Die seit 1983 von Denys A. Stocks durchgeführten Feldversuche mit altägyptischen Steinbohrern zeigen die Funktionalität der durch die Ägyptologie postulierten Bearbeitungsmethoden von Hartgesteinen. Wie der Artikel von Reinhard Prahl aber zeigt, sind einige Probleme noch ungelöst und viele Fragen unbeantwortet.

Einleitung

Seit William Flinders Petrie 1883 sein Buch ‚Temples and Pyramids of Giza‘ [1] herausbrachte, ist die Bearbeitung von Hartgesteinen ein immer wieder aufgegriffenes Thema. Ging es bis heute überwiegend um das Phänomen der Kernbohrungen, die vornehmlich in Abusir zu bewundern sind, traten andere Aspekte dieses interessanten Themas stellenweise leider zurück. Dazu gehört auch die Bearbeitung von Statuen aus Granit, Basalt, Diorit, Quarzit und anderen Hartgesteinen, sowie die Aushöhlung von Vasen und Sarkophagen. Diesen Problemen möchte sich diese Arbeit annehmen.

Auch das Kernbohrungsproblem soll noch einmal unter anderen als den bisher erforschten Aspekten ausgeleuchtet werden, denn im Gegensatz zu Franz Löhner [2], der in ‚Synesis 14/1993′ schrieb, dass seine experimentellen Versuche erfolglos verlaufen seien, ja, dass ihn sogar Arbeiter im Granitsteinbruch Flossenbürg angefahren hätten, die Be- und Verarbeitung von Granit mit Kupfer unmöglich sei , liegen mir ganz andere Informationen und Aussagen vor, z.B. vom Steinmetzmeister Manfred Rogalla aus Dortmund. Demnach kann ein Hartgestein grundsätzlich sogar mit einem geeigneten Schleifmittel und einer scharfen und stabilen Schnur gesägt werden. Auch verfüge ich über zwei Arbeiten des Experimentalarchäologen Denys A. Stocks, die unter Einbeziehung genauester Daten, Zahlen und Fakten dokumentieren, dass mit einem altägyptischen Steinbohrer eben doch eine Kernbohrung erzeugt werden konnte. Wie das geschah und warum Stocks‘ Methode trotzdem nicht sehr sinnvoll erscheint und somit zumindest meines Dafürhaltens nach abzulehnen ist, zeigen die nachfolgenden Untersuchungsergebnisse und Berechnungen.

Die ägyptologische Meinung

Da ich mich nie sonderlich für Steinbe- und -verarbeitung interessiert habe, berührte mich das Thema meist nur am Rande, soweit es mein Hobby, die Beschäftigung mit dem Pyramidenbau betraf.

Der älteste mir bekannte Bericht über Kernbohrungen in Hartgesteinen stammt von William Matthew Flinders Petrie, der 1883 eine eingehende und bis heute als Standardwerk zu bezeichnende Untersuchung über die Pyramiden von Gizeh herausbrachte. Petrie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass man mit einem Drillbohrer, der im wesentlichen ein Kupfer- oder Bronzerohr und Quarzsand als Schleifmittel als Bohrmaterial benötigt, die von ihm entdeckten Bohrungen erstellen konnte. So kam er auf den Gedanken, dass ein Schneidemittel gebraucht worden war. Die Idee, es könnten Diamanten gewesen sein, verwarf er sehr schnell, da Diamant in Ägypten nicht vorkommt; alternativ nahm er an, man hätte Korund verwendet. [3] Die Ägyptologie erklärt das Phänomen der Hartgesteinbearbeitung seit etwa 100 Jahren stets auf dieselbe Weise. Und seit ebenfalls dieser Zeit gab und gibt es immer wieder Laien und Fachleute, die nicht an diese Lösung glauben.

Kürzlich las ich in einer Fachzeitschrift für Pyramiden, das Problem der Kernbohrungen sei gelöst. Ein Experimentalägyptologe namens Denys A. Stocks hatte in Assuan praktische Versuche mit altägyptischen Methoden in Rosengranit durchgeführt. Er benutzte dazu einen Bohrer, den er TRTD (Twist/Reverse Twist Drill) nannte und dem ein Kupferrohr aufgesetzt war. Als Schleifmaterial wurde Quarzit verwendet. Auf diese Weise schaffte er es, in 20 Stunden ein 6 cm tiefes Loch in einen Rosengranitblock im Steinbruch von Assuan zu bohren. Weitere Versuche mit Kupfersägen und Schleifmittel folgten. Kurz gesagt ist sowohl der Bohr- als auch der Sägevorgang auf altägyptische Weise im großen und ganzen wohl eher ein Schleifvorgang. [4]

Einige Fragen können jedoch durch die von Stocks ermittelte Methode nicht beantwortet werden: Wie hatten es die alten Ägypter geschafft, die feinen Gesichtszüge, die plissierten Gewänder und die schmalen und doch so tiefen Hieroglyphen aus den Hartgesteinen herauszuarbeiten?

Ich wollte mir diese Frage von einer kompetenten Fachperson erläutern lassen und schrieb an Frau Prof. Dr. Rosemarie Drenkhahn [5] vom Kestner-Museum, die mir vor einiger Zeit bei einem anderen Problem schon einmal weitergeholfen hatte. Frau Drenkhahn antwortete wie folgt: Die Rohblöcke wurden zuerst mit Hammer und Meißel in eine grobe Form gebracht, später wurde ein Polierstein und ein Schleifmittel verwendet, um die feinen Formen herauszuarbeiten und den Stein zu glätten. Um die Feinpolitur auszuführen, sei Wasser hinzugefügt worden. Die meisten gefundenen Poliersteine seien aus Sandstein oder Quarzit gewesen. [6]

Die ersten Zweifel

Diese Antwort ist, wie ich finde, leider nicht gerade als ausführlich zu bezeichnen, was wohl der geringen Zeit zuzuschreiben ist, die der vielbeschäftigten Ägyptologin zur Beantwortung von privaten Anfragen zur Verfügung steht. So konnte ich z.B. über die Materialien, aus denen die Hammer und Meißel bestanden, die ja eigentlich den Kern meiner Frage bildeten, leider von der Professorin nichts Näheres erfahren.

Wenn man sich eingehend mit dem Pyramidenbau beschäftigt, weiß man, dass laut ägyptologischer Ansicht nur drei Arten von Meißel im Alten Reich verwendet wurden: solche aus Kupfer, aus Bronze – diese aber erst zum Ende des Alten Reiches hin – und Feuersteinmeißel. Jean Philippe Lauer hat sich in seinem Buch ‚Das Geheimnis der Pyramiden‘ [7] der Werkzeuge zur Steinbearbeitung angenommen. Er unterteilte in Stein-, Kupfer- und Holzwerkzeuge. Goyon ergänzt in seinem Werk ‚Die Cheopspyramide‘:

„Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß während des langen Zeitraums der ägyptischen Geschichte das Werkzeug des Handwerkers beinahe das gleiche geblieben ist. Man kann mit Überraschung feststellen, daß die ägyptischen Arbeiter in einer so fernen Epoche wie der ersten Dynastie ihre Kunst vollständig beherrschten und daß die Form ihres Werkzeugs schon endgültig festgelegt war.“ [8]

Sehr aufschlussreich ist der Schaukasten, den er von altägyptischen Werkzeugen auf Seite 90 gibt. Zahlreiche Formen von Kupfermeißeln, Kupferschneiden, Dechseln und Spaten, Holzklöpfeln und Steinschlegeln, sowie ein Dolerithammer, Hacken, eine Axt und weitere Werkzeuge sind als Zeichnung abgebildet. Die Dolerithämmer, die meist nur aus einem keilförmigen glatten Stein und einem Stiel, der aus zwei dicken Holzstäben bestand, zwischen denen der Stein eingeklemmt und mit Seilen befestigt war, waren zwischen einige hundert Gramm und einem Kilo schwer.

Goyons Zeichnungen von typischen Werkzeugen des alten Reiches.
Abb. 1: Goyons Zeichnungen von typischen Werkzeugen des alten Reiches.

Daneben gab es noch ovale Steinkugeln, die an einem Ende abgerundet waren, am anderen spitz zuliefen und zwischen einem und drei Kilo wogen. Holzhämmer und Klöpfel bzw. Schlegel gab es überwiegend in zwei Formen, wobei die Werkzeuge aus einem Stück gearbeitet waren: Der Stil war zylinderförmig geformt, so dass er gut in der Hand lag, während der Kopf entweder birnenförmig sein konnte oder eine weit ausladende „Glockenform“ hatte. Auch bei diesen Klöpfeln variierte das Gewicht zwischen einigen hundert Gramm und etwa eineinhalb Kilo. Goyon hat im Selbstversuch eines dieser Geräte aus seiner Sammlung ausprobiert und fand, dass man hervorragend damit arbeiten konnte. Meißel gab es in zahlreichen Formen, lang und dünn, mit einem halbrunden Kopf und einer breiten Schneide, oder klein und breit. Aber alle in Goyons Werk gezeigten Meißel bestanden aus Kupfer, da es Bronzemeißel zu Zeiten Cheops anscheinend noch nicht gegeben hat.

Besonders interessant: Auch die beiden Bohrer, welche die Pyramidenerbauer im Gebrauch hatten, werden in Zeichnungen dargestellt. Im alten Ägypten wurden zwei Arten von Bohrern benutzt. Der für die Gefäßherstellung meistens verwendete Bohrer, wird von Bettina Schmitz passend als Schwungbohrer bezeichnet. [9]

Es handelt sich um ein Gerät, welches aus einer Triebstange mit Griff und zwei als Gewichte benutzten Steinen, die am Griff befestigt waren, bestand. Die Gewichte dienten aber mehr zur Schwungerzeugung beim Drehen des Bohrers denn zur Druckausübung, um Bohrpressdruck zu erhalten. Unten befand sich eine gegabelte Stange, in die Gabelung wurde die Bohrspitze eingefügt, diese bestand nach allgemeiner Ansicht aus Feuerstein, Diorit, Granit oder auch Kupfer. Das zweite Bohrgerät ist dem ersten ähnlich, nur dass die Drehgeschwindigkeit durch einen Bogen erzeugt wurde, anstatt durch Gewichte. Die Bogensehne wurde um die Triebstange gewickelt; durch schnelle Vorwärts-/Rückwärtsbewegungen aus dem Handgelenk bewegte man ein Kupferrohr, das unten eingehängt wurde. Die Spitze bestand aus einer „Gabel“, die durch ein Querholz verbunden war. Das Kupferrohr verfügte über zwei sich gegenüberliegende Einkerbungen, die auf das Querholz gelegt wurden. So wurde ein Abrutschen des Rohres verhindert.

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Abb. 2: Ägyptischer Handwerker beim Ausbohren eines Gefäßes.

Besonders interessant erscheint mir die Tatsache, dass der Bohrer sogar in der Hieroglyphenschrift Eingang gefunden hat. Mit der Hieroglyphe Hmj (hemi) bezeichnete man allgemein bohren, aber auch den Beruf des Handwerkers und die Handwerkerschaft. Der Bohrer selbst schreibt sich übrigens: Hmt (hemet) und der Schleifsand: Hmwt. Dies sind Tatsachen, die durchaus darauf schließen lassen, dass der „Bohrspezialist“ innerhalb der Handwerkerschaft des alten Ägypten einen ganz besonderen Rang einnahm und hoch geachtet war. Es stellt sich die Frage, was an diesem Beruf anders war, als etwa der des Malers, Steinschneiders, oder Töpfers .

Streit um Hartgesteinbearbeitung und die Versuche von Stocks

Den Streit um die Kernbohrungen löste der Experimentalphysiker Horst-Detlef Gassmann, Leiter der Forschungsabteilung HILTI-AG aus. In der Fachzeitschrift ‚Schleifen und Trennen‘, Folge 113/1987, veröffentlichte Gassmann einen Artikel mit dem Namen ‚Die geschichtliche Entwicklung zum handwerklich genutzten Diamantkernbohren von Beton‘. Dort begründet der Physiker was er in einem Interview mit Torsten Sasse am 30.01.1996 wiederholt:

„Vor allen Dingen kann ich mir nicht vorstellen, daß man dann solche Rillen (wie sie auf Bohrkernen im Alten Ägypten zu sehen sind, Anm. des Autors) sieht. Mit Polierpulvern feinster Art kann das nicht funktionieren. Granit ist quarzhaltig. Einen derartigen Stein kann man nicht mit Quarz bohren, denn beide sind gleich hart. Das kann kein Loch geben!“ [10]

Erich von Däniken nahm sich der altägyptischen Kernbohrungen genauso an [11] wie Thomas Fuss [12], Michael Haase und Torsten Sasse [13] und Christian Sollner [14] :

„Die Frage drängt sich auf, woher die Ägypter ihr Wissen hatten, um derartige Bohrvorgänge und Steinarbeiten durchzuführen. Die Kernbohrung ist zweifellos eine sehr fortschrittliche Bohrtechnik, die mühsam entwickelt werden mußte. Aus welchem Material bestand der Bohrschaft? Welches Bindemittel wurde verwendet, um die Diamantsplitter am Bohrschaft zu verkitten? Wozu dienten die Präzisionsbohrungen überhaupt?“ [15]

Die Bindemittelfrage möchte ich sofort beantworten: Keines! Denn zumindest nach ägyptologischer Ansicht war Diamant, der von den meisten als potentielles Schneidemittel betrachtet wird, im Alten Ägypten unbekannt. Er kommt in der Region um Nordafrika und Vorderasien nicht vor und findet sich erst in Süd-West- bis Südafrika oder Indien. Ob die Ägypter des Alten Reichs bis Südafrika oder Indien gekommen sind, ist eine interessante Frage, die ich zumindest für Indien nicht generell verneinen möchte, denn immerhin wurde Lapislazuli aus Afghanistan importiert und zwischen diesem Land und Indien liegt die Wüste Karakum, in der sich Städte einer bisher kaum erforschten Hochkultur befinden, wie sich ab dem 3. Jahrtausend vor Christus belegen lässt. So kann man durchaus eine Handelsstrasse von Ägypten, über Afghanistan, Karakum und weiter bis Indien annehmen. Aber bisher wurden in Ägypten noch keine Anzeichen dafür entdeckt, dass Diamanten Verwendung fanden; weder ist ein Wort für diesen Edelstein bekannt, noch wurden archäologische Funde gemacht, was allerdings auch nicht allzu sehr verwundern darf, denn erstens hätte sicherlich kein Grabräuber einen Diamanten liegengelassen und zweitens liegen seriösen Schätzungen zufolge noch über 70% der altägyptischen Reichtümer unter dem Sand der Wüste verborgen.

Hinzu kommt, dass unser Wissen über das sog. Alte Reich recht dürftig ist, was auch auf diese Zeit spezialisierte Ägyptologen wie etwa Peter Janosi ohne weiteres einräumen. [16] Dabei war diamantbesetztes Werkzeug in der Antike nicht unbekannt. Gassmann führt in seinem Aufsatz aus, dass im Buch des Propheten Jeremias 600 v.Chr. eiserne Griffe mit einer Diamantspitze verwendet wurden. 400 v.Chr. erwähnt Platon den Namen Adamas, der Unbezwingliche, aus dem sich das Wort Diamant entwickelte. Aus Indien gibt es aus der Zeit um 300 v.Chr. einen Bericht von Kantilya, dass dort Diamanten zum Gravieren verwendet wurden und aus China sind Berichte über die Jadebearbeitung aus der Zeit um 200 v.Chr. bekannt.

Andererseits muss man bedenken, dass z. B. Kernbohrungen in Ägypten zahlreich durchgeführt wurden und somit als Routinearbeit betrachtet werden können. Man kann sich leicht die riesige Menge an Diamantsplittern vorstellen, die verbraucht worden sein müssen, um diese Arbeiten zu bewerkstelligen. Allein der Kostenaufwand müsste immens gewesen sein .

Als anderes Schneidemittel könnte man noch Korund annehmen, was Petrie auch tat. Meines Wissens kommt Korund zwar in Ägypten vor, ist aber überaus selten und der Import hätte nicht weniger Mühe bereitet, als die Besorgung von Diamanten. Auch hier hätte der routinemäßige Gebrauch kaum überschaubare Kosten verursacht.

Wir sollten also den Diamanten und Korund aus unserer Rechnung ausschließen. In diesem Zusammenhang erscheint es recht seltsam, dass keiner der mir bekannten Autoren, die sich im grenzwissenschaftlichen Bereich mit diesem Problem befassen, die Versuche von Denys A. Stocks, einem Experimentalägyptologen, der zwischen 1986 und 1993 bereits 5 Arbeiten in diversen Fachzeitschriften zu diesem Thema veröffentlicht hat erwähnt.

Stocks testete unter Zuhilfenahme von Materialien, die nach ägyptologischer Ansicht im alten Ägypten bekannt waren, also Kupfer, Holz, Stein und Quarz, Gerätschaften auf ihre praktische Anwendbarkeit hin. Dazu gehört ein altägyptischer Kernbohrer, der aus einem Holzstab, an dem ein Griff und zwei Gewichte befestigt waren bzw. unten ein Kupferrohr mit einem Durchmesser von 2,8 cm. Dieses Kupferrohr stellte er selbst her, durch Lötung des Falzes. Die Röhre wurde auf einen Rundholzstab gesteckt, die mit einem etwa 1,20 Meter langen Bogen angetrieben wurde. Die Länge der Schnüre, die auf dem Bogen gespannt waren wurden so gewählt, dass mit einem Bewegungsablauf eine volle Umdrehung möglich wurde. Als Schleifmittel wählte Stocks trockenen Quarzsand aus 0,1 bis 1,3 Millimeter großen Quarzkörnchen. Wichtig zu erwähnen ist noch, dass vor jedem Bohrvorgang die Oberfläche des zu erbohrenden Materials (Stocks machte Versuche mit mehreren Hartgesteinen, aber auch Alabaster und Kalkstein) nach altägyptischen Methoden geglättet wurde. Andererseits führte der Archäologe auch Sägeversuche mit einer Kupfersäge durch, die 1,8 m lang, 15 cm hoch, 6 mm dick war und 14,5 kg wog. Sie war an einem Holzgerüst befestigt und wurde von drei Personen bedient. Ein Mann an jeder Seite zog das Werkzeug, an dessen Enden Seile angebracht waren, und ein dritter schüttete ein Schleifmittel in die Sägespalte. Das Sägeblatt wurde sowohl gezahnt, als auch glatt verwendet und ebenso wurden Versuche mit feuchtem und trockenem Sand durchgeführt. Für die ungezahnte Säge wurde die Säge mit vier Steinen von insgesamt 32 Kilogramm beschwert. Die vielfach erwähnte Tatsache, dass Kupfer sehr weich ist, geriet dem Forscher bei seinen Versuchen der Kernbohrung nach seinen Angaben sogar zum Vorteil, denn der abgeriebene zerbröselte Stein setzte sich im weichen Kupfer fest und erhöhte somit sogar noch den Schleifvorgang. [17]

Altägyptische Säge mit drei Mann zur Bedienung.
Abb. 3: Altägyptische Säge mit drei Mann zur Bedienung.

Der Experimentalarchäologe stützte seine Vorgehensweisen auf folgende Tatsachen: Auf Reliefs und Zeichnungen seit dem Alten Reich sind entsprechende Bohrer bekannt, ebenso die Verwendung von Kupfer. Die Nutzung dieses Metalls lässt sich nach Rainer Lorenz schriftlich bis in die zweite Dynastie zurückverfolgen. [18] Die ersten archäologischen Funde in Ägypten stammen aus einem Grab mit der Bezeichnung 596 bei Mostagedda. Im Grab des Wepemnofret, so im detaillierten Artikel nachzulesen, finden sich reliefierte Szenen, die das Schmelzen, Giessen und das allmähliche Auskühlen des Kupfers zeigen

Schließlich wird noch auf folgenden archäologischen Befund hingewiesen:

„1.) Grünspan, ägypt. Wadj, oder Kupferteilchen (später Bronze) ist ein übliches Merkmal in Bohrlöchern. 2.) „Schmirgel“, meist Quarzsand, ist ein übliches Merkmal in Bohrlöchern. 3.) Bohrkerne und Bohrlöcher sind konisch. 4.) die Rillen sind unterschiedlich breit. 5.) Die Rillen haben unterschiedliche Abstände zueinander. 6.) die Verwendung von Kernbohrungen in der Architektur weisen vorwiegend auf die Fixierung größerer oder beweglicher Bauteile hin.“ [19]

So weit, so gut. Es soll hier auch nicht bestritten werden, dass erstens Kernbohrungen und andere Ver- und Bearbeitungsmethoden wie oben und weiter unten beschrieben möglich waren. Zweitens halte ich es auch nicht für unmöglich, dass bestimmte Arbeiten auf dieses Weise ausgeführt wurden. Aber um es vorweg zu nehmen. Ich halte es nicht für möglich, dass das Gros der in Ägypten auffindbaren durch Kernbohrungen hergestellten Artefakte auf diese Weise hergestellt wurden. Ich meine hier hauptsächlich die Sarkophagherstellung. Ferner werde ich im folgenden versuchen, den Beweis anzutreten, dass die von Stocks ermittelten Verfahren im höchsten Maße ineffektiv sind.

Wenn man den Faktor „Zeit“ außer Acht lässt [20], erzielte Stocks mit seinen Versuchen oberflächlich betrachtet recht gute Ergebnisse. Es gelang ihm sowohl, in 20 Stunden ein 6 cm tiefes Loch in einen Stein aus Assuangranit zu bohren, als auch in 14 Stunden eine Spalte von drei cm Tiefe und 95 cm Länge zu sägen. [21] Es soll hier noch kurz auf das vielzitierte Rätsel des Bohrpressdrucks eingegangen werden, welches Gassmann als Gegenargument zur Erbohrung von Hartgesteinen mit einem handgetriebenen Drillbohrer anführt. [22] Dazu muss man wissen, dass diese Technik 1876 durch Alfred Brandt wiederentdeckt wurde, wie Sollner dem ‚Handbuch zur Naturwissenschaft und Technik‘ entnimmt. [23]

Bei den damaligen Werkzeugen handelte es sich um Diamant-Handbohrmaschinen, welche die von Haase/Sasse geforderten 2 Tonnen Bohrpressdruck [24] gar nicht leisten konnten, funktioniert hat die Methode zweifellos dennoch. Des weiteren kann noch gesagt werden, dass die von Gassmann gemachte Aussage, man könne mit einem Material, welches gleichhart wie das zu erbohrende ist, keine Löcher bohren, irreführend und falsch zu sein scheint. Denn erstens werden Diamanten ja auch mit Diamantstaub bearbeitet, ein härteres Material gibt es ja nicht, zweitens liegt der Quarzanteil z.B. im Granit bei 30\%, bei Quarzit bei 20\% und wird auf der Mohshärteskala, wie gesagt, bei 7 eingeordnet. In Ägypten gibt es aber nach Dietrich und Rosemarie Klemm [25] keine Gesteine, die einen größeren Härtegrad als 7 erreichen [26], somit haben wir dasselbe Phänomen wie bei der Diamantbearbeitung. Dietrich und Rosemarie Klemm führen in ihrem Buch ‚Steine und Steinbrüche im alten Ägypten‘ [27] sogar aus, dass sich der Bearbeitungseffekt bei blank poliertem Granit durchaus auf dem Stereomikroskop beobachten lässt. Des weiteren sollte man sich vor Augen halten, dass es im Alten Ägypten eigentlich weder einen Säge- noch einen Bohrvorgang gab, sondern genau genommen nur einen Schleifvorgang!

Also schien der Mythos von einer Technologie, die es im Alten Ägypten eigentlich gar nicht geben dürfte, widerlegt. Oder doch nicht?

Die Meinung der Steinmetzgilde – Zweifel Nr. 2

Meines Erachtens stellt sich die Frage, wie die allerfeinsten schmalen und tief versenkten Hieroglyphen [28] ausgeführt wurden. Des weiteren sollen zahlreiche Gefäße durch Kernbohrung ausgehöhlt worden sein. Doch eine Kernbohrung in einem bauchigen Krug bohrt zwar einen Kern heraus, dessen Durchmesser ist allerdings nur so groß, wie der verwendete Bohrzylinder. Dieser aber kann nur einen Durchmesser haben, der gleich bzw. etwas kleiner dem Hals des auszuhöhlenden Objektes ist. Wie werden also bei einem bauchigem Gefäß die Seiten herausgearbeitet? Dass altägyptische Steinkrüge teils recht dünne Wände besitzen, ist eine altbekannte Tatsache! Die Versuche von Stocks zeigen also nur, dass die von den Ägyptologen angenommene Verfahrensweise grundsätzlich funktionieren kann.

Doch auch zum Thema Gefäßherstellung schrieb der Forscher einen Artikel: ‚Making stone vessels in ancient Mesopotamia and Egypt‘, erschienen 1993 in der Fachzeitschrift ‚Antiquity‘. [29] Auch hier führte der Ägyptologe praktische Versuche durch.

Ich gebe den relevanten Teil über die Gefäßherstellung in einer von mir erstellten Übersetzung wieder:

„In Mesopotamien und Ägypten wurden röhrenförmige Bohrer aus Kupfer für die Anfangsaushöhlung des Inneren der Vasen und Töpfe verwendet, die aus hartem und weichem Stein hergestellt wurden. Rillen sind eindeutig auf den Innenwänden der Gefäße sichtbar, verursacht vom Schleifmaterial, das beim Bohren gebraucht wurde. Obwohl bisher noch nie ein Steinbohrer oder Kupferrohr entdeckt wurde, wurden sie direkt mit einem Stiel, der fest in das oberste Ende eingelassen war und von einer Bogenschnur betrieben, die das Holz in Rotation versetzte. Dann wurde im Uhrzeigersinn und gegen den Uhrzeigersinn aus dem Handgelenk heraus gedreht. Anschließend wurden die mesopotamischen und ägyptischen bauchigen Gefäße, jene die innen beträchtlich breiter sind, als an der Mündung, durch Schaben mit einem anderen Werkzeug, einem Stein von länglicher Form, weiter ausgehöhlt.“ [30]

Weiter wird die Reihenfolge der Erbohrung beschrieben. Stocks meint, dass zuerst aus der Mitte ein Kern herausgebohrt wurde, damit man an beiden Seiten anschließend enger werden konnte. Hernach musste links und rechts unter der Mündung mit dem Schaber gearbeitet werden, damit man danach den Bohrer wieder ansetzten konnte. Als Schabmaterial nimmt Stocks Feuerstein an. [31] Nun muss erwähnt werden, dass der Ägyptologe eine Vase aus Kalkstein, der kein Hartgestein darstellt, versuchsweise hergestellt hat, an der er seine Theorien ausprobierte. Es erübrigt sich zu sagen, dass diese gut funktionierten.

Altägyptische Methode der Hartsteingefäss-Aushöhlung nach Schmitz.
Abb. 4: Altägyptische Methode der Hartsteingefäss-Aushöhlung nach Schmitz.

Allerdings habe ich von den Dortmunder Steinmetzmeistern Rogalla und Faure, mit denen ich mich nach Erhalt des Briefes von Frau Prof. Drenkhahn in Verbindung gesetzt hatte, die Information bekommen, dass es nicht so ohne weiteres möglich ist, mit Feuerstein ein Hartsteingefäß in der beschriebenen Weise auszuhöhlen. Das wäre, wenn man das überhaupt in genau der Art und Weise praktizieren könnte, die in Ägypten nach Stocks üblich gewesen sein soll, ein äußerst schwieriges und langwieriges Unterfangen. Fachleute bezweifeln aber, ob es sich hier um eine praktikable Lösung handelt

Unter gewissen Umständen ist sie sogar kaum möglich. Auch Bettina Schmitz gibt hier keine Antwort. Als Alternative möchte ich aus ihrem Buch ‚Die Steine der Pharaonen‘ Teile des Kapitels ‚Die Technik der Steingefäßherstellung‘ zitieren, damit man einen Einblick in die allgemeine ägyptologische Sichtweise erhält:

„Steingefäße gehörten seit der Vorgeschichte stets mit zur Ausstattung des Grabes, fanden aber auch im diesseitigen Leben vielfache Verwendung, z.B. als Salben- und Kosmetikbehälter(…).(…)Die Herstellungstechnik lässt sich aus bildlichen Darstellungen gut rekonstruieren. Der Handwerker wählte das Material aus, das entweder schon die passende Größe besaß (bei Geröllsteinen) oder durch Entfernen überflüssigen Materials (mit dem Meißel) passend zugeschlagen wurde. Dann höhlte er mit Hilfe eines Steinbohrers das Innere des Gefäßes aus (…). Unterschiedlich große Bohrspitzen ermöglichten nicht nur die verschiedenen Formate der Gefäße, sondern erlaubten auch, das Innere entsprechend der geplanten äußeren Umrisslinie des Gefäßes unterschiedlich weit oder eng auszubohren.“ [32]

Diese Ausführung ist besonders hinsichtlich der Aussage interessant, dass überflüssiges Material mit dem Meißel entfernt wurde. Es stellt sich, wie wir noch sehen werden, die Frage, mit welchem Meißel das bei Hartgesteinen geschah. Besonders aufschlussreich ist hier die Tatsache, dass Frau Schmitz kein Material für diese Werkzeuge angibt. An anderer Stelle des Buches schreibt die Ägyptologin allerdings klar von Kupfermeißeln. Diese sind aber für die Bearbeitung von Hartgesteinen nicht denkbar, wie ich im nächsten Abschnitt darlegen werde.

Hartgesteingefäße nach Junker
Abb. 5: Hartgesteingefäße nach Junker: Bei diesen Gefäßen dürfte die oben gezeigte Praxis wohl nicht ohne weiteres funktionieren, der Hals ist viel zu tief und zu schmal, um im Inneren des Gefäßes mit einem Schaber zu arbeiten.

Ähnlich sieht es bei der Relieffierung der Hieroglyphen aus, die Stocks im selben Aufsatz ebenfalls mit Flint herauskratzen will. [33] Für grobe Zeichen, die weder fein gearbeitet noch sehr tief sind, mag das noch angehen, doch für sehr schmal gezeichnete Hieroglyphen müsste auch ein entsprechend schmaler und dünner Schaber verwendet worden sein. Hier wurde mir – u.a. auch durch den Chemiker Dr. Ernst und den Steinmetzmeister Rogalla versichert – ein so schmal und dünn gearbeitetes Werkzeug würde aller Wahrscheinlichkeit nach brechen. Auch der Experimentalphysiker Gassmann glaubt nicht an eine Reliefierung durch Feuerstein:

„Auf den Dioritvasen wie auch auf den großen Granit-Statuen und Obelisken in Gizeh und Karnak sind die Gravierungen und Schriftzeichen wie mit Schablone und Lineal gezogen, die Kanten sind geschnitten scharf. Diese Arbeiten können eigentlich nur mit einem diamantbesetzten Gravierstift ausgeführt worden sein.“ [34]

Es soll hier nicht die Arbeit Stocks in Abrede gestellt werden, aber für die Herstellung von Hieroglyphen schreibt er ja selber, dass er annimmt, die Zeichen seien mit Feuerstein herausgearbeitet worden, er hat es an Hartgesteinen nicht selbst versucht, jedenfalls meines Wissens nach nicht. Abgesehen davon sind sämtliche Versuchsreihen des Forschers eben auf Forschung und nicht auf praktische industrielle Arbeitsweisen ausgelegt, dass muss unbedingt bedacht werden. Es gibt an Hartgesteinstatuen und -sarkophagen eine ganze Reihe Details, die äußerst Filigran gearbeitet wurden und für diese sind die doch arg groben und primitiven Werkzeuge einfach nicht geeignet. Das kann jeder Steinmetz bestätigen.

Kupfer, so hart wie Stahl?

Wie oben erwähnt, sollen für die Grobarbeiten an einer Statue aus Hartgestein außerdem noch Kupfermeißel für die Vorarbeiten verwendet worden sein. Lauer schreibt zu diesem Thema:

„Fachleute sind der Meinung, daß sie sich auf ein spezielles Härteverfahren verstanden hätten, das wir heute nicht mehr kennen. Zugleich verweisen sie darauf, daß in natürlichen Kupfervorkommen Beimischungen von Arsen, Wismut und Eisen enthalten sind, so daß diese Bestandteile, die nach dem damaligen Schmelzverfahren erhalten bleiben, härteres Kupfer entstehen ließen als nach heutigen Schmelzmethoden gewonnen wird. Überdies trug das Hämmern des Metalls in erkaltetem Zustand zur Härte bei, allerdings wurde damit nicht einmal die Härte von Bronze erzielt.“ [35]

Diese Ansicht wird von nicht wenigen Historikern geteilt, z.B. von W. M. F. Petrie: „So behandeltes Kupfer kann so hart wie Flußstahl gemacht werden.“ [36] Seltsam ist allerdings, dass bisher noch kein einziges Artefakt gefunden wurde, an dem sich dieser ominöse Härtevorgang nachweisen ließe.

So versucht sich denn J. de Morgan 1926 in ‚La Préhistoire orientale‘ folgendermaßen aus der Affäre zu ziehen:

„Die Werkzeuge ähneln notwendigerweise den Spitzhauen heutiger Steinbruchs- und Minenarbeiter; aber aus welchem Material waren diese Spitzhauen gemacht? Während der ersten Dynastien mit Sicherheit aus Kupfer, später aus Bronze; doch rotes Kupfer und Zinnbronze werden im heute bekannten Molekularzustand am harten Fels stumpf, ja platt, ohne ihn zu ritzen. Deshalb müssten die Ägypter Prozeduren gekannt haben, Kupfer und seine Legierungen so weit zu härten, dass sie die Qualitäten unserer besten Stähle bekommen hätten. Diese Prozeduren betrafen keineswegs die chemische Zusammensetzung des Metalls, sondern ausschließlich seinen molekularen Zustand, einen vorübergehenden Zustand von kurzer Dauer, (Hervorhebung RP) weil die heute ausgegrabenen Instrumente wieder alle Charakteristika des natürlichen Metalls angenommen hätten.“ [37]

Lauer war einer der vielleicht größten Ägyptologen unserer Zeit. Aber er war weder Metallurge noch Steinmetz, denn dann hätte er gewusst, dass die Sachlage ganz anders zu beurteilen ist. Mit Manfred Rogalla konnte ich ein etwa 30 minütiges Telefonat führen, welches hier in einigen Zügen anhand von Notizen wiedergegeben werden soll. Das Telefonat fand am 29. Juli 2002 statt.

Auf Frau Drenkhahns Angabe „nachdem die Statuen mit Hammer und Meißel ihre Gestalt angenommen hatten…“ fragte Herr Rogalla mich, um was für Meißel (die in der Steinmetzkunst übrigens Schlegel heißen) es sich denn gehandelt hat. Ich antwortete ihm, dass dies nicht im Brief stand, aber aus dem ägyptologischen Kontext hervorginge , es könnte sich nur um Kupfer oder Bronze gehandelt haben.

Die Antwort war überraschend:

„Sie können jeden Steinmetz fragen. Es gibt und gab aller Wahrscheinlichkeit nach nie ein Härteverfahren, dass Kupfer so hart machen konnte, dass damit Hartgesteine wie Granit bearbeitet werden konnten. Es werden und wurden in dieser Richtung auch in unserem Fach seit langer Zeit Versuche unternommen, wenn, dann hätte man das Geheimnis längst entdeckt.“

Auf die Angaben betreffs des Poliersteins reagierte der Steinmetzmeister positiver: „Generell können Hartgesteine mit Poliersteinen bearbeitet werden. Dabei ist es auch möglich, feinere Strukturen, wie etwa die Augen oder Körperformen herauszuarbeiten. Zu anderen Strukturen, wie etwa die feinen Hieroglyphen, kann ich so nichts sagen, da müsste ich schon Beispiele sehen. Als Schleifmittel stelle ich mir etwa Korund oder Bimsstein vor, aber auch das erwähnte Quarz ist durchaus möglich.“ [38]

Durch Herrn Faure erhielt ich, kurz gesagt, in etwa dieselben Antworten. Auch für die Bearbeitungsmethoden mit Flint bekam ich kaum eine im ägyptologischen Sinne positivere Resonanz. Herr Faure glaubt generell schon, dass man z.B. Granit mit Feuerstein bearbeiten kann, aber als ich ihm Bilder von feinen Hieroglyphen schickte, hielt er auch dieses aus den o.g. Gründen für nicht denkbar.

Letztlich möchte ich noch die Ansicht des Dipl. Ing. U. Fernau aus Berlin zitieren:

„Ich habe eine gründliche naturwissenschaftliche Ausbildung und könnte nie über eine Anleihe bei ‚Harry Potter‘ ägyptische Handwerker zum Härten von Kupfermeißeln in die Schmiede schicken. Weil Härten nicht geht.“ [39]

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Nun wollen wir die Möglichkeiten der Bearbeitung von Hartgesteinen kurz beleuchten. Kupfer fällt weg, denn wie wir gehört haben, ist bis heute trotz zahlreicher Versuche seitens der metallurgischen und steinbearbeitenden Fachwelt kein Härteverfahren für Kupfer bekannt, das die Bearbeitung von harten Gesteinsarten ermöglicht. Für die Abtrennung von Rohblöcken vom Muttergestein wurden auch angefeuchtete Holzkeile vorgeschlagen, die den Block durch die Ausdehnung des nassen Holzes vom Felsen absprengen sollten. Diese Methode kann jedoch, wenn überhaupt, nur für die Rohblockgewinnung eingesetzt werden, nicht für die Grobbearbeitung eines Statuenblocks.

Gleiches gilt für die anderen Steinbruchmethoden, vielleicht mit Ausnahme einer, die von R. Engelbach stammt und in einem Aufsatz von 1923 meines Wissens erstmalig Erwähnung fand. Leider konnte ich bisher nicht an den Aufsatz herankommen, so dass ich auf die Angaben Goyons, der diese Methode auf S. 85 seines Buches ‚Die Cheopspyramide‘ erwähnt, angewiesen bin. [40] Es handelt sich um die Bearbeitung von Granit durch Hitzeeinwirkung. Dabei wird ein Granitblock durch ein starkes Holzkohlefeuer zuerst mittels Blasebälgen kräftig erhitzt. Dadurch wird die Oberfläche des Steins blasig. Danach genügen einfache Schläge mit einem der erwähnten Hämmer, um eine Schicht des Steins abzuhauen. Oder man setzt Schockkühlung z.B. durch kaltes Wasser oder Essig, wie Herodot schreibt, ein und der Stein springt. Tatsächlich wurden z.B. in Assuan am berühmten unvollendeten Obelisken solche Feuerspuren gefunden. Der Nachteil dieser Methode ist sicherlich die Unkontrollierbarkeit der Stelle, an welcher der Stein nun „mürbe“ gemacht wird. Das Feuer kann nur relativ großflächig eingesetzt werden, so dass diese Methode für die Erschaffung einer Statue zu unpräzise ist und somit ausscheidet.

Eine weitere Möglichkeit erwähnt – last but not least – Labib Habachi :

„…Dazu bepackte man die entsprechenden Partien (eines Granitobelisken, Anm. RP) mit Ziegeln, erhitzte diese stark und schreckte sie danach mit kaltem Wasser ab. Dadurch erreichte man, daß der Fels an der Oberfläche barst und sich leicht abtragen ließ – zurück blieb eine ziemlich glatte Fläche.“ [41]

Für die Bearbeitung eines Rohblockes einer Statue ist diese Methode m. E. allerdings ebenfalls aus den bereits oben genannten Gründen abzulehnen. Allgemein kann man nur resignierend feststellen, dass es bisher keine bildlichen oder archäologischen Nachweise für die Abbaumethoden von Hartgesteinen gibt. So schreibt Bettina Schmitz:

„Die Quellenlage zu diesem Thema ist sehr schlecht, denn es gibt kaum inschriftliches Material, das die eigentliche Arbeit erwähnt, geschweige denn ausführlich schildert. Die Ägypter neigten dazu, die ihnen selbstverständlichen Dinge des Alltags nicht aufzuschreiben. Etwas schriftlich zu fixieren bedeutete ja nach ägyptischer Vorstellung, eine Angelegenheit auf ewig festzuschreiben – und das war ‚wichtigeren‘ Themen vorbehalten.“ [42]

Für die Bearbeitung von Steinen sieht das schon ein bisschen anders aus. Es gibt Malereien und Reliefs die Handwerker bei der Herstellung von Statuen oder Gefäßen zeigen. Ob es sich hier spezifisch um Darstellungen von Hartgesteinbearbeitungen handelt, kann meines Wissens nicht hundertprozentig gesagt werden.

Der Faktor „Zeit“ – Zweifel Nr. 3

Zum Ende hin wollen wir uns noch einmal einem meiner Ansicht nach nicht unwesentlichem Faktor zuwenden den es allerdings einigen Grenzwissenschaftskritikern zufolge gar nicht gibt: der Zeit. Wie lange dauerte es beispielsweise den Granitsarkophag des Cheops auszuhöhlen?

Entscheiden Sie anhand der Berechnungen selbst, ob die Zeit nun eine wesentliche Rolle spielt, oder nicht.

Stocks verwendete für seine Versuche ein Kupferzylinderrohr mit einem Durchmesser von 0,028 m und bohrte in 20 Std. 6 cm tief. Das macht in einer Stunde 0,003 m. Da wir keine anderen wissenschaftlichen Vergleichswerte besitzen, müssen wir auch von diesen ausgehen, denn wir wissen nicht, um wie viel aufwändiger die Arbeit mit einem Bohrkopf geworden wäre, der entsprechend größer ist.

Die Außenmaße des Cheopssarkophags betragen [43]: a = 2,28 m; b = 0,99 m; h = 1,05 m. Wir müssen nun für die Ränder und den Boden jeweils ca. 10 cm abziehen, so dass sich folgende Innenmaße daraus ergeben: Länge = a = 2,08 m (10 cm vorne und 10 cm hinten werden abgezogen); Breite = b = 0,77 m (die Ränder betragen hier rund 11 cm); Höhe = h= 0,95m.

Das auszubohrende Gesamtvolumen des Sarkophag-Innenraums beträgt somit: 2,08 m x 0.77 m x 0.95 m = 1,521 m3

Da das Volumen eines Zylinders Pir2h ist (Pi x Radius zum Quadrat x Höhe), bohrte Stocks pro Stunde 3,14 x 0.014 x 0.003 Kubikmeter, insgesamt also 0.00000185 Kubikmeter pro Stunde heraus.

Wenn wir nun wissen wollen wie viel Arbeitsstunden das Volumen des Sarkophages für eine Person ergibt, so können wir dies auf recht einfache Weise ermitteln. Das macht bei der Rechnung 1,521 : 0.00000185 = 822162,16 Arbeitsstunden oder dividiert durch die Stunden eines Jahres = 93,54 Jahre pro Person Arbeitszeit für den Sarkophag des Cheops. Setzen wir logischerweise voraus, dass 8 Personen gleichzeitig bohrten – mehr passten wahrscheinlich gar nicht vor das Werkstück [44] und einer allein wird kaum gearbeitet haben – ergibt das eine Gesamtarbeitsdauer von 11,73 Jahren!

Wir können nun vielleicht damit rechnen, dass die Ägypter nicht Bohrer an Bohrer ansetzten, um die einzelnen Kerne herauszubohren, sondern kleinere Zwischenräume ließen, so dass zwischen den einzelnen Kernbohrungen zusätzlich polygonale Kerne stehen blieben, die man hinterher leicht herausschlagen konnte. Dadurch verringerte sich die Arbeit um schätzungsweise 1/3 der berechneten Zeit auf 7,82 Jahre. Hinzu rechnen muss man freilich wiederum die Glättung des Werkstücks, die Bearbeitung der Ecken, die Herstellung von Deckel und Schließmechanismus, sowie die Tatsache, des hohen Kupferabriebs, den dieser Bohrvorgang verursachte, so dass zusätzliche Zeit für die Aufarbeitung der Kupferzylinder usw. zuzurechnen ist. Weiterhin müssen wir bedenken, dass durch Einschluss von Gesteinssplittern im Kupfer sich der Bohrvorgang vielleicht anfangs positivieren ließ, das weiche Kupfermetall aber auch entsprechend poröser werden musste, je größer die Belastung wurde.

Außer Acht gelassen wurde auch die Tatsache, dass die Alten Ägypter natürlich nicht 365 Tage lang 24 Stunden täglich arbeiteten. Diese Faktoren erhöhen den rein theoretischen Wert von 7,82 Jahren selbstverständlich beträchtlich, so dass wir mindestens wieder auf unseren Ausgangswert von knapp 12 Jahren kommen, eher noch mehr. Wenn man bedenkt, dass es im „Neuen Reich“ Festlichkeiten gab, die 18 Tage am Stück dauern konnten sowie die normale Arbeitszeit 10 Stunden bei einer 10-Tagewoche betrug und Arbeiter immer wieder aus den verschiedensten Anlässen der Arbeit fernblieben – wie es für das „Neue Reich“ anhand von „Ostraka“ aus der Arbeiterstadt „Deir el-Medine“ bewiesen ist – mag man eine vage Vorstellung davon bekommen, wie hoch die effektive durchschnittliche Arbeitsleistung eines Arbeiters im Alten Reich wirklich war. Denn ähnliche Ereignisse dürfen sicherlich auch für diese Zeit, wenn vielleicht auch in etwas bescheideneren Rahmen, vorausgesetzt werden.

Als letztes möchten wir noch darauf hinweisen, dass die Herstellung von Sarkophagen im Alten Ägypten für Könige und hohe Beamte durchaus üblich war, so dass wir von einer beträchtlichen Anzahl an Werkstücken ausgehen müssen. Diese Tatsache gilt auch für die abertausenden Hartgesteingefäße, die in weltweiten Museen lagern.

Das bedeutet für die derzeit anerkannte Chronologie des „Alten Reiches“, dass rein aus zeitlicher Sicht z.B. für einen Pharao wie Djedefre, der ca. 7 – 8 Jahre regierte, oder Merenre, der um die 5 Jahre an der Macht war, gar kein Sarkophag aus einem Hartstein hergestellt werden konnte, denn die Sarkophage des Alten Reiches bestanden alle aus Steinen wie Granit, Basalt, oder anderen Hartgesteinen und die Maße der einzelnen Werkstücke unterscheiden sich in der Regel nicht drastisch. Und das gilt obendrein noch selbst für den Fall, dass wir die Feinarbeiten ausklammern!

Das bedeutet auch, dass theoretisch betrachtet eine riesige Menge Arbeiter benötigt wurden, die nichts anderes als Produkte aus Hartgesteinen herzustellen hatten, um die riesigen Mengen an gefundenen Artefakten und Sarkophagen zu rechtfertigen (allein in der Djoser-Stufenmastaba sind meines Wissens etwa 40.000 Gefäße entdeckt worden, davon ein beträchtlicher Anteil Hartgesteingefäße).

Abschließend sollten noch zwei Meisterstücke der Hartgesteinbearbeitung erwähnt werden, die sich m. E. mit dem Faktor Zeit überhaupt nicht erfassen bzw. messen lassen. Es handelt sich um die Grabkammern zweier Pyramiden aus der XIII. Dynastie.

Die Pyramiden sind stark zerstört, nur die Substruktur ist erhalten. Die Bauwerke lassen sich nicht zuordnen, lediglich für die zweite Pyramide gibt es einige schwache Indizien, die eine Zuschreibung an Chendjer, dem 16. Pharao der XIII. Dynastie, möglich erscheinen lässt.

Das erstgenannte Grab soll im folgenden kurz beschrieben werden:

Der Hauptkern bestand aus Lehmziegeln, die Pyramide maß 80 Meter im Quadrat. Die Grabkammer, und das ist hier das Interessante, wurde aus einem Quarzitmonolithen mit den Maßen 6,20 m x 4,25 m x 2,80 m herausgehauen. Mit anderen Worten: Ein 185 Tonnen schwerer Quarzitmonolith wurde auf etwa 100 Tonnen ausgehöhlt und auf den Grund einer 12 Meter tiefen Grube gesenkt. Dort wurde die Kammer genauestens nivelliert und mit großer Präzision ausgerichtet. Die Kammer sollte auf ganz besondere Art verschlossen werden, durch Absenkung eines Dachblockes, der 45 Tonnen wog. Die Decke wurde von zwei Quarzitpfosten gestützt, die in sandgefüllten Röhren steckten. Über einen Zugangskorridor konnte man einen Arbeitsraum erreichen, der geöffnet wurde, damit der Sand aus den Röhren herauslaufen konnte. So senkte sich der Deckenblock und verschloss die aus einem einzigen Stein bestehende Grabkammer hermetisch. Die Kammer bot Platz für die Mumie, den Kanopenschrein und Grabmobiliar, wobei für jedes der genannten Elemente extra Aushöhlungen vorlagen. Es ist schwer vorstellbar, wie diese Arbeit mit den von der Ägyptologie anerkannten Methoden in einer doch relativ kurzen Zeit bewerkstelligt werden konnte. Dabei ist die Tatsache, dass es mindestens zwei Grabkammern dieser Art gibt, Beweis genug dafür, dass auch diese Tätigkeiten mit einer gewissen Routine durchgeführt wurden.

Substruktur einer Pyramide der XIII. Dynastie nach Lauer
Abb. 6: Substruktur einer Pyramide der XIII. Dynastie nach Lauer: Die dunklen Flächen zeigen Hartgesteine, Quarzit und Granit an.

Wie lange dauerte es wohl, den Quarzitmonolithen zu brechen, ihn an seinen Bestimmungsort zu transportieren, auszuhöhlen, den Innenteil herauszuarbeiten, ihn zu glätten, zu polieren und dann noch eine 12 Meter tiefe Grube herabzusenken?

Inzwischen ist mir bekannt geworden, dass Stocks offenbar auch Versuche mit einer Bohrkrone von 8 cm Durchmesser durchgeführt hat. Allerdings sind mir bisher hierzu keine Daten bekannt geworden. Es wäre aber meiner Ansicht nach davon auszugehen, dass sich zumindest ein relativ großer Teil der Zeitersparnis, die sich durch das größere Volumen ergibt, das mit einer größeren Bohrkrone herausgebohrt werden kann, wieder hinfällig wird, da sich der Bohrvorgang entsprechend erschweren würde und der bei kleineren Kupferröhren erreichte Vortrieb evtl. deshalb nicht erreichbar wäre. Doch selbst wenn sich dies nicht sehr nachteilig auswirken würde, so wäre der Zeitaufwand insgesamt doch immens, verglichen mit der Fülle der zu erbohrenden Werkstücke.

Damit ist meiner Ansicht nach ein entscheidendes Argument der Grenzwissenschaftskritiker gegen das Phänomen Hartgesteinbearbeitung widerlegt. Rainer Lorenz schrieb hierzu im Fazit seinem Aufsatz ‚Kernbohrung im Alten Ägypten‘:

„Angenommen eine Pyramidenlage des Alten Reichs hätte über 100 Bohrungen verfügt. Das ist weit mehr als man nachweisen kann. Unter den gegebenen Voraussetzungen, daß Stocks 20 Stunden für ein 6 cm tiefes Loch benötigt hat, und daß – wie auch Stocks hervorgehoben hat – ein geübter ägyptischer Arbeiter doppelt so schnell bohren könnte, wären selbst unter widrigsten Bedingungen in wenigen Monaten alle Bohrarbeiten von einem Fachmann und – sagen wir – einem Hilfsarbeiter sicher erledigt gewesen. Da man entsprechend mehr als ein Bohrkommando wird annehmen können, wird es nur ein Bruchteil davon sein. Das propagierte Zeitproblem existiert überhaupt nicht.“ [45]

Wenn man sich den Rest der Arbeit durchliest, die eigentlich in Bezug auf Stocks Forschungsergebnisse, wie auch auf andere ägyptologische Erkenntnisse bezogen sehr genau ist und sicher eine respektable Quellenleistung darstellt, muss man sich unwillkürlich fragen, wie der Autor zu so einem Fazit gelangen kann. Hätte er sich die Mühe gemacht, eigene Berechnungen anzustellen, hätte er zu denselben Ergebnissen kommen müssen, die hier vorgestellt wurden. Übrigens hat schon das hervorragende Team Klemm & Klemm offensichtlich erkannt, dass der Faktor Zeit sehr wohl eine wichtige Rolle bei der Ermittlung eines Arbeitsverfahrens spielt. [46] Denn gerade die Zeit entscheidet letzten Endes im großen Maße mit, wie effektiv eine Methode ist.

Zusammenfassung der offenen Fragen

Die seit 1983 von Denys A. Stocks durchgeführten Feldversuche zeigen, dass die von der Ägyptologie postulierten Bearbeitungsmethoden von Hartgesteinen grundsätzlich möglich sind. Man kann man mit Kupfer und Quarzsand tatsächlich ein Loch in irgendein Hartgestein bohren. Auch das Sägen ist möglich. Wenn Stocks Versuche etwas bewiesen haben, dann das. Doch unsere Berechnungen zeigen, dass etliche Probleme nicht gelöst, viele Fragen nicht beantwortet werden konnten.

Folgende Fragen konnten nicht geklärt werden:

Aus welchem Material bestanden die zur Grobarbeit verwendeten Meißel?
Mit welchem Werkzeug wurden die tiefen und feinen Hieroglyphen herausgearbeitet?
Wie wurden Gefäße aus Hartgesteinen ausgehöhlt, wenn durch die postulierte Kernbohrung nur ein recht geringer Prozentsatz des zu entfernenden Materials herausgearbeitet werden konnte und die angegebene Methode ineffektiv ist?
Wie erklärt sich, dass die postulierte Herstellungsmethode von Sarkophagen längere Zeit beanspruchte, als den Handwerkern aufgrund der teils recht kurzen Lebensdauer diverser Pharaonen des Alten Reiches zur Verfügung stand?

Schließlich sind auch an den Arbeiten von Denys Stocks einige Vorgehensweisen zu bemängeln:

Warum beträgt der Durchmesser des Kupferrohres, welches zur Erbohrung des Assuangranites verwendet wurde, nur 0,028 Meter, während auf dem Gräberfeld von Abusir wesentlich größere Bohrungen bekannt sind?
Warum fiel Stocks nicht auf, dass seine Ergebnisse aus mathematischer Sicht völlig unzureichend sind?

Wie konnte Stocks bei seinen Sägeversuchen ein Ergebnis von 3 cm in 14 Stunden, was pro Stunde einen Wert von 0,000214 Meter (!) ausmacht, für effektiv halten? Man muss bedenken, dass der Sarkophag des Cheops eine recht tiefe Sägespur enthält, dessen Wert ich leider nicht genau kenne. Sollte aber eine Sägespalte von etwa 90 Zentimetern erzielt werden, bedeutete das eine Arbeitszeit von über 17 Tagen, wenn man seine Ergebnisse zugrunde legt.

Stocks verlor pro Stunde etwa 0,45 cm Kupfer durch Abrieb. Das ergibt für unsere Sarkophagberechnung einen Verlust von rund gerechnet 369,997 Meter für einen Sarkophag. Können Sie sich den immensen Materialverlust für die Gesamtarbeiten des Alten Reiches vorstellen? Auch diese Problematik findet bei Stocks keine Erwähnung.

Stocks Arbeit besticht durch genaueste Zahlenangaben sowie ausführliche Beschreibung seiner Vorgehensweise. Berechnungen wie die oben angeführte, welche die Schwachpunkte der Versuchsreihe deutlich werden lassen, fehlen aber völlig.

Fazit der Untersuchung

Das Ergebnis dieser Analyse ist aus meiner Sicht eindeutig. Im Grunde genommen erklären die experimentalarchäologischen Versuche Denys A. Stocks‘ überhaupt nichts. Es hat sich herausgestellt, dass die in seinen Aufsätzen beschriebenen Methoden in hohem Maße ineffizient sind und somit abgelehnt werden müssen. Kupfer als Material zur Erstellung einer Kernbohrung mag sicher möglich sein und im kleinen Rahmen auch Anwendung gefunden haben, eine Grobbearbeitung einer Statue lässt sich jedoch mit diesem Material genauso wenig durchführen wie eine industriell ausgerichtete Herstellung.

Auch erklärt der Ägyptologe aus Manchester, die feinsten Hieroglyphen seien mit Feuerstein hergestellt worden. Wie dünn müsste der Feuerstein sein, um solche Feinarbeiten zu bewerkstelligen? Nach Ansicht des Steinmetzmeisters Manfred Rogalla scheidet Feuerstein jedenfalls aus, denn heutzutage sind die Gravurstifte mit einer Diamant- oder Widiaspitze (wie Diamant) bestückt und so dünn, dass ein Feuersteinstift auf jeden Fall brechen müsste.

Eisen, eine echte Alternative?

Ich möchte dem Leser auch meine eigenen Vorstellungen über die Hartgesteinbe- und -verarbeitung nicht vorenthalten. Schließlich ist es immer recht einfach, einen Vorschlag abzulehnen. Doch sollte man dann auch eigene Vorstellungen über die wahrscheinlicheren Vorgehensweisen haben.

Mein Vorschlag ist nicht neu und wurde zu Anfang des 20. Jahrhunderts auch von mehreren Ägyptologen geteilt. Ich plädiere dafür, dass auch im Ägypten des „Alten Reiches“ schon Eisen verwendet wurde und zwar im größeren Maße, als bisher angenommen. 1927 forderten bereits H. Garland und C. O. Bannister: „Eisenmeißel müssen beim Pyramidenbau eingesetzt worden sein.“

Eisenfunde aus ältester Zeit sind den Ägyptologen schließlich nicht fremd. So sind alleine aus der Zeit zwischen 3000 v. Chr. und 2000 v. Chr. über 10 Funde bekannt. Maspero fand in Sakkara Stücke von Eisenmeißeln aus der 5. Dynastie, Stücke einer eisernen Spitzhacke aus der 6. Dynastie in Abusir und zerbrochene Eisenwerkzeuge aus derselben Zeit in Dashur. [47]

Howard Vyse veröffentlichte 1840 den Fund eines Eisenobjektes, das in einem Steinverarbeitungsplatz außerhalb der Cheopspyramide von J. R. Hill gefunden wurde.

Nun billigt man den Ägyptern in dieser Zeit den Abbau und die Verhüttung von Eisen nicht zu. Wenn Eisen, dann kann es sich nur Meteoriteneisen handeln, das einen höheren Nickelgehalt aufweist als das irdische Metall. Leider trifft das aber auf einige der erwähnten Funde nicht zu, z.B. hat G. A. Reisner im Taltempel des Mykerinos in Gizeh ein Stück Eisen ausgegraben, dessen Nickelgehalt zu gering war. Für die Meteoritenthese spricht zwar auch, dass die alten Ägypter Eisen als „vom Himmel gefallenes Metall“ bezeichneten. Doch liegt für mich einfach auf der Hand, dass Eisen für die Ägypter allein schon wegen seiner Härte göttlichen Ursprungs war und somit vom Himmel, von den Göttern gekommen sein musste. Es muss somit gar nicht unbedingt das Eisen mit Meteoren in Verbindung gebracht werden.

Könnte Eisen eine Alternative für derartige Hartgesteinbearbeitung liefern?
Abb. 7: Könnte Eisen eine Alternative für derartige Hartgesteinbearbeitung liefern?

Was liegt also näher als der Gedanke, dass ein göttliches Werkzeug zumindest zur Herstellung eines Sarkophages verwendet wurde, der ja den vergöttlichten Leib des verstorbenen Königs aufnehmen sollte? Ich schlage also vor, dass zwar Bohrarbeiten in der von Stocks ermittelten Weise ausgeführt wurden, aber nicht ausschließlich. Z.B. könnte man an die Verwendung von Eisen für alle Produkte gelten, mit denen ein Gott, oder vergöttlichter König direkt in Verbindung kam. Das beträfe Sarkophage, Kanopenkästen Kulträume, Hartgesteinstatuen, die ja den Ka des Verstorbenen aufnehmen konnten ebenso.

Eine andere Frage ist natürlich, woher die Ägypter das Verfahren der Eisenverhüttung überhaupt beherrschten. Denn nach konventioneller Datierung ist die Eisenzeit erst ab etwa 1000. v. Chr. anzusetzen. Ist dies ein weiterer Hinweis auf Lehrmeister, die den antiken Völkern die Errungenschaften von Handwerk, Landwirtschaft und Kultur näherbrachten? Da ich die Datierung der Erbauung der Cheopspyramide ins 8. Jahrhundert, wie von Heinsohn/Illig vorgeschlagen, ablehne, bleiben nicht viele Alternativen. Jedenfalls ließe sich mit Eisen die Herstellungszeit eines Granit- oder Basaltsarkophages erheblich verringern. Ich bin mir natürlich bewusst, dass mein Vorschlag nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann, doch unbedacht sollte dieser Ansatz gewiss nicht bleiben.

Schlusswort

Es ist anhand von archäologischen Fakten und genauen Berechnungen gezeigt, worden, dass die Ergebnisse des Experimentalägyptologen Denys A. Stocks für einen großen Teil der vorhanden Hartgesteinartefakte abzulehnen sind.

Nein, die technischen Rätsel des alten Ägypten sind noch lange nicht gelöst. Experimentalarchäologie kann gewiss einen spannenden und wichtigen Beitrag zur Erhellung des ein oder anderen Problem beitragen. Doch wenn man wissen möchte, wie eine Pyramide gebaut wurde, sollte man nicht ein 9 Meter breites und 6 Meter hohes 2-seitiges Modell nachbauen, oder eine 2,8 cm Bohrkrone verwenden. Denn dies entspricht weder der erzielten Leistung im Geringsten, noch entspricht es der Größe des tatsächlich nötigen Werkzeuges und geht somit an der Realität vorbei. Wenn schon Experimente, dann unter möglichst authentischen Bedingungen!

Auch bringt es nicht viel, einen 2 oder auch 15 Tonnen schweren Obelisken aufzustellen, denn ein üblicher Obelisk wog in Ägypten etwa 300 bis 400 Tonnen. Es sollten also wenigstens Gewichte verwendet werden, die 1/3 des Ursprungsgewichtes nicht unterschreiten, wenn man brauchbare Ergebnisse, vor allem über die Effizienz erhalten möchte.

Danksagung

Die Berechnungen, die in dieser Arbeit vorliegen, und die ein wichtiger Bestandteil meiner Argumentation sind, habe ich mit Hilfe des Chemikers (i.R.) Dr. Otto Ernst erstellt, dem für diese Hilfe mein ganz besonderer Dank gebührt. Gleiches gilt für die Steinmetzmeister Manfred Rogalla und Herr Faure aus Dortmund, die mich fachmännisch unterstützten und mir ihre Zeit opferten. Herrn Dipl. Ing. U. Fernau, der mich mit seiner Aussage über die Härtung von Kupfer überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, diese Untersuchung anzustellen, gebührt meine besondere Dankbarkeit. Letztlich soll die Ägyptologin Frau Prof. Rosemarie Drenkhahn, die mir bereitwillig meine Fragen zum Thema beantworte, ebenfalls dankend erwähnt werden.

Des weiteren nahm ich für meine Berechnungen das Programm Win-Function in Anspruch. Die Hieroglyphen wurden mit Hiero-Pro erstellt.

Korrektur

In einem Nachtrag zu seinem Artikel ‚Experimentalägyptologische Hartgesteinbearbeitung‘ korrigiert Reinhard Prahl seine ursprünglichen Berechnungen zur Berarbeitungszeit eines ägyptischen Granitsarkophags.

Reinhard Prahl: Zu ‚Experimentalägyptologische Hartgesteinbearbeitung‘ – Korrektur der Berechnung zur Bearbeitungszeit

Anmerkungen

[1] vgl. Petrie 1883, S. 74ff.; Kap.VIII: ‚Nature of tools employed on hard stone-Examples of sawing-Tubular drilling-Rurning-Rate of working‘

[2] Löhner 1993

[3] vgl. Petrie 1883

[4] vgl. Stocks 2001, S. 89-94

[5] von Frau Prof. Drenkhahn ist 1976 in der Reihe ‚Ägyptologische Abhandlungen‘ das Buch ‚Die Handwerker und ihre Tätigkeiten im Alten Ägypten‘ erschienen.

[6] private Mitteilung an den Autor vom 29.07.02

[7] Lauer 1980

[8] Goyon 1979, S. 88

[9] Schmitz 1985, S. 29

[10] Sasse & Haase 1997, S. 218; Interview von T. Saase mit H-D. Gassmann

[11] Däniken 1993, S. 31ff.

[12] Fuss 1999, S. 242-252

[13] Sasse & Haase 1997, S. 209-222

[14] Sollner 1995

[15] ebd., S. 128

[16] so z.B. in einem kürzlich mit Peter Janosi in ‚Sokar‘ veröffentlichten Interview

[17] vgl. Stocks 2001, S. 89-94

[18] vgl. Lorenz 2002

[19] ebd., S. 22

[20] allerdings ist Rosemarie Klemm der Ansicht, dass dies nicht so einfach möglich ist, siehe: Klemm & Klemm 2001

[21] wie praktikabel diese Methode allerdings bei der Häufigkeit der aufgefundenen Bohr- und Sägespuren tatsächlich war und ob die Zeit wirklich ausser Acht gelassen werden darf, ist wohl eine andere Sache und soll weiter unten erläutert werden.

[22] Gassmann 1987, S. 8-12

[23] Sollner 1995, S. 125f.

[24] Sasse & Haase 1997, S. 219; anhand moderer Kernbohrung der Hilti AG

[25] Klemm & Klemm 2001

[26] auch wenn Sollner 1995, S. 126 in seinem Artikel von einer Härte von 8,4 für Diorit; Thomas Fuss 1999, S. 243 nennt sogar eine Mohshärte von 8,5

[27] Klemm & Klemm 2001

[28] es gibt allerdings aus der Zeit der 5. Dynastie auch Granitpfeiler, die im erhabenen Relief gearbeitet sind, siehe z.B. Berliner Museum, Halle des Sahure, d.h. um die Hieroglyphen herum musste das Material abgearbeitet werden.

[29] Stocks 1993, S. 596-603

[30] ebd.; Übersetzung Reinhard Prahl

[31] ebd.

[32] Schmitz 1985

[33] vgl. Stock 1993

[34] Gassmann 1987

[35] Lauer 1980

[36] Petrie 1909

[37] de Morgan nach: Heinsohn/Illig 1990, S. 163

[38] Telefonat vom 29.07.02

[39] aus einem persönlichen Brief an den Autor

[40] Goyon 1979, S. 85

[41] Habachi 1982, S. 38

[42] Schmitz 1985, S. 17

[43] Maße nach: Haase 2001

[44] einen entsprechenden Versuch an einer etwa 2 Meter langen Werkbank haben wir durchgeführt.

[45] Lorenz 2002, S. 32

[46] Klemm & Klemm 2001

[47] vgl. Heinsohn/Illig 1990, S. 326ff.

Abbildungen

[1] Goyon 1979, S. 90

[2] Schmitz 1985, S. 28

[3] Haase, SOKAR 4/2002, S. 31

[4] Schmitz 1985, S. 28

[5] Junker, Giza Bd. 1, S. 111

[6] Lauer 1988, S. 167

[7] Archiv Mysteria3000

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Video Ägyptomanie Nr. 16 (1998): Ägyptischer Alltag – Leben im Schatten der Pyramiden

persönliche Mitteilung an den Autor von Steinmetzmeister Manfred Rogalla vom 29. Juli 2002

persönliche Mitteilung an den Autor von Steinmetzmeister Faure vom 30. Juli 2002

Brief an den Autor von Frau Prof. Dr. Rosemarie Drenkhahn vom 29. Juli 2002

Brief an den Autor von Herrn Dipl. Ing. U. Fernau vom 10.01.2002