Nubien, das Land der „schwarzen Pharaonen“, wird meist stiefmütterlich in der Literatur behandelt. Piotr O. Scholz ändert das mit seinem Band zur Geschichte der nubischen Kulturen vom Neolithikum bis in die römische Epoche.

Unter den Kulturen Nordostafrikas ist die Ägyptische die dominierende gewesen. Diesen Eindruck mag zumindest die Forschung vermitteln, die sich primär mit den Errungenschaften und Leistungen der ägyptischen Zivilisation beschäftigt hat. Die Erforschung des südlichen Nachbarn Nubien geschah dagegen eher stiefmütterlich, inzwischen gewinnt dieser Forschungsbereich jedoch immer mehr an Interesse. Aus der Perspektive der Alten Ägypter war Nubien kaum mehr als ein Land, in dem man sich nach Belieben mit Gütern und Sklaven versorgen konnte. Schon früh berichten die ägyptischen Quellen von Feldzügen und Handelsexpeditionen nach Nubien, im Mittleren Reich errichteten die Pharaonen starke Festungen gegen feindliche Übergriffe aus dem Süden. Das Wadi Allaqi in Unternubien wurde bereits von den alten Ägyptern ausgebeutet und bietet noch heute reiche Goldvorkommen. Es wurde Kupfer abgebaut und Luxusgüter wie Elfenbein, Straußenfedern, Leopardenfell, Edelsteine, Weihrauch und vieles mehr wurde aus Nubien importiert.

Piotr O. Scholz, Orientalist und Kunsthistoriker an der Universität von Lublin gibt im vorliegenden Band einen zusammenfassenden Überblick über die Geschichte der nubischen Kulturen vom Neolithikum bis in die römische Epoche. Dabei löst er sich aus dem Schatten des großen nördlichen Nachbarn Ägypten. Er bietet den nubischen Kulturen einen angemessenen Raum, indem er die historischen Zusammenhänge der drei großen Epochen, des Reiches von Kerma, des Reiches von Napata und des Reiches von Meroë, beschreibt. Deren Aufstieg konnte aufgrund der natürlichen Ressourcen, v.a. der reichen Bodenschätze, erfolgen, nicht zuletzt aber auch aufgrund der ausgedehnten Handelsverbindungen nach Norden, nach Arabien und nach Zentralafrika. Der Autor zeigt, wie sich der ägyptische Einfluss auf die nubischen Kulturen auswirkte: Sprache und Schrift wurden ebenso übernommen wie Bestattungssitten, wovon z.B. die Pyramidenfelder von Napata und Meroë zeugen. Gleichermaßen wurden ägyptische Götter neben einheimischen Gottheiten verehrt. Trotz dieser Ägyptisierung blieben die nubischen Kulturen jedoch immer eigenständig und wurden von keiner anderen Macht unterworfen, im Gegenteil, sie selbst konnten um 740 v.Chr. als 25. Dynastie die Herrschaft über Ägypten übernehmen. Diese „schwarzen Pharaonen“ wurden, da sie das Brauchtum der Ägypter angenommen hatten, als legitime Herrscher anerkannt.

Im meroitischen Reich scheinen dann jedoch die afrikanischen Einflüsse die ägyptischen zu überwiegen. Anhand der archäologischen und bildlichen Quellen sowie anhand griechischer Überlieferungen untersucht Piotr Scholz das sakrale Königtum und die zentrale Stellung der Königsmutter, der Kandake, sowie die religiösen Vorstellungen dieser Epoche. Dabei weist er verschiedentlich zentralafrikanische Ursprünge nach. Ebenso wird das Kunsthandwerk in seiner kulturellen Einbettung besprochen. Hier weist der Autor nachdrücklich darauf hin, dass der prächtige und vielfältig gefundene Schmuck nicht getragen wurde, um sich zu schmücken.

Vielmehr stellte er ein „gezieltes ikonisches Konzept“ dar, das der Ideologie des Königtums entspricht und dessen Position beschreibt. Einen Ausblick dieses Bandes bilden schließlich die Beziehungen Meroës zum ptolemäischen und römischen Ägypten, die Ausbreitung des Christentums und der Aufstieg des Reiches von Aksum. Hier geht es noch einmal um die kulturellen Verflechtungen mit den Nachbarvölkern und die Handelskontakte, welche womöglich bis nach China und Indien reichten.

Der Band ist reich bebildert und zahlreiche Karten erleichtern die Orientierung. Dies und die leichte Sprache des Autors laden zu einem Streifzug durch die versunkenen Kulturen Nubiens ein. Ein nach Kapiteln geordnetes Literaturverzeichnis dient zur weiteren Recherche und vertiefendem Lesen. Leider wurden jedoch nur deutschsprachige Veröffentlichungen in die Literaturliste aufgenommen, was viele Wissenschaftler, die sich um die Erforschung Nubien verdient gemacht haben, ungenannt lässt.

Scholz, Piotr O.: Nubien. Geheimnisvolles Goldland der Ägypter, Theiss Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-1885-4, EUR 24,90