Das dramatische Schicksal der Insel Atlantis zählt zu den großen Erzählungen der Weltliteratur wie auch zu den hartnäckigsten Rätseln der Geschichte. Spätestens seit Erscheinen des Buchs ‚Atlantis, the Antediluvian World‘ (1882) des Amerikaner Ignatius Donnelly grübelten Tausende von Autoren über der Frage, ob es ein reales Vorbild für Atlantis gab und wenn ja, was damit passierte.

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In den 1960er und 1970er Jahren schien es, als hätten sich Experten und Medien auf eine Antwort geeinigt: Demnach reflektierte die von Plato überlieferte Legende einen Vulkanausbruch auf der Insel Santorin um 1650 v. Chr. und das Ende der minoischen Kultur auf Kreta. Mittlerweile ist diese Theorie aber wieder vom Tisch und ebenso die Idee von Eberhard Zangger aus den 1990er Jahren, dass Atlantis auf Troja zurückgeht.

Ist die geheimnisvolle Insel doch nur eine didaktische Fiktion, mit der Plato seine Staatsphilosophie illustrieren wollte? Nein, denn Ende 2012 erschien bei Books on Demand (Norderstedt) ein Buch, das eine – jedenfalls für deutsche Leser – neue Verortung von Atlantis lieferte. „Atlantis and Syracuse“ ist die englische Fassung des 80-Seiten-Artikels „Atlantis och Syrakusai“, den der Altphilologe Gunnar Rudberg 1917 auf Schwedisch in der Zeitschrift „Eranos“ veröffentlichte. Darin arbeitete er als erster Forscher detailliert die These aus, dass die Atlantis-Erzählung geographische, soziale und politische Zustände des antiken Siziliens und seiner Metropole Syrakus widerspiegelt. Rudberg dachte besonders an die Herrschaft von Dionysios I., den Platon auf seiner ersten Reise nach Syrakus um 388 v.Chr. wohl persönlich traf, und die seines Sohnes und Nachfolgers Dionysios II. (Auf Sizilien wies auch 1980 die kanadische Altphilologin Phyllis Young Forsyth in ihrem Buch „Atlantis – The Making of Myth“ hin, das aber hierzulande weitgehend unbekannt blieb.)

Rudbergs These folgt nicht nur aus den vielen Parallelen zwischen dem historischen Syrakus und dem literarischem Atlantis, sondern auch aus Platons Biografie. Der Philosoph verfasste die Atlantis-Dialoge „Timaios“ und „Kritias“ nach seinem dritten und letzten Syrakus-Aufenthalt 361/360 v.Chr., bei dem er in die Lokalpolitik hineingeriet und nur mit Mühe das Land verlassen konnte. Es liegt nahe, dass seine Erlebnisse in Syrakus in die Fabelinsel einflossen, oder um Rudberg zu zitieren: „This city, which left him with so many bitter memories, should rightfully be able to be thought of as the opposite of his primeval Athens in terms of its ‚philosoph of power‘.“ (S. 75)

„Atlantis and Syracuse“ erörtert zunächst Platons Bericht vom idealisierten Ur-Athen und seinem atlantischen Gegenstück und stellt danach die einzelnen Schulen der Forschung vor. Seine eigene Position macht Rudberg auf S. 44 klar: „Critias with its Atlantis sections, and the introduction to Timaeus, are a poem by Plato.“ Er fragt aber auch: „If the ideal republic has borrowed traits from a real source (sprich Athen, R.B.), one would hope to see traits from another source in its opposite… Does such a model exist?“

Die Antwort ist Syrakus auf der Höhe seiner Macht, und ab S. 54 untersucht Rudberg die topographischen und architektonischen Ähnlichkeiten zu Atlantis. Er verweist außerdem auf den politisch-moralischen Verfall des sizilianischen Stadtstaates, der seine Entsprechung beim Ende von Atlantis findet. Das Fazit auf S. 74 lautet: „After this examination, it seems to me all but inevitable that Plato, when developing this portrayal of Atlantis, had the Dionysians’ Syracuse in mind.” Es folgt eine sprachliche Analyse der späten Dialoge Platons und seines Siebten Briefes, dessen Echtheit Rudberg voraussetzt. Abgeschlossen wird das Buch durch ein Nachwort des Herausgebers Thorwald C. Franke, das vor allem auf die Wirkungsgeschichte von Rudbergs Aufsatz eingeht.

„Atlantis and Syracuse“ ist sicher nicht das letzte Wort der Exegese, und Atlantis-Fans werden Lücken in der Entstehungsgeschichte der Legende finden, die noch zu schließen sind. Rudbergs Studie weist aber einen Weg, um die seit 2300 Jahren andauernde Debatte in einer Weise zu beenden, die sowohl den platonischen Texten als auch dem gesunden Menschenverstand gerecht wird. Ein letzter Hinweis: Eine wichtige wissenschaftliche Quelle für den schwedischen Altphilologen war das Buch „Die Stadt Syrakus im Alterthum“ von Bernhard Lupus et al. aus dem Jahr 1887. Dieses Werk ist auf der archive.org-Seite online verfügbar und sollte als herausragende Ergänzung zu „Atlantis and Syracuse“ unbedingt mitgelesen werden.

Gunnar Rudberg            Atlantis and Syracuse
120 Seiten      Books on Demand (Norderstedt)    PB 19,80 €
ISBN-10: 384822822X    ISBN-13: 978-3848228225