Am 14.05.2015 veranstaltete die ur- und frühgeschichtliche Fakultät der Christian-Albrecht-Universität in Kiel ein besonderes Event. Nur mit steinzeitlichen Methoden wurde direkt bei dem Audimax öffentlich das Ganggrab Wangels LA 69, das im Oldenburger Umland ausgegraben wurde, rekonstruiert.

Wangels LA 69 wurde zwischen 3380 und 3240 v. Chr. errichtet und bestand aus ehemals 13 Trägersteinen. Zu den Funden in der Grabkammer gehören Keramiken und Bernsteinschmuck. Der saure Boden verhinderte leider das Erhalten von Knochenresten. [1]

In ganz Europa existieren noch heute tausende von megalithischen Monumenten, oft errichtet aus viele Tonnen schweren Steinen, die schon immer die Menschen späterer Generationen faszinierten und die Frage aufwarfen, wie Menschen der Steinzeit in der Lage waren, mit so gewaltigen Gewichten zu hantieren.

Volksmundliche Bezeichnungen wie Hünengräber [2] und Riesenbetten geben noch heute ein beredtes Beispiel dafür, welche Erklärungen man ehemals ins Kalkül zog. So existieren rund um die Megalithanlagen immer wieder Sagen, die diese Bauwerke mit mythischen Riesen im Zusammenhang sehen.

Der Brutkampstein in Albersdorf in Schleswig-Holstein etwa, ein Polygonaldolmen mit einem Deckstein von 23-25 Tonnen Gewicht etwa, führte zu der Sage, dass ein Riese über die Errichtung der Kirche von Albersdorf so ungehalten war, dass er einen riesigen Stein auf diese zu werfen versuchte. Als er ausholte, wurden seine Augen aber verschielt und so verfehlte er sein Ziel und der Stein landete im Brutkamp. [3]

Nur durch übernatürliche Wesenheiten vermochte man sich zu erklären, wie Steine so gewaltigen Gewichts transportiert und übereinander gehievt worden sind.

Im 19. Jahrhundert machte man sich dann aber langsam auch praktische Überlegungen, wie der Bau von Großsteinanlagen auch ohne die Zuhilfenahme übernatürlicher Kräfte zu verwirklichen gewesen sein könnte. Der dänische König Friedrich VII war außerordentlich interessiert an Themen des Altertums und 1857 einen Vortrag „über den Bau der Riesenbetten der Vorzeit“, [4] in dem er zu dem Schluss gelangte, die Dolmen und Riesenbetten seien mittels des Einsatzes von Holzrollen, Seilen, Hebeln und Rampen errichtet worden.

Diese Annahme wird noch heute geteilt und so gab es immer wieder experimentalarchäologische Versuche, bei denen mittels dieser Technik Megalithanlagen rekonstruiert wurden. So wurde mit dieser Methode in Frankreich zum Beispiel ein 32 Tonnen schwerer Stein von rund 200 Personen gezogen. [5]

Und auch mit der Rekonstruktion von Wangels LA 69 fand ein solches Experiment statt. Um 9:00 Uhr am Morgen des 14. Mais 2015 startete in Flintbek ein mit Flint beladener Ochsenkarren im Schleswig-Holsteinischen Flintbek und machte sich auf den Weg in die Landeshauptstadt. Der Feuerstein war dazu gedacht, später (wie beim Original) in der Kammer des Ganggrabes ausgelegt zu werden. In Flintbek befand sich einst eine stein- und bronzezeitliche Nekropole mit einer großen Anzahl von Grabbauten und unter einem der dort nachweisbaren Großsteingräber konnten sogar Karrenspuren entdeckt werden, die zu den ältesten Hinweisen auf die Nutzung des Rades weltweit gehören. [6]

Der mit Flint beladene Ochsenkarren trifft gegen 14:00 Uhr von Flintbek kommend auf dem Gelände der Uni Kiel ein
Abbildung Nr. 1: der mit Flint beladene Ochsenkarren trifft gegen 14:00 Uhr von Flintbek kommend auf dem Gelände der Uni Kiel ein (Foto: André Kramer)

Nachdem der Ochsenkarren gegen 14:00 Uhr so wie geplant auf dem Campus der Uni Kiel eintraf, begann das Team aus Prähistorikern und Studenten, den ersten von zwei Decksteinen mit einem Gewicht von 4,7 Tonnen die aus Erde errichtete Rampe auf die Trägersteine zu ziehen, um ihn auf der Kammer zu platzieren. Etwa 60 Helfer zogen hierbei, koordiniert von einem Anleiter an, je nach Position des Steins vier bis fünf Seilen. Der Stein Stein lag auf Holzrollen und wurde bei jedem Ruck ein Stück weit voran gehievt, die nun freiliegenden Rollen wieder vorne an gelegt. Wichtig war hierbei ein gleichmäßiges Ziehen an den Seilen, damit der Stein gerade kam. So musste immer wieder neu ausbalanciert werden.

Als der Deckstein in einer Situation im Hügel etwas absackte, musste dieser verstärkt werden, während der Stein mit Hebeln empor gewuchtet wurde. Nach etwa einer Stunde lag der erste Deckstein dann an seiner gewünschten Position und der Vorgang wurde mit Deckstein Nummer zwei wiederholt. Auch der zweite Arbeitsschritt dauerte ungefähr eine Stunde.

Interessant zu sehen war hierbei, wie schwierig es zuweilen doch war, den Stein in einer geraden Bahn die Rampe hinauf zu bekommen. Umso weiter er nach oben gelangte, umso größer war die Gefahr eines Abrutschens bei zu viel Zug auf einem der Seile. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, wie viel Kraft sich etwa durch die Hebelkraft erzielen ließ, die die vielen Tonnen des Steins wie kleine Gewichte wirken ließ.

Der erste Deckstein ist nach ca. einer Arbeitsstunde auf der Kammer angekommen
Abbildung Nr. 2: Der erste Deckstein ist nach ca. einer Arbeitsstunde auf der Kammer angekommen (Foto: André Kramer)

Trotzdem bleiben trotz erfolgreicher Experimente wie diesem noch Fragen offen. Es bedarf recht vieler Menschen zum Bau eines solchen Bauwerks und so bleibt in Anbetracht der vielen Monumente die im Neolithikum während weniger Generationen errichtet wurden, der anzunehmenden geringen Bevölkerungsdichte in den entsprechenden Gebieten und dem zuweilen doch noch viel größeren Gewichten einzelner Decksteine nur der Schluss, dass die Megalithgräber durch den Zusammenschluss einzelner Dorf- und Hofgemeinschaften errichtet und kollektiv genutzt wurden. Dass Lasttiere dabei halfen, die Megalithen auf die Kammern zu hieven erscheint unwahrscheinlich, da dieser Vorgang viel zu sehr ausbalanciert werden musste. Denkbar ist allerdings, dass zum Beispiel Ochsen dabei halfen, die Megalithen erst einmal zum Bauplatz zu transportieren.

Auch der zweite Deckstein musste für die Rekonstruktion von Wangels LA 69 noch die Rampe hinauf gezogen werden
Abbildung Nr. 3: Auch der zweite Deckstein musste für die Rekonstruktion von Wangels LA 69 noch die Rampe hinauf gezogen werden (Foto: André Kramer)

Anmerkungen

[1] Vgl. Brozio 2015, S. 30 ff.

[2] Neben der Deutung des Begriffs Hünengrab/Hünenbett von Riese abgeleitet, gibt es nach Bächtold-Stäubli; Hoffmann-Krayer Bd. 4 2000, S. 506 auch die Deutung, Hüne leite sich von Hune ab und sei eine alte Bezeichnung für den Tod. Das würde die Megalithanlagen auch schon in den frühen Deutungen als Gräber identifizieren

[3] Vgl. Arnold; Kelm 2004, S. 31
[4] Vgl. Friedrich VII 0. J.
[5] Vgl. Walkowitz 2003, S. 23
[6] Vgl. Mischka 2011

Literatur

Arnold, Volker; Kelm, Rüdiger: Rund um Albersdorf. Ein Führer zu den archäologischen und ökologischen Sehenswürdigkeiten. Heide: Boyens 2004

Bächtold-Stäubli, Hanns; Hoffmann-Krayer, Eduard. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Band 4. 3., unveränderte Auflage. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2000

Brozio, Jan Piet: „Wangels LA 69 – Ein Megalithgrab in Nordostholstein“, in: Dörfler, Walter; Kirleis, Wiebke; Müller, Johannes (Hrsg.): MEGALITHsite CAU. Ein Großsteingrab zum Anfassen. Kiel: Wachholtz 2015

Friedrich VII, König: Hünengräber in einem Vortrag im Jahre 1857 „über den Bau der Riesenbetten der Vorzeit“. Nordstrand-Nordsee: M.-G.-Schmitz-Verlag o. J.

Mischka, Doris: Erste absolute Daten zu norddeutschen Langbetten und die Bedeutung der Wagenspuren von Flintbek, Kreis Rendsburg-Eckernförde. In: Archäologische Nachrichten 2011

Walkowitz, Jürgen E.: Das Megalithsyndrom. Europäische Kultplätze der Steinzeit. Langenweissbach: Beier & Beran 2003