Die Werke des arabischen Historikers al-Makrizi sind von großem Interesse für die Geschichte der frühislamischen Ära. Für die Ägyptologie ist das „Pyramidenkapitel“ aus dem al-Hitat ein wichtiger Text zur Rezeptionsgeschichte der ägyptischen Pyramiden in der Zeit nach der arabischen Eroberung. Gunnar Sperveslage rezensiert für Mysteria3000 die Neuauflage des – auch in der Literatur der alternativen Archäologie geschätzten – Kapitels aus dem „Hitat“.

Die Werke des arabischen Historikers al-Makrizi (1364-1442 n.Chr.) sind von großem Interesse für die Geschichte der frühislamischen Ära. Seine detaillierte und ausführliche Darstellung der Fatimiden-Dynastie in Ägypten und Nordafrika (909-1171 n.Chr.) ist in der Islamwissenschaft von großer Bedeutung, da al-Makrizi viele ältere Werke zitiert, die sich nicht erhalten haben. Für die Ägyptologie ist das „Pyramidenkapitel“ aus dem al-Hitat, einer topographischen und historischen Beschreibung Ägyptens, ein wichtiger Text zur Rezeptionsgeschichte der ägyptischen Pyramiden in der Zeit nach der arabischen Eroberung.

Das „Pyramidenkapitel“ aus dem al-Hitat des al-Makrizi wurde 1911 von Erich Graefe als Dissertationsschrift veröffentlicht und 1968 als unveränderter Nachdruck wieder aufgelegt. Nun hat Stefan Eggers eine Neuauflage dieses interessanten Textes herausgegeben. Es sei ein Vergleich der ursprünglichen mit der neuen Auflage gestattet, um zu erörtern, welchen Wert die Neuauflage besitzt.

Die Ausgabe von 1911 war nicht nur die Übersetzung, sondern auch die textkritische Edition des arabischen Textes, vornehmlich nach der Berliner Handschrift 6109 aus dem Jahr 1569, sowie einer weiteren Handschrift aus Berlin, zwei Münchner Handschriften und der zweibändigen in Bulaq erschienenen Druckausgabe des vollständigen al-Hitat. Diese Edition des arabischen Textes nahm bei Graefe die Seiten 1-48 ein und fehlt in der Neuausgabe völlig. Damit ist die Neuausgabe für Arabisten, Islamwissenschaftler und Ägyptologen wertlos, da der arabische Wortlaut und die Übersetzung nicht ohne die alte Ausgabe geprüft werden kann. Ferner fehlen bei der Übersetzung nun jeweils diejenigen Fußnoten, in denen arabische Zeichen verwendet wurden, bzw. sie wurden ohne den arabischen (in Fußnote 26 den aramäischen) Text übernommen. Dadurch wurden Sinn und Inhalt verfälscht und entstellt; die Anzahl der Anmerkungen hat sich von 76 auf 58 verringert. Fußnoten, die ursprünglich auf den arabischen Text im ersten Teil verwiesen, blieben allerdings grundsätzlich erhalten, so dass nun Anmerkungen wie „s. Text, S. 15, Anm. 13.“ ins Leere verlaufen und die Originalausgabe verlangen. An anderer Stelle wurden Anmerkungen vom Herausgeber ohne Kennzeichnung hinzugefügt (z.B. Anm. 4) oder im Wortlaut verändert (z.B. Anm. 24). Immerhin kann der kritische Leser eine veränderte oder hinzugefügte Fußnote daran erkennen, dass am Ende der obligatorische Punkt fehlt. Ferner fehlt ein Verzeichnis der in den Fußnoten verwendeten Sigeln und Kürzel. Dass z.B. das Kürzel „k“ in Anmerkung 6 „Cf. k, S.129.“ die Bulaqer Druckausgabe bezeichnet, erfährt man nur über die Einleitung zur 1911er Ausgabe. Immerhin enthält die Neuausgabe überhaupt Fußnoten, was, wie aus der Danksagung S. 62 hervorgeht, ursprünglich vom Herausgeber nicht vorgesehen war.

Ist das Fehlen des arabischen Textes und der vollständigen Fußnoten zu bemängeln, so ist dem noch hinzuzufügen, dass auch Graefes Einleitung zur Edition und die Schlussbemerkungen fehlen. Damit fehlt auch die tabellarische Übersicht der von al-Makrizi zitierten Autoren und deren zeitlicher Einordnung. Anstelle der ursprünglichen Einleitung stehen ein zweieinhalb seitiges Vorwort und eine zweieinhalb seitige Einleitung des Herausgebers, die inhaltlich aber nichts zur Textausgabe beitragen, sondern nur die Geheimnisse der Pyramiden beschwören. Von 96 Seiten der 1911er Ausgabe sind somit 64 Seiten geblieben.

Es wäre also genügend Platz innerhalb des Buches gewesen, um sich in einem einleitenden Kapitel mit der Biographie des arabischen Historikers al-Makrizi, der Entstehung des al-Hitat sowie seiner Beschäftigung mit der Geographie und Geschichte Ägyptens und des Fatimidenreiches zu beschäftigen. Ebenso wäre ein kritischer Kommentar zum Pyramidenkapitel wünschenswert gewesen, in dem die größtenteils widersprüchlichen Aussagen von al-Makrizi’s Quellen untersucht würden. An Sekundärliteratur über die Person al-Makrizi’s und seine Werke mangelt es nicht; da diese im dürftigen Literaturverzeichnis (S. 63) nicht aufgeführt sind, scheint der Herausgeber sie jedoch nicht zur Kenntnis genommen zu haben. So erfährt der Leser außer den Lebensdaten nichts über die Person des al-Makrizi.

Man sollte nun meinen, dass die Liste der Mängel damit erschöpft sei und man sich doch zumindest am Text der Graefe’schen Übersetzung erfreuen könne. Doch ein oberflächlicher Blick genügt schon, um die Unzuverlässigkeit der Textwiedergabe zu erkennen. Allein auf den ersten drei Seiten (S. 13-15) findet sich in 15 Fällen (!) eine falsche oder abweichende Zeichensetzung sowie ein falsches Diakritikon bei der Umschrift arabischer Eigennamen. Bei der Wiedergabe der arabischen Eigennamen fällt zudem auf, dass, offenbar in völliger Unkenntnis der arabischen Sprache, generell anstelle eines Aijns (`) falsch ein Hamza (‚)steht. Eine weitere Prüfung der korrekten Wiedergabe des Textes hat der Rezensent sich erspart. Es sei noch auf Formfehler im Layout hingewiesen: Die Zeilenabstände in den Fußnoten sind uneinheitlich und im Fließtext findet häufig mitten im Satz ein Absatzwechsel statt. Dies behindert den Lesefluss und scheint die Folge der mangelhaften Nachbearbeitung eines Textscans zu sein.

Aus den oben genannten Gründen, dem Fehlen des arabischen Textes und der ursprünglichen Einleitung von Erich Graefe sowie die unvollständige Wiedergabe der Fußnoten und die Fehler in der Textwiedergabe, ist die Neuauflage von keinerlei wissenschaftlichen Wert und Interesse. Auch spiegelt sie weder den Wissens- und Forschungsstand zu al-Makrizi und der Überlieferung seines al-Hitat wider, noch gibt sie dem Leser Hintergrundinformationen zum Verständnis des Textes und seiner Entstehung an die Hand. Selbst ein Verweis auf die einschlägige Literatur zur Biographie al-Makrizi’s (z.B. den Artikel von F. Rosenthal in ‚The Encyclopaedia of Islam, New Edition‘ oder den ausführlichen Beitrag von J.C. Garcin in ‚Les Africains 9‘, hrsg. von Ch.-A. Julien) oder die neue Textedition von Ayman F. Sayyid von 1995 wurde versäumt. Dazu bietet der Text aufgrund der Tippfehler und der Mängel im Textlayout auch dem nicht fachgerichteten Leser kein besonderes Lesevergnügen.

Fazit: Ein unveränderter Nachdruck wäre dienlicher gewesen. Denn wer sich mit dem Text auseinandersetzen will, kann auf die Ausgaben von 1911 und 1968 nach wie vor nicht verzichten.

Eggers, Stefan (Hrsg.): Das Pyramidenkapitel in Al-Makrizi’s „Hitat“. Nach einer Übersetzung von Dr. Phil. Erich Graefe, Books on Demand, Norderstedt 2003, ISBN: 3-8330-1128-9, EUR 9,90