Ulrich Magin bespricht in diesem Beitrag das Buch „Keine Posaunen vor Jericho“ der beiden israelischen Forscher Finkelstein und Silberman. Bibel-Archäologie ist immer wieder ein wichtiges Thema bei verschiedenen Aspekten alternativer Archäologie. Die Erkenntnisse der beiden Forscher können hiebei ein interessantes Licht auf einige dieser Aspekte werfen.

Die neuesten Ergebnisse der archäologischen Forschung im Heiligen Land dürften besonders Vertreter parahistorischer Disziplinen wie die Anhänger Immanuel Velikowskis oder Erich von Dänikens (hier besonders bei Theorien um die Bundeslade, Manna-Maschine und die Zerstörung Jerichos) interessieren, die das Alte Testament als Sammlung von Augenzeugenberichten verstehen und entsprechend interpretieren. In diesem Buch, verfasst von den Archäologen Israel Finkelstein (Direktor des Archäologischen Instituts der Universität Tel Aviv) und Neil A. Silberman (Mitherausgeber des Archeology Magazine), werden die heiligen Schriften mit dem aktuellen Stand der Spatenforschung verglichen.

Dabei zeigt sich, dass die gesamte alttestamentarische Darstellung bis zur Teilung des Reiches in Israel im Norden und Juda im Süden fiktiv ist und durch keinerlei Ausgrabungsergebnisse bestätigt (häufig gar widerlegt) werden kann. Die Erzählungen aus der Zeit der nomadisierenden Patriarchen, des Exodus, der Landnahme durch Joshua und der Zeit der Richter erweisen sich als Konstrukt des 7. Jahrhunderts, dass das politische Programm König Josias aus der Vergangenheit heraus begründen will. Archäologische Funde zeigen zudem, dass es ein vereintes Königreich unter Saul, David und Salomo nicht gegeben hat, dass dieses Reich eine in die Vergangenheit projizierte Utopie Judas war. Selbst zu Salomos Zeiten (sollte es ihn gegeben haben), war Jerusalem nur ein Dorf. Einzig eine Königslinie, das Haus David, ist nachweisbar. Einen König David wird es gegeben haben; er war aber wenig mehr als ein Dorfhäuptling.

Nach den neuesten Forschungsergebnissen hat sich die jüdische Bevölkerung autochthon aus der kanaanitischen Bevölkerung entwickelt, und zwar seit Anfang an in zwei Siedlungsschwerpunkten, die das spätere Israel und Juda vorwegnehmen. Dabei ist das in der Bibel geringschätzig behandelte Nordreich immer weiter entwickelt gewesen als das wenig besiedelte Juda, das aber – später durch die Hauptstadt Jerusalem – ein ahistorisches Primat beanspruchte. Die Bergbevölkerung hat sich als Ethnie etwa um 1200 v. Chr. herausgebildet, ab etwa 800 v. Chr. sind die beiden Königreiche nachweisbar. Der Monotheismus selbst entstand sehr wahrscheinlich erst viel später, als Konzept ebenfalls unter Josia, konsolidiert wurde er dann während des Exils in Babylon, durchgesetzt nach der Rückkehr aus dem Exil.

Das Buch stellt anschaulich das nicht nur aus der nahöstlichen Archäologie bekannte Problem dar, archäologische Funde und historische Aufzeichnungen in Einklang zu bringen; es belegt zudem eindrücklich, wie historische Mythen aus den geschichtlichen Wünschen und Notwendigkeiten ihrer Zeit heraus formuliert werden.

Der empfehlenswerte Band enthält mehrere Karten und Tabellen, ein ausführliches weiterführendes Literaturverzeichnis sowie ein Register.

Israel Finkelstein und Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. C. H. Beck, München 2003, Taschenbuchausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag 2004