1902 veröffentlichte der völkisch gesinnte Professor Friedrich Fischbach ein Buch mit einem äußerst programmatischen Titel, der eine Inhaltsangabe fast erübrigt: ‚Asgart und Mittgart, das goldene Hausbuch der Germanen enthält die schönsten Lieder der Edda und den Nachweis, dass am Niederrhein zwischen der Sieg und Wupper, die ältesten Mythen der Arier (auch die der Griechen) entstanden sind.‘

Die These von Professor Friedrich Fischbach

Das Buch ist nicht antisemisch, aber eindeutig germanophil. Die Widmung macht das mehr als deutlich: „Das germanische Hemd ist uns näher, als der lateinische und griechische Rock“ Nach Fischbach lag die „Urheimat“ der „Indogermanen“ im Bergischen Land zwischen Rhein, Wupper und Sieg.

Titelblatt des 1902 von Friedrich Fischbach veröffentlichten Büchliens Asgart und Mittgart.
Titelblatt des 1902 von Friedrich Fischbach veröffentlichten Büchliens Asgart und Mittgart.

In der Erinnerung ganz Europas blieb sie als Midgard (Fischbachs Schreibweise ist Mittgart) oder Land der Hesperiden. Mittgart ging unter, als das Meer noch bis Köln reichte, erholte sich aber, erblühte erneut und ging dann ein zweites Mal unter, als die Vulkane der Eifel und des Siebengebirges ausbrachen (die Eifelvulkane sind jung, aber die des Siebengebirges vor mehrere Millionen Jahren bereits erloschen). Die Sagen der Griechen, die von den Urgermanen abstammen (wie auch die Akkader, die ihren Namen vom Fluss Agger bei Troisdorf = Troja ableiten), spielen sämtlich in diesem Gebiet. Einer der griechischen Namen für diese Region lautete … Atlantis.

„Ist Atlas der den Hesperiden benachbarte Bergriese, so haben wir die sagenhafte untergegangene Atlantis nicht im, sondern am Okeanos anzunehmen. Die grossen und starken Atlantiden, die Plato in Kritias und Timaeus beschreibt, bewohnten also das untergegangene und neu emporgestiegene Mittgart. Die dunklen Erinnerungen. die Solon in Aegypten beim Priester Manetho fand, ermöglichten ihm, die Geschichte der Atlantis-Inseln 8000 Jahre zurück zu verfolgen. Diodor verkündet, dass von den titanischen Atlantiden die Menschen abstammen.

Der Behüter der Pforte zum Okeanos, der Atlas am Siebengebirge, hat also dem grossen atlantischen Ozean den Namen gegeben. Den Untergang der Atlantis verursachten die schrecklichen Ausbrüche der Eifel-Vulkane.“ [1]

Präzise definiert Fischbach die Umrisse von Mittgart und Atlantis einige Seiten später:

„Mittgart ist das Gebiet zwischen dem Berger Land, dem Vorgebirge und den Mündungen der Sieg und Wupper. Auf den angrenzenden östlichen Höhen liegt Asgard.“ [2]

Auch die Odyssee Homers habe am Mittelrhein stattgefunden, Skylla und Charybdis hätten – wo sonst – im Binger Loch gelegen, die Prallfelsen bei der Lorelei. Die Sirenen platziert er auf einer Schäre vor Bonn: „Wahrscheinlich bildeten Sieg und Agger Inseln, wo sie in den Rhein flossen. Auf diesen sangen die Sirenen ihre bethörenden Lieder.“ [3] Natürlich spielt auch die Argonautika im Süden von Nordrhein-Westfalen, ebenso wie die Taten des Herakles. Sogar Phaeton ist hier abgestürzt, der Eridanos ist der Rhein, und die exakte Stelle liegt bei Lohmar (lohendes Maar!, vgl. [4]).

Alle diese Identifikationen leitet Fischbach im Übrigen nicht argumentativ, sondern rein assoziativ ab – war erst einmal der Entschluss gefallen, Midgard und Asgard zwischen Sieg und Wupper anzusiedeln und sämtliche europäischen Mythen als Varianten der Edda zu betrachten, war der Rest offenbar ein Kinderspiel. Eine Begründung für seine Identifikation – außer leicht hingeworfenen Deutungen von Ortsnamen –, wie auch für die Gleichsetzung mit Atlantis, liefert der Autor nie.

Friedrich Fischbach (geb. 1839 in Aachen; gest. 1908) war ein deutscher Textildesigner, der zunächst an der Musterzeichenschule in Berlin studierte und 1862 Professor für Design in Wien wurde, wo er die Mustersammlung im Österreichischen Museum aufbaute. 1870 ging er als Lehrer an die Akademie in Hanau, 1883 wurde er als Direktor der Kunstgewerbeschule nach St. Gallen berufen, wo er bis 1888 lehrte. Seit 1889 lebte er in Wiesbaden und widmete sich ganz dem Industriedesign, das er in Deutschland maßgeblich beeinflusste. 1909 kaufte das Metropolitan Museum of Art in New York seine Sammlung von Stoffen und Stickereien auf.

Fischbachs Hobby – er war bei seinen Recherchen nach „deutschen“ Mustern auf die antike germanische Kunst gestoßen – war aber die Interpretation von Mythen. Er fungierte als Vorstand des „Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung“, dem er die ersten Ergebnisse seiner Edda-Lokalisierung vortrug, die sehr bejubelt wurde, weil er – ganz im herrschenden wilhelminischen Zeitgeist – Deutschland und dem Rhein eine große, vor allem aber germanische Geschichte zuschrieb.

Seine These vom „Land zwischen Wupper und Sieg“ präsentierte er 1912 noch ein zweites Mal, in einem dünnen Heft mit 24 Seiten und dem Titel Mythologische Wanderungen durch Asgart und Mittgart, wo er mehrere Wanderungen in und um den Bergisch Gladbacher Stadtteil Bensbach als Spaziergänge zu den Göttersitzen der Asen beschreibt.

Friedrich-Wilhelm von Hase nennt ihn einen „dilettierenden Altertumsforscher schlimmsten Schlages“ [5] , und es fällt schwer, dagegen etwas einzuwenden. Allerdings: Viel schlechter als andere Lokalisierungen ist Fischbach auch nicht. Wer also die Reste von Atlantis zu besuchen wünscht, kann gerne nach Siegburg, Troisdorf oder Bergisch Gladbach fahren – es muss nicht immer Bimini sein.

Anmerkungen

[1] Vgl. Fischbach 1902, S. 123

[2] ebd., S. 177

[3] ebd., S. 158

[4] ebd., S. 175

[5] Vgl. von Hase 2004, S. 604

Literatur

Friedrich Fischbach: Asgart und Mittgart, das goldene Hausbuch der Germanen enthält die schönsten Lieder der Edda und den Nachweis, dass am Niederrhein zwischen der Sieg und Wupper, die ältesten Mythen der Arier (auch die der Griechen) entstanden sind. K.A. Stauff, Köln 1902 (191 S.)

Friedrich Fischbach: Mythologische Wanderungen durch Asgart und Mittgart. Illinger in Komm., 1912 (24 Seiten) Den Titel konnte ich nicht einsehen.

Friedrich-Wilhelm von Hase: Zur Frühgeschichte des Römisch-Germanischen Zentralmuseums. in: Heinrich Beck (Hrsg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“: Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen. Walter de Gruyter, 2004