In seinem 2000 erschienen Buch erklärt der Autor Horst Sy seine Gedanken und Berechnungen zum Ganggrab Newgrange.

Newgrange ist ein hügelartiges Monument, das um 3200 v. Chr. im Boyne-Tal in Irland errichtet wurde. In dieses Gebäude führt ein Gang aus süd-östlicher Richtung, der in drei kleinen „Kammern“, oder besser: Rezessen endet.

Sy stellt allerlei mathematische Spielereien an, wobei er sich meist auf die Angaben von Erich von Däniken verlässt. So schreibt dieser z. B. in seinem Buch ‚Die Steinzeit war ganz anders‘ zur Anlage von Newgrange, der Durchmesser betrage 95 Meter. Sy hat also den Durchmesser von Newgrange und kann damit, so denkt er zumindest, den Umfang ausrechnen, den er mit 298,45 Metern bestimmt.

Er experimentiert danach mit dem Umfang und verschiedenen alten Maßeinheiten herum, wobei er auch mit der sog. Sakralen Elle (63,5 cm) aus dem Alten Ägypten spielt, die Sy von Erich von Däniken (siehe ‚Die Augen der Sphinx‘) übernimmt. Seiner Ansicht nach spiegeln sich sowohl das megalithische Yard (nach Thom 82,9 cm), die besagte Sakrale Elle als auch die „ägyptische Elle“ (ca. 52,4 cm) im Umfang von Newgrange wider.

Doch sind schon in diesen wenigen, aber eigentlich beeindruckenden Überlegungen grobe Fehler zu erkennen. Zunächst einmal beträgt der Durchmesser, den Sy von Däniken übernimmt, keine 95 Meter, sondern ungefähr 85 Meter! Für Däniken hat dies keine Folgen, Sys Berechnungen werden aber der Boden unter den Füßen weggezogen. Im offiziellen Ausgrabungsbericht von Michael O’Kelly mit dem Titel ‚Newgrange. Archeology, Art and Legend‘ finden wir aber nicht nur, dass der Durchmesser von Sy falsch übernommen wurde. Es wird auch ersichtlich, dass Sy noch nicht einmal den Grundriss von Newgrange kennt. Sy setzt ja bei seiner Umfangsberechnung voraus, dass Newgrange kreisförmig ist – das ist aber falsch! Es besitzt eher eine Kürbis- oder Eiform. Somit sind in der Umfangberechnung alleine zwei gravierende Fehler enthalten, nur weil der Autor sich nicht weiter informiert hat.

Aber auch die Sakrale Elle ist durchaus zweifelhaft. Erich von Däniken schreibt, sie habe eine Länge von 63,5 cm, wurde im alten Ägypten benutzt und „entspricht einem Tausendstel der Strecke, die sich die Erde bei ihrer Umdrehung innerhalb einer Sekunde am Äquator weiterdreht“. Er gibt den Umfang des Äquators einige Seiten weiter mit 40076,592 km an. Rechnen wir nun, wie es Frank Dörnenburg [ http://www.alien.de/doernenburg/Pyramid7.html ] auf seiner Website angibt, kommen wir zu einem ganz anderen Ergebnis, nämlich: 46,38 cm – und nicht 63,5 cm. So ist auch diese Annahme falsch und vor allem von Sy ungeprüft übernommen worden.

Auch sehr interessant ist seine Idee, dass das Sonnensystem im Gang des Grabes (?) dargestellt worden sein soll. Sy zeigt dazu auf S. 141 einen Plan dieses Ganges. Auf der südlichen Seite des Ganges seien neun dekorierte Steine angeordnet, die unseren Planeten entsprächen. Sy zufolge geht der Plan auf O’Kelly zurück, doch findet man in dessen Buch einen anderen Plan. Dort sind nämlich zehn dekorierte Steine zu sehen und nicht nur neun!

Aber der Autor hat sogar ein noch sensationelleres Wissen aus der Anlage von Newgrange herausgelesen: die Lichtgeschwindigkeit! Man hat herausgefunden, dass an der Wintersonnenwende, also an jedem 21. Dezember, Lichtstrahlen durch die sog. „roof box“ – einer Dachöffnung über dem Eingang – ins Innere des Ganges dringen. Der Lichtstrahl ist etwa 17 cm groß und erreicht den hintersten Stein des Ganges. Das Lichtschauspiel dauert etwa 17 Minuten.

Nun hat Sy ausgerechnet: das Licht braucht 16 Minuten und 35 Sekunden um von der Sonne zur Erde und zurück zu gelangen – also gerundet etwa dieselbe Dauer wie das Lichtwunder in Newgrange! Doch hat auch diese Rechnung einen Haken. Der Lichtstrahl war früher ungefähr 23 cm breiter als heute. Schuld an der Veränderung sind zwei Orthostaten, die in den Gang hinein ragen, sodass der Strahl schmaler wurde (vgl. J. Patrick (1974): „Midwinter sunrise at Newgrange“, in: Nature Bd. 249, S. 519). Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass das Schauspiel früher länger dauerte – somit ist auch diese „Entdeckung“ dahin.

Insgesamt gesehen ist dies ein Buch, das gute Ansätze wie z. B. die Idee mit der von Maßeinheiten unabhängigen Lichtgeschwindigkeit zeigt, diese Ansätze aber durch mangelnde Recherche wettmacht. Da die Berechnungen mit falschen Werten durchgeführt wurden und somit gegenstandslos sind, ist das Buch eigentlich nur für sammlerische Zwecke zu empfehlen.

Literatur

Horst Sy: Wurde Newgrange von Göttern erbaut? Untersuchung der 157 Steine der Weisen. Berlin 2000. ISBN: 3-8280-1174-8

Buchtipp zum Thema

Michael O’Kelly führte seit den sechziger Jahren ausführliche Untersuchungen des 5500 Jahre alten Monuments Newgrange durch. Seine Frau Claire untersucht die ersten Erwähnungen des Steingebäudes in der irischen Literatur, während O’Kelly selbst die Grabungsgeschichte sowie die aktuellen Ergebnisse darbietet. Das Buch enthält viele Farbtafeln und Skizzen, die einen interessanten und umfangreichen Eindruck von Newgrange vermitteln. Es wird durch einen ausführlichen Anhang mit verschiedenen von Fachmännern verfassten Artikeln, einer Bibliographie sowie einem Register abgerundet.

Michael O’Kelly: Newgrange. Archeology, Art and Legend. London 1995. ISBN: 0-5002-7371-5