Alexander Nertz rezensiert für Mysteria3000 das Buch ‚Verbotene Ägyptologie‘ von Erdogan Ercivan.

Auf den ersten Blick schient Ercivans ‚Verbotene Ägyptologie‘ eine Fortführung der ‚Stargate-Verschwörung‘ von Andreas von Rétyi zu sein. Doch während v. Rétyi deutlich macht, dass seine Aussagen nur Spekulation und Interpretation sind, präsentiert Ercivan ähnliche Aussagen bereits als Fakten. So sollen die Alten Ägypter über unglaubliche Technologien, wie z.B. Röntgenapparate, Mikroskope und Teleskope verfügt, Elektrizität gekannt und auch Uranerz gefördert haben. All dies seien keine Erfindungen der Neuzeit, sondern lediglich Wiederentdeckungen.

Ein Universalgenie wie da Vinci z.B. habe seine Erfindungen nur machen können, da ihm die „Weißheit der Alten“ noch zur Verfügung stand. Doch damit nicht genug: Die Wissenschaft weiß angeblich über alles Bescheid; die Archäologie sei voll von Geheimniskrämereien, Verschwörungen und Vertuschungen.

Mit Argumentationen hält sich der Autor nicht lange auf. So wird z.B. auf S.17 behauptet, den Ägyptern sei die Präzession der Erdachse, die Fallbeschleunigung und die Lichtgeschwindigkeit bekannt gewesen. Wo er diese Information herleitet, bleibt dem Leser ein Rätsel. Von formaler Seite ist ohnehin anzumerken, dass Quellenangaben völlig fehlen. Es gibt weder Fußnoten noch Anmerkungen. Selbst wenn Ercivan im Text einen Autor nennt, von dem er sinngemäß oder sogar wörtlich zitiert, sucht man die dazugehörige Publikation im Literaturverzeichnis meist vergebens. Zitiert der Autor aus ägyptischen Originalquellen, wie Pyramidentexten oder Totenbuchsprüchen, geht auch hier nicht hervor, welcher Übersetzung er folgt und aus welcher Zeit sie stammt.

Das beste Beispiel für irreführende Zitate liefert Ercivan auf S.283: Er behauptet, der arabische Chronist Al-Makrizi berichte über den Fund von „nicht menschlichen“ Leichnamen. In beiden angeführten Zitaten wird aber von Al-Makrizi mit keinem Wort ein Leichnam als menschlich oder nicht menschlich beschrieben. Was also will Ercivan mit den Zitaten aussagen?

Ercivan führt weiter eine Reihe von Behauptungen an, um zu belegen, dass die Ägypter das Zentrum aller übrigen Kulturen sind. So waren die Ägypter einst „nachweislich“ in Amerika und Australien, begründeten die Kultur der Minoer auf Kreta und schließlich gehen auch die astronomisch ausgerichteten Megalithbauten Europas auf die alten Ägypter zurück. Die von Ercivan angeführten Verbindungen zwischen den Kulturen bestehen jedoch größtenteils aus oberflächlichen Betrachtungen.

Der sehr umstrittene Fund von Kokain und Nikotin in ägyptischen Mumien reicht ihm als Nachweis eines transatlantischen Kontaktes. Dagegen sind die in Australien entdeckten ägyptischen Hieroglyphen Fälschungen – weder les- noch übersetzbar. Die Authentizität einer in Australien gefundenen Statue des Gottes Aton (sofern es diesen Funde überhaupt gibt) wird allein dadurch in Frage gestellt, dass aus ganz Ägypten keine solche Statue bekannt ist!

Den ägyptischen Ursprung der minoischen Kultur führt er auf eine vermeintliche Etymologie zwischen dem mythischen König Minos und dem ägyptischen Gott Min zurück. Minos ist allerdings eine Figur der griechischen Mythologie und erst im 8. Jh. bei Homer als mythischer König Kretas belegt, nicht aber im bronzezeitlichen Kreta selbst. Erst Sir Arthur Evans prägte daraufhin zu Beginn des 20. Jh. den Begriff der „minoischen Kultur“.

Im letzten Kapitel berichtet Ercivan über geheime Kammern in den Pyramiden und unter dem Sphinx. Es folgen die abenteuerlichsten Beschreibungen von Kammern, die man in der Cheopspyramide entdeckt haben soll. Den Zugang zu einer Kammer über die Große Galerie will er übrigens selbst gesehen haben und 1996 (!) sollen bei der Öffnung der Gantenbrinkblockierung hinter einer Verzweigung des Schachtes Kammern entdeckt worden sein. Diese und andere Schilderungen von verborgenen und heimlichen Forschungen bei und in den Pyramiden bleiben, wie gehabt, ohne nachprüfbare Quellenangaben.

Auch wäre es in einigen Fällen ratsam gewesen, den einen oder anderen Ausgrabungsbericht in die Hand zu nehmen, oder zu berücksichtigen, dass die Publikation einer Ausgrabung nie ad hoc geschieht – nicht etwa, weil es etwas zu verheimlichen gilt, sondern weil Interpretation und Deutung der Befunde oft einen langwierigen Arbeitsprozess darstellen.

Bereits entkräftete Theorien, wie die Fälschung der Cheopskartusche, die technischen Hieroglyphen von Abydos oder die Glühbirnen von Dendera, werden für die Untermauerung seiner Aussagen herangezogen, ohne von den Gegenargumenten Kenntnis genommen zu haben.

Bei allen Bemühungen kann der Autor auch seine Idee, der ägyptische Jenseitsglaube beruhe auf einer vom Sirius-System ausgegangenen Weltraum-Odyssee, mit keiner seiner oberflächlichen Aussagen belegen. Er verliert sich in Polemik und Wissenschaftshetze, diffamiert angesehene Fachleute, indem er ihre Aussagen aus dem Kontext reißt und lächerlich macht. Sachliche Argumente fehlen, statt dessen wird der Leser mit nicht nachvollziehbaren Behauptungen und fadenscheinigen Schlussfolgerungen konfrontiert. Seine Zahlenmystik z.B. ist verwirrend, doch wer sie prüft stellt fest, dass sie gar nicht existiert!

Wer sich im alten Ägypten ein wenig auskennt, für den ist die „Verbotene Ägyptologie“ ein wahres Amüsement und in diesem Sinne zu empfehlen. Allen, die wider ihres Wissens verleitet sein könnten, Ercivans abstrusen Behauptungen zu folgen, sei von diesem Buch abgeraten. Es zeigt insbesondere mit einer unglaublichen Nachdrücklichkeit, wie glaubwürdige und seriöse Forschung in der PaläoSETI nicht funktioniert.

Literatur

Erdogan Ercivan: Verbotene Ägyptologie. Kopp Verlag, Rottenburg 2001. ISBN: 3-930219-39-5