Wer Platons Atlantis für eine Erfindung des Platon hält, sucht in antiken Texten nach möglichen Inspirationen und Vorlagen, die sich in Platons Atlantis wiedererkennen lassen. In diesem Zusammenhang ist die 414 v.Chr. aufgeführte Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes von besonderem Interesse. Denn hier wird ebenfalls eine fiktive Stadt ersonnen, nämlich das inzwischen sprichwörtlich gewordene Wolkenkuckucksheim.

Kann man bei Aristophanes Motive und Vorlagen ausmachen, nach denen er sein Wolkenkuckucksheim erfand? O ja! Zunächst soll diese Stadt der Vögel ein Gegenbild zu Athen sein. Ihre Gründung wird von Ratefreund angeregt, der Athen verlässt, weil ihm dort zu viel prozessiert wird (40 ff.). Dahinter sehen viele eine Anspielung auf die Flucht des Alkibiades nach Sparta, um einem Prozess in Athen zu entgehen. Diese Deutung wird unterstützt durch den jedoch gleich wieder verworfenen, ersten Namensvorschlag für die neue Stadt: Sparta (812 ff.).

Die neue Stadt wird von Aristophanes wenig beschrieben; hauptsächlich charakterisiert wird sie durch ihre Mauer. Diese wird explizit mit der Ziegelmauer von Babylon verglichen (550 ff.). Die Bauarbeiten werden von Riesenheeren von Vögeln verrichtet, darunter 30000 Kraniche und 10000 Störche (1135 ff.). Am Ende ist die Mauer so groß, dass man auf ihr mit zwei Pferdegespannen aneinander vorbei fahren kann (1125 ff.). Eine unrechtmäßig eingedrungene Gottheit wird sofort von einem Riesenheer von 30000 Falken verfolgt (1179). Als Ersatz für eine Stadtgottheit wird ein persischer Vogel gewählt (832 ff.). Ratefreund, der die Gründung der Stadt anregte, ist faktisch Alleinherrscher und Despot, der die Vögel durch seine Überredungskünste nach Belieben lenkt. Unliebsame Einwanderer werden von ihm nach Despotenart fortgeprügelt (1337 ff.). Am Ende des Stücks erhält Ratefreund die personifizierte Königsherrschaft Basileia von Zeus zur Frau; ihm wird als Gottkönig gehuldigt (1706 ff.).

Damit sind deutliche Anspielungen auf Babylon und das Perserreich gesetzt. Da ist die Ziegelmauer. Dann das Fahren auf der Mauer wie in Babylon (vgl. Herodot I 179). Dann der persische Vogel. Dann die Riesenarmeen. Und schließlich der orientalische Despotismus.

Wir sehen hier, wie ein Komödiendichter seine Anspielungen so setzt, dass sie vom Publikum wiedererkannt werden können. Bei Platons Atlantis hingegen suchen wir vergeblich nach derartigen erkennbaren Anspielungen.

Könnte es denn wenigstens sein, dass sich Platon selbst wiederum an Aristophanes‘ Wolkenkuckucksheim orientierte? Aber nein. Auch in dieser Richtung sind keine erkennbaren Anspielungen auszumachen.

Wir schließen mit der Feststellung, dass das Wolkenkuckucksheim des Aristophanes keine Indizien für eine Erfindung von Atlantis durch Platon liefert. Im Gegenteil können wir am Wolkenkuckucksheim des Aristophanes sehr schön ablesen, was bei Platons Atlantis fehlt, um es als eine anspielungsreiche Erfindung erkennen zu können.

Verwendete Literatur

Aristophanes, Die Vögel – Komödie, Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Christian Voigt (1971), Stuttgart. Philipp Reclam jun. Verlag