Rezension des Buches ‚An den Ufern des Nils‘ der italienischen Ägyptologin Edda Bresciani.

Ägypten ist das Land der Pyramidenerbauer, der Errichter gewaltiger Tempelanlagen, kolossaler Statuen und feingliedriger Reliefs und Malereien. Die Pharaonen führten Feldzüge gegen ihre Nachbarn, unterwarfen Nubien und weite Gebiete Vorderasiens. Sie schufen ein Imperium, das viele Jahrhunderte den Vorderen Orient dominierte. Doch wie sah das alltägliche Leben im Reich der Pharaonen aus? Wie bestritten die Ägypter ihren Lebensunterhalt, wie gestalteten sie ihre Freizeit und welche Hoffnungen und Ängste begleiteten sie?

Auf diese Fragen gibt die italienische Ägyptologin Edda Bresciani Antwort. Im ersten Kapitel beschreibt sie, wie der Ägypter sein Land selbst wahrnahm. Für ihn war es das schönste Land in der bekannten Welt, Auslandsreisen nahm er nur ungern in Kauf und seine größte Angst bestand darin, in der Fremde zu sterben und dort fern der Familie begraben zu sein.

Weitere Kapitel beschäftigen sich mit dem beruflichen Leben: Landwirtschaft, Bauhandwerk, Schreibertum. Die Ausbildung des Schreibers war zwar mühsam und streng, er musste Lehren auswendig lernen und Schultexte immer wieder abschreiben, bis er Rechtschreibung und Sprache perfekt beherrschte. Doch dafür gehörte er der Oberschicht an und genoss ein sorgenfreies Leben – ganz im Gegensatz zum Bauern, der von der Nilüberschwemmung abhängig war: Fiel sie zu niedrig aus, konnte das Feld nicht bestellt werden, war sie zu hoch, wurde es verwüstet. Von häufigen Missernten heimgesucht, konnte er dann die fälligen Steuerabgaben nicht leisten. Auf diesen Gegensatz zwischen Schreiber und Landwirt nehmen viele überlieferte Berufssatiren Bezug.

Doch auch damals bestand das Leben nicht nur aus Arbeit. Über das Jahr verteilt hatte der Ägypter mindestens 105 freie Tage – Wochenenden und Feiertage. Große Feste zu Ehren der Götter und der Verstorbenen, wie z.B. das Opetfest, das Talfest oder die Osirisfeste, erstreckten sich über bis zu 18 Tage, die mit aufwendigen Prozessionen, Tanz, Gesang und Gelagen mit reichlich Bier und Wein begangen wurden.

Ausführliche Beschreibung kommt auch dem Familienleben zu. Wie wichtig den Ägyptern die Familie war, bezeugen die Weisheitstexte, in denen nachdrücklich gemahnt wird, seine Familienangehörigen gut zu behandelt und ihnen auch nach ihrem Tod alle Ehren zuteil werden zu lassen. Eine höhere Stellung als in jeder anderen Kultur der antiken Welt hatte die Frau im alten Ägypten inne. Sie konnte u.a. Rechtsverträge abschließen, Eigentum besitzen und vererben, sowie eine Schulausbildung genießen.

Daneben widmet sich die Autorin umfangreich den Themen Liebe und Erotik, Spiel und Sport, Wirtschaft und Handelswesen, der Tierwelt und den Bestattungsbräuchen.

Für die Rekonstruktion des Alltagslebens wertet sie Originalquellen, insbesondere Papyrushandschriften (Rechtsurkunden wie auch literarische Texte) und bildliche Darstellungen aus den Privatgräbern aus. Das Ergebnis präsentiert sie anschaulich und verständlich geschrieben. Sie zitiert und erläutert zahlreiche Originaltexte, zur äußerst reichen Bebilderung dienen u.a. viele ausgewählte Zeichnungen von Ippolito Rosellini, der 1828-29 zusammen mit Jean-Francois Champollion Ägypten bereiste und in einem mehrbändigen Werk die ägyptischen Monumente dokumentierte.

Eine chronologische Übersicht, eine Ägyptenkarte und ein kleines Glossar runden dieses Buch ab, mit dem Edda Bresciani ein lebendiges Bild vom Alltag der Ägypter nachzeichnet, wie er sich fernab der großen Pyramiden an den Ufern des Nils ereignete.

Bresciani, Edda: An den Ufern des Nils. Alltagsleben zur Zeit der Pharaonen, Theiss Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1655-X