Erneut wartet das Badische Landesmuseum mit einer Ausstellung auf, die aufhorchen lässt: Diesmal widmen sich die Karlsruher dem untergegangenen Karthago, das in der traditionellen Geschichtsschreibung sein Dasein als Konnotation zur römischen Geschichte fristet. Leider haben sich die Ausstellungsmacher dabei zu sehr einem antirömischen Reflex hingegeben.

Wieder ist es dem Badischen Landesmuseum in Karlsruhe gelungen, eine Ausstellung zu präsentieren, die aufhorchen lässt: „Hannibal ad portas – Macht und Reichtum Karthagos“ stellt das alte Karthago in den Mittelpunkt des Interesses. Nach Ausstellungen zum Orakel von Delphi oder zur minoischen Kultur findet damit eine erfolgreiche Ausstellungstradition ihre Fortsetzung.

Auf einer ganzen Etage werden dem Besucher die Geschichte Karthagos, seine Anfänge, sein Alltagsleben, seine Religion, seine Machtentfaltung und sein schließlicher Untergang nahegebracht. In Zusammenarbeit mit dem tunesischen Staat wurden wieder zahllose Exponate zusammengeführt, die noch nie in dieser umfassenden Gesamtschau zu sehen waren.

Highlights der Ausstellung sind z.B.

  • Zahlreiche Zeugnisse der phönizischen Schrift, der Vorläuferin des griechischen Alphabets.
  • Eine Münzsammlung mit aussagekräftigen Münzbildern.
  • Eine byzantinische Handschrift des Periplous des Karthagers Hanno, von dem die erste Reisebeschreibung entlang der westafrikanischen Küste stammt.
  • Ein Modell des Kriegshafens Karthagos.
  • Der Rammsporn eines karthagischen Kriegsschiffes.
  • Die Rekonstruktion einer Stätte mutmaßlicher Kinderopfer („Tophet\“).
  • Mehrere Prunksarkophage.

Unglücklicherweise leidet die Ausstellung unter einer nicht zu übersehenden Schwäche: Das Bild Karthagos wird schönfärberisch gezeichnet. Der in antiken Schriften durchgängig belegte karthagische Brauch der Kinderopfer wird allzu leicht beiseite geschoben. Über Greueltaten im Namen Karthagos wird kein allzu offenes Wort verloren. Die rücksichtslose Verfolgung der Interessen Karthagos als Seemacht wird genauso wenig thematisiert wie z.B. die überaus brutalen Strafmethoden, etwa die Häutung von Delinquenten.

Demgegenüber wird Rom in ein unverdient schlechtes Licht gestellt. Zunächst ganz einfach dadurch, dass es in dieser Ausstellung kaum vorkommt, obwohl es der Hauptgegner Karthagos war. Der einzige ins Auge fallende Bezugspunkt ist der bekannte Ausspruch Catos „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“, der von einer Schilderung des Polybios über das Wüten römischer Soldateska umrahmt wird – die Anspielung ist so klar wie falsch.

Hier zeigen sich auch Widersprüche zwischen Ausstellungstexten und dem Ausstellungskatalog: Während die Ausstellung hervorhebt, antike Autoren hätten sich schwer getan, eine Rechtfertigung für die Zerstörung einer völlig wehrlosen Stadt zu geben, verschweigt der Katalog keineswegs, dass Karthago erneut umfangreiche Rüstungen betrieben hatte; von strategischen Gründen für die Zerstörung Karthagos allerdings auch hier kaum ein Wort.

Mögliche Implikationen auf den Fortgang der Geschichte, den ein Sieg Karthagos oder eine weitere Rivalität Karthagos mit Rom gehabt hätte, werden nicht in Erwägung gezogen. Die besondere Rolle Roms bei der Vermittlung und Erhaltung griechischen Geistes für die Nachwelt wird ausgeblendet, während die orientalischen Aspekte der karthagischen Kultur keine Problematisierung erfahren.

Die gestiegene Zahl der Führungen für angemeldete Gruppen mindert den Genuß der Ausstellung ebenfalls. Inzwischen ist das Landesmuseum dazu übergegangen, Führungen mit modernster Technik auszustatten: Der Führer spricht leise in ein Mikrofon, die Mitglieder seiner Gruppe hören ihn über ein Headset. Auf diese Weise können nun mehrere Gruppen gleichzeitig durch die Räume geschleust werden, da sich die Führer der einzelnen Gruppen nicht mehr gegenseitig ins Wort fallen. Der Nachteil ist, dass die Räume noch überfüllter geworden sind, als man dies bei vergangenen Ausstellungen schon gewohnt war. Tip: Möglichst früh am Tag kommen!

Interessierte Besucher finden natürlich wieder einen in bewährter Weise ausgestatteten Ausstellungskatalog zum Kauf vor. Außerdem wird eine interaktive Multimedia-CD angeboten. Im letzten Ausstellungsraum wird wie immer auf die Gegenwart Karthagos im heutigen Tunesien eingegangen: Im Flair des berühmten Künstlercafés „Café des Nattes“ lassen sich die Eindrücke der Ausstellung in Ruhe verarbeiten und Reiseprospekte studieren.

Wer noch nie im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe war, sei daran erinnert, dass sich hier auch Dauerausstellungen zu folgenden Themen finden, die zu sehen sich lohnt:

  • Zweistromland.
  • Ägypten.
  • Persien.
  • Griechenland.
  • Griechische Kolonisation in Süditalien.
  • Etrusker.
  • U.a.

Karlsruhe ist in jedem Fall eine Reise wert. Man versäume auch nicht, die Stadt zu genießen!

Badisches Landesmuseum Karlsruhe
www.landesmuseum.de

Eintritt 8,-
Katalog, 400 S., EUR 27,90
Dauer der Ausstellung: 25.09.2004 – 30.01.2005

Bildnachweis: Ausstellungskatalog.