Die riesigen Steinsarkophage im Serapeum von Sakkara gelten der Geschichtswissenschaft als Begräbnisstätte der heiligen Apis-Stiere. Erich von Däniken und weitere Grenzwissenschaftler sind da anderer Ansicht, fand sich doch anstatt kompletter Stiermumien allenfalls eine bituminöse Masse voller zerbrochener Knochensplitter. Wurden im Serapeum etwa gefürchtete Mischwesen bestattet – oder gibt es eine naheliegendere Erklärung für solch groteske Bestattungsformen?



Kontroversen um ägyptische Stierbestattungen

1851 Auguste Mariette ist eigentlich in Ägypten, um koptische Papyri für den französischen Staat zu erwerben. Doch die Geschäfte verzögern sich – da entdeckt der französische Forscher nacheinander mehrere antike Sphingen in den Gärten von Kairo und Alexandria. Spontane Nachforschungen nach dem Ursprung der altehrwürdigen Skulpturen führen Mariette in die alte Nekropole von Sakkara, wo er auf eine ganze Allee von Sphingen stößt. Als schließlich auch noch eine Stele mit dem Wort Apis dem Wüstensand entrungen wird, ist der Forscher sich sicher, einer großen Entdeckung auf der Spur zu sein – beschreibt doch der griechischen Historiker Strabon genau eine solche Sphingenallee, die zum sogenannten Serapeum herabführe.

In dieser gewaltigen, unterirdischen Anlage, so Strabon, wurden die heiligen Apis-Stiere von Memphis zur letzten Ruhe gebettet, nachdem man sie wie Menschen mumifiziert hatte. Und tatsächlich, noch im selben Jahr entdeckt Mariette einen Eingang und steigt in das seit Urzeiten vergessene Gewölbe herab. Doch mit dem, was er dort vorfindet, hätte er selbst im von beeindruckenden Monumenten nicht armen Ägypten kaum gerechnet:

Riesige Steinsarkophage, 24 an der Zahl, aufgestellt in den Nischen einer fast 200 m langen Galerie. Die Länge der Särge beträgt Mariettes Messungen zufolge rund 4 m, bei einer Höhe von 3,3 m und 2,3 m Breite. [1] Das Gewicht eines einzelnen wird leer auf rund 65 Tonnen geschätzt, zuzüglich einem rund 60 Zentimeter dicken, 20-30 Tonnen schweren Deckel. Massiver Granit, aus dem Fels gehauen im 1 000 Kilometer entfernten Assuan, dann unter größten Mühen bis nach Sakkara ins unterirdische Grabmal geschafft. In einem zweiten Abschnitt des verzweigten Grabmals finden sich noch weitere Bestattungen, hier in Form hölzerner Sarkophage. Ein schier unermesslicher Aufwand, dessen Kosten der griechische Historiker Diodor mit über 100 Talenten [2] bezifferte – „nur“ für die Beisetzung eines heiligen Stieres? Oder steckt doch etwas Anderes dahinter?

Diese Ansicht vertritt zumindest Präastronautik-Papst Erich von Däniken, der mit seiner Neuinterpretation des Serapeums in
‚Die Augen der Sphinx’ (1989) einen weiteren modernen Mythos der Grenzwissenschaft schuf, den verschiedene ihm nachfolgende Autoren rezipierten. Denn nicht nur das Format der in jeder Hinsicht überdimensionierten, unter unglaublichen Mühen hergestellten Särge gibt Rätsel auf – sondern auch ihr Inhalt. Obgleich nämlich Mariette fest damit rechnete, hier die Grablegungen der berühmten Apis-Stiere aufgespürt zu haben, fand sich nicht eine Stiermumie in den monumentalen Sarkophagen. Vielmehr waren die riesigen Steinsärge zum Zeitpunkt der Ausgrabung bereits geöffnet und leer, keine Spur von Stiermumien. Die allgemein etablierte Erklärung: Höchstwahrscheinlich fielen sie bereits in der Antike Grabräuberei und Zerstörung durch die Mönche des nahegelegenen St. Jeremias-Klosters zum Opfer.

Nur vier Särge [3] im gesamten Serapeum konnten unberaubt geborgen werden – doch auch sie enthielten alles andere als das, was man in ihnen erwartet hätte. Keine vollständigen, mumifizierten Apis-Stiere nämlich, sondern vielmehr, um den Ausgräber selbst zu Wort kommen zu lassen

„Ein bituminöses Material, das sehr riechend war und mit dem geringsten Druck der Hand zu Staub zerfiel, umhüllte eine Menge kleiner Knochen, die bereits beim Begräbnis des Stieres zerbrochen waren.“ [4]

Weder von Däniken noch seine Nachfolger haben sich dieses Phänomen ausgedacht; Mariette selbst bestätigte den rätselhaften Fund. In einem Sarg fand sich immerhin der mumifizierte Kopf eines Apis-Stieres, doch unter diesem nicht etwa ein Körper, sondern nur mehr von jener rätselhaften, formlosen Bitumenmasse:

„Die Mumie. – Der Deckel wurde angehoben, ich dachte zuerst, der Sarg sei leer. Aber durch etwas mehr Aufmerksamkeit unterschied ich bald den Kopf eines Stieres und unter diesem Kopf eine schwarze Masse, die ihm als Stütze diente. Ich bewegte zuerst den Kopf des Stieres, der sich an nichts hielt. Er war ganz und gar seiner Haut beraubt. Ich untersuchte dann die schwarze Masse, die als Träger diente. Sie war von einer sehr dünnen Leinwand bedeckt, unter der ich nichts fand als eine kleine Menge von duftendem Bitumen, mit Gold und groben Flocken gemischt, und kleine Knochen, fast alle zerbrochen.“ [5]

Als sei dies noch nicht verstörend genug, nehmen die Mysterien kein Ende. Wo man nämlich tatsächlich einmal scheinbar vollständige Stiermumien gefunden zu haben glaubte, so etwa im sogenannten Bucheum, dem Grabmal der ebenfalls heiligen Buchis-Stiere, hielten diese eine noch andere Überraschung für neuzeitliche Wissenschaftler bereit: Wurden die verschnürten Pakete nämlich geöffnet, so fand man darin keinesfalls, wie die äußere Gestalt der Mumie vortäuschte, einen vollständigen Stier – sondern stattdessen nur zahlreiche ungeordnet hineingelegte Knochen, davon keinesfalls alle von Stieren stammend. Wie die Grenzwissenschaftler verkünden, existiert somit nicht eine „richtige“ ägyptische Stiermumie.

Doch wozu all dieser Irrsinn? Wozu wurden heilige Stiere, Götter auf Erden, nach ihrem Tod zerstückelt und mit Bitumen vermischt, wieso schuf man aufwendig riesige Pseudo-Mumien mit groteskem Inhalt? Es ist kaum nötig zu erwähnen, dass dies den ägyptischen Bestattungssitten, wie sie uns heute bekannt sind, diametral entgegensteht. Das zentrale Anliegen, überhaupt erst der Zweck der Mumifizierung, war schließlich die Erhaltung des Körpers, denn nur diese konnte auch das Weiterleben der Seele im Jenseits garantieren. Als Vorbild hierfür galt der Gott Osiris, der der mythischen Überlieferung zufolge nach der Ermordung durch seinen Bruder Seth von seiner Frau Isis mumifiziert wurde, was ihm ein Weiterleben und die Herrschaft in der Unterwelt sicherte.

Von Däniken stellt in oben genanntem Buch eine mögliche Deutung dieser obskuren Bestattungssitten vor: [6] Erwartungsgemäß hat diese mit seiner allgemeinen Grundprämisse, dem vorzeitlichen Besuch Außerirdischer auf Erden, zu tun. Wie schon in früheren Publikationen von Dänikens und auch dort noch einmal anhand verschiedener Beispiele dargelegt, existierten in den Vorstellungen fast aller alten Völker Mischwesen – also solche Kreaturen, die scheinbar aus Teilen mehrerer Wesen zusammengesetzt sind (z.B. Sphingen, Chimären, Kentauren etc.).

Diese deutet von Däniken als gentechnische Erzeugnisse jener außerirdischen Götter. Diese hätten – so zumindest das hypothetische Modell – den Menschen große Angst bereitet, jedoch unter dem Schutz der „Götter“ gestanden, weshalb sie als unberührbar galten. Es sei nun weiterhin angenommen, die „Götter“ seien schließlich wieder verschwunden, die Mischwesen weitgehend ausgerottet oder von natürlichen Tierpopulationen assimiliert, ihre Nachkommen allenfalls noch an gewissen Kennzeichen zu erkennen (so etwa beim Apis-Stier einem weißen Dreieck auf der Stirn).

Von Dänikens Hypothese geht nun dahin, dass die Apis-Stiere Nachkommen jener frühen Mischwesen gewesen seien oder von den Ägyptern zumindest dafür gehalten wurden. Noch immer brachte man ihnen und den Göttern, die sie geschaffen hatten, zu viel Ehrfurcht entgegen, um den lebenden Tieren auch nur ein Haar zu krümmen, weshalb man sie im Gegenteil fürstlich pflegte. Doch jene Angst vor den alten Mischwesen sei noch derartig lebendig gewesen, dass man sich nach dem Tod der Tiere unbedingt versichern wollte, dass sie niemals wieder auferstehen konnten. Also zerstieß man die Körper jener Stiere und schloss sie in tonnenschweren Sarkophagen weg, auf dass sie niemals wiedergeboren werden könnten. In Bezug auf die aus inhomogenen Knochen zusammengesetzten Mumien vermutet von Däniken, hier könnten – zumindest in manchen Fällen – tatsächlich Mischwesen bestattet worden sein, die von den Ausgräbern erwartungsgemäß nicht als solche erkannt wurden.

Bevor wir uns näher mit diesen Thesen auseinandersetzen, lohnt es sich, einen Blick auf das Weiterleben des Sakkara-Mysteriums im Bereich der Grenzwissenschaft zu werfen. Zahlreiche andere Publizisten der Präastronautik nämlich griffen den kuriosen Fall des Serapeums nur allzu gerne auf, von denen wir im Folgenden zwei exemplarisch betrachten wollen.

Walter-Jörg Langbein etwa erwähnte die „Monstersärge“ gleich in zwei Büchern. In ‚Kreaturen der Nacht‘ dient das Serapeum als Einleitung für einen längeren Abschnitt über Untote und Artverwandtes. [7] Beginnend mit der Beschreibung der beeindruckenden Granitsarkophage, wird schnell der Übergang zu der ominösen Bitumenmasse und schließlich der Mischwesen-These vollzogen. Was wurde in den Sarkophagen bestattet? Da sie „keinerlei Inschrift“ tragen [8], wird sogleich zu einem schon von von Däniken bekannten Zitat des Historikers Eusebius übergeleitet, der verschiedene Arten von Mischwesen beschreibt. Faszinierend an dieser Darstellung ist gleich mehreres: Zum einen die Tatsache, dass das Eusebius-Zitat in keinerlei direktem Zusammenhang mit dem Serapeum steht, weshalb man auch jede andere antike Erwähnung von Mischwesen hätte auswählen können. Des Weiteren die Frage, woher die nachweislich falsche Aussage mit den fehlenden Inschriften stammt (drei der Särge tragen in der Tat eine Inschriftt [9]; hinzu kommen später erwähnte Apisstelen). Und schließlich die fatale Verwechslung, was die Sarkophage selbst angeht:

Die mysteriöse Bitumenmasse nämlich wurde nicht in den monumentalen Steinsarkophagen gefunden, sondern in den älteren Holzsärgen in einem anderen Abschnitt des Serapeums. Zur Bestattung verwendet wurde das Serapeum von der Zeit Amenophis III. (14. Jhd. v. Chr.) bis etwa zur Zeitenwende, obgleich der Apis-Kult als solcher noch wesentlich älter ist und sich bis ins dritte Jahrtausend vor Christus nachweisen lässt. Zunächst stellte dieser noch einen Teil des Herrscherkultes dar, in dem der Stier Kraft und Fruchtbarkeit verkörperte. Im Gegensatz zum Pharao, dessen Göttlichkeit mit der Zeit abnahm, entwickelte sich der Apis jedoch zunehmend zu einer eigenständigen Gottheit, der höchste Achtung entgegengebracht wurde. Die ältesten uns bekannten Bestattungen (aus dem Neuen Reich) fanden noch in Holzsarkophagen statt (in diesen fand man auch die ominöse Knochenmasse) – die Steinsärge indes treten erst in der ägyptischen Spätzeit ab Pharao Psammetich I. (26. Dynastie, reg. 664–610 v. Chr.) [10] auf. Über all die Jahrhunderte wurden letztendlich ganze 41 Stiere im Serapeum bestattet. Jene monumentalen Granitsarkophage aber, welche so beeindruckend als Aushängeschild einer präastronautischen Sakkara-Interpretation dienen können, waren zum Fundzeitpunkt allesamt leer. Erich von Däniken noch stellte diesen Sachverhalt in ‚Die Augen der Sphinx‘ richtig dar – Steinsärge leer, Bitumenmasse in Holzsärgen. Obgleich er im Folgenden beide Phänomene, Monumentalsärge und Bitumenmasse, als Aspekte eines Phänomens betrachtete, was durchaus zu Assoziationen der beiden führen kann, kam es nicht zu einer sachlichen Falschdarstellung. Anders Langbein, wo die Holzsärge gar nicht mehr auftauchen und die Bitumenmasse in die Steinsarkophage gewandert ist. Erstaunlicherweise scheint auch Erich von Däniken selbst schließlich Opfer dieses teilweise von ihm geschaffenen Mythos geworden zu sein, denn in späteren Aussagen verschweigt auch er die Holzsarkophage [11].

In seinem Buch ‚Bevor die Sintflut kam‘ widmet Langbein den „Monstersärgen“ sogar einen etwas längeren Abschnitt. Auch hier dieselbe Fehldarstellung: Granitsärge mit Bitumenmasse, sogar noch illustriert mit der bildlichen Vorstellung, wie von den Ausgräbern „einer der tonnenschweren Deckel nach dem anderen beiseite geschoben“ [12] wurde, um an die erwarteten Stiermumien zu gelangen. Einziger sachlicher Unterschied zu der Darstellung in ‚Kreaturen der Nacht‘: Anstatt von Mischwesen wird hier die furchtsame Bestattung von Riesen in den Riesensärgen suggeriert; jene spielten schon im vorangegangenen Kapitel eine Rolle. Es sei nun nicht darüber diskutiert, ob nun Riesen oder Mischwesen die vernünftigere Annahme darstellen – Fakt bleibt die Umdeutung der Sarkophage als Projektionsfläche für verschiedene vorzeitliche Ungeheuer, deren genaue Identität nicht aus dem Befund hervorgeht.

Auch Hartwig Hausdorf zitiert das Serapeum und seine „Monstersärge“ in seinem Buch ‚Götterbotschaft in den Genen‘. Die Darstellung ist im Prinzip dieselbe wie bei Langbein: Bitumenmasse mit zerstoßenen Knochen in Steinsarkophagen, Verbindung mit den Apis-Stieren nur hypothetisch und unbelegt, wenig später (immerhin im nächsten Kapitel) das altbekannte Eusebius-Zitat mit den Mischwesen. Die Hypothese liegt nahe, dass beide Autoren sich nicht auf die originalen Ausgrabungsberichte von Auguste Mariette beziehen, sondern vielmehr verkürzt und missverstanden die Informationen von Dänikens übernommen haben. Und tatsächlich, beide beziehen sich explizit auf diesen – Hausdorf in einer direkten Fußnote zu ‚Die Augen der Sphinx‘, Langbein durch eine allgemeine Erwähnung des Autors.

Doch nicht nur hier dienen explizite Textbelege dazu, eine angenommene Beziehung zu beweisen – gilt selbiges doch auch für das Serapeum. Denn keinesfalls fehlen Inschriften, die die dortige Bestattung von Apis-Stieren belegen. Vielmehr existierte zu jeder einzelnen solchen Bestattung eine der sogenannten „Apisstelen“, die Lebensdaten und Einzelheiten der Bestattung enthalten. So berichtet etwa eine jener Stelen folgendes:

„Im Jahre 23 am 15. Tag des 1. Monat zur Zeit der Majestät des Königs von Ober- und Unterägypten Amasis, der ewiglich mit Leben beschenkt sei, zog der Gott in Frieden zum schönen Westen [= ins Jenseits]. Man ließ ihn ruhen in seinem Grab in der Nekropole an dem Ort, den seine Majestät für ihn bereitet hatte. Niemals war dergleichen gemacht worden seit Anbeginn. Man vollzog an ihm alle Zeremonien in der Reinigungsstätte, da sich seine Majestät erinnerte, wie man es Horus für seinen Vater Osiris getan hatte. Man machte ihm einen großen Sarkophag aus Granit und seine Majestät fand es gut, ihn aus kostbarerem Stein herstellen zu lassen als irgendein König zu irgendeiner Zeit. Man machte ihm ein Grabgewand aus geheimem Stoff der heiligen Stätten von Sais, um ihm Schutz zu verleihen. Sein Schmuck war aus Gold und allerlei herrlichen Edelsteinen, schöner als man es je gemacht hatte. Denn seine Majestät liebte den Apis mehr als jeder [andere] König. Die Majestät dieses Gottes stieg auf zum Himmel im 23. Jahr, am 6. Tag des 7. Monats. Geboren wurde er im 5. Jahr, am 7. Tag des 1. Monats, inthronisiert am 18. des 10. Monats. Die Lebenszeit dieses Gottes umfasste 18 Jahre und 6 Monate. Gemacht hat dies [König] Amasis, damit er ewiglich Leben und Macht habe.“ [13]    

Für die Ägyptologen sind diese Stelen eine Goldgrube, von größerem wissenschaftlichem Wert noch als die Sarkophage – bieten sie doch anhand der genauen Lebensdaten eine durchgehende, mit den Regierungszeiten der Pharaonen synchronisierte Chronologie über mehrere Jahrhunderte. Da nämlich die alten Ägypter keinen absoluten Fixpunkt ihrer Zeitrechnung (wie etwa unser vor/nach Christus) kannten, sondern nach Regierungsjahren des jeweiligen Pharaos rechneten, ist mitunter nicht genau bekannt, wie lange ein Herrscher genau regierte – kennt man jedoch sowohl das Datum von Geburt und Tod eines Apis-Stieres, der über einen Herrscherwechsel gelebt hat, als auch seine genaue Lebensdauer, so vermag man daraus die Herrschaftsdauer des Pharaos zu errechnen. Dies jedoch nur am Rande. Wichtig für die zentrale Diskussion sind vielmehr folgende Erkenntnisse aus den Apisstelen:

  • In den (Granit)Sarkophagen wurden tatsächlich Apis-Stiere beigesetzt. Wie um jeden Zweifel auszuräumen, ist auf manchen Stelen zudem ein entsprechender Stier abgebildet. [14]
  • Man brachte den verstorbenen Stieren noch immer gewaltigen Respekt entgegen – der Pharao Amasis brüstete sich sogar mit seiner Liebe zu dem verstorbenen Apis und tat alles, um diesen auch nach seinem Tod zu schützen.

An Belegen, dass anders als in den Darstellungen von Langbein und Hausdorf tatsächlich Apis-Stiere im Serapeum bestattet wurden, bleiben also: Um die 500 [15] Apisstelen mit eindeutigem Inhalt und bildlichen Darstellungen (die obige nur ein exemplarisches Beispiel), der Kopf eines Apis in einem der Holzsärge, Funde mehrerer Mumifizierungstische für Stiere in Memphis [16], der die Mumifizierung beschreibende Apis-Papyrus [17] sowie die einschlägigen Aussagen der griechischen Historiker wie Strabon und Diodor. Auch von Dänikens Theorie, man habe die Wiederkehr der Stiere aus Furcht verhindern wollen, passt schwerlich zu den so liebevollen Worten auf den Apisstelen. Es bleibt also letztlich kein Beleg übrig für Annahmen bezüglich gefürchteter Riesen, Mischwesen oder missverstandener Genstier-Nachkommen. Für eine besondere Abstammung der Apis-Stiere spricht letztlich nicht mehr als für die zugeschriebene Göttlichkeit so zahlreicher Menschen in der Weltgeschichte. Doch dies erklärt noch immer nicht die rätselhaften Bestattungen. Anders als die darauf aufbauenden Theorien lösen sich diese nicht einfach bei näherer Untersuchung in Luft auf.

Tatsächlich sind teils radikale Methoden, um Tote an der Wiederkehr zu hindern, historisch nur allzu gut belegt, wenn auch nicht aus Ägypten. Im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa entstand über die Jahrhunderte eine ganze Wissenschaft der Wiedergänger-Prävention: Neben der populären Pfählung durchs Herz und der Enthauptung waren auch Brechen oder Zusammenbinden der Beine, das Blockieren des Mundes mit einem Backstein oder anderen Objekten, die Beigabe heiliger oder sonst wie wirksam gedachter Gegenstände bis hin zu einer schlichten Bestattung in Bauchlage weit verbreitet – ein Katalog, der sich noch lange fortsetzen ließe. [18] Keinerlei Belege für derartige Praktiken, geschweige denn übelbringende Wiedergänger als solche, gibt es indessen aus dem alten Ägypten (tatsächlich sind zu unserer großen Enttäuschung nicht einmal Geschichten über lebende Mumien überliefert). Derartige Praktiken widersprächen dem ägyptischen Bestattungsritual in fundamentaler Weise – obgleich sich dies freilich ebenso für die christlich geprägten Verbreitungsgebiete des europäischen Wiedergängerglaubens sagen ließe.

Doch zumindest in Bezug auf die Bitumenmasse in den Särgen aus dem Serapeum ist eine derartige Erklärung womöglich gar nicht notwendig. Bitumen (Asphalt) fand nämlich tatsächlich auch in der Mumifizierung Anwendung, ebenso wie die in den Särgen vorgefundenen goldenen Amulette, die traditionell zwischen die Lagen der Mumienbandagen gelegt wurden. Auch fand sich auf einem der unförmigen Haufen bekanntlich zumindest der mumifizierte Kopf eines Apis. Ist es also denkbar, dass man es hier schlichtweg mit aus unerfindlichen Gründen zerfallenen Mumien zu tun hat? Die nähere Untersuchung dieser These fiele wahrscheinlich eher in das Fachgebiet der Forensiker. Doch was ist mit den zerbrochenen Knochen? Geschah dies, wie Mariette annahm, tatsächlich schon bei bzw. vor der Beisetzung? Eine Zerstörung durch Grabräuber dürfte eher auszuschließen sein, da die fraglichen Särge als unberaubt gelten, zumal sich darin nach wie vor goldene Schmuckstücke fanden. Und was ist mit den ominösen Pseudo-Mumien, bei denen man ein stierförmiges Paket um einen ungeordneten Haufen verschiedenster Knochen wickelte?

Zwar sind die Aussagen in der Sekundärliteratur dazu oft schwammig, doch in der Tat fanden sich mehrere Stiermumien etwa im Bucheum, bei denen offenkundig nur die bloßen Knochen eingewickelt worden sind. [19] Diese Praxis fand auch bei anderen mumifizierten Tieren Anwendung, wobei auch mitunter (wie schon bei von Däniken angemerkt) Teile verschiedener Tiere vereinigt wurden. [20] Anders als bei von Däniken & Co. behauptet fand man jedoch auch vollständige Stiermumien, unter anderem im Bucheum. Wie man an diesen Mumien feststellen konnte, wurden dem toten Stier die Sehnen der Hinterbeine durchschnitten, um ihn ohne Knochenbrüche in eine sphinxartige Stellung zu bringen. [21] Es sind also – gerade, aber nicht nur bei den Stieren – beide Methoden, komplette und teilweise Mumifizierung, sicher bezeugt. Doch wieso dieses absonderliche Verfahren?

Es ist desbezüglich eine weitere Theorie vorgebracht worden [22]: Dass nämlich die heiligen Stiere nach ihrem Tod – mutmaßlich vom König – rituell verspeist wurden. Dies könnte nicht nur die zerbrochenen, nicht mehr im anatomischen Verband vorgefundenen Knochen erklären, sondern auch, weshalb sich aus früherer Zeit nicht eine Stiermumie oder auch nur ein entsprechendes Grabmal gefunden hat – die erste Bestattung im Serapeum stammt aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., obwohl der Apis-Kult zu diesem Zeitpunkt bereits über tausend Jahre existierte. Diese Idee, den auf Erden manifestierten Gott zu essen, anstatt ihn durch Mumifizierung vollständig zu konservieren, klingt zunächst einmal blasphemisch. Doch tatsächlich ist die Theophagie, also das Verspeisen eines Gottes, zumeist in symbolischer Form, ein kulturhistorisch nur allzu bekanntes Phänomen. Bei den Hethitern beispielsweise war es üblich, Götter aus Gebäck zu formen und durch die Mahlzeit symbolisch in sich aufzunehmen. [23]

So fern derartige Praktiken dem heutigen Menschen auch anmuten mögen – was ist die Eucharistie im Christentum anderes als das rituelle Verspeisen eines Gottes? Der brave Katholik, der zur Messe die Hostie entgegennimmt und den Wein als Blut Christi trinkt, kommt sich dabei wohl kaum als frevlerischer Gotteslästerer vor, der sich an seinem Herrn versündigt. Doch lassen sich derartige Vorstellungen auch für Ägypten fassen? Die Antwort ist eindeutig ja.

Unter den Pyramidentexten in der Pyramide des Pharaos Unas (reg. etwa 2380 bis 2350 v. Chr.) findet sich in den Kapiteln 273 und 274, was den Paragraphen 393 bis 414 entspricht, ein verstörender Abschnitt, der vor allem als „Kannibalenhymne“ [24] bekannt ist. Dieser auch weniger spektakulär als „Theophagie des Wanjash“ [25] bezeichnete Text beschreibt die Apotheose des verstorbenen Königs Unas, im Laufe derer er Menschen und schließlich auch Götter in Form eines großen Mahls verzehrt:

33 Wanjash ist einer, der Menschen frisst

34 und von den Göttern lebt,

[…]

47 Wanjash ist es, der ihre Zauberkraft frißt und ihre Geistesmacht verschlingt.

48 die Großen unter ihnen sind für sein Frühstück,

49 die Mittleren unter ihnen sind für sein Abendessen,

50 die Kleinen unter ihnen sind für sein Nachtmahl,

51 und die Greise und Greisinnen unter ihnen dienen ihm zur Feuerung.

[…]

72 Wanjash ist aufs neue erschienen im Himmel

73 und ist gekrönt zum Herrn des Horizonts.

74 Er hat die Kreuzwirbel zerbröselt,

75 hat den Göttern die Herzen herausgerissen,

76 hat das Rote gefressen,

77 hat das Rohe verschlungen.

78 Wanjash zehrt von den Lungen der Weisen und befriedigt sich damit,

79 von ihren Herzen und Zauberkräften zu leben. [26]

Auf diese martialische Weise gelangt König Unas zur höchsten Machtvollkommenheit. Auch aus späterer Zeit sind mehrere vollständige sowie partielle und fragmentarische Fassungen der „Kannibalenhymne“ überliefert, so unter anderem in den Pyramidentexten von Unas‘ Nachfolger Taataj und vier Jahrhunderte später in der Grabkammer des Priesters Senwaślat-dánghew. [27] Obgleich der Text als solcher außergewöhnlich ist, so zeigt dies, dass das darin zum Ausdruck gebrachte Gedankengut über Jahrhunderte hinweg rezipiert worden ist.

Erinnern wir uns zudem, dass der Apis-Kult ursprünglich Teil des Königsrituals war, so scheint es zunehmend glaubwürdiger, im Falle der heiligen Stiere zumindest über solch eine Verbindung zu spekulieren. In diesem Falle wäre wahrscheinlich davon auszugehen, dass dieser Brauch der Theophagie schließlich – vielleicht schon im Neuen Reich, vielleicht auch erst in der Spätzeit – ausstarb und einer „gewöhnlichen“ Mumifizierung der Stiere wich. Aus dem sogenannten Apis-Papyrus nämlich wissen wir zweifelsfrei, dass Apis-Stiere mumifiziert wurden – doch stammt dieser aus der späteren Zeit des Amasis, als bereits Steinsarkophage eingeführt wurden und uns keine sterblichen Überreste der Stiere mehr vorliegen. [28] Bislang ist der endgültige Beweis für diese Theorie allerdings ausgeblieben, sodass wir weiterhin keine endgültigen Aussagen zum Grund für die seltsamen Bestattungsbräuche treffen können.

Allenfalls noch von Interesse könnte eine Stelle im Geschichtswerk des Diodor sein, der im 1. Buch seiner Historischen Bibliothek ein erstaunliches Detail des Osiris-Mythos berichtet:

„Als Ursache für die Verehrung dieses Bullen führen einige an, nach dem Tode sei die Seele des Osiris in ihn übergegangen und wandere daher bis auf den heutigen Tag stets wieder in dessen Nachfolger hinüber, sobald dieser öffentlich gezeigt werde. Nach anderen sammelte Isis, als Osiris durch Typhon [=Seth] ermordet worden war, seine Glieder und legte sie in ein hölzernes Rind, das mit Byssos [Muschelseide] umhüllt war.“ [29]

Auch wenn wir uns an oben zitierte Apisstele erinnern, so besteht kein Zweifel mehr daran, dass eine Verbindung zwischen dem Osiris-Mythos und dem Begräbnis der Apis-Stiere bestand (wie genau genommen überhaupt zwischen Osiris und dem Mumifizierungsritual per se); auch wurde der Apis zunehmend mit Osiris identifiziert. Ist es also möglich, dass man mit den Bestattungen dieser zusammengesetzten Pseudo-Mumien in noch extremerer Form das Schicksal des Osiris nachvollzog, der schließlich auch zerstückelt worden war? Und könnte die Erwähnung des hölzernen Rindes, das als Umhüllung der Osiris-Mumie dient, einen Zusammenhang mit den ägyptischen Stierkulten und ihren Bestattungsritualen nahelegen? Möglich, vielleicht, wir wissen es nicht. Es sei zudem davor gewarnt, Diodor oder auch andere griechisch-römische Geschichtsschreiber als allzu zuverlässige Quellen über die ägyptische Kultur heranzuziehen. Zweifellos enthält das Werk Diodors viele Informationen von Wert, doch bleibt es auch ein Faktum, dass dieser wie die meisten seiner Handwerksgenossen vieles von bloßem Hörensagen oder aus einschlägigen Überlieferungen rezipierte und darüber hinaus keinesfalls frei war von persönlichen Urteilen und Voreingenommenheit. Dementsprechend müssen derartige Aussagen, freilich ohne sie kategorisch zu verwerfen, kritisch betrachtet werden. Viel mehr als interessante, potenziell nützliche Denkansätze vermag oben genannte Stelle also leider nicht zu liefern, solange keine ägyptischen Quellen dies untermauern.

Es bleibt folglich vorerst ein Rätsel, was die Ägypter mit Pseudo-Mumien und Bitumenbrei bezweckten. Allem Anschein nach haben die heiligen Stiere ihr Geheimnis mit ins Grab genommen. Bei der ominösen Bitumenmasse in den alten Holzsarkophagen des Serapeums handelte es sich möglicherweise schlichtweg um zerfallene Mumien von Apis-Stieren, vielleicht auch um die Überreste eines rituellen Mahles.

Doch zweierlei lässt sich in Anbetracht der archäologischen und textlichen Befunde doch recht eindeutig sagen: 1) wurden im Serapeum tatsächlich die heiligen Apis-Stiere von Memphis bestattet und 2) gibt es keinen sinnvollen Grund anzunehmen, diese seien tatsächlich mehr gewesen als Stiere mit einer Reihe besonderer Merkmale. Auch wenn mir Millionen von Ägyptern da zweifellos widersprechen würden.


Anmerkungen

[1] Deuel (Hrsg.) 1974, 30.

[2] Ein Talent entsprach in der klassischen Antike etwa dem Gegenwert eines Schiffes.

[3] Mariette 1882, 116.

[4] Mariette 1882, 63. Deutsche Übersetzung nach Google-Übersetzer.

[5] Mariette 1882, 67. Deutsche Übersetzung nach Google-Übersetzer.

[6] Von Däniken 1989, 60-90.

[7] Langbein 2006, 147-151.

[8] Langbein 2006, 150.

[9] Deuel (Hrsg.) 1974, 30.

[10] Ebd.

[11] Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=fJlb5Cq0MZY

[12] Langbein 1996, 45.

[13] Winter 1978, 28.

[14] Winter 1978, 21.

[15] Deuel (Hrsg.) 1974, 30.

[16] Winter 1978, 17.

[17] Mond / Myers 1934, 18-19.

[18] Zur Vielzahl der Methoden siehe etwa Heitz, Markus: Vampire! Vampire! Alles über Blutsauger. München: Piper 2008; zur europäischen Verbreitung des Wiedergängerglaubens und den archäologischen Zeugnissen dafür Franz, Angelika, Nösler, Daniel: Geköpft und Gepfählt. Archäologen auf der Jagd nach den Untoten. Darmstadt: Theiss 2016.

[19] Ikram 2005, 24.

[20] Goedicke 1986, 581.

[21] Ikram 2005, 23.

[22] u.a. in Ikram 2005, 24 sowie Mond / Myers 1934, 5-7.

[23] Haas 1982, 21.

[24] Englische Übersetzung unter http://www.pyramidtextsonline.com/translation.html#anteeastg

[25] Wanjash = Unas

[26] Kammerzell 2005, 107-108.

[27] Kammerzell 2005, 102.

[28] Mond / Myers 1934, 6.

[29] Diod. 1, 85, 4-5.



Literatur

Bücher

Diodoros, Griechische Weltgeschichte. Buch 1-10, Teil 1 (Buch 1-3), übersetzt v. G. WIRTH, eingeleitet u. kommentiert v. TH. NOTHERS, Stuttgart: Anton Hiersemann Verlag 1992

Mond, Robert, Myers, Oliver H.: The Bucheum, Vol. I. London: Oxford University Press 1934

Winter, Erich 1978: Der Apiskult im Alten Ägypten. Mainz: Novo Industrie 1978

Däniken, Erich von: Die Augen der Sphinx. Neue Fragen an das alte Land am Nil. München: C. Bertelsmann 1989

Deuel, Leo. (Hrsg.): Das Abenteuer Archäologie. Berühmte Ausgrabungsberichte aus dem Nahen Osten. New York: C. H. Beck 1974

Goedicke, Hans: Tierkult, in: Lexikon der Ägyptologie. Band VI. Wiesbaden: Harrassowitz 1986

Haas, Volkert: Hethitische Berggötter und hurritische Steindämonen. Riten, Kulte und Mythen. Mainz am Rhein: Philipp von Zabern 1982

Hausdorf, Hartwig: Götterbotschaft in den Genen. Wie wir wurden, wer wir sind. München: F. A. Herbig 2012

Ikram, Salima: Divine Creatures. Animal Mummies in Ancient Egypt. Kairo/New York: The American University in Cairo Press 2005

Kammerzell, Frank: Die Theophagie des Wanjash: der König frißt Götter und Menschen, in: Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Ergänzungslieferung. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2001

Langbein, Walter-Jörg: Bevor die Sintflut kam. Von Götterbergen und Geisterstädten, von Zyklopenmauern, Monstern und Sauriern. München: Albert Langen / Georg Müller Verlag 1996

Langbein, Walter-Jörg: Zombies, Werwölfe und Vampire, in: Habeck, Reinhard (Hrsg.): Kreaturen der Nacht. Die Welt jenseits unserer Sinne. München: tosa 2006

Mariette, Auguste: Le Sérapeum de Memphis. Paris: Libraire-Éditeur 1882
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/mariette1882bd1?sid

Mariette, Auguste: Le Sérapéum de Memphis. Paris: Libraire-Éditeur 1857

Internet

Pyramid Texts Online: Die Kannibalenhymne auf Englisch
URL: http://www.pyramidtextsonline.com/translation.html#anteeastg

Youtube. Erich von Däniken über das Serapeum von Sakkara.
URL: https://www.youtube.com/watch?v=fJlb5Cq0MZY