Gewaltige Fluten und das versinken von Städten oder gar ganzen Kontinenten, wie etwa im Fall Atlantis, sind immer wieder Thema in alten Sagen und Legenden. Interessant wird es immer dann, wenn sich hinter solchen Sagen eine historische Realität ausmachen lässt. Dies ist im Fall „Rungholt“, einer untergegangenen Stadt im Wattenmeer Nordfrieslands scheinbar der Fall.

Dies ist im Fall „Rungholt“, einer untergegangenen Stadt im Wattenmeer Nordfrieslands scheinbar der Fall. Schon seit Jahren aber rankt sich um die Lokalisierung Rungholts ein heftiger Akademikerstreit.

Die Sage von Rungolt weiß zu berichten:

„In Rungholt auf Nordstrand wohnten weiland reiche Leute; sie bauten große Deiche und wenn sie einmal darauf bestanden, sprachen sie ‚Trotz nu, blanke Hans!‘ –
Ihr Reichtum verleitete sie zu allerlei Übermut.“ [1]

Nachdem ein paar rüpelhafte Bauern einen Priester bedrohten und einige gotteslästerliche Dinge taten und sagten, sprach der Priester zu Gott und bat ihn darum, „daß er die gottlosen Leute strafe“. [2]

„In der folgenden Nacht ward er gewarnt, daß er aus dem Lande, so Gott verderben wollte, gehen sollte; er stand auf und ging davon. Und sogleich erhob sich ein ungestümer Wind und ein solches Wasser, daß er vier Ellen hoch über die Deiche stieg und das ganze Land Rungholt, der Flecken und sieben andre Kirchspiele dazu, unterging, und niemand ist davongekommen als der Prediger und zwo, oder wie andre setzen, seine Magd und drei Jungfrauen, die den Abend zuvor von Rungholt aus nach Bopschlut zur Kirchmeß gegangen waren, von welchen Bake Boisens Geschlecht auf Bopschlut entsprossen sein soll, dessen Nachkommen noch heute leben.“ [3]

Die Geschichte von Rungholt ist nicht nur Namensgeber für Straßen und öffentliche Plätze in Schleswig-Holstein, wie dem Rungholtplatz in Kiel, sondern auch in der Dichtung aufgegriffen worden. So dichtete Detlev von Liliencron im 19. Jahrhundert in seinem Lied „Trutz, Blanke Hans“ (Blanker Hans steht für die Nordsee bei Sturmflut) die Zeile:

„Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren“

Aber ist die Geschichte von Rungholt einfach nur eine Sage? Eine fiktive Geschichte? Keineswegs, zumindest weisen Urkunden aus der Zeit Rungholts, sowie archäologische Funde nach, dass wir hier nicht nur eine fiktive Geschichte vor uns haben. [4]

Trotzdem ist die genaue Lokalisierung und die tatsächliche Bedeutung der Stadt Rungholt heute Mittelpunkt einer hart geführten wissenschaftlichen Kontroverse. Die Ursache für den Untergang Rungholts ist hierbei bestens bekannt.

1362 fegte die so genannte Marcellusflut über die Küstengebiete Nordfrieslands, gestaltete die dortige Landschaft nachhaltig um und ließ weites Marschenland und besiedelte Gebiete in den Fluten versinken. [5]

Ein interessanter Fall von Verklärung historischer Ereignisse im späteren Volksglauben, was wir in ähnlicher Form auch im Ostseebereich wieder finden, bei der Sage um die Stadt Vineta, die laut der Sage ebenfalls durch ein göttliches Strafgericht in den Fluten versank, nachdem die Bewohner dem Übermut anheim fielen [6], während die älteste historische Quelle zu dem Untergang Vinetas zu berichten weiß, dass die Stadt durch einen Dänenkönig zerstört wurde. [7]

Doch zurück zu Rungholt.

Dem Paradigma nach fand ein Bauer aus Nordstrand, Andreas Busch ab 1921 die Reste der sagenhaften Stadt bei Südstrand. Wenngleich eine 100%ige Zuordnung der Funde schwer möglich ist, gilt diese These als die bislang sicherste. [8]

Doch dagegen sträubt sich der Ethnologe Hans-Peter Duerr und leistet sich bis Heute einen handfesten Streit mit den Schleswig-Holsteinischen Landesarchäologen. Der 1943 in Mannheim geborene Völkerkundler machte Ende der 70er mit einem Buch über Schamanismus bei indigenen Völkern auf sich aufmerksam.

Später musste er für sein 5bändiges Hauptwerk „Mythos Zivilisationsprozess“, in dem er die soziologische Theorie von Norbert Elias, im Zuge zunehmenden staatlichem Zusammenwachsens der Menschen würde sich ein zunehmender Wandel gewisser Gesellschaftsformen, wie etwa ein gesteigertes Schamgefühl und eine höhere Affektkontrolle ergeben, was nach Elias dann als Zivilisation zu bezeichnen ist, stark angreift und durch eine geradezu unglaubliche Vielzahl an Daten und Materialien zu untermauern versucht. [9]

Anfang der 90er wandte Duerr sich dann einem weiteren Projekt zu, der Erforschung Rungholts.

Gemeinsam mit seinen Studenten an der Universität, wo Duerr seinerzeit Professor war, unternahm er Exkursionen und Grabungen ins Watt, auf der Spur der versunkenen Stadt.

Duerr ist nämlich der Meinung, dass die Lokalisierung von Andreas Busch nicht richtig sein kann. Vielmehr verweist er darauf, dass es im 17. Und 18. Jahrhundert Menschen auf Südfall gab, die glaubten, Rungholt hätte nördlich Südfalls gewesen. Duerr merkt an, dass diesem überlieferten Wissen Beachtung geschenkt werden müsse [10] und seine vielen Funde scheinen ihm da Recht zu geben.

Doch während Duerr sich bei seinen Grabungen auf altes Friesenrecht beruft, Strandgut wäre Eigentum des Finders, werfen ihm die Landesarchäologen in Schleswig-Holstein Raubgrabungen und die Zerstörung von Fundkontexten vor. [11]

Am Kontroverstesten sind wohl Duerrs Behauptungen, er hätte Spuren minoischer Handelsbeziehung im norddeutschen Watt entdeckt. Zu diesen Funden gehören zum Beispiel Scherben die Reste kretischer Bügelkannen sein sollen. [12]

Sogar den Steinanker eines laut Duerr vermutlich minoischen Schiffs will er entdeckt haben, doch wurde er nicht geborgen und liege noch Heute im Watt. [13]

Der Nachweis solcher Handelsbeziehungen wäre sicherlich eine Sensation, doch scheinen die Fronten zwischen Duerr und dem archäologischen Landesamt in Schleswig-Holstein zu verhärtet, als das im Moment auf Aufklärung zu hoffen ist.

Der Archäologe Hartmut Matthäus von der Universität Erlangen meint zu diesem Fall:

„Momentan kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand in dieses Wespennest greift.“ [14]

Es bleibt also abzuwarten, wann und ob jemals eine Klärung auf die interessanten Fragen um die untergegangene Stadt Rungholt, aber vor allem auch um die scheinbaren antiken Handelskontakte Nordfrieslands mit Vertretern der minoischen Kultur geklärt werden wird.

Fußnoten

[1] Trende 2004, S. 59
[2] a.a.O., S. 60
[3] ebd.
[4] Vgl. u.a. Hagemeister 1979, S. 12
[5] Vgl. Meier 2006, S. 123 ff.
[6] Burkhardt 1990, S. 8 f.

[8] Vgl. Bosau 1973, S. 38 ff. Interessant in diesem Fall, dass Adam von Bremen 95 Jahre zuvor von Vineta noch in existierender Form schreibt, vgl. hierzu Bremen , 1986, Buch 2 S. 99 f., was darauf schließen lässt, dass Vineta innerhalb dieses knappen Jahrhunderts zerstör worden ist.

[7] Vgl. a.a.O S. 126
[8] Vgl. Hierzu z.B. Duerr 1994 und Elias 1988, 1976
[9] Vgl. Duerr 2005, S. 46 ff.
[10] Vgl. Schüring 2006, S. 12
[11] Duerr 2005, S. 316 ff.
[12] Vgl. Schüring 2006, S. 13
[13] Zit. n. Schüring 2006, S. 13
[14] Zit. n. Schüring 2006, S. 13

Literaturverzeichnis

Bosau, Helmold von: Slawenchronik. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1973

Bremen, Adam von: Hamburgische Kirchengeschichte. Geschichte der Erzbischöfe von Hamburg. Essen und Stuttgart: Phaidon Verlag 1986

Burckhardt, Albert (Hrsg.): Vineta-. Sagen und Märchen vom Ostseestrand. 4. durchgesehene Auflage. Rostock: VEB Hinstorff Verlag Rostock 1990

Duerr, Hans-Peter: Nacktheit und Scham. Der Mythos vom Zivilisationsprozess. Frankfurt/M: Suhrkamp 1994

Duerr, Hans-Peter: Rungholt. Die Suche nach einer verlorenen Stadt. Frankfurt/M und Leipzig: Insel Verlag 2005

Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische Untersuchungen. Zweiter Band. Wandlung der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Frankfurt/M: Suhrkamp 1976

Elias, Norbert: Über den Prozeß der der Zivilisation. Soziogenetische Untersuchungen. Erster Band. Wandlungen des Verhaltens in der weltlichen Oberschicht des Abendlandes. 13. Auflage. Frankfurt/M: Suhrkamp 1988

Hagemeister, Jörn: Rungholt. Sage und Wirklichkeit. St. Peter-Ording: Verlag Lühr & Dircks 1979

Meier, Dirk: Die Nordseeküste. Geschichte einer Landschaft. Heide: Verlag Boyens & Co. 2006

Schüring, Joachim: Eine unendliche Geschichte. In: Abenteuer Archäologie 05/2006, S. 12-13 http://www.wissenschaft-online.de/artikel/859444

Trende, Frank (Hrsg.): Schleswig-Holsteinisches Sagenbuch. Heide: Verlag Boyens & Co. 2004