Enkis Verwandlung: Vom Paradies zur Zivilisation

Neue Erkenntnisse zum sogenanten „Bootsgott“

Schon seit langem rätseln Assyriologen und Vorderasiatische Archäologen welcher Gott sich hinter dem seltsamen Geschöpf, mit dem rein deskriptiven Namen „Bootgott“, verbergen könnte. In der 1999 in München erschienenen Magisterarbeit [1] ‚Schlangendarstellungen in Mesopotamien und Iran vom 8. – 2. Jt. v. Chr. Quellen, Deutungen und kulturübergreifender Vergleich‘ wird dieser Gott nun mit Enki, dem Schöpfergott und Weltordner, identifiziert. Machen wir uns kurz mit dem Bootgott vertraut, der in Mesopotamien in der späten Frühdynastischen Zeit (ca. 2500 v.Chr.) erstmals auf Rollsiegeln belegt ist und mit dem Ende der Akkad-Zeit (ca. 2100 v.Chr.) wieder von der Bildfläche verschwindet.

I. Der „Bootgott“: Entwicklung vom schlangen- zum menschengestaltigen Gott

Betrachten wir die Bootgott-Darstellungen in ihrer chronologischen Abfolge so fällt sofort auf, dass sich die Gestalt des Bootgottes während der ca. 400 jährigen Entwicklungsphase stark verändert. Stehen wir zu Beginn einem nahezu völlig schlangenhaften Wesen gegenüber, so erleben wir im Laufe der Akkad-Zeit eine Verwandlung hin zu einer beinahe ausschließlich anthropomorph dargestellten Gottheit.

Frühdynastische Zeit

Erstmals belegt ist der Bootgott in der späten Frühdynastischen Zeit (Abb. 1). Noch ist er ganz in seinem schlangenhaften Wesen verhaftet und lediglich Kopf und Arme verleihen ihm menschliche Züge. Die zwei Hörner am Kopf weisen ihn als Gottheit aus.

Rollsiegel aus Südmesopotamien.

Abb. 1: Rollsiegel aus Südmesopotamien (Vorderasiatisches Museum Berlin).

Rollsiegel aus Tell Asmar.

Abb. 2: Rollsiegel aus Tell Asmar.

Der Oberkörper auf Abbildung 2 ist schon deutlicher ausgeprägt. In beiden Fällen schiebt der Gott sich aus eigener Kraft mit einem Stab vorwärts.

Akkad-Zeit

Rollsiegel aus Tell Asmar.

Abb. 3: Rollsiegel aus Tell Asmar.

Rollsiegel aus Tell Asmar.

Abb. 4: Rollsiegel aus Tell Asmar.

Der in der frühdynastischen Zeit angeklungene Anthropomorphisierungsprozess setzt sich in der Akkad-Zeit beständig fort. Der menschliche Oberkörper der Gottheit gewinnt realistische Züge. Die einfache Hörnerkrone entwickelt sich ebenfalls weiter und lässt keinen Zweifel mehr daran aufkommen, dass es sich bei dem Wesen um eine Gottheit handelt (Abb. 3). War es in Frühdynastischer Zeit der Bootgott selbst, der das Boot mit einem Stab vorwärts bewegte, so übernimmt diese Aufgabe ab jetzt eine im Boot sitzende Gottheit. Der Bootgott hält stattdessen eine Art Szepter in der rechten Hand (Abb. 4).

Späte Akkad-Zeit

Gegen Ende der Akkad-Zeit ist die Verwandlung vom tierleibigen Gott in einen menschengestaltigen Gott nahezu abgeschlossen. Das Schlangenboot wird nur noch aus einem Bein des Gottes geformt, während das zweite Bein menschlich gebildet ist und aus dem Wasser auf das Festland tritt (Abb. 5).

Rollsiegel aus Tell Asmar.

Abb. 5: Rollsiegel aus Tell Asmar

Bevor wir uns weitere Gedanken darüber machen können, wie und ob sich die Entwicklung des Bootgottes in Rollsiegelbildern fortsetzt, müssen wir uns den Schriftquellen zuwenden. Mythen enthalten Hinweise, die uns bei der Namensfindung der Gottheit mit dem Schlangenbootskörper weiterhelfen.

II. Vom Chaos zur Zivilisation: Dilmun-Mythos und Enki und die Weltordnung

Dilmun-Mythos

Der Dilmun-Mythos gilt als einer der wenigen ursprünglichen Schöpfungsberichte, in denen Enki als Schöpfergott genannt ist. Es wird erzählt, dass Enki zu einer Zeit als Himmel und Erde erst kurze Zeit getrennt waren, mit seiner jungfräulichen Gattin Ninsikila im paradiesähnlichen Dilmun schläft.

Ninsikila gibt mit ihrer Bitte an Enki, das für die Schöpfung notwendige Wasser zu schaffen, den Anstoß für die Verwandlung der Welt, weg vom Chaos hin zu einer göttlichen Ordnung, der Zivilisation. Enki gewährt die Bitte und macht aus dem Salzwasserbrunnen einen Süßwasserbrunnen, der die Stadt Dilmun in einen Getreidespeicher verwandelt. In einem nächsten Schritt kann in der Vermählung Enkis mit der Muttererde Nintu, aus Wasser und Erde das Leben gezeugt werden. [2] An der Stelle, an der die von Enki geschaffene Quelle an die Oberfläche tritt, wird eine Tempelanlage errichtet, die noch heute mit einem Frischwasserkult in Verbindung steht und Tempelanlagen in Mesopotamien sehr ähnlich ist. Mit seinen vielen Grabhügeln scheint die Insel Dilmun eine ideale Entsprechung des Kosmos in Kleinformat abzugeben. Die Insel (=Erde) wird vom Meer umgeben (=Urozean) und Enki tritt als Süßwasserquelle aus dem Urozean hervor. In ‚Enki und die Weltordnung“ wird Dilmun selbst als KUR (heiliger Berg) bezeichnet. „He (Enki) cleansed and purified the KUR Dilmun, set Ninsikilla in charge of it.“ [3] Die vielen Grabhügelanlagen lassen darauf schließen, dass jedes Jahr im Zuge ritueller Feste die Schöpfung nachgespielt wurde.

Enki und die Weltordnung

Nachdem Enki das Leben geschaffen hatte, musste er in einem nächsten Schritt die Welt ordnen. ‚Enki und die Weltordnung‘ handelt davon, wie Enki als aktiver, produktiver Organisator und Verwalter, die für die Kultur wichtigen Prozesse lenkt, indem er die verschiedenen Gottheiten in ihre irdischen Verantwortungsbereiche einweist. Enki begibt sich zunächst auf eine Schiffsreise, um dem Lande Sumer und Ur, genauso wie dem Fremdland Melucha ein günstiges Schicksal zu entscheiden. Den Feindländern Elam und Marhaschi kündigt er die Zerstörung ihrer Wohnsitze und die Plünderung ihrer Güter durch den König des Landes Sumer an. Zum Abschluss schenkt er den Mardubeduinen das Getier der Steppe. Zurück in Sumer füllt Enki Euphrat und Tigris mit Wasser. [4]

Anschließend ordnet Enki die verschiedenen Bereiche des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens und setzt verschiedene Gottheiten als verantwortliche Leiter ein. [5] Bei diesen Stadtgottheiten handelt es sich um Schlangengötter, die in direkter Abstammung zu Enki stehen.

III. Übereinstimmungen von Bild und Text?

Mit diesen beiden Geschichten im Hinterkopf können wir wieder zu den Bildern zurückkehren und uns fragen, ob hier nicht Enkis Bootsfahrt von Dilmun nach Sumer dargestellt worden ist?!

Rekonstruieren wir wie sich der Mythos ‚Enki und die Weltordnung‘ abgespielt haben könnte: Nehmen wir an, Enkis Fahrt von Dilmun nach Sumer wird in Form eines Schlangenbootes dargestellt. Das würde bedeuten, dass Enki vorher als Schlange auf Dilmun mit der Muttergöttin das Leben gezeugt hat, bevor er nach dem Schöpfungsakt aufbrach, um die Welt zu ordnen. Dabei kam ihm sein Schlangenleib gelegen, denn so konnte er ohne Probleme auf das Festland übersetzen und den Menschen mit einem Regelkatalog aus dem Chaos helfen.

Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, an dem wir die am Ende von Kapitel 1 gestellte Frage wieder aufgreifen müssen: Was geschieht mit dem nahezu anthropomorphen Bootgott weiter?

Rollsiegel aus Tell Asmar.

Abb. 6: Rollsiegel aus Tell Asmar.

Ausschließlich aus der Akkad-Zeit sind Darstellungen eines Gottes bekannt, der auf seinem gefalteten Schlangenunterkörper sitzt und verschiedene Utensilien an andere Gottheiten verteilt (Abb. 6). Es stellt sich bei der Analyse der Götterliste An-Anum heraus, dass es sich bei diesen Göttern um Enkis Kinder handelt. Enki selbst zieht sich somit nach der Schöpfung und Weltordnung aus der aktiven Politik zurück und setzt seine Nachkommen (laut Abstammungslinie ebenfalls Schlangengötter) gut verteilt im ganzen Reich als Stadtgötter ein.

Wichtig ist die Erkenntnis, dass Enki jedem seiner Söhne einen anderen Schwerpunkt zuweist, der sich in ihren Namen ausdrückt und deren Bedeutung eng mit ihrer jeweiligen Aufgabe als Stadtgottheit verbunden ist. So wird Ninazu als Heiler angesehen, während Tischpak schon eher zu einem Kriegsgott avanciert. Ischtaran ist für Gerechtigkeit zuständig. [6]

All die verschiedenen Aspekte der von Enki eingesetzten Stadtgötter waren vorher in Enki selbst vereint, was seine vielen verschiedenen Namen, in denen das ganze Spektrum seiner Zuständigkeitsbereiche auf Erden genannt wird, zeigen: Herr des Apzu, König des Flusses, Steinbock des Apzu, Richter des Weltalls, Herr des Lebens, Herr der Schöpfung, aber auch Herr der Töpfer, Schmiede, Sänger, Schiffer, kalû-Priester [7], Ackerbauern, Bewässerer usw. [8]

IV. Schlussbetrachtung

Versetzen wir uns in das 3. Jt. v.Chr. als in Mesopotamien durch die zunehmende Hierarchisierung der Gesellschaftsstrukturen (angefangen mit der ersten sumerischen Hochkultur am Ende des 4. Jts. v.Chr. über die frühdynastischen Stadtstaaten von 2900-2350 v.Chr.) ein Entwicklungsprozess seinen Höhepunkt erreichte, als Sargon von Akkad über Lugalzagesi von Umma siegt und den ersten Staat von Akkad ausruft.

Geht man davon aus, dass Götter immer ein Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft abgeben, so geht mit der verstärkten sozialen Differenzierung auch zwangsläufig eine Auffächerung im Götterpantheon einher.

Die Entwicklung von tiergestaltigen zu menschengestaltigen Göttern kann demnach exemplarisch am Bootgott Enki und den Göttern mit Schlangenunterkörper (seinen Söhnen) nachvollzogen werden.

Anmerkungen

[1] Stöcklhuber 1999
[2] Garelli und Leibovi 1993, S. 121-151; bes. S. 111-117
[3] Alster 1983, S. 39-74; bes. S. 61
[4] Römer/Ezard 1993, bes. S. 402
[5] ebd.
[6] Wiggermann 1997, S. 33-55; bes. S. 35ff.
[7] kalû-Priester: Priester, die unter Paukenbegleitung Reinigungsriten ausführen; siehe: Römer/Ezard 1993, S. 604
[8] Edzard 1998, s. v. Enki, S. 377

Abbildungsverzeichnis

[1] Rollsiegel aus Südmesopotamien. Vorderasiatisches Museum Berlin, nach: Collon 1987, Abb. 723

[2] Rollsiegel aus Tell Asmar. Oriental Institute Publications Chicago, nach: Frankfort 1955, Abb. 499

[3] Rollsiegel aus Tell Asmar. Oriental Institute Publications Chicago, nach: Boehmer 1965, Taf. 40 Abb. 475

[4] Rollsiegel aus Tell Asmar. Oriental Institute Publications Chicago, nach: Boehmer 1965, Taf. 40 Abb. 476

[5] Rollsiegel aus Tell Asmar. Oriental Institute Publications Chicago, nach: Boehmer 1965, Taf. 40 Abb. 477

[6] Rollsiegel aus Tell Asmar. British Museum Londonn, nach: Boehmer 1965, Abb. 583

Literaturverzeichnis

Alster, B. (1983): „Dilmun, Bahrain and the Alleged Paradise in Sumerian Myth and Literature“, in: D. Potts – Hrsg. (1983): Dilmun. S. 39-74; bes. 61.

Boehmer, R. M.: Die Entwicklung der Glyptik während der Akkad-Zeit, 1965

Collon, D. (1987): First Impressions. Cylinder Seals in the Ancient Near East

Edzard, D.O. – Hrsg. (1998): Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie. 1928-1998

Fikel, I. C. – Geller, M. J. – Hrsg. (1997): Sumerian Gods and their Representaion

Frankfort, H. (1955): Stratified Cylinder Seals from the Dijala Region. Orient Institute Publications 72

Garelli P. und Leibovici, M (1993): Akkadische Schöpfungsmythen. Die Schöpfungsmythen

Potts D. – Hrsg. (1983): Dilmun. New Studies in the Archaeology and Early History of Bahrain

Römer, W. H. Ph – Edzard, D. O. (1993): Weisheitstexte, Mythen und Epen, in: Römer – Edzard (1993): Texte aus dem Umwelt des alten Testaments

Römer, W. H. Ph – Edzard, D. O. (1993): Texte aus der Umwelt des alten Testaments. Mythen und Epen I und II

Stöcklhuber, B. (1999): Schlangendarstellungen in Mesopotamien und Iran vom 8. bis 2. Jt. v. Chr. Quellen, Deutungen und kulturübergreifender Vergleich. LMU München 1999 – Institut für Vorderasiatische Archäologie

Wiggermann, F. A. M. (1997): Transtigridian Snake Gods, in: Fikel – Geller – Hrsg. (1997): Sumerian Gods