Auch wenn die Andenmetropole Tiahuanaco aus Sicht der Archäologie aus der Vorzeit in die eigentlich schon historische Vergangenheit rückte, wie ich im Artikel ‚Tiahuanaco – Eine Stadt wird jünger‚ darzulegen versucht habe, gibt es auch immer wieder geradezu sensationelle Rückdatierungen alter Stätten. Für Furore sorgte April letzten Jahres in diesem Zusammenhang eine am Supe Valley, Peru, gelegene Stadt namens Caral.

Auch wenn die Andenmetropole Tiahuanaco aus Sicht der Archäologie aus der Vorzeit in die eigentlich schon historische Vergangenheit rückte, wie ich im Artikel ‚Tiahuanaco – Eine Stadt wird jünger‚ (Mysteria3000 1/2002, S.39-48) darzulegen versucht habe, gibt es auch immer wieder geradezu sensationelle Rückdatierungen alter Stätten. Für Furore sorgte April letzten Jahres in diesem Zusammenhang eine am Supe Valley, Peru, gelegene Stadt namens Caral. Das Alter dieser etwa 23km von der Pazifikküste entfernten Siedlung schätzt man aufgrund der Datierung von Jonathan Haas und Winifred Creamer auf etwa 4600 Jahre!

Die Radiokarbondatierungen nahmen die Forscher an sog. Shicra-Taschen vor. Diese wurden aus Schilf gewoben, das lediglich ein Jahr überdauert. Mit diesen Beuteln transportierten die Arbeiter Steine an die Baustellen, an denen gerade die weiter unten zu besprechenden Pyramiden zu errichten waren. Glücklicherweise wurden die Shicra-Taschen auch gleich in den Mauern verbaut – somit lässt sich feststellen, wann die Pyramide erbaut wurden.

Caral selbst bedeckt eine Fläche von über 60 ha und hat zwei kreisförmige, in den Boden eingelassene Höfe zu bieten. Diese eingelassenen Höfe haben in Peru eine lange Tradition, deren Anfang nach Ansicht von Shady, Haas und Creamer im Supe Valley, wenn nicht sogar in Caral selbst zu suchen ist! Beherrscht wird die Stadt von sechs größeren Mounds (pyramidalen Strukturen), deren größter die „Piramide Mayor“ ist. Sie ist 160 m lang, 150 m breit und ganze 18 m hoch! Am Fuße dieses Tempels stehen zwei Monolithen, die doppelt so groß sind wie ein erwachsener Mensch. Die Steine bestehen aus Granit, was durchaus rätselhaft anmutet, kommt dieses Gestein doch nach Angaben des GEO-Reporters Rudolf Bökemeier im Umkreis von 150 km nicht vor! Die Herkunft bleibt vorerst ungeklärt.

Neben den sechs Mounds, deren kleinster eine Fläche von 60 m mal 45 m bedeckt und eine Höhe von zehn Metern erreicht, gibt es im Nordwesten und Südosten weitere Mounds, deren chronologische und architektonische Einordnung noch nicht zu bestimmten ist, da noch keine Grabungen durchgeführt wurden. Etwa 300 m im Süden der zentralen Moundanlage findet sich ein Ort, der von den Archäologen „Chupacigarro“ genannt wird. Die Anlage zeigt einen der beiden versenkten Höfe und erinnert an ein Amphitheater. Angeschlossen an dieses „Amphitheater“ ist der „Altar des heiligen Feuers“, der von einem unterirdischen Kanal mit Luft versorgt wurde.

Bevor man näher auf Caral und dessen Entstehung eingeht, sollte man sich vor Augen führen, welche Auswirkungen die Datierungen auf die heutigen Theorien der Urbanisierung dieser Gegend haben. Bisher gab es speziell auf Südamerika bezogen die sog. maritime Hypothese, die besagte, dass sich Fischer an der Pazifikküste ansiedelten und dort größere Siedlungen sowie Kulturen hervorbrachten und erst später landeinwärts wanderten. Dieser Hypothese wird mit den neuen Datierungen praktisch der Boden unter den Füßen weggezogen: der Befund – zuerst gab es monumentale Bauten und Kulturen im Landesinneren – spricht nun gegen sie.

Ebenso wird die Theorie von Haas und Creamer unwahrscheinlicher. Sie gingen davon aus, dass Krieg kleinere Stämme dazu bewegte, sich zu größeren Verbänden zusammen zu schließen. In Caral fand man keinerlei Befestigungen, Wälle oder gar Waffen. Keine Spuren irgendeines Konfliktes waren zu finden. Bestätigt wurden sie bisher dadurch, dass man Reliefs der Casmakultur fand, die Krieger mitsamt ihren Opfern – bzw. Teilen von ihnen – zeigen. Allerdings ist die Casmakultur rund 1000 Jahre jünger als Caral und kann somit nicht als erhärtender Hinweis für die Theorie des Archäologen-Ehepaares geführt werden.

Doch was führte dann zur Entstehung des ersten urbanen Zentrums in Amerika? Diese Frage steht im Zusammenhang mit dem Problem, warum die Indianer überhaupt die Pazifikküste verließen und sich auf ein Leben in der Wüste einließen. Dies war auch der Ansatzpunkt der Chefausgräberin, der Peruanerin Dr. Ruth Shady Solis.

Die Wissenschaftlerin beschäftigte sich nämlich mit dem Naturphänomen El Nino. Das wegen seines regelmäßigen Auftretens zur Weihnachtszeit „das Christkind“ getaufte Phänomen brachte der Küste verheerende Überschwemmungen, zu denen auch noch Dürre und Kälte kamen, die die Nachzüglerin La Nina verursachte. Zu allem Überfluss machte der kalte Humboldtstrom den Indianern das Leben schwer. Was also tun?

Es gibt Vermutungen, dass die Indianer die Wüste überwanden und sich am Fluss Supe ansiedelten. Dort ließ sich die einfachste Form der Bewässerung praktizieren, die zu einer der bedeutendsten Errungenschaften – und Innovationen – der Caralschen Kultur zählt! Das gesamte Tal ist von Bewässerungskanälen durchzogen, weswegen Jonathan Haas annimmt, dass die Landschaft früher ganz anders ausgesehen habe. Bei BBC sagte er sogar, dass die Gegend eine Art „Garten Eden“ dargestellt haben könnte!

Somit hatte man die oftmals widrige Region der Küste hinter sich gelassen und mit der Bewässerung den Grundstein zum Anbau überlebenswichtiger Pflanzen gelegt. In Caral baute man nach der bisherigen Fundlage Kürbisfrüchte und Bohnen an. Ebenso fand man überall Baumwolle, über die gleich zu sprechen sein wird. Interessanterweise lebte man aber nicht nur von den selbst erwirtschafteten Erträgen, sondern aß in großen Mengen – in der Wüste paradox! – Fisch! Dabei fanden sich vor allem Anchovis (Engraulis ringens) sowie Sardinen (Sardinops sagax), die man vom 23 km entfernten Ozean gewissermaßen importieren musste.

Importieren – das Stichwort für einen der wichtigsten Aspekte Carals: der Handel. In Caral fand man Flöten, Drogen, Fischgräten und vieles andere. Was ihnen gemeinsam ist, ist die Eigenschaft, dass sie in dem Gebiet Carals nicht vorkommen! All das wurde nach Caral importiert – doch was tauschte man dafür ein? Es war die oben bereits angesprochene Baumwolle. Aus der Baumwolle wurden Fischernetze gefertigt, die den Küstenbewohner im Austausch für Essen gegeben wurden. Mehr Fischernetze bedeuteten mehr Essen, mehr Essen hieß mehr Menschen, die in Caral versorgt werden konnten. Das Geschäft boomte, wenn man so will.

Insgesamt sollen in Caral über 3000 Menschen gelebt haben. Allerdings fand man bisher lediglich zwei Skelette. Wo die Einwohner Carals ihre toten Angehörigen vergruben, weiß man nicht. Ein Archäologe äußerte die Vermutung, es gäbe einen in der Wüste verschütteten Friedhof. Nichts genaues weiß man nicht.

Auch das Ende Carals ist unklar. Aufschluss geben könnte ein Geoglyph ca. einen Kilometer westlich von Caral. Er ist 40 m lang und 24 m breit und zeigt ein Gesicht, im Profil dargestellt, mit aufgerissenem Mund und nach hinten hängenden Haaren. Die Konturen bestehen aus in Doppelreihen aufgestellten Monolithen – in seiner Gesamtheit ist das Bild wie die Rätsel von Nazca nur aus der Luft zu erkennen. Ein lohnender Ansatzpunkt für die PaläoSETI-Forschung? Wer weiß …

Die Archäologin Ruth Shady allerdings versucht weniger Spektakuläres mit dem Geoglyph zu untermauern. Sie meint, er weise auf eine Verbindung zwischen der Caral- und der Casmakultur hin, die ganz ähnliche Bilder – allerdings im kleineren Maßstab als Relief – hinterlassen hat. Carals Spuren verwischen um 1600 v. Chr., während Casma um 1200 v. Chr. auftaucht. Ist hier ein Zusammenhang zu suchen? Weitere Forschungen werden es zeigen!

Literatur

Bökemeier, Rolf (2001): „Amerikas älteste Stadt entdeckt“, in: GEO 12/2001, S. 98-118

Hagen, Adriana von und Morris, Craig (1998): The Cities of the Ancient Andes. London

Pringle, Heather (2002): „First Urban Center in the Americas“, in: Science Vol. 292, S. 621f.

Shady Solis, Ruth, Haas, Jonathan u. Creamer, Winifred (2002): „Dating Caral, a Preceramic Site in the Supe Valley on the Central Coast of Peru“, in: Science Vol. 292, S. 723-726

aus dem Internet:

Transkription der BBC Horizon Sendung ‚The Lost Pyramids of Caral‘ vom 31. Januar 2002: http://www.bbc.co.uk/science/horizon/2001/caraltrans.shtml