Anfang August 2002 veröffentlichten zwei Fachzeitschriften neue Resultate zweier Wissenschaftlerteams aus den USA sowie England. Beide Publikationen führen damit die wissenschaftliche Debatte um die Vinland-Karte in die nächste Runde. Ein Ende der Diskussion ist nicht in Sicht.

Eine wissenschaftliche Debatte geht in die nächste Runde

Abb.1: Die 'Vinland-Karte' wird in Beinecke's Rare Book and Manuscript Library (Yale University) aufbewahrt.
Abb.1: Die ‚Vinland-Karte‘ wird in Beinecke’s Rare Book and Manuscript Library (Yale University) aufbewahrt.

1. Hintergründe der ‚Vinland-Karte‘

Die ‚Vinland-Karte‘, die mit einer Abschrift des mittelalterlichen Werkes ‚Tatar Relation‘ (‚Historia Tartorum‘; datiert auf ca. 1440) gekauft wurde, zeigt die Welt, wie wir sie auch von anderen Karten des Mittelalters kennen. Beides war in einem Kalbsledereinband zusammengebunden, besaß die selbe Bogengröße und übereinstimmende Wasserzeichen. [1]

In der ‚Tatar Relation‘ (TR) werden die Erinnerungen des Franziskanermönches Giovanni da Pian del Carpini (ca. 1180 – 1252), der als erster Europäer 1246 die mongolische Hauptstadt Karakorum und den Hof des Großkhans Kujuk am Baikalsee besuchte, wiedergegeben. Vermutlich geht die ‚TR‘ auf die Beschreibungen von Benedikt von Polen zurück, der del Carpini begleitete. Benedikts ‚Historia Mongolarum‘ entstand um das Jahr 1250 im Franziskanerkloster von Kraukau/Polen. [2]

Die ‚TR‘ selbst besteht aus sechszehn Blättern (Format: 21 x 28,5 Zentimeter) von denen nur vier Blätter sowie die Innen- und Außenbogen aus Pergament waren. Die restlichen Blätter bestehen aus Papier – mit einem Wasserzeichen, welches auf eine Baseler Papiermühle hinweist. Zweispaltig beschrieben wurden lediglich elf der sechszehn Blätter. Fünf Blätter blieben ohne Beschriftung. [3]

Das wertvolle Stück aus dem 15. Jahrhundert konnte die Jahrhunderte wahrscheinlich nur überstehen, da es einer unvollständige Ausgabe Vincent of Beauvais’s ‚Speculum historiale‘ (SH; Historischer Spiegel, 31 Bände gesammelter Fakten alter, früh- bis hochmittelalterlicher Geschichte) beigefügt war. [4] Aufgrund durchgängiger Wurmlöcher erscheint die ursprüngliche Zusammengehörigkeit aller drei Werke als sicher. Bei Restaurationsarbeiten verblieb vermutlich allein die ‚SH‘ im alten, neu restaurierten Einband. [5]

Aber zurück zur ‚Vinland-Karte‘ Neben der Darstellung von Island und Grönland findet man auf dem doppelblättrigen 27,8 x 41 Zentimeter großen Pergament eine Insel, welche ein Küstengebiet Nordamerikas (Hudson-Bai, St. Lorenz Strom, nicht Neufundland wie oft berichtet) zu sein scheint. [6] Aus dem in mittelalterlichem Latein gehaltenen Text erfahren wir, dass es sich bei dieser Insel um „Vinilanda Insula“, das Vinland der isländischen Wikingersagen handelt. [7]

Eine auf der Karte befindliche Legende berichtet wie der Nordmann Leif Eriksson um 1000 n.Chr. Vinland entdeckt. [8]

„Durch den Willen Gottes, nach einer langen Reise von der Insel Grönland nach Süden zu den entferntesten übrigen Teilen des westlichen Ozeans, segelten die Kameraden Bjarni und Leif Eiriksson inmitten des Eises südwärts und entdeckten ein neues Land, äußerst fruchtbar und in dem sogar Weinreben wuchsen … diese Insel nannten sie Vinland …“

[9]

In der ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung über die ‚Vinland-Karte‘ und die ‚TR‘ von Skelton, Marston, Painter und Vietor wird das Dokument mit dem nach dem Konstanzer Dekret ‚Frequens‘ (1417) im Jahr 1431 einberufenen Konzil von Basel in Verbindung gebracht. [10] Das von 1431 – 1449 andauernde Konzil hatte das Ende der Häresien, Frieden innerhalb des Christentums und eine Kirchenreform zum Ziel.

Würde diese zeitliche Einschätzung stimmig sein, bedeutet dies, dass vor Christopher Kolumbus‘ Entdeckungsreisen kartographische Darstellungen Nordamerikas existierten. Und dass Kolumbus dieses Kartenmaterial evtl. zu Verfügung gestanden ist.

Da die ‚Vinland-Karte‘ bei den meisten Historikern Bauchschmerzen hervorrief, tauchte sie alsbald auch in der alternativen Archäologie auf und stand hier vor allem in der Tradition der mehr als umstrittenen amerikanischen Runensteine (Kensington Runestone) und andere vermeintliche Zeugnisse vorkolumbianischer Atlantiküberquerungen.

Aber auch in der PaläoSETI-Literatur tauchte die Karte auf, wo aufgrund der detailgenauen Abbildung diverser Küstenlinien spekuliert wurde, ob die Karte evtl. „nach aus sehr großer Höhe aufgenommenen Luftbildern gezeichnet“ [11] wurde oder ob sie „im Zusammenhang mit dem mittelalterlichen Templer-Orden“ [12] gesehen werden müsse, der evtl. Amerika bereits gekannt haben könnte. [13]

2. Herkunft der ‚Vinland-Karte‘

Nachdem die ‚Vinland-Karte‘ Mitte der 50er Jahre ohne irgendeinen Hinweis auf vorausgegangene Besitzer oder die ursprüngliche Herkunft in Europa auftauchte, wurde sie im Jahr 1957 von Irving Davis dem Britischen Museum (London) zum Kauf angeboten. Ein Expertenteam rund um R.A. Skelton und George D. Painter lehnte das Angebot aufgrund bestehender Zweifel (Stichwort: Wurmlöcher) ab. [14]

Kurz darauf erwarb Laurence C. Witten II. 1957 im Namen seiner Frau die ‚Vinland-Karte‘ und das Werk ‚TR‘ für eine Summe von rund 3.500 Dollar von europäischen Händlern, nachdem sie über mehrere Händler aus Spanien in die Schweiz gelangt waren. [15] Thomas E. Marston, der Kustus für klassische Literatur der Universitätsbibliothek in Yale, wird als Käufer des dritten zugehörigen Teiles – Beauvais’s ‚Speculum historiale‘ – genannt. [16] 1958 entdeckte Marston die ‚SH‘ durch Zufall im Katalog eines Londoner Antiquariats. Er kaufte das Werk nur auf, um die Beauvais-Sammlung in Yale zu ergänzen. [17]

Der weitere Weg der ‚Vinland-Karte‘ führt über den ehemaligen Yale-Studenten Paul A. Mellon, der sie noch im selben Jahr für 300.000 Dollar von Witten’s Frau aufkaufte. [18] Mellon ist gleichfalls der anonyme Stifter, der sie er Yale-Universität übergab. [19]

Nach einer umfassenden sechsjährigen Untersuchung veröffentlichten Raleigh A. Skelton, Thomas E. Marston, G.D. Painter und Alexander O. Vietor 1965 mit ‚The Vinland Map and the Tartar Relation‘ (TVMTR) eine erste Abhandlung zur ‚Vinland-Karte‘ und traten dabei fest für die Echtheit und das Alter der Landkarte ein. [20]

3. Kontroverse – Fälschung oder Original?

Bereits beim ersten Versuch die ‚Vinland-Karte‘ an das Britische Museum in London zu verkaufen, wurden – wie bereits erwähnt – Zweifel an der Echtheit der Karte laut. [21] Ausgelöst wurden diese Zweifel vor allem durch Wurmlöcher, die man sowohl in den Textbögen der ‚TR‘ als auch in der Karte gefunden hatte. Die Wurmkanäle auf beiden Dokumenten konnten nicht in Deckung gebracht werden. Erst durch den zufälligen Fund Marstons konnte gezeigt werden, dass die ‚TR‘, die ‚SH‘ und die ‚Vinland-Karte‘ vor langer Zeit einmal zu einem Gesamtband zusammengefasst gewesen sein mussten (siehe oben). Allerdings spricht die entdeckte Deckung aller Wurmlöcher nicht unbedingt für die Echtheit der Federzeichnung selbst [22], denn gegen diese spricht eine ganze Reihe von Argumenten.

So scheinen die umstrittenen Gebiete auf der ‚Vinland-Karte‘ (Vinland, Grönland, Island) nicht nur in für mittelalterliche Karten untypischer Art und Weise abgebildet worden zu sein (siehe: Abb. 2/3), zudem widerspricht ihre detaillierte und realistische Darstellung den europäischen und asiatischen Hauptbereichen der Karte. [23] Auch Vergleiche der auf der Karte gefundenen Beschriftungen riefen Wissenschaftler auf den Plan.

Abb. 2/3: Island, Grönland und das vermeintliche Vinland stimmen nicht mit den restlichen Bereichen der Vinland-Karte überein. Wurde diese drei Bereiche zu einem späteren Zeitpunkt eingezeichnet?
Abb. 2/3: Island, Grönland und das vermeintliche Vinland stimmen nicht mit den restlichen Bereichen der Vinland-Karte überein. Wurde diese drei Bereiche zu einem späteren Zeitpunkt eingezeichnet?

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Hauptstreitpunkt ist aber die Beschaffenheit der Tinte, welche für die Darstellung der angeblich aus dem 15. Jahrhundert Weltkarte verwendet wurde. Schon die ersten Untersuchungen des Teams um Skelton und Marston, wiesen auf das Fehlen von Eisen in den entnommenen Tintenproben der ‚Vinland-Karte‘ hin, was die Forscher stutzig machte. Die Begründung für diesen Bestand wurde allerdings 1965 in der Eigenart oberrheinischer Tinten gesucht.

Die Yale-Universität, an der sich das zweifelhafte Dokument seit rund 40 Jahren befindet, konnte sich nie sicher sein, ein Original in ihrem Besitz zu haben. Seit ‚TVMTR‘ gibt es wissenschaftliche Debatten, die immer wieder unterschiedlichen Ausgang finden. Das Pergament wurde beispielsweise bereits 1990 im Britischen Museum von London im Rahmen einer Ausstellung über „moderne“ Fälschungen gezeigt.

Um dem Verdacht der Fälschung auszuräumen, engagierte die Yale-Universität den Chemiker Dr. Walter C. McCrone Jr. (Chicago), der mit einer mikroskopischen Analyse betraut wurde. Seine Untersuchungen aus dem Jahr 1972 zeigten, dass sich unter einer Schicht von schwarzer Tinte eine gelbliche Schicht befand, welche fest am Pergament haftete. [24]

In der gelben Tinte fand McCrone Anatas – eine kristalline Form von Titandioxid, welches normalerweise erst in Tinten nach 1920 nachweisbar ist. In der Natur kommt diese normal synthetisch hergestellte Form von Titandioxid (TiO2) nur in geringen Mengen vor, so dass es für mittelalterliche Schreiber schier unmöglich gewesen wäre, dieses für ihre Tinte zu verwenden. McCrone schloss deshalb auf eine moderne Fälschung. Veröffentlicht wurde der Bericht von McCrone an die Yale-Universität im Jahr 1974. [25]

Abb. 4: Anatas - eine von drei in der Natur vorkommenden kristallinen Formen von Titandioxid.
Abb. 4: Anatas – eine von drei in der Natur vorkommenden kristallinen Formen von Titandioxid.

Zeitgleich wurden von A.D. Baynes Cope die ‚Vinland-Karte‘, die ‚Tatar Relation‘ und das ‚Speculum-historiale‘ mit Hilfe von ultraviolettem Licht untersucht. Die Beobachtung ergab, dass einzig und allein die Tinte der ‚Vinland-Karte‘ unter der speziellen Lichtbestrahlung nicht schwarz erschien. Eine Erklärung für diese Phänomen konnte nicht geliefert werden. [26]

Als 1995 eine zweite, erweiterte Ausgabe von ‚TVMTR‘ erschien, befand sich darin auch die Untersuchungen des Physikers Dr. Thomas Cahill (Universität von Kalifornien), der mit seinem interdisziplinären Team seit 1987 in einer Reihe von anderen mittelalterlichen Manuskripten Anatas entdeckte. Seine Analysen (u.a. auch eine Gutenberg-Bibel – 1455) zeigten, dass Titandioxid auch in älteren Schriften vorkommen kann und alle Komponenten der Tinte – einschließlich des Minerals Anatas natürlich seien. Wahrscheinlich hätte sich Anatas während der Produktion der im Mittelalter verwendeten Eisengallustinte gebildet. Das Eisen sei der vermutete Auslöser. [27]

Zusätzlich wurden Ergebnisse veröffentlicht (schon 1987), die darauf hinweisen, dass die meisten Kristalle, die McCrone fand, keine Anatas-Kristalle waren und ein Drittel der für die ‚Vinland-Karte‘ verwendeten Tinte keinerlei Titandioxid enthielt. [28]

„Es gibt keinerlei Anhaltspunkte aufgrund der Chemie oder der Morphologie der ‚Vinland-Karte‘, welche sie auf irgendeine Weise aus andere Pergamenten dieser Periode, die wir analysiert haben, herausragen lassen würde.“

– T. Cahill [29]

„Die chemische Verfassung der Tinte kann nicht mehr als ein Argument gegen Echtheit benutzt werden.“

– G. Painter [30]

Walter McCrone reagierte im Anschluss an ein Symposium in Yale anlässlich der 2. Auflage von ‚TVMTR‘, und wies nochmals darauf hin, dass in ‚Tatar Relation‘ und ‚Speculum-historiale‘ das Mineral Anatas nicht gefunden wurde und dass die ‚Vinland-Karte‘ 200mal mehr Titandioxid (in jeglicher Form) enthält als die beiden anderen Dokumente. [31]

Bereits 1988 hatte er mit einer Veröffentlichung in ‚Analytical Chemistry‘ auf die Ergebnisse von Cahill reagiert, und eine komplette Beschreibung sowie die genauen Resultate der Forschungsarbeiten zwischen 1972 – 1974 dem interessierten Leser zur Verfügung gestellt. [32]

Vor zwei Jahren wiederum veröffentlichte J.S. Olin eine Erklärung in der Fachzeitschrift ‚Precolumbiana‘, in der er feststellt, der Nachweis von Anatas würde nicht unbedingt gegen die Authentizität der ‚Vinland-Karte‘ sprechen. Bevor die Fälschung als bewiesen gelten muss, sollten genaue Analysen der mittelalterlicher Tinten vorgenommen werden. Denn die Ergebnisse McCrones und Chahills zeigen, dass die elementare Zusammensetzung der Tinte auf der ‚Vinland-Karte‘ mittelalterlichen Gegebenheiten entspricht. Einziger Streitpunkt sei die Bewertung der vorgefundenen Titanoxidkristallen (Anatas). [33]

4. Neue Studien zur ‚Vinland-Karte‘

Die nahezu zeitgleiche Veröffentlichung zweier neuer Studien zur ‚Vinland-Karte‘ heizt jetzt die Diskussion erneut an. Chemiker des University College in London sprechen von einer Fälschung, ein Forscherteam des Brookhaven National Laboratory, der University of Arizona und des Smithsonian Instituts bestätigen durch ihre Radiokarbondatierungen das angebliche Alter der Karte.

4.1. C14-Datierung des Pergamentes der ‚Vinland-Karte‘

Die Amerikaner veröffentlichten ihre Ergebnisse in der August-Ausgabe des Fachmagazins ‚Radiocarbon‘. [34] Mit Hilfe der Radiokarbonmethode wurde von Garman Harbottle, Douglas J. Donahue und Jacqueline S. Olin ein 8 Zentimeter großer Streifen des Pergament der ‚Vinland-Karte‘ analysiert. Das Result: Das Kartenmaterial stammt aus dem Jahr 1434 (+/- 11) und wäre demnach älter als die Entdeckungsreisen des Christopher Kolumbus. [35]

Der Leiter des 1995 initiierten Projekts Garman Harbottle (BNL) gibt allerdings zu bedenken, die Radiokarbondatierung selbst könne nicht beweisen, dass auch die Darstellung Vinlands bis in das Jahr 1434 zurückreicht. [36] Hierzu wäre wohl die von Donahue et al. geforderte C14-Datierung der eigentlichen Tinte notwendig. Dies ist aber aufgrund der im Moment noch erforderlichen Stichproben nicht möglich, ohne die ‚Vinland-Karte‘ unwiderruflich zu schädigen. [37]

4.2. Raman-Mikrosonden-Spektroskopie der ‚Vinland-Karte‘ und der ‚Tartar Relation‘

Aus England kommt hingegen die Meldung, die Zeichner der umstrittenen Karte können entgültig als moderne Fälschung entlarvt werden. In ihrer Veröffentlichung in ‚Analytical Chemistry‘ [38] bestätigen die britischen Chemiker Katherine Brown und Robin Clark, dass schon früher vermutete Alter der verwendeten Tinte. Diese sei erst nach 1923 hergestellt worden. [39]

Die Forscher aus London (University College London) stellten mit Hilfe der Raman – Mikrosonden – Spektroskopie (Messung von Wellenlängen und Intensitäten von unelastisch gestreutem Licht) die Zusammensetzung der chemischen Bestandteile der verwendeten Tinte fest. Hierfür wurde die ‚Vinland-Karte‘ mit Laserlicht bestrahlt. Das von den einzelnen Molekülen auf unterschiedlichen Wellenlängen zurückgestreute Licht, wird mit den bereits bekannten charakteristischen Spektrum diverser Chemikalien verglichen.

Diese Methode ermöglichte im Gegensatz zu den mikroskopischen Analysen von McCrone, der auf Stichproben angewiesen war [40], eine Gesamtuntersuchung der ‚Vinland-Karte‘ Das nun von Brown/Clark vorgelegte Ergebnis zeigt: Anatas findet sich definitiv nur in den gelben Linien auf dem Pergament, in der bereits abgeblätterten schwarzen Farbe und auf dem Pergament selbst gibt es keine Spuren des Titandioxids. [41]

Wahrscheinlich – so die Engländer – hätten die Fälscher der Karte mit Hilfe der gelben und schwarzen Tinte einen Effekt simulieren wollen, der auftritt, wenn Pergamentpapier mit Eisengallustinte beschrieben wird, und die darin enthaltene Säure sich ins Papier frisst: Gelbliche Verfärbungen an den Rändern der schwarzen Tinte. Da die vorgefundene schwarze Tinte auf einer nicht säurehaltigen Kohlenstoffbasis basiert, musste mit einer zweiten Tinte nachgeholfen werden, um den Eindruck eines mittelalterlichen Dokuments zu erwecken. [42]

Gerade dies bestätigt die Ergebnisse McCrones aus den siebziger Jahren. Kohlenstoff-basierte Tinten enthalten im Gegensatz zu Eisengallustinten keinerlei Titandioxid – demnach muss Anatas in synthetischer Form verwendet worden sein. Und dies ist nicht vor 1923 möglich gewesen. [43]

Neben der ‚Vinland-Karte‘ wurde auch die ‚Tartar Relation‘ von Brown/Clark mit der Raman-Mirkosonden-Spektroskopie untersucht. Für das Werk wurden zwei Tinten verwendet – eine rote aus Zinnober und eine schwarze, die nachweislich als Eisengallustinte gelten kann. [44] Damit scheint das vermutete Alter – 15 Jahrhundert n.Chr. für die ‚Tartar Relation‘ bestätigt und nachgewiesen, dass beide Werke nicht im selben Zeitraum entstanden sind.

„Die Raman-Ergebnisse stellen den ersten definitiven Beweis bereit, dass die Landkarte erst nach 1923 gezeichnet wurde. Die Ergebnisse demonstrieren die große Wichtigkeit moderner analytischer Techniken im Studium von Gegenständen unseres kulturellen Erbes“ – Robin Clark [45]

Aber schon kurze Zeit nach der Veröffentlichung der ersten Pressemitteilung aus London, wird das Untersuchungsergebnis angezweifelt. Jill Pasteris von der Washington-University in St. Louis (Missouri), eine der führenden Authoritäten auf dem Gebiet der Raman – Mikrosonden – Spektroskopie hält die Forschungsresultate von Katherine Brown und Robin Clark für übertrieben. [46]

5. (K)ein Ende in Sicht

Wie die Reaktionen auf die beiden neuesten Studien von Brown/Clark [47] und Donahue et al. [48] zeigen, ist ein Ende der wissenschaftlichen Debatte um die Echtheit der ‚Vinland-Karte‘ nicht in Sicht. Dies liegt wahrscheinlich am 1995 neu festgelegten Wert der Karte: 25 Millionen Dollar – eine Summe, die so manche wissenschaftliche Kontroverse rechtfertigen zu scheint.

In einem Punkt sind sich die amerikanischen sowie die britischen Forscher einig. Wenn es sich bei der Vinland-Karte um eine Fälschung handelt, dann um eine erstaunlich ausgereifte, kluge Fälschung. [49] Immerhin hat es die ‚Vinland-Karte‘ geschafft, eine fast vierzig Jahre lange wissenschaftliche Kontroverse relativ unbeschadet in Obhut der Beinecke’s Rare Book and Manuscript Library der Yale Universität zu überstehen.

Eine Frage, die sich demnach aus den neuesten Erkenntnissen über das Pergament und die Tinte der ‚Vinland-Karte‘, erneut stellt: Wer könnte der Fälscher gewesen sein?

Und mit dieser Fragestellung haben sich zwei Professoren für Philologen der Yale-Universität, Konstantin Reichardt und Robert S. Lopez, schon vor Jahren auseinandergesetzt. Sie konnten ein jugoslawischen Professor für Kirchenrecht ausfindig machen, der das nötige Wissen über den Zeitraum der angeblichen Kartenentstehung (um 1440) sowie die Wikinger und ihre Entdeckungsfahrten (beschrieben in den nordischen Sagas) besaß: Luka Jelic (1863-1922). [50]

Jelic geriet vor allem deswegen unter den Verdacht, der eigentliche Schöpfer der ‚Vinland-Karte‘ zu sein, da eine Reihe von Jelics umstrittenen Ansichten und Theorien über die in Nordamerika siedelten Wikinger durch die Beschreibungen auf der Karte geradezu bestätigt zu werden scheinen.

Der jugoslawische Professor vertrat die Ansicht, „die in Nordamerika siedelnden Wikinger seien bereits christianisiert gewesen; also habe in Nordamerika zu vorkolumbianischer Zeit eine römisch-katholische Herrschaft bestanden.“ [51]

Und genau darauf deutet auch ein Teil der lateinischen Inschrift auf der ‚Vinland-Karte‘ hin:

„Eric (=Henricus), Legat des Apostolischen Stuhles und Bischof von Grönland und der benachbarten Gebiete [Hervorh:. MP], kam in dieses weite und reiche Land im Namen des allmächtigen Gottes, im letzten Jahr unseres Heiligen Vaters Pascal, und blieb hier im Namen Gottes eine lange Zeit, Sommer und Winter, und kehrte dann in nordöstlicher Richtung nach Grönland zurück, denn er handelte in demütigem Gehormsam gegen seine Oberen.“

[52]

Die Reise des Bischofs Henricus Gnupsson ist auch durch andere Quellen belegt. Nur – so Prof. Reichardt – scheint die oben hervorgehobene Bezeichnung für den Bischof Grönlands offiziell nicht nachweisbar. Einzig und allein Luka Jelic verwendete diese Bezeichnung für Henricus Gnupsson in zwei Vorträgen (‚Die Evangelisierung Amerikas vor Kolumbus‘) die er 1891 vor dem Internationalen Katholischen Kongress in Paris und 1894 in Brüssel hielt. [53]

Eine andere Spur hat die Autorin Kristen A. Seaver in einer ganzen Reihe von Artikel versucht nachzugehen. Für sie die der dee Priester Josef Fischer (1858-1944) der Kanidat für die Fälschung der ‚Vinland-Karte‘. [54] Aber ebenso wie bei Luka Jelic kann der definitive Nachweis für die Urheberschaft der Karte auch bei Fischer nicht erbracht werden.

Für Wissenschaftler aus allen Forschungsbereichen besteht demnach noch genügend Möglichkeiten, die Debatte für weitere 40 Jahre zu führen. Ein Ende wäre erst dann am Horizont zu erkennen, wenn weitere Hinweise dafür auftauchen, dass Luka Jelic, Josef Fischer oder – wie von anderen Forschern vermutet wurde – ein Mitglied der amerikanisch-skandinavischen Gemeinde – die ‚Vinland-Karte‘ bewusst gefälscht haben. Weitere Materialuntersuchungen an der Karte scheinen dagegen zu keinem neuen Ergebnis zu führen.

Anmerkungen

[1] Skelton et al. 1965; Prause 1990, S. 309f.; McCulloch 2001,
http://www.econ.ohio-state.edu/…/vinland.htm

[2] Skelton et al. 1965; Brown/Clark 2002, S. 3658; Prause 1990, S. 310;
Lonnroth 1997, http://userpage.fu-berlin.de/~alvismal/7raleigh.pdf

[3] Prause 1990, S. 310
[4] Cahill 1987, S. 829; Sänger 1998
[5] Prause 1990, S. 311
[6] Brown/Clark 2002, S. 3658
[7] McCulloch 2001
[8] Skelton et al., 1965; Donahue et al. 2002, S. 45;
[9] Skelton et al., 1965; Prause 1990, S. 308; vgl. auch Pörtner 1971, S. 67-92.

Laut der ‚Grönlandsaga‘ lief Leif Eriksson um 1000 n.Chr., um die Ländereien zu suchen, die vor ihm bereits Bjarne Herjulfsson besucht hatte. Es waren „Helluland“ (Flachsteinland), „Markland“ (Waldland) und „Vinland“ (Weinland). Pörtner 1971, S.77ff.; Oxenstierna 1966, S. 187ff.

An einer weiteren Expedition nach Vinland im Jahre 1020 nahmen drei Schiffe mit insgesamt 140 Mann, einigen Frauen (darunter die Halbschwester von Leif Eriksson – Freydis), Haustieren, Zelten etc. teil. Die Schiffe gehörten Thorfin Karlsefni, Bjarni Grimolfsson und Thorhall (aus der Sippe von Erik dem Roten). Pörtner 1971, S. 80f.; Oxenstierna 1966, S. 190

Die zweite auf der ‚Vinland-Karte‘ genannte Person – Bjarni – könnte demnach zum einen mit Bjarni Grimolfsson – von dem in der ‚Karlsefni-Saga‘ (‚Saga von Erik dem Roten‘) berichtet wird – zum anderen mit dem „Erstentdecker“ Bjarne Herjulfsson identisch sein.

Eine gemeinsame Reise von Leif Eriksson und Bjarni – wie sie auf der ‚Vinland-Karte‘ geschildert wird – scheint aufgrund den Darstellungen in den nordischen Sagas nicht wahrscheinlich. Aus diesem Grund ist anzunehmen, dass die ‚Vinland-Karte‘ von jemanden erstellt wurde, der nur oberflächlichen Einblick in die Geschichtsbücher der Wikinger hatte – oder, der die Reiseberichte nur aus dritter Hand kannte.

Gesamtinschrift nach: Skelton 1965, S. 140; siehe auch: Lonnroth 1997

„By God’s will, after a long voyage from the island of Greenland to the south toward the most distant remaining parts of the western ocean sea, sailing southward amidst the ice, the companions Bjarni and Leif Eiriksson discovered a new land, extremely fertile and even having vines, the which island they named Vinland. Eric [Henricus], legate of the Apostolic See and bishop of Greenland and the neighboring regions, arrived in this truly vast and very rich land, in the name Almighty God, in the last year of our most blessed father Pascal, remained a long time in both summer and winter, and later returned northeastward toward Greenland and then proceeded in most humble obedience to the will of his Superior.“

[10]Donahue et al, 2002, S. 45 u. 52;
BNL 2002, http://www.bnl.gov/bnlweb/…/bnlpr072902a.htm
Krome 2002, http://www.wissenschaft-online.de/abo/ticker/600852

[11] Hansson 1994, S. 217
[12] Fiebag 1988, S. 12
[13] Fiebag 1992, S. 288
[14] McCulloch 2001; Saenger 1998;
[15] McCulloch 2001; The World before columbus; Seaver 1997, S. 43
[16] Saenger 1998
[17] Prause 1990, S. 311
[18] Saenger 1998; McCulloch 2001
[19] Saenger 1998; McCulloch 2001
[20] Skelton et al. 1965; BNL 2002
[21] McCulloch 2001
[22] Prause 1990, S. 310f.
[23] vgl. McCulloch 2001; Krome 2002
[24] McCrone 1988; McCulloch 2001;
[25] McCrone 1988; McCulloch 2001;
[26] McCulloch 2001
[27] Cahill 1987, S. 829-833; ausführlich auch bei: McCulloch 2001
[28] Cahill 1987; McCulloch 2001
[29] http://www.shroud.com/bsts4307.htm
[30] ebd.
[31] McCrone 2002, http://www.mcri.org/vm\_shroud\_update.html
[32] McCrone 1988, S. 1009-1018
[33] Donahue et al. 2002, S. 48
[34] Donahue et al. 2002, S. 45-52
[35] Donahue et al. 2002, S. 50f.; BNL 2002
[36] Donahue et al. 2002, S. 50; BNL 2002
[37] vgl. Donahue et al 2002; BNL 2002; Krome 2002
[38] Brown/Clark 2002, S. 3658-3661
[39] ebd., S. 3658
[40] Siehe: Cahill 1987, S. 829; McCrone 1988;
[41] Brown/Clark 2002, S. 3659f. u. S. 3661

[42] ebd., S. 3661; vgl. Krome 2002;
ACS 2002, http://www.eurekalert.org/…/acs-tvm072902.php

[43] Brown/Clark 2002, S. 3658; vgl. McCrone 1988
[44] Brown/Clark 2002, S. 3660
[45] ACS 2002
[46] Whitfield 2002
[47] Brown/Clark 2002
[48] Donahue et al. 2002
[49] ACS 2002; BNL 2002
[50] Prause 1990, S. 315f.
[51] ebd., S. 316
[52] ebd.; vgl. auch [9]
[53] ebd.
[54] Lonnroth 1997, S. 120; Seaver 1995; Seaver 1996; Seaver 1997


Abbildungen

[1] Yale University Press
[2], [3] Yale University Press – bearbeitet: Markus Pezold
[4] Thomas Seilnacht – http://www.seilnacht.tuttlingen.com/…/Titandi.htm


Literatur

Brown, Katherine L. und Robin J. H. Clark (2002): „Analysis of Pigmentary Materials on the Vinland Map and Tartar Relation by Raman Microprobe Spectroscopy“, in: Analytical Chemistry. Vol. 74. Nr. 15 (1. August 2002), S. 3658-3661

Cahill, Thomas A. et al. (1987): „The Vinland Map, Revisited: New Compositional Evidence on its Inks and Parchment“, in: Analytical Chemistry, Vol. 59. Nr. 6 (15. März 1987), S. 829-833

Donahue, D.J., Olin, J.S. und G. Harbottle (2002): „Determination of the Radiocarbon Age of Parchment of the Vinland Map“, in: Radiocarbon. Vol. 44. Nr. 1. 2002, S. 45-52

Fiebag, Peter und Johannes (1988): „Die Wiederentdeckung der ‚Vinland-Karte'“ in: Ancient Skies 2/1988, S. 11f.

Fiebag, Johannes und Peter (1992): Die Entdeckung des Grals. Auf den Spuren der Manna-Maschine, der Bundeslade und des Templerordens. München

Hansson, Preben (1994): Sie kamen von den Sternen. Beweise für Landungen von Außerirdischen auf der Erde. Frankfurt/Main u.a.

McCrone, Walter C. (1988): „The Vinland Map“ in: Analytical Chemistry. Vol. 60. Nr. 10 (10. May 1988), S. 1009-1018

Oxenstierna, Eric Graf (1966): Die Wikinger. Stuttgart u.a.: 2., neubearbeitete Auflage

Prause, Gerhard (1990): Niemand hat Kolumbus ausgelacht. Wien/Düsseldorf: 5., völlig überarbeitete und ergänzte Neuausgabe

Pörtner, Rudolf (1971): Die Wikinger-Saga. Wien/Düsseldorf

Seaver, Kirsten A. (1995): „The Vinland Map: Who made it, and why? New Light on an Old Controversy“ in: The Map Collector. Vol. 70 (1995), S. 32-40

Seaver, Kirsten A. (1996): „The Mystery of the ‚Vinland Map‘ Manuscript Volume“. in: The Map Collector. Vol. 74 (1996), S. 24-29

Seaver, Kirsten A. (1997): „The Vinland Map: A $3,500 duckling that became a $25,000.000 swan“. in: Mercator’s World. Vol. 2 (March/April 1997), S. 42-47

Skelton, Raleigh A., et al. (1965): The Vinland Map and the Tartar Relation. New Haven

Whitfield, John und Rex Dalton (2002): „Ink analysis raises storm over Viking map“, in: Nature. Vol. 418 (8. August 2002), S. 574

aus dem Internet:

American Chemical Society (2002): „The Vinland Map shows its true colors“
URL: http://www.eurekalert.org/pub\_releases/2002-07/acs-tvm072902.php (31.07.02)

Brookhaven National Laboratory (2002): Scientists Determine Age of New World Map
URL: http://www.bnl.gov/bnlweb/pubaf/pr/2002/bnlpr072902a.htm (31.07.02)

Krome, Thorsten (2002): „Original oder Fälschung?“
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