Seit rund 4500 Jahren erhebt sich das Antlitz des Sphinx über das Giza-Plateau. Der majestätische Löwenkörper mit dem steinernen Abbild des Königs Chephren bewacht seit jeher die Nekropole. Die Araber nannten ihn Abu el Hol – Vater des Schreckens. Heute gilt er als ein Symbol für das Altertum schlechthin. In pharaonischer Zeit war er allerdings weniger ein Grabwächter als ein Symbol der Macht des Königs als Bewahrer der kosmischen Ordnung. [1]

Das Erscheinungsbild des Sphinx ist heute lediglich durch das Fehlen seiner Nase beeinträchtigt. In der Öffentlichkeit sind zwei Varianten sehr populär geworden, die den Verbleib der Nase erklären: Für die einen war es unser gallischer Held Obelix, der sie bei seinen Kletterbemühungen abbrach, die anderen beschuldigen Napoleon, den Sphinx während seines Ägypten-Feldzuges als Zielscheibe benutzt und dabei die Nase zerstört zu haben. Während Obelix als fiktive Comicfigur freizusprechen ist, bedarf es einer näheren Erörterung, ob Napoleon und seine Truppen tatsächlich den Verlust der Nase verschuldet haben.

Napoleon vor den Pyramiden.

Abb. 1: Napoleon vor den Pyramiden.
Ausschnitt aus dem Gemälde von Jean-Antoine Gros

1798 landete Napoleons Expedition in Ägypten. Das militärische Ziel war, Ägypten zu erobern, um Englands Verbindung zum Roten Meer zu unterbrechen, damit dessen Indienhandel zu stoppen und gleichzeitig durch das Gründen einer Kolonie die Vorherrschaft Frankreichs im mediterranen Raum zu sichern. Dabei nahm sich Napoleon die Ägyptenfeldzüge Alexanders des Großen und Cäsars zum Vorbild. Sein Heer, bestehend aus 35.000 Soldaten, umfasste dazu etwa 500 Zivilisten, darunter 167 Gelehrte – Mathematiker, Astronomen, Ingenieure, Bergbauingenieure, Naturforscher, Architekten, Zeichner, Geisteswissenschaftler und Schriftsetzer, kurz: die intellektuelle und wissenschaftliche Elite Frankreichs – deren Aufgabe die Erforschung sowie die Dokumentation der ägyptischen Kultur und ihrer Denkmäler war. [2]

„Soldats, du haut de ces pyramides, quarante siècles vous contemplent!“ [3]

Diese Worte richtete Napoleon an seine Armee, bevor es im Juli 1798 vor den Pyramiden von Giza zur Schlacht gegen das Heer der Mameluken kam (Abb. 1). Man erkennt hier den Respekt und die Ehrfurcht des französischen Generals vor den ägyptischen Altertümern. Ja, Napoleon selbst bezeichnete Ägypten als die „Wiege der Wissenschaften und Künste der gesamten Menschheit“ („berceau de la science et des arts de toute l’humanité“ [4]).

Wenn auch seine militärischen Aktivitäten in Ägypten ein Fehlschlag waren, so bedeuteten doch die Forschungsarbeit seines Gelehrtenstabes die Geburt der modernen Ägyptologie. Zwischen 1809 und 1822 erschien die mehrbändige ‚Description de l’Egypte‘, eine Dokumentation des ägyptischen Altertums wie des modernen Ägypten mit seiner Naturgeschichte und Topographie. Mit ihren rund 3000 Abbildungen gewährte sie Europa erstmals einen tiefreichenden Einblick in die ägyptische Kultur und löste eine wahre Ägyptomanie aus. Der berühmte dreisprachige Stein von Rosette, den Napoleons Soldaten 1799 bei Schanzarbeiten fanden und der sich heute in London befindet, ermöglichte Champollion 1822 die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen – es begann die systematische Erforschung Ägyptens.

Allein mit diesem Wissen erscheint es undenkbar, Napoleon habe den Sphinx zu Übungszwecken mit Kanonen beschießen lassen. Weitere Zeugnisse bewiesen seine Unschuld entgültig:

Über ein halbes Jahrhundert vor Napoleon, im Jahre 1737, bereiste der dänische Altertumsforscher Frederick Norden Ägypten. Norden war Maler und Marinearchitekt, wodurch seine Dokumentation der ägyptischen Denkmäler, die er 1755 veröffentlichte, eine außerordentliche Qualität aufweisen. [5] In seinen Zeichnungen sind die Verwitterungen wie auch die abgebrochene Nase des Sphinx deutlich zu erkennen (Abb. 2). Die Nase fehlte also schon zu Napoleons Zeiten.

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Zeichnung des Sphinx von Frederick Norden (1755)

Abb. 2: Zeichnung des Sphinx von Frederick Norden (1755).

C.W.Ceram schreibt in seinem ‚Roman der Archäologie‘ die Zerstörung der Nase einem Bombardement durch Kanonen der Mameluken zu. [6] Doch auch diese Annahme erweist sich als falsch. Denn wenn wir die Quellen weiter in die Vergangenheit zurückverfolgen, finden wir einen Bericht des arabischen Historikers al-Makrizi aus dem 15. Jahrhundert, in dem das Fehlen der Nase dokumentiert ist. [7] Nach der Überlieferung al-Makrizis hatte der Sphinx im Mittelalter Einzug in den Volksglauben gehalten. Es wurden ihm Opfergaben dargebracht, mit denen die Menschen den gefürchteten Sphinx besänftigten und um Erfüllung ihrer Wünsche baten. Der strenggläubige Derwisch Muhamed Saim al-Dahr versuchte diesen Aberglauben im Jahre 1378 beenden, indem er das Gesicht des Sphinx zerstörte. Daraufhin soll al-Dahr selbst von der aufgebrachten Menschenmenge hingerichtet worden sein. [8] Der bei al-Makrizi angegebene Zeitpunkt der Zerstörung wird durch den arabische Historiker al-Latif indirekt bestätigt, der im 12. Jahrhundert die Prächtigkeit des Sphinx beschreibt und ausdrücklich auch seine Nase erwähnt – sie war zu seiner Zeit also noch intakt. [9]

Bei einer genauen Betrachtung des Gesichtes lässt sich unschwer erkennen, mit welchen Mitteln die Nase entfernt worden ist. Es lassen sich zwei breite Kerben in der Region der Nasenwurzel und des linken Nasenflügels ausmachen (Abb.3). Offenbar sind zunächst Keile oder Meißel in den Stein getrieben worden, mit deren Hilfe die Nase nach rechts (vom Betrachter aus nach links) ausgehebelt wurde. [10]

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Die Spuren der Zerstörung sind deutlich zu sehen.

Abb. 3: Die Spuren der Zerstörung sind deutlich zu sehen.

Über den Zweck der Zerstörung lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise liegt ihm die altägyptische Vorstellung zugrunde, dass eine Statue rituell getötet wird, indem man ihre Nase abschlägt. Die Nase dient dem Menschen schließlich zum Atmen, ist sie abgeschlagen, so kann er nicht atmen und ist zum Tode verurteilt. Von dieser Praxis ist in pharaonischer Zeit häufig Gebrauch gemacht worden, um einer verfemten Person zu schaden. Die Bedeutung, die der Nase im Alten Ägypten zukam, kann man daran ermessen, dass auch die Götter dem König das Lebenszeichen (anch) an die Nase reichen (Abb. 4). Die Araber fürchteten den Sphinx als Grabwächter und gaben ihm den Namen Abu el Hol (Vater des Schreckens). Möglicherweise war ihre Furcht vor ihm und dem Aberglauben, den er verbreitete, so groß, dass sie ihn rituell töteten? Ebenso ist denkbar, dass al-Dahr den Sphinx beschädigen ließ, um zu zeigen, dass es sich bei der Skulptur lediglich um einen Stein und nicht um eine Gottheit handelt. [11] Letztendlich lassen sich sogar beide Erklärungen miteinander vereinbaren.

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Hathor reicht dem König das Lebenszeichen.

Abb.4: Hathor reicht dem König das Lebenszeichen.
Szene aus der Nachbildung des Tutanchamun-Grabes.

Abschließend bleibt, bei aller nötigen Vorsicht in der Betrachtung alter Quellen, zu konstatieren, dass die Nase nach den Berichten von al-Latif und al-Makrizi zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert abgeschlagen worden ist. Al-Makrizis Überlieferung lässt sich derzeit nicht widerlegen und kann daher als wahrscheinlich angesehen werden. Damit ist die Zerstörung den Arabern am Ende des 14.Jh. zuzuschreiben und kann zumindest Napoleon, dem die Erforschung Ägyptens so viel verdankt, nicht angelastet werden. Doch selbst wenn man den Schriften al-Makrizis keinen Wahrheitsgehalt zubilligen möchte, beweist die Zeichnung Frederick Nordens das Fehlen der Nase lange vor der napoleonischen Expedition.

Anmerkungen

[1] Lehner 1999, S.127, Lurker 1997, S.195
[2] Description, S. 17f., Lehner 1999, S.46f., Afflerbach/ Friedrich-Freska 2002, S. 326f.
[3] „Soldaten, von diesen Pyramiden blicken 40 Jahrhunderte auf euch herab!“
[4] Description, S.8
[5] Lehner 1999, S.45
[6] Ceram 1949, S.98, ebenso bei Guillou/Caputo 1999, S.61
[7] Lehner 1999, S.41, Glasner/ Wagner-Roos 2002, S.83
[8] Glasner/ Wagner-Roos 2002, S.83f.
[9] Lehner 1999, S.41
[10] Lehner 1999, S.41
[11] Glasner/ Wagner-Roos 2002, S.83

Abbildungsverzeichnis

[1] aus: Description, S.6
[2] aus: Lehner 1999, S.43
[3] aus: Lehner 1999, S.133; bearbeitet Alexander Nertz
[4] Alexander Nertz

Literaturverzeichnis

o.A. (2002): Description de l’Egypte. Vollständiger Nachdruck, Köln e.a.

Afflerbach, Jens u. Friedrich-Freska, Jenny (2002): „Mythos Napoleon“, in: Huf, Hans-Christian – Hrsg. (2002): Sphinx 6. Geheimnisse der Geschichte. Von Spartacus bis Napoleon, München

Ceram, C.W. (1949): Götter, Gräber und Gelehrte. Roman der Archäologie. Hamburg/ Stuttgart

Guillou, Jean-Francois u. Caputo, Robert (1999): Der Nil, Köln

Glasner, Peter u. Wagner-Roos, Luise (2002): „Rätsel in Stein. Das Lächeln der Sphinx“, in: Huf, Hans-Christian – Hrsg. (2002): Sphinx 6. Geheimnisse der Geschichte. Von Spartacus bis Napoleon, München

Huf, Hans-Christian – Hrsg. (2002): Sphinx 6. Geheimnisse der Geschichte. Von Spartacus bis Napoleon, München

Lehner, Mark (1999): Das Geheimnis der Pyramiden in Ägypten, München

Lurker, Manfred (1998): Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter, München u.a.