Die Paläo-Seti geht von der These aus, dass, sollten Außerirdische einst die Erde besucht haben, sie von den Menschen aufgrund ihrer unbegreiflichen Technologie nur als Götter erkannt worden sein konnten. Auf diese Weise sollen neue Religionen und Mythen initiiert worden sein. Erich von Däniken bezeichnete dieses postulierte Verhalten als „Götterschock“. Bei dieser These wird sich oftmals auf verschiedene Zivilisationskontakte berufen, von denen die melanesischen Cargokulte die wahrscheinlich berühmtesten sind.

Einleitung:

Die Paläo-Seti geht von der These aus, dass, sollten Außerirdische einst die Erde besucht haben, sie von den Menschen aufgrund ihrer unbegreiflichen Technologie nur als Götter erkannt worden sein konnten. Auf diese Weise sollen neue Religionen und Mythen initiiert worden sein. Erich von Däniken bezeichnete dieses postulierte Verhalten als „Götterschock“ [1]. Bei dieser These wird sich oftmals auf verschiedene Zivilisationskontakte berufen, von denen die melanesischen Cargokulte die wahrscheinlich berühmtesten sind.

Doch ist diese These tatsächlich zutreffend? Weisen unsere Kenntnisse über das unvermittelte Aufeinandertreffen einer technisch überlegenen Kultur mit einer technisch weniger fortschrittlichen Kultur tatsächlich in diese Richtung? Eine kritische Überprüfung dieser These der Paläo-Seti macht eine Abänderung dieser dringend Notwendig, wie folgende Beispiele aufzeigen sollen.

Hinweise aus den melanesischen Cargokulten:

Cargokulte sind ein melanesisches Phänomen, der Begriff bezeichnet Kulte, die nach dem Zivilisationskontakt mit den Europäern, Amerikanern und Japanern im vorletzten und letzten Jahrhundert entstanden und dessen vornehmliches Ziel das Erlangen der selben Reichtümer wie das der Fremden war (daher: Cargo = Güter oder Fracht). [2]

Ein häufiger Bestandteil dieser Kulte war das Kopieren fremder Technologie als Analogieschluss, so wurden als bekanntes Beispiel etwa Flugzeuge und ganze Landebahnen von den Eingeborenen nachgebaut, in der Hoffnung, die Ahnengeister würden die Reichtümer jetzt auch zu ihnen bringen. [3]

Eine aus den bekannten Fällen errechnete Statistik ergab sogar, dass es in 85 % der Cargokulten zu einem so genannten Imitationszauber kam. [4]

Ein häufig erwähnter Fall aus den Cargokulten als Beweis für die Annahme, durch solche Kontakte würden neue Götterglauben initiiert werden, ist der berühmte John Frum Kult. Und tatsächlich scheint genau dies auf dem ersten Blick auch der Fall zu sein. 1940 begannen viele Einwohner Tannas, einer Insel die zu den Neuen Hebriden gehört, an einen mysteriösen Messias namens John Frum zu glauben und daran, dass durch ihn in naher Zukunft die Heilszeit anbrechen werde. Die ab 1941 vermehrt über Tanna kreisenden Flugzeuge hielt man dann auch für die ersten Cargovermittler. [5]

Der bekannte Paläo-Seti-Autor Walter-Jörg Langbein machte sich 2004 auf Tanna persönlich ein Bild von diesem Kult. Noch heute wird der John Frum Kult dort fortgeführt, amerikanische Flaggen gehisst, „Militärtänze“ aufgeführt und die Eingeborenen malen sich noch heute die Initialen USA auf den Rücken (in früheren Zeiten wurde es sogar noch tätowiert). [6]

Doch wer war dieser John Frum? Laut Walter-Jörg Langbein handelte es sich bei ihm um einen amerikanischen Soldaten, den es um 1940 auf die Insel verschlug, wo er sich vermutlich als „John from USA“ vorstellte. Langbein vermutet, John Frum hätte den Eingeborenen Geschenke mitgebracht und wäre nach seinem Verschwinden als Messias oder Gottheit verehrt worden. [7]

Ist das also der Beweis? Ein Amerikaner wurde offensichtlich für einen Gott gehalten, eine neue Religion entstand. Doch ganz so ist es in Wirklichkeit nicht. Vielmehr wurde John Frum als Inkarnation des Gottes Karaperamun angesehen, der schon seit Alter her auf Tanna angebetet wurde. [8] Aber nicht nur das, daran das John Frum tatsächlich ein amerikanischer Soldat war, wird von einigen sogar gezweifelt, vielmehr wird in ihm eine rein fiktive Gestalt gesehen, was durch einige Betrüger noch gestützt wird, die sich in der Anfangszeit des Kults selbst als John Frum ausgaben. [9]

Aber sei es denn. Selbst wenn es sich bei John Frum um einen amerikanischen Soldaten gehandelt haben sollte, war er eben nur die Inkarnation einer lokalen Gottheit. Es wurde kein neuer Götterglauben initiiert, vielmehr fand ein integrieren des gesehenen in eine schon vorhandene Religion statt, was auch daran zu erkennen ist, dass es offensichtlich keinen eigenen „John Frum-Mythos“ oder etwas in diese Richtig gibt. Ein solcher neu entstandener Mythos wäre aber zu erwarten, würden durch Zivilisationskontakte völlig neue Religionen entstehen. Als weiteres Beispiel hierfür innerhalb der melanesischen Cargokulte, kann der Mansrenmythos angesehen werden.

Der alte Mansrenmythos erzählt die Geschichte des alten und runzligen Mansren, der den Morgenstern einfing und diesen gegen dessen Freiheit auf einem Zauberstab und eine Frucht erpresste. Mit dem Zauberstab würde alles, was er mit diesem auf den Boden zeichnete Wirklichkeit werden, und mit der Frucht konnte Mansren eine Frau schwängern, in dem er sie damit bewarf. Und genau das machte er auch. Als ihm auf dem Rückweg nachhause eine junge Frau begegnete, bewarf er sie mit der Frucht, woraufhin sie tatsächlich schwanger wurde. Die wütenden Verwandten erfuhren erst wer der Vater ist, als das neugeborene Baby plötzlich zu sprechen begann und Mansren identifizierte. Daraufhin zogen alle Dorfbewohner an einen anderen Ort und ließen Mansren, seine neue Frau und das Kind zurück. Da Mansren merkte, dass er zu alt für eine so junge Frau war, ließ er sich von einem Feuer verzehren. Er trat als junger Mann mit glatter Haut aus dem Feuer.

Die Familie segelte dann aufs offene Meer hinaus, wo Mansren dann mit seinem Stab verschiedene Inseln erschuf. Nachdem er verschwunden war, sehnten sich die Menschen aber seine Wiederkehr herbei, weil dann das goldene Zeitalter anbrechen würde.
Im Zuge des Zivilisationskontaktes mit den Europäern wurde der Mythos später abgeändert, so trat er plötzlich nicht nur jung, sondern auch als Weißer aus dem Feuer hervor, und weiter heißt es in einigen Versionen, wäre er sogar nach Holland verschwunden, wo er den Weißen schon das goldene Zeitalter brachte. [10] Also auch hier wurde der Zivilisationskontakt wieder in die alte Mythologie integriert, als offensichtlicher Versuch, sich diese neuen Erfahrungen begreiflich zu machen. Doch es gibt noch weitere Beispiele außerhalb der Cargokulte.

Kapitän Cook auf Hawaii:
1778 entdeckte der berühmte englische Seefahrer James Cook die Insel Hawaii auf seiner dritten und letzten großen Weltumsegelung. Schon als seine Schiffe sich am 26. November der Küste näherte, kamen die ersten Eingeborenen in Kanus zu ihnen gefahren. Wenige Tage später, so schreibt Cook in seinem Logbuch:

„kamen mehrere Kanus hinaus zu den Schiffen, deren meiste einem Häuptling namens Terryaboo gehörten, welcher höchstselbst in einem von ihnen ankam; er machte mir der kleinen Schweine zwei oder drei zum GeschenkeÂ…“ [11]

Was bei Cook noch recht harmlos und nüchtern klingt, war ein riesiges Spektakel. Hunderte von Menschen warteten ehrfürchtig am Strand und murmelten Beschwörungen vor sich hin, von den Priestern wurde Cook sogar zu einem Heiligtum geführt und ein Ritus an ihm vollzogen, wie James King berichtet, der Cooks Logbuch nach dessen Tod vollendete. King schreibt unter anderem, als ein Priester der Eingeborenen Cook auf seinem Schiff besuchte:

„Sobald er in die Kabine geführt ward, näherte er sich Cook mit allen Anzeichen der Verehrung und warf über seine Schultern ein Stück roten Tuches, welches er mit sich gebracht. Sodann ging er einige wenige Schritte zurück und bot ein kleines Schweinchen an, welches er in seiner Hand hielt, zu demselben Zeitpunkte begann er eine Rede, welche eine geraume Zeit andauerte. Diese Zeremonie war des Öfteren wiederholt worden während unseres Bleibens auf Owhyhee, und es erschien uns aus gar manchen Gründen, als sei dies eine Art religiöser Anbetung.“ [12]

Aber was war hier los? Die Hawaiianer hielten Cook tatsächlich für einen Gott. Aber nicht für irgendeinen, sondern für den Gott Lono, der auf anderen Inseln auch als Rongo bekannt war. Lono war für die Hawaiianer der Gott des Ackerbaus, der seine Frau aus Eifersucht zu Tode prügelte und dann mit seinem Kanu davon fuhr, nicht aber ohne zu versprechen, dermaleinst auf einer nahrungsreichen und fruchtbaren schwimmenden Insel zurückzukehren. [13]

Pikanterweise kam Cook vermutlich genau zu dem Zeitpunkt, als auf Hawaii das Makahiki-Fest gefeiert wurde, die symbolische Rückkehr Lonos. Hinzu kommt, dass an diesem Tag ein stilisiertes Abbild von Lono, in Form eines aufrechten Pfahles mit Querbalken und von diesem herabhängenden Bändern und Federkränzen von einem Priester um die Insel getragen wurde. [14]
Da ist es nicht mehr fern zu einem Analogieschluss mit den gewaltigen Schiffen mit ihren langen Masten und Segeln, die sich plötzlich der Insel näherten.

Erstaunlicher Weise war es auch genau diese Götterverwechslung, der Cook am Ende unter Verstrickung vieler ungünstiger Umstände zum Opfer fiel und zu seinem Tod führte.

Nicht nur, dass die Seeleute die offensichtliche Verehrung die Cook und den anderen zu Teil wurde, schamlos ausnutzten, viel sexuellen Verkehr mit den einheimischen Frauen hatten und sich nur allzu frei mit Vorräten für die Schiffe ausstatten, nein, Cook beging auch den großen Fehler, einen Matrosen der an Bord verstarb, auf der Insel zu beerdigen. [15]

Dies wird die Hawaiianer zum Nachdenken gebracht haben. Können Götter eigentlich sterben?

Vorerst lief aber alles glimpflich ab. Cook segelte mit seinen Schiffen nach 16 Tagen Aufenthalt ohne dramatische Ereignisse wieder davon. Diese stellten sich erst Unterwegs ein, als sich herausstellte, dass an den beiden Schiffen Resolution und Discovery unbedingt Reparaturarbeiten ausgeführt werden mussten. Also drehten die Schiffe nach 3 Tagen um, um noch einmal Hawaii anzulaufen.

Holzfigur von den Gambier-Inseln.

Abb. 1: Holzfigur von den Gambier-Inseln, die den Gott Rongo/Lono darstellt. (Zeichnung: André Kramer nach Abbildung bei Poignant)

Entgegen den Erwartungen wurden Cook und seine Männer dieses Mal aber nicht mehr so freundlich aufgenommen. Im Gegenteil, es kam vermehrt zu Diebstählen, was Cook zu einem folgenschweren Fehler veranlasste. Wie er es auf anderen Inseln schon so oft getan hatte, wollte er auch dieses Mal wieder einen Häuptling ergreifen und somit die gestohlenen Gegenstände freipressen, dabei kam es aber zu einem Eklat am Strand, bei dem Cook, umringt von hunderten Eingeborenen begann mit seiner Muskete um sich zu schießen.

Die Hawaiianer stürzten sich auf Cook und seine Männer, von denen einige sich noch in die rettenden Boote flüchten konnten. Cook aber ging, von einem der Messer verletzt, die er selbst an die Eingeborenen verkaufte, in der Menge unter und kam zu Tode. [16] Doch der „sterbliche Gott“ war entgegen der lang erhaltenen Meinung der Wissenschaftler scheinbar nicht der erste Europäer der Hawaii einen Besuch abstattete. Erich von Däniken druckte in einem seiner Bücher das Bild einer Steinplastik aus Hawaii ab, welche Heute unter der Inventarnummer VI 7287 im Völkerkundemuseum in Berlin zu sehen ist. [17]

Diese Steinplastik stellt offensichtlich einen Menschen mit Perücke und Halskrause dar.

Im Museum selbst steht unter der Plastik:

„Steinernes Abbild eines Gottes, vielleicht auch einen Europäer darstellend.“

Die Halskrause erinnert tatsächlich an die, welche in Spanien im 16. Jahrhundert getragen wurden, während der Zopf eine Perücke darstellen könnte, wie sie zu Zeiten Cooks in Mode war. [18]

Steinplastik aus dem Völkerkundemuseum Berlin.

Steinplastik aus dem Völkerkundemuseum Berlin.

Abb. 2 und 3: Steinplastik aus dem Völkerkundemuseum Berlin. Stellt sie einen Europäer dar? Deutlich zu erkennen sind die Halskrause und der vermeintliche Zopf.

Einen Beweis für einen Europäer, der als „neuer“ Gott verehrt wurde, haben wir hier also auch nicht. Zum einen lässt er sich keiner bestimmten Epoche zuordnen, da die Merkmale vereint nicht zusammenpassen, als die Halskrausen in Mode waren, trug man keine Perücken mit Zöpfen und umgekehrt trug man zur Perücke keine Halskrause mehr, und selbst wenn die der Fall wäre, ließe sich nicht ausschließen, dass es sich nicht wieder um eine Identifizierung mit einer lokalen Gottheit gehandelt hat.

Von Mexiko zu den Philippinen:

Aber auch außerhalb der ozeanischen Inseln gab es Zivilisationskontakte. Doch auch diese weisen wieder in dieselbe Richtung. Als berühmtestes Beispiel hierfür könnte wohl das aufeinanderprallen der Spanier unter Cortés mit den Azteken genannt werden. Auch in diesem Fall kam es zu einer folgenschweren Götterverwechslung. Eine Legende um den Hauptgott der Azteken Quetzalcóatl, die geflügelte Schlange, berichtet nämlich davon, dass dieser im betrunkenen Zustand mit der eigenen Tochter schlief, um sich darauf hin aus Scharm selbst zu opfern, nicht jedoch ohne das Versprechen, eines Tages als Bärtiger aus dem Osten zurückzukehren. [19]

Als dann der ebenfalls bärtige Hernando Cortés 1518 tatsächlich über den atlantischen Ozean, Mittelamerika aus dem Osten erreichte, wurden die schon vom weiten sichtbaren Schiffe dem letzten Aztekenherrscher Moctezuma als „sich bewegende Berge“ beschrieben. [20]

Der strengreligiöse Moctezuma hielt Cortés Anfangs tatsächlich für den zurückgekehrten Gott Quetzalcóatl und leitete damit ungewollt den Untergang des mächtigen Aztekenreichs ein, so liest man es noch heute in vielen populären Darstellungen. Aber, schon lange ist Kritik an dieser Darstellung laut geworden. 1980 erscheint ein Aufsatz des Autoren Werner Stenzel, in dem die Geschichte von der Verwechslung von Cortés mit Quetzalcoatl in Frage gestellt wird. [21]

Die spanischen Quellen selbst sprechen zum Beispiel gar nicht von einer solchen Verwechslung, wenngleich die Azteken die Fremden zu Beginn offenbar für magische Wesen hielten. Eine Einschätzung die nur kurz anhielt. Den einzigen Hinweis in diese Richtung aus spanischer Sicht erhalten wir durch die von den Spaniern überlieferte angebliche Begrüßungsrede Moctezumas an Cortés nach seinem Einzug in die aztekische Hauptstadt Tenochtitlan 1590. Mocetezumas Worte sollen gewesen sein:

„Seit langem haben wir durch die Schriften unserer Vorfahren Kenntnis davon, dass weder ich noch alle Bewohner des Landes von hier stammen, sondern Fremde sind, die aus fernen Gegenden hierher kamen. Wir wissen ferner, dass ein Herrscher, dessen Untertanen alle waren, unser Volk hierher geführt hat. Erging in seine Heimat zurück und kehrte erst nach langer Zeit wieder. In der Zwischenzeit hatten sich die Zurückgelassenen mit den einheimischen Frauen verheiratet, viele Nachkommen gezeugt und Ortschaften gegründet. Al er sie mit sich fortzuführen gedachte, weigerten sie sich und wollten ihn nicht einmal mehr als Herr anerkennen. Und so ging er wieder fort. Wir haben stets geglaubt, dass seine Nachkommen einst kommen würden, um dieses Land zu unterwerfen. Nach der Gegend, aus der ihr, wie ihr sagt, stammt, nämlich der des Sonnenaufgangs, und nach Euren Berichten über den großen Herrn oder König, der euch entsandt hat, glauben wir und halten es für gewiss, dass er unser angestammter Herr ist, besonders da er, wie er berichtet, schon lange Kunde von uns hat. Und deshalb könnt ihr sicher sein, dass wir euch gehorchen und als seinen Stellvertreter anerkennen werden. Ihr mögt denn nach eurem Belieben in meinem Reiche befehlen, und es wird befolgt werden, und alles, was wir haben, steht zu eurer Verfügung.“ [22]

In dieser Rede wird aber an keiner Stelle von einer Verwechslung mit einer Gottheit, geschweige denn Quetzalcoatl gesprochen, sondern lediglich von einer Herrschaftslegitimität. Vermutlich ist hier auch das Motiv für die Ansprache zu sehen. Überliefert wurde sie uns von den Spaniern, und es ist zu vermuten, dass sie, wenn sie nicht komplett gefälscht ist, so doch zumindest so weit abgeändert wurde, dass sie sich als Legitimation für einen Herrschaftsanspruch der spanischen Krone an dem Land der Azteken eignet.

Und die Legende von der Wiederkehr des bärtigen Quetzalcoatl? Diese Legende ist uns tatsächlich in einer aztekischen Schrift überliefert, dem Florentiner Kodex. In diesem heißt es:

„Das dritte Kapitel handelt von der Geschichte
Quetzalcouatls, der ein großer Zauberer
War:
Wie er König war,
und was er tat, als er ging.
Quetzalcouatl hielt man gleichsam für einen
Gott,
er wurde für einen gehalten, als Gott angebetet,
und zwar schon vor alter Zeit, in Tollan.
(Â…)
Man sagt, dass er immer in Decken gehüllt, das
Gesicht mit Decken verhüllt dalag,
und man sagt, dass er sehr hässlich war.
Sein Gesicht war nur wie ein großer Klotz,
ohne menschliche Bildung,
und sein Bart sehr lang und groß.
(Â…)“ [23]

Der Florentiner Kodex stammt aus dem Jahr 1550, als fast 30 Jahre nach der Eroberung Tenochtitlans dir Cortés und seine Männer. Hier wird auch als einzige Originalquelle von der Verwechslung Cortés mit Quetzalcoatls berichtet. Aber als Beweis dafür, dass eine solche Verwechslung tatsächlich stattfand, kann der Florentiner Kodex nicht gewertet werden, da er weder eine ursprüngliche Wiedergabe des Mythos um Quetzalcoatls ist, noch eine zeitgenössische Darstellung der Eroberung Mexikos. Vielmehr scheint es sich hierbei um eine Verarbeitung der Ereignisse zu handeln. Eine Verarbeitung in der sich der Untergang der eigenen Kultur nur durch eine solche verhängnisvolle Verwechslung erklärt werden konnte. Zumindest erscheint diese These durch das Fehlen anderer Quellen nahe liegend zu sein.

Doch auch im weit entfernten Regenwald der Philippinen finden wir ein interessantes Beispiel für eine Götterverwechslung.

In den 1970er Jahren kamen erste Berichte über einen wohlmöglich bislang völlig unbekannten und evtl. schon Jahrhunderte lang völlig isoliert auf einer paläolithischen Kulturstufe als Nahrungssammler lebenden Stamm auf. Die Angehörigen dieses Stammes bezeichneten sich selbst als die Tasaday. [24]

Die Organisation PANAMIN (Privat Accociation for National Minorities), die sich (allerdings nicht ohne dabei auf Kritik zu stoßen) für die Bedürfnisse der Eingeborenen auf den Philippinen einsetzte, nahm unter Federführung ihres Vorsitzenden Manuel Elizalde Jr. Kontakt zu diesem Stamm auf. Auf anfänglich nur zögernde Kontakte folgte dann eine tiefe Vertrautheit zwischen Elizalde und den Tasaday, was offensichtlich auch darin begründet war, dass die vermeintlichen Steinzeitmenschen in Elizalde den „Momo Dakel Diwata Tasaday“ sahen, einer mythischen Gestalt, dessen Ankuft ihnen von ihren Ahnen überliefert wurde und was in etwa bedeutet „großer oder großartiger Menschengott der Tasaday“. Ein Name den Elizalde von da an bei den Tasaday auch trug. [25]

In den 80er Jahren kamen zwar Vorwürfe auf, die ganze Geschichte der Tasaday wäre erfunden und in Wirklichkeit würde es sich bei ihnen nur um die Angehörigen anderer Stämme handeln, die das Leben von Pseudosteinzeitmenschen leben würden [26], doch inzwischen ist die Echtheit der Tasaday als eigener Stamm für andere erwiesen, auch wenn frühere Vermutungen, sie hätten viele Jahrhunderte lang völlig isoliert gelebt, inzwischen etwas korrigiert werden mussten, so die Vertreter für die „Echtheit“ der Tasaday als homogener Stamm. Trotzdem haben sie scheinbar aber seit mindesten 7 Generationen (von den 70er Jahren zurückgerechnet also etwa 150 bis 200 Jahre) völlig losgelöst von anderen Stämme gelebt. [27]

Schlussfolgerungen:

Die aufgezeigten Beispiele sollten hinreichend aufgezeigt haben, dass es bei Zivilisationskontakten offensichtlich eben nicht zur Herausbildung neuer Mythen und Religionen durch das identifizieren der „Besucher“ mit überirdischen Wesen kommt, sondern das lediglich ein integrieren der Ereignisse in schon vorhandene religiöse Überlieferungen stattfindet, und dass es wenn überhaupt nur zu einer „Götterverwechslung“ kommt, indem man in den Fremden Gestalten der eigenen Mythologien erkennt. Selbst so sicher erscheinende Indizien, wie etwa die Halskrause der Stele von Hawaii können sich hierbei bei näherer Betrachtung schnell in Luft auflösen: Was aber bedeutet das für die Herangehensweise der Paläo-Seti an mythologische Schriften? Auf dem ersten Blick nicht viel. Die Paläo-Seti sucht nach vermeintlichen Anachronismen in Mythologien, hinter denen sie evtl. stilisierte technische Beschreibungen aus einem frühen Kulturkontakt mit den Vertretern einer außerirdischen Zivilisation verbergen könnten.

Wenn gleich man immer versichert, es gehe darum den „Kern“ eines Mythos freizulegen um „ihren wahren Gehalt zu erforschen“ [28], findet in Wirklichkeit in der einschlägig bekannten Paläo-Seti-Literatur doch immer wieder etwas anderes statt. Die Grundthematik des Mythos an sich wird als Referenz verwendet, es werde keine möglichen Änderungen oder Einschübe die evtl. durch einen frühen Kulturkontakt ausgelöst wurden herausgesucht, sondern das grundlegende des Mythos wird als Indiz herangezogen. Schöpfungsgeschichten werden als Hinweise auf eine Beeinflussung der menschlichen Entwicklungsgeschichte durch Außerirdische gewertet, das Verschwinden von Göttern in den Mythen wird dahingehend gedeutet, dass Wiederkunftserwartungen durch die Abreise weit fortgeschrittener Alienzivilisationen tradiert wurden usw.

Unsere Erfahrungen mit in geschichtlicher Zeit stattgefundenen Zivilisationskontakten zeigen aber etwas anderes: Der Mythos an sich existierte bereits, ja, musste bereits existieren, als Grundlage der Menschen, sich die Welt um sie herum zu erklären, er wurde durch die „Besuche“ Fremder lediglich beeinflusst und in bestimmten Fällen leicht abgeändert.

Sollte es in der Vergangenheit Kontakte zu außerirdischen Zivilisationen gegeben haben, müssten sich vermutlich ähnliche Anachronismen wie die in diesem Artikel aufgezeigten in den Mythen finden lassen. Hierzu müssen diese aber vor allem unter Berücksichtigung ihres kulturhistorischen und religionsgeschichtlichen Hintergrundes untersucht und analysiert werden. Ein Verfahren, das in der Paläo-Seti bislang nicht zu Genüge angewandt worden ist, dass aber Helfen sollte, die tatsächliche Spreu vom Weizen zu trennen.

Anmerkungen

[1] Däniken 1992
[2] Hirschberg 1965, S. 66-67
[3] Worsley 1973, S. 286
[4] Steinbauer 1971, S. 121
[5] Steinbauer 1971, S. 87-90
[6] Langbein 2005, S. 18-23
[7] Langbein 2005, S. 18-23
[8] Steinbauer 1971, S. 87
[9] Steinbauer 1971, S. 87-90
[10] Worsley 1973, S. 177 – 185
[11] Cook 2005, S. 295
[12] Cook 2005, S. 304
[13] Poignant o.J., S. 34 – 35
[14] Poignant o.J., S. 34 – 35
[15] Horwitz 2006, S. 579 – 580
[16] Horwitz 2006, S. 589 – 594
[17] Däniken 1992, S. 24
[18] Wernhast 1972, S. 97 – 103
[19] Jones/Molyneaux 2002
[20] Davies 1973, S. 217
[21] Stenzel 1980, S. 7-91
[22] Zitiert in: Hartau 1994, S. 60-63
[23] Die Übersetzung des Florentiner Kodex in: (Übersetzung aus dem Aztekischen) Seler 1926
[24] Nance 1979, S. 18-19
[25] Nance 1979, S. 54
[26] http://de.wikipedia.org/wiki/Tasaday, Stand: 06.03.2007
[27] http://www.jenskleemann.de/wissen.php4?p=t/ta/tasaday.html, Stand: 06.03.2007
[28] Fiebag 2006, S. 24-25

Abbildungen

Zeichnungen und Fotos – André Kramer

Literaturverzeichnis

Cook, James (2005): Entdeckungsfahrten im Pazifik. Die Logbücher der Reisen 1768 – 1779. Lenningen

Davies, Nigel (1973): Die Azteken. Düsseldorf

Däniken, Erich von (1992): Der Götterschock. München

Fiebag, Peter (2006): „Die Minimenschen von Flores“, in: Sagenhafte Zeiten 3/2006, S. 24-25

Hartau, Claudine (1994): Hernando Cortés. Reinbek bei Hamburg

Hirschberg, Walter – Hrsg. (1965): Wörterbuch der Völkerkunde. Stuttgart

Horwitz, Tony (2006): Cook. Die Entdeckung eines Entdeckers. München.

Jones, David M. und Brian L. Molyneaux (2002): Die Mythologie der Neuen Welt. Die Enzyklopädie über Götter; Geister und mythische Stätten in Nord- Meso- und Südamerika. Reichelsheim. S. 132-133

Langbein, Walter-Jörg (2005): „Der John Frum-Kult und die Götter der Südsee“, in: Sagenhafte Zeiten 5/2005, S. 18-23

Nance, John (1979): Tasaday. Steinzeitmenschen im philippinischen Regenwald. München

Poignant, Roslyn (o.J.): Ozeanische Mythologie. Polynesien, Mikronesien, Melanesien, Australien. Wiesbaden

Seler, Euduard (1926): Fray Bernardino De Sahagun. Stuttgart

Steinbauer, Friedrich (1971): Melanesische Cargokulte. Neureligiöse Heilsbewegungen in der Südsee. München

Stenzel, Werner (1980): „Quetzalcoatl von Tula. Die Mythogenese einer postkortesischen Legende“, in: Zeitschrift für Latainamerika Nr. 18 1980. S. 7-91

Wernhast, Karl R. (1972): „Gedanken um die Steinplastik“, in: Baessler Archiv Beiträge zur Völkerkunde Ethnologisches Museum Berlin. Berlin 1972, S. 97 – 103

Worsley, Peter (1973): Die Posaune wird erschallen. Cargokulte in Melanesien. Frankfurt am Main