Der französische Ort Rennes-le-Château und das vermeintliche Geheimnis des Priesters B. Saunière rücken seit dem Roman „Sakrileg“ von Dan Brown immer wieder in den Blickpunkt des Interesses. Oliver Deberling setzt ebenfalls bei Rennes-le-Château an, verfolgt die Spur aber in eine andere Richtung weiter. Befand sich bei Rennes-le-Château das Versteckt der Bundeslade?

1. Ein Dorf voller Geheimnisse

Schon seit längerer Zeit hatte es Pläne gegeben, die alte Dorfkirche von Rennes-le-Château, wenige Kilometer südlich von Carcassonne, grundlegend restaurieren zu lassen, doch im Jahre 1886 verschlechterte sich der Bauzustand des Gotteshauses so weit, dass unverzüglich etwas unternommen werden mußte. Bérenger Saunière, der energische Pfarrer des kleinen französischen Pyrenäendorfes, bat die bürgerliche Gemeinde um Hilfe, die sich unerwartet großzügig zeigte. Mit Hilfe eines bescheidenen Kredits war es nun möglich, die dringendsten Baumaßnahmen durchzuführen und die Kirche vor dem weiteren Verfall zu bewahren.

Im Zuge der weiteren Renovierungsarbeiten kam es bald zu einer seltsamen Entdeckung. Es wurden vier Holzzylinder gefunden, in denen mehrere uralte, vergilbte Pergamentschriften versiegelt waren. Eines der Pergamente enthielt Stammtafeln und Genealogien der Grafen von Razès, zu deren Ländereien Rennes-le-Château einst gehört hatte. Das zweite Schriftstück stammte angeblich aus dem Jahre 1644 und verbarg das Testament von François-Pierre de Hautpoul, dem damaligen Grundherren des Dorfes, das wiederum den Stammbaum der Grafen von Razès bis 1644 fortsetzte. Zwei weitere Pergamente waren offenbar von Abbé Antoine Bigou verfasst worden, der bis zur Französischen Revolution als Gemeindepfarrer von Rennes-le-Château und Beichtvater der adligen Familie Hautpoul de Blanchefort fungiert hatte.

Das kürzere der von Bigou verfassten Pergamente soll eine Text-Abschrift aus dem Lukas-Evangelium (6,1-5) zum Inhalt gehabt haben, die zusätzlich eine ganze Reihe von Besonderheiten enthielt. So waren die beiden letzten Worte vom übrigen Text abgesetzt worden, weil sie offenbar eine Warnung für den Leser beinhalteten: „Solis Sacerdotibus“ („Nur für Eingeweihte“) oder („Nur für die Priesterschaft“). Wurden auffällig hervorgehobenen Buchstaben allerdings hintereinander gelesen, ergab sich eine seltsame Botschaft:

„A DAGOBERT II. ROI ET A SION EST CE TRESOR ET IL EST LA MORT.“ („Dieser Schatz gehört Dagobert II. und Zion, und dort liegt er tot.“)

Für Bérenger Saunière ergab der größte Teil dieser kryptischen Mitteilung zunächst keinen Sinn. Ganz anders jedoch verhielt es sich mit dem erwähnten Dagobert II., der in der Geschichte der Gemeinde eine wichtige Rolle gespielt hatte. Dagobert war einer der letzten regierenden Merowinger-Könige des Franken-reichs und wurde 678 von seinem eigenen Majordomus in der Nähe von Stenay-sur-Meuse (Ardennen) ermordet. Im Jahre 671 hatte Dagobert Gisela von Razès geheiratet, zu deren Grundbesitz auch Rennes-le-Château gehört hatte.

Die Verschlüsselung des größeren Manuskripts erwies sich als weitaus komplizierter. Die alte Schrift, die sich als Auszug aus dem Johannes-Evangelium darstellte und vom Besuch Jesu bei Maria und Martha in Bethanien erzählte, war wieder ohne Zwischenräume aneinander geschrieben worden und enthielt zudem 140 zusätzlich in den Text eingestreute Buchstaben.

Abb. 1: Bérenger Saunière (1852-1917). Quelle: Oliver Deberling
Abb. 1: Bérenger Saunière (1852-1917). Quelle: Oliver Deberling

Nach vielen vergeblichen Entschlüsselungsversuchen wandte sich Saunière 1891 an seinen direkten Vorgesetzen Felix Arsene Billard, den Bischof von Carcassonne. Der Bischof hatte von einem jungen Priesterschüler namens Emile Hoffet gehört, der sich im Priesterseminar Saint Sulpice in Paris auf seine Priesterweihe vorbereitete und als Experte für die Entschlüsselung alter Geheimschriften galt. Es wurde verabredet, das Schriftstück an Emile Hoffet zu übergeben, der mit der Dechiffrierung beauftragt werden sollte.

Hoffet wurde schnell klar, dass sich die verschlüsselte Botschaft des Pergaments in den zusätzlich eingestreuten 140 Buchstaben verbarg. Er isolierte 128 dieser Buchstaben nach dem im 17. Jahrhundert oft verwendeten Vigenere-Schlüsselsatz, verschob sie jeweils um zwei Stellen im Alphabet und ordnete sie in der Reihenfolge einer Schachsequenz. Nach wenigen Wochen war die Entschlüsselung gelungen:

„BERGERE PAS DE TENTATION QUE POUSSIN TENIERS GARDENT LA CLEF PAX DCLXXXI PAR LA CROIX ET CE CHEVAL DE DIEU J´ACHEVE CE DAEMON DE GARDIEN A MIDI POMMES BLEUES.“

(„Schäferin, keine Versuchung. Poussin, Teniers, die den Schlüssel besitzen; Friede 681. Beim Kreuz und diesem Pferd Gottes beende oder zerstöre ich diesen Dämon von Wächter zu Mittag. Blaue Äpfel.“)

Hoffet entdeckte jedoch noch eine weitere versteckte Botschaft. In der Mitte des Pergaments wurde ein großes „A“ hervorgehoben, obwohl alle anderen „a“ klein geschrieben sind. Nicht weit davon entfernt stößt man auf das große „O“ – wie Alpha und Omega, Anfang und Ende. Die nach oben versetzten Buchstaben zwischen diesen beiden Zeichen ergeben das Wort ARETH. Werden weitere sieben nach oben gerückte Buchstaben hinzugefügt, entsteht ADGENES. Zusätzliche acht versetzte Buchstaben bilden wiederum PANIS SAL. Es ergibt sich folgender Text:

„AD GENESARETH. PANIS SAL.“

(„Nach Genesareth.. Brot und Salz.“)

Nach der vollständigen Entschlüsselung der alten Manuskripte und seiner Rückkehr aus Paris änderte sich die Lebenssituation Saunières ganz plötzlich und ohne jeden erkennbaren Grund. Der kleine Geistliche schien zu einem wichtigen und einflussreichen Mann geworden zu sein. Politiker und Standespersonen des europäischen Adels gaben sich bei Saunière die Klinke in die Hand. Auch die Renovierung der Kirche wurde nun in großem Stil fortgeführt, wobei die Baukosten offenbar keine Rolle mehr spielten. Saunières hatte von der Gräfin von Chambord, einer geborenen Habsburg, eigens für diesen Zweck eine wahrhaft fürstliche Spende von 3000 Francs in Gold erhalten. Als Überbringer des Geldsegens fungierte ein Mann, der sich selbst als „Herr Guillaume“ bezeichnete, im Dorf aber nur der „Ausländer“ genannt wurde und in Wahrheit niemand anderer war als Johann Salvator von Habsburg, der Vetter des österreichischen Kaisers Franz Joseph.

Warum sich das Haus Habsburg für Saunière und die Dorfkirche Rennes-le-Château zu interessieren begann, konnte damals niemand verstehen. Ein Rätsel war auch sein plötzlicher Reichtum. Der Priester gab Unsummen für teures Porzellan und kostbare alte Bücher aus. Er ließ sich ein neues Pfarrhaus und ein luxuriöses Landhaus, die Villa Bethania, errichten. Sein Arbeitszimmer und die reichhaltige Bibliothek richtete sich Saunières in einem zweigeschossigen Aussichtsturm ein, den er 1904 errichten ließ und der einen großartigen Blick über die urwüchsige Pyrenäenlandschaft gewährte. Allein die Summe dieser Bauvorhaben entsprach 68 000 Jahresgehältern als Priester!

Der Curé ließ es sich jetzt nicht mehr nehmen, die Dorfkirche noch reichhaltiger auszuschmücken als ursprünglich vorgesehen war. Gleich hinter dem Portal wurde eine Statue des Teufels Asmodi aufgestellt, der das Weihwasserbecken auf seinem Rücken trägt und mit einem Ausdruck des Entsetzens auf den Boden blickt, als ob dort etwas Furchtbares auf ihn lauern würde. Das Gotteshaus wurde zusätzlich mit Inschriften, seltsamen Anagrammen und bunten Wandmalereien ausgestattet, die oft von Saunières persönlichem Signum BS flankiert sind. Über dem Türsturz der Kirche ließ der Pfarrer schließlich eine seltsame Inschrift anbringen, die dem ersten Buch Moses entnommen wurde:

„Terribilis est Locus iste. Hic Domus Dei Est Et Porta“ („Dieser Ort ist schrecklich. Es ist das Haus Gottes, das Tor zum Himmel“).

Saunière machte sich mit seinen extravaganten Projekten erwartungsgemäß nicht nur Freunde. Die adlige Familie Hautpoul de Blanchefort bezichtigte ihn neben anderen Vergehen sogar der Grabschändung. Der Curé hatte aus zunächst unerfindlichen Gründen einen Grabstein und eine Grabplatte der Marquise Hautpoul de Blanchefort eigenhändig beiseite geschafft und zerstört. Die heftigen Proteste der Familie Hautpoul de Blanchefort, die die Schändung des Grabs ihrer Ahnherrin aus dem 18. Jahrhundert nicht hinnehmen wollte, wurden von Saunière jedoch schlicht ignoriert.

Inzwischen war das Bistum Carcassonne auf die Vorgänge in Rennes-le-Château aufmerksam geworden. Der neue Bischof, Monseigneur de Beausejour, der Nachfolger von Felix Arsene Billard, verlangte umgehend Aufklärung über die anscheinend beträchtlichen Einkünfte Saunières. Der Priester legte dem Bischof eine offenkundig gefälschte Liste seiner Einnahmen und Ausgaben vor, für die es keinerlei Quittungen gab. Beausejours Geduld erschöpfte sich allmählich. Er unterbreitete dem Curé ein letztes Angebot: Wenn er die angeblich unterschlagenen Summen an die Kirche zurückerstatten würde, wäre die leidige Angelegenheit für ihn erledigt. Saunière legte nun Urkunden und amtliche Bestätigungen vor, die belegen sollten, dass er selbst völlig mittellos sei und das gesamte Vermögen seiner Haushälterin Marie Denarnaud gehöre.

Dem Bistum Carcassonne war es natürlich nicht entgangen, dass Saunière nur Zeit gewinnen wollte und seinen gesamten Besitz vorsorglich an seine Haushälterin überschrieben hatte. Und so kam es wie es kommen mußte. Monseigneur de Beausejour klagte den Priester 1909 der Simonie und des Messehandels an. Man ging nun offiziell davon aus, dass Saunière Totenmessen für exkommunizierte Katholiken abgehalten hatte und hierfür beträchtliche Geldzahlungen erhielt. Folgerichtig wurde der Priester 1911 aller Ämter enthoben und dazu aufgefordert, den Rest seines Lebens in der Abgeschiedenheit eines Klosters zu verbringen.

Doch einmal mehr sollte sich das Schicksal zugunsten Saunières wenden. In Rom war Benedikt XV. zur Macht gekommen, der eine liberalere Richtung als sein Vorgänger einschlug und die katholische Kirche gegen innere Widerstände zu modernisieren versuchte. Der Prozess wurde wieder aufgenommen und Saunière 1914 in seinem alten Amt bestätigt. Wie früher gab er riesige Geldsummen aus, feierte mit den Dorfbewohnern prunkvolle Feste und machte großzügige Geschenke.

Zum letzten Mal nahm der Priester ein monumentales Bauprojekt in Angriff. Während überall der Erste Weltkrieg tobte, sollte ein Großteil Rennes-le-Château von einem auf neun Säulen ruhenden und 50 Meter in die Höhe ragenden Tempel überspannt werden. Das gigantische Bauwerk sollte nach den Plänen des Architekten Elias Both über 90 Millionen Francs in Gold kosten. Die Bauarbeiten begannen am 5. Januar 1917 und wurden bereits am 22. Januar wieder eingestellt. An diesem Tag starb Bérenger Saunière völlig überraschend, nachdem er am 17. Januar einen Schlaganfall erlitten hatte.

Als Saunière im Sterben lag, sollte sein Freund Abbé Rivière, der Pfarrer von Espéraza, die letzte Beichte abnehmen. Was Rivière von Saunière bei dieser letzten Beichte erfuhr, muss ihm einen derartigen Schock versetzt haben, dass er dem Priester die katholischen Sterbesakramente versagte. Zeugen berichteten später, Rivière habe verstört und leichenblass das Sterbezimmer verlassen und sei anschließend in einen andauernden Zustand der Melancholie verfallen. Wenige Monate später soll er dem Wahnsinn verfallen sein.

Seltsames ereignete sich auch bei Saunière Beerdigung am 23. Januar 1917. Zahlreiche fremde Trauergäste reisten aus ganz Europa an, um dem Priester die letzte Ehre zu erweisen. Man hatte Saunière zuvor in einen hohen Lehnsessel gesetzt und in einen langen Umhang gehüllt. Feierlich schritten die Fremden an der starren Leiche des Priesters vorüber und rissen kleine Troddeln vom Gewand des Toten.

Mit Saunières Ableben kehrte endlich wieder Ruhe ins Dorf ein. Marie Denarnaud trug ihren Reichtum nicht so offen zur Schau und führte mit dem ihr hinterlassenen Vermögen ein stilles und bescheidenes Leben. Als es schließlich 1946 unter der Regierung des neuen Präsidenten de Gaulle zu einer Währungsreform kam, bei der alte in neue Francs umgetauscht wurden und jeder Bürger Rechenschaft über den Ursprung seines Vermögens geben musste, verbrannte sie lieber ihr Geld im Garten, als dessen Quellen offenzulegen. Nach der Währungsreform lebte sie vom Erlös, den ihr der Verkauf der Villa Bethania eingebracht hatte. Dem Käufer der Villa, Monsieur Noël Corbu, wollte sie den Ursprung ihres Vermögens enthüllen, was jedoch durch ihren Tod 1953 verhindert wurde.

Noël Corbu, der ganz davon besessen war, das Rätsel um Saunières Reichtum aufzuklären, verkündete im Frühjahr 1968, er habe eine ungeheuerliche Entdeckung gemacht und bald werde ihm nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa gehören; kurze Zeit später starb er unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall in der Nähe von Fanjeaux.

Corbu war jedoch nur ein Schicksal in einer ganzen Reihe seltsamer Todesfälle, die es im Umfeld Saunières zu beklagen gab. Zu einem rätselhaften Gewaltverbrechen war es bereits im Februar 1915 gekommen, als Abbé Rescaniers, der neue Pfarrer von Rennes-les-Bains, durch das geschlossene Fenster seines Pfarrhauses erschossen wurde. Abbé Rescaniers untersuchte im Auftrag des Bischofs de Beausejour den Lebenswandel und die Vermögensverhältnisse Saunières und Henri Boudets, der als enger Freund und Mitwisser des Priesters galt. Erwartungsgemäß geriet Saunière sofort in Mordverdacht, doch aufgrund eines Alibis seiner Haushälterin konnte ihm niemand die Tat nachweisen.

Noch 1974 wurde Georgette Roumens-Talon, eine Nichte Marie Denarnauds, in ihrer Pariser Wohnung das Opfer eines gezielten Raubmords, bei dem ein offenbar antiker Goldpokal verschwand, den sie von ihrer Tante geschenkt bekommen hatte. Auch hier wurde das Verbrechen niemals aufgeklärt.

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Freunde, Vertrauten und Mitwisser Saunières ein sehr gefährliches Leben führten und ständig damit rechnen mußten, getötet zu werden. Andererseits gibt es nicht den geringsten Beweis dafür, dass die verschiedenen Gewaltverbrechen wirklich in einem ursächlichen Zusammenhang standen. In diesem Fall wären Marie Denarnaud, die Geliebte Saunières, und Henri Boudet, sein engster Freund, sicher ein bevorzugtes Ziel gewesen, doch beide starben friedlich und in hohem Alter eines natürlichen Todes.

Welches Geheimnis also verbarg sich hinter dem unermesslichen Reichtum des Priesters?

2. Kritische Widerlegungen

Von der Gräfin von Chambord, einer geborenen Habsburg, hatte Saunière 3000 Francs zur Renovierung der Gemeindekirche erhalten. Die Gräfin galt als Anhängerin der Monarchie in Frankreich, das seit dem Sturz des Kaisers Napoleon III. im Jahre 1870 zur Republik geworden war. Die Gelder waren offenbar eine Ermutigung für Saunières monarchistisches Engagement und sollten vielleicht auch dokumentieren, dass es einflussreiche Kreise gab, die ihre Hand schützend über ihn hielten.

Später stellte sich heraus, dass Bérenger Saunière darüber hinaus immense Summen durch den illegalen Verkauf von Messen verdient hatte. Er inserierte in verschiedenen religiösen Zeitschriften und bot sich an, Seelenmessen für Verstorbene zu halten. Zwischen 1896 und 1915 kassierte Saunière nach eigenen Aufzeichnungen etwa 250 000 Goldfrancs für 100 000 Messen, die er mit Sicherheit niemals abgehalten hatte. Eine, wie es scheint, rationale Erklärung für den beträchtlichen Reichtum des Priesters war damit gefunden worden.

Die eigentliche Geschichte über die vorgebliche Schatzentdeckung des Priesters stammt aus der Umgebung Noël Corbu (1912-1968), dem Marie Denarnaud die Villa Bethania verkauft hatte. In den 1960er Jahren traf er mit einem gewissen Pierre de Plantard zusammen, der bereits im Gefängnis gesessen hatte und überdies als Antisemit bekannt war. Noël Corbu erzählte Plantard bereitwillig von der angeblichen Schatzentdeckung des Priesters, von seinem märchenhaften Reichtum und den Pergamenten, die in der Dorfkirche gefunden wurden und weckte damit das Interesse des Abenteurers. Plantard machte sich sofort daran, Kapital aus der Geschichte zu schlagen. Zusammen mit seinem Freund Philippe de Cherisey verfasste er zahlreiche Schriften, aus denen hervorgehen sollte, dass Saunière einen Hinweis auf die Existenz der Prieure de Sion entdeckt hatte, ein Geheimorden, der nicht nur den Templerorden ins Leben gerufen habe, sondern auch ein brisantes Mysterium bewahrte. So soll Jesus Christus die Kreuzigung überlebt und zusammen mit Maria Magdalena eine Dynastie begründet haben, die bis in die Gegenwart fortbesteht und aus der nicht zuletzt das Geschlecht der Merowinger hervorging. Um der Geschichte die notwendige Glaubwürdigkeit zu verschaffen, machten sich Plantard und Cherisey daran, die chiffrierten Pergamente zu verfassen, die der Priester in der Dorfkirche fand und die angeblich den Schlüssel zu einem großen christlichen Geheimnis bergen. In den Engländern Lincoln, Baigent und Leigh fanden sie schließlich naive und leichtgläubige Autoren, die das Material für ihren Weltbestseller ‚Der Heilige Gral und seine Erben‘ nutzten, auf dessen Grundlage dann noch Dan Brown seinen Roman ‚Sakrileg‘ konzipierte.

Auch die Behauptung, Bérenger Saunière habe in der Dorfkirche verschiedene verschlüsselte Hinweise auf seine Entdeckung hinterlassen, kann nach Auffassung kritischer Forscher nur auf einem Irrtum beruhen, denn der Priester bezog die Inneneinrichtung des Gotteshauses von einer Firma, die religiöse Kunstwerke als billige Gipsabgüsse per Versandkatalog verkaufte. Versandhausware kann schlecht irgendwelche verborgenen Schlüssel zu angeblichen religiösen Geheimnissen enthalten. Folglich gibt es keinen Schatz, keine Pergamente und keine verschlüsselten Hinweise auf uralte Mysterien.

3. Widerlegungen auf dem Prüfstand

So manche spektakuläre Widerlegung großer Geheimnisse birgt bei näherer Betrachtung erhebliche Widersprüche und Ungereimtheiten. So ist es auch in diesem Fall, denn Bérenger Saunière verfügte nachweisbar nicht nur über die Gewinne aus dem illegalen Messehandel, sondern hatte weit ergiebigere Geldquellen. Das Kapital aus dem Messehandel war nur ein winziger Teil der unglaublichen Einnahmen Saunières zwischen 1887 und 1915. Hier lagen nicht die eigentlichen Ursprünge seines Reichtums.

Aus einem später gefundenen Rechnungsbuch geht hervor, dass Saunière bis 1915 rund 14 Millionen Francs aus der Hand seines Freundes und Kollegen Henri Boudet erhielt. Offiziell wurden die meisten Gelder an Marie Denarnaud zahlbar gestellt, von denen allerdings 7,6 Millionen Francs an Felix Arsene Billard weiterflossen, der Saunière mit den Pergamenten aus der Dorfkirche nach Paris geschickt hatte. 14 Millionen Francs hätte Bérenger Saunière nicht einmal in 100 Jahren durch Messehandel verdienen können. Sowohl bei der Warburg-Bank in New York als auch bei der Londoner Rothschild-Bank hatte Saunière unter dem Falschnamen „Jean Moreau“ diverse Konten eröffnet, auf die später auch Johann Salvator von Habsburg riesige Summen überwies. Und selbst dieses Vermögen scheint nur einen Bruchteil von Saunières wahrem Reichtums darzustellen. Wie sonst wäre zu erklären, dass er den Bau eines Tempels in Auftrag gab, der 90 Millionen Francs in Gold kosten sollte? Nach heutiger Währung sind dies fast 360 Millionen Euro!

Hatte der Priester doch einen Schatz entdeckt und war durch den Verkauf der Wertgegenstände reich geworden? Auch auf diese Frage gibt es eine überraschende Antwort. Abbé Saunière selbst hinterließ verräterische Spuren eines Schatzes, die auf einem kleinen Grundstück gefunden wurden, das sich der Priester in der Nähe des Dorfes im Bals-Tal gekauft hatte. 1928 fand man dort neben einem Schmelztiegel die goldene Bodenplatte einer Statue, die mehr als einen Meter hoch gewesen sein muß und deren Hauptkörper bereits eingeschmolzen worden war, um besser verkauft werden zu können.

4. Hinweise des Priesters

Es gibt Entdeckungen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind und nur für Eingeweihte erkennbar sein sollen, die in der Lage sein müssen, bestimmte Symbole zu entschlüsseln. Solche Symbole hinterließ Saunière überall in Rennes-le-Château. Stets stolpert der aufmerksame Betrachter über die ominöse Zahl 22, die für den Priester offenbar von großer Bedeutung war. So enthält die Inschrift „Terribilis est locus iste“ („Dieser Ort ist schrecklich“) über dem Kirchenportal genau 22 Buchstaben. Diese Zahl wiederum entspricht den 22 Zähnen eines Totenschädels über dem Friedhofseingang und den 22 Zinnen des von Sau-nière erbauten Aussichtsturms. Es geht jedoch noch weiter und wird immer seltsamer. Auf einem Sockel über der Statue des Teufels Asmodi ließ Saunière die lateinischen Worte „Par ce signe tu le vainc-ras“ („Durch dieses Zeichen wirst du ihn besiegen“) anbringen, die nach einer Legende von Kaiser Konstantin einst am Himmel erblickt worden sein sollen und seinen Sieg im Zeichen des Kreuzes verkündeten. Dort lautete der Satz allerdings: „Par ce signe tu vaincras“ („Durch dieses Zeichen wirst du siegen“). Der Priester fügte also zwei überflüssige Buchstaben hinzu und erhielt wiederum eine Inschrift mit 22 Zeichen.

Welchen Grund gab es für die ständige Wiederholung der 22? Die 22 ist von großer esoterischer Bedeutung. Die großen Arkana des Tarot umfassen exakt 22 Karten. Das hebräische Alphabet besteht aus 22 Buchstaben. Der Weg zum „Stein der Weisen“ ging nach den Vorstellungen der mittelalterlichen Alchemisten über genau 22 Stationen. Nach der Legende soll Moses 22 Jahre lang ägyptischer Priester gewesen sein. Im siebten Kapitel der Offenbarung Johannes ist es gerade der 22. Vers, der Moses beschreibt. In der selben Offenbarung wird im 22. Kapitel ein „Baum des Lebens“ erwähnt. Einen solchen Baum ließ der Priester ausgerechnet in der Kirche darstellen, wo im Winter ein Kirchenfenster am Mittag einen Baum mit drei blauen Äpfeln projiziert.

Saunière überließ wirklich nichts dem Zufall. So säumen den Raum vor dem Altar mehrere Heiligenstatuen, die einen faszinierenden Schlüssel enthalten. Liest man die Anfangsbuchstaben von vier Heiligennamen zusammen mit Lukas an der Kanzel hintereinander, ergibt sich das Wort „Graal“ (französisch für Gral):

„St. Germaine, St. Roch, St. Antoine Eremite, St. Antoine de Padoue, St. Lukas“

Der Priester hatte die Statuen aus dem Versandhauskatalog also ganz bewußt im Sinne einer Botschaft arrangiert, Zahlensymbole hinzugefügt und mit verschlüsselten Inschriften ergänzt. Überall Verweise auf die jüdische Mystik, den „Stein der Weisen“ und den Heiligen Gral. Wozu?

Das Geheimnis Saunières ist untrennbar mit einer Entdeckung verbunden, die am 21. September 1891 auf dem Dorffriedhof von Rennes-le-Château gemacht wurde und die der Priester auch in seinem Tagebuch erwähnt:

„Entdeckung eines Grabes. Regen am Abend.“

An diesem erwähnten 21. September hatte man bei Renovierungsarbeiten auf dem Friedhof den Grabstein der Marquise Hautpoul de Blanchefort aus dem späten 18. Jahrhundert freigelegt, dessen Inschrift von Antoine Bigou, dem Verfasser der Pergamente, entworfen wurde. 1905 wurde der Grabstein von einem Mitglied der Sociéte des Etudes Scientifiques de l‘ Aude, einer archäologischen Forschungsgesellschaft, ge-zeichnet, photographiert und später sogar in einem Forschungsbericht abgedruckt.

Die Inschrift des Grabsteins ist außerordentlich interessant und enthält einen faszinierenden Hinweis auf das Mysterium von Rennes-le-Château. Einige Wörter des Textes enthalten auffällig nach oben oder unten gerückte Buchstaben. So wurde in der siebten Zeile der siebte Buchstabe, das P des Wortes sept (sieben) eine halbe Zeile nach unten gerückt. Die siebte Zeile, das siebte Wort und die Zahl sieben – ein Symbol für die 777, die in der Mystik eine wichtige Rolle spielt. 777 entspricht der Quersumme 21 (7 + 7 + 7), die sogar in einem Merkspruch der mittelalterlichen Bauhütten in Frankreich erwähnt wird. Dort heißt es:

„Drei Tafeln haben den Gral getragen: eine runde, eine quadratische und eine rechteckige Tafel. Alle drei haben denselben Flächeninhalt. Ihre Zahl ist 21.“

Zunächst ist man etwas verwirrt und fragt sich, welche Verbindung zwischen der Zahl 21 und dem Gral bestehen soll. Die 777 und mit ihr die 21 galten nach alten Legenden als Symbole des Salomonischen Tempels, dessen Allerheiligstes angeblich sieben Meter lang, hoch und breit gewesen sein soll. Die 21 wiederum findet sich auch in den Proportionen des jüdischen Tempels, der im Verhältnis 2:1 gestaltet war und dessen Länge der doppelten Breite entsprach.

Es ist nicht nur bemerkenswert, dass der Gral in der Bauhüttentradition mit dem jüdischen Tempel verknüpft wurde, vor allem ist es seltsam, dass diese Symbole ausgerechnet auf dem Grabstein der Marquise auftauchten.

Die Inschrift enthält jedoch noch einen weiteren Hinweis auf den Gral, der kaum zu übersehen ist. In der vorletzten Zeile erscheint das Wort „catin“, das im Französischen eine Hure oder Dirne bezeichnet. Ein derartiger Ausdruck gehört nicht auf den Grabstein einer vornehmen, adligen Dame und hatte ursprünglich auch eine andere Bedeutung. In lateinischen Schriften wurde „catin(us)“, was mit „Becher“ oder „Napf“ übersetzt werden muß, zuweilen als Umschreibung des Grals verwendet.

Wie bereits erwähnt, zerstörte Saunière später den Grabstein, weil er offenbar nicht wußte, dass die Inschrift bereits aufgezeichnet worden war. Nach heftigen Protesten der Familie Hautpoul de Blanchefort, die dem Priester sogar Grabschändung vorwarf, ließ er eine Kopie des Grabstein anfertigen, deren Inschrift jedoch völlig andere Proportionen als das Original aufwies. Durch eine Veränderung der Anzahl der Textzeilen war der beschriebene Schlüssel mit der 777 nicht mehr erkennbar, die sich nur dann ableiten lässt, wenn das P des französischen Wortes für sieben (sept) exakt in der siebten Zeile erscheint.

Abb. 2: Der Grabstein der Marquise Hautpoul de Blanchefort enthält Hinweise auf den Heiligen Gral. Quelle: Oliver Deberling.
Abb. 2: Der Grabstein der Marquise Hautpoul de Blanchefort enthält Hinweise auf den Heiligen Gral. Quelle: Oliver Deberling.

Antoine Bigou, der Verfasser der erwähnten Grabinschrift, war eine wichtige Quelle für Saunières Wissen. Er hatte ein altes Geheimnis des Adelshauses Hautpoul de Blanchefort verschlüsselt aufgezeichnet und festgehalten. Jenes Familiengeheimnis wurde jeweils vom Vater an den ältesten Sohn weitergegeben, um es für künftige Generationen zu bewahren. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Linie der Geheimnisträger unterbrochen. Die Ehe der Marquise Marie Hautpoul de Blancheforts mit Graf Henri war kinderlos geblieben und die alte Überlieferungstradition an ihr Ende gelangt.

Als Marie im Sterben lag, ließ sie ihren Beichtvater Antoine Bigou kommen, um ihn in ein – wie es heißt – uraltes Mysterium einzuweihen, dessen Träger die Adelsfamilie geworden war. Gegenüber einem Amtsbruder sprach der Priester davon, dass die Marquise von ihm verlangt habe, das Geheimnis einer würdigen Person anzuvertrauen, die es wiederum weiterreichen sollte. Als Jahre später die große Französische Revolution ausbrach und viele katholische Priester verhaftet und ermordet wurden, entschloss sich Bigou, sein Vaterland zu verlassen und nach Spanien zu übersiedeln, wo er 1793 starb.

Im Exil gab Bigou das Geheimnis der Marquise an Abbé Cauneille weiter, der seinen Amtsbruder Jean Vié informierte, welcher später Pfarrer von Rennes-les-Bains wurde. Der Nachfolger Jean Viés war jedoch kein anderer als Henri Boudet, der Freund und Vertraute Saunières. Es gab demnach eine ununterbrochene Kette von Geheimnisträgern, die von Antoine Bigou bis Saunière und Boudet reichte und mit Abbé Rivière, dem Pfarrer von Espéraza, weitergeführt wurde.

Offenbar wußte Henri Boudet durch diese Überlieferung nicht nur vor Saunière von der Existenz des Geheimnisses, sondern war auch über die verschlüsselten Pergamentschriften informiert. Anscheinend hatte er bereits von seinem Amtsvorgänger Jean Vié erfahren, dass dem Familiengeheimnis nur zusammen mit den Pergamenten Antoine Bigous auf die Spur zu kommen war, die jedoch als verschollen galten. Bekannt war lediglich, dass Abbé Bigou die Schriftstücke vor seiner Flucht nach Spanien an einem sicheren Platz in der Dorfkirche von Rennes-le-Château versteckt hatte. Es war demnach kein Zufall, dass Henri Boudet Saunière immer wieder zur grundlegenden Renovierung der Gemeindekirche gedrängt hatte, bei der die Pergamentbotschaften Antoine Bigous unweigerlich zum Vorschein kommen mußten. Abbé Boudet war der eigentliche Wissende, der erste Geistliche, der nach dem Tod Antoine Bigous wieder wirklich in das Geheimnis der Marquise Hautpoul de Blanchefort eingeweiht war.

Ebenso wie Saunière schien auch Henri Boudet eine Vorliebe für Friedhöfe gehabt zu haben. Auf dem Friedhof von Rennes-les-Bains ließ Boudet den Grabstein seines Vorgängers Jean Vié manipulieren, indem das Todesdatum verändert wurde. Die Inschrift des Grabes lautet: „MORT LE 1ER 7BRE 1872“ („Gestorben am 1. September 1872“). Die Zahl 7 (sept) übernahm die Ergänzung für das Wort „SEP-TEMPRE“ (September), während mit 1 der Monatstag bezeichnet wurde. Eine solche Schreibweise war durchaus im Frankreich des 19. Jahrhunderts üblich. Unüblich ist hingegen die Fälschung des Sterbedatums, denn offenkundig sollte auf dem Grabstein unbedingt die Zahl 17 erscheinen und gemeinsam mit Jean Vié einen seltsamen Hinweis bilden. Jean Vié hat viel Ähnlichkeit mit „janvier“ (Januar). Man könnte die Inschrift also auch als „17 janvier“ (17. Januar) interpretieren. An einem 17. Januar erlitt Saunière einen Schlaganfall. Am gleichen Datum des Jahres 1781 soll die Marquise Hautpoul de Blanchefort verschieden sein. Der 17. Januar war wiederum der Gedenktag des heiligen Antonius, der als Hüter der verlorenen Gegenstände und Schätze galt und nach der Legende der Urahn Gottfried von Bouillons war, der als Führer des ersten Kreuzzugs in die Geschichte einging.

Direkt neben der Ruhestätte Jean Viés liegt das gemeinsame Grab der Mutter und Schwester Henri Boudets. Auffällig ist, dass die Inschriften für die beiden Frauen mit einer Linie getrennt wurden, die in Pfeilspitzen ausläuft. Auf dem Friedhof von Rennes-les-Bains gibt es zwar noch weitere ähnliche Linien auf anderen Grabsteinen, doch diese enden in eindeutig dekorativen Formen wie Lilien. Offenkundig ließ sich Boudet von einer Grabplatte inspirieren, die auf dem Friedhof von Rennes-le-Château gefunden wurde und angeblich zum Grab der Marquise gehörte.

Über die Entstehungsgeschichte der Steinplatte gibt es wenige verlässliche Informationen. Nach der Überlieferung wurde sie von Antoine Bigou angefertigt und 1791 auf das Grab der Marquise gelegt. Vielleicht entstand sie auch erst später und wurde im Laufe der Zeit verändert und ergänzt. Sicher ist jedenfalls, dass sie bereits vor Saunières Ankunft in Rennes-le-Château existiert haben muß und von ihm 1905 zerstört wurde. Es gibt eine gut dokumentierte Zeichnung der Steinplatte und des Grabsteins, die der Heimatforscher Ernest Cros um 1900 angefertigt hatte und die eine Rekonstruktion möglich machte. Auf der Grabplatte wurden die lateinischen Worte REDDIS, REGIS, CELLIS und ARCIS durch eine senkrechte Linie getrennt, die oben und unten in Pfeilspitzen ausläuft und deutliche Ähnlichkeiten zur Darstellung auf dem Grabstein der Mutter und Schwester Henri Boudets aufweist. Merkwürdigerweise werden die zitierten Worte wieder aus genau 22 Buchstaben gebildet, die in einer Reihe mit den Zahlensymbolen in der Dorf-kirche gesehen werden müssen.

Über die Aussage der Inschrift lässt sich nur spekulieren, da es jeweils mehrere Übersetzungsmöglichkeiten gibt. Sehr interessant ist jedoch eine andere Botschaft, die am Rand der Platte zu erkennen ist. Dort heißt es in griechischen Buchstaben: „Et in Arcadia Ego“ („Und ich in Arkadien“).

Saunière und Boudet muß schnell klar geworden sein, dass der sonderbar verstümmelte Satz den Hinweis auf ein altes Gemälde darstellt. Die Wendung „Et in Arcadia Ego“ erscheint bereits auf dem berühmten Bild Die Hirten in Arkadien, das der französische Landschaftsmaler Nicolas Poussin um 1650 schuf. Dort ziert die Inschrift einen Steinschrein, der sich in offener Landschaft vor einem markanten Felsen im Hintergrund erhebt. Den seltsamen Schrein rahmen vier Figuren ein, während zwei im Vordergrund kniende Hirten auf die Inschrift weisen, die für den Maler anscheinend von besonderer Wichtigkeit war. Seltsamerweise wird das Bild auch in einem der Pergamente erwähnt, die in der Dorfkirche von Rennes-le-Château gefunden worden sein sollen:

„Schäferin, keine Versuchung. Poussin, Teniers, die den Schlüssel besitzen …“

Ganz offensichtlich bilden „Schäferin“ und „Poussin“ zusammen mit der Wendung „Et in Arcadia Ego“ einen Fingerzeig auf das bewusste Gemälde Poussins, das „den Schlüssel“ besitzen soll. Welches Geheimnis verbarg das Bild? Was hatte es mit Saunières Entdeckung zu tun?

Etwa fünf Kilometer östlich von Rennes-le-Château, unweit des kleinen Weilers Les Pontils, erhebt sich eine markante Felsformation, die mit dem Felsrücken bei Poussin eindeutig identisch ist. Auf dem Bild lassen sich selbst die kleinsten Details der realen Felsformation wiederfinden. Man erkennt wie in der Landschaft um Les Pontils eine abfallende Abbruchkante, die in ihrem oberen Teil einen 75 Grad Winkel einhält, der gut erkennbar in eine Art „Felsnase“ übergeht. Darunter ist eine leicht abgerundete Ausbuchtung zu sehen, die in einem Abhang ausläuft. Es gibt jedoch noch weitere Übereinstimmungen mit der Gegend um Les Pontils. Auf der linken Bildseite ist ein nach links abfallender Bergrücken zu beobachten, der sich wiederum einige hundert Meter Linkerhand des erwähnten markanten Felsens erhebt.

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Abb.3: Steinschrein bei Rennes-le-Château. Quelle: Oliver Deberling.

Wie auf dem Gemälde erhob sich bei Les Pontils vor dem Felsen ein rätselhafter Steinschrein, der nach einer örtlichen Überlieferung bereits im 18. Jahrhundert zerstört worden sein soll. Später, vermutlich um 1903, wurde er seltsamerweise an seinem ursprünglichen Standort originalgetreu wiederhergestellt. Nach den Eintragungen im entsprechenden Grundbuch gehörte das Grundstück bis in die 1950er Jahre einem Amerikaner namens Louis Lawrence, der sich intensiv für die Geschichte des Languedoc interessierte. Der neue Grundbesitzer, Monsieur Rousset, ließ den merkwürdigen Schrein schließlich am 15. April 1988 aus unbekannten Gründen zerstören. Heute ist dort nur noch die steinerne Bodenplatte des früheren Sarkophags zu erkennen.

Auffällig ist, dass Poussin die gesamte Szene zwar fotografisch genau festhielt, aber andererseits exakt spiegelverkehrt darstellte. Warum dies geschah, bleibt ein Rätsel. Es mag sein, dass sich der Maler durch ältere Darstellungen beeinflussen ließ, die die beiden Bergrücken auf die geschilderte Weise darstellten, ursprünglich jedoch muß die sonderbare Malweise eine tiefere Bedeutung gehabt haben. Verständlich wird dies, wenn man von der Position des ehemaligen Steinschreins auf den großen Felsen im Hintergrund blickt. Es fällt auf, dass von dieser Stelle aus lediglich der obere Teil der Umrißlinie klar zu erkennen ist. Gut erkennbar ist der Felsen jedoch von der abgewandten Rückseite. Von hier aus betrachtet erscheint der Bergrücken allerdings spiegelverkehrt wie auf dem Gemälde.

Poussins Bild ist allerdings nicht das einzige Gemälde, das den Schrein und die Umgebung von Les Pontils wiedergibt. Das Bild „Der heilige Antonius und der heilige Paulus“ von David Teniers dem Jüngeren (1610-1690) wirkt wie eine Kopie der wichtigsten Bildelemente bei Poussin. Wiederum erscheint im Bild-zentrum ein grob behauener Steinschrein, der von einem markanten Felsen im Hintergrund überragt wird.

Es ist zwar bekannt, dass David Teniers mehrere Bilder malte, die sich mit der bekannten Versuchung des heiligen Antonius beschäftigten, doch „Der heilige Antonius und der heilige Paulus“ war das einzige Werk des Künstlers, auf dem der Heilige nicht in Versuchung geführt wurde. Genau dies ist in einer der Pergamentschriften nachzulesen:

„Schäferin, keine Versuchung. Poussin, Teniers, die den Schlüssel besitzen …“

Während „Schäferin“ und „Poussin“ gemeinsam eine Anspielung auf „Die Hirten in Arkadien“ bilden, stellt „keine Versuchung“ und „Teniers“ einen Hinweis auf das Gemälde „Der heilige Antonius und der heilige Paulus“ dar, das sich ja tatsächlich nicht auf die übliche Versuchung des Heiligen bezog. Die gefälschten Pergamente enthalten also nachprüfbare Informationen zu zwei Gemälden, die einen realen Ort in der Nähe von Rennes-le-Château zeigen, wobei Teniers‘ Bild zur Zeit der Entstehung der Schriftstücke sogar als verschollen galt und erst wieder in den 1990er Jahren in den Kunstkatalogen auftauchte.

Entweder hatten die Fälscher um Pierre de Plantard genaue Kenntnisse über die Vorgänge und Hintergründe in Rennes-le-Château oder die gefälschten Papiere bezogen sich auf echte Schriftstücke. Das Letztere scheint der Fall zu sein, denn nach den Aussagen Plantards wurden die Kernaussagen des von ihm verfass-ten Manuskripts eben jenen Pergamenten entnommen, die Saunière in der Dorfkirche entdeckte. Tatsächlich war der Großvater Plantards ein enger Freund Saunières und Boudets, gehörte also eindeutig zu den Mitwissern der Priester. Unter diesem Blickwinkel müssen die verschlüsselten und symbolischen Aussagen des Textes völlig neu bewertet werden.

Dreh- und Angelpunkte der verschlüsselten Botschaften sind die beiden erwähnten Gemälde und vor allem das Arkadien-Motiv. Bei Poussin dient die griechische Hirtenlandschaft als künstlerischer Rahmen, in dem die Inschrift „Et in Arcadia Ego“ („Und ich in Arkadien“) erscheinen konnte. Die Worte auf dem Grabschrein sollten anscheinend darauf hindeuten, dass der Tod auch in Arkadien, der Ideallandschaft der Künstler, gegenwärtig ist. Doch die zweite, versteckte Botschaft des Satzes war bei weitem wichtiger. Die Inschrift mußte deshalb ohne Verbum bleiben, weil sie eine bestimmte Anzahl von Buchstaben enthalten sollte, die ein Anagramm, ein Buchstabenrätsel, bilden.

Der lateinische Satz lässt sich nach einem einfachen und logischen System umstellen. Zunächst wird „Arcadia“ in „Arca“ und „dia“ getrennt und das „A“ von „dia“ mit „in“ zu „Ian“ verbunden, während das „T“ von „Et“ mit „Ego“ zu „Tego“ verschmilzt. Das übrig gebliebene „E“ von „Et“ ergänzt nun „DI“ zu „Dei“. Insgesamt wird also nur ein Wort getrennt und drei Buchstaben verschoben. Die übrigen Worte werden nicht verändert oder umgestellt, sondern nur durch die drei Buchstaben ergänzt. Es entsteht: „Tego Ian(us) Arca Dei.“ Die Übersetzung ist so unglaublich, dass man es zunächst kaum für möglich hält: „Ich verberge den Zugang zur Lade Gottes.“

Was hatte die „Lade Gottes“, die Bundeslade, mit Saunière und Rennes-le-Château zu tun? Und wie hätte das verschollene israelische Heiligtum überhaupt in die Pyrenäenlandschaft gelangen sollen?

Nach der Auflösung des Anagramms verbarg der Schrein nicht die Bundeslade, sondern einen „Zugang“, was nicht unbedingt symbolisch zu verstehen ist, denn das verwendete Substantiv „Ian(us)“ kann im genauen Wortsinn auch als „bedeckter Durchgang“, „Stollen“ oder „Tunnel“ übersetzt werden. Anscheinend gab es im Bereich des Schreins einen Zugang zu einem unterirdischen Stollen oder einer Grotte.

Tatsächlich lassen sich in der Umgebung von Les Pontils und Rennes-le-Château zahlreiche unterirdische Stollen finden, die im 13. Jahrhundert vom Ritterorden der Templer angelegt wurden. In der Nähe der Festung Le Bezu, wenige Kilometer von Rennes-le-Château entfernt, fand man sogar den Eingang zu einem Tunnelsystem, das von den Kreuzrittern genutzt wurde, weitgehend unerforscht ist und noch heute als „Loch der Templer“ bezeichnet wird.

Zahlreiche Indizien und Beweise, von denen hier nur wenige Beispiele herausgegriffen werden sollen, unterstreichen, dass das Geheimnis von Rennes-le-Château tatsächlich mit der Bundeslade zusammenhängt. So enthält eines der Pergamente eine Anspielung auf einen „Schatz von Zion“. Zion war der eigentliche Name Jerusalems. Später wurde er auf den Tempelberg und den Tempel übertragen, den Aufbewahrungsort der Lade. Ursprünglich wurde auch die Bundeslade selbst als „Herrin Zion“ bezeichnet. Seltsamerweise zeigt das Wappen von Rennes-le-Château das Symbol Zions, den Davidstern! Ein solcher Davidstern ziert jedoch auch ein Fenster der Kirche von Arques, zu dessen Gemarkung die Umgebung des Steinschreins gehört. Der auffällige Gleichklang zwischen der französischen Aussprache von Arques (gesprochen Arqu) und dem lateinischen Wort Arca (Lade) mutet tatsächlich seltsam an. „Arqu“ ist ein alt-ägyptisches Wort. In Ägypten nannte man die in das Geheimnis der Götter eingeweihten Priester schlicht „Arqu“. Der in Ägypten geborene israelische Religionsstifter Moses, der Erbauer der Bundeslade, war ein „Arqu“.

Auch die von Saunière erbauten Villen und Häuser enthalten merkwürdige Symbole, die offenkundig auf den Tempel und die Bundeslade hindeuten sollten. Einem von ihm erbauten Aussichtsturm gab der Priester den Namen „Tour Magdala“ („Turm der Magdalena“). Offenbar war die Namensgebung keine Anspielung auf die biblische Maria Magdalena, die Namenspatronin der Dorfkirche, sondern hatte ganz andere Hintergründe. Der Name Magdalena bedeutet eigentlich „Frau des Tempelturms“ und steht im Zusammenhang mit den drei Türmen des Jerusalemer Tempels, die der dreieinigen babylonischen Göttin Maria-Anna-Ischtar geweiht waren. Ein ähnlicher Begriff wird noch heute in Äthiopien verwendet, wo man das Allerheiligste des Tempels schlicht als „Magda“ bezeichnet. Auch Saunières Villa wurde nicht umsonst „Villa Bethania“ genannt. Übersetzt bedeutet Bethania „Haus der Anna-Ischtar“, das nichts anderes war als der Tempel in Jerusalem, dessen größtes Geheimnis der Priester entdeckt hatte.

Den eindeutigsten Hinweis auf die Bundeslade entdeckt man jedoch in Form eines Buchzeichens, das von Saunières persönlich entworfen wurde und drei ineinanderliegende Kreise mit einem Punkt in der Mitte zeigt. Die Darstellung erscheint über einem jüdischen Davidstern, der wiederum aus einem hellen und dunklen Dreieck gebildet wird. Merkwürdig ist, dass die Kreise nicht konzentrisch, sondern versetzt ange-ordnet wurden. Das Symbol auf dem Buchzeichen hatte im Judentum eine wichtige Bedeutung, wo die Welt durch drei ineinanderliegende Kreise symbolisiert wurde, die, von innen nach aussen gesehen, für Jerusalem, Israel und die übrige Welt standen. Ein kleiner Punkt im Zentrum des kleinsten Kreises wieder-um stand für die legendäre Bundeslade, den Mittelpunkt oder die „Mitte“ der Welt, von der auch in einer Inschrift die Rede ist, die der Priester auf dem Buchzeichen hinterließ: „Centrum In Trigono Centri.“ („Die Mitte ist im Dreieck der Mitte“).

Aufschlußreich ist die Erwähnung eines Dreiecks auf dem Exlibris. Die „Mitte“ sollte im „Dreieck der Mitte“ gesucht werden. Die Dreiheit war ein altes Gottessymbol, das sich auch im Davidstern widerspiegelt, der aus zwei Dreiecken gebildet wird und ebenfalls auf dem Buchzeichen zu sehen ist. Das im Vordergrund erscheinende helle Dreieck des Stern bildet exakt das Zentrum des Exlibris, auf das vier Engelsgestalten blicken, die am Rand des Bildes erkennbar sind. Es ist absolut erstaunlich, dass Saunière sein Buchzeichen symbolisch nicht nur mit der Bundeslade, sondern auch mit einem Hinweis auf eine zweite „Mitte“ verband. Neben dem Kreis mit dem Punkt im Zentrum, um den die zitierte Botschaft angeordnet ist, bildet der Davidstern die Mitte der gesamten Darstellung. Anscheinend sollte dies bedeuten, dass es zwei Mittelpunkte der Welt und zwei Aufbewahrungsorte der Bundeslade gibt. Das zentrale Heiligtum des Judentums sollte also nicht mehr an seinem ursprünglichen Ort gesucht werden.

Belegbar ist, dass Saunière einen direkten Hinweis auf den Templerorden gab. Auf einem Sockel über der Statue des Teufels Asmodi ließ Saunière die lateinischen Worte „Par ce signe tu le vaincras“ („Durch dieses Zeichen wirst du ihn besiegen“) anbringen. Der Priester hatte dem ursprünglichen Satz „Par ce signe tu vaincras“ („Durch dieses Zeichen wirst du besiegen“) an der 13. und 14. einen Buchstaben hinzugefügt. Nun entspricht 1314 dem Jahr der Exekution des letzten Großmeisters der Templer Jacques de Molay auf dem Scheiterhaufen. Dazu paßt, dass der mit dargestellte Teufel Asmodi nach einer alten Legende nicht nur die Bundeslade und den Tempelschatz bewachte, sondern sogar den Tempel Salomos in Jerusalem erbaut haben soll. Die Erwähnung eines „Dämons von Wächter“ in den Pergamenten scheint gerade hierauf hinzudeuten.

Hinweise auf den Templerorden enthält auch ein weiteres Kunstwerk, das in direkter Verbindung zum Geheimnis von Rennes-le-Château steht. Auf einer der linken Seitentafeln des weltberühmten Genter Altars der Gebrüder van Eyck erscheinen Tempelritter in ihrer typischen Ordenstracht mit dem roten Kreuz auf weißem Hemd.

Das um 1432 vollendete Hauptbild des Genter Altars zeigt unglaubliche Parallelen zu Nicolas Poussins Bild. Erneut erhebt sich in freier Landschaft ein altarartiger Schrein, auf dem der Heilige Gral in Form eines Kelchs steht, in den sich das Blut eines geopferten Lammes ergießt, welches eindeutig Christus symbolisiert. Ein interessantes Symbol enthält die linke äußere Seitentafel des Kunstwerks. Dort ist derselbe markante Felsrücken zu sehen, der sich bei Les Pontils im Hintergrund des Schreins erhebt und der auch auf dem Gemälde Nicolas Poussins erscheint.

Ein Beleg dafür, dass der Genter Altar ursprünglich als konkreter Hinweis auf einen wirklich existierenden Ort entstand, läßt sich auf einer der rechten Seitentafeln erkennen, die einen regelrechten geographischen Schlüssel für die Szenerie enthält. Hier trägt ein Pilger eine Jakobsmuschel auf der Stirn, das Symbol der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela in Spanien, zum legendären Jakobsgrab, die an Rennes-le-Château vorbeiführt und buchstäbliche in Sichtweite des Schreins bei Les Pontils verläuft.

Die Darstellung der Pilger steht eindeutig im Zusammenhang mit dem Hauptbild des Altars. Im Hintergrund der Wallfahrer sind Bäume sichtbar, die ebenfalls in der Altarszene erscheinen, hier jedoch seitenverkehrt dargestellt sind. Die Szene wurde also nicht aus der Perspektive des Hauptbildes, sondern aus der Sicht der Pilger festgehalten, die den Schrein mit dem Gral hinter sich gelassen haben und zurückblicken. Vergleicht man jenes Bild mit alten Fotos, die die Hintergrundlandschaft des Schreins bei Les Pontils zeigen, enthüllt sich Unglaubliches. Nicht nur die Landschaft ist mit der Pilgerszene des Genter Altars identisch, sondern sogar die Vegetation, vorwiegend Wacholderbüsche, ist noch nach Jahrhunderten gut erkennbar.

Die Gebrüder van Eyck und Poussin hatten ein und dasselbe Motiv auf ihren Kunstwerken verewigt, nämlich die Gegend um den rätselhaften Steinschrein. Der Widerspruch zu Poussins Bild ist allerdings offensichtlich. Poussins Gemälde enthält einen Hinweis auf die Bundeslade, während im Zentrum des Genter Altars der Heilige Gral steht. Gral und Bundeslade, beides scheint nicht zusammenzupassen. Je weiter man allerdings in die Vergangenheit zurückgeht desto klarer zeichnet sich ab, dass der Gral etwas völlig anderes war als der Kelch des letzten Abendmahls.

5. Das Geheimnis des Grals

Im Mittelalter war der Heilige Gral kein Mythos oder religiöses Symbol, sondern wurde als tatsächlicher Gegenstand betrachtet, der irgendwo auf seine Entdeckung wartet. Die für uns selbstverständlich gewordene Gleichsetzung des Grals mit der Schale des letzten Abendmahls war den ersten Gralsautoren völlig unbekannt. Chretien der Troyes, der erste wirkliche Grals-Dichter, beschreibt in seinem um 1190 entstandenen Roman „Perceval, der Walliser oder die Erzählung vom Gral“ lediglich eine kostbare Schale, die auf wundertätige Weise Speisen spenden konnte und in keiner Beziehung zu Jesus oder dem Christentum stand. Auch der Dichter Wolfram von Eschenbach, der seinen Parsival (Parzival) um 1200 niederschrieb, wusste nichts von einer Schale des letzten Abendmahls zu berichten. Für ihn war der Gral ein speisespendendes Heiligtum, das eine „Schar“ zur Erde brachte, die wieder zurück zu den Sternen flog (454,24-30). Von einer Abendmahlsschale erzählten erst spätere Autoren wie Robert de Boron oder Sir Thomas Malory, bei dem Joseph von Arimathia das von Jesus am Kreuz vergossene Blut mit einer kostbaren Schale auffängt.

Was war jener Heilige Gral? Existierte er wirklich oder war er, wie viele selbsternannte Experten behaupten, nur ein Phantasieprodukt? Die Autoren Johannes und Peter Fiebag glauben das Rätsel gelüftet zu haben. Nach ihrer Auffassung ist der Gral identisch mit einem alten israelischen Heiligtum, das u.a. in der jüdischen Kabbala beschrieben wird und eng mit der Bundeslade verbunden war. Obwohl die beiden Forscher viele interessante Indizien für ihre Theorie vorlegten, blieben sie eindeutige Beweise bislang schuldig. Solche Beweise lassen sich jedoch anhand genauer Textanalysen durchaus er-bringen, womit eine endgültige Auflösung des uralten Rätsels in greifbare Nähe rückt.

Wer den Sohar, das Hauptbuch der jüdischen Kabbala, sorgfältig liest, stolpert ständig über einen seltsamen „Alten der Tage“ (hebr. Attik Jomim), der auf kuriose Weise beschrieben wird und mit dem kaum ein lebendes Wesen gemeint sein konnte. Die Verfasser des Sohar versichern, dass auf dem „Alten“ Buchstaben eingraviert waren und seine Einzelteile nach einiger Zeit zerlegt und wieder zusammengebaut werden konnten. Es heißt, das Attik Jomim habe drei Köpfe besessen, nämlich einen großen Kopf, der zwei kleinere Schädel enthielt. Weiter wird von einem Bart, von Haaren und Schnüren gesprochen, in denen Wasser floss und die „glatt im Behälter ins Gleichgewicht gesetzt sind“. Wir erfahren von einer durchsichtigen „Ätherhaut“, die eine „obere Weisheit“ oder ein „oberes Gehirn“ umhüllte, von dem täglich Tau herabgetropft sei, um diverse Behälter und ausgehöhlte Schädel mit Wasser zu füllen. Weiter heißt es, das Attik Jomim hätte den Kindern Israel während ihrer Wüstenwanderung im Sinai Wasser und auch eine wundertätige Speise, das ominöse Manna, gespendet.

Diese und viele weitere detaillierte Schilderungen des Attik Jomim sind in den Sohar-Kapiteln „Das Buch des Mysteriums“, „Die kleine Heilige Versammlung“ und „Die große heilige Versammlung“ nachzulesen. Das Attik Jomim spendete allerdings nicht nur Speisen wie der Gral bei Chretien und Eschenbach, sondern wird nahezu mit den gleichen Worten beschrieben. Einige herausgegriffene Beispiele können dies unter-mauern. Im Sohar-Kapitel „Die Schöpfermacht des Thorawortes“ lesen wir:

„… In dieser Stunde empfängt der Alte der Tage den Duft des Wortes und hat an ihm mehr Wohlgefallen als an allem … Und das Wort schwebt auf und nieder.“

Verblüffende Parallelen hierzu finden sich in Wolfram Parsival (469,28-30 u. 470,1-13):

„Der Stein wird auch Gral genannt, es senkt sich heute eine Botschaft auf ihn herab und verleiht ihm größte Fülle … man wird sehen können, wie eine Taube aus dem Himmel herabschwebt, sie legt auf den Stein eine Oblate … was ihn empfänglich werden läßt für alles, was duftet auf Erden an Speisen und Trank. …“

Während sich bei Wolfram eine Botschaft auf den Gral herabsenkt, schwebt im Sohar das Wort „auf und nieder“. Bei Eschenbach wird der Gral empfänglich für alles, was auf Erden „duftet“, wohingegen im Sohar das Attik Jomim den „Duft des Wortes“ empfängt. Die erwähnte Taube stand symbolisch für den Geist Gottes, den die Juden mit dem „Wort Gottes“ gleichsetzten. Bei Wolfram wurden die jüdischen Symbole exakt übernommen und lediglich durch die entsprechenden abendländischen Vorstellungen ersetzt. Eine Feststellung, die auch für weitere Abschnitte des Parsival gilt (438,29-30 u. 439,1-5):

„Herrin, wovon lebt ihr denn? Sie sagt ihm: Mein Essen wird mir hergebracht vom Gral. Kundrie – sie selbst hat es bestimmt – bringt mir von dort zur rechten Zeit, und zwar nur an jedem Samstag-Abend, das Essen für die kommende Woche …“

Im Sohar-Kapitel „Vom Sabbath“ heißt es hierzu:

„Warum wurde gerade am siebten Tag kein Manna gefunden? Weil an diesem all die sechs oberen Tage ihren Segen empfangen … Und deshalb wolle, wer auf der Stufe des treuen Glaubens stehe, eine Tafel bereiten und eine Mahlzeit richten in der Sabbath-Nacht, damit die Tafel gesegnet sei alle sechs Tage … denn daran hängt der Zusammenhang mit dem heiligen Alten der Tage …“

Dieser zunächst harmlose Text ist ein wichtiger Ansatzpunkt zur Entschlüsselung der gesamten Gralslegende. Im Sohar wird berichtet, dass das Attik Jomim nur am Samstag (Sabbath) keine Speisen spendete, weil er an jenem Tag angeblich das Manna für die kommende Woche empfing. In Erinnerung daran, um die Vorgänge rituell nachzuvollziehen, feierte man das Sabbath-Mahl und glaubte wie der „Alte der Tage“ an diesem Tag die Speisen der kommenden Woche zu empfangen, was hier zunächst spirituell gemeint war. Genau hiervon ist auch im zitierten Abschnitt des Parsival die Rede. Dort erzählt Wolfram, dass Parsivals Cousine Sigune nur am Samstag-Abend, also am Sabbath, ihre Speisen für die kommende Woche vom Gral empfing. Eschenbach übernahm das Motiv des samstäglichen Speisempfangs für die kommende Woche und ersetze im Grunde nur den Begriff Attik Jomim durch den Namen „Gral“.

Aus der Bibel stammen die Schilderungen Wolframs nachweisbar nicht. Im Alten Testament wird lediglich erwähnt, dass am Sabbath kein Manna gefunden wurde. Von einer Speisung der kommenden Woche findet sich in der Heiligen Schrift kein Wort. Eschenbach kann seine Informationen weder der Bibel, dem Koran noch anderen zugänglichen Büchern entnommen haben. Er muß jüdische Texte zur Verfügung gehabt haben, die von einer mystischen Speisung durch das Attik Jomim berichteten und in ähnlicher Weise in den Sohar einflossen. Anders ließen sich die nahezu wörtlichen Übereinstimmungen zwischen dem Parsival und den zitierten Sohar-Texten nicht rational erklären.

Der Parsival ist förmlich gespickt mit Erzählungen über das Attik Jomim, die alle zu zitieren den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Wolfram übernahm zahlreiche Umschreibungen des jüdischen Heiligtums und übertrug sie fast unverändert in sein Werk. So finden wir im Sohar-Kapitel „Das Stiftszelt – Salomo und Hiram“ sogar das Vorbild für die berühmte Speisungsszene im Parsival ( 238,2-30 u. 239,1-13), die zu den Glanzpunkten der Literaturgeschichte gehört. Bei Wolfram ist der Gral „Füllhorn aller Erdensüße“ (238,21), wohingegen das Attik Jomim im Sohar alle „Freuden der Welt“ bereithält. Wo Wolfram die Speisen des Grals als „Frucht der Seligen“ (238,22) bezeichnet, spricht der Sohar von der „Nahrung der Gerechten für die kommende Welt“.

Eine interessante Spur des Attik Jomim ist bis in das Tarot-Kartenspiel zu verfolgen, das im Mittelalter entstand und neben anderen Einflüssen auch verschiedene Motive aus der Gralssage und der Kabbala aufgreift. So zeigt das As der Kelche im Wait-Tarot unverkennbar den Grals-Kelch mit einer Taube, die eine Hostie im Schnabel trägt. Ein Motiv, dem man auch in Wolframs Beschreibung des Gral begegnen kann (469,28-30 u. 470,1-13). Merkwürdigerweise jedoch hängen an dem Gefäß nach vier Seiten Schnüre herab, die eindeutig von Tautropfen umgeben sind. Offenbar wurde die Beschreibung des Attik Jomim mit der Schilderung des Grals verbunden, denn im Sohar ist unzweideutig davon die Rede, dass der „Alte der Tage“ den Tau der Wüste sammelte und sich seine „Schnüre“ nach vier Seiten teilten.

Abb. 4: As der Kelche des Tarot. Der Gralskelch wird mit kabbalistischen Symbolen dargestellt, die der Beschreibung des Attik Jomim entnommen sind. Quelle: Oliver Deberling/gemeinfrei.
Abb. 4: As der Kelche des Tarot. Der Gralskelch wird mit kabbalistischen Symbolen dargestellt, die der Beschreibung des Attik Jomim entnommen sind. Quelle: Oliver Deberling/gemeinfrei.

Die Schöpfer des Kartenmotivs, wer immer sie waren, wollten damit zum Ausdruck bringen, dass der Gral und das Attik Jomim miteinander identisch sind und diese Botschaft in Bildform an die Nachwelt weitergeben.

Das rätselhafte Attik Jomim war das Vorbild des mittelalterlichen Grals nach der Interpretation Wolframs und Chretiens. An dieser Feststellung führt kein Weg vorbei, es sei denn, man wollte bewusst überprüfbare Fakten leugnen und stichhaltige Beweise ignorieren. Wie aber kamen Texte in die Erzählung vom Gral, die nur in der jüdischen Esoterik und nur im Zusammenhang mit dem Attik Jomim existieren?

6. Der Urtext

Einen wichtigen Hinweis auf die jüdischen Quellen seiner Gralsgeschichte gibt Wolfram selbst. Er schreibt, dass der Urtext seiner Erzählung von einem Gelehrten namens Flegetanis verfaßt wurde, der mit Salomo verwandt war und aus einem israelischen Geschlecht stammte, wobei er selbst wie zuvor sein Vater einem Kalb göttliche Verehrung zukommen ließ. (453,23-30 u. 454,1-23).

Einige Forscher glauben, dass Flegetanis mit Robert Ketenensis (Robert von Kent) identisch sein könnte, einem der Übersetzer des Korans, dessen Namensform „Frater Ketenensis“ zu Flegetanis verballhornt wurde und der überdies mit einem konvertierten Juden aus dem spanischen Toledo zusammenarbeitete. Ausgerechnet in Toledo jedoch soll laut Wolfram der Urtext der Gralsgeschichte von einem gewissen Kyot gefunden worden sein.

Ist damit das Rätsel um den Urtext der Gralsgeschichte schon gelüftet? Hatte Wolfram den islamischen Koran gemeint? Abgesehen von der Tatsache, dass „Frater Ketenensis“ keine phonetische Ähnlichkeit zu Flegetanis aufweist, stimmen auch die weiteren Angaben nicht überein. Es gab im 12. Jahrhundert keinen kalbsanbetenden Israeliten, der an der Übersetzungs des Korans arbeitete. Niemand im europäischen Mittelalter hing dem antiken Gott Baal an, der in Form eines Kalbes verehrt wurde. So uninformiert war Wolfram sicher nicht, dass er ernsthaft glaubte, der Verfasser eines heiligen islamischen Buches sei ein kalbsanbetender Israelit gewesen. Es ging erklärtermaßen um eine Schrift, die bereits damals verschollen, verloren und „verworfen“ war. Kann man den Koran, das damals am weitesten verbreitete Buch der Welt, als „verworfen“ bezeichnen? Zwischen Flegetanis und Robert Ketenensis, dem Urtext der Gralssage und dem Ko-ran gibt es definitiv keinen Zusammenhang. Auch die exakten Übereinstimmungen zwischen alten Kabbala-Texten und den Beschreibungen des Grals wären unmöglich, hätten die Gralsautoren auf islamische Texte zurückgegriffen. Wer also schrieb den Urtext der Sage?

Nach einer Theorie der Gebrüder Fiebag war Flegetanis kein anderer als der biblische Hiram, der Erbauer des Salomonischen Tempels in Jerusalem. In zweiten Buch der Chronik (2,1-17) und im ersten Buch der Könige (7,13-48) wird Hiram als Sohn einer Israelitin vorgestellt, der in Tyrus lebte, wo der Gott Baal tatsächlich als heiliges Kalb angebetet wurde. Die Parallelen zu Flegetanis, dem israelischen Kalbsdiener, sind wirklich unübersehbar, doch es gibt auch Widersprüche, die nicht verschwiegen werden dürfen. Die Bibel weiß nichts davon zu berichten, dass Hiram auch einen israelischen Vater hatte. Dort wird der Vater Hirams sogar eindeutig als Tyrer bezeichnet. Wohl lebte Hiram zur Zeit Salomos, doch von einer Verwandtschaft mit dem großen König verliert die Bibel kein Wort.

Nicht zu Unrecht wurde den Gebrüdern Fiebag vorgeworfen, keine stichhaltigen Belege für ihre Theorie vorgebracht zu haben, doch auch hier lassen sich die nötigen Beweise für das schier Unglaubliche nachträglich erbringen. So berichtet der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus (8. Buch/3), dass Hiram einen Vater namens Urias hatte, der zwar in Tyrus geboren wurde, aber ebenfalls israelischer Abkunft war. Interessanterweise war der Baals-Kult bei den in Tyrus ansässigen Israeliten sehr verbreitet und besonders in Adelskreisen beliebt. Einer solchen Adelsfamilie entstammte offenbar auch der biblische Tempelbaumeister, denn Hiram war kein Eigenname, sondern ein Adelstitel. Wie der mit Salomo verwandte Flegetanis war Hiram ein gelehrter Adliger, der gleich seinem Vater ein Kalb anbetete und aus einem israelischen Geschlecht stammte.

Wichtig wäre ein Nachweis dafür, dass jener Hiram eine Schrift hinterlassen hatte, die in Verbindung zu Flegetanis und der Gralslegende steht. Eine auf Hiram zurückgehende Überlieferung wurde bislang ebenso wenig gefunden wie eine Spur zum Flegetanis-Buch, dessen Existenz sogar in Abrede gestellt wird. Vielleicht hat man das Flegetanis-Buch bisher an der falschen Stelle gesucht, denn Bruchstücke der rätselhaften Schrift blieben in der sog. „Tabula Smaragdina“ erhalten, die als Urtext der Hermetik gilt. Die hermetische Lehre verstand sich als eine Philosophie der übergeordneten Naturgesetze, die im Mittelalter die Alchemie nachhaltig beeinflussten. Im Text der „Tabula Smaragdina“ heißt es u.a.:

„… Auf diese Weise wurde die Welt geschaffen. Die Anordnungen, diesem Weg zu folgen, sind verborgen … Einer im Wesen, aber in drei Aspekten. In dieser Dreiheit ist die Weisheit der ganzen Welt verborgen …“

Im Sohar-Abschnitt „Die kleine heilige Versammlung“ wird das Attik Jomim mit fast den gleichen Worten beschrieben:

„Drei Köpfe sind ausgehöhlt; dieser befindet sich in jenem und dieser über dem anderen. Ein Kopf ist die Weisheit; er ist der verborgenste …diese Weisheit ist verborgen … Es gibt drei obere Köpfe; zwei Köpfe und einen, der sie beinhaltet.“

Wie sind diese eindeutigen Übereinstimmungen zu erklären? Wo der Text der „Tabula Smaragdina“ von einer „Dreiheit“ spricht, in der die „Weisheit der ganzen Welt verborgen“ ist, erwähnt der Sohar drei ausgehöhlte Köpfe oder Behälter, die die Weisheit verbergen. Angeblich wurde der hermetische Text von Thot, (Hermes Trismegistos oder Chiram/Hiram Telat Machasot), dem ägyptischen Gott der Weisheit und Wissenschaft, verfasst und niedergeschrieben. Faszinierend ist allerdings, dass die Überlieferung ausgerechnet in Phönizien aufgefunden wurde und der Verfasser ein Vorfahre des biblischen Hirams gewesen sein soll. Die Smaragdtafel mit ihren phönizischen Schriftzeichen soll um 331 v. Chr. in einer Höhle entdeckt worden sein, worauf sie in die in die Bibliothek von Alexandria gebracht wurde und im siebten Jahrhunderts als arabische Übersetzung nach Spanien gelangte.

Es ging also um einen phönizischen Text, der indirekt, aber deutlich erkennbar, mit dem biblischen Hiram in Verbindung gebracht wurde und der andererseits mit der Beschreibung des Attik Jomim im Sohar identisch ist, das als Vorbild des Grals bei Chretien und Wolfram diente. Wolfram wiederum erwähnt einen gewissen Flegetanis, der als Israelit den Urtext der Gralsgeschichte verfasst haben soll, dessen Beschreibung jedoch erneut auf den biblischen Hiram hindeutet, der tatsächlich israelischer Abkunft war und in Phönizien geboren wurde. Der Kreis schließt sich an dieser Stelle. Wie die „Tabula Smaragdina“ wurde auch das Flegetanis-Buch nach Spanien gebracht, wo es in Toledo von Kyot entdeckt worden sein soll.

Die erwähnte Passage in der „Tabula Smaragdina“ kann nicht aus dem Sohar übernommen worden sein, weil dort im Zusammenhang mit dem Attik Jomim nichts über Hiram oder eine phönizische Schrift erwähnt wird. Umgekehrt können die Beschreibungen des Attik Jomim in der Kabbala auch nicht aus der „Tabula Smaragdina“ stammen, weil die dortigen Schilderungen nur ein Bruchstück der Erzählungen im Sohar darstellen. Wolframs Parsival weist deshalb so erstaunliche Parallelen zur Beschreibung des Attik Jomim im Sohar auf, weil sich beide Überlieferungen auf ein und denselben Urtext stützten, nämlich das rätselhafte Buch Hirams oder dessen Quelle, die teilweise in der „Tabula Smaragdina“ erhalten blieb.

Natürlich ist die „Tabula Smaragdina“ deshalb nicht mit der Flegetanis-Schrift identisch, sondern entstand zum überwiegenden Teil im Mittelalter, wurde jedoch mit einzelnen Zitaten aus älteren Schriften vermischt und schließlich mit einer märchenhaften Erzählung um Thot und Hermes Trismegistos umrankt. Kern des Berichts aber ist eine Steintafel mit phönizischen Schriftzeichen, die zur Zeit Alexanders des Großen ge-funden wurde. Zum Gefolge Alexanders, dessen Heer auch Tyrus, die Heimat Hirams, erobert hatte, gehörten auch Gelehrte, die die Schriften der unterworfenen Völker studierten. Offenbar wurde der in der „Tabu-la Smaragdina“ zitierte Text zusammen mit anderen phönizischen Schriften ins Griechische übertragen, nach Alexandria gebracht und Jahrhunderte später von den Arabern übersetzt. Als Zitat in den Büchern arabischer Gelehrter muß die Überlieferung nach Spanien, ins Zentrum des islamischen Wissens, gelangt sein, worauf eine lateinische Version der Erzählung in Europa verbreitete wurde. Diese Überlieferung muß in der Folgezeit sowohl die Sage um den Heiligen Gral als auch die Legende um die „Tabula Smaragdina“ beeinflusst haben.

Zu den Büchern, die den uralten phönizischen Text zitierten, muß auch ein verschollenes Werk des arabischen Schriftstellers Thaben ben Quorrah gehört haben, dessen Titel Felek Thani als Flegetanis abgewandelt von Wolfram auf den Autor der Gralsschrift übertragen wurde. Ein solcher Kunstname wurde allein schon deshalb notwendig, weil der Begriff „Hiram“ sicherlich nirgendwo in den arabischen Texten auftauchte, sondern lediglich eine Umschreibung oder eine unaussprechliche morgenländische Namensform des Autors verwendet wurde.

Natürlich schöpfte der Sohar nicht aus arabischen Quellen, sondern bezog seine Informationen aus einer im Judentum erhalten gebliebenen Fassung der Überlieferung oder verwendete noch ältere Erzählungen, die auch in die Hiram-Schrift einflossen.

Der Verfasser des Sohar war ein spanischer Jude namens Moses de Leon, der sein Werk um 1290 niederschrieb und dabei angeblich auf ein Manuskript zurückgriff, das die Lehren des berühmten Rabbiners Simon ben Jochai enthielt, der um 200 n. Chr. lebte. Später allerdings stellte sich heraus, dass das erwähnte Manuskript nie existiert hatte und Moses de Leon dem Sohar durch die Autorität Simon ben Jochais lediglich größere Glaubwürdigkeit verleihen wollte. Dennoch ist der Sohar mehr als nur das Produkt eines mittelalterlichen Mystikers. Neben verschiedenen Kommentaren zum Alten Testament enthält das Hauptbuch der Kabbala unverkennbar Bruchstücke einer alten Überlieferung, die vor allem das Attik Jomim betrifft. Nach eigenen Angaben war Moses de Leon Mitglied einer jüdischen Gesellschaft, die sich „Erntemänner des heiligen Feldes“ nannte. Aufgabe solcher Gemeinschaften war die Weitergabe religiöser Überlieferungen, die oft nur mündlich bewahrt und deshalb exakt auswendig gelernt werden mußten. Anscheinend brach der Verfasser des Sohar diese Tradition und schrieb alte religiöse Erzählungen nieder, um sich einen materiellen Vorteil zu verschaffen. Interessanterweise wurden auch viele Bücher der Bibel zunächst mündlich weitergereicht und oft erst Jahrhunderte nach ihrer Entstehung niedergeschrieben. Die fünf Bücher Mose existierten über 600 Jahre nur in Form mündlicher Erzählungen, bevor sie im sechsten vorchristlichen Jahrhundert niedergeschrieben wurden. So sind sich die meisten jüdischen Theologen darüber einig, dass zumindest die Hauptpassagen über das Attik Jomim aus wesentlich älteren Quellen stammen und keine Erfindung des Mittelalters sind.

7. Was war das Attik Jomim?

Der Sohar lässt deutlich erkennen, dass Moses de Leon die Beschreibung des Attik Jomim nicht erfunden haben kann, weil er selbst überhaupt nicht richtig begriff, was dort beschrieben wurde. Immer wieder feh-len dem Autor die rechten Worte. Stets muß er sich in phantasievolle Gleichnisse flüchten, um das eigentlich Unbegreifliche fassbar zu machen. Kein Wunder also, dass seit Jahrhunderten darüber gerätselt wird, was mit dem Attik Jomim nun eigentlich gemeint ist. Ein altes Heiligtum oder irgendein göttliches Symbol? Einige Kabbalisten sprechen in diesem Zusammenhang von einer „mystischen Bezeichnung des makrokosmischen Urwesens“ und wissen vermutlich noch nicht einmal selbst, was damit gemeint sein könnte. Manche Deuter glauben, dass das Attik Jomim ein Synonym für Gott sei. Warum aber benutze man dazu einen Behälter? Im Sohar wird klar von „Behältern“ gesprochen, die sich in der Nacht und am Morgen mit Tau füllten. Da ist die Rede vom „Aufbau des Gefüges“ und von Bärten, Pfaden und Schnüren, in denen Wasser floss. Einige Schnüre sind sogar „glatt im Behälter ins Gleichgewicht gesetzt“. Dies als Synonym für Gott zu betrachten, fällt sehr schwer, abgesehen von der Tatsache, dass im Judentum absolutes Bilderverbot galt. Man durfte sich kein Bild von Gott machen oder vorstellen. Seltsamerweise läßt sich das im Originaltext verwendete hebräische Wort für Alter der Tage (Attik Jomim) auch mit „Der Transportierbare mit den Behältern“ übersetzen.

Handelt es sich bei den betreffenden Textpassagen um eine symbolische Beschreibung uralter und fehlverstandener Technologie? Die Aussagen des Sohar sind recht eindeutig:

„Der Tau des weißen Hauptes tropft in den Schädel des kleinen Gesichts und wird dort aufbewahrt. Und von diesem Schädel tropft der Tau an der Außenseite und füllt das Haupt jeden Tag. Und das Manna dieses Taus scheint nur zu einer bestimmten Zeit erzeugt worden zu sein; zu der Zeit, als das Volk Israel in der Wüste wanderte. Und damals ernährte sie der Alte der Tage von dieser Stelle aus. Danach wurde es nicht mehr gefunden …“

Konkreter lässt sich eine Apparatur zur Wassergewinnung in Wüstengebieten nicht beschreiben. Luftfeuchtigkeit kondensiert an einer Oberfläche, tropft herab, wird in diversen Behältern gesammelt und fließt durch ein Rohrleitungssystem weiter nach unten.

Wie müsste eine solche Anlage beschaffen sein? Zwingend notwendig wäre eine stark vergrößerte, möglichst gewellte Oberfläche, an der viel Luftfeuchtigkeit kondensieren kann und die man, fantasievoll betrachtet, mit den Windungen eines Gehirns vergleichen könnte. Genau dies wird im Sohar gesagt und von einer „oberen Weisheit“ oder einem „oberen Gehirn“ gesprochen, an dem sich der Tau sammelte, bevor es in weiteren Behältern gesammelt wurde. Im Sohar werden also technische Einzelheiten mangels anderer Begriffe mit symbolischen Gleichnissen umschrieben, aber dennoch durchdacht im Sinne einer technischen Apparatur geschildert. Komplizierte Rohrleitungssysteme wurden so zu Schnüren, Haaren und einem Bart, in dem eine Flüssigkeit floss. Eine „Ätherhaut“, die durchsichtig ist und eine Trennwand bildet, ist leicht als eine Art Glasabdeckung zu identifizieren, während andere Einzelheiten als Behälter, ausgehöhlte Köpfe oder eben als „Aufbau des Gefüges“ aufgefasst wurden. Die Schilderungen des Attik Jomim, zu denen viele weitere Textabschnitte des Sohar gehören, bilden eine logisch geschlossene Beschreibung, die sich zu einer sinnvollen Rekonstruktion zusammenfassen lässt. Ein zylinderförmiger Aufbau mit einer halbkugelartigen Spitze war versehen mit teilweise sichtbaren Rohrleitungen und zwei kugelförmigen Behältern im Vordergrund.

Auch die beiden britischen Forscher George Sassoon und Rodney Dale glaubten an die Möglichkeit einer technischen Interpretation. Nach jahrelanger Kleinarbeit gelang ihnen die Rekonstruktion einer Apparatur, die, aus einem System von Rohrleitungen und Auffangbehältern bestehend, in der Lage gewesen sein soll, durch Kondensierung der natürlichen Luftfeuchtigkeit Wasser zu destillieren, mit dem ein Nahrungsmittel auf der Basis von Algenkulturen erzeugt wurde: das biblische Manna! Tatsächlich stolpert man im Sohar über ganz merkwürdige Beschreibungen:

„… Und es geht ein Strom aus, der herabrinnt und den Garten bewässert. Und er tritt in den Schädel des kleinen Gesichts …Und dort wird er weitergeleitet und fließt durch den gesamten Körper und bewässert all die Pflanzen … und von diesem Tau mahlen sie das Manna der Gerechten für die kommende Welt.“

Die beiden Forscher, die das Attik Jomim nach den Kabbala-Texten rekonstruierten, waren davon überzeugt, dass die beschriebenen Pflanzen nichts anderes gewesen sein konnten, als essbare Algen der Gattung „Chlorella“, die in den mit Tau gefüllten Behältern kultiviert wurden. Durch solche Algen soll es möglich gewesen sein, ein pflanzliches Nahrungsmittel herzustellen, dessen Stärkebestandteile, leicht gebrannt, zudem eine brotartige Substanz ergaben. Interessanterweise wird in der Kabbala davon gesprochen, dass Pflanzen bewässert wurden und zusammen mit dem Tau durch die Behälter des Attik Jomim flossen. Und von diesem Tau soll das „Manna der Gerechten für die kommende Welt“ gemahlen worden sein.

Voraussetzung für eine solche Algenkultur, inmitten eines Systems von Behältern und Rohrleitungen, wäre allerdings eine starke Lichtquelle gewesen, die die Pflanzen zu ihrem Wachstum benötigt hätten. Unglaublicherweise wird dies in der Kabbala ausführlich beschrieben:

„Und der Tau wird dort gesammelt für die leuchtenden Dinge, die von der Hauptlampe ausgehen, die in den Eingeweiden verborgen ist … Ich sehe, daß alle Teile in seinem Inneren nach unten gehen und in diesen Ort hineinleuchten. Und da gibt es eine Abdeckung über der Lampe des Attik Jomim …“

Ganze Passagen des Sohar sind der Beschaffenheit dieser Lampe gewidmet, die im Inneren des Attik Jomim leuchtete und dazu beigetragen haben soll, das ominöse Manna herzustellen.

Ganz gleich ob man die „Algentheorie“ und die Rekonstruktion der beiden Forscher akzeptieren möchte oder nicht, Fakt ist, dass das Attik Jomim im Sohar nicht nur eindeutig als technische Apparatur beschrieben wird, sondern auch Tau in der Wüste sammelte und eine Speise spendete, die als Manna umschrieben wird. Was aber hatte das biblische Manna mit jenem Attik Jomim zu tun?

8. Gnade und Gnadenstuhl – Gral und Bundeslade

Die vom Attik Jomim bereitete Speise wird im Sohar nicht immer als Manna umschrieben, sondern zuweilen auch als „Gnade“ bezeichnet. Jene „Gnade“ wird hier nicht im üblichen theologischen Rahmen als Begriff für die Barmherzigkeit Gottes verwendet, sondern als materielle Bezeichnung einer himmlischen Speise benutzt. An vielen Stellen des Sohar wird klar ausgesprochen, dass das Attik Jomim Manna oder „Gnade“ produzierte, diese sammelte und den Kindern Israel spendete:

Überall in der Bibel und sogar in apokryphen Schriften finden sich im Zusammenhang mit „Gnade“ ganz seltsame Formulierungen, die an die Erzählungen des Sohar erinnern. Im 90. Psalm (14) heißt es wörtlich: „Sättige uns am Morgen mit deiner Gnade.“ In der üblichen Betrachtungsweise ergeben solche Aussagen keinen Sinn. Mit „Gnade“ in Form göttlicher Barmherzigkeit wird man nicht am Morgen gesättigt. Gesättigt werden kann man aber mit „Gnade“ in der Definition des Sohar als Zweitname des himmlischen Manna. Nach den Angaben des Sohar sammelte das Attik Jomim in der Nacht und am Morgen Tau, mit dessen Hilfe das ominöse Manna hergestellt worden sein soll. Die seltsame Verbindung von Tau, Speise und morgendlicher „Gnade“ begegnet uns überall in der Bibel. Im 143. Psalm (8) hört (!) man die „Gnade“ sogar am Morgen, während im 59. Psalm (18) die „Gnade“ morgens bejubelt wird. Ein Kirchenlied von Ernst Moritz Arndt (19. Jahrhundert) verkündet, die „Gnade“ sei die „selige Himmelsspeise“ gewesen (Vers 6). Auch in einem alten Kirchenlied von Johann Allendorf (18. Jahrhundert) erscheint das Motiv christlich umgedeutet (Vers 7):

„Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden; komme, wen dürstet, und trinke, wer will! … Gnade aus dieser unendlichen Füll! Hier kann das Herz sich laben und baden. Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden.“

Das 14. Kapitel des vierten Buches Esra erwähnt nicht nur Wasser und Speisen in der Wüste, sondern sogar die rätselhafte „Weisheit“, jenen Teil des Attik Jomim, an dem sich der Tau sammelte. Noch deutlicher wird die um 100 n. Chr. entstandene Apokalypse des Baruch, in der Wasser quellt und eine Weisheit mit ihrer Lampe erwähnt wird. Formulierungen, die im Sohar zur Beschreibung des Attik Jomim verwendet werden.

Natürlich wussten die Bibelautoren und die Verfasser alter Kirchenlieder und Apokryphen nichts mehr über solche Hintergründe. Sie benutzten Bruchstücke alter Erzählungen und setzten sie in einen neuen reli-giösen Zusammenhang, wobei die biblischen Angaben nur in Verbindung mit dem Sohar einen Sinn ergeben. Ohne die Kenntnis des Attik Jomim bleibt es völlig rätselhaft, was die Bibel mit der morgendlichen „Gnade“ meint, warum zuweilen von Speisen, Weisheit und einer Lampe gesprochen wird. Nicht der Sohar schöpfte aus der Bibel, sondern die Bibel bediente sich alter Überlieferungen, die vor allem im Sohar erhalten blieben.

Unglaublicherweise begegnen wir der „Gnade“ auch in Gralsgeschichte. Bei Robert de Boron ist der Gral ein Gegenstand, der „Gnade“ bereithält, eine göttliche Speise. Die „Gnade“ erscheint manchmal auch symbolisch umschrieben, wie im Gralsroman „La Cuer d‘ Amours espris“, wo der Ritter Cuer die Dame „Süße Gnade“ zu gewinnen versucht. Selbst das Wort „Gral“ wurde offenbar von „gratia“ (Gnade) abgeleitet. Nach Auskunft des Chronisten Helinandus stand der Begriff „Gral“ in Verbindung zu „Gradalis“, einer kostbaren Schüssel, in der erlesene Speisen serviert wurden, wobei sich „Graalz“, die volkssprachliche Bezeichnung für „Gradalis“, von „grata“ (gnädig) oder „gratia“ (Gnade) ableitete, weil sie dem aus ihr Speisenden wohlgefällig oder im übertragenen Sinne gnädig war.

Klar ist, dass das Wissen der Gralsautoren nicht aus der Bibel stammen kann, denn hier sind die Beschreibungen der „Gnade“ viel zu unverständlich, um als Vorlage für sinnvolle Erzählungen dienen zu können. Weder die Autoren der Bibel, der Apokryphen und des Sohar noch der Gralserzählung konnten unabhängig voneinander auf die kuriose Idee gekommen sein, eine Speise als „Gnade“ zu bezeichnen. Der gemeinsame Nenner ist die Schilderung des Attik Jomim, die bruchstückhaft in die Bibel einfloss, über das Flegetanis-Buch Eingang in die Gralssage fand und am umfassendsten im Sohar erhalten blieb.

Weshalb wurde das Attik Jomim dann nicht in der Bibel erwähnt, wenn es doch so wichtig war? Außer einer verschwommenen Schilderung im Buch Daniel (7,9) findet sich dort keine Spur des seltsamen Heiligtums. Die Antwort auf die gestellte Frage mag zunächst verblüffen, vielleicht sogar Unverständnis hervorrufen, doch sie lässt sich fundiert begründen. In der Bibel hat das Attik Jomim lediglich einen anderen Namen und wird schlicht als Bundeslade bezeichnet!

Die Lade wird im zweiten Buch Moses (25, 10-20) ausführlich als vergoldeter Holzkasten beschrieben, der von einer massiven, mit Engeln verzierten, Deckplatte verschlossen wurde und die Steintafeln mit den Zehn Geboten enthielt. Das hebräische Wort für Deckplatte wurde von einem Zeitwort abgeleitet, das ursprünglich „verdecken“ oder „verhüllen“, gewöhnlich jedoch „sühnen“ oder „versöhnen“ bedeutet. Der Begriff „versöhnen“ stand jedoch in Verbindung mit dem Wort „Gnade“. Martin Luther übersetzte den hebräischen Begriff für die Deckplatte der Lade nicht umsonst mit „Gnadenstuhl“. Wenn die Deckplatte in der übertragenen Bedeutung als „Gnadenstuhl“ bezeichnet wird, als Sitz der „Gnade“, dann muß sie in irgendeiner Verbindung zum Attik Jomim gestanden sein. Tatsächlich gibt es erstaunliche Parallelen zwi-schen den Eigenschaften des Attik Jomims und der Bundeslade. Das Attik Jomim soll wie der Gral ein Gegenstand gewesen sein, der auf wundertätige Weise Speisen spendete. Ein Funktion, die auch die Bundeslade erfüllte. Alte jüdische Legenden berichten, dass sich im Jerusalemer Tempel alle Gefäße mit kostbaren Speisen füllten, sobald die Bundeslade ins Allerheiligste gebracht wurde. Der jüdische Talmud vermerkt darüber hinaus, dass bei dieser Gelegenheit sogar die goldenen Bäume des Tempels schmackhafte Früchte hervorbrachten. Wie der Gral und das Attik Jomim war die Bundeslade von einem überirdischen Licht umgeben.

In Wolframs Parsival wird der Gral von Jungfrauen getragen, deren Gesichter so hell strahlten, dass „alle meinten der neue Tag sei angebrochen“. Eine Episode, die auch aus dem zweiten Buch Moses stammen könnte, wo das Gesicht des Religionsstifters so hell strahlte, dass es verdeckt werden musste. Wer Wolframs Parsival sorgfältig liest, stolpert über weitere merkwürdige Übereinstimmungen. Eschenbach betont, der Gral sei so schwer gewesen, dass er durch sündige Menschen nicht von der Stelle gerückt werden konnte. Erstaunlich, dass jüdische Legenden ganz Ähnliches über die in der Bundeslade aufbewahrten Gesetzestafeln vermelden, die plötzlich an Gewicht zunahmen, sobald sie mit sündigen Menschen in Kontakt kamen. Sowohl die Lade als auch der Gral und das Attik Jomim konnten göttliche Botschaften empfangen. Während sich auf den Gral göttliche Botschaften „herabsenkten“ oder überirdische Schriftzeichen erschienen, schwebten beim Attik Jomim Botschaften „auf und nieder“ oder wurden zu den „fliegenden Herren“ in den „Äther“ gesandt. Die Bundeslade wiederum war ein Heiligtum, in dem Gott gegenwärtig war und von der Deckplatte herab zu den „Söhnen Israels“ sprach.

Es mag sein, dass solche Vorstellung die Gegenwart des Göttlichen illustrieren sollten, doch an der Feststellung, dass dem Attik Jomim, dem Gral und der Lade identische Eigenschaften zugesprochen wurden, geht kein Weg vorbei.

Alte jüdische Darstellungen zeigen die Bundeslade ganz untypische als eine Art Truhe mit abgerundetem Deckel, die von der Seite betrachtet wie ein Zylinder mit abgerundeter Spitze wirkt. Ähnliche Merkmale lässt eine 2000 Jahre alte Abbildung der Lade in den Ruinen der jüdischen Synagoge von Dura-Europos im heutigen Irak erkennen. Hier erscheint die Bundeslade in einer Profildarstellung als zylinderartiger Gegenstand auf der stilisierten Deckplatte, dem „Gnadenstuhl“, ruhend. Offenkundig wurde die Bundeslade in ihrer Erscheinungsform als Holzkasten mit der Vorstellung eines zylinderförmigen Gegenstands ver-schmolzen und daraus ein ganz neues Bild des Heiligtums geformt. Warum dies geschah, lässt sich leicht erklären. Die Bundeslade war ein Tragaltar, der im Allerheiligsten des Tempels und im Stiftszelt das ei-gentliche Heiligtum Israels trug, nämlich das Attik Jomim. Der „Gnadenstuhl“ der Lade war der Sitz eines Gegenstand, der „Gnade“ spendete und in dem sich nach dem Glauben der Menschen Gott selbst manifestierte. Bundeslade und Attik Jomim, die eine religiöse Einheit bildeten, verschmolzen rein äußerlich und auch hinsichtlich ihrer Eigenschaften miteinander. Wann immer die Lade erwähnt wurde, war auch das mit ihr verbundene Attik Jomim gemeint. Deshalb und nur deshalb enthalten die Schilderungen der Lade, des Attik Jomim und des Grals solche faszinierenden Übereinstimmungen.

Nicht umsonst lesen wir im Sohar-Kapitel „Vom Sinn des Stiftszelts“, dass das Allerheiligste des Stiftszelts mit dem „Geheimnis der Weisheit“ verbunden gewesen sei. Und nicht ohne Grund enthält der Sohar-Abschnitt „Das Stiftszelt – Salomo und Hiram“ das exakte Vorbild für die berühmte Speiseszene im Parsival. Stets wird das Attik Jomim im Sohar in einen Zusammenhang mit dem Allerheiligsten und der Lade gestellt.

Das Vorbild des Grals war ein zentrales israelisches Heiligtum, womit auch die seltsame Rolle des biblischen Hirams verständlich wird, der eindeutig mit dem Autor der Urfassung der Gralsgeschichte identisch ist. Hiram, der als Baumeister des Tempel die Aufgabe hatte, den Zierrat für das Allerheiligste, den Aufbewahrungsort der Lade und des Attik Jomim, zu fertigen, war der einzige Außenstehende, der Zugang zu diesen Gegenständen hatte. Was er sah und in Erfahrung brachte, muss so faszinierend gewesen sein, dass eine schriftliche Version seines Berichts die Zeiten überdauerte, auf dem geschilderten Weg nach Europa gelangte und zum Kern der Gralslegende wurde.

Wenn im Jerusalemer Tempel ein Artefakt fehlverstandener, vergöttlichter Technologie stand, erhebt sich die Frage nach seinem Ursprung. Wer war vor Jahrtausenden fähig, einen derartigen Gegenstand zu bauen? Wir wissen es nicht und können darüber nur spekulieren. Der Sohar erwähnt die „Sternengötter“ oder „die fliegenden Herren im Äther“, wohingegen der Gral bei Wolfram von einer Schar zur Erde gebracht wurde, „die wieder zurück zu den Sternen flog“ (454,24-30).

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, außer der Feststellung vielleicht, dass im Sohar-Kapitel „Von der Kraft und Nahrung der Seelen“ davon gesprochen wird, die vom Attik Jomim bereitete Speise sei eine“Lichtnahrung“ gewesen, die auch die Engel in ihren himmlischen Behausungen zu sich nahmen. Im 78. Psalm (24) wird das Manna gar als das Brot der Engel bezeichnet, das wörtlich übersetz „das Brot der Fliegenden“ bedeutet. In der Haggada, dem erzählerischen Teil des Talmud, erfahren wir weiter, dass jenes Brot von den Engeln im Himmel gemahlen wurde und keine Ausscheidungen (!) hervorruft.

Seltsame Erzählungen, die sich mit der herkömmlichen Vorstellung vom biblischen Manna kaum vereinbaren lassen. Das im zweiten Buch Moses (16. Kapitel) beschriebene Manna hat ganz andere Eigenschaften als die Speise des Attik Jomim und könnte auf einem tatsächlichen Naturphänomen beruhen, nämlich dem süßen Sekret einer Schildlaus oder vielleicht der berühmten eßbaren Manna-Flechte. Der Begriff Manna war allerdings keine feststehende Bezeichnung, sondern eine vage Umschreibung einer scheinbar von Gott zur Verfügung gestellten Nahrung. Die Spur des Attik Jomim weist dagegen viel weiter in die Vergangen-heit und nach Ägypten zurück, dorthin wo der israelische Religionsstifter Moses geboren wurde.

Nach den Angaben des ägyptischen Chronisten Manetho, der im dritten Jahrhundert vor Christus lebte, war Moses als Sohn der ägyptischen Prinzessin Thernutis ein in die Geheimwissenschaften eingeweihter Osiris-Priester namens Osarisph. Auch spätere Chronisten wie Strabo bestätigen, dass Moses tief in priesterliche Geheimnisse eingeweiht war. Nachweislich gibt es viele erstaunliche Parallelen zwischen dem ägyptischen Götterglauben und dem Judentum. So ist die Ähnlichkeit zwischen dem jüdischen Gottesnamen Adonai und der ägyptischen Gottheit Aton nicht zu übersehen. Pharao Echnaton hatte Aton zum einzigen Gott erklärt und damit den Eingottglauben des Judentums vorweggenommen. Offenbar schuf Moses aus verschiedenen Versatzstücken des ägyptischen Götterglaubens eine neue Religion. Auch die Bundeslade hatte ihr Vorbild in ägyptischen Tragaltaren und Ritualbarken, die dem israelischen Heiligtum aufs Haar glichen. Stammte womöglich auch das Attik Jomim aus einem ägyptischen Tempel?

Tatsächlich berichtet die Bibel (zweites Buch Moses 12,35-36) davon, dass die Israeliten Schmuck und heilige Gerätschaften in Ägypten stahlen. Desgleichen erwähnen jüdische Legenden ägyptische Idole und heilige Gegenstände, die von den Israeliten mitgeführt wurden. Hatte die Hebräer ein altes Heiligtum in ihren Besitz gebracht, um es ins Zentrum eines eigenen Kultes zu rücken? Vielleicht war dieses Heiligtum ein Objekt, das einst von den Göttern auf die Erde gebracht worden sein soll, ursprünglich im Rufe stand Wasser und eine himmlische Speise zu spenden, die später jüdischen Traditionen angepasst mit dem bekannten Manna in der Wüste gleichgesetzt wurde.

Zweifellos lief die Frühgeschichte Israels anders ab als es die Bibel schildert. Die biblischen Geschichten wurden erst Jahrhunderte nach den Geschehnissen aufgezeichnet, verändert und mit älteren Überlieferun-gen vermischt und uminterpretiert. Die historische Wahrheit von späteren Ausschmückungen zu trennen, ist deshalb kaum noch möglich und wird weitere Forschungen erforderlich machen.

9. Die Entstehung der christlichen Legende

Wie konnte aus einem alten israelischen Heiligtum der christliche Gral hervorgehen? Weshalb wurde ein Bestandteil der Bundeslade zum Kelch des letzten Abendmahls, in dem Joseph von Arimathia das Blut Christi auffing?

Von entscheidender Bedeutung für diese Fragestellung ist die Rolle, die die Jungfrau Maria in der mittelalterlichen Kirche spielte. Seltsamerweise wurde Maria mit der biblischen Bundeslade symbolisch gleichgesetzt und im Bittgesang von Loreto aus dem 16. Jahrhundert sogar als „arca foederis“ (Bundeslade) bezeichnet. Eine Verbindung, die sich durch die Jahrhunderte zieht und in unzähligen Schriften niederschlug. Berrnhard von Clairvaux, der Förderer des Templerordens, sah in der Lade ebenso eine Metapher für die Gottesmutter wie der Mailänder Bischof Ambrosius im vierten Jahrhundert. In vielen christlichen Kirchen entstanden Darstellungen der Lade, die als Sinnbilder der Marienverehrung dienten. So etwa in der „Kirche der Jungfrau Maria der Bundeslade“, die 1924 bei Kiriath-Jearim in Israel erbaut wurde.

Die Bundeslade trug die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten in sich wie Maria in ihrem Leib Jesus trug, das neue Gesetzt und den Begründer des „Neuen Bundes“, der analog zum „Alten Bund“ stand. Maria war also gewissermaßen das christliche Gegenstück zur Lade des Alten Testaments. Ein Heiligtum, das mit der biblischen Bundeslade in Verbindung stand, konnte aus dieser Sichtweise auch in einen Zusammenhang mit der Jungfrau Maria gebracht werden. Es musste nur noch ein Gegenstand gefunden werden, der diese Verbindung verkörpern konnte. Ein solcher Gegenstand war der Kelch des letzten Abendmahls, der ebenso das Blut Christi enthalten hatte wie vormals Maria das Blut und den Leib des Erlösers in sich trug. Der Abendmahlskelch war zudem der Ursprung des christlichen Speisungswunders, wo sich Brot und Wein in das Blut und den Leib Christi verwandeln. Hatte sich nach Johannes 6 nicht Jesus selbst als das himmlische Brot bezeichnet? Mehr noch: Er setzte das Brot des Abendmahls mit dem Manna der Wüste gleich.

Der Gral als Abendmahlskelch war die Folge einer genialen christlichen Verwandlung. Aus einem Bestandteil der alten Bundeslade wurde ein Gegenstand, der nun mit Maria, der neuen Bundeslade, verbunden war. Aus einem Heiligtum, das angeblich wundertätig Manna spendete, machte man einen Gegenstand, der den Leib Christi, das neue Manna, bereithielt. Fortan und für alle Zeiten war das Attik Jomim, der Heilige Gral, zum Kelch des letzten Abendmahls geworden, in dem das Blut Christi aufgefangen wurde.

10. Das Geheimnis der Templer

Wohin verschwanden das Attik Jomim und die Bundeslade? Wurden sie zerstört oder blieben sie für immer verschollen? Eschenbach behauptet in seinem Parsival (468,23-30 u. 469,1-7), dass der Gral von der Gralsritterschaft, dem Templerorden, bewacht und aufbewahrt wurde.

Sowohl der Templerorden als auch die Gralslegende hatten ihre Wurzeln in Troyes, der Residenzstadt der Champagne. Chretien de Troyes, der erste Gralsautor, hatte bis 1173 am Hofe des Grafen Henri de Cham-pagne gelebt, dessen Großvater zu den Gründern des Templerordens gehörte. Jener ältere Henri de Champagne hatte jüdische Schriftgelehrte um sich versammelt, die unter der Leitung von Schlomo Jizchaki alias Rabbi Raschi (1040-1105) uralte hebräische Texte übersetzen und erläutern mußten. Viele der Schriften waren 1099 den Kreuzrittern bei der Eroberung Jerusalems in die Hände gefallen oder wurden in zerstörten Synagogen des Umlandes gefunden. In der Absicht weitere alte Schriften aufzuspüren, bereiste Henri de Champagne in Begleitung seines Neffen Hugo de Payens mehrmals das Heilige Land und besuchte dabei nicht nur Jerusalem und den Tempelberg, sondern auch die Gegend um das Tote Meer.

Nach Jahren intensiver Textstudien erschien Hugo de Payens im Jahre 1111 (nach offiziellen Quellen 1118) mit sechs Rittern und zwei Mönchen beim König von Jerusalem und legten ihr Gelübde als Laienbruderschaft ab. Sie wollten fortan für die Sicherheit der Straßen sorgen und Pilger beschützen. Dem König erschien dies so verdienstvoll, dass er ihnen einen Flügel seines Palastes zur Verfügung gestellte, der sich nach der Legende über den Grundmauern des Salomonischen Tempels erhob. Bis zur offiziellen Gründung des Templerordens im Jahre 1127 wurden allerdings weder Straßen noch Pilger geschützt, sondern lediglich archäologische Ausgrabungen im Bereich des Tempelbergs und bei den sog. „Pferdeställen Salomos“ durchgeführt.

Der israelische Archäologe Prof. Meir Ben-Dov entdeckte bei seinen Nachforschungen verschüttete Tunnelgänge, die die Gründer des Templerordens unter dem heiligen Bezirk in den Tempelberg vorangetrieben hatten. Da islamische und israelische Behörden weitere Ausgrabungen untersagten, waren weitergehende Erkundungen der Stollen bislang nicht möglich. Für die israelischen Forscher aber steht schon jetzt fest, das die Templer ohne jeden Zweifel die Bundeslade suchten, die nach alten Legenden 586 vor Christus vor den heranrückenden Babyloniern im Tempelberg versteckt worden sein soll.

Sowohl der jüdische Gelehrte Maimonides (1135-1204) als auch der Babylonische Talmud unterstreichen, die Lade und das gesamte Inventar des Allerheiligsten seien in einer geheimen Höhlen unter dem Tempel-berg verborgen worden, deren genaue Lage später allerdings in Vergessenheit geriet, worauf die Heiligtümer für immer verschollen blieben. Bestätigt wird diese Version auch in der Apokalypse des Baruch (um 100 nach Christus) und im Buch Kusari, das der jüdische Arzt Jehuda Halevi 1140 verfasste. Andere Erzählungen behaupten, die Lade und andere dazugehörende Kultgegenstände seien an der Westseite des Tempels tief unterhalb eines Holzschuppens vergraben worden, weshalb sich noch viele Priestergenerationen auf dem Tempelberg stets in Richtung Westen verneigten.

Alles nur alte Legenden, die den Glauben an die Existenz der Bundeslade aufrecht erhalten sollten? Sicher nicht, denn der israelische Archäologe Ronny Reich und sein Team konnten mittels Wärmescannern und Infrarotkameras eindeutig beweisen, dass der Tempelberg von Stollen und Kammern durchsetzt ist, die ein regelrechtes Labyrinth bilden. Ein Gegenstand, der dort in babylonischer Zeit versteckt wurde und dessen genaue Lage im Chaos des Krieges und der Deportationen in Vergessenheit geriet, wäre erst wieder durch systematische Ausgrabungen gefunden worden, wie sie erstmals die Gründer des Templerordens durch-führten. Weder Babylonier noch Römer oder Araber waren in die unterirdische Welt des Tempels vorgedrungen und weder im zweiten Tempel noch im späteren Herodianischen Tempel fand sich eine Spur der Lade und ihres Inhalts. Babylonier, Römer, Arabern und die jüdischen Erbauer nachfolgender Tempel hät-ten die Heiligtümer Israels also unmöglich finden können.

Diese Ehre wurde den Gründern des Templerordens zuteil, die 16 Jahre lang den Tempelberg und die Fundamente des Tempels durchwühlten, weil sie einen Gegenstand suchten, von dem sie zuvor in alten hebräischen und aramäischen Schriften erfahren hatten. Ein Gegenstand, der nahezu mit der Bundeslade identisch war, der angeblich aus dem Himmel stammte und seinem Besitzer nach der Legende die ewige Seligkeit sichern konnte, nämlich das Attik Jomim, der Heilige Gral.

Die Beschreibung des Heiligtums taucht in den Anklageschriften des französischen Königs Philipps IV. auf, der ab 1307 offen die Zerschlagung des Templerordens betrieb, weil er dessen Schätze habhaft werden wollte. Vorwand für die Aktion war ein Idol, das die Templer angeblich in ketzerischer Weise verehrten und dessen Schilderung uns sehr bekannt vorkommt. So soll ein Heiligtum namens Baphomet verehrt worden sein, das aus Metall bestand und als „Freund Gottes“ mit Gott sprechen konnte.

Hatten die Eingeweihten nicht auch über die Bundeslade mit Gott gesprochen? War der Gral nicht angeblich in der Lage gewesen, göttliche Botschaften zu empfangen? Konnte das Attik Jomim nicht sogar Kontakt zu den „fliegenden Herren“ im „Äther“ aufnehmen? Gleich dem Gral war Baphomet „Spender aller guten Dinge“ und konnte wie die Bundeslade im Talmud sogar Bäume zum Sprießen bringen.

Alles zufällige Übereinstimmungen? Es gibt allerdings noch mehr „Zufälle“. So behauptete ein Templer namens Guillaume de Herblay, das Heiligtum habe als Metallkopf zwei Gesichter gehabt, während Bruder Armadi wiederum von drei Gesichtern oder Köpfen sprach. In den Anklageschriften lesen wir dazu unter Artikel 46 und 47 folgendes:

„Daß sie (die Templer) … Götterbilder besaßen, das heißt Köpfe, die zum Teil drei, zum Teil ein einziges Gesicht hatten, und daß manche davon Schädel waren … Daß sie in den Versammlungen das Idolbild wie einen Gott verehrten, wie einen Erlöser …“

Die beiden Templer hatten ganz richtig beobachtet, denn das Attik Jomim hatte tatsächlich – je nach Betrachtungsweise – einen, zwei oder drei Köpfe, nämlich einen großen Kopf oder Behälter, der zwei kleinere enthielt.

Selbst der ominöse Bart des Heiligtums taucht in den Aussagen der Ritter auf, wo sehr oft von einem bärtigen Männerkopf aus Metall die Rede ist, der auch in den Anklageschriften erwähnt wird:

„… Und er hatte einen halben Bart im Gesicht und die andere Hälfte am Hintern, was ein widersinnig Ding war; und gewiß ist, daß der Templer ihm huldigen mußte wie Gott …“

Natürlich konnten die Ankläger des Templerordens solchen Schilderungen keinen Sinn abgewinnen. Was sollte ein „halber Bart im Gesicht und am Hintern“ darstellen? Welche Bedeutung dies hatte, wird erst deutlich, wenn man einen weiteren Blick in den Sohar wirft. Dort wird davon gesprochen, dass das Attik Jomim einen Bart und Schnüre besaß, die sich nach vier Seiten teilten. Es gab solche als Barthaare umschriebenen Rohrleitungen also sowohl auf der Vorderseite, im „Gesicht“, wie auf der Rückseite, am „Hintern“. Symbolisch wurde dies auf der dem Gral entsprechenden Kelch-Karte des Tarot dargestellt, wo am Gralskelch nach vier Seiten Schnüre herabhängen, die von Tautropfen umgeben sind.

Seltsamerweise wird Baphomet in den Templer-Akten einerseits als dreidimensionaler Gegenstand aus Metall beschrieben und andererseits als „Haut wie glänzendes Leinen“ bezeichnet. Selbst diese Formulierung findet sich im Sohar, wo die „obere Weisheit“, die den Tau sammeln sollte, von einer „Ätherhaut“ oder „blassen Haut“ überdeckt wird.

Von „Weisheit“ leitete sich auch der Name Baphomet ab, der lediglich eine hebräische Athbash-Verschlüsselung darstellt. Beim Athbash werden die 22 Zeichen des hebräischen Alphabets in zwei Elfergruppen übereinander gesetzt, wobei die zweite Gruppe in umgekehrter Reihenfolge aufgeschrieben wird und der letzte Buchstabe zuerst erscheint. Die so entstehenden Buchstabenpaare sind austauschbar und können für Chiffrierungen verwendet werden. So würde A, der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets, beispielsweise durch TH, den ihm entsprechenden letzten Buchstaben, ersetzt werden. Ähnlich kann auch mit dem Begriff Baphomet verfahren werden, der auf Hebräisch BPVMTh geschrieben wird, was in Ath-bash zu ShVPIA wird. ShVPIA muss als „Sophia“ ausgesprochen werden, das auf Griechisch „Weisheit“ bedeutet, die im Sohar zu den zentralen Codewörtern des Attik Jomim gehört.

Die oft geäußerte Behauptung, Baphomet sei ein Synonym für Mohammed oder gar ein Hinweis darauf, dass die Templer Moslime geworden seien, kann getrost vergessen werden. Baphomet war weder ein Symbol des Islam, eine garstige Dämonenfigur noch eine finstere esoterische Lehre. Der Name des Templeridols war eine verschlüsselte Chiffre für das israelische Attik Jomim, dessen Beschreibung eindeutig und ohne jeden Zweifel in den Anklageschriften und Vernehmungsprotokollen des Templerordens zu finden ist.

Es gibt zu denken, dass die Templer ein Ritual abhielten, welches sie ausgerechnet „Taufe der Weisheit“ nannten und das offenbar an die mit Tau benetzte „obere Weisheit“ des Attik Jomim erinnern sollte, von der sich auch die Vorstellung vom „Stein der Weisen“ ableitete. Der „Stein der Weisen“ spielte in der Alchemie eine wichtige Rolle, wurde mitunter aber auch als Bestandteil der Bundeslade betrachtet. Nicht zuletzt Wolfram hatte ja von einem Stein gesprochen, als er den Gral umschrieb. Obwohl der Gralsdichter offen zugab, nicht genau zu wissen, was der Gral eigentlich sei, verwendete er den Begriff „lapsit exillis“ (Stein des Exils). Eine phantasievolle, aber durchaus zutreffende Umschreibung des Attik Jomim. Nach der Überlieferung des Sohar hatten die Israeliten das Attik Jomim im Wüstenexil mit sich geführt, wohingegen der Stein seit alter Zeit als Sinnbild der göttlichen Gegenwart diente und zur Umschreibung heiliger Gegenstände verwendet wurde. Die Begriffe Bundeslade Attik Jomim, Baphomet „Stein der Weisen“ und Gral waren austauschbar, weil sie sich letztlich auf ein und dasselbe Objekt bezogen.

11. Der Kreis schließt sich

Wohin hatte man das Attik Jomim gebracht, nachdem der Templerorden zwischen 1307 und 1312 zerschlagen wurde?

Den Häschern des französischen Königs waren weder die Schätze der Templer noch ihre geheimen Papiere oder gar Baphomet selbst in die Hände gefallen. Der Orden war vor der Aktion des französischen Königs von Papst Klemens V. gewarnt worden, der insgeheim auf der Seite des Ordens stand. Die Mutter des Papstes hieß Ida de Blanchefort und war mit Betrand de Blanchefort, einem Großmeister des Templerordens, verwandt. Im Jahre 1156 ließ jener Bertrand de Blancheforts deutsche Bergleute in die Gegend von Rennes-le-Château beordern, um raffinierte unterirdische Tresore und Stollen anzulegen, in denen offenbar in Krisenzeiten die Reichtümer des Ordens versteckt werden sollten.

Dieser Fall trat ein, als der französische König Philip IV. zum Schlag gegen die Templer ausholte. Nach einer örtlichen Legende wurde mit Hilfe Pierre de Voisins, des Herrn von Rennes-le-Château, der Schatz der Templer in Sicherheit gebracht und durch eine nächtliche Wagenkolonne in die Gegend um Arques transportiert, also genau dorthin, wo sich der rätselhafte Schrein erhob, den Nicolas Poussin und die Gebrüder van Eyck auf ihren Gemälde verewigten.

Die Dynastie Hautpoul de Blanchefort, aus der die späteren Grundherren von Rennes-le-Château stammen, war nicht nur mit Bertrand und Ida de Blanchefort weitläufig verwandt, sondern stand auch in enger familiärer Beziehung zu Pierre de Voisins, der als Mitinitiator der Aktion gelten dürfte. Die Hautpoul de Blancheforts waren damit zum Träger eines alten Geheimnisses geworden, das über ihren Beichtvater Antoine Bigou bis zu Henri Boudet und Saunière gelangte.

Nun wird verständlich, warum auf einem Grabstein der Marquise Hautpoul de Blanchefort Hinweise auf den Heiligen Gral verewigt wurden und weshalb in den Pergamentschriften ein „Schatz von Zion“ auftaucht. Der Heilige Gral war der Schatz von Zion, ein Bestandteil der Bundeslade, dessen Überreste schließlich nach Rennes-le-Château gelangten. Der Gral und die Bundeslade gehörten untrennbar zusammen, was sich auch in den Gemälden widerspiegelt, die den Schlüssel zu dem uralten Mysterium bergen. Obwohl Poussins Bild „Die Hirten in Arkadien“ ein Anagramm auf die Bundeslade enthält und der Genter Altar im Gegensatz dazu den Heiligen Gral wiedergibt, ging es ursprünglich um ein und denselben Gegenstand, der auf beiden Kunstwerken folgerichtig mit der gleichen Landschaft verbunden wird.

Saunière selbst hinterließ eine symbolische Darstellung des Attik Jomim, die auf diesen Zusammenhang hinweist. Das persönliche Buchzeichen des Priesters zeigt über einem Davidstern drei ineinanderliegende Kreise mit einem kleinen Punkt in der Mitte, was zusammen mit der bereits erwähnten Inschrift eindeutig als altes Zeichen der Bundeslade zu werten ist. Seltsamerweise wurden die Kreise nicht konzentrisch, sondern versetzt angeordnet. Die Kreise befinden sich ineinander und gleichzeitig übereinander und sind damit eine exakte graphische Umsetzung der Beschreibung des Attik Jomim im Sohar, wo davon gesprochen wird, dass drei Köpfe ausgehöhlt sind und „dieser … sich in jenem und dieser über dem anderen“ befindet.

Abb. 5: Saunières Buchzeichen entspricht einer symbolischen Darstellung des Attik Jomim und der Bundeslade. Quelle: Oliver Deberling.
Abb. 5: Saunières Buchzeichen entspricht einer symbolischen Darstellung des Attik Jomim und der Bundeslade. Quelle: Oliver Deberling.

Es fehlt eigentlich nur noch die konkrete Erwähnung eines Heiligtums und des dazugehörenden Mannas. Tatsächlich machte Pierre de Plantard, dessen Großvater eng mit Saunière befreundet war, schon in den 1960er Jahren eine faszinierende Anspielung auf die Entdeckung Saunières, indem er davon sprach, dass die Eingeweihten das Manna miteinander geteilt hätten. Eine Äußerung, die damals freilich niemand verstand und deren ungeheuerliche Bedeutung erst jetzt erkennbar wird, denn Saunière hatte in Wahrheit die Überreste eine Gegenstands entdeckt, der in der Legende mit dem biblischen Manna-Wunder in Verbindung gebracht wurde.

Nach eigenen Angaben wollte Saunière einen Großteil Rennes-le-Château von einem gigantischen Tempel überspannen lassen, dessen Allerheiligstes die Dorfkirche werden sollte, in der ein Heiligtum aufbewahrt werden sollte. Während der Renovierungsarbeiten an dem Gotteshaus hatte der Priester den Zugang zur mittelalterlichen Krypta freilegen lassen und darin eine kleine Nische, die offenbar als Versteck dienen sollte, eigenhändig zugemauert und versiegelt. Der nach unten gerichtete Blick der Statue des Teufels Asmodi trifft den Boden der Kirche an jener Stelle, wo Saunière gearbeitet hatte. Das Antlitz der Figur ist von Angst und Entsetzen gezeichnet. Der Teufel jedoch hatte nur die Macht Gottes zu fürchten oder einen Gegenstand der das Göttliche symbolisierte.

Abb. 6: Statue des Teufels Asmodi in der Dorfkirche von Rennes-le-Château. Quelle: Oliver Deberling.
Abb. 6: Statue des Teufels Asmodi in der Dorfkirche von Rennes-le-Château. Quelle: Oliver Deberling.

Asmodi war nach der Legende der Erbauer des Jerusalemer Tempels, der Hüter des Tempelschatzes und erscheint überdies auch an wichtiger Stelle im Tarot, wo die 15. Karte der Großen Arkana dem Teufel gewidmet ist, während die 16. Karte einen Turm auf einem schroffen Felshügel zeigt, der sein Gegenstück in jenem Aussichtsturm hat, den sich der Priester nach eigenen Plänen erbauen ließ. So verwundert es auch nicht, dass die 22. Karte der Großen Arkana verblüffend an Saunières Buchzeichen erinnert. Saunière kannte die Symbolik des Tarot und ihre Verbindung zur Gralslegende und ihm war auch bewusst, dass die 22 die Zahl des Attik Jomim war, das nach den Angaben des Sohar genau 22 Bärte oder Rohrleitungen hatte. Es war eben kein Zufall, dass Saunière überall Hinweise und Symbole auf die Zahl 22 hinterließ, die als Wegweiser für die Wissenden gedacht war.

Neuste Untersuchungen moderner Wärmebildkameras haben inzwischen bestätigt, dass in der Krypta der Kirche, direkt unterhalb der Statue des Asmodi, ein großer Metallgegenstand versteckt wurde. Die beteiligten Forscher glauben, es könne sich um einen großen Abendmahlskelch oder einen Teil des Schatzes von Rennes-le-Château handeln. In Wahrheit aber dürften dort die Überreste eines Gegenstands ruhen, der einst ein Teil der Bundeslade war, den die Gründer des Templerordens in Jerusalem fanden und der nach den Schilderungen der Gralsautoren und des Sohar nicht von dieser Welt stammte.

Die Geschehnisse in Rennes-le-Château bedürfen natürlich weiterer Forschungsanstrengungen, die auch die immense Vielzahl der Indizien, Dokumente und Bildhinweise mit einbeziehen müssen, die im Rahmen dieser Arbeit nicht erwähnt werden konnten.

Literatur

Deberling, Oliver (2005): Das größte Geheimnis der Templer, Kopp Verlag, Rottenburg

Fiebag, Peter und Johannes (1998): Die Ewigkeitsmaschine, Langen Müller, München

Kühn, Dieter (1986): Der Parzival des Wolfram von Eschenbach, Insel Verlag, Frankfurt am Main

Müller, Ernst – Hrsg. (1982): Der Sohar. Das Heilige Buch der Kabbala, Diederichs Verlag, München

Revidierte Elberfelder Bibel (1987), Brockhaus Verlag, Wuppertal

Sassoon, George und Dale, Rodney (1995): Die Manna-Maschine, Ullstein Verlag, Frankfurt am Main/Berlin