1998 gewann Jared Diamond, Professor für Physiologie in Los Angeles und Autor von ‚The third Chimpanzee‘, für ‚Arm und Reich‘ den Pulitzer-Preis. In ‚Arm und Reich‘ geht er der Frage nach, weshalb die Entwicklung der menschlichen Kulturen auf unterschiedlichen Kontinenten so verschiedenartig verlaufen ist.

Jared Diamond: Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften

Warum, so fragt er, haben die Spanier die Inka unterwerfen können und ist nicht der Inkakönig Atahualpa nach Europa gekommen, um Karl I. zu stürzen? Auf den ersten Blick scheint die Frage klar beantwortbar zu sein: Die Spanier waren technisch weiter entwickelt als die Inka, sie besaßen Pferde, bessere Waffen und schleppten Krankheiten ein. Diese Antwort ist unbefriedigend. Diamond fragt weiter, worin denn die Ursachen liegen, dass die Spanier auf einer so viel höheren Entwicklungsstufe standen. Er widerlegt dabei zunächst jene Ansätze, die diese Frage mit genetischen Unterschieden oder verschiedener Intelligenz zu erklären suchen: Rassistische Erklärungsmuster helfen nicht weiter. Am Ende der Eiszeit, vor etwa 13 000 Jahren, besaßen die Menschen auf allen Kontinenten dieselbe Ausgangsposition, es wäre unmöglich gewesen, vorherzusagen, welchen Lauf die Entwicklungen nehmen würden.

Im Verlauf der Jahrtausende sollten jedoch geographische und klimatische Gegebenheiten den Ausschlag geben. In Eurasien entstanden weitaus mehr nutzbare, domestizierbare Pflanzen- und Tierarten als in Amerika, so dass sich hier viel schneller eine landwirtschaftliche Gesellschaft mit all ihren Vorteilen – Ausbildung einer Elite, Spezialistentum, Militär etc. – herausbilden konnte. Es kommt hinzu, dass der eurasische Kontinent eine Ost-West-Achse besitzt, auf der sich in gleichen klimatischen Breiten eine domestizierbare Art besser verbreiten kann als auf den Nord-Süd-Achsen Amerikas und Afrikas.

In einer umfangreichen Recherchearbeit untersucht Diamond die Entwicklungen und Errungenschaften aller Kulturen und legt dar, welchen Einfluss sie auf ihr heutiges Schicksal hatten. Er setzt sich u.a. mit Genetik und Molekularbiologie, mit archäologischen und historischen Forschungen auseinander. Intensiv beschäftigt er sich mit der Entstehung und Ausbreitung der Landwirtschaft, der Erfindung der Schrift, der Evolution von Krankheitskeimen und der Entwicklung der Technik.

Diamond zeichnet nach einer detaillierten Untersuchung der einzelnen Faktoren die Geschichte der fünf bewohnten Kontinente (Europa und Asien werden zusammengefasst betrachtet) anschaulich und allgemeinverständlich nach. Dabei entstand ein Werk, das interdisziplinärer nicht sein könnte und eine ganz neue Geschichte der Menschheit schreibt. Der Autor eignete sich Kenntnisse in den unterschiedlichsten Fachgebieten an, um auch die aktuellsten Forschungsergebnisse berücksichtigen zu können. Dass er dabei nicht in jeder Disziplin ein Spezialist ist und sich kleinere Unstimmigkeiten ergeben, ist unvermeidbar. Ein Sammelband mit Beiträgen verschiedener Autoren hätte allerdings das Ziel des Buches, nämlich die einheitliche Synthese, bei weitem verfehlt.

Nichts desto trotz hat Jared Diamond ein spektakuläres Buch vorgelegt, das die Geschichte menschlicher Gesellschaften, indem er vor allem ältere, ideologisch beeinflusste Thesen widerlegt, auf einen aktuellen und zeitgemäßen Stand bringt.

Literatur

Jared Diamond: Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften. Fischer-TB.-Vlg., Frankfurt/Main 2000. ISBN: 3-596-14967-3