Die sogenannten Ley-Lines werden seit Jahren in alle möglichen Richtungen gedeutet. Ulrich Magin gibt in seinem Artikel einen kurzen Überblick über das weltweite Phänomen und zeigt dabei dessen vermeintliche Ursprünge auf.

Heilige Linien in der Landschaft und ihre Bedeutung

Immer wieder weisen Autoren (z.B. Erich von Däniken in seinem Buch ‚Die Steinzeit war ganz anders‘) darauf hin, dass alte Kultstätten auf den sogenannten Ley-Lines liegen, geraden Zonen, die vielleicht astronomische Fixierlinien von Priesterastronomen oder Flugrouten von Außerirdischen sind. Dabei handelt es sich um einen Versuch, das Unerklärliche mit dem Unerklärlichen begreifbarer zu machen.

Ursprünglich aber war ein Ley nur eine gedachte Linie, die Kirchen, Menhire und Kultplätze verband, und die ungeachtet der Topographie quer über Berg und Tal zog. Da über Leys so viele New Age-Phantastereien und prä-astronautische Spekulationen im Umlauf sind, aber nur wenige seriöse, archäologisch auch fundierte Arbeiten, will ich versuchen, hier einen kurzen Überblick über meine Erkenntnisse zu dem weltweit zu beobachtenden Phänomen der Leys zu geben.

Die Erklärungen, was Leys sein sollen oder sein könnten, sind vielfältig: Die einen sprechen von „Leylines“, auf denen Erdstrahlen wirksam sind, andere reden von prähistorischen Fluglinien, andere von astronomischen Sichtlinien und „prähistorischen Observatorien und Computern“. Nur wenige Autoren, so scheint es, kümmert, was die Erbauer oder Konstrukteure von Liniensystemen über ihre Absicht sagten. Wir haben – wenn auch nur in Form von Legenden – Berichte über Leys in deland sowie präzise Aufzeichnungen und zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze über „heilige Straßen“ bei den Indianern Nordamerikas, bei den Maya und Inka.

Europäische „Leys“

Nach der ursprünglichen Definition des Entdeckers der „Leys“, des Engländers Alfred Watkins, ist ein Ley eine sich kerzengerade über die Landschaft erstreckende prähistorische Handelsstraße, deren Verlauf durch einfache Steinhaufen markiert war. Spätere Generationen verehrten diese Markierungspunkte als heilige Orte und ersetzten sie durch Menhire, Steinkreise, Hünengräber, noch später durch Burgen, Kirchen, heilige Quellen und Kathedralen. Erstaunlicherweise erzählt die dee Sage von ähnlichen Straßen, die geradlinig und unsichtbar (auch Watkins Straßen sind bis auf die Markierungen nicht ausgebaut) durch die Landschaft verlaufen: den Geisterwegen.

Alfred Watkins (1855-1935)
Abb. 1: Alfred Watkins (1855-1935)

Der „Geisterweg“, berichtet der Volkskundler Mengis,

„ist immer derselbe, auf ihm begegnet man sehr oft den Geistern. Stets zieht er in gerader Linie über Berg und Tal, über Wasser und durch Sümpfe (Irrlichter!), in den Dörfern hart über die Häuser hin oder mitten durch sie hindurch. Entweder geht er von einem Friedhof aus oder endet daselbst. Diese Vorstellung hängt offenbar mit dem früher verbreiteten Brauch zusammen, die Leiche auf besonderen Totenwegen zum Friedhof zu fahren, so dass also diesem Weg dieselbe Eigenschaft zukommt wie dem Friedhof selbst, er ist ein Tummelplatz der Totengeister.“

Mengis beschreibt den Geisterweg nach Quellen aus dem 19. Jahrhundert. Einzelne Geisterwege wurden aus dem Vogtland, der Oberpfalz, der Schweiz und dem Kanton Unterwalden gemeldet.

Recht anschaulich berichtet eine Sage aus dem ostpreußischen Ragnit (litauisch: Ragaine) von einem Geisterweg, der uns zugleich einen Einblick über die abergläubige Erfurcht der Menschen vor dieser Linien berichtet. Die „Leichenflugbahn“ verband den deen mit dem litauischen Friedhof der Stadt. Sie war geradlinig, wenige Fuß breit und befand sich nur knapp über dem Erdboden.

Auf jenem Strich zwischen beiden Friedhöfen „leidet es weder Baum noch Strauch, weder Haus, noch Mauer, noch Zaun oder Hecke, denn die Toten … besuchen sich in stürmischen Nächten und fliegen in der Luft von einem Gottesacker zum anderen. Sie fliegen aber nicht hoch über der Erde, und deshalb leiden sie auch keinen nur wenige Ellen hohen Gegenstand auf ihrem Weg.“

In der Sage baut nun ein Städter, der den Einheimischen keinen Glauben schenkt, sein Haus mitten auf der Leichenflugbahn. Die Strafe folgt auf den Fuß, denn immer wieder reißen die in der stürmischen Nacht vorbeiziehenden Toten ihm das Haus ein. (Eine ähnliche Strafe ereilt Iren, die auf den fairy paths – den Koboldwegen – ihre Häuser bauen, sowie die Bauern im andalusischen Alpujarras-Gebirge, welche die Wege der hadas, der Kobolde, verbauen. In den Alpujarras sieht man Häuser, bei denen eine Ecke abgeschnitten wurde, um die Geisterwege nicht zu verstellen.) Als der Ragniter schließlich entnervt aufgab, „baute (er) sein Haus ein wenig seitab, so dass es nicht mehr in dem Strich zwischen den Gottesäckern lag. Dort hat es viele stürmische Nächte unbeschadet ausgehalten und steht heute noch.“ Ein anderer Bauherr beobachtete den Flug der Leichen und steckte ihre Bahn mit Fähnchen ab. Er vermied so, dass sein Haus niedergerissen wurde. [1]

Hier finden sich Elemente der Wilden Jagd, des Geisterumzugs zum Winteranfang, der die Herbststürme als Durchzug Wotans und der gefallenen Krieger und Ahnen erklärt, vermischt mit der Sage des vom Friedhof ausgehenden Geisterwegs. [2] Tatsächlich sind Totenwege, wie im ‚Handwörterbuch des deen Aberglaubens‘ vermerkt, noch in vielen Gegenden delands zu finden, besonders dort, wo ein zentraler Friedhof oder eine zentrale Kirche ein größeres Umland bedienten, und die jeweiligen Dorfkirchen nur Filialkirchen eines Zentrums waren, das alleine das Recht hatte, die Toten zu bestatten.

Künstlerische Darstellung der "Wilden Jagd"
Abb. 2: Künstlerische Darstellung der „Wilden Jagd“

Unter der Überschrift „Leichenweg“ führt das ‚Handwörterbuch‘ aus:

„Bis in neuere Zeit gilt vielfach die Vorschrift, dass man die Leiche auf einem bestimmten Weg (Leichenweg, Totenweg, Notweg, Kirchweg, Hellweg) zu Grabe bringen muss. Es ist der althergebrachte Weg, Hauptweg, oft auch ein besonderer nur zu diesem Zweck benutzter, von dem man nicht abweichen soll, auch wenn es kürzere Straßen gibt.“

Tatsächlich gibt es in Hessen die Vorschrift, dass nicht der „kürzeste Weg“ (also der Luftweg, eine Gerade) genommen werden darf – offenbar, damit der Geist nicht in das Haus zurückfindet, in dem er gestorben ist. Denn, wir haben es bereits mehrfach gehört, Geister bewegen sich auf geraden Wegen.

Einige Beispiele für noch erhaltene Totenwege:

Zwischen Groß- und Kleiningersheim im Landkreis Ludwigsburg führt in unregelmäßigem Verlauf ein auch im Stadtplan eingezeichneter „Totenweg“ durch die Weinberge auf den Friedhof von Großingersheim zu. Die Christen im schwäbischen Bönnigheim mussten jahrhundertelang zu der mehrere Kilometer entfernten Michaelskirche auf dem Michaelsberg bei Cleebronn wandern, wenn es um Taufe und Begräbnis ging. Die eigene Kirche St. Cyriakus war nur Tochterkirche und hatte weder Tauf- noch Begräbnisrecht. Der alte Totenweg ist nicht erhalten, sollte er sich denn im Verlauf von der modernen Straße unterschieden haben. [3]

Die topographische Karte Stromberg (Baden-Württemberg) verzeichnet bei Bahnbrücken einen unregelmäßig über den Bergrücken laufenden „Totenweg“.

Die Kirche von Aspach bei Kaiserslautern in der Pfalz war zuständig für die Einwohner der umliegenden Orte Trippstadt, Stelzenberg, Mölschbach, Hilsberg und Stüterhof.

„Alle Toten der Umgebung wurden bei der Kirche beim Aschbacherhof begraben.“ [4]

Auf der Hohen Venn führt ein „Kirchhofsweg“ von Althattlich nach Mützenich und Konzen. Auf diesem „steinernen Weg“ wurden die Toten vom Meinartzhof zum Friedhof Konzen gebracht. [5] Totenwege waren, zumindest in deland, nicht geradlinig. Das ‚Handwörterbuch‘ betont, sie sollten so umständlich wie möglich sein. Das heißt doch aber: weil sich der Geist des Toten – wie die Sagen vom „Geisterweg“ und der „Leichenflugbahn“ zeigen – geradlinig fortbewegt, kann man ihn durch Schlangenlinien verwirren und so an seiner Wiederkehr als spukender Geist hindern. Aus dem gleichen Grund schrecken Spiralen, Spinnweben und Pentagramme, die Liniengewirre bilden, Hexen und böse Geister!

Es gibt also aus deland eine erstaunlich hohe Zahl von verwandten Sagenmotiven, die von geraden Linien erzählen. Findet man auch in anderen Weltgegenden diese geraden Linien, die entweder den Ahnen oder mythischen Kräften geweiht sind?

Straßen der nordamerikanischen Indianer

In der prä-astronautischen Literatur wird hin und wieder auf die nordamerikanischen Bildhügel hingewiesen. Tatsächlich ist der ganze Osten der USA voller indianischer Ringwälle, Erdhügel in Tiergestalt, konzentrischer vieleckiger Erdwälle, dazu kommen die Ruinen riesiger Pyramidenstädte verschiedener Indianernationen aus unterschiedlichen Zeiten.

Erst kürzlich wurde entdeckt, dass die ältesten dieser Wallanlagen – wie auch die viel jüngeren Pyramidenstädte nach mexikanischem Vorbild – durch geraden Linien verbunden waren.

Mound der Hopewell-Kultur
Abb. 3: Mound der Hopewell-Kultur

Zwei geradlinige, 50 Meilen lang parallel verlaufende Erdwälle, die eine kerzengerade Straße begrenzen, verbinden die indianischen Kultanlagen von Newark und Chillicothe in Ohio. Die Erdpyramiden und -wälle wurden von den Indianern der sogenannten Hopewell-Kultur errichtet. Zuerst wurden Teile dieser Straße 1862 von James und Charles Salisbury bemerkt, heute ist nur noch ein vom Octagon State Memorial in Newark wegführendes, zwei Meilen langes Teilstück erhalten. Die konzentrischen Erdwälle von Chillicothe, deren Achse auf den nördlichsten Mondaufgangspunkt zeigt, liegen direkt in der Verlängerung dieses Teilstücks. Der Archäologe Brad Lepper hat daraufhin Luftfotos überprüft und ein weiteres Stück der geraden Linie 11 Meilen von Newark entfernt entdeckt. Dieses Ley datiert zwischen 300 v. Chr. und 500 n. Chr [6], ist also älter als die geraden, „sacbeob“ genannten Maya-Straßen.

Die Hopewell-Kultur mit ihren riesigen Erdwällen in Form konzentrischer Ringe und Vielecke und von Tieren wurde im Osten der USA abgelöst von der Mount-Builder-Kultur. Und wieder Leys: Die indianische Großstadt Cahokia, die etwa 600 n.Chr. in der Nähe des heutigen St. Louis, Missouri, gegründet wurde, bestand aus rund 100 bis zu 30 m hohen Erdpyramiden, die als Tempelplattformen dienten oder Wohnhäuser trugen. In seiner Glanzzeit (die Stadt bestand fast 700 Jahre lang) glich Cahokia einer aztekischen oder Maya-Metropole mit gewaltigen Pyramiden und Plazas.

„Cahoklia“, schreiben Peter Nabokov und Dean Snow, „war eine geplante Stadt, die an mehreren … Kreisen aus hochkant stehenden Balken, die als Observatorien dienten, … ausgerichtet war.“ [7]

Plan der Stadtanlage von Cahokia/Missouri.
Abb. 4: Plan der Stadtanlage von Cahokia/Missouri.

Die Planer von Cahokia benutzen Linien, die Pyramiden, Holzkreise und Holzpfosten miteinander verbanden, um den Standpunkt neuer Tempel und Pyramiden festzulegen: Sie befanden sich im Schnittpunkt von astronomischen Visierlinien und von durch Tempel und Pyramiden gebildeten Leys. Durch dieses Liniennetz wurde jeder sakrale Punkt der Stadtanlage symbolisch mit jedem anderen verknüpft, entsteht ein „meta pattern“, das wiederum heiligen Symbolen der Erbauer entspricht. So wie eine mittelalterliche Kathedrale das irdische Ebenbild des Himmels war, so symbolisierte der Stadtaufbau die kosmische Ordnung.

Heilige Straßen in Mittel- und Südamerika

Die Maya nannten ihre heiligen, kerzengeraden Straßen, die als erhöhte, gepflasterte Steindämme durch Urwälder und Äcker verliefen, sacbe (Plural: sacbeob). Die geraden Straßen verbanden die Hauptstädte der Mayastaaten mit ihren Satellitenstädten, waren aber „in erster Linie … Prozessions- und Pilgerwege.“ [8]

Die Inkastraßen waren ähnlich genial konstruiert wie die Maya-sacbeob, dienten allerdings militärischen und infrastrukturellen Zwecken. Doch kennen auch die Inka heilige Linien für rein zeremonielle Zwecke, die ähnlich wie Geisterwege im Gelände selbst nicht sichtbar und wie Leys durch Heiligtümer, heilige Quellen und Menhire im Gelände markiert waren.

Astronomisch ausgerichtete Mayastraße.
Abb. 5: Astronomisch ausgerichtete Mayastraße.

Der spanische Chronist Barnabé Cobo beschrieb gegen Mitte des 17. Jahrhunderts den Haupttempel Qorikancha in Cuzco als

„das Zentrum, von dem eine symbolische, geheiligte Landschaft Cuzcos, und damit des ganzen Inkareiches, in einem unglaublich komplexen, aber logisch angeordneten System von Heiligtümern ausging, die in geraden Linien angeordnet waren.“ [9]

Cobo schreibt, es gingen vom Zentraltempel Qorikancha in Cuzco

„wie von einem Zentrum verschiedene Linien aus, welche die Inkas Ceques nennen. Sie bildeten vier Teile, die den vier königlichen Straßen entsprachen, die von Cuzco ausgingen. An jedem dieser Ceques lagen der Reihenfolge nach die Heiligtümer, die es in Cuzco und seinen Distrikten gab, wie Stationen heiliger Orte, deren Verehrung allen gemeinsam war. Jeder Ceque lag in der Verantwortung bestimmter Sippen und der Familien der Stadt Cuzco, aus deren Reihen die Wärter und Diener kamen, die sich um die Heiligtümer ihrer Ceques kümmerten und darauf achteten, daß zur passenden Zeit die vorgeschriebenen Opfer dargebracht wurden.“

Es gab 41 Ceques in vier Abteilungen mit insgesamt 328 Huacas oder wakas, inkaischen Heiligtümern. Die an einem Ceque wohnenden Menschen waren für dessen Unterhalt zuständig. Sie mussten an bestimmten Festtagen an den wakas Opfer bringen.

Cuzco - die geomantisch ausgelegte Hauptstadt des alten Inka-Reiches.
Abb. 6: Cuzco – die geomantisch ausgelegte Hauptstadt des alten Inka-Reiches.

Das Ceque-System hatte zahlreiche Bedeutungen und Funktionen: Es war die riesenhafte Darstellung des Sterne-Mond-Kalenders, jeder der 328 wakas verkörperte einen Tag des Inka-Jahres, die dort verrichteten Zeremonien garantieren zudem Wachstum in der Landwirtschaft. Gleichzeitig bildete Cuzco mit den vom Sonnentempel ausstrahlenden Ceques die symbolische Darstellung des gesamten Inkareiches. Das Ceque-System ist also – ähnlich wie die Sichtlinien zwischen den Tempeln von Cahokia – ein Abbild des mythologischen Weltbildes, auf die Erde projeziert.

Das Ceque-System entspricht zudem dem Bild eines Quipus, einer Knotenschnur, die um Cuzco ausgebreitet ist: Die einzelnen Schnüre entsprechen, ausgestreckt, der Linie, die huacas/wakas den Knoten. [10]

Schlussfolgerungen

Es wäre falsch, aus all diesen Linien zu schließen, dass es eine weltweit verbreitete Urkultur gab, eine Art Atlantis, das heilige Linien anlegte. Die heilige Linie taucht zwar in praktisch allen Kulturen auf, aber das Gleiche gilt für kreisförmige oder rechteckige Bauten und dreieckige Bezirke. Die Linie ist nun einmal eine der elementaren geometrischen Formen. Es gibt keinen Grund, die von Astroarchäologen und von Alfred Watkins entdeckten „Visierlinien“ und Leys in England und Wales so profanen Zwecken wie der wissenschaftlichen Beobachtung oder dem Handel zuzuschreiben.

Wo immer Leys auftauchen, stehen sie in Verbindung mit den Ahnen, den Toten, mit den Elementargeistern, die das Wachstum des Landes zu garantieren versprechen. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass die prähistorischen Bewohner Englands wie anderen Kulturen auch Leys vor allem für den Toten- und Ahnenkult errichteten. Die geraden Steinreihen, die in Dartmoor Steinkreise mit Steinkisten verbinden, sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass Leys genau diese Funktion haben.

Warum jedoch die Leys immer mit Geistern, Göttern und Ahnen und Fruchtbarkeit zu tun haben, darüber gibt es viele Theorien. Am überzeugendsten ist jene von Paul Devereux, dass sich das Ley (nehmen wir nun einmal diesen Oberbegriff, der sich eingebürgert hat) aus der Urerfahrung der Astralreise ableitet. In der schamanischen Religion trennt sich der Schamane in Trance von seinem Körper, um die Ahnen zu befragen. Seine Luftreise stellte man sich als geradlinig vor, schließlich sprechen wir noch heute von der kürzesten Entfernung als der „Luftlinie“. Durch den Besuch und die Befragung der als Götter verehrten Ahnen sichert der Schamane die Fruchtbarkeit des Landes. In den Sagen wird die Luftreise oft dahingehend beschrieben, dass die Seele des Schamanen durch einen Faden mit seinen Körper verbunden bleibt, damit sie in ihn zurückfinden kann.

Geister, Ahnen, der Kontakt zwischen Übernatürlichem und Menschlichen, das Symbol des Fadens, die Idee, man könne eine Seele (einen Geist) dadurch verwirren, dass man ihn nicht auf dem geraden Weg zum Friedhof bringt – alle diese Punkte tauchen auch in den hier besprochenen Liniensystemen in Europa, Nord- und Südamerika auf.

Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass auch die Nazca-Linien, die so sehr den anderen Liniensystemen der Indianer (und es gibt zahllose weitere, teilweise in der Landschaft erhaltene gerade Linien im gesamten Andengebiet) gleichen, ein früher Entwurf des Cuzcoischen Ceques-Systems sind, zumal die an den Nazca-Linien dargebrachten Opfer auf einen Wasser- und Fruchtbarkeitskult hindeuten? Sind die großen Bildhügel der Mound-Builders, mutmaßt zumindest Devereux, die Tierdarstellungen in Nazca und die Weißen Pferde Englands Wegmarkierungen für den Geist des Schamanen, sind es die Totemtiere seines Clans? (Das allerdings ist Spekulation. Die Tierzeichnungen in Nazca sind lange vor den Trapezen und Linien entstanden; auch in England gibt es nur drei prähistorische Bilder) Gerade in den Kulturen, in denen gehäuft Liniensysteme wie große Erdzeichnungen auftreten (so war auch die Stadt Cuzco in Form eines riesigen Pumas angelegt), ist auch in Nazca der rituelle Genuss von Halluzinogenen nachweisbar. Gerade in letzter Zeit ist auch für die europäische Megalithkultur der rituelle Verzehr von Marihuana und halluzinogenen Pilzen belegt worden.

Die Linien von Nazca.
Abb. 7: Die Linien von Nazca.

Spätere, komplexere Kulturen, die den Schamanistischen folgten, etwa in China, bei den Inka, Hopewell und im Etruskerreich [11], haben das Liniensystem mit weiteren symbolischen Bedeutungen angereichert, kalendarische, astrologische und topografische Bezugspunkte mit in das System aufgenommen. Diese Lehren bilden häufig komplexe Systeme, die zwar gerne esoterisch und prä-astronautisch gedeutet werden, aber eigentlich nur extreme Weiterentwicklungen der Vorstellung sind, man könne ein visionär erlebtes „heiliges Reich“ als „heilige Landschaft“ im Irdischen wiedergeben.

Anmerkungen

[1] Hinze und Diederichs 1983, S. 138 f., nach Quellen von 1840, 1865 und 1871
[2] zum Wilden Heer vgl. Magin 1993b; das Wilde Heer bewegte sich allerdings nicht auf geraden Wegen.
[3] Rundschau Bietigheim, 3. Februar 1994
[4] Eitelmann 1986, S. 109
[5] Wendt 1994, S. 64; weitere Beispiele in Magin 1993a
[6] INFO Journal, Herbst 1994, S. 52
[7] Nabokov und Snow 1992, S. 172
[8] Schele und Freidel 1991, S. 604
[9] nach Kolata 1992, S. 303f.
[10] Kidwell 1992, S.438
[11] vgl. dazu Pallottino 1988, S. 314-319

Abbildungen

[1], [2], [3], [6] Archiv Mysteria3000
[4] aus: Fowler, Melvin L. (1997): The Cahokia Atlas: A Historical Atlas of Cahokia Archaeology, revised edition. University of Illinois at Urbana-Champaign, Studies in Archaeology No. 2. 1997.
[5] http://oncetv-ipn.net/sacbe/mundo/el\_cosmos\_maya

Literatur

Eitelmann, Walter (1986): Rittersteine im Pfälzerwald. Neustadt/Weinstraße

Hinze, Christa und Ulf Diederichs – Hrsg. (1983): Ostpreußische Sagen. Köln

Josephy, Alvin M. – Hrsg. (1992): Amerika 1492. Frankfurt am Main

Kidwell, Clara Sue (1992): „Systeme des Wissens“, in: Josephy – Hrsg. (1992), S. 459

Kolata, Alan (1992): „Im Reich der vier Weltgegenden“, in: Josephy – Hrsg. (1992), S. 267-307

Magin, Ulrich (1993a): „Mittelalterliche Geomantie in Deutschland“ in: Pieper, Werner – Hrsg. (1993): Geomantie. Löhrbach

Magin, Ulrich (1993b): „Wege vom ‚Wilden Heer'“, in: Magazin für Grenzwissenschaften, 4/1993, S. 186-190

Magin, Ulrich (1996): Geheimwissenschaft Geomantie. München

Magin, Ulrich (1999): „Kathedralenkreuze, Geisterwege und Leichenflugbahnen – was wir wirklich über Leys wissen“, in: Hagia Chora, Oktober 1999

Mengis (1986): „Geisterweg“. in: Handwörterbuch des deen Aberglaubens. Band 3. Berlin: Sp. 558

Nabokov, Peter und Dean Snow (1992): „Die Waldbauern“, in: Josephy – Hrsg. (1992), S. 147-180

Pallottino, Massimo (1988): Etruskologie. Geschichte, Kultur und Sprache der Etrusker. Basel

Pieper, Werner – Hrsg. (1993): Geomantie. Löhrbach

Schele, Linda und Freidel, David (1991): Die unbekannte Welt der Maya. München

Wendt, Christoph (1994): Das Hohe Venn. Aachen

INFO Journal, Herbst 1994

Rundschau Bietigheim, 3. Februar 1994