Oft ist zu lesen, dass die Dialoge ‚Timaios‘ und ‚Kritias‘ von Platon in den letzten Jahren seines Lebens niedergeschrieben wurden. Hierbei handelt es sich aber um keine gesicherte historische Tatsache, sondern um ein Hypothese der modernen Platonforschung, die sich in diesem Fall auf sprachstatistische Untersuchungen der Dialoge stützt. Benedikt Klein beschreibt in seinem Artikel wie es zu dieser chronologischen Einordnung der beiden Platon Dialoge als „Spätdialoge“ gekommen ist.

Einleitung

Oft ist zu lesen, dass die Dialoge ‚Timaios‘ und ‚Kritias‘ von Platon in den letzten Jahren seines Lebens niedergeschrieben wurden. Hierbei handelt es sich aber um keine gesicherte historische Tatsache, sondern um ein Hypothese der modernen Platonforschung, die sich in diesem Fall auf sprachstatistische Untersuchungen der Dialoge stützt. Es existiert daneben keine klassische antike Quelle aus dem Umfeld Platons, worauf sich eine solche Interpretation berufen könnte. Der plötzliche Abbruch des ‚Kritias‘ tut in diesem Falle nichts weiter zur Sache. Da dieses Faktum wegen der ungeklärten Arbeitsweise Platons, der er sich beim Abfassen seiner Schriften befleißigte, viele Möglichkeiten offen lässt. Wie es zu der heute gebräuchlichen Einordnung des ‚Timaios‘ und ‚Kritias‘ zu den sogenannten „Spätdialoge“ gekommen ist, versuche ich im folgenden zu zeigen.

1. Einordnung der Dialoge in der Antike

„Über die Zeitfolge und desgleichen über die Echtheit der platonischen
Schriften ist unendlich viel geforscht und verhandelt worden…“ [1]

Schon in der Antike gab es Versuche die platonischen Schriften zu systematisieren. Man teilte sie in Untersuchungs- und Unterweisungsdialoge, oder in dramatische und narrative Dialoge auf. Stellt Haupt- und Nebentypen fest. Und führte Auseinandersetzungen über Echtheit und Reihenfolge. Aristophanes von Byzanz, Vorsteher der alexandrinischen Bibliothek im 2. Jhr. v.u.Z., fasste sie zu Trilogien zusammen. Wobei ‚Timaios‘ und ‚Kritias‘ zusammen mit ‚Politeia‘ eine solche bilden. Thrasyllos, der nicht unwidersprochen mit dem Astronomen am Hofe von Kaiser Tiberius gleichgesetzt wird, besorgte ebenfalls ein Platonausgabe.

Er behauptete, Platon habe sich an den Tetralogien der Tragiker orientiert, wie sie bei den Tragödienwettbewerben attischer Feste vorgetragen wurden. Dieser Dichterwettkampf war z.B. an den Großen Dionysien oder Lenäen – neben Prozessionen, Opferhandlungen, Komödien und Chorvorträgen – ein Teil des Festprogramms. Der Beitrag eines Dichters bestand aus jeweils drei Tragödien und einem Satyrspiel, das von einer Theatergruppe im Dionysostheater, am Fuße der Akropolis aufgeführt wurde. Aischylos ist der erste bekannte Tragiker, der die Tragödien zu Trilogien, oder auch mit dem Satyrspiel zu einer Tetralogie zusammenfasste. Thrasyllos gesellte nun nach dieser Theorie die Dialoge ‚Timaios‘ und ‚Kritias‘ in der 8. Tetralogie – von insgesamt neun – den Dialogen ‚Kleitophon‘ und ‚Politeia‘ zu. Der ‚Timaios‘ wurde von ihm mit einem weiteren Titel – „Über die Natur“ – überschrieben. Der ‚Kritias‘ zusätzlich mit ‚Atlantikos‘. Solche Zusammenfassungen haben unter umständen ihre Berechtigung. So sind z. B. die Dialoge ‚Theaität‘, ‚Sophist‘, ‚Politikos‘ und ein angekündigter, aber nie veröffentlichter Dialog ‚Philosoph‘ von Platon als Tetralogie angelegt. Das es sich aber um ein durchgängiges Prinzip handelte, an das sich Platon bei der Konzeption seiner Werke insgesamt anlehnte, ist letztlich nicht nachweisbar. [2]

Bekanntlich sollte dem abgebrochenen ‚Kritias‘ noch der Dialog ‚Hermokrates‘ folgen:

„Noch bist du, lieber Hermokrates, getrosten Mutes, da du, in der Nachhut aufgestellt, noch einen Vordermann hast…“ (Plat. Krit. 108c / s.a. 108a-b)

Augenscheinlich war das Ganze zumindest als Trilogie geplant. Es sei aber auch an die Antwort von Sokrates erinnert, nachdem Kritias zu Beginn des Gespräches eine am Vortage anwesende Person entschuldigt hatte:

„Hast nun nicht du mit diesen Freunden da die Obliegenheit, auch den Teil des Abwesenden zu erfüllen?“ (Plat. Tim. 17a)

Sollte es vielleicht am Ende des Vortrages von Hermokrates noch zu einer weiteren Abhandlung kommen? Darauf habe ich nach eventuellen Anspielungen die beiden Dialoge durchsucht. Ein Indiz dafür könnte die Stelle sein, wo Timaios das Thema der Planetenbahnen als Erzeuger der Zeit anschneidet, und die Ursache dafür warum der Demiurg sie setzte. Er bemerkt das eine ausführlichere Darlegung dieses Problems den Rahmen seines Vortrages sprengen würde:

„Vielleicht aber dürfte sich später die Muße finden, diesen Gegenstand auf eine seiner würdige Weise zu behandeln.“ (Plat. Tim. 38e)

2. Einordnung der Dialoge in der modernen Platonforschung

Um die Dialoge zu Systematisieren, hat sich die moderne Platonforschung als Instrumentarium die „relative“ und „absolute Chronologie“ erarbeitet. Mit Hilfe der „relativen Chronologie“ wird versucht, die Dialoge in eine Anordnung zeitlicher Abfolge untereinander zu bringen. So setzt man z. B. in der Regel die Entstehung des Dialoges ‚Apologie‘, aus bestimmten Gründen vor der des ‚Phädon‘ an. Während die „absolute Chronologie“ dazu dient, das konkrete Jahr zu fixieren, an dem Platon einen bestimmten Dialog niederschrieb. Daraus entwickelte sich nach und nach die in der heutigen Zeit gebräuchliche Einteilung der Schriften Platons in Frühe, Zwischen-, Mittlere und Spätdialoge.

a) Relative Chronologie

Wichtig hierfür sind die schon erwähnten sprachstatistischen Untersuchungen, die zuerst von Lewis Cambell in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchgeführt wurden. Im Jahre 1874 lieferte F. Blaß in seiner Schrift, ‚Die attische Beredsamkeit‘ den Nachweis, das Platon den Hiat in seinen späten Werken vermied. Als Hiat bezeichnet man in einem Text das Zusammentreffen zweier Vokale zwischen zwei Wörtern. Als Beispiel: „s(o) (o)ft“ oder „wollt(e) (e)r.“ Seitdem werden ‚Kritias‘ und ‚Timaios‘, da in ihnen der Hiat vermieden wird, ebenso wie im ‚Parmenides‘, ‚Theaitetos‘, ‚Sophistes‘, ‚Politikos‘, ‚Philebos‘ und ‚Nomoi‘, zu den Spätdialogen gerechnet. Weitere Merkmale sind:

„Einige Partikel-Verbindungen, unseren ‚Wie doch‘, ‚doch wohl‘, ‚aber doch‘ vergleichbar, fehlen dem halben Platon vollständig. Sie werden hingegen in großer Häufigkeit in seinem spätesten Werk angetroffen und desgleichen mit wachsender Häufigkeit in einer Reihe anderer Schriften.“ [3]

Die Einordnung nach diesen Kriterien ist nicht ganz unproblematisch, da sehr wenig über die Arbeitsweise von Platon bekannt ist. So könnte der Dialog ‚Timaios‘ nach einer vorläufigen Fertigstellung erst einmal zur Seite gelegt worden sein. Um dann vielleicht erst Jahre später neu überarbeitet zu werden. Ebenso kann dies für andere Spätdialoge gelten:

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass er dabei auch stilistisch gefeilt hat, so dass der Hinweis auf den Stil keinen Rückschluss auf das Datum der Abfassung, sondern nur auf den Zeitpunkt der Überarbeitung erlauben würde.“ [4]

Bei dem sprachstatistischen Ansatz geht man auch davon aus, das Platon einen Dialog nach dem anderen schrieb. Eine Vorgehensweise, die sich ebenfalls nicht aus zeitgenössischen antiken Quellen nachweisen lässt. Es ist nicht auszuschließen, dass er an 2 oder 3 Dialogen auf einmal arbeitete. An wenigen Stellen haben wir geringfügige Einsicht in Platons Vorgehensweise. So wird die Ansicht vertreten, dass eines seiner Frühwerke – ‚Trasymachos‘ – erst in einer späteren Schaffensphase als Einleitung zum Dialog ‚Politeia‘ Verwendung fand. Auch der Anfang des Dialoges ‚Theaitetos‘ scheint wohl zumindest einmal von Platon überarbeitet worden zu sein. [5]

b) Absolute Chronologie

Eine Frage die selbstverständlich bei der Erstellung einer absoluten Chronologie versucht wurde zu beantworten, betrifft die Ermittlung des Jahres, in dem Platon seinen ersten Dialog verfasste. Die überwiegende Meinung geht wohl dahin, dass dies in der Zeit nach der Hinrichtung von Sokrates im Jahre 399 geschah. Dies leitet man aus einer Passage des Dialoges ‚Apologie‘ ab, in dem Sokrates behauptet: „…Ihr Männer, die ihr mich hinrichtet, es wird sogleich nach meinem Tode eine weit schwerere Strafe über euch kommen als die, mit welcher ihr mich getötet habt. [..] Mehr werden es sein, die euch zur Untersuchung ziehen, welche ich nur bisher zurückgehalten, ihr aber gar nicht bemerkt habt.“ (Plat. Ap. 39c)

Es ist selbstverständlich sehr verlockend, hierin ein von Platon im nachhinein gemachtes Bekenntnis über die Ursache zu sehen, wieso er sich damals für seine Tätigkeit als Philosoph in Athen entschied. Falls dieses vage Indiz zutreffend interpretiert sein sollte, stellt sich trotzdem die Frage, ob mit einer sofortigen Schriftstellerischen Tätigkeit von ihm in dieser Richtung gerechnet werden darf? Olof Gigon hierzu:

„Platons Werke liefern praktisch keine äußeren Anhaltspunkte für ihre Datierung. Wir sind grundsätzlich frei, seine Schriftstellerei fünf oder auch 20 Jahre nach dem Tode Sokrates beginnen zu lassen.“ [6]

Daneben steht bei D. Laertios: „Aber auch Sokrates soll, als er Platon den Lysis lesen hörte, gesagt haben: ‚Beim Herakles, wie viel hat der Junge bloß über mich zusammengelogen.'“ [7] Hieraus ist problemlos abzuleiten, das Platon schon vor 399 seinen ersten Dialog niederschrieb. Mag auch als Quelle aus der Laertios schöpfte eine Apologetik gegen Platon zugrunde gelegen haben. So passt es doch gut zu den Frühdialogen wie ‚Laches‘, ‚Lysis‘ oder ‚Charmides‘, in denen keine Anhaltspunkte über den Asebie-Prozess gegen Sokrates zu finden sind. Alles in allem tut sich bei der Eingrenzung der Frage nach der Entstehung des ersten Sokrates-Dialoges von Platon ein Spielraum von Jahrzehnten auf. Wobei nicht sicher zu sagen ist, ob er schon vor oder nach der Hinrichtung seines Meisters dieser Tätigkeit nachgegangen war.

Eine weitere Zäsur in Platons Denken glaubt man aus dem Auftauchen pythagoreischer Elemente in seinen Dialogen ablesen zu können. So z. B. bei den Ausführungen über die Seelenwanderung. Eine Grundlage seiner Philosophie, ohne die u. a. die Ideenlehre, oder die anamnesis Lehre (lernen als Wiedererinnerung an latentes Wissen) gar nicht denkbar wäre. Laut Suda soll die Lehre von der Seelenwanderung zum ersten male der „Theologe“ Pherekydes von Syros (gest. 540) formuliert haben. Dieser wird in der Überlieferung als Prophet und Wundermann bezeichnet, und ist Verfasser einer orphischen Gott- und Weltbildungslehre, von der sich leider nur wenige Fragmente bis in unsere Zeit gerettet haben. Als einer seiner berühmtesten Schüler gilt Pythagoras (ca. 570-480), der die Seelenwanderung als ein Bestandteil in sein philosophisches Programm aufnahm. Nach einem – z.T. gezwungenermaßen – wanderreichen Leben, sammelte Pythagoras zuerst in der unteritalienischen Stadt Kroton, später in Metapont einen Kreis von Gleichgesinnten um sich.

Es ist nun nicht unüblich, in Platons eigener Anschauung über die Seelenwanderung, den Einfluss pythagoreischer Philosophie zu sehen, mit der er sich bei seiner ersten von insgesamt 3 Sizilienreisen im Jahre 389/8 (Plat. 7. Ep. 324a) näher vertraut machen konnte:

„Vor allem in Tarent, hat er mit einigen politisch einflussreichen und berühmten Pythagoreern Freundschaft geschlossen, die dort in einigen Städten die Regierungsgewalt ausübten oder als Generäle und Heerführer Machtstellungen innehatten.“ [8]

Folgt man dieser Theorie, dann scheint es so, als habe man nun ein fixes Datum hinter den „Frühen Dialogen“ gefunden. Die Abfassungszeit von Schriften wie ‚Phaidon‘ oder ‚Phädros‘, in denen der Seelenwanderung eine besondere Rolle zukommt, sind somit nach der ersten Sizilienreise anzusetzen. Doch gewisse Eventualitäten die gegen diese Theorie sprechen, sind hier leider nicht ganz auszuschließen. Einmal abgesehen davon, dass diese Lehre zu Platons Zeiten eine weit verbreitete und alte Annahme war, kann er seine Anregungen dafür auch von einem Pythagoreer empfangen haben, der in Athen sein zu Hause hatte. Oder aus einer entsprechenden Schrift, die ihm in seiner Heimatstadt zur Verfügung stand. Keine antike Quelle bestätigt, dass die Ursache hierfür im Verweilen Platons in einer der unteritalienischen Städte zu suchen ist. Somit sind Interpretationen in diese Richtung nicht ganz frei von gewissen Willkürlichkeiten. [8] Hier sieht man auch, das bei der Einordnung der Dialoge nicht nur sprachstatistische, sondern auch philosophische Kriterien, als auch die Auswertung historischer Daten eine bedeutende Rolle zukommt.

c) Einordnung nach philosophischen Kriterien

„Zur rechten Zeit triffst du hier ein, denn ohne Ausweg wie Platondiskutier ich hin und her und finde den Stein der Weisen nicht, doch werd ich schrecklich müde“ [9]

Desgleichen hat man mit Hilfe einer inhaltlichen Interpretation der Philosophie Platons versucht, eine relative Chronologie zu erstellen: „Diese Methode wurde schnell problematisch, denn die inhaltliche Interpretation eines Dialoges ist immer abhängig von bestimmten interpretatorischen Vorentscheidungen mit der Folge, dass verschiedene Interpreten zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich der Chronologie kamen.“ [10]

Ein philosophisches Kriterium soll jedoch bei der Bestimmung der Frühdialoge zum tragen kommen, die unter dem Begriff „aporetische Definitionsdialoge“ zusammengefasst werden: „Charakteristisch für diese Dialoge ist, dass sie alle ohne ein klares Ergebnis enden. Verschiedene Vorschläge für eine Definition werden in den Dialogen Diskutiert, aber allesamt verworfen. Die Untersuchung endet in der Aporie. D. h. in einer auswegslosen Argumentationssituation…“ [11]

Soviel zu einigen der Schwierigkeiten, auf die man bei dem Versuch der Einordnung von Platons Schriften stößt. Das ist selbstverständlich nur ein winziger Ausschnitt. Die Arbeiten der modernen Platonforschung insgesamt hierzu, würden wohl eine kleine Bibliothek ausfüllen. Eine Fußnote bei T. Gomperz, die einige Probleme des chronologischen Verhältnisses zwischen den Dialogen ‚Phädros‘, ‚Symphosione‘ und ‚Phaidon‘ beschreibt, ist so umfangreich wie der gesamte Text hier.

d) Abbruch des Dialoges ‚Kritias‘

Was den Abbruch des ‚Kritias‘ betrifft ist ebenfalls viel spekuliert worden. Plutarch bemerkt hierzu: „…aber da er zu spät damit begann, hat er sein Leben früher beschlossen als das Werk, so dass, je größer unsere Freude über das Fertige, desto größer unsere Betrübnis ist über das Fehlende.“ Von anderen wiederum wird auch der Abbruch mit dem Inhalt der unveröffentlichten Schrift Solons selbst in Zusammenhang gebracht. So von E. Zangger: „Ausgerechnet Troja wäre in nahezu himmlische Höhen gehoben worden; Das schien Platon so kurz nach den Perserkriegen nicht gerade wünschenswert.“ L. Sprague de Camps resümiert hingegen: „Platon würde zweifellos mit Erstaunen erfahren, dass spätere Generationen seiner Atlantis-Geschichte, von der er selbst nicht genug hielt, um sie zu vollenden, fast ebensoviel Beachtung schenkten wie dem Rest seiner Werke zusammen.“ [12]

Mir ist nicht bekannt, wie viele Theorien es zum Abbruch des Kritias gibt. Und ich möchte an dieser Stelle auch keine neue hinzufügen. Doch aufgrund der so gut wie nicht vorhandenen Quellen diesbezüglich, scheint mir die Festlegung auf eine bestimmte Ansicht hierzu nicht den Boden der puren Spekulation zu verlassen. Vieles ist denkbar! Selbst dass sich bei Meister Platon Desinteresse breit machte ist letztlich nicht mit Gewissheit auszuschließen. Der Stil der Dialoge ‚Timaios‘ und ‚Kritias‘ als Spätdialoge, lässt wie gesagt nur den Schluss zu, dass Platon diesen in seiner späten Schaffensphase zumindest überarbeitete. Bis zu einem gewissen Grade fertiggestellt, könnten sie aber schon seit geraumer Zeit in einem Regal der Akademie geschlummert haben, bevor er sich dazu entschloss, diese aus uns unbekannten Gründen wieder hervorzunehmen. Solche nachträglichen Überarbeitungen, auch schon veröffentlichter Dialoge ist bezeugt.

Die Idee dafür, die Vorarbeiten, erste schriftliche Abfassungen und Veränderungen, die ein Projekt wie ‚Timaios‘, ‚Kritias‘ und ‚Hermokrates‘ erfordern, kann sich unter umständen über Jahre – wer weis – vielleicht sogar über ein Jahrzehnt hingezogen haben. In diesem Kontext betrachtet sind daher Rückschlüsse über den Abbruch, so geistreich sie auch sein mögen, eben nichts mehr als Annahmen, die man aus irgendwelchen Gründen Liebgewonnen hat. Bestätigen lassen sie sich nicht! Und bei dem Dialog ‚Hermokrates’handelte es sich nicht um die einzige Schrift, die Platon ankündigte, aber dann letztlich doch nicht ausführte.

e) Echtheit der Dialoge

„Da es zur systematischen Vereinigung der Schriften Platons in einer Gesamtausgabe erst einige Zeit nach seinem Tode kam wurde das Eindringen unechter Werke, bei der Berühmtheit seines Namens an sich unvermeidlich beträchtlich gefördert.“ [13]

Ein gleichfalls langwieriges Diskussionsthema betrifft die Echtheit der Dialoge. Eine Frage, die bei allen Fortschritten der Forschung immer noch nicht zur vollsten Zufriedenheit abgeschlossen ist. Überliefert sind uns aus der Antike die Titel von 41 Dialogen, 13 Briefe, das Buch „Definitionen“, und Fragmente über eine „Ungeschriebene Lehre“. Einigkeit herrscht soweit, das alle seine Dialoge auf uns gekommen sind.

„Unsere Berichte [aus der Antike] unterscheiden ‚echte‘, ‚angezweifelte‘, und ‚einstimmig verworfene‘ Gespräche. Die letzteren, von denen einige verloren sind, sollen uns nicht weiter kümmern.“ [14]

Womit nicht ausgeschlossen ist, dass sich die damaligen Bibliothekare, Philologen und sonstige Experten bei ihrer „einstimmigen“ Verwerfung geirrt haben könnten. Und ein damals als unecht klassifiziertes Werk, auf dass wir heute keinen Zugriff mehr haben, doch in den Kanon platonischer Schriften gehört. Die Dialoge ‚Timaios‘ und ‚Kritias‘ werden von Platons direkten Schülern als authentische Dialoge ihres Lehrers behandelt. Hier sei Xenokrates, Aristoteles und Speusippos erwähnt. Es geht fast nicht besser. Bisher ist mir auch noch nie eine Meinung zu Ohren gekommen, die Platon die Urheberschaft an den beiden Schriften abspricht.

Anmerkungen

[1] T. Gomperz, S. 218

[2] Siehe zu den Dialoganordnungen in der Antike D. Laertios, 3, 56-62.

Zuvor beschreibt Laertios seine eigene, von ihm vorgenommene Klassifizierung der Dialoge: Er teilt sie nach philosophischen Themenschwerpunkte wie Naturphilosophie, Logik, Ethik, Politik, Mäeutik, und Opponierende und Wiederlegende Dialoge ein. ‚Timaios‘ rechnet er als einzigen zur Naturphilosophie. ‚Kritias‘ zusammen mit ‚Staat‘, ‚Gesetzte‘, ‚Minos’und ‚Epinomis‘ zu den Politischen Dialogen (D. Laert. 3, 50).

Thrasyllos wird nicht unwidersprochen mit dem Astronomen am Hof des Kaiser Tiberius gleichgesetzt.

Laut D. Laertios soll Platon in seiner Jugend selbst Tragödien verfasst, und Sokrates bei der Vorbereitung auf einen Dichterwettkampf kennen gelernt haben:

„Später, als er eben am Agon der Tragödiendichter teilnehmen wollte, hörte er Sokrates vor dem Dionysos-Theater und verbrannte seine Verse mit den Worten: ‚Schnell herbei, o Hephaistos, denn Platon braucht dich jetzt dringend.‘ Von da an – er soll 20 Jahre alt gewesen sein – war er Schüler des Sokrates.“ (D. Laertios, 3, 5ff.)

Auch die Komödie dürfte nicht ohne Einfluss auf Platon gewesen sein. So liest sich manches von ihm über das Leben und Wirken von Sokrates, wie eine Entgegnung auf das Stück „Wolken“ (Uraufführung 423 v. u. Z.) von Aristophanes.

Zur Tetralogie der Stücke beim Dichteragon: G. A. Seek, ‚Die griechische Tragödie‘.

Noch eine Anmerkung zum Dialog ‚Kritias‘: Platon hat sicherlich nicht einen unvollständigen Dialog herausgebracht. Doch wie man sieht ist ‚Kritias’/’Atlantikos‘ sehr früh als eine seiner Schriften in antiken Listen verzeichnet. Hieraus kann man wohl schließen, dass dieses Werk unmittelbar nach seinem Tode aus dem Nachlass herausgegeben wurde.

3. Zum Hiat: M. Bordt; S. 35

Zu den Partikelverbindungen und den Anfängen sprachstatistischer Untersuchungen an Platons Werk: T. Gomperz, S. 225

M. Bordt relativiert auch die Partikelwahl als Kriterium zur Fixierung einer relativen Chronologie: „…so ist prinzipiell die Möglichkeit nicht berücksichtigt, dass das Thema des Dialoges in viel stärkerem Maße als angenommen unbewusst die Wortwahl (auch Wahl der Partikel, die Hauptgegenstand der verschiedenen Untersuchungen sind) beeinflusst.“ (S. 36)

4. M. Bordt, S. 36

5.

Trasymachos als Frühdialog: „So auffallend die Tatsache ist, so scheint sie in der PLATO-Literatur nicht vor F. DÜMMLER (Zur Komposition des Platonischen Staats, Basel 1895) und I. BRUNS (Das literarische Porträt der Griechen, Berlin 1896) die ihr gebührende Beachtung gefunden zu haben.“ P. Nartop, S. 181, FN 16.

Und P. Friedländer, S. 55: „Wer das eine unbeweisbare Hypothese nennt, muss gleich zwei viel schwerere glaublich machen: erstens dass Platon in der Periode seiner aporetischen Dialoge zwar nach den anderen „Tugenden“ geforscht hätte, gerade nach der „Gerechtigkeit“ aber nicht; zweitens dass er auf der Höhe seiner Schriftstellerei den Anfang seiner Politeia in Grundrissund Sprachform nach der Weise einer zurückliegenden Schriftstellerischen Epoche hätte gestalten können oder mögen.“

Zur Einleitung des Theaitetos: K. R. Popper, S. 340: „Seit Eva Sachs feststellte (vgl. Socrates, 5, 1917, S. 531 ff.), dass die Einleitung des Theaitetos, wie wir sie kennen, nach 369 geschrieben wurde, birgt die Hypothese, es gebe im Theaitetos einen sokratischen Kern und deshalb sei er früher zu datieren, eine zweite Hypothese in sich – nämlich die einer verlorenen früheren Fassung, die von Platon nach dem Tode des Theaitetos revidiert wurde. Diese Hypothese haben verschiedene Gelehrte unabhängig voneinander aufgestellt, schon vor der Entdeckung eines Papyrus (Hg. K. Diels, Berliner Klassikertexte, 2, 1905), der Teile eines Kommentars zum Theaitetos enthält und von zwei verschiedenen Fassungen spricht.“

Eine Rarität was das relative chronologische Verhältnis zweier Dialoge untereinander betrifft, finden wir in Aristoteles Schrift ‚Politik‘, (1264b30): „Beinahe ähnlich verhält es sich mit den Gesetzten (Nomoi), die später geschrieben wurden.“ [später als ‚Politeia‘].

6. O. Gigon, S. 30

7. D. Laertios, 3, 35

8. Zitat zu Platons Sizilienreise: M. Bordt, S. 20

Die Suda ist ein Sprach- und Real-Lexikon das 30 000 Artikel zum Altertum umfasst. Es entstand im 10. Jahrhundert wahrscheinlich in Konstantinopel, und wurde lange Zeit wegen falscher Lesung auch als Suidas bezeichnet.

Pherekydes von Syros: Mit Syros ist die Kykladeninsel bei Delos gemeint. Kurze Einleitung und Fragmente bei W. Capelle, S. 30 ff. u. S. 49. Pherekydes Schrift gilt neben der des Anaximandros v. Milet zu den ersten Prosawerken Griechenlands. Orphische Theo- und Kosmogonien wurden auch von anderen „Theologen“ (Akusilaos, Epimenides, u. a.) verfasst. Die Bezeichnung für sie als „Theologen“ geht auf Aristoteles zurück (z. B. Metaphysik, 1071 b 26 ff.). Beschriftete Goldplättchen die als Grabbeigaben in Petelia (bei Kroton), Thurioi und Eleuthernai auf Kreta gefunden wurden, weisen auf das Wirken altorphischer Sekten noch im 4. und 3. Jahrhundert hin: „…So bin ich dem Kreise entflogen, [dem Zyklus der Wiedergeburten] dem mühseligen, kummerbeschwerten, und habe mit eilenden Füßen den ersehnten Kreis betreten [den Kreis der die Myste vor weiteren Geburten bewahrt] und mich an den Busen der Herrin Geflüchtet, der unterirdischen Königin [Persephone]…“ (Inschrift auf Goldplättchen aus Thurioi, zit. n. W. Capelle, S. 42) Im ‚Timaios‘ 40d finden wir einen Hinweis auf orphische Lehren. Auch im „Symposion“ 179d, ‚Kratylos‘ 400 bc, 402 bc, ‚Nomoi‘ 715e, ‚Politeia‘ 363c, 364e, u.a..

Zu Pythagoras: C. Riedweg; Behandelt etwas ausführlicher die Probleme, was den Einfluss der pythagoreischen Philosophie auf Platon betrifft. Wegen der Art und der Spärlichkeit der Quellenlage ist dies nicht immer ganz so einfach zu bewerkstelligen. Pythagoras wird in Platons Schriften überhaupt nicht, die Pythagoreer nur einmal in ‚Politeia‘ 600b erwähnt.

Es kling im ersten Moment sehr verlockend, dass der Tod keinen irreparablen Schaden darstellt. Was man in dem einen Leben scheinbar verpasste, kann man nun umso ausführlicher in dem nächsten nachholen. Doch handelt es sich hier nicht um die Verheißung eines ewigen Lebens auf der Erde. Ganz im Gegenteil! Die Widergeburt ist die Strafe für ein falsch geführtes Leben. Nach dem dieses erloschen ist, trennt sich zwar die Seele vom Körper, der als Kerker oder dunkles Grab aufgefasst wird, dass diese umschließt. Doch durch die Fehler und Irrungen die nun mal im Leben begangen werden, ist sie dazu verdammt, wieder in die Niederungen des irdischen Daseins zurückzukehren. Als Mensch – oder wenn man es gar zu arg trieb sogar als Frau oder Tier. Ziel kann es daher für den Anhänger einer solchen Ansicht nur sein, diesen Wiedergeburtszyklus durch die rechte Lebensweise zu durchbrechen, und somit die Seele für immer von der Knechtschaft durch den Leib zu befreien.

9. Alexis in der Komödie Meropis. (D. Laert. 3, 27)

10. M. Bordt, S. 34-35

11. M. Bordt, S. 37

12. Zitate in Reihenfolge: Plutarch, Solon 32 / E. Zangger, S. 237 / du Camp zitiert nach S. Casey Fredericks; S. 126

13. A. Lesky, S. 483

14. T. Gomperz, S. 218

Als unecht gelten in der Antike laut D. Laertios „…übereinstimmend Midon oder Hippotrphos, Eryxias oder Erasistratos, Alkyon, Die Kopflosen oder Sisyphos, Axiochos, Phäaken, Demodokos, Chelidion, Der Siebente Tag, Epimenides. Alkyon gilt als Werk eines Leon, wie Favorin in den Memorabilien 5 angibt.“ (D. Laert., 3, 62) / Athenaios
(506 d) erwähnt, nach A. Lesky, S. 483, einen Dialog „Kimon“.

[30] Kluge 1910; Vidal-Naquet 1964; Gill 1979.
[31] Schott 1967.
[32] Harrison 1971; Tarling 1978; McKusick 1980; Smith 1985.

Literatur

Bordt, Michael (1999): Platon.

Capelle, Wilhelm (1953): Die Vorsokratiker, 4. Auflage.

Casey, Fredericks S. (1979); „Platons Atlantis: Ein Mythologe studiert das Mythos“, in: Ramage, Edwin S. – Hrsg. (1979): Atlantis, Mythos, Rätsel, Wirklichkeit?

Friedländer, Paul (1960): Platon. B. III, 2. Auflage.

Gigon, Olof (1994): Sokrates. Sein Bild in Dichtung und Geschichte. 4. Auflage.

Gomperz, Theodor (1999): Griechische Denker. B. II. Reprint der 4. Auflage.

Jürß, Fritz – Hrsg. (1998): Diogenes Laertios. Das Leben und die Lehren der Philosophen, übersetzt und herausgegeben von Fritz Jürß.

Lesky, Albi (1957/58): Die Geschichte der griechischen Literatur. Lieferung 1-13.

Nartop, Paul (1921): Platons Ideenlehre. 2. Auflage.

Müller, Hieronymus u. Schleimermacher, Friedrich – Hrsg. (1994): Platon. Sämtliche Werke.

Schleiermacher, Susemihl u.a. – Hrsg. (1991): Platon. Briefe und Unechtes. Band 10.

Schwarz, Franz F. (1989): Aristoteles. Politik, Schriften zur Staatstheorie, übersetzt und herausgegeben von Franz F. Schwarz.

Popper, Karl R. (2001): Die Welt des Parmenides. Hrsg. Arne F. Petersen

Ramage, Edwin S. – Hrsg. (1979): Atlantis, Mythos, Rätsel, Wirklichkeit?

Riedweg, Christoph (2002); Pythagoras. Leben, Lehre, Nachwirkung. Eine Einführung.

Seek, Gustav Adolf (1981): Die griechische Tragödie. Neues Handbuch der
Literaturwissenschaften. Band 2. Griechische Literatur Hrsg. Ernst Vogt

Zangger, Eberhardt; Atlantis, Eine Legende wird enträtselt, 1992

Ziegler, Konrat (1979): „Plutarch, Solon“, in: Große Griechen und Römer. Band I. Übersetzung von Konrat Ziegler.