Teotihuacán ist eine Ruinenstadt im Zentralen Hochland von Mexiko um die sich eine Vielzahl von Mythen und Legenden ranken und zu ebenso vielen Spekulationen Anlass gibt. Schon die Azteken kannten die Geschichte und die Erbauer der Stadt nicht mehr. Sie verbanden Teotihuacán mit den mystischen Ursprüngen ihres Volkes.

von Sabine Wendt, Markus Pezold [i]

1. Einführung

Teotihuacán ist eine Ruinenstadt im Zentralen Hochland von Mexiko um die sich eine Vielzahl von Mythen und Legenden ranken und zu ebenso vielen Spekulationen Anlass gibt. Schon die Azteken kannten die Geschichte und die Erbauer der Stadt nicht mehr. Sie verbanden Teotihuacán mit den mystischen Ursprüngen ihres Volkes.

Die wohl bekannteste Spekulation über Teotihuacán ist die, dass die Stadt unserem Sonnensystem nachgebildet sei.

Ich will ersuchen, die Geschichte und Funktion der Stadt, basierend auf archäologischen Befunden zu rekonstruieren.

Schon ab ca. 2500 v.u.Z. lassen sich erste Siedlungshinweise finden Siedlungen, die bereits Strukturen politischer Verbände zeigen, können im größeren Umfang jedoch erst ab ca. 1500 v.u.Z. nachgewiesen werden. In diesen wurden dann schon große Bauvorhaben als Gemeinschaftsprojekte geplant und durchgeführt. Eine derartige Entwicklung vollzog sich zeitgleich an verschiedenen Orten Mittelamerikas. Die Grundlagen und Ursprünge hierfür werden den Olmeken zugeschrieben. Deren Kultur taucht scheinbar ohne erkennbare Vorfahren, um ca. 1000 v.u.Z. aus dem Nichts auf. Für ihren Ursprung existieren mehrere Theorien.

Eines der wichtigsten Zentren dieser Kultur ist La Venta. Hier lassen sich erste Tempelpyramiden, mit noch rundem Grundriss nachweisen, von denen man glaubt, sie hätten ausschließlich sakralen Zwecken gedient. Über den Inhalt der ausgeübten Religion ist jedoch nur wenig bekannt.

2. Kultur von Teotihuacán

2.1. Ursprung

Obwohl einige Wechselwirkungen mit anderen Zentren der präklassischen Kulturen Mesoamerikas nachgewiesen werden konnten, gibt der Ursprung dieser Stadt immer noch Rätsel auf. [1]

Teotihuacán ist mit seiner Gründung kulturell voll ausgeprägt. Es lässt sich keine kulturelle Evolution nachweisen. Dies führt zu der Annahme, die Stadt sei kein Produkt einer internen Entwicklung, sondern von außen in dieses Gebiet hineingetragen worden.

Aufgrund einiger Besonderheiten in der Kunst wird der Ursprung der Kultur von Teotihuacán in einem oder mehreren anderen Gebieten vermutet. Die Kultur ist wahrscheinlich nicht aus so genannten präklassischen Kulturen der zentralen Hochebene hervorgegangen, da keine Spuren von Monumentalplastiken vorhanden sind, welche später in Teotihuacán weitergeführt wurden.

Aus archäologischen Funden lassen sich keine, dem ethnologischen Horizont von Teotihuacán angehörende präklassische Kulturen nachweisen. Ihr gesellschaftliches und religiöses System war verschieden. [2]

Teilweise deuten einzelne Hinweise auf die Übernahme von Kulturelementen der Olmeken, wobei auf diesen Erfahrungen aufbauend, eigene Stilrichtungen entwickelt wurden. So scheint es beispielsweise Wechselbeziehungen bzw. Einflüsse von Monte Alban zu geben.

Wie in allen Zentren fand auch in Teotihuacán der mesoamerikanische Kalender Verwendung, dessen Ursprung auf die Olmeken zurückgeführt wird. [3]

Andrerseits finden sich auch genügend Elemente, die auf eine eigenständige Entwicklung hindeuten. Anfänge einer frühen, lockeren Besiedelung der mexikanischen Hochebene können schon ab dem Archaikum ca. 1000 v.u.Z nachgewiesen werden. Aus einem dieser Ortsverbände könnte die Stadt Teotihuacán entstanden sein. Für die Besiedlung hat wahrscheinlich, die unter der Sonnenpyramide vorhandenen Höhlen eine wichtige Rolle gespielt Diese Höhlen wurden möglicherweise schon früh für kultische Zwecke genutzt.

Vielfach wird deswegen angenommen, es habe sich bei Teotihuacán um einen Wallfahrtsort gehandelt, der weit ins Archaikum zurückreicht. [4] Es ist jedoch keine Kultur nachweisbar, die ursprünglich dafür verantwortlich gemacht werden könnte.

Möglicherweise spielten bei der Wahl als Siedlungsort ein alter Lavastrom, im nördlichen Bereich der Hochebene sowie die reichen Obsidianvorkommen eine Rolle. Weiterhin befindet sich ein Quellgebiet nicht weit westlich des Zeremoniealbereiches. [5]

Außerdem verfügt die Hochebene über reiche Grundwasservorkommen. Allerdings dürften für die Nutzung dieses Reservoirs bestimmte technische Kenntnisse erforderlich gewesen sein. Insgesamt kann das Vorhandensein von Quellgebieten als Grundlage für landwirtschaftliche Nutzung nur ein Faktor für die Besiedelung gewesen sein.

Die Vergleichende Archäologie könnte bei der Suche nach den Vorläufern von Teotihuacán helfen, z.B. durch den Vergleich von Planung, Anlage und Ausrichtung von Bauten, Pyramiden etc., Überbauung und Ummantelung von Gebäuden. In diese Vergleiche sollten auch bestimmte Kunststile wie Schlangenköpfe und raubköpfige Gesichtszüge, kubische Monumentalplastik und polychrome Wandmalereien einbezogen werden.

2.2 Entwicklung

Die Entwicklung des Ortes zu einer funktionierenden Stadt mit einer entsprechenden Infrastruktur wird in den verschiedenen Quellen unterschiedlich angegeben. Sie differiert zwischen 500 v.u.Z. und 100 u.Z. Schon zu Beginn der Zeitrechnung (2. Jahrhundert v.u.Z.) stellte Teotihuacán ein urbanes Zentrum dar. Aber innerhalb kürzester Zeit erfolgte eine rasante kulturelle Entwicklung hin zu einem Stadtstaat, der in der Folgezeit halb Mexiko beherrschen sollte. Die günstige Lage an der Haupthandelsroute zwischen dem Hochtal und dem Golf von Mexiko allein, kann den spektakulären Aufstieg der Stadt nicht erklären. Häufig werden die reichen Obsidianvorkommen als ein Faktor für das Erblühen des Ortes gewertet. Die Verarbeitung und die rege Handelstätigkeit mit diesen Produkten hätten Teotihuacán reich und bekannt gemacht. Umso erstaunlicher ist es jedoch, dass diese Vorkommen längst erschöpft waren und bei der Verarbeitung auf Material aus weit entfernten Orten zurückgegriffen wurde.

Die Einflussfaktoren scheinen mannigfaltig zu sein, sind aber zum größten Teil nicht bekannt [6]:

„… es ist eigenartig, dass die monumentalen Bauten der Pyramiden sehr früh ausgeführt wurden, als die macht und die Bedeutung von Teotihuacán noch nicht das spätere Ausmaß angenommen hatte. Gerade die Durchführung derartiger Baumassnahmen wie die der großen Pyramiden und die Stadteinteilung erfordern aber den Aufbau oder das Vorhandensein einer beachtlichen administrativen Organisation…“ [7]

Bereits in der Anfangsphase der Stadtentwicklung entstand das Zeremonialzentrum. Sonnen- und Mondpyramide werden als die ältesten Bauwerke gedeutet. Die Stadt ist durch eine streng hierarchische Gesellschaft gekennzeichnet. Ihren Mitgliedern kamen jeweils besondere Aufgaben im Rahmen der geheiligten Ordnung zu.

Untersuchungen der Wohnbezirke zufolge lebten in Teotihuacán Angehörige verschiedener Völker oder Stämme zusammen Dabei war jeder dieser Gruppen ein eigener Bezirk zugewiesen, in dem auch die jeweilige Kultur und Sprache gepflegt wurde. Dies stellt aber in mesoamerikanischen Zentren keine Besonderheit dar. Man weiß nicht sicher welcher Sprachgruppe die Teotihuacanos angehörten. Einige Archäologen glauben totonakische Ursprünge nachweisen zu können. [8]

2.3. Untergang

Die Faktoren, die zum Untergang des Stadtstaates führten sind noch weitestgehend ungeklärt. Sehr wahrscheinlich wurden große Teile der Stadt durch ein Feuer zerstört. Bei Ausgrabungsarbeiten wurden Spuren eines verheerenden Feuers gefunden, welches möglicherweise im Zeremonialzentrum seinen Ursprung hatte.

Die Ursachen hierfür sind unbekannt. Kriegerische Auseinandersetzungen werden jedoch ausgeschlossen. Forensischen Untersuchungen an gefundenen Skeletten lassen auf eine dramatische Veränderung der Lebensbedingungen und der Versorgung der Bevölkerung schließen, was zu einer Schwächung der zentralisierten Macht einherging. Einige Anthropologen vermuten das Austrocknen von Quellen aus bisher unbekannten Gründen.

Ab ca. 600 sind erste Abwanderungen der Bevölkerung zu verzeichnen, die etwa ein Viertel der Bevölkerung umfassten. Mit dieser Abwanderung ging ein Schwinden der politischen und wirtschaftlichen Macht einher. Zwischen 700 und 750 u.Z. wurde Teotihuacán endgültig verlassen. Dies scheint mit systematischer Zerstörung einhergegangen zu sein. Der Untergang Teotihuacáns löste eine schwere politische und wirtschaftliche Krise in der gesamten Region aus. [9]

3. Aufbau von Teotihuacán

3.1 Stadtanlage

Teotihuacán wurde von Beginn an rechteckig geplant und angelegt. Alle Straßen verlaufen rechtwinklig zueinander. Die Stadt wurde völlig symmetrisch nach ihrer Nord-Süd-Achse ausgerichtet.

„Die streng durchgehaltene Rasterteilung der Stadt setzt eine präzise Vermessung voraus. Ihr dürften die vielen Markierungskreise gedient haben, die in den Stukfußböden von Gebäuden eingeritzt waren.“ [10]

Derartige Markierungspunkte wurden auch in der umgebenden Landschaft gefunden. Sie dienten wahrscheinlich der Vermessung und Planung der Stadt. Um die Symmetrie der Stadt einzuhalten, wurde ein Fluss (Rio San Juan) umgeleitet, kanalisiert und nördlich der Zitadelle, unter der „Strasse der Toten“ hindurchgeleitet. Die Hauptachse der Stadt unterteilte die Stadt in vier Distrikte Neben dem Zeremonialbezirk existierte eine eigene Marktzone. In seiner Hochzeit umfasste die Stadt ca. 20km² und wurde von bis zu 200000 Menschen bewohnt. Es war damit größer als Rom zur Zeit des Marcus Aurelius, wurde aber von weniger Menschen bewohnt. [11]

Skizze 1: Plan von Teotihuacán

Skizze 1: Plan von Teotihuacán.

Die in Nord-Südrichtungverlaufende Hauptachse Teotihuacans wird als „Strasse der Toten“ bezeichnet. Sie ist das eigentliche religiöse Zentrum der Stadt.

Bei der Mondpyramide im Norden beginnend verläuft sie, flankiert von Sonnenpyramide und Zitadelle ca. 2,5km in südliche Richtung. Durch diese Nords-Süd-Achse wird die Stadt in zwei Abschnitte unterteilt. Sie wurde jeweils durch Mauern von den angrenzenden Wohnkomplexen abgegrenzt. Ihr Hauptsektor scheint der Bereich zwischen Mondpyramide und Zitadelle zu sein. In diesem Bereich wurden Bauwerke vorwiegend in der Talud-tablero-Bauweise errichtet. Die Breite schwankt je nach Abschnitt zwischen 40 m und 95 m. Ursprünglich soll diese Hauptachse der Stadt bis ca. 6 km lang gewesen sein und sich bis zum Fuß der südlichen Berge erstreckt haben. [12]

Straße der Toten mit Blick zur Mondpyramide

Abb. 1: Straße der Toten mit Blick zur Mondpyramide

Die wichtigsten Bauten befinden sich im nördlichen Teil, zwischen Sonnen- und Mondpyramide.

Einer Hypothese zufolge soll die „Strasse der Toten“ ursprünglich eine Reihe von Wasserbecken darstellen, die nachts die Milchstrasse reflektierten.

3.2 Mondpyramide

Die Mondpyramide (43 Meter hoch) wurde als Teil eines architektonischen Komplexes konzipiert, der als Mondplaza bekannt ist. Am Platz vor der Mondpyramide ist die symmetrische Planung und Einbindung der Stadt in die lokale Topographie, deutlich zu erkennen. Befindet man sich, an einer ganz bestimmten Stelle, südlich der Pyramide, scheint sie mit dem Gipfel des Cerro Gordo, im Norden, zu verschmelzen. Die Mondpyramide könnte somit einen heiligen Berg darstellen und integrales Element der Stadtplanung gewesen sein. [13]

Die fünffach gestufte Mondpyramide wurde mehrfach überbaut. Tunnelgrabungen ins innere der Pyramide zeigen für die ersten drei Bauphasen einen quadratischen Grundriss. Während der 4. Bauphase wurde der Grundriss nach Norden hin vergrößert. Möglicherweise markiert diese Bauphase einen entscheidenden Punkt in der politischen Organisation der Stadt. Ab der 5. Bauphase werden grundlegende Änderungen am Grundriss der Mondpyramide vorgenommen. Wieder wird die Pyramide quadratisch gebaut jedoch mit einer kleineren Plattform an der Südseite versehen. Diese Änderungen im Aufbau der Pyramide werden als Hinweis auf ein sich änderndes politisches und religiöses System gewertet. [14]

Abb. 2: Blick zur Mondpyramide von der Sonnenpyramide

Bei neueren Grabungen wurden Gräber nachgewiesen, die vier menschliche Skelette, Tierknochen, Schmuckstücke sowie Obsidian- und Jadeblätter enthielten. Diese Gräber werden der 5. Bauphase zugeordnet. In der 4. Bauphase wurden ein menschliches Skelett sowie Wolf-, Puma-, Schlangen- und Vogelskelette nachgewiesen. Es handelt sich vermutlich um Opferungen vor und während des Baues. Die Mondpyramide wurde mehrfach überbaut. Zwischen der 4. und 5. Baustufe ist eine Änderung des Stiles erkennbar. Könnte dies auf eine Änderung der Kultur hindeuten?

Möglicherweise bildete die Mondplaza zusammen mit dem Hauptplatz vor der Zitadelle einen rituellen Mittelpunkt. [15]

3.3 Sonnenpyramide

Die Sonnenpyramide hat eine Höhe von 63 Metern. Diese Pyramide ist die größte und wichtigste Pyramide der Stadt und bildet die geographische Mitte zwischen Mondpyramide und Rio San Juan (Kanal). Auch diese Pyramide wurde mehrfach überbaut. Eine fünfstufige Plattform ist nicht belegt. Sie könnte bei Rekonstruierungsarbeiten (Batres) irrtümlich aufgebaut worden sein. Möglicherweise bestand die Sonnenpyramide ursprünglich aus vier Stufen und der Plattform „Adosada“. Bei der ersten Ausgrabung war der obere Teil vollständig zerstört.

Unter der Sonnenpyramide wurden ein Tunnel- und Höhlensysteme nachgewiesen. deren Funktion, Zweck und Ausdehnung noch unbekannt sind. Wahrscheinlich handelt es sich um ein frühes Kultzentrum. [16]

Vermutlich hatte die Sonnenpyramide ursprünglich einen mehrere Meter dicken Stuckmantel, welcher mit polychromen Malereien überzogen war. Dieser wurde leider bei Ausgrabungsarbeiten durch Batres entfernt.

Abb. 3: Blick zur Sonnenpyramide
Abb. 4: Zugang zur Straße der Toten mit Sonnenpyramide

„Er säuberte die Pyramide von der Vegetation, die sich überall auf ihr angesiedelt hatte, und dann versuchte er, ihre ursprüngliche Oberfläche freizulegen. […] Die ursprüngliche Verkleidung sieht man heute nur noch an der Westseite, die Batres zum größten Tei unangetastet ließ.“ [17]

3.4 Höhle

Als möglicher Ursprung Teotihuacáns wurde bereits zu Beginn eine Höhle genannt, welche sich unterhalb der Sonnenpyramide befindet. In der durch vulkanische Aktivitäten entstandenen Höhle befindet sich eine Quelle. Die Bewohner bauten, diese Höhle schon früh zu einem Kultzentrum aus. Der natürliche, 103 Meter lange Tunnel wurde künstlerisch umgestaltet und in dreißig Abschnitte unterteilt. Er endete im hauptsächlichen Zeremonialraum. [18]

Der Zeremonialraum besteht aus mehreren Kammern, die in Blumenform angeordnet waren. Die Form des Zeremonialraumes lässt auf den spezifischen religiösen Charakter der unterirdischen Anlage schließen. [19]

Übereinstimmend wird im mesoamerikanischen Kulturraum die Aufteilung des kosmischen Raumes in vier Himmelsrichtungen durch eine vierblättrige Blume dargestellt. Was bedeuten würde, dass die Höhle ein „heiliges Abbild der Welt“ dargestellt hat. [20]

Skizze 2: Schematische Darstellung der Höhle unterhalb der Sonnenpyramide von Teotihuacán.

Skizze 2: Schematische Darstellung der Höhle unterhalb der Sonnenpyramide von Teotihuacán.

Der antike Schreinbezirk wurde noch bis 450 u.Z. benutzt. Dies konnte durch Ausgrabungen nachgewiesen werden.

Nach einem Mythos sind die Vorfahren der Totonac – einem ostmexikanisches Volk – von einem mythischen Ort namens „Chicomoztoc“ nach Mexiko gekommen sind. [21] „Chicomoztoc“ – der Ort der Sieben Höhlen – spielt in der mittelamerikanischen Tradition eine besondere Rolle. Möglicherweise verbanden erste Bewohner Teotihuacáns ihre eigene Höhle mit der „Höhle der Entstehung“.

Der Ruhm dieser Stadt als Ursprungsort ist zumindest teilweise auf die Bedeutung und Anziehungskraft der Höhle unter der Sonnenpyramide zurückzuführen. [22]

3.5 Zitadelle

Der als Zitadelle bekannte Komplex ist in der geographischen Mitte der Stadt gelegen und umfasst ca. 160000 m². Auf dem Hauptplatz sollen ca. 100 000 Menschen bequem Platz gefunden haben. Der Innenraum dieses Komplexes ist von vier Plattformen umgeben und hatte möglicherweise rituellen Charakter. Die Quetzalcoatl-Pyramide war die zentrale Pyramide dieses Komplexes. Neuere Ausgrabungen in diesem Areal sprechen für eine kontinuierliche Bautätigkeit bis in die toltekische Phase zu Beginn des Postklassikums. Die sich an diesen Komplex anschließenden Wohnviertel dienten möglicherweise administrativen Zwecken. [23]

3.6 Quetzalcoatl-Pyramide

Pyramide und Tempel des Quetzalcoatl stehen, umgeben von kleineren Pyramiden, auf einer erhöhten Plattform und bilden das Zentrum der Zitadelle. Dieser Bau soll der frühesten Phase von Teotihuacán angehören. Sie war mit einer großen Anzahl heiliger Motive geschmückt, die als Hochrelief alle vier Seiten bedeckten. Möglicherweise war die Quetzalcoatl-Pyramide das erste Projekt, bei dem die Architektur der Talud-tablero ausgeführt wurde. Sie bildete ein exaktes Quadrat von 65m Kantenlänge. Die Annahme, es handelte sich um eine sechsstufige Pyramide, die mit 366 Schlangenköpfen verziert war, ist wahrscheinlich falsch. An der gut erhaltenen Westseite wechselten Schlangenköpfe mit einer anderen Art Kopf. Möglicherweise fand diese Verzierung an allen Seiten Verwendung. Aus der Analyse der Felddaten ergibt sich die Vermutung, es könnte sich ursprünglich um eine siebenstufige Pyramide gehandelt haben. Im ausgehenden 4. Jh. wurde die Quetzalcoatl-Pyramide ummantelt.

Die Plattform Adosada wurde über die Hauptfassade konstruiert und war ursprünglich wohl als ergänzendes architektonisches Element gedacht. Wie Ausgrabungen belegen, wurden beim Bau der Ummantelung große Teile, einschließlich des Tempels auf der oberen Stufe zerstört. Bei der Plattform Adosada wurde die talud-tablero Bauweise angewendet. Jedoch wurden ihre Fassaden mit heiligen Motiven bemalt. Es ist unklar, ob die Adosada selbst Tempelfunktion hatte. Die Plattform war möglicherweise als Vergrößerung des Komplexes gedacht. Jedoch sind ihr politischer und religiöser Zweck unbekannt. Es könnte sich um einen Hinweis auf Veränderungen der politischen und religiösen Strukturen handeln. Die Skulpturen an der Fassade der Quetzalcoatl-Pyramide unterscheiden sich im Grad ihrer Dreidimensionalität. Einige Wissenschaftler sehen eine dualistische Bedeutung. An anderen Orten wurden ähnliche Darstellungen gefunden, die aber noch nicht gedeutet werden konnten. Bei neueren Grabungen sind unter der Pyramide mehrere Gräber gefunden worden, die möglicherweise schon vor dem Bau angelegt wurden. [24] [25]

Abb. 5: Drei Bilder mit Eindrücken von der Quetzalcoatl-Pyramide.
Abb. 6: Drei Bilder mit Eindrücken von der Quetzalcoatl-Pyramide.
Abb. 7: Drei Bilder mit Eindrücken von der Quetzalcoatl-Pyramide.

3.7 Glimmer-Kammern

Eine kaum erwähne Besonderheit stellen die in Teotihuacán gefundenen unterirdischen Glimmerkammern dar. Der Glimmer soll dabei nicht sichtbar verarbeitet worden sein, sondern wie bei einem Sandwich zwischen Schichten von Stein. Die Kammer oder Kammern werden verschieden lokalisiert. Einmal soll sich eine Kammer etwa in der Mitte zwischen Sonnenpyramide und Zitadelle befinden (Erich v. Däniken), zum anderen soll sich die Kammer unter der Sonnenpyramide befinden (National Geographic online) Einig sind sich beide nur in besagter Sandwichbauweise. Der verarbeitete Glimmer soll aus Brasilien herbeigeschafft worden sein. Über den Zweck des Einbaues in den oder die unterirdischen Raum/Räume ist nichts bekannt.

Abb. 8: Glimmerkammer.

4. Besonderheiten

4.1 Fehlte in Teotihuacán eine herkömmliche Schrift?

Aus Teotihuacán ist uns keine Schrift überliefert. Für eine Kultur, die ihre Stadt auf solch meisterhafte Weise plante, scheint dies mehr als ungewöhnlich. Gibt doch eine gelebte Schriftkultur Einblick in den Entwicklungstand einer Zivilisation. Die Schriftlosigkeit der Teotihuacáns führte jahrelang zu wissenschaftlichen Kontroversen.

In den letzten Jahren häufen sich allerdings die Anzeichen, die Wandbemalung, welche in allen Gebäuden in Teotihuacáns nachgewiesen werden konnte, hatte für diese Kultur eine weitaus wichtigere Bedeutung, als man ihr ursprünglich beimaß. Sie könnte die Funktion einer Schrift übernommen haben.

„Die Vielfalt der grundlegend verschiedenen Sprachen auf engem Raum lässt ein System, das auf Bedeutung beruht, also letztlich mit Bildern arbeitet, gegenüber einem, das wesentlich die sprachlichen Laute einbezieht, durchaus vorteilhaft erscheinen.“ [26]

Als Beispiel für diese Vermutung können die genannten Partialschriften dienen. Ihnen fehlt die Fähigkeit einen Text vollständig und vor allem eindeutig wiederzugeben. Durch die Spezialisierung auf bestimmte Aussagebereiche (Religion, Politik) können sie in bestimmten Situationen leistungsfähiger sein, als universell anwendbare Schriftsysteme. [27]

Während die symbolische Bedeutung der meisten Ornamente noch nicht entschlüsselt werden konnte, lassen sich dargestellte Figuren teilweise identifizieren. Mit Hilfe der weit entwickelten Malerei ließen sich in verdichteten komplexen bildlichen Darstellungen vielschichtige Bedeutungen vermitteln. Obwohl der Zugang zur Bedeutung, der möglicherweise in Ornamenten, verschlüsselten Symbolen fehlt, können einzelne figürliche Darstellungen identifiziert werden.

Die gefundenen Hieroglyphen geben nur vereinzelt Hinweise auf Orte und Personen. Das für Informationen eingesetzte Medium lässt die jeweilige Einstellung zur Struktur und Übernahme politischer und übernatürlicher Macht vermuten. Aus dem eingesetzten Kommunikationsmittel können möglicherweise auf entsprechende politische Systeme sowie deren soziale und religiöse Bedürfnisse geschlossen werden. [28]

4.2 Bauweise

Die in Teotihuacán vorherrschende Bauweise ist die Talud-tablero-Bauweise bei der sich schräge Böschungsmauern mit kastenförmigen Doppelsimsen abwechseln.

Konstruktiv ist der Tablero-Talud instabil, da diese Fassadenform trotz aller statischen Mängel verwendet wurde, muss ihre besondere Bedeutung beigemessen worden sein. Unter der intensiven senkrecht stehenden tropischen Sonne kommt es durch die Vorkragungen und im Rahmen des talud zu Licht-Schatten-Effekten. In diesen Effekten nur ein ästhetisches Mittel zu sehen, ist zu einfach. Hier wurde ein ganz bestimmter Zweck verfolgt. Die Licht-Schatten-Effekte verändern sich an bestimmten Tagen im Jahr. Licht und Schatten – Himmel und Erde deutet auf eine Verbindung spiritueller Energie und eine architektonische Wiedergabe der Kosmogonie.

„Möglicherweise fand um 300 n.Chr. eine Reformation, eine Umorientierung auf religiösem Gebiete statt… – gleichviel: Irgend etwas muß sich ereignet haben, das zur Herausbildung eines neuen, äußerst strengen Architekturstils führte.“ [29]

Dieser Aussage zufolge könnte der oben beschriebene Baustil erst in der letzten Phase der Stadt eingesetzt worden sein. Möglicherweise wurden in früheren Phasen andere, verspieltere Baustile, mit den schon genannten Stuckverzierungen eingesetzt. Wie schon bei der Besprechung der Mondpyramide angedeutet, änderte sich der Baustil in der 5. Bauphase.

4.3 Kunstform

Die Kunst Teotihuacáns spiegelt die Flora und Fauna des pazifischen Maya-Gebietes wider. Es finden sich Zoomorphe, pythomorphe und dendromorphe Elemente, z.B. Quetzal, Jaguar, Klapperschlange, Echse, Affe, Kakaobaum etc. [30]

Prächtige Wandmalereien sind für die Kunst Teotihuacáns kennzeichnend. Alle bisher aufgedeckten Mauern zeigen Spuren einstiger Bemalung. Die Bemalung reicht von einfachen roten Flächen bis zu vielfarbigen Kompositionen mit figürliche Motiven und abstrakten Ornamenten und lässt auf deren große Bedeutung schließen. Wie schon erwähnt, wurden ausnahmslos alle Gebäude bemalt. Die Wandmalereien zeigen astronomische Kenntnisse und Interessen. Ein häufig verwendetes Motiv sind vollplastische Schlangenköpfe, die an den unteren Treppenwangen ansetzen sowie schreitende Jaguare. Dies sind Motive, die in Zentralmexiko eine große Bedeutung haben. Weiterhin finden sich Gewittergestalten, die eindeutig Merkmale des Regengottes Tlaloc und Quetzalcoatls, der gefiederten Schlange, aufweisen. Dies legt den Schluss nahe, es handele sich hier um panamerikanische Gottheiten die bereits in Teotihuacán verehrt wurden. [31]

4.4 Orientierung der Gebäude und Gründe für deren Ausrichtung

Die Hauptachse (Strasse der Toten) wurde 15°25′ östlich der astronomischen Nordrichtung ausgerichtet. An dieser Ausrichtung wurden alle Bauten orientiert und über die gesamte Bauzeit beibehalten. Betrachtet man die Mondpyramide von einem ganz bestimmten Punkt auf der Straße der Toten aus, so scheint sie mit dem Berg zu verschmelzen wobei sich die obere Plattform, aus diesem Blickwinkel, und der Gipfel des Berges auf gleicher Höhe befinden. Andererseits scheinen wiederum von einem ganz bestimmten Blickwinkel heraus, die sich an die Pyramide anschließenden Bauten, die Silhouette der Berge nachzubilden. Wieder anderen Vermutungen zufolge führte die Strasse der Toten ursprünglich bis zu den im Süden liegenden Bergen.

Bei dieser rein topographischen Betrachtungsweise galten die Berge als heilig und wurden aus diesem Grunde in die Gestaltung und Planung der Stadt einbezogen Die vielfach in der Umgebung der Stadt gefundenen Markierungspunkte sollen ausschließlich dem winkelgenauen Ausrichten der Bauten gedient haben. Vermutlich waren ursprünglich in vielen Teilen der Stadt solche Markierungspunkte vorhanden, die aber später überbaut wurden. Das astronomische Interesse der mesoamerikanischen Kulturen findet bei dieser Interpretation keine Berücksichtigung.

Für andere Wissenschaftler sind die Gründe für die Ausrichtung sehr viel komplexer. Diese Theorie bezieht, als Grundlage, für eine streng beibehaltene Ausrichtung die Glaubensvorstellungen der mesoamerikanischen Kulturen mit ein. Schon die Planung der Städte soll die Harmonie der Welt widerspiegeln, deren Wurzeln im Kosmos gesehen wurden. Schon die frühesten Siedler richteten ihre Siedlungen und Städte nach den vier Hauptrichtungen aus. Dies ist wahrscheinlich der Grund für das strenge Festhalten an den Plänen für die Ausrichtung der jeweiligen Bauten gewesen. Dass sogar Flüsse und Bäche umgeleitet wurden, zeigt wie wichtig den Erbauern, die Einhaltung der festgelegten Raster gewesen ist. Auch der Architektur selbst kam eine tragende Rolle zu. So sollen unterschiedliche Bauweisen den Dualismus der Welt widerspiegeln und positive und negative Räume ausbalancieren.

Eine Ausrichtung nach den vier Hauptrichtungen findet sich auch in Teotihuacán. Neben der Nord-Süd-Achse gibt es noch eine Ost-West-Unterteilung bei der Sonnepyramide, Auf diese Weise wird die Stadt in vier Bezirke unterteilt Wahrscheinlich findet sich hier der Ursprung für das exakte Raster.

Bei der Wahl eines Siedlungsortes wurden mehrere Faktoren berücksichtigt: Ästhetik des Geländes, Klima sowie militärische Gesichtspunkte.

Dieser Theorie zufolge sollen mit Hilfe der winkelgenauen Ausrichtung, wichtige astronomische Ereignisse, wie Solstitien und Äquinoktien angezeigt worden sein. Der Sternengruppe der Plejaden scheint für die Ausrichtung von eine große Bedeutung beigemessen worden sein. Untersuchungen von Markierungspunkten rund um Teotihuacán weisen immer wieder auf diese Sternengruppe hin. Scheinbar was das Datum, an dem ihr Zenithdurchgang und das Datum des Zenithdurchgangs der Sonne, zusammenfielen, von außergewöhnlich großer Bedeutung. Die Plejaden müssen in der Überlieferung der mesoamerikanischen Kulturen von äußerster Wichtigkeit gewesen sein, denn sie spielen bei der Planung und Ausrichtung der Stadt eine tragende Rolle. Eine Geländemarkierung auf dem Cerro Gordo weist genau auf den Plejadendurchgang hin und konnte direkt von der Sonnenpyramide aus, gesehen werden. . Das ausgeprägte Interesse für die Astronomie bildete hierfür den kulturellen (kultischen) Rahmen Dabei wurde die Sorgfalt der Wahl des Bauplatzes durch die göttliche Natur diktiert und durch ein komplexes System kosmischen Glaubens bestimmt. Die Geländermarkierungen sind mit Schlangenschnitzereien geschmückt Hier ergibt sich wahrscheinlich eine Verbindung von Astronomie und Mythologie. Die Anzahl der gefundenen Geländemarkierungen um Teotihuacán stimmt mit der Anzahl der Tage des rituellen Kalenders überein. Die immens große Bedeutung es rituellen Kalender fand ihren Niederschlag in der Planung der Stadt und deren Architektur. Möglicherweise wurde die Stadt sogar als Kalender gebaut. Sie wäre damit, in ihrer Gesamtheit ein funktionierendes astronomisches Instrument gewesen. Hier könnte sich auch ein Hinweis auf ihre religiöse Bedeutung finden. Ein Faktor war dabei, wie im voran gegangenen Abschnitt angedeutet. der Durchgang bestimmter Himmelskörper durch den Zenith. [32]

Wie bereits angedeutet negieren einige Forscher die astronomische Ausrichtung, und favorisieren die rein topographische Ausrichtung weil sie eine Ausrichtung auf einen bestimmten Stern oder eine Sternengruppe suchen, die jedoch nicht nachweisbar erscheint.

Auch der Architektur selbst kam eine tragende Rolle zu. So sollen unterschiedliche Bauweisen den Dualismus der Welt widerspiegeln und positive und negative Räume ausbalancieren.

5. Erforschung der Stadt

Teotihuacán, in zentralen Hochland von Mexiko gibt nach wie vor Rätsel auf. Wie soll vieles ist auch der ursprüngliche Name der Stadt unbekannt. Der heute verwendete Name – Teotihuacán – ist auf die Azteken zurückzuführen. Auch die Namen der sakralen Bauwerke haben hier ihren Ursprung. Er entstammt einer aztekischen Legende. Der zufolge Sonne und Mond aus einer Höhle hervorkamen. Möglicherweise ist mit dieser Höhle, die 1971 wieder entdeckte Höhle unter der Sonnenpyramide gemeint. [33]

Erste wissenschaftliche Erwähnung durch Alexander von Humboldt – er schreibt, die Pyramiden von Teotihuacán seien die einzigen Monumente im Tal von Mexiko, die Aufmerksamkeit erregen. In seinem Buch ‚Researches Concerning Inhabitants of America‘ (1814) beschreibt er die Sonnen- und Mondpyramide nur am Rande. Es wird vermutet, er sei nie selbst in Teotihuacán gewesen.

Zwischen 1885 und 1910 wurden Ausgrabungen von Leopoldo Batres in Teotihuacán durchgeführt. Unter anderem wurde von ihm auch die Sonnenpyramide rekonstruiert. Seine Arbeiten waren jedoch für die Wissenschaft von sehr zweifelhaftem Wert, da er nur Laie war. Es gelang im aber die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Regierung auf die Bauwerke zu lenken.

Erst ab 1915 wurde mit systematischen Ausgrabungen und wissenschaftlicher Erkundung der Stadt begonnen. [34]

Anfang der sechziger Jahre wurden siedlungsarchäologische Großprojekte und Feldforschungen gestartet, welche bis heute andauern. René Millon von der Universität of Rochester begann, unterstützt von George Cowgill und Bruce Drewitt, mit der vollständigen Kartierung der Stadt. Dazu wurde die Gesamtfläche von Teotihuacán in Quadranten von jeweils 500x500m aufgeteilt. Nach der topographischen Karierung erfolgte das Einmessen der Gebäude. Grundlage hierfür waren zum größten teil Oberflächenbefunde, wobei besonderes Interesse der Identifikation von Werkstätten galt. [35]

Erste Karten und Interpretationen wurden 1973 veröffentlicht. In diesen Veröffentlichungen wurde erstmals ein Gesamteindruck von der Größe und Bedeutung Teotihuacáns vermittelt.

Basierend auf keramischer Typologie und stratigraphischen Daten wird die Geschichte der Stadt im Allgemeinen in sechs Phasen eingeteilt: Patlachique, Tzacualli, Miccaotli, Tlamimilolpa, Xolalpan und Metepec.

Das oben abgebildete Chronologiediagramm wurde von George Cowgill auf der Basis neuer keramischer Analysen gefertigt. Seiner Meinung nach ist der Untergang der Stadt zwischen 600 bis 650 u.Z. anzusetzen und nicht um 750 u.Z. [36]

Einzelne Phasen lassen sich mit Hilfe der Radiocarbon-Untersuchungen gut abgrenzen, während andere nicht genau definiert werden können. Der Ursprung der Stadt lässt sich mit keinem absoluten Datum festlegen.

Die ersten Dörfer existierten im Tal von Teotihuacán bereits in der so genannten Cuanalan-Phase (550 – 150 v.u.Z.), von denen einige im späteren Stadtgebiet Teotihuacán lagen.

Während der Patlachique-Phase (150 v.u.Z. – Jahr 0) hatte sich die Stadt zu einem regionalen Zentrum mit einer Ausdehnung von 6 km² und ca. 20.000 Einwohnern entwickelt. In dieser Zeit lag der Siedlungsschwerpunkt nordwestlich des späteren Stadtzentrums. Aus dieser frühen Phase ist über die Baugeschichte und das Aussehen der Stadt kaum etwas bekannt, da durch die spätere Bautätigkeit alle Spuren der früheren Besiedelung zerstört wurden.

Die Wohngebäude wurden wahrscheinlich aus luftgetrockneten Ziegeln (Adobe) hergestellt und ein kleiner Tempel, dessen Grundmauern bei Grabungen in der Sonnenpyramide entdeckt wurden, ist wahrscheinlich ebenfalls in die oben genannte Phase zu datieren. [37]

In der Zeit ab 150 v.u.Z. expandierte Teotihuacán sehr stark und erreichte seine spätere Ausdehnung von mehr als 20 km². Die Besiedelungsdichte blieb jedoch noch relativ gering. Die Schätzungen der Einwohnerzahlen differieren zwischen 30.000 (Millon), 60.000 (Cowgill) und 80.000 (Blanton). Über die Wohnbebauung ist aus dieser Zeit nichts bekannt.

Erst in Tzacualli-Phase begann die Planung und Bautätigkeit, die der Stadt ihr späteres Aussehen verlieh. An der „Straße der Toten“ genannten Hauptachse, welche 15°30“ östlich der astronomischen Nordrichtung ausgerichtet ist, orientieren sich alle Gebäude. An der 4 km lang und 45 m breit geplanten Straße entstand neben 23 Tempelkomplexen auch die Sonnenpyramide. In dieser Phase wurde auch mit dem Bau der Mondpyramide begonnen, der in der folgenden der Miccaotli-Phase (150-200 u.Z.) Obwohl diese Pyramide nur 46 m hoch ist, erreichte sie durch den Geländeanstieg die gleiche Höhe wie die Sonnenpyramide.

Die Zitadelle, der Tempel des Quetzalcoatl und die der Sonnenpyramide vorgelagerte Zeremonialplattform (plataforma adosada) entstanden ebenfalls in der Zeit zwischen 150 und 200 u.Z. Während der Tlamimilopa-Phase (200 – 450 u.Z.) entstand im Norden der Platz vor der Mondpyramide, der Quetzalcoatl-Palast und im Süden der zentrale Marktplatz, der „Great Compound“, gegenüber der Zitadelle.

Die Bautätigkeit im Stadtzentrum wurde während dieser Phase weitestgehend abgeschlossen. Gleichzeitig verschwanden die alten Adobe-Wohngebäude. Sie wurden durch Apartment-Grundstücke ersetzt.

Ein Blick auf den Gesamtplan der Stadt zeigt, dass die Apartment-Grundstücke offensichtlich in Gruppen zusammengeschlossen waren und die nächsthöhere soziale und organisatorische Einheit darstellten. Ein führender Komplex mit einem größeren Tempelkomplex stand an ihrer Spitze. Bis zur frühen Xolalpan-Phase wurden in Teotihuacán etwa 2200 Apartment-Komplexe erbaut

Ab etwa 450 bis 550 u.Z. war ihr Einfluss überall in Mesoamerikas spürbar. Die Stadt besaß kein einheitliches Befestigungssystem. Vom Süden und Osten her war die Stadt durch tiefe Barrancas und Flusstäler abgeriegelt. Ein von vielen Kanälen durchzogenes Anbaugebiet erschwerte den Zugang von Südwesten her. Zusätzlich verstärkten möglicherweise Kakteendickichte diese natürlichen Befestigungen. Dadurch war die Stadt gegenüber möglichen Feinden nicht schutzlos.

Die Bautätigkeit nimmt während der Metepec-Phase (650 – 750 u.Z.) nochmals zu. Die Bevölkerung wird abermals in der Stadt zentralisiert. Etwa 90% der Bevölkerung des Tales von Teotihuacán leben in der Stadt, während es in der Xolalpan-Phase nur etwa 60% sind. Um 750 u.Z. wird Teotihuacán von etwa 80% der Einwohner verlassen. Es liegen keine Anzeichen für Angriffe von Außen, beispielsweise zerstörte Wohngebäude oder Gewalteinwirkung bei Toten vor. Spuren der Zerstörung durch Feuer finden sich nur im Stadtzentrum, insbesondere an den Tempeln, den Pyramiden und an öffentlichen Gebäuden. [38]

6. Mythologie von Teotihuacánn

Für das Verständnis einer Kultur ist es notwendig, sich mit der Mythologie des betreffenden Volkes zu beschäftigen. Nur so lassen sich die Beweggründe für bestimmte Verhaltensweisen erklären. Wie im Abschnitt Schrift wurde bereits erwähnt wurde, verwendete man in Teotihuacán wahrscheinlich ein Kommunikationsmittel, was auf ein bisher nicht bekanntes religiöses und politisches System schließen lässt. Gleichzeitig sind aber Gemeinsamkeiten mit anderen Kulturen zu finden, z.B. Ausrichtung der Bauten, architektonische Merkmale, Kalendersystem u.ä. Es scheint aber doch nur bedingt möglich, Parallelen zur Mayamythologie ziehen. Es soll daher versucht werden, nur Aspekte einzubeziehen, die als sehr alt gelten können. Die Planung der Anlage Teotihuacáns lässt Rückschlüsse auf das Weltkonzept zu, demzufolge die natürliche Ordnung des Kosmos, die Verbindung zwischen Himmel und Erde widergespiegelt wurde. [39]

In allen mesoamerikanischen Kulturen wurde die Welt als Produkt göttlichen Ursprungs verstanden, das von heiligen Kräften durchströmt wird, die das Geschehen bestimmen. Nach dem Prinzip des Dualismus wurde scharf zwischen Gut und Böse unterschieden. Über die Göttervorstellung gibt es widersprüchliche Aussagen. Einer Überlieferung zufolge soll es sich bei den Göttern um körperliche Wesen gehandelt haben. Andere meinen, Gottheiten seien unsichtbare unantastbare Wesen, die sich mit ähnlichen Dingen ernähren, beispielsweise dem Duft zubereiteter Speisen, dem Duft von Kräutern und Blumen oder dem Geist von Tieren und Menschen. Übereinstimmend wird hingegen die Vorstellung vom Hauptgott wiedergegeben. Dieser gilt als körperlos, ohne Gestalt und ist nicht gestaltbar. Er wurde mit dem Feuer in Verbindung gebracht, das als gütige wohltuende Kraft gedacht wurde. Allerdings war ein hoher Preis erforderlich. Dem Feuer wurde das Herz geweiht. Möglicherweise ist hier der Ursprung der Menschenopfer zu suchen. Menschenopfer wurden wahrscheinlich nur in Notzeiten gebracht. Normalerweise bestanden Opfer wohl aus Früchten, Blumen und Tieren. [40]

Wahrscheinlich verfügten alle mesoamerikanischen Kulturen über die gleichen Schöpfungsmythen. Im Popol Vuh der Maya ist von drei Schöpfungsversuchen die Rede, von denen erst der dritte gelang. Den Überlieferungen zufolge wurde der Mensch letztendlich aus Mais geformt. Aus Furcht, der Mensch würde den Göttern an Macht und Einsicht gleich sein, beschlossen die Götter seine Augen und seinen Verstand zu verschleiern, so dass der Mensch nur noch sehen konnte „was ihm nah und klar war“. Ein seltsames Instrument zur Verschleierung des Verstandes war die Erfindung der Frauen. [41]

Die Religion, Astronomie und die Mathematik der mesoamerikanischen Völker ist ein ehrfurchtsvoller Versuch, diesen von den Göttern verhängten Mangel mit menschlichen Mitteln zu kompensieren

Aus der Blütezeit von Teotihuacán sind außer der Verehrung des Regengottes keine fortwirkenden Traditionen bekannt

Zu den ältesten Gottheiten zählt der Regengott. Seine zentrale Bedeutung ergibt sich aus seiner lebensspendenden fruchtbarkeitsfördernden Seite. Zusammen mit dem Feuergott gehört er zu den ältesten Göttern der indianischen Hochlandvölker. Er hatte jedoch nicht nur die gütige, fruchtbarkeitsfördernde Seite. Er schickte auch Unwetter, wie den zerstörerischen Hagel und damit der vernichtenden Macht des Wassers. Dieser Doppelaspekt kommt auch in der mythischen Vorstellung zu Ausdruck, da sein Wohnort gewöhnlich in den Wolken vergangenen Berggipfeln lokalisiert wird. [42]

Weiterhin galt er als ein mit positiven Aspekten verbundenes jenseits. Da sich der Regengott oft hinter Wolken verbirgt wurde er bildlich mit schwarzem Gesicht und schwarzem Körper dargestellt.

Da keine Überlieferungen von Riten und Kulten bekannt sind, können nur Vermutungen angestellt werden. Als häufiges Motiv taucht in Teotihuacán die Schlange auf. Sie ist eine wohltätige Gottheit und als solche Ausdruck lebensspendender und lebenserhaltender Macht. Schlangen wurden von allen mesoamerikanischen Kulturen verehrt. [43] Das Symbol der Vogelschlange bzw. der gefiederten Schlange entspricht der mythischen Vorstellung von der Verbindung von Himmel und Erde. Der Vogel symbolisiert dabei den Himmel und die Schlange die Erde. [44]

In Teotihuacán wurden Hinweise auf das, schon bei den Olmeken belegte, Ballspiel gefunden. Dieses Spiel hat sakralen Charakter. Es symbolisiert den Kampf der Mächte des Lichtes (Leben) gegen die Mächte der Finsternis (Tod). In der Mythologie wird dieser Kampf in der Unterwelt geführt. Das ist möglicherweise der Grund für die ummauerten Ballspielplätze, die sich in unmittelbarer Nähe wichtiger Zeremonialzentren befanden. Die Sieger im Ballspiel erweckten Sonne und Mond zum Leben/zu neuem Leben. Das Spiel soll häufig von Enthauptungsriten begleitet gewesen sein, welche die Fruchtbarkeit des Bodens günstig beeinflussen sollten. Es ist ungeklärt ob dieses Spiel immer mit dem Tod der Verlierer endete. Möglicherweise war dies nur bei besonderen Gelegenheiten der Fall. [45]

Künstlerische Elemente an Gebäuden zeigen häufig Mischwesen. Sie werden häufig als Werjaguare, in Analogie zum europäischen Konzept des Werwolfes, gedeutet. Diese Deutung solcher Mischwesen ist umstritten. Die These, sie seien Ausdruck eines Urmythos, dem zufolge ein Jaguar mit einer Menschenfrau kopulierte, lässt sich durch keinerlei stichhaltige Daten stützen. Der Ansatz diese Mischwesen auf der Basis des Nagualismus zu deuten wird von archäologischen Objekten gestützt. Darstellungen von Tieren Federkopfschmuck sowie Menschen mit Tierattributen lassen auf totemistische Vorstellungen schließen. [46]

Opfer und Opferriten haben bei allen präkolumbischen Völkern eine große Bedeutung. Sie wurden in komplizierten religiösen Zeremonien durchgeführt und standen mit dem Kalender in Zusammenhang. Auch die Einweihung von wichtigen Gebäuden wurde von Opfern begleitet.

Wie schon erwähnt, wurden Menschenopfer, neueren Forschungen zufolge, nur zu besonderen Gelegenheiten oder in Notzeiten gebracht. In diesem Zusammenhang [47] sind die Darstellungen von Opferungen und Tötungen von Menschen, vermutlich nicht als die Abbildung tatsächlich praktizierter Rituale zu betrachten, sondern auch als Symbole von Initiationsriten. Dabei soll der mystische Tod im Mittelpunkt stehen. Es könnte sich um Darstellungen von Götterlegenden handeln, in denen Kampf, Tod und Opferung die beherrschenden Vorstellungen sind. Solche Erklärungsversuche sind bei der Untersuchung anderer Religionen durchaus üblich, wurden aber bei mesoamerikanischen Kulturen nie ernsthaft versucht. Im Ergebnis kritischen Quellenstudiums lassen sich institutionalisierte Massen-Menschenopfer in der behaupteten Häufigkeit und dem Umfang historisch nicht nachweisen.

Das für mesoamerikanische Kulturen charakteristische Überbauen von Zeremonialbauten, könnte seine Ursachen im Weltbild der Völker haben. Möglicherweise wurden solche Baumaßnahmen nach Ablauf eines oder mehrerer Kalenderzyklen vorgenommen. Ob es nach jeweils 52 Jahren geschah ist zurzeit noch nicht nachgewiesen.

Leider muss man davon ausgehen, dass viele charakteristische Merkmale der Religion verloren bzw. verfälscht sind. Die meisten Quellen greifen auf Aufzeichnungen von Diego de Landa zurück. In diese Aufzeichnungen fanden eine ganze Reihe von Einflüssen aus postklassischer Zeit Eingang, die scheinbar übergangslos in die jeweiligen Glaubensvorstellungen aufgenommen wurden.

7. Wechselbeziehungen in Mesoamerika

Schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung beginnt der Einfluss Teotihuacáns in der Region zu wachsen. Er ist unter anderem in Monte Alban nachweisbar.

Die Zeit zwischen 400 und 610 u.Z. wird als Mittelklassikum bezeichnet und definiert die Zeit des übermächtigen Einflusses der Wirtschaftsgroßmacht Teotihuacán im nördlichen Hochland von Mexiko. Unter Teotihuacán-Einfluss erreicht die nicht mehr bedeutende Maya-Stadt Kaminaljuyu eine zweite kulturelle Blüte. [48]

„Die Umformung der nicht mehr bedeutenden frühklassischen Maya-Stadt ist so direkt und stark, dass manche Forscher politische oder militärische Präsenz von Teotihuakanern annehmen“ [49]

Die Städte im Hochland und an der Pazifikküste werden von der Großmacht im mexikanischen Hochland eher indirekt beeinflusst. Hier werden wirtschaftliche und/oder kulturelle Wechselbeziehungen angenommen. [50]

Insbesondere in Tikal, Yaxha und Uaxactum ist ein starker Einfluss nachweisbar. Die Einflusssphäre der Stadt reicht unter anderem bis nach Becan im Norden. Im äußersten Osten, beispielsweise in Copán, ist nur ein schwacher Einfluss Teotihuacáns zu verzeichnen. Ähnliches ist auch in Zentralamerika zu beobachten. [51]

Dies ist beispielsweise an der Einführung des teotihuacanischen Kunststils nachweisbar. Auch sprachliche Einflüsse konnten in diesen Mayazentren nachgewiesen werden. So scheint die rätselhafte Kultur von Cotzumalhuapa, im zentralen Tiefland, auf die Präsenz teotihuacanischer Eindringlinge zurückzuführen sein.

Die Abhängigkeit des Maya-Gebietes von Teotihuacán war so stark geworden, dass der Rückzug dieser wirtschaftlichen Großmacht aus seinen südlichen Randgebieten, die großen Mayazentren eine schwere Krise erlebten.

„Man nennt diese Krise den „Hiatus“, denn man konnte ursprünglich vor allem durch den Rückgang oder das fast gänzliche Fehlen von Inschriften während der etwa 75 Jahre von 535 bis 610 fassen.“ [52]

Ein ursächlicher Zusammenhang mit dem Niedergang Teotihuacáns wurde erst später hergestellt und stellt heute die vorherrschende Hypothese für den Hiatus dar. Maya-Dynastien im Tiefland verdankten ihre Entstehung dem Vorbild und teilweise sogar dem direkten Einsetzen teotihuacanischer Herrscher, damit ist sehr wohl nachzuvollziehen, dass der Zusammenbruch Teotihuacáns diese Maya-Fürstentümer in eine schwere Krise stürzte. Ein Grund für das plötzliche Verstummen des öffentlichen Herrscherkultes, in Form der in Tikal gefundenen Stelen, kann durchaus im Zusammenbruch bzw. im Rückzug der mexikanischen Großmacht gesehen werden. Gleichzeitig kamen möglicherweise die von Teotihuacán dominierten Fernhandelsrouten zwischen Zentralmexiko und dem Tiefland zum Erliegen und konnten erst allmählich durch nördlichere Seerouten ersetzt werden. [53]

Die Karte zeigt die Größe des kulturellen Einflusses von Teotihuacán und die Entfernungen über die dieser Einfluss reichte.

Skizze 3: Darstellung kulturellen Einflusses von Teotihuacán  auf Mesoamerika.

Skizze 3: Darstellung kulturellen Einflusses von Teotihuacán auf Mesoamerika.

8. Spekulationen um Teotihuacán

8.1 Hunab – Heiliges Maß in Teotihuacán

Insbesondere PaläoSETI-Autoren wie Erich von Däniken sehen in Teotihuacán besondere Botschaften manifestiert. Sie beziehen sich hierbei auf das von dem Amerikaner Hugh Harleston aufgebrachte Einheitsmaß, den so genannten hunab.

„Als Ingenieur sagte er sich, dass die Planung ohne einheitliches Maß zu keiner Zeit möglich war…und machte sich auf die Suche nach dem Grundmaß, mit dem Teotihuacáns Planer hantiert hatten.“ [54]

Dieser hunab soll bei der Erbauung der Stadt eine besondere Rolle gespielt haben. Es sollen sich mit Hilfe des hunab angeblich verschiedene Botschaften die in den Bauwerken versteckt sind, entschlüsseln lassen.

„Mit dem Einheitsmaß hatte Hugh Harleston eine neue und verblüffende Blickrichtung gefunden. Quetzalcoatl-Pyramide, Sonnen- bzw. Mondpyramide sind 21,42 und 63 hunab hoch, stehen also im Verhältnis von 1:2:3 zueinander; die Stufen der Sonnenpyramide erheben sich um ein Vielfaches von 3 hunab. Der Computer errechnete Erstaunliches: Die Grundrisskante der Quetzalcoatl-Pyramide entsprach dem 100.000sten Teil des Polarradius – an der Zitadelle entdeckte Harleston die (Ludolph’sche) Zahl pi und deren Funktion sowie die Ziffer für die Lichtgeschwindigkeit (299792km/sec.).“ [55]

Auf den ersten Blick scheint das faszinierend zu sein. Die Zahl Pi und die Konstante für die Lichtgeschwindigkeit konnten die Erbauer von Teotihuacán nicht kennen, ebenso wenig den Polarradius. Diese Behauptungen können durch nichts bewiesen werden.

Zum einen scheint Harleston willkürlich seine Maße festgelegt zu haben, die er dann beliebig so lange dividierte, bis sie irgendwie passten. Mit den entsprechenden Rechenexperimenten kann in jedem x-beliebigen Bauwerk so ziemlich alles versteckt sein. Zudem ergeben sich bei einigermaßen rechtwinkliger Bauweise zwangsläufig pythagoreische Dreiecke. Besondere Botschaften, wie auch immer geartet, lassen sich so nicht beweisen.

8.2 Die Straße der Toten – ein Modell unseres Sonnensystems

Die These, die Straße der Toten sei eine Abbildung des Sonnensystems, ist auf Hugh Harleston zurückzuführen.

„Harleston begann schier an seinen Ziffern zu zweifeln, die der Computer ihm zublinkte. Pyramidenstümpfe und Plattformen der Zitadelle standen für die durchschnittlichen Bahndaten der Planeten Merkur, Venus, Erde und Mars.“ [56]

War Harleston für Erich von Däniken noch Ingenieur, bei Johannes von Butlar mutierte er zum Archäologen.

„Nachdem der US-Archäologe Hugh Harleston alle freigelegten Bauten vermessen hatte, fütterte er seinen Computer mit diesen Daten. Zu seiner Verwunderung stellte sich heraus, dass die wichtigsten Gebäude der Stadt, vom Zentrum ausgehend, maßstabsgetreu, die Abständen der Erde von den anderen Planeten unseres Sonnensystems markieren.“ [57]

Während Däniken auf die Abweichung der gesamten Straße der Toten um ca. 17° östlich von der astronomischen Nordrichtung eingeht, unterschlägt von Butlar diese Tatsache.

„Die ganze Stadt war ein Planetarium, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Mit Ausnahme der ‚Sonnenpyramide‘ im Stadtkern sind alle Bauten westöstlich ausgerichtet. Nur die auf einer Fläche von 220 mal 225 Metern errichtete Pyramide weicht um 17° ab. Dadurch aber peilt sie genau die beiden Punkte an, an denen die Sonne beim Durchlaufen des Zeniths auf- und untergeht.“ [58]

Von Butlar unterschlägt nicht nur die Tatsache der Ausrichtung der Zentralachse Teotihuacáns. Er trifft sogar noch eine Falschaussage!

Um seine These vom Abbild des Sonnensystems zu stützen, greift Harleston beliebig Bauwerke heraus, die zufällig eine maßstäbliche Entfernung in bezog auf die Planeten aufweisen.

Die Wiedergabe des Sonnensystems soll hier bei der Zitadelle beginnen und in nördlicher Richtung über die Mondpyramide hinaus, weitergeführt werden. Angeblich finden sich auch in der jeweils entsprechenden Entfernung die dazu passenden Bauwerke. Auch diese These ist auf den ersten Blick faszinierend, zumal, wenn sich aus der Darstellung keine Widersprüche zu ergeben scheinen.

Schon bei oberflächlicher Betrachtung fällt jedoch auf, dass alle Bauwerke, mit Ausnahme der Mondpyramide, an einer Seite der Straße der Toten errichtet wurden. Nur die Mondpyramide steht genau in der Mitte der Straße. Das könnte man bei wohlwollender Betrachtung der These noch als zufällig ansehen, wenn es Hinweise für eine geplante Verlängerung der Straße in nördlicher Richtung geben würde.

Ein Blick auf den Plan der Stadt, zeigt jedoch deutlich, dies ist nicht der Fall. Die Mondpyramide wurde offensichtlich in der Absicht in der Straßenmitte errichtet, um einen Anfangs- oder Endpunkt der Straße zu markieren. Zudem sind hinter der Mondpyramide Gebäudekomplexe erkennbar, die eindeutig gegen eine geplante Weiterführung der Straße in nördlicher Richtung sprechen. Die in die These, der maßstäblichen Wiedergabe des Sonnensystems einbezogenen Bauten, ist somit nicht in Zusammenhang mit der Straße der Toten zu sehen. Ganz abgesehen davon, steht ihre Größe in keinem Verhältnis zu den symbolisierten Himmelskörpern. Zudem ist unklar welche Bedeutung sie ursprünglich hatten und ob es sich überhaupt um Kultbauten handelt. Ein weiterer Aspekt, gegen die These der maßstabsgerechten Abbildung des Sonnensystems, ist die willkürliche Einbeziehung von Bauten, die einen Komplex bilden, der möglicherweise kultischen Zwecken diente. Zur Stützung dieser These werden beispielsweise die Bauten des Zitadellenkomplexes als Einzelbauwerke betrachtet. Nach genauer Analyse aller bekannten Fakten lässt sie diese These nicht halten.

Skizze 4: Das angebliche Modell des Planetensystem

Skizze 4: Das angebliche Modell des Planetensystem.

8.3 Vergleich zwischen Teotihuacán n und den Pyramiden von Gizeh

Die These, es habe sowohl in Ägypten als auch in Amerika ein so genanntes Pyramidenzeitalter gegeben, vertritt Kurt Mendelssohn. Für ihn stellt der Pyramidenbau die Grundlage für die Herausbildung eines Staates dar.

„Teotihuacán , das prächtige, war die Schöpfung einer Bevölkerung, die ursprünglich Ackerbau trieb und in Dorfgemeinschaften wohnte. Am Anfang der Geschichte dieser Stadt stand die gewaltige ‚Pyramide des Sonnengottes‘. Zwingender, überzeugender könnte die Parallele zum ägyptischen ‚Pyramidenzeitalter‘ gar nicht sein. Ganz und gar unabhängig von den alten Kulturen des Orients hatten sich auch hier in Mittelamerika Menschen, Dorfbewohner zusammengetan. Man hatte sie aufgeboten, um eine alles überragende, alles in den Schatten stellende Pyramide zu errichten, und beim Bau dieser Pyramide – durch diesen Bau – legten sie den Grundstein für eine hoch entwickelte, wohlorganisierte Gesellschaftsordnung.“ [59]

Mendelssohn begeht den Fehler, den Bau der Pyramiden losgelöst vom gesellschaftlichen Kontext, zu dem das mythisch-religiöse Weltbild gehört, zu betrachten. Damit degradiert er die grandiosen Leistungen antiker Völker zu bloßen Beschäftigungstherapien. Er vergisst dabei, die für die Durchführung derartiger Projekte notwendige Logistik. Solche kann nur in einem funktionierenden Staat bereitgestellt werden.

Für Mendelssohn sind nachgewiesene astronomische Ausrichtungen der Pyramiden, speziell im mesoamerikanischen Kulturraum nicht existent – ja die Ausgeburt der allzu blühenden Phantasie einiger Spinner. Er betrachtet die Pyramiden nur unter dem Gesichtspunkt als Grabmal (Ägypten) bzw. ihrer Zweckmäßigkeit für bestimmte Opferrituale (Mesoamerika). Nicht einen Gedanken verschwendet er an das komplizierte religiöse System der mesoamerikanischen Völker, in dem Astronomie und Mathematik eine außerordentlich große Bedeutung hatten.

9. Schlussbetrachtungen

Die Beschäftigung mit Teotihuacán hat gezeigt wie viele Fragen bezüglich ihres Ursprungs und raschen Aufstieges noch nicht beantwortet werden können. Trotz des recht umfangreichen Faktenmaterials lassen sich nicht alle Rätsel lösen. Die scheinbar im Artikel auftretenden Widersprüche sind auf die unterschiedlichen Interpretationen der in die Forschung involvierten Wissenschaftler zurückzuführen. Insbesondere das plötzliche Vorhandensein einer vollständigen administrativen Organisation, gibt Rätsel auf. Dies mag einerseits daran liegen, dass keinerlei schriftliche Überlieferungen vorhanden sind und andererseits daran, dass umfassende Untersuchungen erst seit den letzten drei bis vier Jahrzehnten durchgeführt werden. Ob die Rätsel um diese Stadt im Ergebnis der noch andauernden Grabungen vollständig gelöst werden können, bleibt abzuwarten. Aber eines ist Teotihuacán mit Sicherheit nicht – ein Nachbau unseres Sonnensystems.

Anmerkungen

[1] Prem 1990, in: Köhler 1990
[2] vgl. Girard 1969, S. 457f.
[3] Carrasco 1991, S. 34
[4] ebenda
[5] Prem 1990, in: 1990
[6] ebenda
[7] ebenda, S. 70
[8] ebenda
[9] Prem 1990 und Riese 1990, in: Köhler 1990
[10] Prem nach Aveni, in: Köhler 1990
[11] Prem 1990, in: Köhler 1990
[12] http://archaeology.la.asu.edu/teo/intro/dead.htm
[13] http://archaeology.la.asu.edu/teo/moon/moon.en/6/architect.en.htm
[14] http://archaeology.la.asu.edu/teo/intro/chrcha.htm
[15] http://archaeology.la.asu.edu/teo/moon/moon.en/moon.en.htm
[16] http://archaeology.la.asu.edu/teo/intro/sun.htm
[17] Mendelssohn 1995, S. 223
[18] Carrasco 1991, S. 33
[19] ebenda, S. 34
[20] Collins, S. 65
[21] Carrasco 1991, S. 33
[22] ebenda, S. 34
[23] http://archaeology.la.asu.edu/teo/fsp/index.htm
[24] http://archaeology.la.asu.edu/teo/fsp/Arch./arcgnrl.htm
[25] http://archaeology.la.asu.edu/teo/fsp/Arch./arcgnrl.htm
[26] Riese 1995, S. 29f.
[27] Riese 1995, S. 27
[28] ebenda
[29] Mendelssohn 1995, S. 228
[30] Girare 1969, S. 460
[31] Riese 1995
[32] Aveni 1981
[33] Eisenhauer 2000, S. 7
[34] ebenda, S. 8
[35] ebenda, S. 9
[36] http://archaeology.la.asu.edu/teo/intro/chrcha.htm
[37] Eisenhauer 2000, S. 20
[38] ebenda, S. 25f.
[39] Aveni 1981
[40] Lanczkowski 1989
[41] ebenda
[42] Lanczkowski 1984
[43] ebenda
[44] http://www.posadavienahotel.com.mx/historia1.htm
[45] Lanczkowski 1989
[46] Prem 1990, in: Köhler 1990
[47] Lanczkowski 1989
[48] Riese 1995, S. 41
[49] ebenda
[50] ebenda
[51] Riese 1995, S. 42
[52] ebenda
[53] Riese 1995, S. 43
[54] Däniken 1984, S. 236
[55] ebenda
[56] Däniken 1984, S. 237
[57] Butlar 1991, S. 203f
[58] ebenda
[59] Mendelssohn 1995, S. 229f

Literaturverzeichnis

Aveni, Anthony F. (1981): Skywatchers of Ancient Mexico, University of Texas Press, Austin

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Däniken, Erich von (1984): Der Tag an dem die Götter kamen, Bertelsmann

Eisenhauer, Ursula (2000): Teotihuacán und seine ökonomischen Grundlagen / von Ursula Eisenhauer. [Aus dem Seminar für Vor- und Frühgeschichte der Universität Frankfurt/M.] – Bonn: Habelt 2000 (Studien zur Siedlungsarchäologie; 2) (Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie; Bd. 60)

Girard, Rafael (1969): Die ewigen Mayas. Zivilisation und Geschichte. Wiesbaden

Köhler, Ulrich – Hrsg. (1990): Altamerikanistik. Eine Einführung in die Hochkulturen Mittel- und Südamerikas. Dietrich Reimer Verlag, Berlin

Lanczkowski, Günter (1984): Götter und Menschen im alten Mexiko, Walter-Verlag AG, Olten

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Mendelssohn, Kurt (1995): Das Rätsel der Pyramiden, Weltbild-Verlag, Augsburg

Prem, Hanns (1990): „“, in: Köhler – Hrsg. (1990): Altamerikanistik. Berlin

Riese, Berthold (1990): „“, in: Köhler – Hrsg. (1990): Altamerikanistik. Berlin

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Aus dem Internet

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http://archaeology.la.asu.edu/teo/intrteo.htm
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Abbildungen

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