1976 deutete Robert G. Temple in seinem Buch ‚Das Sirius-Wissen‘ an, die Dogon hätten ihr hochentwickeltes astronomisches Wissen von den Ägyptern geerbt. Reinhard Prahl geht nun der Frage nach, ob es in Ägypten Anzeichen für ein Wissen um Sirius B gegeben haben könnte. Im Osiris-Mythos will Prahl eine Analogie zu kosmologischen Gegebenheiten entdeckt haben.

Einleitung

Robert G. Temple veröffentlichte 1976 sein Buch ‚Das Sirius Rätsel‘, in dem er postulierte, Wesen aus dem Siriussystem seien vor vielen Jahrtausenden auf die Erde gekommen und zeichneten für den (angeblichen) zivilisatorischen Aufschwung, den die Ägypter zwischen 4500 und 3500 v. Chr. vollzogen haben (sollen), verantwortlich.

Temple berief sich dabei auf das umstrittene Wissen des Stammes der Dogon, die heute in Mali leben. Die Dogon kennen nach den Untersuchungsergebnissen der französischen Anthropologen Marcel Griaule [1] und Germaine Dieterlen einen für das menschliche Auge unsichtbaren Begleiter des Sirius im Sternbild Canis Mayor. Hierbei handelt es sich um einen soge-nannten Weißen Zwerg, ein kleiner Himmelskörper, der seine Helium- und Wasserstoffatome aufgebraucht hat und deshalb sehr dicht ist und wenig Licht ausstrahlt. Die Dogon nennen diesen unsichtbaren Begleiter nach ihrem kleinsten bekannten Getreidekorn „po tolo“, Sirius heißt bei ihnen „Sigui“. Die Getreideart „po tolo“ wird lateinisch als Digitaria exilis klassifiziert und so wird in der einschlägigen Literatur auch für Sirius B das Wort Digitaria verwendet.

Dieses Wissen hüten die Dogon, der gängigen Literatur zufolge seit vielen Hunderten von Jahren, während Digitaria in der Neuzeit erst 1862 vom Amerikaner Clarke, der sich die jahrzehntelangen Vorarbeiten des Astronomen F. W. Bessel zunutze machte, entdeckt wurde, Sirius B konnte erstmalig 1970 vom Astronomen I. Lindenblad vom US Naval Observatory fotografiert werden.

In den Jahren seit Temples Buch ist verstärkte Kritik am angeblichen Wissen der Dogon angebracht worden. [2] So weit ich sehen kann, richtet sich die Hauptargumentation dabei vor allem gegen die angewandte Vorgehensweise bzw. Methodik des Forschers Griaule bei der Befragung der einzelnen Mitglieder des Dogon-Stammes. Etliche Gelehrte erkennen das rätselhafte Wissen der Dogon dennoch an.

Marcel Griaule's Arbeitsweise ist in den letzten Jahren umstritten.

Abb. 1: Marcel Griaule’s Arbeitsweise ist in den letzten Jahren umstritten.

So schreibt z.B. der Astronom E. C. Krupp in seinem hervorragendem, absolut orthodox ausgerichtetem Buch ‚Astronomen, Priester, Pyramiden‘:

„Die astronomischen Überlieferungen der Dogon mußten unbedingt bei den Astronomen Verblüffung hervorrufen; denn es erscheint unmöglich, die astronomischen Kenntnisse der Dogon über den Stern Sirius mit ihren instrumentellen Möglichkeiten, nämlich dem unbewaffneten Auge, zu vereinbaren. Andererseits sind Temples Folgerungen so unorthodox, daß das von ihm beigebrachte Material und die Art, wie er damit umgeht, auf das peinlichste geprüft werden müssen. Es ist wirklich auffällig, wenn ein afrikanischer Stamm, der für seine komplexe Kosmologie und seine einzigartigen religiösen Überlieferungen berühmt ist, genauere Kenntnis von der Existenz und der Natur von Sirius B, von den Galileiischen Jupitermonden und vom Ringsystem des Saturns gehabt haben sollen.“ [3]

Weitere Akademiker, die an ein tieferes kosmologisches Wissen der Dogon glauben, finden sich in Giorgio Santillana und Hertha von Dechend, die 1969 das Werk ‚Hamlet’s Mill‘ schrieben, welches 1993 als dee Übersetzung auf dem Markt kam. Dieses für mich zur Pflichtlektüre gehörende Buch sucht nach Spuren von ungewöhnlich hohem astronomischen Wissen in den Mythen der Welt. Im Appendix 1 wird u. a. über Marcel Griaule von H. von Dechend folgendes geschrieben:

„Der bis heute einzige Meister der Beobachtung dieser Art ist Marcel Griaule gewesen (gest. 1956), aber er hinterließ eine eindrucksvolle Schar von Schülern. Sie haben das Verständnis afrikanischer Studien erneuert, indem sie aufzeigten, daß solche Systeme bei den Dogon, die Griaule im wahrsten Sinne des Wortes ‚entdeckte‘, noch am Leben sind.“

Demnach erkennen nicht nur Santillana/Dechend und Frau Dieterlen die Forschungsarbeit Griaules als völlig korrekt an, auch eine ganze Reihe weiterer Akademiker scheinen dies zu tun und darüber hinaus noch weitere Spuren ähnlicher Art entdeckt zu haben. Dies beweist ein Zitat Dieterlens, welches Dechend aus ‚Conservations with Ogotommeli‘ entnahm:

„Die Afrikaner, mit denen wir in der Region des Oberen Niger zusammen-gearbeitet haben, verfügen über Zeichensysteme, die sich in ihrer Anzahl auf über Tausend belaufen, sie haben ihre eigenen astronomischen Systeme und kalendarischen Messungen, Berechnungsmethoden sowie ein umfassendes anatomisches und physiologisches Wissen wie auch eine systematische Pharmakopöe.“ (Heil- und Zaubermittelsammlung, Anm. R.P.)

Abschließend sei auf die hohe Beliebtheit Griaules hingewiesen, die es dem französischen Forscher evtl. erlaubten mehr über die Geheimnisse der Dogon zu erfahren, als heutigen Ethnologen.

Im „Geplänkel“ um Wahrheit und Lüge ist aber eine Frage meist untergegangen: Gibt es Indizien für ein Wissen der Ägypter um Sirius B/Digitaria? Nach Temple sollen die Ägyp-ter die ursprünglichen Träger dieses Wissens gewesen sein. Gewiss haben sich bereits einige Autoren an einer Beweisführung versucht, außer Temple selbst z.B. die Esoterikerin Murry Hope [4], Ulrich Schaper [5] oder neuerdings auf haarsträubende Weise Erdogan Ercivan. [6] Oft fällt hierbei leider auf, dass die betreffenden Autoren über die kosmologischen Aspekte der alten Ägypter und die ägyptologischen Anhaltspunkte für astronomische Konzepte in altägyptischen religiösen Texten kaum eine Ahnung zu haben scheinen.

Aus diesem Grunde habe ich versucht, mich ein wenig in die ältesten ägyptischen Totentexte, die sogen. Pyramidentexte einzuarbeiten, soweit sie astronomische Konzepte zu verraten scheinen. Verwendet habe ich hierfür die Werke dreier Ägyptologen:

R. Anthes: Theologie des 3. Jahrtausends, [7],
Rolf Krauss: Astronomische Konzepte und Jenseitsvorstellungen in den Pyramidentexten, [8] sowie
Hermann Kees: Totenglauben und Jenseitsvorstellungen der alten Ägypter. [9]

Über die astronomischen Aspekte in den Pyramidentexten

Die Ägypter setzten viele Götter ihrer Mythen mit Sternen und Planeten gleich. Ortschaften, wie sie beispielsweise im Osiris-Mythos erwähnt werden, stellten sie sich im Himmel liegend vor. Um einen Einblick in diese altägyptische Vorstellungswelt zu bieten, halte ich es für notwendig eine kurze Einleitung über die wichtigsten Aspekte zu geben.

Ich verwende dafür überwiegend die Arbeit von Dr. Rolf Krauss, der am ägyptischen Museum in Berlin beschäftigt ist. Krauss arbeitete sich in die Astronomie ein und ließ sich eine drehbare Karte des Sternenhimmels der Gegend um Heliopolis um 2400 v.Chr. anfertigen. Um 2400 v. Chr. sind die Pyramidentexte [10] wahrscheinlich erstmals aufgeschrieben worden. Sie gehen aber in großen Teilen auf wesentlich ältere Texte zurück. Heliopoplis ist die Stadt des Sonnengottes Re und da sich zur genannten Zeit in dieser Stadt eine dort ansässige kosmologische an der Sonne orientierte Religion zur Staatsreligion ausweitete, geht man berechtigterweise davon aus, dass die Pyramidentexte dort aufgeschrieben wurden. [11] Die Reste dieser einst so großen und mächtigen Stadt liegen heute in einem Kairoer Vorort.

Der Himmel über Gizeh - 11.07.2400 v.Chr.

Abb. 2: Der Himmel über Gizeh – 11.07.2400 v.Chr.

In der Gegend von Heliopolis bzw. Memphis und Sakkara befinden sich auch die Pyramiden des Alten Reiches (ca. 2700 – 2200 v.Chr.), z.B. die berühmten Pyramiden von Gizeh. Seit der 5. Dynastie (Pyramide des Unas) wurden in diesen Grabmälern die Pyramidentexte angebracht.

Der Ägyptologe Krauss übersetzte die Anfang des 20. Jahrhunderts vom berühmten Ägyptologen Kurth Sethe übersetzten Pyramidentexte teilweise neu und sammelte viele Aussagen seiner Kollegen über die Identifizierung von im Osiris-Mythos genannten Göttern und Ortsbezeichnungen. Aber er übersetzte nicht nur gewisse Stellen in den heiligen Texten, er interpretierte sie auch neu. Für diese Neuinterpretationen bediente er sich auch der etwas jüngeren sogen. Sargtexte. [12]

In den Pyramidentexten gibt es viele Aussagen, die den König (den „lebendigen Horus“) dazu bewegen sollen, in den Himmel zu Orion/Osiris oder Isis/Sothis aufzusteigen. Es wird u.a. von einem Fährmann gesprochen, der den Pharao über einen „gewundenen Kanal“ [13] ins „Binsengefilde“ und „Opfergefilde“ bringen soll. Das „Binsengefilde“ ist ein mythischer Ort, der zum Osiris-Mythos gehört, welchen ich weiter unten in aller Kürze nacherzählen werde.

Den „gewundenen Kanal“ identifiziert Krauss im o.g. Buch anhand der Pyramidentexte sowie astronomischer Erkenntnisse als Bahn der Ekliptik. So wird beispielsweise in den Pyramidentexten gesagt, der „gewundene Kanal“ verläuft in ost-westlicher Richtung, der Mond, welcher traditionell als Thot angesehen wird, überquert diesen Kanal von Süd nach Nord. All dies sind Eigenschaften, die auf die Ekliptik zutreffen.

Die Pyramidentexte erzählen weiter davon, dass die Sonne entlang dieses Kanals fahre, was per definitionem auf die Ekliptik zutrifft, denn die Ekliptik ist die von der Erde aus betrachtet scheinbare Bahn, welche die Sonne in einem Jahr von Ost nach West rund um die Erde zurücklegt. Diese Bahn verläuft für den Beobachter tatsächlich mehr oder weniger „s“-förmig, Der Ausdruck „gewundener“ erscheint somit sehr einleuchtend ist. Der „gewundene Kanal“ teilt den Himmel über Heliopolis in einen nördlichen und einen südlichen Teil, die weiterhin noch in Ost- und Westteil untergliedert werden. Südlich der Ekliptik stellten sich die alten Ägypter das „Binsengefilde“, nördlich das „Opfergefilde“ (siehe auch Abb. 7) vor. Wie bereits erwähnt wurden zahlreiche Götter mit Sternen oder Planeten gleichgesetzt. Osiris ist z.B. Orion, Isis Sirius Thot war der Mondgott, Seth wurde in Merkur erkannt.

Diese Einleitung mag sehr knapp erscheinen, aber um darzulegen warum ich der Ansicht bin die Ägypter kannten Sirius B, kann sie genügen. Wichtig ist vor allem zu wissen, welcher Teil des Osiris-Mythos mit tatsächlichen Himmelsphänomenen zu identifizieren ist.

Der Osiris-Mythos

Osiris wird von seinem Bruder Seth ermordet, damit dieser das Königtum Ägyptens in seine Gewalt bringen kann. Um ein Auffinden des Leichnams unmöglich zu machen, zerstückelt Seth den Toten in 14 Teile und verstreut diese über das ganze Land. Osiris‘ Schwester-Gemahlin Isis aber sucht die Einzelteile und fügt sie anschließend wieder zusammen. Nachdem sie nun der ersten Mumie der ägyptischen Geschichte mit ihren Flügeln (sie hatte sich zuvor in eine Weihe verwandelt) kurzfristig Leben eingehaucht hatte, gelingt es ihr , dem Phallus des Osiris den Samen zu entlocken, aus dem der gemeinsame Sohn Horus entsteht. Osiris wird hernach ins Jenseits berufen, um von nun an über die Verstorbenen zu richten. Seth erfährt vom Kinde des Götterpaares und versucht Isis mit dem jungen Horus aufzuspüren, denn dieser könnte ihm nach ägyptischen Recht als legitimer Erbe des Osiris einst sein Königtum streitig machen (was im Mythos später auch geschieht, deshalb wird der Pharao als lebendiger Horus, Sohn des Osiris bezeichnet). Isis versteckt sich im Deltagebiet, welches in früher Zeit ein riesiges „Binsengefilde“ war. Daher der Ausdruck.

Osiris.

Abb. 3: Osiris.

Wichtige Teile dieses Mythos wurden von den Ägyptern, wie angedeutet, an den Nachthimmel projiziert und gingen auf diese Weise in die Pyramidentexte ein, denn der verstorbene König, der lebendige Horus auf Erden, sollte wie sein Vater Osiris das ewige Leben finden und über die Toten richten.

Mehrere Horusformen

Als ich oben über die mit Sternen und Planeten gleichgesetzten Götter berichtete, ließ ich Horus aus. Paradoxerweise gibt es nämlich mehrere Horusformen. Krauss schreibt hierzu auf S. 236:

„Dieser Ansatz (Seth als Planet Merkur, Anm. R.P.) entspricht der seit dem frühen NR bezeugten Identität von Seth und Merkur als Abend- bzw. Morgenstern, wie auch der schon im N.R. bezeugten Gleichsetzung der äußeren Planeten (Mars, Jupiter und Saturn) mit Horusformen.“

Diese „Horuse“ konnten wahrscheinlich zustande kommen, weil es in Ägypten eine ganze Reihe von Falkengöttern gab, die meisten von ihnen verschmolzen irgendwann einfach mit Horus Die Ägypter machten aus mehreren Formen oder Aspekten einen Gott. Aspekte sind beispielsweise der sogen. „alte Horus“, „Horus, das Kind“, „Horus, Pfeiler seiner Mutter“ und viele mehr.

Und obwohl es sich eigentlich im Sinne des Mythos nur um einen Gott handelt, so waren die Priester wohl der Ansicht, jeder dieser Aspekte sei auch auf die ein oder andere Art eine eigene Gottheit. So war es dann ebenfalls selbstverständlich, jede dieser Horusformen mit einem eigenen Planeten oder Stern gleichzusetzen. Und letzten Endes war ja auch der König ein lebender Horus auf Erden, welcher nach seinem Tode zu einem Stern werden musste.

Horus.

Abb. 4: Horus.

Eine dieser Horusformen ist besonders interessant, denn es gibt Pyramidensprüche, die einen „Horus, befindlich im Sothis“ [14] erwähnen, namentlich Pyramidentext 632d:

a) „(als) zu dir kam deine Schwester Isis, da hat sie gejubelt aus Liebe zu dir,
b.) nachdem du sie auf deinen Phallus gesetzt hast
c) kam heraus dein Same in sie, indem er scharf war in „Der Scharfen“, [15]
d.) so ist Horus der „Scharfe“ (=spd) herausgekommen aus dir als „rw jmj Spdt (Horus, befindlich in/im Sirius).

Anthes übersetzte den Textteil 632d m. E. besser: „der spitze Horus, der aus dir gekommen ist in seinem Namen als Horus, der in der Sothis ist.“ Hier wird klar gesagt, Horus ist von Isis geboren worden und hält sich noch bei ihr auf!

Rolf Krauss weist auf S. 178 auf einen weiteren Text aus dem Grab des Chaemhet aus dem Neuen Reich hin, den ich wie folgt übersetze:

„Diese Götter erscheinen im Himmel entsprechend den Sternen, Chaemhet der Gerechtfertigte erscheint als einzelner Stern. Deine Geburt ist entsprechend Orion und dem Horus, der in/im Sirius ist.“

Interessant ist der Kommentar zu diesem Text, den der Ägyptologe anschließend gibt:

„Nach diesem Text sollen SAH-Orion und „rw jmj Spdt zusammen aufgehen, während von Spdt-Sothis dabei außerhalb des Namens „rw jmj spdt keine Rede ist. Da SAH-Orion ein Sternbild ist, könnte dies auch für „rw jmj Spdt gelten, was die Übersetzung des fraglichen Ausdrucks als ‚Horus(-Sternbild), in dem Sothis(-einzelstern) ist‘ nach sich zieht.“ [16]

Man sieht also, auch Krauss ist generell der Ansicht, dass sich „Horus, befindlich in/im Sirius“ und Isis/Sirius sehr nahe sind. Seine Interpretation kann aber m.E. nicht passen, denn Horus ist der Sohn von Isis/Sirius und da Isis demnach gesellschaftlich ÜBER Horus steht, kann es logischerweise höchstens umgekehrt sein: Isis repräsentiert das Sternbild und Horus den Einzelstern. Traditionell ist Isis aber dieser Einzelstern, dies sagen zumindest viele Stellen der Pyramidentexte aus.

Die eigentlich schlüssige Konsequenz: Horus als Stern, (Isis ist ja auch ein Stern [sic]) muss seiner Mutter sehr nahe sein. Krauss zieht allerdings nicht in Betracht, dass es sich mithin um zwei Einzelobjekte handeln muss. Denn der einzige Stern, der Isis/Sirius wirklich nahe ist, ist Sirius B.

Isis.

Abb. 5: Isis.

Ein anderer Spruch beinhaltet übrigens die Bezeichnung „Lebender, Sohn der Sothis“ und bekräftigt mein Argument weiter. Man darf tatsächlich folgendes ableiten: Es gibt einen Horus in der Nähe des Sirius, der als „Sohn“ der Isis bezeichnet wird. R. Anthes ging noch einen Schritt weiter, als er eine „wesenhafte Gleichsetzung von Horus und Sothis als einer Einheit“ postulierte. Mit anderen Worten sah Anthes in Sirius gleichzeitig männliche und weibliche Aspekte. Der tote Pharao könne also genauso im Sirius verkörpert sein, wie die Isis. Das kann aber nicht gut sein, denn in diversen Pyramiden- sowie Sargtexten (hier z.B. CT V 469) heißt es ausdrücklich: „Meine Mutter Sothis bereitet mir den Weg…“ Für einen Stern scheint es aber kaum möglich zu sein, sich selbst den Weg zu weisen. Logischer ist, dass für die Ägypter der größere Stern dem kleineren den Weg weist, ihn also in seiner Bahn hält.

Andererseits scheint aber klar zu sein, es gibt tatsächlich neben der weiblichen Siriusverkörperung (Isis) auch einen „männlichen Sirius“. Krauss weist hierbei auf einen Architrav im Ramesseum hin, der Sirius als Mann darstellt. [17] Des weiteren wird in Versen der Sargtexte (CT VI 319 c-d) von einem von Sothis geborenen Sohn des Orion/Osiris gesprochen. Als drittes Argument möchte ich die Möglichkeit mehrerer Schreibungen für den Gott Horus-Sothis anfügen, allerdings gehen hier die Ansichten der Ägyptologen auseinander.

Wenn aber Sirius nicht gleichzeitig König und Isis sein kann, es aber einen „Horus befindlich im Sirius“ gibt, der ganz klar als andere Person definiert wird und dem Sirius auch noch sehr nahe ist, liegt es da nicht auf der Hand, in dieser Horusform einen Stern in der Nähe des Sirius zu sehen?

Seth.

Abb. 6: Seth.

Die unmittelbare Nähe zum Sirius kann man zusätzlich zur erwähnten Bezeichnung auch aus dem Osiris-Mythos ableiten: Isis hat Horus, ihren Sohn immer in ihrer Nähe, um ihn vor Seth zu schützen. Wenn man nun aber diese Horusform mit Sirius B gleichsetzen würde, fällt es sehr leicht, den Mythos um Osiris anhand von kosmologischen Gegebenheiten nachzuerzählen.

Eine kosmische „Nacherzählung“ des Osirismythos

Wir befinden uns in folgender Situation: Seth hat Osiris ermordet, Isis hat ihren Gatten zum Leben erweckt, Horus wurde gezeugt und geboren. Wir sehen auf Abb. 7, Sirius (Isis) befindet sich südlich der Ekliptik im östlichen Teil des Himmels. Nach Krauss passiert die Venus als Morgenstern bei ihrem heliakischen Frühaufgang um 2400 v. Chr. Orion und Sirius.

Der Himmel im Raum Heliopolis um 2400 v.Chr.

Abb. 7: Der Himmel im Raum Heliopolis um 2400 v.Chr.
Nachempfunden einer Zeichnung in: Rolf Krauss, ÄA 59

Wie aus dem Sargtext CT 62 zudem hervorgeht, wird Seth (Merkur) als „Räuber am Tagesanfang“ angesehen. [18] Merkur kann als innerster Planet des Sonnensystems ebenfalls als Morgenstern beobachtet werden, da er sich bei seinem Frühaufgang in einem ähnlichen Bereich bewegt wie sein Nachbar, die Venus (siehe Abb. 8). Ähnlich der Venus passiert auch der Merkur als Morgenstern Orion und Sirius.

Der Himmel im Raum Heliopolis um 2400 v.Chr.

Abb. 8: In dieser Grafik wird deutlich, wie nah die heliakischen Frühaufgänge von Venus und Merkur beieinander liegen. Merkur, hier in gepunkteter Linie, folgt der Sonne. In Verbindung mit Abb. 7, welche die Lage von Orion und Sirius kennzeichnet wird deutlich, dass Merkur (Seth) tatsächlich an Sirius (Isis) vorbeizieht.

Aus mythologischer Sicht hält Isis (Sirius) ihren Sohn Horus (Sirius B) im Binsengefilde verborgen, Seth (Merkur) folgt Isis ins Binsengefilde und sucht sie dort. Der Osiris-Mythos würde so gesehen eine gute Interpretation für die Tatsache eines von der Erde aus unsichtbaren Sirius B liefern. Das Wissen um diesen unsichtbaren Begleiter des Sirius vorausgesetzt, wäre diese Tatsache wohl mythisch ausgedeutet worden und es liegt ebenso nahe, eine solch besondere Himmelserscheinung mit einer wichtigen Gottheit gleichzusetzen.

Schlussfolgerung

Es ist schon erstaunlich, wie viele ägyptologisch unzweifelhaft ermittelte kosmologische Aspekte des Osiris-Mythos sich auf den Himmel übertragen lassen, wenn man „Horus, befindlich in Sothis“ mit Sirius B gleichsetzt. Welcher andere, dem Sirius sehr nahe Stern sollte gemeint sein, wenn nicht der Weisse Zwerg aus dem Siriussystem?

Die von Anthes postulierte Gleichsetzung Horus = Sirius scheidet jedenfalls aus und auch der Versuch von Krauss, einen Horus der sich im Sirius befindet zu umgeben, scheint nicht erfolgsversprechend. Hier wurde eine Interpretation angeboten, die sich sinnvoll mit dem Osiris-Mythos verbinden lässt und dessen astronomische Aspekte von Ägyptologen ermittelt wurden.

Es ist augenscheinlich, dass kein Ägyptologe auf die Idee kommen wird, den Ägyptern dass Wissen um Sirius B zuzuschreiben, doch andererseits mutet es eigenartig an, wenn Krauss im Zusammenhang mit der Reise der Sonne über den Tageshimmel schreibt:

„Im Text (Pyramidentext 543 a-c und 544 a-b, Anm. R.P.) könnte daran gedacht sein, dass ein solcher Stern den Re am Taghimmel begleitet und unter Umständen unsichtbar (Hervorhebung durch den Autor) ist.“ [19]

Bezuggenommen wird hier auf den in Klammer angegebenen Text, den Krauss wie folgt übersetzt:

„nachdem du (=Re) den gewundenen Kanal durchfahren hast, da war es, dass sich NN (=der Pharao, Anm. R. P.) deinen Schwanz gepackt hat, …“

Denn der König wird nach seinem Tod selbst zu einem Stern:

„befahre für dich den gewundenen Kanal im Norden der Nut, als Stern der das Meer befährt, das unter dem Bauch der Nut (die Nut ist der personifizierte Himmel, Anm. R.P.) ist, …“ [20]

Hier wird der König klar als Stern identifiziert.

Schlussbemerkung

Die angeführten Argumente können selbstverständlich keinen letztendlichen Beweis für einen den Ägyptern bekannten – für das menschliche Auge unsichtbaren – Sirius B liefern. Die Vereinbarkeit mit dem Osiris-Mythos, sowie die Existenz des angeführten Textmaterials sind aber m. E. sehr gute Argumente dafür.

Wenn ich aber mit meiner Annahme richtig liege, so stellt sich die Frage, woher die Ägypter um 2400 v. Chr. von einem Himmelskörper gewusst haben können, der für sie unsichtbar sein musste. Eines ist aber auf jeden Fall sicher: Von Missionaren können die alten Ägypter das vermeintliche Wissen um Sirius B sicher nicht erhalten haben.

Anmerkungen

[1] die Berufsbezeichnungen für Griaule gehen von Völkerkundler über Ethnologe bis zu Anthropologe, da hier die Unterschiede nicht diskutiert werden sollen, folge ich hier der Berufsbezeichnung des Astronomen E.C. Krupp 1980, S. 262ff.

[2] siehe z.B. Markus Pössel 2000, S. 63ff., oder Klaus Richter: Das Sirius-Rätsel

[3] siehe Krupp 1980, S. 263

[4] Hope 1996

[5] Schaper 1995

[6] Ercivan 2002, S. 151ff.

[7] Antes 1983

[8] Krauss 1997

[9] Kees 1926 (Erstaufl.)

[10] die Pyramidentexte sind im Unterschied zum Totenbuch nur dem Pharao vorbehalten. Sie enthalten Aussagen darüber, wie die Seele des Verstorbenen in das himmlische Jenseits gelangt, um seinen Platz als Osiris in der Sonnenbarke des Sonnengottes Re einzunehmen. Die Pyramidentexte sind die ältesten religiösen Texte, die uns aus Ägypten zur Verfügung stehen, rund 1500 Jahre älter als das Totenbuch. Aus den genannten Gründen dürfen diese beiden Textgattungen nicht miteinander in Verbindung gebracht werden, obwohl einige Passagen der Pyramidentexte in die Totenbuchtexte übergingen, wahrscheinlich aber nicht mehr richtig verstanden wurden.

[11] Dieser Hinweis findet sich schon 1926 bei H. Kees.

[12] Die Bezeichnung ‚Sargtexte‘ wurden abgeleite vom Fundort dieser Texte: den Särgen der Verstorbenen Ägypter. Sie stammen aus der Zeit zwischen der 1. Zwischenzeit (ab ca. 2200 v.Chr.) und waren wahrscheinlich bis in die Hyksoszeit, kurz vor dem Beginn des Neuen Reichs (ab 1550 v.Chr.) in Gebrauch. Aus ihnen entwickelten sich neue königliche Totentexte, z.B. das ‚Amduat‘ oder das ‚Pfortenbuch‘. Ein wenig später entstanden die Totenbuchtexte, die im Grossen und Ganzen den Privatleuten vorbehalten waren.

[13] Die Transkription lautet: mr = Kanal, See; XA = gwunden, krumm

[14] die Transkription lautet: „rw jmj Spdt, wobei jmj ein Nisbeadjektiv ist, welches man mit „befindlich in/im“ übersetzen kann.

[15] an dieser Stelle liegt ein Wortspiel vor, denn das ägyptische Wort spdt oder spd bedeutet scharf und das Substantiv Spdt bezeichnet Sirius/Isis, man könnte sie also „die Scharfe“ nennen.

[16]

Krauss übersetzt diesen Text ein wenig anders übersetzt:

„Diese Götter aber erscheinen am Himmel gleichzeitig mit den Sternen. Chaemhet erscheint als „Einzelner Stern“. Deine Geburt ist entsprechend der des SAH-Orion zusammen mit „rw jmj Spdt, im Gefolge des großen Gottes.“

Ich denke allerdings meine Übersetzung ist hier wörtlich, denn Krauss übersetzt ein und denselben Begriff des Orignaltextes einmal mit „gleichzeitig“, einmal mit „entsprechend“ und der von Krauss mit „zusammen“ übersetzte Begriff bedeutet eigentlich „und“ oder auch „mit“. Zudem ist es m.E. nicht zwingend, den Begriff „Einzelner Stern“ als Eigenname anzusehen

[17] Krauss 1997, S. 295/296

[18] Krauss 1997, S. 287

[19] Krauss 1997, S. 22

[20] Pyramidenspruch 802

Abbildungen

[1], [3], [4], [5], [6] Archiv Mysteria3000

[2] Markus Pezold, erstellt mit: Cartes du Ciel

[7] Reinhard Prahl, nach: Rolf Krauss

[8] Reinhard Prahl

Literatur

Antes, R. (1983): Theologie des 3. Jahrtausends. o.O.: Studia Aegyptiaca 9

Barta, Wienfried (1975): Untersuchungen zur Göttlichkeit des regierenden Königs. München/Berlin: MÄS

Däniken, Erich von (1996): Botschaften und Zeichen aus dem Universum. München

Däniken, Erich von – Hrsg. (1995): Fremde aus dem All. München

Ercivan, Erdogan (2002): Fälscher und Gelehrte. Rottenburg

Hannig, Rainer (1997): Die Sprache der Pharaonen. Mainz: 2. Aufl.

Hope, Murry (1999): Im Zeichen des Sirius. München

Kees, Herrmann (1926): Totenglauben und Jenseitsvorstellungen der alten Ägypter. Leipzig

Kees, Herrmann (1977): Der Götterglaube im Alten Ägypten. Berlin: 3. unveränd. Aufl.

Krauss, Rolf (1997): Astronomische Konzepte und Jenseitsvorstellungen in den Pyramidentexten. Wiesbaden: ÄA Bd. 59

Krupp, Edwin C. (1980): Astronomen, Priester, Pyramiden. München

Lauer, J. P. (1980): Das Geheimnis der Pyramiden. München – Berlin

Pössel, Markus (2000): Phantastische Wissenschaft. Hamburg

Santillana, G. & H. von Dechend (1993): Die Mühle des Hamlet. Wien: 2. Aufl.

Schaper, Ulrich (1995): „Ezechiel-Raumschiff bei den Dogon?“, in: Erich von Däniken – Hrsg. (1995): Fremde aus dem All. München

Schott, Siegfried (1950): „Bemerkungungen zum ägyptischen Pyramidenkult“, in: Beiträge Bf Heft 5

aus dem Internet:

Richter, Klaus: Das Sirius Rätsel (24.11.2001), Link aktualisiert: 14.04.2017
URL: https://www.gwup.org/infos/themen/91-prae-astronautik/339-das-sirius-raetsel

Abkürzungen

ÄA – Ägyptologische Abhandlungen
Beiträge Bf – Beiträge zur ägyptischen Bauforschung und Altertumskunde, Kairo
CT – Sargtexte
HWB – Handwörterbuch von Rainer Hannig
MÄS – Münchener Ägyptologische Studien
Pyr. – Pyramidentexte, Pyramidenspruch