam; Dr. Friedrich Becker, Specula Vaticanica; Prof. Arnold Kohlschütter, Universität Bonn sowie Dr. Rolf Müller, Astrophyikalisches Institut Potsdam. Sie alle stimmten grundsätzlich mit Posnansky überein, so Hancock.

Zecharia Sitchin beruft sich auch auf all diese Wissenschaftler und fügt hinzu, dass ein Zeitraum zwischen 9300 v. Chr. und 15.000 v. Chr. anzunehmen sei. Rolf Müller fuhr zusammen mit Posnansky mit seinen Forschungen fort und kam zum Ergebnis, die Kalasasaya sei zwischen 10.000 v. Chr. und 4000 / 4050 v. Chr. erbaut worden. [11] Drößler, der sich in bezug auf Tiahuanaco ausführlich auf Müller beruft, erwähnt in seinem Buch „Astronomie in Stein“ von einer solchen Datierung merkwürdigerweise nichts.

Die Forschungen wurden den besagten Autoren zufolge in den 20er und 30er Jahren durchgeführt. Wie Sitchin verlauten ließ, arbeitete Müller mit Posnansky zusammen. Offensichtlich überzeugte der Wissenschaftler aus Potsdam Posnansky nicht, denn der vertrat noch um 1976 das Alter Tiahuanacos mit 17.000 Jahren! [12]

Hancock verweist zudem auch darauf, dass ein moderner Archäoastronom, Neil Steede, mit Hilfe von Satellitenaufnahmen die Anlagen auf 10.000 v. Chr. datiert. [13] Er kam in der Fernsehsendung „Mysterious Origins of Man“ zu Wort. Um diese Sendung entwickelte sich eine rege Diskussion, die in zwei Artikeln nachzulesen ist. [14]

In jenen Artikeln wird auch ein Punkt angesprochen, zu dem ich keine weiteren Informationen fand. Die Eckpfeiler sollen heute gar nicht mehr zu sehen, sondern durch eine Mauer verdeckt sein. Steiger sieht hier einen der größten Kritikpunkte. Kann der Beobachter die Visierpunkte nicht wahrnehmen, ist auch die Kalasasaya als Observatorium für die Sonnenwenden dahin. Cote hingegen glaubt, dass das einer der besten Hinweise für a) die Kalasasaya als astronomisches Observatorium und b) die Datierung um 10.000 v. Chr. ist. Sieht man nämlich über die Ecken der neuen Mauer, kann man die Aufgänge der Sonne sehen, die heute aktuell sind. Das würde bedeuten, dass die Erbauer ihre Ausrichtung aktualisiert hätten. Im Moment kann ich mir hierzu kein Urteil erlauben.

Doch es gibt gute Gründe die Methode der archäoastronomischen Datierung im Falle Tiahuanacos schlichtweg abzulehnen! Um einen Ort durch astronomische Ausrichtung zu datieren, muss dieser in seinem ursprünglichen Zustand erhalten, Zerstörungen oder Veränderungen müssen präzise dokumentiert sein, um das originale Bild wiederherzustellen. All das ist bei Tiahuanaco nicht der Fall.

Zunächst zerstörten die Spanier eine Menge auf ihrer Suche nach Gold, so Bernabé Cobo. [15] Des Weiteren wurden Statuen und andere Objekte – auch größerer Natur – entfernt. Tiahuanaco selbst wurde ausgiebig als Steinbruch benutzt, sowohl für die nahegelegene Eisenbahn als auch für Häuser in La Paz selbst. [16] Sogar die Armee war an der Zerstörung beteiligt. Sie benutzte die Bauten als praktische Ziele für Schießübungen! [17]

Selbst vor größeren Erschütterungen, die eine Datierung anhand astronomischer Ausrichtung praktisch unmöglich machen, war das einstige Kultzentrum nicht gefeit: mit offizieller Genehmigung wurde Dynamit eingesetzt! [18] Last but not least – der Versuch Tiahuanaco zu rekonstruieren. In großem Maße wurde hier gepfuscht, um den Touristen ein lohnendes Ziel zu bieten. Einige Monolithen, die in größerem Abstand zueinander standen, wiesen an ihren Seiten haarscharfe – wie mit dem Lineal gezogene – Rillen und Abstufungen auf. Was macht man ? Man verbindet die Monolithen durch eine Mauer und verdeckt so die handwerklich meisterhaften Rillen! [19]

Diese Pfeiler standen früher alleine.
Abb. 4: Diese Pfeiler standen früher alleine. (Quelle: Martin Gray)

Man kann Tiahuanaco nicht mehr als einwandfrei erhalten hinstellen. Anhand einer astronomischen Ausrichtung ein konkretes Datum festzulegen, ist nichtssagend. Ein Kritiker umriss dieses Vorgehen etwas übertrieben mit: „Garbage in, Garbage out“. [20]

Ich möchte darauf hinweisen, dass der Archäoastronom Edwin C. Krupp in seiner Kritik an Erich von Däniken auch Tiahuanaco erwähnt. [21] Bedauerlicherweise geht Krupp nicht auf die Datierung Posnanskys ein, sondern wirft Däniken vielmehr die Unverlässlichkeit seiner Quellen vor.

… oder doch besser C-14?

Es ist offensichtlich so, dass man die Anlagen in Tiahuanaco nicht durch astronomische Ausrichtungen datieren kann. Was einem bleibt, ist die sog. Radiokarbondatierung, mit der man das Alter organischen Materials bestimmen kann.

In den Ruinen wurden 29 Proben organischen Materials entnommen und datiert. Die Ergebnisse kann man unter der folgenden Adresse einsehen:

http://www.uw.edu.pl/uw/andy/andydb.htm

Speziell zu Tiahuanaco:

http://www.uw.edu.pl/uw/andy/BOLIVIA.HTM#BoT

Hier eine Liste der Daten mit Angaben spezieller Daten wie die Tiefe, in der die Proben entnommen wurden: [22]

  1. Gak-194 (kalasasaya , layer 6, Epoch I), 3530 ±120 BP (ca. 1530 BC)
  2. Gak-195 (Kalasasaya, layer 5, Epoch II), 1750 ±100 BP (ca. AD 250)
  3. B-488 (Kalasasaya, level 7 (-255cm)), 2400 ±200 BP (ca. 400 BC)
  4. B-489 (Kalasasaya, level 7 (-270 BC)), 2530 ±200 BP (ca. 530 BC)
  5. B-490 (Kalasasaya, level 6, layer 4), 2100 ±120 BP (ca. 100 BC)
  6. ETH-5639 (Akapana), 1090 ±60 BP (ca. AD 910)
  7. ETH-5640 (Akapana), 1090 ±85 BP (ca. AD 910)
  8. Gak-51 (Kalasasaya, layer 3), 630 ±110 BP (ca. AD 1370)
  9. Gak-52 (Kalasasaya, layer 6), 2190 ±130 BP (ca. 190 BC)
  10. Gak-53 (Kalasasaya, layer 6), 2410 ±140 BP (ca. 410 BC)
  11. Gak-192 (Kalasasaya, upper part of layer 7, Epoch I), 1990 ±110 BP (ca. AD 10)
  12. Gak-193 (Kalasasaya, lower part of layer 7, Epoch I), 1850 ±90 BP (ca. AD 150)
  13. Hv-17 (Kalasasaya, 50 cm depth on platform), 240 ±80 BP (ca. AD 1760)
  14. Hv-18 (Kalasasaya, 175 cm depth on platform), 1630 ±130 BP (ca. AD 370)
  15. Hv-19 (Kalasasaya, 180 cm depth on platform), 1645 ±80 BP (ca. AD 355)
  16. INAH-972 (Akapana), 1120 ±140 (ca. AD 980)
  17. P-119 (Tiwanaku, level 8, 2.3 – 2.85 m down), 1460 ±200 BP (ca. AD 540)
  18. P-120 (Tiwanaku, level 9, 2.0-2.25m down), 1702 ±103 BP (ca. AD 308)
  19. P-120A (Tiwanaku, levels 8-10, 1.75 to 2.5 m down), 1226 ±100 BP (ca. AD 774)
  20. P-121 (Tiwanaku, levels 6 and 7, 1.25-1.75 m down, associated with classic Tiwanaku pottery),1423 ±175 BP (ca. AD 577)
  21. P-123 (Tiwanaku, level 15, 3.5 to 3.75 m down; digging continued for 4.74m below with no pottery blow 4m), 1817 ±103 BP (ca. AD 183)
  22. P-146 (Tiwanaku, level 1 0.0-0.75 m down), 949 ±98 BP (ca. AD 1151)
  23. P-147 (Tiwanaku, levels 6 and 7, 1.8-2.3 m down), 1576 ±104 BP (ca. AD 424)
  24. P-149 (Tiwanaku, level 12, 2.75-3.0 m down), 1701 ±93 BP (ca. AD 299)
  25. P-150 (Tiwanaku, levels 14, 3.25-3.5 m down), 1692 ±104 BP (ca. AD 308)
  26. P-531 (Kalasasaya, 85-100 cm deep), 295 ±192 BP (ca. AD 1705)
  27. P-532 (Kalasasaya, 3.64 m down), 1653 ±61 BP (ca. AD 447)
  28. P-533 (Kalasasaya, 1.1-1.35 m down), 778 ±133 BP (ca. AD 1222)
  29. P-532 (Kalasasaya, 2.15-2.17 m down), 1866 ±62 BP (ca. AD 234)

Um diese Proben und ihre Aussagekraft entstand eine größere Diskussion zwischen Graham Hancock [23] und seinem Sohn Sean Hancock [24] auf der einen und Dr. Garret G. Fagan [25] auf der anderen Seite. Erstere vertraten die LC (Lost Civilisation – eine unbekannte frühe Hochkultur), Fagan versuchte darzulegen, dass die bisherigen Untersuchungen der Archäologen mit ihren Theorien korrekt sind.

Sean Hancock schrieb einen längeren Artikel, um zu zeigen, dass die C-14 Proben nicht wasserdicht sind. Er lenkte seine Aufmerksamkeit vor allem auf zwei Proben. Hv-17 wurde auf 1760 nach Chr. datiert, was absolut aus dem Rahmen fällt. Er war sich nicht sicher, woher das Material stammt. Es hat sich aber herausgestellt, dass es nur unter der Oberfläche gefunden wurde und nichts mit der Tiahuanaco-Kultur zu tun hat.

S. Hancock beruft sich auch auf Gak-194 (1530 v. Chr.) und Gak-52 (190 v. Chr.). Beide stammen aus der gleichen Schicht, aber beide anscheinend aus einer völlig verschiedenen Zeit. Allerdings kann man – im Vergleich mit den anderen Daten – davon ausgehen bzw. annehmen, dass die ältere Probe „verdorben“ ist. Aufgrund der Probleme mit dieser Datierungsmethode, die S. Hancock selbst erwähnt, scheint dies nicht unbedingt verwunderlich.

Insgesamt fallen also nur zwei Daten aus dem Rahmen, wobei diese beiden durchaus erklärt werden können. Die Proben und deren Alter seien in sich schlüssig, so Dr. Fagan.

Interessant sind auch Graham Hancocks Ausführungen zu den C-14 Datierungen in Tiahuanaco. Auf seiner Homepage ist die Transkription eines Interviews nachzulesen, in dem er sich zu diesem Themenkomplex äußert:

http://www.grahamhancock.com/horizon/bsc-press\_release.htm#appendix

In diesem Interview kann man einige kuriose Statements nachlesen. Ich werde einige davon präsentieren. Hancock sagt z. B. folgendes:

„Es ist mir zu hoch, dass man Steine mit Radiokarbon datieren kann.“

Tatsächlich kann man das nicht! Aber wenn man einen Stein datieren würde, kämen geologische Zahlen heraus – den Archäologen interessiert dies nicht. Für ihn ist etwas ganz anderes interessant, nämlich wann der Stein an seinen heutigen Platz gelangte. Sehen wir uns in diesem Zusammenhang folgende Aussage Hancocks an:

„Wenn wir unter einen Stein sehen und darunter organisches Material finden, können wir sagen, dass der Block zu einem bestimmten Zeitpunkt auf das organische Material plaziert wurde – was nicht die Möglichkeit ausschließt, dass der Block mehrere Male an anderer Stelle bewegt wurde …“

Was will Hancock damit sagen? Man findet unter einem Stein also datierbares Material; das heißt, dass der Stein zu keinem früheren Zeitpunkt darauf gesetzt worden sein kann. Das wiederum bedeutet, auch wenn es trivial erscheinen mag, dass zu dieser Zeit irgendein Volk die Leistung vollbracht hat, den Stein zu transportieren. Und genau das ist es doch, was interessiert: wann wurde der Stein bearbeitet, wann wurde er transportiert. Ob der Stein davor auch schon eine kleine Odyssee hinter sich hatte, ist eine Möglichkeit, mehr aber auch nicht. Hancock zumindest macht keine Anstalten, irgendwie konkreter zu werden. So bleibt diese Aussage unbelegt – und somit wertlos – im Raum stehen.

Dr. Fagan hat wie gesagt eine ausführliche Stellungnahme zu diesem Interview verfasst. Auch Graham Hancock blieb nicht untätig und schrieb eine Entgegnung auf Fagan. Einiges an diesem Artikel scheint nicht korrekt oder schlüssig zu sein. Hancock redet von Fluten und von kataklysmischen Vorgängen nach der letzten Eiszeit. Er meint, dass von den Bewohnern und ihren Besitztümern relativ wenig übrig geblieben wäre, während die Megalithen die Katastrophen eher überstanden hätten. Interessant dabei diese Aussage:

„Mit einem solchen Szenario [Fluten etc., SB] im Hinterkopf, und in Erinnerung daran, dass die Stätte wiederholt geplündert und auch [Steine] von Menschen und der Natur neu gesetzt wurden …“

Wenn Fluten über Tiahuanaco hinweggingen, Menschen die Bauten immer wieder veränderten – wie will man da eine exakte Ausrichtung erkennen können? Hancock arbeitet immer nur einen kleinen Teil seiner Theorien aus. Mit dieser seiner Erklärung, warum man keine Hinterlassenschaften früherer Kulturen findet, macht er sich sein bestes Indiz für ein höheres Alter zunichte.

Auch beruft er sich auf den Archäologen Dr. Oswald Rivera, der glaubt, dass man bald das ursprüngliche Tiahuanaco finden werde, das 12.000 Jahre alt ist. [26] Dr. Fagan antwortet beiden, dass Tiahuanaco auf einer jungfräulichen Schicht steht, die hunderttausende von Jahren alt ist. Bedeutet das also, dass auch Tiahuanaco so alt ist?

Insgesamt scheinen die Behauptungen von Hancock oder auch Rivera nicht unbedingt überzeugend. So lange nicht andere Argumente auf den Tisch gelegt werden, sollte man auf die C-14 Datierungen zurückgreifen.

Viracocha und der Mythos Tiahuanaco

Hancock verwendet Mythologien, um seine Theorie zu untermauern. Natürlich bleibt auch der Schöpfergott Viracocha nicht verschont. Thunupa, eine Variation Viracochas, war ein hellhäutiger, bärtiger und blauäugiger Mann [27], was nicht bedeuten soll, er wäre naiv gewesen. In der deen Ausgabe von „Die Spur der Götter“ steht nur „hellhäutig, von erhabener Ausstrahlung, nüchtern …“, in der englischen Version liest man allerdings tatsächlich von ersteren Eigenschaften. [28] Ich vermute, den deen Übersetzern kamen Erinnerungen an gewisse Idealvorstellungen aus einer dunklen Epoche der deen Geschichte. Nichts desto trotz benutzt Hancock die Attribute „hellhäutig, blauäugig und bärtig“, um zu beweisen, dass Viracocha nicht indianischer Herkunft war.

Allerdings kann man Hancock die ein oder andere Manipulation seiner Quellen nachweisen. So zitiert Hancock aus dem Buch „South American Mythology“ von Harold Osborne nur selektiv. Er lässt verschiedene Aspekte der Person Thunupas aus, ohne darauf hinzuweisen. Das wäre noch zu verschmerzen. Eine klare Verfälschung hingegen liegt vor, wenn Hancock Osborne zitiert:

„Thunupa erschien vor Urzeiten auf dem Altiplano. Er kam aus dem Norden in Begleitung von fünf Jüngern. Er war hellhäutig, von erhabener Ausstrahlung, nüchtern, puritanisch und predigte gegen Trunksucht, Vielweiberei und Krieg.“ [29]

Bei Osborne lesen wir folgendes:

„Thunupa erschien vor langer Zeit auf dem Altiplano und kam von Norden mit fünf Jüngern. Er war ein Mann von erhabener Ausstrahlung, blauäugig, bärtig, ohne Kopfbedeckung und trug einen cusma, ein Jerki oder ein ärmelloses Hemd, das bis auf den Boden reichte. Er war nüchtern, puritanisch und predigte gegen Trunkenheit, Vielweiberei und Krieg.“ [30] (Hervorhebung durch SB)

Die Hervorhebungen sollen anzeigen, welche Stellen Hancock zitiert und welche er ausgelassen hat. Interessant ist allemal, dass das Wort „hellhäutig“ bei Osborne nicht einmal vorkommt! Osborne führt einen Teil der Geschichte auf spanisch-christliche Einflüsse zurück – Hancocks Leser erfahren hierüber nichts! Dass Thunupa gar ein hölzernes Kreuz auf seinem Rücken trug, bleibt dem Leser auch verborgen.

Eines der größten Probleme bei Figuren wir Viracocha oder auch Quetzalcoatl ist die Verfälschung durch spanische Missionare, welche die Heroen der Eingeborenen ihren eigenen Vorstellungen anpassten und damit für ihre Zwecke nutzten. [31]

Sagen von einem Viracocha, der durch die Anden wandert und dabei Wunderheilungen vollbringt, sind wohl doch auf katholische Heilige zurück zu führen. Der Schöpfergott wird sogar mit dem Heiligen Thomas identifiziert. [32] Der „christianisierte T[h]unupa“ [33] wurde aber nicht nur mit dem Heiligen Thomas identifiziert, sondern mutierte später sogar zu Jesus Christus selbst! Auf diese Weise wurden die ursprünglichen Erzählungen arg verfälscht, wodurch eine Interpretation schwer fällt. Evan Hadingham [34], ein britisch-amerikanischer Archäologe, vertritt die Meinung, dass Viracocha nicht nur den profanen Schöpfergott darstellen würde. Er sei neben dieser Funktion auch noch die Sonne selbst, was dem von Experten immer wieder hervorgehobenen Dualismus des damaligen Denkens entsprechen würde. So wäre die helle Erscheinung das Licht der Sonne und sein Bart würde die Strahlen unseres hellsten Gestirns verkörpern. Über dies hinaus meint Kolata [35], die Krone Viracochas auf dem Sonnentor sei aus den Sonnenstrahlen gebildet.

Aber bei der Gleichstellung der Gottheit Viracocha mit der Sonne habe ich Probleme. Viracocha selbst soll die Sonne erschaffen haben, sagt der von Calancha aufgeschriebene Mythos. [36] Wie kann er dann mit ihr identisch sein? Das Problem besteht darin, dass verschiedene Versionen von Viracocha existieren. Wenn also Calanchas Version nicht „authentisch“ ist, könnte auch Hadinghams Interpretation „korrekt“ sein.

Hancock aber sucht sich jene Versionen heraus, die in sein Konzept passen. Und die Aspekte, die nicht mit seinen Vorstellungen korrelieren, werden unter den Teppich gekehrt. Nicht nur hier hat Hancock verfälscht. In „Die Spur der Götter“ [37] schreibt er folgendes:

„Sie [die Sprache der Aymara, SB] gilt als die älteste der Welt.“

Dabei verweist er auf Evan Hadingham und sein Buch „Lines to the Mountain Gods“ auf S. 34. Und tatsächlich finden wir dort etwas zur Sprache der Aymara:

„1875 behauptete ein berühmter Linguist, Villamil de Rada, die Aymara-Sprache Boliviens sei die früheste menschliche Sprache; mit der Folgerung, dass Tiahuanaco dafür die älteste Stadt der Welt sei.“ [38]

Hancock weist nicht darauf hin, dass dies eine Spekulation aus dem 19. Jahrhundert ist und dass Hadingham dieser überhaupt nicht positiv gegenüber steht.

Kultur ohne Vorläufer?

Hans Schindler ist wie viele davon überzeugt, dass Tiahuanaco keine Wurzeln auf der Erde habe. [39] Allein die Formulierung ist klug gewählt – wenn nicht irdisch, dann eben außerirdisch! Doch ist schon die Feststellung an sich in Frage zu stellen.

Tiahuanacos Architektur wird von der Akapana, einer siebenstufigen Pyramide in der Form eines T’s, beherrscht. Auf ihrer Spitze findet sich ein eingelassener „Hof“ (siehe Abb. 5), zu dem an den Ost- und Westenden Treppen hinaufführen. Ist diese Architektur wirklich so einmalig?

Idealisierte Darstellung der Akapana von Nord-Osten.
Abb. 5: Idealisierte Darstellung der Akapana von Nord-Osten. (Quelle: Kolata 1993, Figure 5.5b)

Stufenpyramiden oder mounds gab es schon in Caral. Die Entdeckungen in Caral, gelegen im Supe-Valley, sind recht aktuell. Im April 2001 wurden Tragenetze per Radiokarbon auf ca. 2600 v. Chr. datiert, was als sensationelles Ergebnis gelten muss. Dort befinden sich sechs mounds, deren größter bezeichnenderweise „Großer Tempel“ genannt wird. [41]

In Cerro Sechín, das man der Casma-Kultur – einem Nachfolger Carals – zuordnet, erbaute man um 1500 v. Chr. eine Dreistufenpyramide. [41] Aus dem ersten Jahrtausend v. Chr. stammt eine großflächige, aber niedrige Pyramide in Kuntur Wasi. Auf ihrer Spitze gibt es einen versenkten Hof – wie bei der Akapana. [42]

Eine Kultur, die aus dem Gebiet Tiahuanacos stammt, erstellte um 500 – 100 v. Chr. einen versenkten Hof auf einem natürlichen Erdhügel. [43] Diese Kultur wird Chriripa genannt und hatte noch vor Tiahuanaco Bestand.

Ähnlich verhält es sich mit der Pukara-Kultur, die als direkte Vorläuferkultur Tiahuanacos gilt. Diese Kultur hielt es auch mit versenkten Höfen – dieses Mal lag dieser aber auf einer künstlich angelegten Terrasse. [44] Man sieht, dass gewisse Architekturstile vor Tiahuanaco der Akapana immer ähnlicher wurden.

Auch Zecharia Sitchin hat sich mit der Akapana befasst. Ihn interessierte vor allem das hochentwickelte Wasserleitungssystem innerhalb der Akapana. Er glaubt nämlich, dass diese Leitungen und die Akapana überhaupt der Verarbeitung von Kupfer diente [47], von dem übrigens seit 1200 v. Chr. bekannt war, wie man es schmolz. [46] In seiner Meinung wird er dadurch bestärkt, dass Steine dort grün wurden. Er führt dies auf die Oxydation von Kupfer zurück.

Kolata hingegen bietet eine andere Erklärung. Er schreibt, dass man die Akapana mit grünem Kies überdeckte, was Sitchin nicht erwähnt. Warum investierte man soviel Arbeit und überdeckte die Akapana und somit auch die sauber überarbeiteten Steine? Der Archäologe sieht die Akapana als Berg, als Heiligen Berg [47], wie man sie auch in der Umgebung findet.

Doch nicht nur dass die Akapana oberflächlich einem Berg ähnelte, auch in ihrem Inneren soll sie einen Berg nachahmen. Durch das System von Wasserleitungen auf verschiedenen Ebenen erklang ein Rauschen. Eben dieses Rauschen hörte man auch, wenn der Schnee auf den Bergen schmolz oder es regnete und danach das Wasser ins Tal floss. Sowohl die grobe Form, sondern auch die Geräusche der Akapana ließen die Pyramide einem Berg ähneln.

Aber dieses Phänomen lässt sich nicht nur mit Kupferverarbeitung oder der Imitation eines Berges erklären – auch dieses Architekturelement hat einen Vorläufer. Durch Tempel von Chavin de Huantar floss ebenfalls Wasser! [48]

Schlussfolgerungen

Zusammenfassend ergeben sich mehrere Punkte. Zunächst lässt sich feststellen, dass die Forschungen eines Arthur Posnansky Datierungen betreffend überholt sind. Sein Verfahren der astronomischen Fixierung eines Alters lässt sich nicht auf Tiahuanaco anwenden – sie ist in diesem Falle sogar denkbar ungeeignet.

Aus diesem Grunde muss man auf andere Methoden zurückgreifen. Bei einem Volke, das keine Schrift besaß und deswegen auch keine Jahreszahlen über Herrscherdynastien o. ä. hinterließ, bietet sich die Radiokarbondatierung an. Anhand von 29 organischen Proben – nur diese können bestimmt werden – legte man die früheste Besiedlung auf ungefähr 1500 v. Chr. Die Gegenargumente von Autoren wie z. B. Hancock sind nicht recht überzeugend.

Dass Hancock Mythen um Viracocha/Thunupa heranzieht ist legitim, wie er es tut, weniger. Zum einen zitiert Hancock selektiv und zum anderen verschwinden bestimmte Aspekte der mythischen Gestalten bei Hancocks Ausführungen.

Selbst die Behauptung, Tiahuanaco wäre „einfach so da“, ist nicht korrekt. Mit Hilfe von Architekturvergleichen kann aufgezeigt werden, dass sich bestimmte Elemente durch die Geschichte verfolgen lassen.

Tiahuanaco ist also weder so einzigartig noch so rätselhaft wie oft behauptet. Einiges lässt sich auch ohne Außerirdische oder einen wie auch immer gearteter Einfluss von Atlantis erklären! In dieser Arbeit wurden allerdings nicht alle Aspekte dieses interessanten Ortes besprochen. Diese bieten Stoff für weitere Untersuchungen.

Anmerkungen

[1] Kolata 1996, S. 66

[2] Kolata 1993, S. 143

[3] Kolata 1993, S. 66

[4] Drößler o.J., S. 155

[5] nach Brockhaus

[6] nach Hancock 2000, S. 88

[7] Kolata 1993, S. 56

[8] Hagen/Morris 1998, S. 118

[9] ebd.

[10] Hancock 2000, S. 88

[11] Sitchin 1982, 293f.

[12] Homet 1976, S. 108

[13] Hancock 1998, S. 305

[14] vgl. Steiger o.J.; Cote o.J.

[15] nach Morrison 1998, S. 178

[16] Drößler o.J., S. 152

[17] Däniken 1983, S. 224

[18] Fiebag 1999, S. 162

[19] Däniken, in: Däniken 1992, S. 257ff.

[20] Heinrich o.J.

[21] Krupp o.J., S. 170

[22] Nach Fagan, Answer to Graham Hancock, s. u.

[23] Hancock, Position Statement

[24] S. Hancock

[25] Fagan: An Answer to Graham Hancock , Analysis of Hancock’s „Position Statement on C-14 Dating“

[26] Hancock 1998, S. 305 f

[27] Hancock 2000, S. 76

[28] nach Edlin

[29] Hancock 2000, S. 76

[30] Osborne, S. 84

[31] Zu diesem Punkt siehe ausführlich Reece

[32] Osborne, S. 84

[33] Abercrombie, S. 212

[34] S. 34 f

[35] 1996, S. 66

[36] nach Kolata 1996, S. 68

[37] ebd., S.100

[38] Hadingham: S. 34

[39] Schindler, in: Fiebag 1995, S. 234

[40] vgl. GEO 12/2001, S. 107

[41] Hagen/Morris 1998, S. 56

[42] Hagen/Morris 1998, S. 78ff

[43] Kolata 1993, S. 64

[44] Kolata 1993, S. 70

[45] Sitchin 1982, S. 295f.

[46] Kolata 1993, S. 61

[47] Zur Begründung der Annahme Akapana = Heiliger Berg siehe Kolata 1993, S. 111ff.

[48] Hagen/Morris 1998, S. 120

Literatur

Abercrombie, Thomas A. (1998): Pathways of Memory and Power. Madison

Coe, Michael D. (1986): Amerika vor Kolumbus. München

Cote, Bill H. (o.J.): Reply to a „Review“ of the NBC Television Show ‚The Mysterious Origins of Man‘

Däniken, Erich von (1996): Botschaften und Zeichen aus dem Universum. München

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