Von Däniken muss sich in der Tat einige Vorwürfe gefallen lassen, doch – bei etwas eingehenderer Betrachtung zeigt sich, dass man dem Schweizer vom Standpunkt der etablierten Wissenschaften nichts politisch Fragwürdiges, möglicherweise aber ein Fehlverhalten in der Wahl seiner Methoden vorhalten kann. In seinem Erstling ‚Erinnerungen an die Zukunft‘ rief er schon 1968 alle etablierten Wissenschaften dazu auf, ihre Erkenntnisse und Fähigkeiten in einen Topf zu werfen, um in einer gemeinsamen, interdisziplinären Anstrengung gezielt nach außerirdischer Präsenz oder Einflussnahme zu forschen. Seitdem versucht von Däniken, die Theorie von den außerirdischen Menschenschöpfern und Kulturbringern an den Universitäten zu verankern.

„Flugs wird Erich von Däniken auch noch mit idiotischen Rassisten in Verbindung gebracht, als ob ich die Idee des himmlischen Samens und der Auserwählten erfunden hätte. Diese ganze Gedankenwelt ist nicht auf meinem Mist gewachsen – sie stammt in schnurgerader Linie aus exakt den Büchern, die für viele Völker heilig sind.“ [1]

„Der amerikanische Archäologe W. Rathje nimmt mich bös an. Er meint, ‚die Abqualifizierung der Maya-Leistungen‘ durch Herrn von Däniken und ’sein eindeutiges Bekenntnis zum überragenden, geistigen und technischen Können der Herrenmenschen aus dem All ist eine neue Form des Rassismus – Weltraumrassismus.‘- Im gleichen Ton wäre zu sagen, dass es sich hier um einen perfiden faschistoiden Angriff handelt.“ [2]

Was ist nun dran an dem Vorwurf, ein Erich von Däniken betreibe „Weltraumrassismus“?

Von Däniken muss sich in der Tat einige Vorwürfe gefallen lassen, doch – bei etwas eingehenderer Betrachtung zeigt sich, dass man dem Schweizer vom Standpunkt der etablierten Wissenschaften nichts politisch Fragwürdiges, möglicherweise aber ein Fehlverhalten in der Wahl seiner Methoden vorhalten kann. In seinem Erstling „Erinnerungen an die Zukunft“ rief er schon 1968 alle etablierten Wissenschaften dazu auf, ihre Erkenntnisse und Fähigkeiten in einen Topf zu werfen, um in einer gemeinsamen, interdisziplinären Anstrengung gezielt nach außerirdischer Präsenz oder Einflussnahme zu forschen. Seitdem versucht von Däniken, die Theorie von den außerirdischen Menschenschöpfern und Kulturbringern an den Universitäten zu verankern. Erfolgreich war er mit diesen Bemühungen insofern, als weltweit zahlreiche Laien, aber auch respektable Wissenschaftler durch die Däniken-Lektüre von der Begeisterung für die Idee der vorgeschichtlichen Astronauten-Götter infiziert wurden.

In privaten Vereinigungen wie der A.A.S. (Ancient Astronaut Society) [3] schlossen sich die Hobbyforscher zu nationalen und übernationalen Netzwerken oder lokalen Interessengruppen zusammen; die Mitglieder diskutieren und spekulieren hier in ihrer Freizeit über das sie verbindende Thema. Aber davon abgesehen zeigt sich die enorme Popularität der Thesen der Prä-Astronautik immer wieder in den hohen Einschaltquoten, die Fernsehsendungen mit oder wenigstens über Erich von Däniken und seine Theorie erreichen, auch wenn der Terminus „Prä-Astronautik“ selbst nur Insidern bekannt sein dürfte. Geht es nach den Vordenkern der Prä-Astronautik, dann steht das durch Erich von Däniken so weit verbreitete Gedankengut eigentlich dauernd kurz vor dem Sprung in den Kanon der etablierten Wissenschaften.

‚Die große Erich von Däniken Enzyklopädie‘ [4] charakterisiert diese junge Denkrichtung so:

„Unterschiedlichste Fragen und Phänomene in der Vergangenheit unserer Erde sind lösbar, zieht man die Möglichkeit mehrerer Landungen humanoider kosmischer Besucher in Betracht. Die Prä-Astronautik schuf mit dieser Theorie einen gemeinsamen Nenner, der sich vom Diskussionsbeitrag zur Randwissenschaft entwickelte.

Die Theorie stützt sich:

1. auf Überlieferungen mythologischer als auch historisch abgesicherter Art;
2. auf archäologische Funde und Phänomene;
3. auf evolutionäre und kulturelle Charakteristiken des Menschen und ebenso seiner biologischen Umwelt.

Diese könnten durch das direkte Eingreifen der Außerirdischen entstanden sein.“

Hauptsächlich arbeitet Erich von Däniken – ebenso wie die meisten der durch ihn inspirierten Forscher und Autoren – mit alten und ältesten Überlieferungen. Also Chroniken, Mythen und heiligen Texten. Als präastronautischer Leckerbissen kann demnach folgende Passage aus dem Alten Testament [5] gelten, die eine Szene aus der vierzigjährigen Wanderschaft des Volkes Israel wiedergibt. Die Handlung geht der Verkündung der Zehn Gebote unmittelbar voraus (2. Mose 19):

„(9) Und der HERR sprach zu Mose: Siehe, ich will zu Dir kommen in einer dicken Wolke, auf dass dies Volk es höre, wenn ich mit Dir rede, und glaube Dir ewiglich. Und Mose verkündigte dem HERRN die Rede des Volks.

(10) Und der HERR sprach zu Mose: Gehe hin zum Volk, und heilige sie heute und morgen, dass sie ihre Kleider waschen.

(11) Und bereit seien auf den dritten Tag; denn am dritten Tage wird der HERR vor allem Volk herabfahren auf den Berg Sinai.

(12) Und mache dem Volk ein Gehege umher, und sprich zu ihnen: Hütet euch, dass ihr nicht auf den Berg steiget, noch sein Ende anrühret; denn wer den Berg anrühret, soll des Todes sterben.

(13) Keine Hand soll ihn anrühren, sondern er soll gesteinigt, oder mit Geschoss erschossen werden; es sei ein Tier oder Mensch, so soll er nicht leben. Wenn es aber lange tönen wird, dann sollen sie an den Berg gehen.

(14) Mose stieg vom Berge zum Volk, und heiligte sie, und sie wuschen ihre Kleider.

(15) Und er sprach zu ihnen: Seid bereit auf den dritten Tag, und keiner nahe sich zum Weibe.

(16) Als nun der dritte Tag kam, und Morgen war, da hub sich ein Donnern und Blitzen und eine dicke Wolke auf dem Berge und ein Ton einer sehr starken Posaune; das ganze Volk aber, das im Lager war, erschrak.

(17) Und Mose führte das Volk aus dem Lager Gott entgegen, und sie traten unten an den Berg.

(18) Der ganze Berg Sinai aber rauchte, darum dass der HERR herab auf den Berg fuhr mit Feuer; und sein Rauch ging auf wie ein Rauch vom Ofen, dass der ganze Berg sehr bebete.

(19) Und der Posaune Ton ward immer stärker. Mose redete, und Gott antwortete ihm laut.

(20) Als nun der HERR herniedergekommen war auf den Berg Sinai, oben auf seine Spitze, forderte er Mose oben auf die Spitze des Bergs, und Mose stieg hinauf.

(21) Da sprach der HERR zu ihm: Steig hinab, und bezeuge dem Volk, dass sie nicht durchbrechen zum HERRN, ihn zu sehen, und viele aus ihnen fallen.

(22) Dazu die Priester, die zum HERRN nahen, sollen sich heiligen, dass sie der HERR nicht zerschmettere.

(23) Mose aber sprach zum HERRN: Das Volk kann nicht auf den Berg Sinai steigen; denn Du hast uns bezeuget und gesagt: Mache ein Gehege um den Berg, und heilige ihn.

(24) Und der HERR sprach zu ihm: Gehe hin, steige hinab! Du und Aaron mit dir sollt heraufsteigen; aber die Priester und das Volk sollen nicht durchbrechen, dass sie hinaufsteigen zu dem HERRN, dass er sie nicht zerschmettere.

(25) Und Mose ging hinunter zum Volk, und sagte es ihnen.“

Wenden wir nun die oben angeführten drei Kriterien der Prä-Astronautik auf diese Bibelpassage an, dann eröffnet sich ein ganz und gar fantastisches Spektrum der Interpretationen. Mit den Augen eines Erich von Däniken betrachtet, gewinnt der Ausschnitt und die beschriebene Szenerie eine schlichtweg entwaffnende Plausibilität. Unter der Voraussetzung, dass der „HERR“ mit AUSSERIRDISCHEN RAUMFAHRERN gleichgesetzt wird, wandelt sich die Passage von der religiösen Epiphanie zur detaillierten Schilderung der aufwendigen Vorbereitungen auf die Landung eines Luft- oder Raumfahrzeugs sowie dessen wirklicher Ankunft.

Mose fungiert dabei als Kontaktperson der Außerirdischen. Seine Vertrautheit mit den technisch fortgeschrittenen Fremden, seine Mittlerrolle zwischen der Masse des Volkes und den Aliens macht ihn sogar zum Ersten „seines Stammes“. In (9) hält sich Mose wieder einmal auf dem Gipfel des Berges Sinai auf, um dem Kommandanten der außerirdischen Expedition zur Erde Rapport zu erstatten. Der teilt seinem „Auserwählten“ bei dieser Gelegenheit mit, dass er eine großangelegte Demonstration der technischen Fähigkeiten seiner Mannschaft und seines Schiffs plant, und dies ausdrücklich zu dem Zweck, um sich noch mehr Respekt unter den Israeliten zu verschaffen und seinem Günstling Mose den Rücken zu stärken: „… auf dass dies Volk es höre, wenn ich mit Dir rede, und glaube Dir ewiglich.“

Denn auf die Angehörigen eines bronzezeitlichen Stamms muss das technische Know-how einer raumfahrttreibenden Zivilisation völlig unbegreiflich und furchteinflößend, ja magisch wirken. Schließlich sind die Panikreaktionen von unzivilisierten Eingeborenen, die unverhofft mit der technisch hochgerüsteten Welt des 20. Jahrhunderts in Berührung kamen, in den letzten Jahrzehnten immer wieder berichtet worden.

(10) bis (15) beschreibt einen „Countdown“ von drei Tagen, der den Israeliten bis zur angekündigten Landung auf dem Berg gesetzt wird, und die strengen Sicherheitsvorkehrungen, die das Volk innerhalb dieses Zeitrahmens auf Geheiß des Kommandanten zu schaffen hat. Ein Zaun wird um den Berg herum errichtet. Er soll die Einhaltung des Sicherheitsabstands gewährleisten und das Publikum auf Distanz halten. Denn bei dem vorangekündigten Ereignis werden offenbar zerstörerische Kräfte freigesetzt, die auf Mensch und Tier tödlich wirken können, wie der Kommandant eindringlich warnt. Anscheinend ist diese Gefahr zumindest in der ersten Phase der Erscheinung akut.

Zu dem Maßnahmenkatalog gehört auch der Vorgang des Kleiderwaschens bzw. des „Heiligens“. Dieser Begriff taucht nach der Landung in (21/22) noch einmal auf. Der „HERR“ hält Mose noch einmal nachdrücklich dazu an, die Gaffer auf Distanz zu halten, damit sie nicht die Absperrungen überwinden, denn von der Maschine auf dem Berg geht immer noch eine latente Gefahr aus: „… dass sie nicht durchbrechen zum HERRN, um ihn zu sehen, und viele aus ihnen fallen.“

Allerdings gibt es ein Bodenpersonal, das beschränkte Zutrittsbefugnis genießt: Die Priester. Voraussetzung für eine gefahrlose Annäherung der Priester ist, dass sie „sich heiligen, dass sie der HERR nicht zerschmettere.“ Ist mit dem sich „heiligen“ das Anlegen einer besonderen Schutzkleidung gemeint, welche die Priesterschaft vor gesundheitsschädlichen Strahlen, Gasen oder Hitze im Bereich des gelandeten Raumschiffs schützt? Oder lassen die Außerirdischen ihre menschlichen Gehilfen sich in sterile Overalls verpacken, um sich selbst vor den gefährlichen Viren und Bakterien zu schützen, die in der irdischen Fauna endemisch sind?

Die Verse (16) – (19) geben den beeindruckenden Landevorgang des Raumschiffes auf dem Gipfel des Bergs Sinai wieder, sowie die – durchaus beabsichtigte – Reaktion des Volkes auf die beispiellose Szenerie, nämlich Furcht. Unter Donner und Blitz (Feuer), gehüllt in eine dichte Wolke aufsteigenden Rauchs senkt sich das Schiff nieder. Das Heulen der Triebwerke wird mangels besserer Worte mit dem Ton einer „sehr starken Posaune“ verglichen. Die ganze Umgebung bebt durch den gewaltigen Rückstoss der feuerspeienden Manövrierdüsen. Nach dem Aufsetzen führt Mose die eingeschüchterte Menge bis an die Grenze des abgesperrten Bereichs. Gleich bestellt der Kommandant des Raumschiffs Mose zum wiederholten Mal zu sich auf den Berg.

Oben angekommen, erneuert der Kommandant – wie bereits erwähnt – seine Bedenken, dass ihm ein paar namenslose Naseweise aus dem Volk zu nahe kommen könnten, die den Wunsch verspüren, ihren Obergott einmal persönlich kennenzulernen und die damit Leben und Gesundheit, wohl aber auch das Eindruck schindende Inkognito des Anführers aufs Spiel setzen. Denn dass es sich bei dem „HERRN“ nicht um ein allwissendes, allmächtiges und ewiges Wesen, sondern wohl eher um einen Sterblichen mit beschränkten Kenntnissen der Vorgänge in seiner Umgebung handelt, geht schon allein aus seinem Dialog mit Mose hervor. Dieser muss den „HERRN“ nämlich auch noch beschwichtigen und seine Sorge zerstreuen, dass sich das Volk Israel nicht an die ihm diktierten Spielregeln halten könnte. Dann wird Mose zurück zu seinen Leuten geschickt, um den Aaron, seinen Bruder, zur Spitze des Berges zu bringen, nicht ohne Mose vorher zum dritten Mal einzuschärfen, dass niemand sonst den Berg, geschweige denn seinen Gipfel, betreten dürfe.

Die ganze im Sinne der Prä-Astronautik wiedergegebene Handlung spielt sich unmittelbar vor einem der zentralen Ereignisse im Alten Testament ab, nämlich der Offenbarung der Zehn Gebote durch den „HERRN“ (2. Mose 20). Dies geschieht zunächst nur mündlich durch den „HERRN“ und von seinem Aufenthaltsort auf dem Berggipfel herab. Die Worte der obersten Gottheit sind an alle Angehörigen des Volkes Israel gerichtet – ganz wie bei einer Massenkundgebung. Mit der Erfahrung, dass ihr „Gott“ nun plötzlich auch noch zu jedem Einzelnen persönlich spricht, steigert sich die Verunsicherung und Erregung der Israeliten noch. Die Erschütterung ist so groß, dass die Menschen auf ähnliche Erlebnisse in Zukunft lieber verzichten würden. Einmütig versichern sie deshalb dem Mose, die Treffen mit „Gott“ ihm allein zu überlassen. Wenigstens zu diesem Zeitpunkt bedeutet dies die freiwillige Unterordnung unter den göttlichen Willen und seines irdischen Repräsentanten und Mittlers Mose. Und gerade das war ja der Zweck der gesamten Vorstellung. So weit die prä-astronautische Analyse.

Nun sind die drei Kriterien des prä-astronautischen Denkansatzes (s.o.) darauf anzuwenden.

1.) Natürlich handelt es sich auch bei den Texten des Alten Testaments im weitesten Sinne um Überlieferungen mythologischer Art. Sie stützen sich zum Teil auf Gedankengut, das eine mehrtausendjährige Tradierung erfahren hat. An vielen Stellen mag im Laufe der Zeit bei Abschriften und Korrekturen das ein oder andere hinzugefügt, weggelassen oder verfremdet worden sein. Aber auch wenn es sich bei dem zitierten Text um einen verhältnismäßig jungen Einschub handelte, stellte sich dem Prä-Astronautiker dem zum Trotz die Frage, wie eine Passage, die bei modernen Lesern starke Assoziationen mit einem Raketenstart bzw. einer Raketenlandung wecken mag, in einen heiligen mythischen Text gelangt.

2.) Handelt es sich bei dem zitierten Bibeltext um einen Tatsachenbericht, und ein Raumschiff ist auf dem Berg gelandet, dann ist freilich auch nicht auszuschließen, dass Geologen und Archäologen noch in unseren Tagen Anhaltspunkte für dieses spektakuläre Ereignis finden könnten – im Gipfelbereich eines Berges vorzugsweise der Sinai-Halbinsel. Dass sich dort oben tatsächlich etwas reales ereignet hat, wird im Alten Testament noch mehrfach bestätigt. Zu allem Überfluss beschreibt 2. Mose 33, Vers 21-23 auch noch den Start des merkwürdigen Objekts und wie Mose ihn in einem natürlichen Schutzbunker unversehrt übersteht:

„(21) Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir; da sollst Du [Mose] auf dem Fels stehen.

(22) Wenn denn nun meine Herrlichkeit vorübergehet, will ich Dich in der Felskluft lassen stehen, und meine Hand soll ob Dir halten, bis ich vorübergehe.

(23) Und wenn ich meine Hand von Dir tue, wirst Du mir hintennach sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“

3.) Hält man sich an die prä-astronautische Lesart, dann liegt es auf der Hand, dass das Ereignis auch in den „kulturellen Charakteristiken des Menschen“ seinen Niederschlag gefunden haben könnte. Nämlich dann, wenn sich die Umstände der spektakulären Erfahrung tief in das „kulturelle Gedächtnis“ des Volkes eingegraben haben sollten und ihrerseits in rituellen Handlungen und religiösen Tabus tradiert worden sind. Im konkreten Beispiel könnte das bedeuten, dass religiöse Waschungen und besondere Priesterkleidung, wie sie heute noch Bestandteil des Ritus im Juden- und Christentum sind, habitualisierte Erinnerungen an die strengen, aber notwendigen Reinigungsprozeduren und obligatorischen Schutzanzüge sind, die im sicheren Umgang mit den Abfallprodukten einer technischen Hochzivilisation einstmals unerlässlich waren. Analog dazu könnte das religiöse Tabu als Überbleibsel eines konkreten Verbots gedeutet werden, das im vorliegenden Beispiel zum Schutz vor real existierenden Gefahren ausgesprochen wurde. Obwohl die Bedrohung längst nicht mehr existiert, hat sich im kulturellen Bewusstsein der Gläubigen die Angst vor dem Tabubruch und den damit verbundenen Konsequenzen wie Bestrafung oder körperlicher Versehrtheit erhalten.

In diesem Zusammenhang ist ein anderes kulturelles Charakteristikum besonders heikel, nämlich die Zehn Gebote. Man stelle sich vor: Die Ur-Gesetze, die Anleitung zum halbwegs friedlichen Zusammenleben in einer menschlichen Gesellschaft (Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht töten…), von deren Geist die westliche Zivilisation noch heute spürbar durchdrungen ist, gehen weder auf die Offenbarung eines göttlichen Willens und damit auf eine höhere, letzte und nicht mehr hinterfragbare Instanz zurück, noch entsprangen sie dem Geistesblitz eines aus Erfahrung klug gewordenen Ältestenrats oder eines ähnlichen Gremiums. Grundlegende kulturelle, zivilisatorische Werte wurden der Menschheit vor paartausend Jahren praktisch aufoktroyiert. Und das von Wesen aus Fleisch und Blut, die abgesehen von ihrem überragenden technischen Können um keinen Deut erhabener waren als die damalige junge Menschheit. Waren der HERR und seine Mitarbeiter Sterbliche, dann spricht aus der Überlieferung sogar ein guter Teil Eitelkeit, Eifersucht und Skrupellosigkeit. Hat die Prä-Astronautik recht, müssen einige der wichtigsten Kapitel der abendländischen Geistesgeschichte neu geschrieben werden.

Vorläufiges Fazit ist also, dass sich Erich von Däniken mit seiner gewagten Theorie sehr weit aus dem Fenster lehnt. Eine gängige Auslegung der Ereignisse am Berg Sinai behauptet nämlich, dass die Autoren des Alten Testaments hier ganz einfach einen Vulkanausbruch verarbeitet haben. Die Elemente Feuer, Rauch und Donner passen ja in dieses Schema. Außerdem waren auch die genauen geophysikalischen Ursachen eines solchen Naturschauspiels den alten Israeliten sicher unbekannt.

Von Däniken würde hier aber einwenden: Naturereignisse geben keine exakten Instruktionen, stellen nicht Verbote und Zeitpläne auf. Sie vermitteln auch kein Wissen, und sie formulieren schon gar keine Ansprüche an die Augenzeugen. All das deutet eher auf das zielstrebige Handeln irgendeiner Intelligenz hin.

Als weiteres Indiz für vorgeschichtliche Raumfahrer wird gerne ein von den brasilianischen Kayapo-Indianern überlieferter Mythos herangezogen. Von Däniken hat diese Erzählung bereits in mehreren seiner Bücher zitiert:

„Die Legende von Kayapo, die [der Völkerkundler] Joao Americo Peret übermittelt, bedarf ebenso wenig einer Erläuterung. Peret hörte sie im Dorf Gorotire am Ufer des Fresco vom Indianer Kuben-Kran-Kein, dem alten Ratgeber des Stammes, der den Titel Gway-Baba, der Weise, trägt. Und dies ist die Legende, die der Weise erzählt:

‚(…) Eines Tages ist Bep Kororoti (…) zum ersten Mal ins Dorf gekommen. Er war mit einem Bo, der ihn vom Kopf bis zu den Füssen bedeckte, gekleidet. In der Hand trug er ein Kop, eine Donnerwaffe. Alle aus dem Dorf flüchteten vor Angst in den Busch (…) Um ihnen [den Kriegern des Stammes] seine Kraft zu beweisen, hob er seinen Kop, deutete auf einen Baum oder Stein und vernichtete beide. (…) Die mutigsten Krieger des Stammes konnten sich zuletzt nur mit der Gegenwart von Bep-Kororoti abfinden, denn er belästigte sie nicht und niemanden. (…) Alle bekamen ein Gefühl von Sicherheit, und so wurden sie Freunde. (…) Es dauerte nicht mehr lange, da wurde Bep-Kororoti als Krieger in den Stamm aufgenommen, und dann suchte ihn ein junges Mädchen als Gemahl aus und heiratete ihn. Sie bekamen Söhne und eine Tochter, die sie Nio-Pouti nannten.

Bep-Kororoti war klüger als alle, und darum begann er, die anderen mit unbekannten Sachen zu unterrichten. Er leitete die Männer zum Bau eines Ng-Obi an, dieses Männerhaus, das heute alle unsere Dörfer haben. (…) Das Haus war in Wahrheit eine Schule, und Bep-Kororoti war ihr Lehrer.

(…) nichts wurde, was wir nicht dem großen Krieger aus dem All verdankten. Er war es, der die „große Kammer“ gründete, in der wir die Sorgen und Nöte unseres Stammes besprachen, und so kam eine bessere Organisation zustande, die für alle Arbeit und Leben erleichterte. (…)

Wenn die Jagd schwierig war, holte Bep-Kororoti sein Kop und tötete die Tiere, ohne sie zu verletzen. (…) Bep-Kororoti, der nicht die Nahrung des Dorfes aß, nahm nur das Nötigste für die Ernährung seiner Familie. (…)

Eines Tages aber folgte er dem Willen seines Geistes, den er nicht mehr bezwingen konnte, er verließ das Dorf. (…) Sein Aufbruch erfolgte in Eile. Die Tage vergingen, und Bep-Kororoti war nicht zu finden. Plötzlich aber erschien er wieder auf dem Dorfplatz, und er machte ein fürchterliches Kriegsgeschrei. (…) Aber als Männer sich ihm nähern wollten, kam es zu einem fürchterlichen Kampf. Bep-Kororoti benutzte seine Waffe nicht, aber sein Körper zitterte und wer ihn berührte, fiel [wie] tot zu Boden. (…) Sie verfolgten ihn bis auf die Kämme des Gebirges. Da geschah etwas Ungeheueres (…). Mit seinem Kop vernichtete er alles, was in seiner Nähe war. Bis er auf dem Gipfel der Gebirgskette war, waren Bäume und Sträucher zu Staub geworden. Dann aber gab es plötzlich einen gewaltigen Krach, der die ganze Region erschütterte, und Bep-Kororoti verschwand in der Luft, umkreist von flammenden Wolken, Rauch und Donner. Durch dieses Ereignis, das die Erde erschütterte, wurden die Wurzeln der Büsche aus dem Boden gerissen und die Wildfrüchte vernichtet, das Wild verschwand, so dass der Stamm anfing, Hunger zu leiden. (…)“ [6]

Übrigens lebt die Erinnerung an Bep-Kororotis Astronautendress, der ihn „vom Kopf bis zu den Füssen bedeckte“, im Ritus der Kayapo weiter. Zu feierlichen Anlässen zwängen sich Tänzer in rundum geschlossene Anzüge aus Schilfgras.

Erich von Däniken ist kein Exeget, sondern ein Sagensammler und Geschichtenerzähler. Sein Werk steht den Arbeiten von Sergius Golowin und Johann Karl August Musäus wesentlich näher als der etablierten Völkerkunde oder Anthropologie. Mag sein Anspruch auf eine kopernikanische Wende im Denkgebäude der Wissenschaften auch vermessen wirken, mag er damit auch scheitern: Es ist nicht abzustreiten, dass von Däniken ein Mann von Bedeutung ist, ein großes „Kaliber“, einer, der etwas bewegt hat. Für die Richtigkeit seiner Theorie gibt es keinen wirklichen, überzeugenden Beweis. Vom Standpunkt der Wissenschaften aus ist seine Argumentation nicht stichhaltig. Aber was ist dann das Geheimnis seines Erfolgs und der Schlüssel zu der Ausstrahlung seiner Bücher? Um diese Frage beantworten zu können, ist es notwendig, von Dänikens Werk seiner typischen Ausschmückungen – der Schelte der Wissenschaften, der wilden Spekulation, selbst der Außerirdischen – zu entkleiden. Was dann übrig bleibt, ist ein kleinster gemeinsamer Nenner, der in allen seiner Büchern mit ihren Aberhunderten von Zitaten aus längst vergessenen Mythen zu finden ist.

Letzten Endes ist es unerheblich, ob man von Göttern, Außerirdischen oder Halluzinationen oder Eingebungen aus dem kollektiven Unterbewusstsein spricht, welche den Altvorderen den Stoff für ihre Geschichten lieferten. Der Kern bleibt immer derselbe. Es handelt sich um die Begegnung mit dem oder den Anderen, dem Gegenüberliegenden, dem Unsichtbaren. In den Mythen der Menschheit erweist sich diese Thematik als eine der stärksten tragenden Säulen. Adjektive wie außerirdisch, außerweltlich, übersinnlich, transzendent, metaphysisch und paranormal sind die untereinander durchaus austauschbaren Umschreibungen für den roten Faden, der sich durch die großen Überlieferungen aller Stämme und Völker zieht. Und dieser Universalismus macht aus den alten Weisen ein ganz besonderes Garn.

In heiligen und weniger heiligen Texten aus vergangenen Zeiten wird uns die mit unerschütterlicher Gewissheit formulierte Antwort auf eine Frage präsentiert, die sich der Mensch noch immer oder jetzt wieder stellt. Sie schwingt zum Beispiel in den endlosen Debatten um UFOs mit und in dem Enthusiasmus, mit dem Astronomen die Tiefen des Alls erforschen, zum Teil speziell auf der Suche nach Leben außerhalb der Erde. Die Frage lautet „Sind wir allein?“ Im Schatz unserer Sagen und Volksweisheiten steht klipp und klar: „Wir sind nicht allein, und wir sind es nie gewesen.“

Im Rückgriff auf die oben zitierten drei Grundsätze der prä-astronautischen Theorie lässt sich die eigenartige Anziehungskraft dieser Gedankenwelt noch besser verdeutlichen. Aus den Mythen geht nämlich in Übereinstimmung mit den genannten Prämissen hervor, dass die „Anderen“ uns näher sind als uns bewusst ist, und das, obwohl sie unserem Auge die längste Zeit über verborgen sind. Denn in erster Linie sind die Anhaltspunkte auf der Suche nach extraterrestrischer Intelligenz ja nicht im Fernsten zu finden, sondern in unserer unmittelbaren Umgebung und in uns selbst. Nicht im Makroskopischen, in fremden Planetensystemen und der unvorstellbaren Weite des Alls haben „die Anderen“ ihre Fingerabdrücke hinterlassen, sondern gerade im Kleinsten und Alltäglichsten. Genau so steht es nämlich in den o.g. Richtlinien, die das prä-astronautische Raster abstecken und es über die archetypische, halb vergessene Vorstellungswelt der Menschheit legen, um sie wieder begreiflich zu machen.

Demnach liegt die Antwort auf die bohrende Frage, ob wir „allein im Universum“ sind, nicht jenseits von Neptun und Pluto, sondern in unseren Genen, denn „Wir alle sind Kinder der Götter“ (Buchtitel). Schließlich legen die alten Sagen hundertfach Zeugnis ab über Mischehen zwischen Göttern oder Halbgöttern und Menschen, ganz zu schweigen von dem Nachwuchs, der mit himmlischem Samen gezeugt wurde. Stichwort „Bep-Kororoti“. Indizien liegen nicht auf einem kalten Felsbrocken im Asteroidengürtel, sondern haufenweise direkt vor der Haustür. Die Architektur unserer Sakralbauten und – beispielsweise – die strengen Riten der Religionen legen Zeugnis ab. Stichwort „Mose und der HERR“.

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es kein Zufall, dass Erich von Däniken gerade 1968 mit „Erinnerungen an die Zukunft“ den Durchbruch schaffte und weltweit Millionenauflagen erzielte. Auf der ganzen Welt schlossen sich zu dieser Zeit zahllose Menschen den Hippie- und Flower-Power-Bewegungen an, mit dem Wunsch, die scheinbar ehernen und unverrückbaren Grundlagen der Kulturen zu hinterfragen und ein individuelles Verständnis für sie zu erlangen. Außerdem stand der Mensch kurz davor, mit dem Mond erstmals einen anderen Himmelskörper zu betreten; ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung, das dann Abermillionen von Menschen mit großer Anteilnahme live an ihren Fernsehgeräten verfolgten. 1969 setzte Stanley Kubrick mit seinem bahnbrechenden Film „2001 – A Space Odyssey“ Maßstäbe für das Science-Fiction-Genre. Themen des Films: das Geheimnis der Menschwerdung und des Bewusstseins. Die Zeit war reif für die alten Geschichten, die von Däniken zu erzählen wusste; sie war es wieder einmal.

Selbstredend nimmt von Däniken keine Analysen mit den strengen Methoden der Wissenschaft vor. Aber stattdessen hat er mit seinen Büchern für unzählige Menschen eine Brücke gebaut, die ihnen die Verbindung zum Sagenschatz der Altvorderen ermöglichte. Gerade deshalb hat man Erich von Däniken oft vorgeworfen, er betreibe die Remythologisierung der Geschichte und schüfe eine materialistische Ersatzreligion um außerirdische Raumfahrer.

Von Däniken wehrt sich:

„Meine Theorie taugt nicht zum Religionsersatz.“

Weshalb ist das so? Um dies einzusehen, muss man einen Blick auf die Kette von Vorgängern werfen, die lange vor ihm die gleichen Geschichten tradierten, die auch er heute erzählt. Denn bereits in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts machte ein Franzose unter dem Pseudonym Robert Charroux die Theorie der altertümlichen Raumfahrer publik. Auch er bezieht sich auf die alten Überlieferungen: babylonische, phönizische, ägyptische, indische, alt-amerikanische, biblische usw. Der Unterschied zwischen seinem Werk und dem von Dänikens liegt nicht nur darin, dass sein kommerzieller Erfolg deutlich bescheidener ausfiel und sein Bekanntheitsgrad wesentlich unter dem des Schweizers liegt. Vor allem ist Charroux’s Büchern immer ein guter Schuss Magie, Esoterik und Okkultismus sowie wilder philosophischer Spekulation beigemengt. Bei von Däniken sind davon höchstens Spurenelemente zu finden.

Bei den noch früheren Vorläufern wie Rudolf Steiner (* 1861, + 1925), dem Vater der Anthroposophie [7] , ist man fast schon wieder in der Welt der Götter, Übermenschen und Riesen. Aus den damaligen Zeitumständen und den verfügbaren technischen Möglichkeiten heraus konnte man das Unbegreifliche auch nicht bei seinem „wahren“ Namen nennen. Damals konnten die Menschen noch nicht einmal von den Perspektiven der Raumfahrt oder einer Landung auf dem Mond träumen. Aufschluss über den großen Unterschied zwischen Steiners und von Dänikens Interpretation gibt noch einmal ‚Die große Erich von Däniken Enzyklopädie‘:

„In seiner Schrift „Unsere atlantischen Vorfahren“, Dornach 1934, gibt der Anthroposoph Steiner Hinweise auf den versunkenen Kontinent Atlantis. (…) ‚So wurden die in geringer Höhe über dem Boden schwebenden Fahrzeuge der Atlanter fortbewegt. Diese Fahrzeuge fuhren in einer Höhe, die geringer war als die Höhe der Gebirge der atlantischen Zeit, und sie hatten Steuervorrichtungen, durch die sie sich über diese Gebirge erheben konnten.‘ (…) Seiner Ansicht nach wurden die Atlanter auch von Göttern, höheren Wesenheiten, wie er es nennt, unterrichtet.“ [8]

Die Geschichte ist die alte, doch ihr geistiger Rahmen hat sich gewaltig verschoben. Nach Steiner verfügten die alten Atlanter über erstaunliche technische Möglichkeiten. In dem gegebenen Beispiel fällt jedoch auf, dass ihre Anwendung auf einem technischen Niveau geschieht, das demjenigen sehr ähnlich ist, das Europa z.B. in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts erreicht hatte. An Raumschiffe und ihre fleischlichen Piloten denkt Steiner noch nicht. Fahrzeuge, die die von ihm genannten Eigenschaften boten, waren dagegen zu seiner Zeit bekannt, nämlich Flugzeuge und Zeppeline.

Selbstverständlich hatten auch die Atlanter ihre Ingenieurskunst von irgendwelchen Lehrmeistern gelernt: „Göttern, höheren Wesenheiten“. Man muss sich im Zusammenhang mit dem gegebenen Beispiel deutlich vor Augen halten, dass es Erich von Däniken offenbar zuwider ist, in den Fremden aus dem All etwas anderes oder mehr zu sehen als eben prähistorische Astronauten, die von der unwissenden Menschheit zu Göttern hochstilisiert wurden.

Immer wieder beteuert er: „Der Gott, an den ich glaube, hat es nicht nötig, mit einem knatternden Raumschiff im Weltall herumzufurzen!“ Er wird nicht müde, sich und seine Theorie von dem Dunstkreis der zornigen, eifersüchtigen, besitzergreifenden, lebensgefährlichen „Gottheiten“ zu distanzieren. Seine Bücher sind von dem aufrichtigen Bemühen gekennzeichnet, den Staub des Dogmatischen, Mystisch-Verklärenden wegzublasen. Durch seine Rhetorik lässt er den Astronautengöttern auch nicht den Rest einer numinosen, „heiligen“ Ausstrahlung.

Mit Religion hat von Dänikens Werk genauso wenig zu tun wie die Arbeit eines Sprachwissenschaftlers, der alte Texte und ihre Quellen Satz für Satz und Wort für Wort seziert. Zugang zum Inhalt der Sagen erhält der Laie aber nur bei von Däniken, denn der tut nichts anderes als die Mythen mit den Augen des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts zu betrachten. Dabei hat der Schweizer das problematische Terrain der religiösen Interpretation und der spirituellen Deutungsansätze absichtlich längst verlassen. Der Esoteriker Rudolf Steiner würde von ihm allenfalls zitiert werden, um seine eigene Theorie zu untermauern, aber er würde sich einen Steiner nicht zu eigen machen.

Bei Steiner finden wir eine komplette Kosmo- und Anthropogenese, deren Bestandteil auch die „höheren Wesenheiten“ sind. Diese in sich geschlossene Geisteslehre vermag auch – bzw. sie will – die Geheimnisse des menschlichen Wesens und der menschlichen Bestimmung zu lüften. Deshalb erhebt auch sie wie alle religiösen, spirituellen Welterklärungsversuche automatisch einen Anspruch auf die universelle Wahrheit, auch dann, wenn sie diesen Anspruch nicht wörtlich und unmittelbar ausdrückt. Charakteristisch für solche Systeme sind die deterministischen, auffordernden Begriffe „Glaube“ und (spirituelle) „Entfaltung, Erkenntnis“. Gerade diese Prozesse verlangt von Däniken von keinem einzigen seiner Leser.

Als Randnotiz sei hier erwähnt, dass Steiners Nach-Folgern im Jahr 2000 gewaltiger Ärger ins Haus stand. Steiners „Geheimwissen“ um Atlantis geriet plötzlich ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik und rief sogar das Bundesfamilienministerium und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften aufs Tapet, als publik wurde, dass zu den Lehrmitteln der von Steiner inspirierten Waldorf-Schulen, immerhin den in Deutschland am weitesten verbreiteten Alternativschulen, ein Buch mit dem Titel ‚Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst‘ gehört.

Das Buch erschien erstmals im Jahre 1936 und erfuhr 1980 eine Neuauflage; als Verfasser zeichnet der Anthroposoph und Waldorf-Lehrer Ernst Uehli verantwortlich. Darin sollen sich Sätze finden wie: „Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden.“; weiter „Der Neger ist kindlich, ist ein nachahmendes Wesen geblieben“; alles in allem wird eine platte menschliche Rassengeschichte ausgebreitet. [9]

Nun muss das natürlich nicht zwingend bedeuten, dass der Rassismus an sich Bestandteil der anthroposophischen Lehre ist. Fairerweise könnte man ebenso gut einräumen, dass sich lediglich der Autor den Nazis anbiedern und zeigen wollte, wie wunderbar systemkonform die Anthroposophie doch sei, um 1936 auf diesem Wege Repressionen zu entgehen. Der springende Punkt ist aber, dass der Atlantis-Mythos unabhängig von der steinerschen Lehre sowieso Bestandteil des nazistischen Weltgebäudes war.

Nach den Ansichten einiger Vordenker des Nationalsozialismus war Atlantis ja tatsächlich die Wiege der „arischen“ Rasse. Heute rückt diese Synchronizität schon den Mythos an sich – in den Augen zahlreicher Menschen, die diese Diskussionen verfolgen – in die Nähe rassistischer Wahnvorstellungen. Der Mythos von Atlantis als einer (schon bei Plato als hochzivilisiert geltenden) sagenumwobenen Welt, die lange vor unserer Zivilisation und Zeitrechnung existierte, ist an und für sich aber weder eine Erfindung Steiners noch der Nazis, sondern lässt sich viel weiter zurückverfolgen.

Mose, Kayapo, Rudolf Steiner, Altertum und Gegenwart…

Es sind genau diese Rösselsprünge zwischen Zeiten und Ländern, die Erich von Däniken bei seriösen Wissenschaftlern so unbeliebt machen und die ihn doch gleichzeitig am nachhaltigsten von dem Vorwurf reinwaschen, er betreibe Rassismus, „Weltraumrassismus“ gar. Es lässt sich keine Schema erstellen, nach dem seine Astronauten-„Götter“ ihre Gunst verteilten. Es gibt auch keinen Anhaltspunkt dafür, dass die „Götter“ darüber beratschlagten und debattierten, welches Volk und welche Menschenrasse „reif“ dafür sei, den „göttlichen Segen“ zu empfangen.

Von Däniken unterstellt keinem Volk eine ihm eingeborene Dummheit, so dass es zu keinen eigenen schöpferischen Leistungen fähig gewesen und deshalb auf die Hilfe der technisch überlegenen „Herrenmenschen“ aus dem All angewiesen wäre. [10]

Ausdrücklich weist er immer wieder darauf hin, dass Anhaltspunkte für seine Theorie in den Überlieferungen rund um den Globus zu finden seien. Dieser Universalismus, den von Däniken selbst wahrlich oft genug unterstreicht, ist das überzeugendste Argument gegen die These, der Schweizer sei ein verkappter Rassist. Geht es nach ihm, so sind entweder alle Völker (von den Außerirdischen) auserwählt worden – oder keines. Eine andere Alternative, als sich mit der Präsenz der Außerirdischen abzufinden, hatten unsere Altvorderen nach von Däniken sowieso nicht.

Anmerkungen

[1] Däniken 1995, S.165

[2] Däniken 1984, S.301

[3] www.aas-fg.org

[4] Dopatka 1997, S.284

[5] Die Bibel

[6] Däniken 1992, S.138ff.

[7] www.rudolf-steiner.de

[8] Dopatka 1997, S.358

[9] Vgl. „Arisches Genie und die Waldorfschulen“

[10] Die haltlose Behauptung, dass wahlweise die Juden oder gar alle semitischen Völker keine schöpferischen, kreativen Talente besäßen, ist fester Bestandteil antisemitischer und nazistischer Ideologie. Hitler vertrat die Auffassung, dass „der Jude“ keine Kunst und Architektur kenne, sondern lediglich „arische“ Vorbilder abkupfere, damit aber deren hehre Ideale herabwürdige und zersetze.

Literatur

Däniken, Erich von (1992): Aussaat und Kosmos. Bergisch Gladbach: 4. Aufl.

Däniken, Erich von (1993): Der Tag, an dem die Götter kamen. München: 6. Aufl.

Däniken, Erich von (1995): Der Jüngste Tag hat längst begonnen. München

Dopatka, Ulrich (1997): Die große Erich von Däniken Enzyklopädie. Düsseldorf

Die Bibel, Dresden 1909

„Arisches Genie und die Waldorfschulen“, in: Süddeutsche Zeitung (15.7.2000)