Die Mythologie der Azteken wird von Kim Lämmerhirt auf eingängige Art beschrieben. Dabei werden einzelne Aspekte chronologisch von der Schöpfungsgeschichte bis zur großen Wanderung der Azteken angesprochen. Durch die ursprüngliche Konzeption eignet sich dieser Artikel gut als Einführung für Schüler.

Schöpfung der Götter

Am Anfang waren der Herr und die Herrin der Zweiheit im 13. Himmel. Ihre Nachkommen waren die vier Tezcatlipocas, welche die vier Himmelsrichtungen symbolisieren.

Die vier 'Tezcatlipocas'
Abb. 1: Die vier ‚Tezcatlipocas‘

Im Osten, dem ‚Ort der Fruchtbarkeit‘, herrscht der rote Tezcatlipoca ‚der Gehäutete‘. Der Süden wird durch den blauen Tezcatlipoca vertreten, der auch Huitzilopochtli genannt wird. Der weiße Tezcatlipoca, auch als Quetzalcoatl angebetet, symbolisiert den Westen. Der Norden schließlich wird durch den Herrn des Nachthimmels, dem eigentlichen (schwarzen) Tezcatlipoca beherrscht.

Der 'Schwarze Tezcatlipoca'
Abb. 2: Der ‚Schwarze Tezcatlipoca‘

Um Huitzilopochtli rankt sich ein sonderlicher Wiedergeburtsmythos:

Seine Mutter, die Erdgöttin, welche schon damals 400 Söhne und eine Tochter hatte, wurde durch eine Federkugel schwanger. Diese Art der „Befruchtung“ kam der Tochter (Mondgöttin) seltsam vor und stiftete ihre Brüder an, die schwangere Mutter samt Embryo zu töten. Jedoch warnte einer der Brüder den noch nicht geborenen Huitzilopochtli, der daraufhin in voller Rüstung zur Welt kam. Zuerst enthauptete er seine Schwester, trennte ihr Arme und Beine ab und warf sie einen Berg hinunter, dann vertrieb er seine 400 Brüder in alle Himmelsrichtungen. Diese wurden zu den Sternen.

Die Mondgöttin - die Schwester Huitzilopochtli's
Abb. 3: Die Mondgöttin – die Schwester Huitzilopochtli’s

Kalender-/Sonnenstein

Die wichtigste Auskunft über die aztekische Mythologie gibt der (Kalender-) Sonnenstein. Er stellt den Kampf der Götter um die Oberherrschaft über die Erde und die Zerstörung von vier Welten dar.

Der aztekische Sonnenstein
Abb. 4: Der aztekische Sonnenstein

In der Mitte ist der Sonnengott abgebildet, dessen Zunge ein Obsidianmesser ist. Dies ist ein Zeichen dafür, dass er Blut und Herzen der Menschen fordert.

Im ersten Kreis sind die vier Welten (Sonnen) dargestellt. In der ersten Sonne ‚vier-Jaguar‘ regierte Tezcatlipoca über Riesen. Nach 676 Jahren stieß Quetzalcoatl Tezcatlipoca ins Wasser, woraufhin die Riesen von Jaguaren gefressen wurden. Sodann regierte Quetzalcoatl über die zweite Sonne ‚vier-Wind‘. Tezcatlipoca nahm in Form eines Wirbelsturmes Rache an seinem Bruder. Dadurch degenerierten die Menschen zu Affen. Die dritte Sonne ‚vier-Regen‘ regierte der Regengott Tlaloc. Auch dieses Mal zerstörte Quetzalcoatl die Welt: durch einen Feuerregen, in welchem die Menschen zu Vögeln wurden. Die vierte Welt ‚vier-Wasser‘ schließlich wurde durch die Göttin des Wasser zerstört, die eine Sintflut schickte. Hierbei wurden die Menschen zu Fischen.

Wir leben heute in der fünften Welt ‚vier-Bewegung‘. Laut Sonnenstein wird unsere Welt durch Erdbeben zerstört werden.

Im zweiten Kreis kann man die Symbole für die 20 Tage des Mayamonats erkennen. Die Zacken, die sich um diesen Kreis herum befinden, symbolisieren Sonnenstrahlen.

Der äußere Kreis wird durch zwei Feuerschlangen gebildet. Jede dieser Schlangen hat einen Gott im Maul, die rechte Tezcatlipoca, als Sinnbild für die Nacht und die linke Quetzalcoatl als Sinnbild für die Sonne. Diese Symbolik zeigt den ewigen Kampf zwischen Licht und Dunkelheit im Universum. Zwischen den Schwanzenden der Schlangen ist die Hieroglyphe für ‚dreizehn-Rohr‘. Dies ist das Datum des Beginns der fünften Sonne.

Erschaffung der 5. Sonne

Zur Erschaffung der fünften Sonne soll sich folgendes abgespielt haben:
Die Götter versammelten sich im Dunkel von Teotihuacan und ein kleiner aussätziger Gott sprang in eine Feuerglut. Dieser wurde daraufhin zur Sonne, stand aber regungslos am Himmel. Die Götter opferten ihr Blut, um sie in Bewegung zu setzen. Die Azteken stellten sich vor, dass die Sonne in der Nacht zu einem Skelett wird und jeden morgen Blut braucht, damit sie ihren Lauf fortsetzten kann.

Erschaffung des Menschen der 5. Sonne

Um den Menschen der fünften Sonne zu erschaffen, stieg Quetzalcoatl in die Unterwelt hinab. Dort sammelte er die Knochen eines Mannes und einer Frau. Mit diesen begab er sich zur Erdgöttin, die dann die Knochen zermahlte. Quetzalcoatl träufelte Blut aus seinem Penis auf den Knochenstaub und formte aus der Masse den Menschen. Der Herr und die Herrin der Zweiheit setzten zu guter Letzt die Seele in Form eines Schmetterlings in den leblosen menschlichen Kopf.

Herr und Herrin der Zweiheit geben dem Menschen eine Seele.
Abb. 5: Herr und Herrin der Zweiheit geben dem Menschen eine Seele.

Jenseitsvorstellung und Opferbedeutung

Der Mensch lebt nicht ewig, also fragten sich auch die Azteken schon, was nach dem Tod kommt. In ihrer Vorstellung gab es in jeder Himmelrichtung ein Paradies. Das östliche Paradies war das Sonnenhaus. Hierhin kamen die Geopferten und die im Kampf getöteten Krieger. Im Süden lag das Haus des Regengottes ‚Tlalocan‘. Dort wurden Ertrunkene, vom Blitz Erschlagene und die, die an einer mit Wasser in Verbindung gebrachten Krankheit gestorben waren, aufgenommen.

Haus des Regengottes.
Abb. 6: Haus des Regengottes.

Das westliche Paradies, das Maishaus, war den im Kindbett gestorbenen Frauen vorbehalten. Und im Norden lag Mictlan, der kalte und düstere Ort ohne Hoffung. Dorthin wurden die geschickt, die von der Sonne und dem Regengott auserwählt wurden. Diese mussten dann Mutproben an 9 verschiedenen Orten bestehen und waren dabei 4 Jahre unterwegs.

Gestorbene Kleinkinder kamen in den 13. Himmel zu dem Herr und der Herrin der Zweiheit. Jenseits des 13. Himmels wurde der ‚Allgegenwärtige‘ vermutet.

Bedeutung der Opfer

Die bei den verschiedensten Zeremonien geopferten Menschen galten als Boten zu den Göttern. Vor ihrer Opferung wurden sie meist königlich mit Speis und Trank bedient, gewaschen und wie das Ebenbild des Gottes gekleidet, zu dessen Ehren sie geopfert werden sollten. So wurde sinnbildlich der Gott selbst geopfert und wenn man nach der Opferung das Fleisch des Geopferten aß, aß man das Fleisch des leibhaftigen Gottes. So erklärt sich der Kannibalismus der Azteken.

52-Jahre-Zyklus

Wie auch in anderen mesoamerikanischen Kulturen spielte die Zahl 52 bei den Azteken eine große Rolle. Sie stellten sich vor, dass die Welt und mit ihr die Zeit alle 52 Jahre wiedergeboren wird. So scheint die Möglichkeit einer Zerstörung der bestehenden Welt am Ende dieses Zyklus am größten. Die Azteken zelebrierten in der Nacht, in welcher der neue Zyklus beginnt, die ‚Zeremonie des neuen Feuers‘.

Alle Feuer werden gelöscht, die Götterbilder ins Wasser geworfen und Frauen und Kinder versteckt. Dann warten sie darauf, dass die Plejaden (Sternhaufen im Sternbild Stier) den Zenit überschreiten und entflammen ein Feuer in der geöffneten Brust eines Geopferten.

Quetzalcoatl

Quetzalcoatl, die grüne Federschlange, wird als hochgewachsener, weißer Gott mit einem Bart und blauen Augen beschrieben.

Quetzalcoatl

Abb. 7: Quetzalcoatl

Dies passt so gar nicht mit dem Ebenbild eines damaligen Mexikaners zusammen, der eher kleinwüchsig, dunkelhäutig und zudem bartlos war. Gleich wie Jesus heilte Quetzalcoatl Kranke, Blinde, Lahme und erweckte ein paar Tote. Er hatte die Macht, Hügel einzuebnen und ebene Flächen zu Bergen aufzuwölben.

Während seiner Wanderung gen Atlantik lehrte er die Völker, die er antraf, Regeln für ein friedliches Leben, die Methoden des Ackerbaus und gab ihnen Weisheit und Erfindungen. Am Atlantik angekommen bestieg er ein Schiff und reiste in das Land der Morgenröte. Vorher versprach er allerdings, dass er wiederkommen würde, was nach Weissagungen alter Azteken-Priester im Jahr ‚eins-Schilfrohr‘ geschehen soll.

Wanderung

Nicht nur Quetzalcoatl wanderte viel, auch die Azteken hatten eine lange Wanderung hinter sich, die sie (gleich den Israeliten) in ein gelobtes Land führte. Ihr Ursprungsort war ‚Aztlan‘. Aztlan bedeutet Land der Reiher oder Insel im See.

Der Beginn der Wanderung

Abb. 8: Der Beginn der Wanderung.

Die Wanderung begann im Jahr ‚eins-Feuerstein‘ unter der Führung von Huitzilopochtli. Er wies ihnen den Weg und war ein strenger Führer. Durch ein heiliges Bündel sprach er zu seinem auserwähltem Volk. Dieses Bündel wurde in einem Schrein aus Schilf aufbewahrt und von vier „Götterträgern“ getragen. Eines Tages befahl er den Azteken, sie sollen sich ‚mexica‘ nennen und prophezeite ihnen, dass sie das gelobte Land daran erkennen würden, dass auf einer Insel ein Kaktus steht, auf dem ein Adler mit einer Schlange in den Fängen sitzt. Ursprünglich war die Schlange eine Puntie, eine Frucht, die das Herz Geopferter darstellt. Erst die Spanier machten die Puntie zur Schlange. Die Azteken fanden tatsächlich diesen Ort, nach 130 Jahren Wanderung. An dieser Stelle entstand Tenochtitlan.

Der Haupttempel von Technochtitlan

Abb. 9: Der Haupttempel von Tenochtitlan

Und die Azteken lebten glücklich und zahlreich bis dass die Spanier kamen und sie niedermetzelten.

Eine ältere Version dieses Artikel wurde im Herbst 2001 im Rahmen der JAAS-Vorträge auf dem ‚Mystery Fest‘ in Beatenberg gehalten.

Literatur

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o.A. (1992): Untergegangene Kulturen. Die blutige Herrschaft der Azteken. Amsterdam

o.A. (1979): Die indianischen Kulturen Mexikos. Prag

Davies, Nigel (1974): Die Azteken. Düsseldorf-Wien

Helfritz, Hans (1979): Bibliothek alter Kulturen. Amerika

Kohlenberg, Karl F. (1970): Enträtselte Vorzeit

Hunt, Norman Bancroft (1998): Götter und Mythen der Azteken

Bellinger, Gerhard J. (2001): Knaurs Lexikon der Mythologie. München

Baumann, Peter und Gottfried Kirchner (1983): Terra X. Rätsel alter Weltkulturen. Frankfurt

Westphal, Wilfried (1990): Der Adler auf dem Kaktus. Eine Geschichte der Azteken von den Anfängen bis zur Gegenwart. Braunschweig

Ruhl, Klaus-Jörg und Laura Ibarra García (2000): Kleine Geschichte Mexikos. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart. München

Prem, Hanns J. u. Ursula Dyckerhoff (1986): Das alte Mexiko. Geschichte und Kultur der Völker Mesoamerikas. München

Gruzinski, Serge (1992): Die Azteken. Kurze Blüte einer Hochkultur. Ravensburg

Lanczkowski, Günter (1984): Götter und Menschen im alten Mexiko. Olten

Lanczkowski, Günter (1989): Die Religionen der Azteken, Maya und Inka. Darmstadt