Die Steinreihen von Carnac in der französischen Bretagne, Stonehenge in Südengland und die „Hünengräber“ Nordeuropas sind romantisierte Sinnbilder der europäischen Jungsteinzeit, die bis heute Menschen durch ihre geheimnisvolle Aura in ihren Bann zu ziehen vermögen.

Bis heute rätseln wir in weiten Teilen darüber, welche sakralen Vorstellungen hinter der Errichtung dieser archaischen Bauwerke steckten. Für unsere Vorfahren müssen die Anlässe von großer Bedeutung gewesen sein, schließlich wagten sie zur Errichtung der Megalithdenkmäler einen gewaltigen Kraftakt, indem sie zum Teil dutzende Tonnen schwere Steine aus ebenso zum Teil großen Entfernungen heranschleppten und übereinander türmten. Noch im Mittelalter fiel es den Menschen schwer sich vorzustellen, wie eine derartige Leistung zu bewältigen sein könnte und so nahm man an, die steinzeitlichen Bauwerke seien das Werk von Riesen gewesen. Für den modernen Menschen erscheinen die Beweggründe und kultischen Ideen hinter ihnen ebenso mysteriös und fremd.

Umso faszinierender ist, dass zumindest das Material aus dem diese Bauwerke bestehen immer wieder aufs Neue Verwendung zum Bau „heiliger“ Bauwerke fand und das von der Jungsteinzeit an bis in die moderne Zeit, ebenso wie die sakrale Nutzung der Bauwerke selbst zum Teil bis in moderne Zeiten reicht. Anhand von einigen Beispielen soll diese Thematik hier näher dargestellt und durch die Zeit verfolgt werden. Ausgenommen sind profane Verwendungen. Denn immer wieder wurden megalithische Bauwerke auch als einfache Steinbrüche verwendet oder wie Beispiele bei den großen Ganggräbern der Bretagne zeigen, gar zu Ziegenställen umfunktioniert. Bedauerlicher Weise sind uns so wohl auch einige wahrlich beeindruckende Großsteingräber verloren gegangen. So spricht, um ein Beispiel anzuführen, der norddeutsche Pastor Domeier von einem gigantischen Dolmen, der leider zerstört wurde:

„Der gewesene Opferaltar auf der Bergfelder Feldmark war im Holze (Hain) dieser Dorfschaft. Er ruhte auf Zwölf anderen drei Ellen hohen Steinen. Oben war er wie geschliffen oder behauen, und seine Größe war so ansehnlich, dass ein Kührwagen mit zwei Pferden darauf Platz gehabt hätten. Seine Form stellte ein längliches Quadrat vor. Unstrittig war dieser aber auch ein Opferaltar. In den Jahren 1781 und 82 wurde leider! diese Seltenheit mit Pulver zersprengt.“ [1]

So tragisch derartige Fälle sind, die Nutzung in einem kultischen Sinne soll hier im Weiteren im Vordergrund stehen.

Neunutzung bretonischer Menhire noch im Neolithikum

Mit der Errichtung des mehr als 70 Meter langen und an eine Stufenpyramide erinnernden Cains von Bernanez als ältestes bekanntes Bauwerk dieser Art in der nördlichen Bretagne, begann um 4700 v. Chr. die europäische Megalith-Epoche. Früh schon wurden die gewaltigen Menhirkolonnen, die Alignements errichtet. Aufrechte Steinpfeiler wurden in Reihen angeordnet, die in ihren extremen Ausprägungen in dem Ort Carnac mit den Steinreihen von Menec, Kermario und Kerlescan eine Gesamtausdehnung von fast 4 Kilometern erreichen.

Und auch wenn wir uns aus der direkten Umgebung von Carnac weg bewegen, hin zum Golf von Morbihan, dem „kleinen Meer“, das aus dem Atlantik gespeist wird, will dieser Gigantismus nicht enden.

Am Rande des Fischerortes Locmariaquer finden sich gleich mehrere solche Denkmäler dicht beieinander. Auf einem gemeinsamen Gelände finden sich hier der Tumulus von Er Grah, der Le grand menhir brisé und der Table des Marchand.

Der Le grand menhir, der große Menhir, ist der größte Menhir der je errichtet wurde. Aufgestellt wurde er um 4200 v. Chr. Mit ehemals insgesamt 20,60 Meter Höhe und einem Gewicht von satten 350 Tonnen [2] liegt er heute in vier Stücke zerbrochen am Boden. Wie es dazu kam, ist seit langem Gegenstand verschiedener Spekulationen. Blitzschlag oder ein Erdbeben wurden angenommen. Kremer glaubte gar, der Menhir bestünde von Beginn an aus diesen vier Einzelstücken, die übereinander getürmt worden. Zu erkennen glaubte er das anhand vermeintlich geglätteter Bruchkanten. [3] Briard weist auf den Umstand hin, dass das Kopfstück verdreht liegt, was ungewöhnlich sei, wenn der Menhir durch natürliche Ursachen umgestürzt wäre. [4]

Der in vier Stücke zerbrochene Grand Menhir, der größte je errichtete Menhir
Abbildung Nr. 1: Der in vier Stücke zerbrochene Grand Menhir, der größte je errichtete Menhir (Foto: André Kramer)

Wir werden auf diese Fragestellung noch zurückkommen, doch muss zuvor der Table des Marchand in den Mittelpunkt rücken. Bei diesem Handelt es sich um ein Ganggrab von 10,40 Meter Länge, aus der Zeit um 3900 v. Chr. bis 3700 v. Chr., bestehend aus gewaltigen Steinplatten (bis zu 40 Tonnen Gewicht) und umgeben von einem Hügel aus Trockenmauerwerk und Rollsteinen, der jedoch eine Rekonstruktion durch die Archäologen ist.

Spektakulär an diesem sind Ritzzeichnungen an den Seitenwänden und der großen Deckplatte. Der tragende Orthostat ist mit einer Reine von Krummstäben verziert, während der Deckstein eine Hacke zeigt.

Vor dem Eingang des Table des Marchand
Abbildung Nr. 2: Vor dem Eingang des Table des Marchand (Foto: André Kramer)
Krummstäbe auf dem abschließenden Tragstein des Table des Marchand
Abbildung Nr. 3: Krummstäbe auf dem abschließenden Tragstein des Table des Marchand (Foto: André Kramer)
An der Unterseite des gewaltigen Decksteins angebrachte Hackenritzung
Abbildung Nr. 4: An der Unterseite des gewaltigen Decksteins angebrachte Hackenritzung (Foto: André Kramer)

Diese Darstellung einer Hacke oder eines Beils auf dem Deckstein ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Puzzleteil zur Lösung des Rätsels um den Grand Menhir. Um das Puzzle aber weiter zu vervollständigen, müssen wir uns auf die wenige Kilometer von Locmariaquer entfernt im Golf von Morbihan gelegene, kleine Insel Gavrinis (die Ziegeninsel) begeben. Auf dieser, ehemals Sitz des Templerordens, befindet sich ein Ganggrab mit rechteckiger Kammer und einem 11,80 Meter langem Gang. [5] Die Besonderheit dieser Anlage zeigt sich in den 23 gravierten Platten, die mit Bögen und Keilen verziert sind. Erich von Däniken glaubte hier mathematische Botschaften zu erkennen und multiplizierte, dividierte, addierte und subtrahierte munter verschiedenste mathematische Bezüge zusammen, glaubte gar, ägyptische Zahlensysteme zu erkennen. [6]

Doch bei derartigen Zahlenspielen, die nur allzu gern auf megalithische Kompositionen angewendet werden, sollte man stets skeptisch bleiben. Die richtigen Zahlen zueinander in Bezug gesetzt, ergeben immer irgendetwas. Und Giot führt weiter aus: „Es ist nur allzu leicht, mit Annäherungswerten scheinbare Übereinstimmungen zu finden, die nichts beweisen.“ [7]

Die wahre Sensation ergab sich erst durch Grabungen 1980. Hier entdeckte man nämlich Gravuren an den Außenwänden. Zu sehen ist u. A. Die Teilgravur von Horntier und Pflug. Und diese Teilgravur passt ergänzend zu derjenigen auf dem Deckstein vom Table de Marchand. Ursprünglich gehörten diese Decksteine, zusammen mit einem Dritten, der die Gravur komplettiert, zu einem rund 14 Meter hohen Menhir, der jedoch zerschlagen und dessen Bruchstücke in den Ganggräbern verbaut wurden. [8]

Das "Königsgrab" von Gavrinis
Abbildung Nr. 5: Das „Königsgrab“ von Gavrinis (Foto: André Kramer)
Rekonstruktion des Menhirs anhand eines Modells, dessen Bruchstücke in verschiedenen Ganggräbern in der Bretagne verbaut wurden
Abbildung Nr. 6: Rekonstruktion des Menhirs anhand eines Modells, dessen Bruchstücke in verschiedenen Ganggräbern in der Bretagne verbaut wurden (Grafik: André Kramer)

Und damit schlagen wir einen Bogen zum Grand Menhir, der zerbrochen am Boden am Rand von Locmariaquer liegt und sein Geheimnis bis in die jüngste Vergangenheit nicht preisgab.

Offenbar kam es zu religiösen Umbrüchen. Die alten Menhire wurden zum Teil umgestürzt, in Teile zerbrochen und für die Errichtung der späteren Ganggräber verwendet. Der Grand Menhir ist also lediglich das einzige sichtbare Zeichen dieses wortwörtlichen Umbruchs. Keine Naturkatastrophen waren es, die ihn zu Fall brachten, sondern die Menschen selbst. Möglicherweise wurden seine Einzelteile deshalb nicht weiter verwendet, weil sein rundlicher Querschnitt sich zur weiteren Verwendung als Decksteine nicht geeignet erwies. [9]

Das Erbe der Megalithen in der Bronzezeit und die Schalensteine

Mit dem Neolithikum endete auch in weiten Teilen die klassische Megalith-Epoche. Aus gewaltigen Dolmen wurden kleinere Steinkistengräber und Einzelbestattungen. Der Wunsch, Höhlen für die Ewigkeit zu schaffen, ging zurück. Trotzdem kam es immer wieder zu Nachbestattungen in alten Megalithgräbern. Und manchmal wurden über den alten Hügelgräbern noch neue Hügel aufgeschüttet. In diesen zusätzlich verborgen, oft Baumsargbestattungen.

Doch ein weiteres Phänomen scheint davon zu zeugen, dass die magische Kraft, die man den alten Gräbern zusprach, im Glauben der Menschen noch nicht erloschen war. Von dem Phänomen der Schalensteine ist die Rede.

Unter Schalensteinen versteht man solche, bei denen kleine Vertiefungen offensichtlich künstlich in Naturstein eingetieft wurden. Oft findet man derartige Schälchen auf den Decksteinen von Megalithgräbern und ihre genaue Funktion ist bis heute unbekannt. Möglicherweise wurde in ihnen Flüssigkeit von Opfern, vielleicht sogar Blut oder warme Butter aufgefangen. [10] Im Fall des hier noch zu beschreibenden Schalensteins von Bunsoh wurde von einem Vermessungsingenieur gar die These vertreten, es handele sich um eine Flur- und Sternenkarte. [11] Möglicherweise ging es jedoch auch weniger um die Schalengruben selbst, sondern dem bei ihrer Herstellung entstehenden Gesteinsmehl galt das Interesse. Denn noch vom Mittelalter bis hinein in die Neuzeit wurde Gesteinsmehl aus Schalensteinen heraus gekratzt und fand Verwendung als Medizin und sollte gegen Unfruchtbarkeit helfen. [12] Hier haben wir es zudem nicht nur mit einer weiteren späteren Nutzung von Megalithbauwerken zu tun, sondern obendrein eine weitere Verbindung mit Fruchtbarkeitsriten. Ein Aspekt auf den wir an anderer Stelle noch zurückkommen werden.

Schalengruben finden wir auch als einzelne Steinsetzungen und sie stammen größtenteils wohl aus der Bronzezeit. In den Museen Nordeuropas lassen sich schöne Exemplare besichtigen, wie etwa folgendes Beispiel aus Dänemark.

Bronzezeitlicher Schalenstein aus dem Silkeburg-Museum in Dänemark
Abbildung Nr. 7: Bronzezeitlicher Schalenstein aus dem Silkeburg-Museum in Dänemark (Foto: André Kramer)

Angenommen wird allerdings, dass es zur frühesten Anbringung von Schälchen im mittleren und späten Neolithikum kam und dass dieser Brauch sich dann gemeinsam mit der Bronze verbreitete. [13]

Der wohl beeindruckendste Schalenstein Deutschland ist Bestandteil eines Ganggrabes aus der Hochzeit der Megalithkultur. Im Schleswig-Holsteinischen Bunsoh befindet sich dieser als einer von drei Stecksteinen, versehen mit hunderten von Schalengruben und sinnbildlichen Darstellungen von Händen, Füßen und einem Radkreuz. Die Deutung dieser Symbole erscheint uns heute tatsächlich unmöglich.

Das Ganggrab von Bunsoh mit seinem Schalenstein
Abbildung Nr. 8: Das Ganggrab von Bunsoh mit seinem Schalenstein (Foto: André Kramer)

Ehemals war das Ganggrab von Bunsoh von zwei Hügeln bedeckt, einem ursprünglichen, sowie einem späteren, in dem sich eine solch, oben beschriebene Baumsargbestattung befand. Durch Wind und Wetter verursachte Erosion lässt die Schälchen und sinnbildlichen Darstellungen zunehmend verwittern. Die tatsächliche Menge an Schälchen auf dem Stein lässt sich heute nur noch schätzen.

Glücklicherweise wurden jedoch bereits vor Jahrzehnten Abgüsse des Steins angefertigt, so dass er uns in seinem früheren Zustand erhalten bleibt und auch bzgl. seiner symbolischen Bedeutung erforschbar ist.

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Teile der Schälchen und Sinnbilddarstellungen von Bunsoh mit Kreise nachgezeichnet und Abguss des kompletten Decksteins im Schleswig-Holsteinische Landesmuseum in Schleswig
Abbildung Nr. 9 und 10: Teile der Schälchen und Sinnbilddarstellungen von Bunsoh mit Kreise nachgezeichnet und Abguss des kompletten Decksteins im Schleswig-Holsteinische Landesmuseum in Schleswig (Fotos: André Kramer)

Wenn diese Schälchen aber auf dem Deckstein eines Ganggrabes zu finden sind und dieser ehemals von einem Erdhügel umgeben war, so könnte man sich fragen, wie und wieso denn die Schälchen erst in der Bronzezeit angebracht worden sein sollen. Einen tatsächlichen Nutzen kann man schließlich, so der erste Gedanke, davon auch nicht gehabt haben, wenn Erde darüber lag. Tatsächlich aber scheinen die Decksteine einstmals zum Teil frei gelegen haben, wie ein in Albersdorf wiedererrichteter Dolmen aus Frestedt schön illustriert. [14]

Ein solch freiliegender Deckstein hätte es den Menschen der Bronzezeit dann auch ermöglicht, die Schälchen und Sinnbilder an ihm anzubringen, sowie weiter zu nutzen. Möglicherweise waren die Dolmen also auch in viel späterer Zeit noch Orte des Kults und der Versammlung.

In Albersdorf wiedererrichteter Dolmen von Frestedt mit zum Teil freiliegendem Deckstein
Abbildung Nr. 11: In Albersdorf wiedererrichteter Dolmen von Frestedt mit zum Teil freiliegendem Deckstein (Foto: André Kramer)

Selbst schon in der Bronzezeit, so scheint es, übten die Großsteinbauten ihrer Vorfahren eine große Faszination auf die Menschen aus und so kam es zur sakralen Weiter- und Neunutzung der Anlagen.

Welchem Zweck die Schälchen jetzt tatsächlich dienten, das muss weiterhin rätselhaft bleiben.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Schalensteine kein europäische Phänomen sind. Ebenso wenig wie die Errichtung megalithischer Bauwerke. Und so nimmt es nicht Wunder, dass wir sogar auf den gewaltigen Blöcken des mit 12000 Jahren wohl ältesten Megalithtempels der Welt am Göbekli Tepe in der heutigen Türkei auch Schalengruben finden. [15] Noch größere Parallelen zeigen die Megalithgräber Südindiens. Wenngleich sie sich von den europäischen Vorbildern aus dem Neolithikum kaum unterscheiden lassen, werden sie auf das zweite und erste vorchristliche Jahrhundert datiert. Und auch diese Dolmen weisen an ihren Decksteinen oftmals Schälchen auf. [16]

Ales stenar – wikingerzeitliches Steindenkmal mit neolithischen Wurzeln

Als Stonehenge Schwedens wird Ales stenar beworben. Skandinaviens größte Schiffssetzung ist definitiv ein Hingucker und sorgt für Touristenströme. Schiffssetzungen aus aufgerichteten Findlingen sind in Schweden alles andere als eine Seltenheit. Wen man durch die Lande fährt, stößt man immer wieder auf derartige Steinsetzungen, dessen älteste Exemplare bis in die jüngere Bronzezeit zurückreichen. [17]

Die meisten Schiffssetzungen haben eine Länge von wenigen Metern und bestehen aus relativ kleinen Findlingen, wie folgendes Beispiel des Gräberfeldes von Hjortsberga in Schweden veranschaulichen soll.

Schiffssetzung im Gräberfeld von Hjortsberga in Schweden
Abbildung Nr. 12: Schiffssetzung im Gräberfeld von Hjortsberga in Schweden (Foto: André Kramer)

Schiffssetzungen sind in ihrer Form einem Boot nachempfunden und in ihnen finden sich in der Regel Brand- oder Urnenbestattungen. Möglicherweise symbolisieren sie die Begräbnisse seefahrender Helden.

Ales stenar nimmt sich von den üblichen Schiffssetzungen erheblich aus.

Bei Kâseberga auf einem Hügel an der Küste der Ostsee gelegen, thront diese beeindruckende Schiffssetzung mit einer Länge von 67 Metern und einer Breite von knapp 20 Metern. Die Steinsetzung besteht aus 58 Findlingen, von denen die beiden Stevensteine eine Höhe von 2,50 und 3,30 Metern erreichen.

Ales stenar in Schweden
Abbildung Nr. 13 und 14: Ales stenar in Schweden (Fotos: André Kramer)

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Die Steine der spät-eisenzeitlichen Anlage erscheinen verschiedener Herkunft und besonders spannend ist, dass ein Teil der zur Errichtung nötigen Findlinge einigen viel früher errichteten megalithischen Monumenten entnommen worden ist. [18]

Offen muss natürlich die Frage bleiben, ob dies nur an profanen Gründen lag, da man schlicht das Baumaterial benötigte oder ob auch kultische Gründe eine Rolle bei der Verwendung spielten. Gegen rein profane Gründe scheint zu sprechen, dass man keinen Aufwand scheute, andere Steine der Anlage aus viele Kilometer entfernten Steinbrüchen herbeizuschaffen. [19] Möglicherweise sprach man dem ehemaligen Baumaterial der Megalithgräber ja eine magische Wirkung zu.

Christliche Menhire und in Kirchen verbaute Schalensteine

Der Grabstein christlicher Tradition hat augenscheinliche Ähnlichkeit mit prähistorischen Steinsetzungen, die zum Teil vermutlich ähnlichen Zwecken dienten. Spannend wird es dann, wenn ebensolche prähistorischen Steinsetzungen versehen mit christlicher Symbolik als Grabsteine auf christlichen Friedhöfen Verwendung finden. Ein schönes Beispiel für einen solchen Fall finden wir in dem schon behandelten Örtchen Locmariaquer in der französischen Bretagne. Auf dem örtlichen Friedhof sticht ein offensichtlich neolithischer Menhir hervor, der versehen mit dem Bildnis des gekreuzigten Christus jetzt sein Dasein als Grabstein fristet.

Menhir als Grabstein auf dem Friedhof von Locmariaquer in der Bretagne
Abbildung Nr. 15: Menhir als Grabstein auf dem Friedhof von Locmariaquer in der Bretagne (Foto: André Kramer)

Bekannt ist auch, dass in der Zeit der Christianisierung gerne Kirchen an ehemaligen Kultplätzen errichtet wurden. In einigen Fällen wurden sogar Megalithen als Baumaterial für die Errichtung christlicher Gotteshäuser verwendet.

Ein schönes Beispiel hierfür finden wir direkt an der Schlei in Schleswig-Holstein, in dem kleinen Örtchen Brodesby. In der romanischen Feldsteinkirche wurden offensichtlich Megalithen verbaut, wie sich schön in der Kapelle erkennen lässt. Hier lugt ein Schalenstein aus der Wand, der ehemals sicherlich Bestandteil eines Megalithgrabes war. [20]

Prähistorischer Schalenstein verbaut in der Feldsteinkirche von Brodesby in Schleswig-Holstein
Abbildung Nr. 16: Prähistorischer Schalenstein verbaut in der Feldsteinkirche von Brodesby in Schleswig-Holstein (Foto: André Kramer)

Megalithische Bauwerke in Volksglauben und Brauchtum

Sagen, Legenden und Brauchtum können zum Teil wohl noch am Ehesten eine verblassende Erinnerung an den ursprünglichen Glauben hinter den Megalithbauwerken des Neolithikums liefern. Heute ist man sich sicher, dass hinter der Megalith-Idee ein Fruchtbarkeitsglauben rund um die Magna Mater als große Urmutter, als Mutter Erde steckt. Als Glaube einer bäuerlichen Gesellschaft an das Werden und Vergehen in der Natur, das aus der Erde gespeist wird. [21]

Immer wieder finden wir in den Sagen und im traditionellen Brauchtum Hinweise auf Opferriten und auf Fruchtbarkeitskulte rund um die großen Steine.

In Schweden etwa ist es noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Brauch gewesen, in die Schälchen von Schalensteinen, die wir in einem vorherigen Abschnitt bereits näher in Augenschein genommen haben, kleine Opfer für die Unterirdischen, kleinen zwergenartigen Naturgeistern aus der nordeuropäischen Folklore zu legen [22] und auch vom Brutkampstein, Schleswig-Holsteins Dolmen mit dem größten Deckstein (ca. 25 Tonnen Gewicht) kennen wir eine entsprechende Sage:

„Bei Albersdorf in Süderdithmarschen haben vorzeiten die Unterirdischen im Ofenstein gewohnt, einer Höhle, die fünf große Steine bildeten, einer lag oben drüber. Jeder Mensch, der vorüberging, musste entweder jedes Mal oder wenigstens das erste Mal etwas da zurücklassen, wenn es auch nur ein Bändchen oder ein Senkel war.“ [23]

Der Brutkamp, der Name deutet es schon an, steht aber auch im Volksglauben aber auch in einem Zusammenhang mit Fruchtbarkeitsriten. Der Name leitet sich von einem alten Brauch her, laut dem sich hier einst Jungvermählte trafen, um in Hoffnung auf einen reichen Kindersegen der germanischen Göttin Freya zu opfern. Weiter rieben sie sich bei Vollmond ihre Genitalien an dem Stein und rutschten diesen mit nacktem Gesäß hinab. [24]

Der Brutkampstein in Albersdorf in Dithmarschen, Schleswig-Holstein
Abbildung Nr. 17: Der Brutkampstein in Albersdorf in Dithmarschen, Schleswig-Holstein (Foto: André Kramer)

Bräuche dieser Art werden immer wieder von Megalithgräbern berichtet und gehen offenbar auf die alte Vorstellung zurück, dass die Kinder aus Steinen kommen (Kindlisteine). [25] So wird auch vom Menhir de Kerloas in der Bretagne berichtet, dass junge Paare kurz vor der Hochzeit ihre nackten Leiber an diesem rieben, um später schöne Kinder zu bekommen. [26]

Freya wiederum ist die germanische Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit und übernahm auch die Funktion der Geburtshilfe. [27]

Es scheint also, als lägen hier deformierte Erinnerungen an den ursprünglichen Glauben rund um die großen Steine vor. Hierfür spricht sowohl die Art des Brauchtums, als auch ihre überregionale, aber gleichgeartete Verbreitung.

Kultische Nutzung von Megalithen heute

Neuheidentum, Wicca-Kult und New Age sind verschiedene Bewegungen, die sich heutzutage an alten Glaubensrichtungen orientieren und diese als eigentümliche moderne Religionen und esoterische Spielereien ausleben. Megalithische Bauwerke haben es diesen Bewegungen besonders angetan. Und so sollen in Stonehenge immer wieder moderne Druiden ihre Feste feiern wollen und auch bei hiesigen Denkmälern stößt man immer wieder auf die Hinterlassenschaften derartiger moderner Riten. Vor einigen Jahren berichtete die Besitzerin des Guts Sophienhof dem Autor, dass immer wieder junge Leute des Nachts zu dem Hünengrab auf ihrem Feld schleichen, um dort „schwarze Messen“ zu feiern. Bei der Besichtigung von Megalithgräbern kommt es immer wieder vor, dass man auf ausgebrannte Teelichter und ähnliches stößt, was auf ähnliche Aktivitäten schließen lässt.

Besonders ausgeprägt scheinen derartige kultische Feiern bei der so genannten roten Maaß nahe dem Gut Damp in Schleswig-Holstein zu sein. Entlegen in einem kleinen Feldstück zwischen den Feldern, befindet sich hier ein erst in den 1960er Jahren entdeckte Steinkreis. 1964 getätigte Grabungen weisen darauf hin, dass es sich um einen Kultplatz aus der nachchristlichen Eisenzeit zwischen dem 2. und dem 4. Jahrhundert nach Christus handelt. [28]

Eisenzeitlicher Steinkreis "Rote Maaß" bei Damp in Schleswig-Holstein
Abbildung Nr. 18: Eisenzeitlicher Steinkreis „Rote Maaß“ bei Damp in Schleswig-Holstein (Foto: André Kramer)

An den Steinkreis schließen sich eine Reihe rechteckiger Steinsetzungen an und innerhalb wie außerhalb des Steinkreises fanden sich insgesamt 15 Urnenbestattungen.

Was die Rote Maaß in unserem Kontext interessant macht, ist die Tatsache, dass man bei Besuchen immer wieder die Reste ausgeprägter kultischer Aktivitäten findet, wie an einigen Fotos illustriert werden soll.

Verschiedene Hinterlassenschaften moderner Kultbewegungen am Steinkreis "Rote Maaß" bei Damp in Schleswig-Holstein
Abbildungen 19 bis 21: Verschiedene Hinterlassenschaften moderner Kultbewegungen am Steinkreis „Rote Maaß“ bei Damp in Schleswig-Holstein (Fotos: André Kramer)

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Fazit

Die großen Steine scheinen schon zu ihrer Errichtung Sinnbild des Unvergänglichen und Ewigen gewesen zu sein. Ihre archaische Gestalt, das Rätsel um ihre Bedeutung und der große Eindruck den sie auf alle Betrachter machten, scheint die Faszination auszumachen, die sie auslösen. In diesem Zuge wurden die Monumente selbst oder zumindest Teile von ihnen über die Jahrtausende hinweg immer wieder zum Gegenstand von ausgelebten Neuinterpretationen ihrer spirituellen Bedeutung. Und selbst im 21. Jahrhundert noch sind die megalithischen Hinterlassenschaften aus der menschlichen Vor- und Frühgeschichte Mittelpunkt von sakraler Bedeutung für kleine Teile der Bevölkerung und leben in dieser Form nicht nur als geschichtliche Hinterlassenschaften, sondern auch als Sinnbilder spiritueller Sinnsuche und Anbetung fort.

Anmerkungen

[1] Zit. n. Reimer 1978, S. 16
[2] Vgl. Niel 1989, S. 50
[3] Vgl. Kremer 1987, S. 31
[4] Vgl. Briard 2009, S. 45
[5] Vgl. Briard 2009, S. 39
[6] Vgl. Däniken2004, S. 121 ff.

[7] Giot 2009, S. 8
[8] Vgl. Briard 2009, S. 39
[9] Vgl. Walkowitz 2003, S. 246
[10] Da die Schälchen oft aber senkrecht an den Steinen angebracht sind, erscheint auch dieser Vorschlag problematisch)
[11] Vgl. Molt 1979
[12] Vgl. Struve 1976, S. 105
[13] Vgl. a.a. O., S. 104
[14] Vgl. Arnold; Kelm 2004, S. 51
[15] Vgl. Schmidt 2005, S. 161 ff.

[16] Vgl. Tillmer 1986, S. 12

[17] Vgl. Stenberger 1977, S. 198
[18] Vgl. Franz 2012, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/ales-stenar-archaeologen-fanden-steineklauer-des-schiffsmonuments-a-864592.html, gesichtet am 28.03.2015
[19] Vgl. ebd.
[20] Vgl. Landeck 2004, S. 125 ff.
[21] Vgl. auch Reden 1978
[22] Vgl. Schwantes 1939, S. 257 f.
[23] Meyer 1968, S. 21
[24] Vgl. Schmidt 1998, S. 24 f.
[25] Vgl. Bächtold-Stäubli; Hoffmann-Krayer 2000, Bd. 3, S. 151
[26] Vgl. Briard 2009, S. 53
[27] Vgl. Lurker 1989, S. 138
[28] Vgl. Ahrens 1966, S. 92 ff.

Literatur

Ahrens, Claus: Die „Rote Maaß“ bei Damp. Ein Kultplatz der nachchristlichen Eisenzeit in Mittelschwanzen. In: Offa – Berichte und Mitteilungen aus dem Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig-Holstein in Schleswig und dem Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Kiel, Bd. 22, 1966

Arnold, Volker; Kelm, Rüdiger: Rund um Albersdorf. Ein Führer zu den archäologischen und ökologischen Sehenswürdigkeiten. Heide: Boyens 2004

Bächtold-Stäubli, Hanns; Hoffmann-Krayer, Eduard: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 3 Feen – Hexenschuß. 3., unveränderte Auflage. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2000

Briard, Jacques: Die Megalithen der Bretagne. Lucon: Edition Gisserot 2009

Däniken, Erich von: Die Steinzeit war ganz anders. Augsburg: Bechtermünz 2004

Franz, Angelika: Schiffsmonument Ales stenar: Die Steineklauer von Ystad.
Auf: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/ales-stenar-archaeologen-fanden-steineklauer-des-schiffsmonuments-a-864592.html 2012, gesichtet am 28.03.2015

Giot, Pierre-Roland: Menhire und Dolmen. Megalithdenkmäler in der Bretagne. Février: Achevé d´imprimer par Groupe Editor 2009

Kremer, Bruno P.: Geometrie in Stein. Maß und Zahl in den Megalithdenkmälern der Bretagne. In: Antike Welt Nr. 1/1987

Landeck, Horst-Dieter: Steine, Gräber, Kultplätze. Ein Reiseführer zu mystischen Orten im nördlichen Schleswig-Holstein. 2. Auflage. Heide: Boyens 2004

Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. 2., erweiterte Auflage. Stuttgart: Kröner 1989

Meyer, Gustow: Schleswig-Holsteiner Sagen. Düsseldorf, Köln: Diederichs 1968

Molt, Paul Volquart: Die ersten Karten auf Stein und Fels vor 4000 Jahren. Archäologische und kartographisch-geographische Betrachtngen mit Auswertungen von vier Schalensteinen und zwei Felsbildern auf Megalithen. Lübeck: Kommissionsverlag Gustav Weiland Nachf. 1979

Niel, Fernand: Auf den Spuren der großen Steine. Stonehenge, Carnac und die Megalithen. Herrsching: Pawlack 1989

Reden, Sibylle von: Die Megalith-Kulturen. Zeugnisse einer verschollenen Urkultur. Überarbeitete und veränderte Neuauflage. Köln: DuMont 1978

Reimer, Georg: Die Geschichte des Aukrugs. Rendsburg 1978

Schmidt, Klaus: Sie bauten die ersten Tempel. Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger. Die archäologische Entdeckung am Göbekli Tepe München: C. H. Beck 2005

Schmidt, Michael: Die alten Steine. Reisen zur Megalithkultur in Mitteleuropa. Rostock: Hinstorff 1998

Schwantes, Gustav: Die Vorgeschichte Schleswig-Holsteins (Stein- und Bronzezeit). Neumünster: Wachholtz 1939

Stenberger, Marten: Nordische Vorzeit Bd. 4: Vorgeschichte Schwedens. Neumünster: Wachholtz 1977

Struve, Karl W.: Zur Verbreitung, Datierung und Deutung der Schalensteine. In: Die Heimat. Zeitschrift für Natur- und Landeskunde von Schleswig-Holstein und Hamburg. Heft 4/5 1976

Tillmer, E. O.: Megalithbauten in Südindien. In: Antike Welt Nr. 2/1986

Walkowitz, Jürgen E.: Das Megalithsyndrom. Europäische Kultplätze der Steinzeit. Langenweissbach: Beier & Beran 2003

Literatur