Zecharia Sitchin – gilt bei seinen Anhängern als Spezialist für altorientalische Sprachen. Sein Umgang mit dem ‚Akkadischen‘ und ‚Sumerischen‘ spricht – wie Markus Pössel in seinem Artikel zeigt – nicht für ein spezialisiertes Wissen der Sprachen, welche für Sitchins Arbeit eine bedeutende Rolle spielen.

Freunden der unorthodoxen Archäologie ist er ein Begriff: Zecharia Sitchin mit seinen Theorien vom „12. Planeten“; ein amerikanischer Autor, dessen Bücher eine Vielzahl von unorthodoxen Interpretationen insbesondere der Archäologie der Kulturen Zweistromlands beinhalten. Viele von Sitchins Behauptungen „vererben“ sich zu anderen Sachbüchern der unorthodoxen Archäologie – geradezu legendär ist seine These vom gefälschten Pharaonennamen, die eine Vielzahl von anderen Autoren übernommen haben.

Wo man sich auf Sitchin beruft, geschieht das oft mit dem Hinweis, er sei ein „Orientalist“ oder „Sumerologe“, einer der wenigen, die die alten Tontafeln entziffern könnten (so etwa in Johannes von Buttlars Buch ‚Adams Planet‘ [1991], S. 38 und 48). Sitchins Bücher enthalten denn auch eine Vielzahl von „Übersetzungen“ akkadischer und sumerischer Begriffe, die für seine Interpretationen z.B. der mesopotamischen Mythen von großer Wichtigkeit sind.

Bei der Arbeit an einer früheren Version von Phantastische Wissenschaft, die ein Kapitel zu dem „Sumerischen Rollsiegel“ enthielt, das laut Sitchin eine Darstellung des Planetensystems zeigen soll (vgl. Marzahn 1995), habe ich mich auch mit Sitchins fachlichem Hintergrund beschäftigt, und insbesondere mit seinen Kenntnissen der altorientalischen Sprachen. Ich bin dieser Sprachen selbst nicht mächtig, konnte mich aber der Unterstützung von Prof. Dr. Hermann Hunger vom Institut für Orientalistik der Universität Wien erfreuen, der meine diversen Fragen zum Akkadischen und Sumerischen im Allgemeinen und Sitchins Übersetzungen im Besonderen geduldig beantwortete; weiterer Dank gilt Dr. Joachim Marzahn vom Vorderasiatischen Museum Berlin für zusätzliche Hilfestellung. Weitere Informationen habe ich der Fachliteratur entnommen, insbesondere Thomsen 1984, Caplice 1988 und von Soden 1969. Weitere Untersuchungen von Sitchins orientalistischen Qualifikationen sind z.B. die unten zitierte Arbeit von Siebenhaar, außerdem ein Online-Artikel von Klaus Richter.

Wie Sitchin mit Sumerisch und Akkadisch umgeht, den für die Archäologie des Orients wichtigsten Sprachen, kann man am Beispiel heutiger Sprachen, hier Deutsch und Englisch, veranschaulichen. Stellen Sie sich vor, ein Freund von Ihnen, z.B. chinesischer Abstammung und des Deutschen und Englischen nicht sehr mächtig, legt Ihnen den folgenden Text vor – der Autor sei ein Experte für indoeuropäische Sprachen, so sagt er:

„Als Peter („Der ein Haustier ist“) mit seinem Lastwagen („seinem letzten Wagen“) gefahren war, traf er Annegret („Ein Silberreiher“). Er fragte sie, ob sie auch schon das neueste Buch von Zecharia Sitchin („Der auf seinem Kinn sitzt“) gelesen habe. Sie verneinte, erwiderte aber, Karin („Die im Auto ist“) habe es bestimmt gelesen.“

Vielleicht stünden Sie den „Übersetzungen“ am Anfang etwas ratlos gegenüber, merkten dann aber schnell, daß der Autor hier Wörter und Eigennamen übersetzt, indem er die dee und die englische Sprache wild durcheinander wirft. „So geht das aber nicht“, würden Sie vielleicht ausrufen, und dann Ihrem Freund erklären: Zwar gibt es sowohl im englischen wie im deutschen Namen, die eine Bedeutung haben. Aber Englisch und Deutsch sind (zumindest heutzutage) zwei verschiedene Sprachen. Man kann nicht einfach z.B. ein deutsches Wort zerlegen und den einen Teil englisch, den anderen deutsch übersetzen, wie bei Lastwagen = „last Wagen“ = der letzte Wagen. Nicht zuletzt ist die Aussprache von deutsch „Last“ und englisch last verschieden: Obwohl beide gleich geschrieben werden, ist im ersten Fall das „a“ kurz, im zweiten Fall lang.

Bei seinen Übersetzungen läßt der Autor die Grammatik(en) völlig außer acht: Wenn wir sagen wollen „Er ist ein Haustier (engl. pet)“, dann können wir das nicht einfach zu pet-er verkürzen.

Auch Rechtschreibung scheint den Autor nicht zu stören: So ist „ein Silberreiher“ auf Englisch zwar an egret, aber bei ‚Annegret‘ ist ein „n“ zuviel. Außerdem (von der Grammatik ganz abgesehen) schreibt sich englisch car, Auto, mit „c“, so daß man nicht einfach Kar-in = in-Kar = [she who is]in[the]car, „die im Auto ist“ setzen kann. Genau so geht Sitchin mit der sumerischen und der akkadischen Sprache um.

Da Ihnen diese Sprachen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so geläufig sind wie Englisch und deutsch möchte ich kurz auf die Sprachgeschichte des Zweistromlandes und die beiden Sprachen selbst eingehen, bevor ich zu Sitchins Umgang mit den Sprachen zurückkomme.

Die Geschichte des Zweistromlandes ist sehr wechselhaft, und je nach der Zeit, die man betrachtet, herrschen verschiedene Kulturen mit eigener Religion, Sprache und Tradition vor. Bereits Ende des vierten Jahrtausends vor Christus bilden sich im Zweistromland lokale Zentren heraus, aus denen gegen 2700 v. Chr. die sumerischen Stadtstaaten entstehen, die uns Schriftfunde in sumerischer Sprache hinterlassen haben. Die sumerische Sprache ist eine sogenannte agglutinierende Sprache: Wörter haben (zumeist einsilbige) Wurzeln, grammatikalische oder sonstige Unterschiede werden ausgedrückt, indem hinter oder vor die Wurzel weitere Wortbausteine treten – sogenannte Präfixe, Präformative oder Infixe vor die Wurzel, Suffixe dahinter.

Wie demnach im sumerischen ein Satz konstruiert wird, soll ein Beispielsatz andeuten, hier gleich in Umschrift der Silben:

u-ma-ab-sum-mu

Der ganze Satz heißt „Er gibt es mir nicht“. Dabei ist „sum“ die Verbalwurzel geben, und davor und dahinter sind ein Präfix, Infixe (alle davor) und ein Suffix (dahinter) angehängt, deren Bedeutung die folgende Tabelle erklärt:

  • nu – Negationspräfix – Er gibt es mir nicht
  • ma – Fallinfix Dativ – Er gibt es mir nicht
  • b – Pronominal-Infix – Er gibt es mir nicht
  • sum – Verbalwurzel – Er gibt es mir nicht
  • u – Pronominal-Suffix – Er gibt es mir nicht.

In ma steckt strenggenommen noch ein weiterer Präfix, dessen Bedeutung etwas komplizierter ist und etwas über die Anteilnahme des Sprechers am Geschehen aussagt. Der Pronominal-Suffix u ist eigentlich ein e, daß sich dem Vokal des Verbs (sum) angepaßt hat. Dieses und die weiteren Sprachbeispiele verdanke ich, wie erwähnt, H. Hunger.

Ändern sich Zeit, Status (Verneinung, Bitte, Feststellung), Objekt etc. des Satzes, ändert sich, was an Elementen um die Verbwurzel herumsteht – gibt er es ihm nicht, wird etwa aus dem ma ein na, geht es nicht um eine Verneinung, sondern um die Aufforderung jemand möge geben, verschwindet das nu und ein Präfix ha tritt vor den Satz. Die Verbalwurzel selbst, sum, ändert sich nicht.

Gegen 2350 v. Chr. formt König Sargon das erste Großreich auf mesopotamischem Gebiet: In ihm geben nicht mehr die Sumerer, sondern die Akkader den Ton an, eine semitische Bevölkerungsgruppe, die auch zur Blütezeit der sumerischen Stadtstaaten schon im Zweistromland gelebt hatte. Die Akkader haben ihre eigene Sprache, die der semitischen Sprachenfamilie entstammt, und die sich vom Sumerischen grundlegend unterscheidet: Wörter haben eine aus mehreren (zumeist drei) Konsonanten (dazu gehören auch w, j und Gutturallaute) bestehende Wurzel, und grammatikalische Unterschiede werden nicht nur durch Prä- und Suffixe, sondern vor allem durch die zwischen den Konsonanten des Verbs eingefügten Vokale ausgedrückt. An einem (konjugierten) Beispiel der Wortwurzel prs, „trennen“, „voneinander scheiden“, „entscheiden“ kann man sehen, wie sich das ausdrückt. Der Infinitiv des Verbs ist parasu (mit langem a), dinam (mit langem i) ist der Akkusativ des Wortes dinum, (Gerichts)Prozeß.

  • dinam iparras Er/sie entscheidet den Prozeß
  • dinam iprus Er/sie entschied den Prozeß
  • dinam taparras Du (maskulin) entscheidest den Prozeß
  • dinam taprus Du (m.) entschiedest den Prozeß
  • dinam iparrasu (langes u) Sie (m.) entscheiden den Prozeß
  • dinam iprusu (langes zweites u) Sie (m.) entschieden den Prozeß.
  • dinam iptaras Er/sie hat den Prozeß entschieden.
  • dinam purus Entscheide den Prozeß! (m.)

Das ich als langes u/langes i gekennzeichnet habe, wird in der Umschrift üblicherweise durch Überstreichung kenntlich gemacht. Ob in der Übersetzung der bestimmter oder der unbestimmte Artikel steht, kann nur aus dem Zusammenhang heraus entschieden werden.

Zeit und Objekt werden nicht einfach in Form zusätzlicher Bausteine vorne und hinten an den Verbstamm angehängt wie im Sumerischen, sondern das Verb selbst ändert seine Form.

Noch lange bleibt Sumerisch Schriftsprache. Daneben wird aber auch das Akkadische geschrieben, unter Benutzung sumerischer Schriftelemente, wobei die Keilschriftzeichen langsam weiterentwickelt werden. Die sumerischen Wortzeichen (Logogramme), die für ganze Begriffe stehen und somit sowohl akkadisch als auch sumerisch gelesen werden könnten, werden dabei zunächst zugunsten der Silbenzeichen, mit denen einzelne Wörter aus Silben zusammengesetzt werden, zurückgedrängt: Man schreibt demonstrativ und eindeutig Akkadisch.

Die akkadische Sprache, mit ihren beiden Dialekten Babylonisch und Assyrisch, herrscht in gesprochener Form bis ins neunte vorchristliche Jahrhundert, als Schriftsprache sogar bis in hellenistische Zeit vor. Eine Zeit lang wird sumerisch noch für religiöse und herrschaftliche Texte verwendet und es finden sich zweisprachige Inschriften, später gibt es Perioden, in denen versucht wird, die tote Sprache Sumerisch wieder künstlich zu beleben. Einige sumerische Wörter finden ihren Weg ins Akkadische, umgekehrt finden sich auch im Sumerischen ein paar akkadische Lehnwörter.

Von Struktur und Grammatik her sind die beiden Sprachen aber völlig verschieden, vergleichbar dem Unterschied von de und Chinesisch. Akkadisch als semitische Sprache und das isoliert stehende Sumerisch als agglutinierende Sprache gehören zwei verschiedenen Sprachenfamilien an. Noch viel weniger als in meinem de/englischen Beispieltext darf man die Sprachen demnach zur Übersetzung eines Wortes vermischen, und das wurde in damaliger Zeit auch nicht getan.

Genau so wie in meinem englisch-deutschen Beispieltext – und mit ähnlich sinnvollen Resultaten – geht Sitchin nun aber bei seinen Übersetzungen vor. Wie im Englischen „Smith“ oder im deutschen „Pflaumbaum“ gibt es auch im Sumerischen und im Akkadischen Eigennamen, die eine Bedeutung haben – als akkadische Beispiele etwa (Stamm 1969) Ilsu-ibnisu, „Sein Gott hat ihn erschaffen“, oder Beli-sar, „Mein Herr ist König“. Auch der Name des aus Bibel und Heine-Ballade bekannten Belsazar, Bel-sarra-us, hat eine Bedeutung, nämlich „Bel, schütze den König“.

Einmal mehr kann ich die Umschrift in HTML nicht vollständig wiedergeben; bei Ilsu-ibnisu tragen die beiden s einen Akzent, der sie zu „sch“ macht, das letzte i ist lang; auch in Beli-sar und Bel-sarra-us sind die „s“ in Wirklichkeit „sch“ und das i ist lang.

Alle solche Namen sind aber einheitlich in einer der Sprachen zu lesen sind und respektieren die die jeweilige Grammatik.

Sitchins Übersetzungen lassen dagegen Grammatik und teilweise auch die Aussprache der Wortteile außer acht. (Ähnlich wie in meinem de-englischen Beispieltext finden sich auch bei Sitchin die „Übersetzungen“ zumeist in Klammern hinter den entsprechenden Wörtern.)

TIAMAT, die gemeinsam mit APSU den vergöttlichten Urozean bildet, und die in Sitchins Beschreibung des Planetensystems eine Rolle spielt, wird zuerst als „Jungfrau des Lebens“ (Sitchin, Der Zwölfte Planet, S. 216.), dann als „Jungfrau, die Leben gab“ (Sitchin, Der Zwölfte Planet, S. 220.) übersetzt. Kommentiert wird diese Übersetzung, wie auch sonst die Übersetzungen in Sitchins Buch, nicht.

Die Zulässigkeit dieser Übersetzung ist etwa die meines „Peter“ oben: TI interpretiert Sitchin als das sumerische Wort für „Leben“, amat leitet er wohl vom akkadischen amtu ab, das aber nicht so sehr „Jungfrau“, sondern „Dienerin, Sklavin“ bedeutet. Die Grammatik (beider Sprachen) wird dabei ignoriert, in beiden Sprachen würde die Konstruktion Jungfrau des Lebens gerade die umgekehrte Wortreihenfolge fordern. Der Übergang zur Jungfrau, die Leben gab, scheint eine willkürliche Ausschmückung zu sein, die wohl der Rolle entsprechen soll, die Sitchin dem Planeten, den er Tiamat nennt, zugeordnet hat.

Ein weiteres Beispiel für die Sprachvermischung ist die Übersetzung des Gottes Marduk als „Sohn des reinen Hügels“. Die Übersetzung ist aus dem akkadischen maru, „Sohn“, dem sumerischen du, „Hügel“ und dem sumerischen ku, „rein“, zusammengestückelt.

Es gibt Fälle, in denen selbst die Vermischungstechnik Sitchins „Übersetzung“ nicht erklären kann. Bei der Beschreibung des „sumerischen“ Tierkreises ( Der zwölfte Planet, S. 194) etwa nennt er als elftes Tierkreiszeichen

11. SIM.MAH („Fische“) = Fische (Pisces).

Abgesehen davon, daß der Tierkreis, wie Sitchin ihn angibt, aus dem Mul.Apin stammt, einer Textserie aus dem ersten Jahrtausend (rund 3000 Jahre nach den Sumerern), und daß Sitchin von den dort angegebenen 17 Sternzeichen 5 einfach wegläßt, um auf die üblichen zwölf Zeichen zu kommen, ist richtig, daß das entsprechende Sternbild SIM.MAH mit dem südwestlichen Teil des heutigen Sternbildes der Fische identifiziert wird. Das Wort SIM.MAH selbst heißt dagegen „Schwalbe“ oder „große Schwalbe“ und wird auch mit dem Deutezeichen für „Vogel“ geschrieben.

In ähnlicher Weise sind so gut wie alle anderen „Übersetzungen“ Sitchins unhaltbar. Sie geben keinen Hinweis darauf, daß er die beiden alten Sprachen, deren Grammatik er konsequent ignoriert, in irgendeiner Weise beherrscht.

Literatur

Caplice, Richard (1988): Introduction to Akkadian. Rom

Marzahn, Joachim (1995): „Zur ‚Sumerischen Sternkarte‘ des Vorderasiatischen Museums“, in: Sterne und Weltraum Juli 1995, S. 524-528

Siebenhaar, Wolfgang (1995): „Sitchin und die Sumerer. Interview mit Dr. Klaus Abrahamsohn“ in: G.R.A.L. 3/1995, S. 177-179

Stamm, Johann Jakob (1968): Die akkadische Namensgebung. Darmstadt

Thomsen, Marie-Louise (1984): The Sumerian Language. Mesopotamia. Copenhagen

von Soden, Wolfram (1969): Grundriss der akkadischen Grammatik. Analecta Orientalia 33 u. 47. Rom