Internationaler Workshop in Jena diskutierte Alternativen zur Evolutionstheorie

In den USA glauben heute 30 Prozent aller Collegeabsolventen an den biblischen Schöpfungsbericht, in Italien versuchte vor wenigen Monaten Bildungsministerin Letizia Moratti, die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen der Mittelstufe zu streichen und das „Intelligent Design“, die akademische Variante kreationistischer Evolutionskritik, findet sich inzwischen auch in einem deutschen Schulbuch. Mit der Aufzählung solcher Fakten machte der Biologiehistoriker Uwe Hoßfeld (Universität Jena) auf die Aktualität des Themas des internationalen Workshops aufmerksam, der am 9. Juli unter dem Titel „Streitfall Evolution“ in Jena stattfand.

Die Arbeitsgruppe „Alternative Evolutionstheorien“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Arbeitsgruppe „Evolutionsbiologie“ der Deutschen Gesellschaft für Biologie und mehrere Universitätsinstitute hatten ins traditionsreiche „Ernst-Haeckel-Haus“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena eingeladen, die frühere Villa des „deutschen Darwin“. Ziel der Veranstaltung war es, historische und aktuelle Alternativen zur Evolutionstheorie darzustellen und ihre wissenschaftliche sowie gesellschaftliche Relevanz zu diskutieren.

Ulrich Kutschera, Inhaber des Lehrstuhls für Pflanzenphysiologie an der Universität Kassel, stellte gegenwärtige Ausprägungen des Kreationismus vor, den er als differenziertes Lager interpretiert, das von christlich-fundamentalistischen Bibelgläubigen und ihrer Annahme der „Jungen Erde“ bis zum „Intelligent Design“ (ID), einer sich akademisch und religiös ungebunden gebenden Lehre, reicht. Den inhaltlichen Schwerpunkt seines Vortrags nahm letztere Spielart kreationistischer Evolutionskritik ein. Sie ist nach Kutschera indes nur vermeintlich wissenschaftlich, denn ihre Methode bestehe aus der Mischung von Fakten und Glaubensinhalten. Ihre Angriffe auf die Evolutionsbiologie seien vor allem ideologiegeleitet.

In seinem bewusst polemisch zugespitzten Vortrag warnte Kutschera vor einer drohenden „Unterwanderung der Biologie“ durch Anhänger religiöser und esoterischer Glaubenssysteme. In der deutschen Debatte stehe dabei u.a. die evangelikale „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ im Zentrum. In ihrem Dunstkreis sei ein kreationistisches Biologiebuch von Reinhard Junker und Siegfried Scherer entstanden, das ausdrücklich als „Lehrbuch“ deklariert wird. Reinhard Junker, Mitarbeiter der Stiftung, ist Biologie-Lehrer und promovierter Theologe, Siegfried Scherer Professor für Mikrobiologie an der Technischen Universität München. Wie bei „Wort und Wissen“ gearbeitet und „geforscht“ wird, mag ein Zitat aus einem Text der dortigen „Geo-Arbeitsgruppe“ verdeutlichen:

„Unsere Arbeit wollen wir in Vertrauen auf Jesus Christus tun. R hat sowohl die theologische Wahrheit als auch die geschichtliche Wirklichkeit der biblischen Urgeschichte mit ihrem Kurzzeit-Horizont geoffenbart und beglaubigt. […] Für weitere Mitarbeiter, die sich auf dieser Grundlage in die umfangreiche geologische Arbeit rufen lassen, ist die Geo-Arbeitsgruppe von Wort und Wissen sehr dankbar. Ebens [o] freuen wir uns über Beter, die hinter uns stehen und diese Anliegen zu ihren eigenen machen.“

Darüber hinaus führte Kutschera das Beispiel von Wolf-Ekkehard Lönnig an, einem promovierten Genetiker am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung (MPIZ) in Köln. Lönnig, Mitglied der Glaubensgemeinschaft der „Zeugen Jehovas“, hatte auf der offiziellen Homepage des MPIZ mehrere Jahre lang kreationistische Spekulationen präsentiert. Nach Kutschera handelt es sich bei den genannten Autoren um „Bio-Theologen“.

Worin bestehen überhaupt die Gründe für den Aufwind religiös geprägter Sichten auf die Entwicklung der Natur und des Menschen? Glaubensinhalte seien befriedigender als wissenschaftliche Erklärungen, so Kutschera. Viele Menschen sehnten sich nach der Sicherheit geschlossener Weltbilder, zudem greife eine wachsende Wissenschaftsfeindlichkeit um sich – wobei jedoch auch innerwissenschaftliche Skandale dazu beigetragen hätten, dass das Vertrauen in die Wissenschaft immer stärker schwinde. Nur wenige Tage nach dem Workshop ist Kutscheras neues Buch zum Thema erschienen.

Kay Meister (Universität Jena) beschäftigte sich mit der idealistischen Paläontologie des deutschen Paläontologen und Geologen Edgar Dacqué (1878-1945), zeitweise Professor und Kustos an der Universität München, der Darwins Evolutionstheorie als zu schematisch ansah und als „materialistischen Reduktionismus“ ablehnte. Dacqué selbst vertrat eine teleologische Anthropologie – für ihn stellte der Mensch das von Beginn an vorgeprägte Ziel aller biologischen Entwicklung dar. So formulierte Dacqué in seinem erstmals 1924 erschienenen Buch ‚Urwelt, Sage und Menschheit‘, „daß der Mensch ein eigenes Wesen, ein eigener Stamm ist, uranfänglich gewesen, was er sein und werden sollte, wenngleich mit allerlei grundlegenden Veränderungen seiner Gestalt; und das er, körperlich und seelisch mit der Tierwelt stammesverwandt, doch als die von Uranfang an höhere Potenz die anderen aus seinem Stamm entlassen haben muß, nicht umgekehrt.“ Nach Dacqué waren bereits die Amöbe, der urzeitliche Fisch, die Reptilien u.a. Lebewesen „Formzustände\“ des Menschen.

In seinen Ansichten finden sich bereits Elemente, die auch heutige, sich als „Querdenker“ gebende Autoren präsentieren: Wenn Dacqué etwa behauptet, dass „Menschenwesen anderer Art unter den Drachen und Lindwürmern des mesozoischen Zeitalters“ existiert hätten , sind elementare Spekulationen eines Hans-Joachim Zillmer („Darwins Irrtum“) vorweggenommen. Dacqué argumentiert dabei metaphysisch und kommt ohne angebliche „ersteinerte Fußabdrücke von Menschen und Dinosauriern“ aus.

Thomas Junker (Universität Tübingen) stellte die Weiterentwicklung von Darwins Evolutionstheorie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor, den „Synthetischen Darwinismus“ (auch „Synthetische Theorie“ genannt), und zeitgenössische Alternativtheorien. Er unterteilte die Alternativen in eine Reihe wesentlicher Strömungen. Der damalige Kreationismus (Otto Kleinschmidt mit seiner „Formenkreislehre“) vertrat die Idee von „Schöpfungsakten“. Die idealistische Morphologie (Dacqué) behauptete einen ideellen „Entfaltungsplan“ der Natur. Der Lamarckismus (z.B. Bernhard Rensch) ging davon aus, dass die Evolution durch die Umwelt bestimmt wird, wobei ein Organismus die erworbenen phänotypischen Eigenschaften vererbt. Orthogenetische Theorien nahmen an, dass die Evolution bevorzugt in einer Richtung erfolgt, die durch den Bau der Organismen oder einen ihnen innewohnenden Trieb bestimmt wird. Saltationstheorien sprachen sich für einen sprunghaften Wandel der Arten aus. Makromutationstheorien sammelten empirische Befunde für die apostrophierte Wichtigkeit seltener, aber folgenreicher Mutationen für den Evolutionsprozess.

Weitere Vorträge beschäftigten sich mit dem russischen Antidarwinisten N. Y. Danilevsky und seinem Buch 1879 veröffentlichten Buch „Dawinism“ (Sergej Polatayko, Universität St. Petersburg) und der Artbildung ostafrikanischer Buntbarsche aus Sicht des bekannten Evolutionsbiologen Ernst Mayr (Axel Meyer, Universität Konstanz). Der Workshop würdigte damit ausdrücklich den hundertsten Geburtstag Mayrs, der als einer der Väter des „Synthetischen Darwinismus“ gilt.

In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob die Biowissenschaften kreationistische Theorien überhaupt als alternative Evolutionstheorien anerkennen und sich mit ihnen auseinandersetzen sollten. Es bestand zunächst Einigkeit, dass der Kreationismus – auch in modernen Spielarten wie dem „Intelligent Design“ -, von seiner religiös-weltanschaulichen Komponente geprägt werde. Einem Ignorieren wurde dennoch eine Absage erteilt. Die zunehmende Kraft religiös-esoterischer Glaubenssysteme liege auch in der Schwäche der gegenwärtigen Evolutionsbiologie begründet. Die sei deshalb umstritten, so ein Teilnehmer, weil sie wichtige Fragen bisher nicht hinreichend klären könne. Hieran müsse dringend weitergearbeitet werden. Der naturwissenschaftliche Schulunterricht wurde als defizitär eingeschätzt. Zustimmung fand die Aussage, „Evolution“ als zentralen Begriff der modernen Biologie anzusehen, dessen weitere Bearbeitung Interdisziplinarität erfordert. Hoßfeld schätzte abschließend ein, dass während des Workshops nur ein Ausschnitt aus dem „Streitfall Evolution“ aufgegriffen werden konnte.

Anmerkungen

[1] Nachdem 30.000 Professoren, Forscher und Intellektuelle, darunter Nobelpreisträger, Moratti ihren Protest mitgeteilt hatten, wurde das Vorhaben im April 2004 aufgegeben.

[2] Junker, Reinhard/Siegfried Scherer: Evolution – ein kritisches Lehrbuch, Gießen 20015.

[3] Stephan, Manfred: Wie schnell konnten Plattenkalke abgelagert werden? Zwei Beispiele, in: Informationen aus der Studiengemeinschaft Wort und Wissen. Info 4/02 – Nr. 61 (November 2002).
www.wort-und-wissen.de/info/02/4/info4-02.html

[4] Kutschera, U.: Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design (Naturwissenschaft und Glaube, Bd. 2), Münster 2004.

[5] Dacqué, Edgar: Urwelt, Sage und Menschheit, München/Berlin 19388, S. 98.

[6] Ebd., S. 38.

[7] Junker und Hoßfeld sind Autoren einer Einführung in die Evolutionstheorie; Junker, Thomas/Uwe Hoßfeld: Die Entdeckung der Evolution. Eine revolutionäre Theorie und ihre Geschichte, Darmstadt 2001.