Ein archäologischer Fund kann ganze Weltbilder über den Haufen werfen. In diesem Fall handelt es sich dabei gerade mal um eine zwei Kilo schwere Bronzescheibe mit einem Radius von 16 cm. Gefunden wurde sie von zwei Schatzsuchern in der Nähe des Kyffhäuser in Sachsen-Anhalt.

Dort lag, im Schatten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, in einer Steinkammer eine Ansammlung diverser Relikte aus der Bronzezeit. Das Fundkonvolut nahm nun einen dubiosen Weg, die Findern verkauften es illegal an einen Kunsthändler, wurde von diesen wiederum dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte angeboten und landete im Besitz einer esoterisch angehauchten Schriftstellerin und eines ehemaligen Studiendirektors. Schließlich wurde das Raubgut in den Besitz des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle überführt.

Das Fundkonvolut.
Abb. 1: Das Fundkonvolut.

Aber zurück zum eigentlich Fund: Zum Konvolut gehören zwei Schwerter (Länge: 47cm) mit Goldeinlagen, mehrere Armreife, ein Meißel und zwei Beile. Alle Funde sind aus dem für die Epoche namengebenden Metall, nämlich aus Bronze. Doch das wichtigste Fundstück war die bereits erwähnte Scheibe aus Bronze mit 34 Goldeinlagen. Diese Verzierungen bilden einen Kreis (Sonne?), eine Sichel (Mond?), drei Bögen (von denen sich zwei an den Rand der Bronzescheibe anschmiegen) sowie neunundzwanzig Punkten. Auf den ersten Blick erinnert dieses Bild an eine einfache Darstellung von Sonne, Mond und Sternen.

Doch nach den Theorien einiger Forscher verbirgt sich dahinter mehr:

Nach einer dieser Vorstellung handelt es sich dabei um eine hervorragende Darstellung des Himmels über deland am 7. März 1600 v. Chr. um 23.00 Uhr. Dies zumindest möchte der Leiter des Planetariums des deen Museums in München mittels einer Computersimulation herausgefunden haben. Die Zeitangabe stimmt mit der Altersdatierung des Fundes überein. Bei dieser Theorie stellt die Gruppierung aus sieben Sternen ( I ) die Plejaden dar, der Kreis ( III ) die Sonne und die Sichel ( II ) den Mond. Der Bogen weiter rechts schließlich stellt eine Sonnenbarke da, wie sie auch bei anderen Völkern der Antike (z.B. den Ägyptern) zu finden war. Sie könnte aber auch die Milchstraße symbolisieren, da die Deutung als Barke nicht stichfest ist: Der Himmelskörper, in diesem Fall die Sonne müsste sich im Boot befinden, nicht an dessen Ende. Ein weiteres Argument gegen die Sternenkartentheorie stellt die Anordnung des „Mondes“ dar: Die Öffnung der Sichel müsste sich in der Realität von der Sonne abwenden, was sie auf der Scheibe von Sangerhausen nicht tut.

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Abb. 2: Stellt die Bronzescheibe von Sangerhausen eine Sternenkarte dar?

Die Archäologen Jens May und Reiner Zumpe vom Amt für Denkmalschutz in Brandenburg vermuten deshalb einen Mondkalender hinter der Scheibe: Nach ihrer Vorstellung würden die 29 Punkte, die bisher als Sterne gedeutet wurden, die 29 Tage eines Mondmonats darstellen. Außerdem sollen sie in acht Gruppen (siehe Bild unten) die Mondphasen abbilden. Dabei stellt die braune Gruppe Vollmond dar, die Grüne dagegen Neumond. Die anderen sechs Gruppen bilden immer zu einander spiegelverkehrt angeordnete Paare, die die verschiedenen Mondphasen darstellen. Die eine Hälfte der Paare zeigen den Zustand des zunehmenden Mondes, die andere den des abnehmenden. Die drei Goldsymbole markieren die Leseart: Von dem rechten Halbkreis aus liest man im Uhrzeigesinn den Kalender. Dieses Anfangssymbol markiert dabei die Phase vor und nach Neumond. Ein schlagkräftiges Argument gegen diese Theorie ist allerdings, dass die Verbindung der Tage zu den verschiedenen Phasen des Mondes mehr willkürlich gewählt ist. Zum einem ähneln sich die Spiegelbilder der Phasen nur leicht, zum anderen zeigen sie kaum Ähnlichkeit zum wahren Aussehen der Mondphasen. Des weiteren stellt sich die Frage warum der Künstler, der das Werk schuf, die Punkte über die gesamte Fläche verteilte, und nicht zu Gruppen verband.

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Abb. 3: Nach der Deutung der beiden Archäologen Jens May und Reiner Zumpe handelt es sich bei den Abbildungen auf der Bronzescheibe um einen Mondkalender …

Dennoch steht außer Frage, dass es sich bei dem Fund von Sangerhausen um ein einmaliges astronomisches Werk der Bronzezeit handelt. Aber er steht nicht allein im antiken Europa da, auch andere Funde lassen Astronomiekenntnisse vermuten: Die etwa 3000 Jahre alten „Goldkegel“ aus deland.

Über die Verwendung dieser ca. 30 – 90 cm hohen Werke, von denen in deland bisher drei gefunden wurden, bestand lange Zeit Unklarheit, bis bei dem neuesten Fund (dem sogenannten „Berliner Goldhut“) ein Innenfutter entdeckt wurde. Dies legt eine Verwendung als Kopfbedeckungen für kultische Handlungen nahe. In dieser Zeremonienkappe mag der Ursprung des spitzen und hohen Zauberhutes zahlreicher Magier und Zauberer, wie Merlin, Gandalf usw., stecken.

Auch diese Kunstwerke lassen eine astronomische Bedeutung vermuten: Reihen von Symbolen auf dem Berliner Hut ergeben die Zahlen 1739. Dahinter soll sich nach den Aussagen mancher Forscher ein Astronomiecode verbergen, der sogenannte „Metonische Zyklus“. Angeblich wurde dieser erst von dem um 432 vor Christus in Athen geboren Meton entdeckt. Er verzahnt den Mondkalender (354 Tage) und den Sonnenkalender (365,24 Tage) miteinander.

Ein weiteres Exemplar dieser Goldhüte wurde in Frankreich gefunden, und auch Aufzeichnungen über mittlerweile verschollene Fundstücke in Großbritannien lassen eine weitverbreitete Verwendung vermuten. Auch die Aufzeichnungen des antiken Historikers Diodor von Sizilien weisen auf eine weite Verbreitung der astronomischen Kenntnisse in Europa hin. Im II. Buch seiner ‚Historischen Bibliothek‘ berichtet er über die Insel der Hyperboreer im Norden, „jenseits des Keltenlandes, nicht kleiner als Sicilien“, bei der es sich wohl um Britannien handelt. Dort soll ein „berühmter Tempel […] von kugelförmiger Gestalt“ stehen, der dem Apoll geweiht ist. Die Beschreibung einer runden/kugelförmigen Anlage erinnert an Stonehenge. Über den Gott Apoll berichtet Diodor weiter:

„Immer nach 19 Jahren soll der Gott selber die Insel besuchen, in welchem Zeitraum auch die Gestirne immer wieder in dieselbe Stellung zurückkehren, weshalb dann auch bei den Hellenen ein neunzehnjähriger Zeitraum das Jahr des Metron genannt werde.“ [Hervorhebung: PB]

Wir treffen also auch hier auf die Verwendung des Metonischen Zyklus, der auch bei den Goldhüten Verwendung fand.

Auch die Vermutung einer Beziehung zwischen Ägypten und Europa ist aufgetaucht. Bereits durch Handelsbeziehung und die Verbreitung von Handwerkstechniken wurden Kontakte der Nilkultur und Süddeutschland deutlich. [1] Diese spielten sich vor allem während der 18. Dynastie (14. Jhdt. v. Chr.) ab, doch gab es auch davor und danach einen Austausch. Wurde aus Ägypten das astronomische Wissen über Zwischenstationen wie Griechenland oder Italien exportiert?

Aber auch die Megalithkultur mit ihren astronomisch ausgerichteten Anlagen wird als Quelle dieser Kenntnissen der Gestirne in Erwägung gezogen. So sind zum Beispiel Stonehenge in England, Newgrange in Irland und eine Grabanlage im bayerischen Meisternthal nach bestimmten Punkten der Himmelsmechanik ausgerichtet. Doch Verbindungen zu dem um Jahrtausende jüngeren Fund von Sangerhausen oder den Goldhüten sind nicht nachweisbar und lassen sich auch nur schwer nachvollziehen.
Zwar handelt es sich bei diesem Fund nicht um die Zeugnisse einer Zivilisation, die vergleichbar mit denen des östlichen Mittelmeeres ist, doch muss man sich von der Vorstellung des kulturlosen und wilden Europäers der Antike verabschieden. Auch lässt die Verbreitung der Astronomiekenntnisse in Nordspanien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland eine kulturelle- und religiöse Einheit vermuten.

Anmerkungen

[1] Prof. Dr. Dietrich D. Klemm auf dem Kolloquium ‚KV55- Das Geheimnis des Goldenen Sarges‘ am 11. – 13. Januar 2002 in München

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Landesamtes für Archäologie Sachsen-Anhalt. Hervorhebungen durch den Autor: Patrick Brose

Literaturverzeichnis

Diodor von Sizilien. übersetzt von Dr. Adolf Wahrmund (1866): Geschichts-Bibliothek. Stuttgart

Der Spiegel Nr. 11/11.3.02

Focus Nr. 9 / 25. Februar 2002

Focus Nr. 12 / 18. März 2002