Alexander Nertz beschreibt im Editorial der Ausgabe 1/2003 den Begriff der sogenannten „Single-Object-Theories“.

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Themenkreis unseres Magazins ist die alternative und interdisziplinäre Archäologie. Dabei versteht man in der Fachwelt unter dem Begriff der Archäologie die Beschäftigung mit den materiellen Hinterlassenschaften einer Kultur, inklusive der damit verbundenen Vorstufen und Nachwirkungen, wie auch der Beziehungen zu den Nachbarkulturen. [1]

Gerade auf dem letztgenannten Aspekt – der Beziehungen zwischen den verschiedenen Kulturen – liegt einer der Schwerpunkte von Mysteria3000. Es ist aufschlussreich, zu untersuchen, welche Kulturen miteinander in Kontakt gestanden haben, wo es Handelswege gegeben hat und welche Güter bzw. welches Wissen ausgetauscht wurde. Bekannt ist z.B. die Seidenstraße, über die von der Antike bis ins Mittelalter wichtige Handelsgüter zwischen China und Europa ausgetauscht wurden. Anhand von Funden entlang der Karawanenwege besitzen wir davon heute sehr gute Kenntnisse.

Anders sieht es jedoch bei vielen der im Bereich der alternativen Archäologie diskutierten kulturellen Verbindungen aus, wie z.B. Kontakte zwischen Ägypten und den Mittelmeerkulturen nach Amerika, Australien oder Ostasien. Vieles beruht dabei auf vagen Hinweisen und zweifelhaften, wenig authentischen Objekten, deren Fundumstände nicht immer nachvollziehbar sind. Dabei ist es gerade der Kontext eines Fundes, der erst Möglichkeiten der Interpretation erlaubt. [2]

Sowohl der konkrete archäologische Kontext, in dem eine Fundvergesellschaftung (d.h. eine in einem bestimmten Kontext, z.B. einem Grab, zusammengeschlossene Gruppe von Artefakten) oder ein Einzelfund auftaucht, als auch der kulturelle Kontext müssen in die Betrachtung einfließen, wenn das Objekt als Beleg für interkulturelle Kontakte herangezogen werden soll. Andernfalls kann man nur zu einer oberflächlichen, auf optischen Eindrücken beruhenden Verbindungsebene zwischen einzelnen Kulturen gelangen. Ich möchte diese Vorgehensweise, die sich in der alternativen Archäologie leider viel zu oft antreffen lässt, „Single-Object-Theory“ nennen. Damit meine ich die singuläre Beschäftigung mit einem einzelnen Artefakt, das als Indiz für eine Theorie herangeführt wird, ohne dass auf seinen archäologischen und kulturellen Kontext Rücksicht genommen wird.

Einige der Artikel in der aktuellen Ausgabe von Mysteria3000 veranschaulichen dies, indem sie zeigen, wie ein Objekt in seinen Zusammenhang eingebettet und in diesem zu untersuchen ist; so Ulrich Magin im Top-Thema zur Manna-Maschine und Markus Pössel zum Ganggrab von Gavrinis. Dagegen wirft der Artikel von Ilona Schliebs die berechtigte Frage nach möglichen Verbindungen zwischen architektonisch ähnlichen Strukturen in Ägypten, Sri Lanka und Japan auf, die aber weitreichenderer Recherche und Einarbeitung in die jeweiligen Kulturen bedarf, um nicht zu einer „Single-Object-Theory“ zu werden.

Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich nicht, dass jede „Single-Object-Theory“ grundsätzlich abzulehnen ist, sondern die Vorgehensweise ist falsch. Ich lege daher jedem, der sich mit alternativer Archäologie beschäftigt, nahe, gewissenhaft zu recherchieren und alle Facetten eines Artefaktes zu durchleuchten, bevor zu einer Interpretation angesetzt wird. Archäologische Forschung, auch die alternative, kann zwar weder objektiv noch wertfrei sein, doch sie kann sich darum bemühen.

In diesem Sinne hoffen wir von Mysteria3000, unseren Beitrag zu leisten und mit unseren Artikeln zur Diskussion anzuregen.

Herzlichst, Ihr
Alexander Nertz

Anmerkungen

[1] siehe z.B. Hölscher 2002, S.11
[2] vergl. Hölscher 2002, S.86 (in anderem Zusammenhang)

Literaturverzeichnis

Hölscher, Tonio – Hrsg. (2002): Klassische Archäologie. Grundwissen. Darmstadt