Im Jahre 1953 veröffentlichte die amerikanische Zeitschrift „Doubt“ einen Artikel von Boris de Rachewiltz. Inhalt des Artikels war eine Übersetzung eines Abschnitts der Reichsannalen des Pharaos Thutmosis III., die Rachewiltz aus dem Nachlass des Professors Tulli erhalten und übersetzt haben will.

Da Rachewiltz vermutete, dass der Papyrus eine UFO-Sichtung beschreibe, wurde der Text vor allem in UFO-Büchern und prä-astronautischen Werken zitiert. Ägyptologen nahmen ihn nicht zur Kenntnis – und wenn, dann allenfalls, um ihn ohne nähere Begründung als Fälschung zu bezeichnen.

Vor Jahren habe ich eine Reihe von Artikeln in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht – unter anderem im Jahrbuch ‚Fortean Studies‘, im Magazin ‚Journal für UFO-Forschung‘ und als Internet-Sonderband des ‚UFO-Studenten‘, in denen ich den so genannten Tulli-Papyrus einer Prüfung unterzog.

Das Schriftstück, so Boris de Rachewiltz; sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kairo entdeckt und von dem französischen Ägyptologen E. Drioton übersetzt worden. Es beschreibt ein merkwürdiges „Sonnenwunder“, bei dem zu Zeiten des Pharaos Thutmoses III. eine Art Scheibe gesehen wurde, die eine Gestank ausstrahlte, und dann viele solcher Scheiben.

Die Beschreibung ist relativ vage, und von UFOs bis zu Nebensonne hat man viel in den Text hineingeheimnist – wenn man ihn denn überhaupt für echt hielt:

„… im 22. Regierungsjahr, 3. Monat des Winters, 6. Stunde des Tages … sahen die Schreiber des Hauses des Lebens diesen Feuerkreis, als er gerade vom Himmel kam. Er hatte keinen Kopf; der Hauch seines Mundes war übler Geruch. Sein Körper 52,30 Meter lang und breit. Er sprach nicht. Ihre Herzen kamen heraus, indem sie … Sie legten sich auf ihre Bäuche. (Und sie gingen) um es zu melden. Seine Majestät befahl … (zu) erforschen … die Schriftrollen des Hauses des Lebens. Diese Seine Majestät dachte nach über die Gestalten. Dann, nachdem einige Tage vergangen waren nach diesem: Eine große Zahl von ihnen, mehr als jede andere Sache, am Himmel, wie Re (selbst) erschienen sie, bis zur Grenze der Stützen des Himmels … reich war die Menge der Feuerkreise und die Truppen des Königs sahen (es). Seine Majestät war in ihrer Mitte zur Zeit des Abendmahls. Und sie stiegen auf nach Süden. Fische und Vögel aber, sie fielen vom Himmel. Dieses Wunder aber war nicht geschehen seit der Gründung des Landes. Seine Majestät aber veranlasste, dass Weihrauch gebracht wurde, um das Herz des Amun-Re, des Herrn der Throne der beiden Länder, zu besänftigen, damit … seine Majestät befahl (aufzuschreiben) das Geschehene für das Haus des Lebens … (in) Ewigkeit.“

In meinen Arbeiten zeigte ich die vielen Punkte auf, die für eine Echtheit des Textes sprachen (der Papyrus selbst existiert nicht, es gibt nur die Veröffentlichung einer Abschrift), und all jene Punkte, die dafür sprachen, dass es sich um eine Fälschung handelt.

Nach langer und eingehender Untersuchung ging ich davon aus, dass sich die Indizien für die Echtheit und für die Fälschung die Waage hielten – es war nicht zu entscheiden, ob die Gläubigen oder die Skeptiker Recht hatten. Ich entschied mich – mit Begründung – dafür, den Papyrus-Text für echt zu halten, obwohl ich wusste, dass es schwerwiegende Gründe gab, die gegen diese Ansicht sprachen. Aber die positiven Argumente überwogen.

Markus Pössel, der Autor des ausgezeichneten Buchs ‚Phantastische Wissenschaft‘, las einen meiner Artikel und teilte mir kurz und knapp mit, dass ich mich irrte. Der Papyrus war eine Fälschung, und er konnte es belegen. Er sandte mir eine ausführliche Begründung seiner Ansicht, und ich musste einsehen, dass er Recht hatte: Der Papyrus-Text ist definitiv eine Fälschung.

Ich wollte aber Pössel nicht vorgreifen und seine eigene Publikation abwarten, bevor ich mit dem Eingeständnis meines Irrtums an die Öffentlichkeit ging.

Pössel ist bis heute nicht dazu gekommen, aber ein italienisches Internet-Magazin, antikitera.net, hat unabhängig von ihm dieselbe Entdeckung gemacht und sie mittlerweile veröffentlicht, so dass ich das gleichfalls tun kann. Der italienische Text stammt von Marcello Garbagnati:“Svelato il misterio del ‚Papiro di Tulli'“.

Wie Markus Pössel hat Garbagnati entdeckt, dass jeder Satz, jedes Wort (und die Ägypter schrieben normalerweise sehr variantenreich) exakt auch in dem bekanntesten Einführungsbuch in die altägyptische Sprache und Rechtschreibung zu finden ist, Alan Gardiners Klassiker ‚Egyptian Grammer‘, 1926 erstmal erschienen, aber 1950 und später erneut aufgelegt.

Die folgende Tabelle vergleicht die Zeilen der hieroglyphischen Transkription des Tulli-Papyrus mit wortwörtlich identischen Beispielsätzen aus Gardiners ‚Grammatik‘:

Zeile 1 – § 115
Zeile 2 – § 316
Zeile 3 – § 299, § 211
Zeile 4 – § 327, § 145
Zeile 5 – S. 90
Zeile 6 – § 323
Zeile 7 – § 120, § 158, § 392
Zeile 8 – § 121
Zeile 9 – § 155

Zeile 10 ist die Einzige, die nicht aus Gardiner stammt – und die einzige mit einem groben Rechtschreibfehler: Hier steht das diakritische (Bedeutungs-)Zeichen für „Gott“ vor dem Wort Ra, statt dahinter.

In seinem unveröffentlichten Text weist Pössel auf ähnlich schwer wiegende Fehler hin: So beginnt der erste Satz, die Datumsangabe, mit dem Buchstaben „m“. Das m aber zeigt normal einen Nebensatz an, es kann nicht am Anfang eines Textes, wie eben beim Tulli-Papyrus stehen. Tatsächlich steht bei Gardiner (S. 203, Zeile 9) eine Datumsangabe (die der Tulli-Text kopiert), doch diese stammt aus einem Nebensatz, nicht aus einem Satzbeginn.

So schön es gewesen wäre – und so viele Worte ich auch darauf verwendet hatte -, dass der Tulli-Papyrus echt ist, zeigt sich, dass es sich um eine, wenn auch raffiniert einfach gemachte Fälschung handelt.

Wer hat den Text gefälscht? Der Erstveröffentlicher, Boris de Rachewiltz? Er war Mitglied der Fortianischen Gesellschaft und als Scherzbold bekannt.

Oder hat de Rachewiltz den Text in gutem Glauben veröffentlicht?

In meinen Beiträgen zum Tulli-Papyrus hatte ich vermutet, dass der Text – sollte er gefälscht sein – weniger mit UFOs zu tun hatte (wie er später gelesen und so auch von Erich von Däniken oder Robert Charroux angeführt wurde), sondern eine Parodie auf Velikovsky war, dessen Interpretation der biblischen Exodus-Geschichte er stützt.

Es wäre nach wie vor spannend herauszufinden, wer den Text wann geschrieben hat. Es muss jedenfalls zwischen 1926, dem Erscheinen der ‚Grammatik‘, und 1953, dem Jahr der Veröffentlichung, geschehen sein.

Anmerkungen

Erstmals erschienen in: Jufof 1/2007, S. 23-24