Sabine Wendt gibt in ihrem dreiteiligen Artikel einen Überblick über die Entwicklung der Maya-Kultur. Seit Catherwood und Stephens im Amerika und Europa des 19. Jahrhundert das Interesse für die Kulturen Mesoamerika weckten, hat sich in der Erforschung der mittelamerikanischen Kulturen einiges getan. Unser Bild der Mayas wird immer genauer, die Forschung steht gerade jetzt vor neuen Höhepunkten.

Mythologie und Spekulative Theorien

Die Kultur der Maya

1. Mythologie und Religion

Die religionsgeschichtliche Erfassung der Maya bereitet größte Schwierigkeiten, da nur wenige Quellentexte zur Verfügung stehen. Zudem herrscht Uneinigkeit über die Namen in den Codizes. Sicher scheint nur zu sein, dass die Religion der Maya von starken dualistischen Tendenzen geprägt war. Es wurde scharf zwischen guten und bösen Mächten unterschieden, welche im ewigen Gegensatz und Kampf um das Schicksal und die Zukunft der Menschen standen. Dieser Grundgedanke setzte sich bis in die einzelnen Göttergestalten fort. So konnte jede der einzelnen Göttergestalten gute und böse Aspekte offenbaren.

Lediglich der Hauptgott hatte keine festgelegte Funktion. Er wurde von den Maya als ohne Gestalt, körperlos und nicht gestaltbar, betrachtet. Diese oberste Gottheit steht möglicherweise auch für den Zusammenhalt der Stämme. Gleichzeitig ist er der Herr des Regens und des Donners sowie Gott des Feuers. Hier könnte ein möglicher Ursprung der Menschenopfer gesehen werden. Das Herz der Menschen, welches als Opfer entnommen wurde, war der Preis für Feuer und Wärme.

Der Sonnengott, als Sohn des Hauptgottes, wird als einziger ausnahmslos positiv gesehen. Er gilt als Lehrer der Wissenschaften und Begründer der Maya-Kultur.
Der Totengott, der gleichzeitig der Gott des Unheils ist, wird mit dem Norden in Verbindung gebracht. Sein Zeichen sind Schellenornamente. Aus diesem Grund werden sakralen Opfern Schellen mit auf den Weg gegeben. [1]

Für die Maya war die Welt magisch, bewohnt von Lebewesen aller Art und durchdrungen von göttlicher Energie. Einen Unterschied zwischen belebt und unbelebt kannten sie nicht. Die kosmische Ordnung war mit dem menschlichen Handeln verbunden und der Fortbestand des Weltalls war vom rituellen Mitwirken der Menschen abhängig.

Dieses Weltall war in drei Bereiche untergliedert:

Himmel – bestehend aus 13 Schichten

Mittelwelt – bestehend aus 7 Schichten der Erde (gleichbedeutend mit 7 Erden)

Die 9 Schichten der Unterwelt – Xibalbá (Ort der Angst). Diese Unter- oder Schattenwelt wurde als Ort für Prüfungen verstanden. Wurden diese Prüfungen bestanden, so ging der betreffende in den Himmel ein, andernfalls musste er in der Unterwelt verbleiben.

Eine ebenso große Bedeutung hatten die Himmelsrichtungen im mythologisch-religiösen Weltbild der Maya. Jeder Himmelsrichtung wurden bestimmte Farben, Götter, Pflanzen und Tiere zugeordnet:

Osten – ist verbunden mit Sonne und Tag, die zugeordnete Farbe ist rot
Westen – verbunden mit Dunkelheit, die zugeordnete Farbe ist schwarz
Süden – verbunden mit Venus, die zugeordnete Farbe ist gelb
Norden – verbunden mit dem Mond, die zugeordnete Farbe ist weiß
Die Mitte – hier ist der Weltenbaum ‚Wakah Chan‘ errichtet, die zugeordnete Farbe ist grün.

Nach den Vorstellungen der Maya wurde die Welt mehrmals erschaffen, bevor die gegenwärtige begann. Leider ist kaum etwas über die vorher existierenden Welten und die dort vorhandenen Orte und Lebewesen überliefert. Die verschiedensten Quellen geben die unterschiedlichsten Fassungen wider. [2]

In der vorliegenden Fassung heißt es:

„Da war das ruhende All. Kein Hauch. Kein Laut. Reglos und schweigend die Welt. Und des Himmels Raum war leer. Dies ist die erste Kunde, das erste Wort. Noch war kein Mensch da, kein Tier…, Höhlen und Schluchten gab es nicht. Kein Gras. Kein Wald. Nur der Himmel war da. Noch war der Erde Antlitz nicht enthüllt. Nur das sanfte Meer war da und des Himmels weiter Raum. Noch war nichts verbunden. Nichts gab Laut, nichts bewegte, nichts erschütterte, nichts brach des Himmels Schweigen.“ [3]

Nach diesen Worten beginnt die Schöpfung der gegenwärtigen Welt. An dieser Schöpfung sind mehrere Götter, unter der Leitung von ‚Huracán‘ (Herz des Himmels), beteiligt.

Die Annahme, dass nur ein einziger Gott unter verschiedenen Namen angesprochen wird, ist nicht zwingend. Sie kann auf monotheistischem Gedankengut der Gegenwart basieren und früh in fremde Völker impliziert worden sein.

Die ersten Versuche der Schaffung von Menschen scheiterten, weil die falschen Zutaten benutzt wurden. Auch für die Maya sind die Götter nicht allwissend. Sie können z.B. nicht begreifen, dass Tiere ohne Intelligenz sind. Man könnte auf den Gedanken kommen, die Maya betrachteten die göttliche Schöpfung als Experiment. Jeder misslungene Versuch wird durch eine große Flut vernichtet. (Hier könnten möglicherweise Erinnerungen an eine verheerende Flut einfließen, die aber nicht auf das Fehlverhalten der Menschen zurückzuführen ist.) [4]

Bevor jedoch die Schöpfung gelingt und Menschen geschaffen werden können, die den Vorstellungen der Götter entsprechen, muss die Macht Xibalbas gebrochen und die Erde von Dämonen gereinigt werden. Erst beim dritten Versuch gelingt die Erschaffung der Menschen. Diese Menschen wurden dem Mythos zufolge aus Mais erschaffen. Sie waren vernunftbegabt und besaßen die gleichen Fähigkeiten wie ihre Schöpfer.

Illustration verheerender Fluten als Symbol mehrfacher Schöpfung aus dem Dresdener Codex

Abb. 11: Illustration verheerender Fluten als Symbol mehrfacher Schöpfung aus dem Dresdener Codex

„Es waren gute und schöne Menschen und ihr Körper war der des Mannes. Vernunft war ihnen gegeben. Sie schauten und sogleich sahen sie die Ferne; sie Erreichten alles zu sehen, alles zu kennen was es in der Welt gibt. Wenn sie schauten, sahen sie sogleich alles im Umkreis und ringsherum sahen sie die Kuppel des Himmels und das Innere der Erde. Alle fernverborgenen Dinge sahen sie ohne sich zu bewegen. Sofort sahen sie die ganze Welt und sie sahen sie von dort wo sie standen.“ [5]

Den Göttern war diese ihre Schöpfung jedoch unheimlich, und so unternahmen sie einiges um den Blick der Menschen zu trüben, damit sie nur noch das naheliegende sehen konnten. Ein etwas seltsamer Zusammenhang, der sich hier bietet ist die Erschaffung der Frauen.

„Es warf das Herz des Himmels einen Schleier über die Augen. Und sie trübten sich, wie wenn ein Hauch über den Spiegel geht. Ihre Augen trübten sich: sie konnten nur noch sehen, was nahe war, nur was klar war. So wurde zerstört die Weisheit und alle Kenntnis der vier Menschen des Ursprungs und Anfangs. So wurden geschaffen und geformt unsere Ahnen, unsere Väter. Vom Herzen des Himmels, vom Herzen der Erde. Dann waren auch die Gattinnen da, wurden die Weiber geschaffen.“ [6]

Die Menschen sollen von nun an versucht haben diesen Makel, durch die Entwicklung von Wissenschaften zu beheben. Aus diesem Grunde sollen sie sich der Mathematik, der Astronomie und dem Kalenderwesen zugewandt haben.

In den Glaubensvorstellungen der Maya ist der Kosmos von zwei göttliche Kräften erfüllt. So bedeutet das Wort ‚Itz‘ in den Chol-Sprachen und im Yukatekischen Sekretion, Blumennektar, Tau, Samen, Milch oder Tränen. Es bedeutet aber auch zaubern oder verzaubern und wird in diesem Zusammenhang als magische Kraft aus dem Jenseits angesehen. Auch der Mensch besitzt zwei Seelen: eine unzerstörbare, die mit einem Tier oder Schutzgeist geteilt wird und eine individuelle.

Die Maya glaubten Götter und Ahnen durch Blutrituale und Trancetänze zu beschwören. Das Blut stellte in den Augen der Maya die Speise der Götter dar. Ein sehr interessanter Zusammenhang besteht in Blut, Tod und Fruchtbarkeit. Hier wird die zyklische Weltauffassung der Maya deutlich.

„Die Tatsache, dass der Penis als besonders geheiligte Quelle betrachtet wurde, lässt den Gedanken aufkommen, dass es sich bei diesem Blutopfer um eine Art ‚Blutejakulation‘ handeln könnte.“ [7]

Blut, Tod und Fruchtbarkeit werden auch in der Verbindung mit dem Mythos um die Heldenzwillinge sichtbar: [8]

Die Jungfrau Ixquic (Blut) wird von einem Totenschädel geschwängert. Nachdem zwei göttliche Ballspieler durch Intrigen in der Unterwelt getötet wurden, werden deren abgeschlagene Köpfe an einem Baum aufgehängt. Alsbald verwandeln sich die Schädel in unzählige Früchte. Die Herren der Unterwelt verkünden, dass der Genuss dieser Früchte zum Tode führt und erklären diesen Platz zur Tabuzone. Neugierig geworden, sucht Ixquic diesen Baum auf. Vom Baum will sie wissen ob das Gerücht, dass die Früchte zum Tode führen, der Wahrheit entspricht. Sie erklärt, dass es sie nach den Früchten gelüstet und wird aufgefordert, ihre rechte Hand auszustrecken. [9]

„Da spritzte der Schädel einen Strahl Speichel mitten auf die Handfläche der Jungfrau. Die schaute nachdenklich in ihre Hand, aber der Speichel des Schädels war verschwunden. ‚Mit diesem Wasser, diesem Speichel habe ich mein Liebespfand gegeben. Nun hat mein Haupt keinen Wert mehr… . Du wirst nicht sterben. Bewahre die Kunde in deinem Herzen!‘ Und es kehrte nach dieser Rede, die Jungfrau sogleich heim. Und schon war sie schwanger an Söhnen, allein durch den Speichel.“ [10]

In diesem Zusammenhang ist die Bedeutung von Mayawörtern sowohl für Samen und Blumennektar als auch für Gummi und Blut in bezug auf das Ballspiel interessant. Ziel dieses Ballspiels war es, einen Naturgummiball durch einen Seitenring oder Markierungsstein zu schlagen. Dabei durfte nur mit bestimmten Körperteilen geschlagen werden. Der Ball musste ständig in der Luft gehalten werden. Gespielt wurde von zwei Mannschaften unterschiedlicher Stärke. Die Körperteile mit denen der Ball geschlagen wurde, waren durch dicke Lederschurze geschützt.

„Berücksichtigt man, dass das yukatekische Wort für ‚Gummi‘ – k’ik‘- ‚Blut‘ bedeutet, welches das Bindeglied aller Lebensbereiche der Maya war, so stellt der Ball, die Lebenskraft dar, das Blut der Ahnen, und gilt das Ballspiel als ‚Mittler zwischen Leben und Tod‘. Dem entsprechend wird das Ballspiel zu Xibalbá in Bezug gesetzt.“ [11]

Das Ballspiel diente damit zur Schaffung einer Öffnung in die Unterwelt.

Teilweise wurden Gefangene in Verbindung mit dem Ballspiel geopfert. Dies könnte eine Machtdemonstration in weltlicher Hinsicht darstellen. Allgemein wurde bei den Maya jedoch Religion und Politik miteinander verbunden. [12]

Sakrale Selbstopfer, ohne Selbsttötung, waren von strengen Fastenübungen und rituellen Tänzen begleitet. Solche Selbstopfer wurden häufig in Erwartung eines Orakels durchgeführt. Menschenopfer fanden ursprünglich nur in außergewöhnlichen Notsituationen statt. Solche Notsituationen könnten besonders schwere Hungersnöte, Seuchen und besondere Kalenderdaten gewesen sein. Es wurden verschiedene Methoden angewendet.

Verschiedene Rituale könnten ihren Ursprung in der Verbindung mit dem Mythos um die Heldenzwillinge haben. Sie symbolisieren möglicherweise den ständigen Kampf gegen die Mächte der Unterwelt. In den Glaubensvorstellungen der Maya verlagert sich Xibalbá nachts auf die Erde.

In der Hierarchie der Priesterschaft nahmen die Orakel- und Kalenderpriester den höchsten Rang ein, während die Opferpriester auf der untersten Stufe dieser Hierarchie standen. Es wird vermutet, dass der Herrscher sakral legitimiert wurde und an der Spitze der geistlichen Hierarchie stand. Hohe Verwaltungsposten waren mit einer Examination verbunden, wobei dieses Geheimwissen vom Vater auf den Sohn überging.

„Die Prüfungstexte des ‚Chilam-Balam‘ gehören zu den schwierigsten Texten der Religionsgeschichte überhaupt. Dies resultiert einmal aus dem Symbolcharakter einer esoterischen, ständig mit Metaphern beladenen Sprache, in der die Prüfungen sich vollzogen. Das bedeutet, dass die symbolische Redeweise, die generell charakteristisch ist für religiöse Aussagen im indianischen Bereich, hier besonders stark in Erscheinung tritt.“ [13]

Erst in der Zeit der Postklassik änderten sich die Glaubensvorstellungen der Maya durch mexikanische Einflüsse. Scheinbar ohne Bruch wurden die fremden Traditionen in die eigene Religion aufgenommen. So hat beispielsweise der Regengott, außer in der kulturellen Blütezeit Teotihuacáns, keine fortwirkende Tradition. Dies wird verständlich, weil in Zentralmexiko weit weniger Niederschläge fallen, als im Gebiet des Regenwaldes. Gebete und Rituale, in denen um Regen gebetet wurde, werden eher in einer regenarmen Region beheimatet gewesen sein. Das erneute Aufkommen solcher Traditionen ist erst ab 800 u.Z. nachweisbar. Ebenso wurde die Schlange als wohltätige und lebensspendende Gottheit aus dem mexikanischen Raum übernommen.

Der toltekische Gott Quetzalcoatl wurde mit dem einheimischen Gucumatz/Kukulcan identifiziert. Wobei Quetzalcoatl wahrscheinlich eine historische Gestalt ist, die entweder vergöttlicht oder als Priesterkönig mit der Gottheit identifiziert wurde. Bei den späten Maya wurde ihm kultische Verehrung zuteil.

Auch die Menschenopfer gewannen erst unter toltekischem Einfluss stärker an Bedeutung. In postklassischer Zeit nahm die Häufigkeit solcher Opferungen zu. [14]

Wie schon erwähnt, gehen neuere Forschungen davon aus, dass Menschenopfer, bei den klassischen Maya, nur zu besonderen Gelegenheiten oder in Notzeiten gebracht wurden. In diesem Zusammenhang vermutet man, dass es sich bei Darstellungen von Opferungen und Tötungen von Menschen, nicht nur um die Abbildung tatsächlich praktizierter Rituale handelt, sondern auch um Symbole von Initiationsriten. Dabei soll der mystische Tod im Mittelpunkt stehen. Möglicherweise handelt es sich um Darstellungen von Götterlegenden, in denen Kampf, Tod und Opferung die beherrschenden Vorstellungen sind. Solche Erklärungsversuche sind bei der Untersuchung anderer Religionen durchaus üblich, wurden aber bei mesoamerikanischen Kulturen nie ernsthaft versucht. Das Ergebnis kritischen Quellenstudiums ist es, dass sich institutionalisierte Massen-Menschenopfer in der behaupteten Häufigkeit und dem Umfang historisch nicht nachweisen lassen.

2. Spekulative Theorien

2.1 ‚Das Wissen der Maya stammt von Außerirdischen‘

Eine dieser spekulativen Theorien beschäftigt sich damit, dass Außerirdische Einfluss auf die Entwicklung menschlicher Kulturen bzw. der menschlichen Zivilisation überhaupt, nahmen. Deren wichtigster Verfechter ist Erich von Däniken. Eine wichtige Stütze seiner These ist die Kalenderrunde (52 Jahre) der Maya. Seiner Meinung nach hat diese Kalenderrunde etwas mir der periodischen Wiederkehr eines fremden Raumschiffes zu tun, welches von einem Planeten zwischen Mars und Jupiter stammen soll.

„Was einen Blick in den Planetenatlas zwischen Mars und Jupiter sofort ins Auge springt, ist die große Lücke, die zwischen Mars und Jupiter klafft. Dort bewegt sich – nur im Fernrohr sichtbar – die Riesengruppe kleiner Planeten, Asteroiden genannt, auf keplerschen Bahnen um die Sonne. Unterstellt, diese Asteroiden wären Trümmer eines ehemaligen Planeten, dann hätte sich dieser in seiner kompakten Existenz in 1898 Tagen = 5,2 Jahren einmal um die Sonne gedreht! So gesehen, ergab die Kombination aus dem Götterkalender Tzolkin und dem Erdenkalender Haab kein Zufallsdatum, sie bestimmte vielmehr die genaue Umlaufbahn des Planeten X. Und sie ergab nicht nur diese Bestimmung: in der 10 Potenz mit 18980 Tagen (=52 Jahren) fixierte sie die Idealposition des Planeten X zur Erde. An diesem Fixtag fürchteten die Erdenkinder die Heimsuchung durch die Götter“ [15]

Diese Aussage ist gleich zweifach falsch!

Zum einen hat es keinen Planeten zwischen Mars und Jupiter gegeben. Die Gravitationskräfte des Riesenplaneten Jupiter ließen die Entwicklung eines Planeten nicht zu. Jeder Planet außerhalb der Marsbahn, befindet sich ebenso wie der Asteroidengürtel nicht innerhalb der Ökosphäre der Sonne und auch das Alter unseres Sonnensystems ist für eine derartige Evolution zu kurz. Kann man also getrost vergessen!

Andererseits habe ich in Teil 2 dieses Artikels gezeigt, dass die Maya mit dem Vigesimalsystem rechneten. Auf dieser Basis gab es keinen gemeinsamen Teiler für Tzolkin und Haab, so dass die 18980 Tage = 52 Jahre das kleinste gemeinsame Vielfache bilden. Nur weil es gerade so passt, kann man dem Vigesimalsystem nicht das Dezimalsystem überstülpen – schon gar nicht nach dem Motto 20 ist durch 10 teilbar. Die Maya dachten sicher anders. Däniken spinnt seinen Faden jedoch weiter, ohne sich um das mythologisch-religiöse Weltbild dieses Volkes zu kümmern:

„Der gedachte Planet möge sich in 1898 Tagen einmal um die Sonne drehen. Was ist ein Tag? Die Eigenrotation des Planeten von Mittag zu Mittag. Nehmen wir an, ein Tag des Planeten X entspricht 7,3 Erdentagen. Weshalb gerade 7,3, warum nicht 5,6 oder 11,8 Erdentagen. Weil die ‚73′ eine heilige Zahl der Maya war! Erinnern wir uns: 73 Götterjahre vollenden den Kalenderzyklus, und der 10. Teil davon – 7,3 – wurde mit dem Alltagsleben der Götter in Zusammenhang gebracht.“ [16]

Schon wieder falsch. Nicht die ‚73′ war eine heilige Zahl, sie ergab sich nur aus den unterschiedlichen Abläufen von Tzolkin und Haab, sondern die heiligen Zahlen der Maya waren:

13 – für die 13 Himmelsebenen oder die Herren des Tages
7 – für die 7 Schichten der Erde oder die 7 Wanderer
9 – für die 9 Schichten der Unterwelt oder die Herren der Nacht!

Und wieder wird unzulässigerweise das Dezimalsystem mit dem Vigesimalsystem der Maya kombiniert. Heraus kommen völlig unsinnige Zahlen. Die Maya kannten keine Brüche! Ihr Kalendersystem war, wie bereits aufgezeigt, immer ganzzahlig. Sie führten nicht einmal Schalttage ein, weil diese die Harmonie und Ordnung ihrer Kosmologie gestört hätten.

Däniken begeht einen weiteren Fehler, indem er sich nur auf die Kalenderrunde, oder sogenannte kurze Zählung, stützt. Diese war zwar in der postklassischen Phase durchaus üblich, das Kalendersystem der klassischen Maya war jedoch wesentlich komplexer und komplizierter. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass viele Erkenntnisse beim Niedergang der Mayakultur im Tiefland verloren gingen. Die Berechnungen auf der Grundlage der Kalenderrunde sind ein typisches Zeichen toltekischen Einflusses.

Weiter versucht Erich von Däniken sein Planetenszenario mit einer Stelle des Popol Vuh zu stützen. Anhand einer kurzen Textstelle sucht er zu beweisen, dass die Menschen in der Nacht eines endlosen Winters lebten, der durch das Bersten seines Planeten X hervorgerufen wurde.

„Keinen Schlaf gab es für sie, keine Ruhe. Groß war die Wehklage im Innersten ihres Herzens, dass der Tag nicht anbrechen, dass es nicht hell werden wollte. Nur Verzagtheit war in ihren Mienen, große Trauer und Niedergeschlagenheit kam über sie, ganz verwirrt waren sie vor Pein. … Wehe, sähen wir doch nur die Sonne geboren werden! Sagten sie und redeten viel miteinander, voll von Verzagtheit und voll lauter Wehklage, redeten und konnten doch noch immer keinen Trost dafür finden, dass es nicht Tag wurde.“ [17]

Tatsächlich sagt das Popol Vuh aber folgendes:

„Dort sprachen ihre Götter […] : ‚Auf, lasst uns gehen! Wir dürfen hier nicht bleiben. Verbergt uns. Bald wird es Licht werden […] .

Alle waren sie beisammen […] alle kleinen Stämme alle große Stämme. An demselben Ort wurde es hell, an selbigen Ort erwarteten sie den Aufgang des Großen Sterns der Sonnenbringer genannt wird, denn der muss vorangehen, ehe die Sonne erscheinen kann. So sagt man. […]

Sie schliefen nicht, aufrecht warteten sie, an Herz und Nieren griff die Hoffnung auf Morgenröte und Licht. Demütig standen sie da, unter leiden und mühevoll waren sie bis hierher gelangt. ‚O Wehe! Wenn doch die Sonne erscheinen wollte. Was haben wir getan, uns von unseresgleichen in jenen Bergen zu trennen uns allein in die Not begebend.‘ So sprachen sie untereinander. In Trübsal und Not. Unter Seufzern und Tränen sprachen sie. Denn noch tröstete ihr Herz keine Morgenröte. […]

Da standen unsere Ahnen, unsere Väter als die Dunkelheit schwand und das Licht erschien. Endlich dann dämmerte es, und Sonne, Mond und Sterne erschienen. So wurde es Licht durch Sonne, Mond und Sterne. […]

Dann schließlich erschien die Sonne. […] Sogleich trocknete die Sonne der Erde Antlitz. Wie ein Menschenwesen erhob sich die Sonne mit feurigem Angesicht und trocknete sogleich die Erdfläche. Vor dem Sonnenaufgang war sich feucht gewesen, sumpfig war die Erde bevor die Sonne erschien.“ [18]

Ich habe in den Zitaten weitschweifige Aufzählungen ausgelassen. Der Sinn wird dadurch jedoch nicht entstellt.

Ein Vergleich der zitierten Textpassagen zeigt, dass es keinesfalls um die Angst vor ewiger Dunkelheit geht. Das Licht wird von den Göttern angekündigt. Offenbar war den Menschen die Sonne durchaus bekannt. Ihre Furcht bezog sich wohl eher darauf, dass die neue Heimat keine Sonne haben könnte. Möglicherweise waren die Stämme in westliche Richtung gewandert und Westen wird in den Glaubensvorstellungen der Maya mit der Dunkelheit identifiziert. Zumindest klingt im Popol Vuh immer wieder an, dass sie aus Osten kamen.

Nirgends klingt die Erinnerung an eine Katastrophe an!

Obwohl für die Zitate zwei verschiedenen Übersetzungen des Popol Vuh herangezogen wurden, kann der Unterschied nicht so groß sein, dass ein völlig anderer Sinn entsteht. Eine Szene, die von Erich von Däniken zitiert wird, kann ich in der Übersetzung von Wolfgang Cordan nicht finden – auch dann nicht, wenn ich die Sätze aus dem Zusammenhang reiße und entsprechend aneinander füge.

Der Sinn bleibt der gleiche:

Die Menschen sind nach langer Wanderung von Leid und Entbehrungen gezeichnet, die Nahrung ist knapp geworden und ein Platz für eine neue Heimat ist noch nicht gefunden. An Schlaf ist in solch einer Situation wohl nicht zu denken. In Erwartung eines neuen Morgens, dehnt sich die Zeit endlos. Wen wundert es dann, dass in den entkräfteten Menschen die Furcht aufsteigt, dass dieser Morgen nicht heranbricht.

Bedenken sollte man in diesem Zusammenhang auch, dass die Schöpfung, der Menschen, im Popol Vuh, während der Dunkelheit vollzogen wurde. Die Vermehrung der ersten Menschen vollzog sich auch in jener Dunkelheit. Die Sonne erschien erst, als die Schöpfung vollendet und die Macht Xibalbás gebrochen war.

Ein ganz anderer Aspekt ist die Tatsache, dass es in der Zeit, als sich der moderne Mensch entwickelte, keine Katastrophe kosmischen Ausmaßes ereignete. Schon gar keine die das gesamte Planetensystem in Mitleidenschaft gezogen hätte. Es kann also auch keine Rede davon sein, dass es sich bei dem geschilderten Ereignis um Urerinnerungen handeln könnte.

Weitere Beweise für Eingriffe von Außerirdischen sieht Däniken in den Schöpfungsmythen. Für ihn waren die ersten Menschen mehr oder weniger Zwitterwesen, die nach vollendeter Mission in ein Rauschiff zurückkehrten. Seine These für diese Fremderschaffung versucht er mit einer Himmelfahrt zu stützen. [19]

Dazu zitiert er wiederum das Popol Vuh:

„Das war ihr Abschied. Über den Höhen des Berges Hacavitz entschwanden sie. Von ihren Frauen und Kindern wurden sie nicht bestattet, niemand sah ihren Weggang.“ [20]

Däniken verweist noch darauf, dass die Auserwählten nicht auf leisen Sohlen gingen und dass sie ein Erinnerungsstück zurückließen. Aber lassen wir wiederum das Popol Vuh für sich sprechen:

„Als sie ihr Ende fühlten, riefen sie ihre Söhne herbei. Sie waren nicht krank. Sie seufzten nicht unter Schmerzen, sie lagen nicht erschöpft danieder, als sie den Söhnen ihr Vermächtnis hinterließen. … Traurig sangen die vier zusammen, ihr Herz weinte in dem Lied. Dann eröffneten sie ihren Söhnen: ‚Oh ihr Söhne! Wir brechen zur Heimkehr auf. Guten Rat und weise Grundsätze werden wir euch hinterlassen.‘ … Das war ihr Abschied. Über die Höhen des Berges Hacavitz entschwanden sie. Von ihren Frauen und Kindern wurden sie nicht bestattet, niemand sah ihren Weggang. Nur die Weisung blieben und das Bündel.“ [21]

Hier ist ganz eindeutig die Rede davon, dass die vier Männer ihren Tod nahen fühlten. Keine Rede davon ist, dass sie irgendwo abgeholt wurden oder dass ihr Weggang mit irgend einem Getöse verbunden gewesen wäre.

Von verschiedenen Indianerstämmen Nordamerikas ist bekannt, dass die Menschen ihren Tod fühlten. Schamanen begaben sich nicht selten an einen Ort, an dem sie ihr Totem vermuteten, um im Verborgenen zu sterben. Die Religionen mesoamerikanischer Kulturen sind stark totemistisch geprägt.

Zudem ist der Teil, des Popol Vuh, stark toltekisch beeinflusst und scheint jünger zu sein als der erste Teil, in dem die Schöpfung beschrieben wird. Man kann davon ausgehen, dass sich hier teilweise unterschiedliche Glaubensvorstellungen mischen. Zudem klingt im Popol Vuh christliches Gedankengut an. Im Vorwort wird ausdrücklich betont, dass der Text des heiligen Buches der Quiché „schon unter dem Wort Gottes, schon im Christentum lebend“ geschrieben wurde.

An anderer Stelle mischt Erich von Däniken willkürlich Szenen des AT mit Szenen aus dem Popol Vuh, um seine These zu stützen. Eine Angabe sämtlicher Zitate würde hier zu weit führen. Deshalb will ich nur kurz aufzeigen, dass die, von Däniken zusammengebastelten, angeblichen Belege [22], so nicht zusammenpassen:

Die Sintflutlegende, im AT, hat einen anderen Hintergrund als die Flutlegenden im Popol Vuh. Im AT wird eine schon existierende Menschheit für ihre Sünden bestraft – im Popol Vuh werden die Fehler der Götter weggespült. Tiere sind von der Vernichtung nicht betroffen.

Die Legende um die Himmelfahrt, Henochs, im AT und der Weggang der Erzväter im Popol Vuh. Während Henoch wohl in einer Art stürmischer Wolke entführt wurde und das entsprechende Getöse anhebt, spürten die Erzväter im Popol Vuh ihren Tod, sie trafen ihre Vorbereitungen und nahmen Abschied.
Die Legenden um wundersame Gänge durch Feuer im Buch Daniel des AT und Popol Vuh. Während die Legende im AT als eine Prüfung Gottes oder auch als Schutz gegen Anfeindungen zu verstehen ist, die zu einem relativ späten Zeitpunkt (auf alle Fälle lange nach Moses) stattfindet, handelt die Szene im Popol Vuh noch vor Beendigung der Schöpfung. Im Popol Vuh ist die Szene eingebunden in den Kampf der Heldenzwillinge gegen die Herren von Xibalbá Diese Szene ist Symbol dafür, dass die Mächte des Lichtes über die Mächte der Finsternis siegen werden.

Wie bereits angedeutet, eignet sich das Popol Vuh nicht sonderlich gut für einen Mythenvergleich, weil nicht auszuschließen ist, dass christliches Gedankengut und christliche Symbole mit eingeflossen sind – vor allen dann, wenn sie den eigenen Glaubensvorstellungen ähneln. Deutlich wird dies an einigen wenigen Sätzen:

„Dann waren auch die Gattinnen da, wurden die Weiber geschaffen. Gott selbst machte sie mit großer Sorgfalt.“ [23]

„Ihr Tzakól, Bitól“ seht uns, hört uns! Gib uns nicht auf, verlasse uns nicht, Gott der du bist im Himmel und auf Erden, Herz der Erde!“ [24]

Zudem ist das Popol Vuh stark von toltekischem Einfluss geprägt. Die ursprünglichen Mythen der klassischen Maya sind von toltekischem Gedankengut überlagert, so dass keine Rückschlüsse auf ältere Traditionen möglich sind. Die, im Popol Vuh aufgezeigten, Königslisten sind relativ kurz und reichen nicht weit in die Vergangenheit zurück. Offensichtlich wurden nur toltekische Herrscher tradiert. Ein weiterer Nachteil ist, dass nur wenige Quellen zur Verfügung stehen, bei denen es sich wahrscheinlich um relativ späte Aufzeichnungen handelt. Rückschlüsse auf irgendwelche Ereignisse können aus diesen Quellen nicht gezogen werden.

Noch einen Scheinbeweis zieht Däniken zur Stütze seine These heran: Nicht nur dass er der Maya-Kultur einen falschen Zeitrahmen zuordnet, er ist auch der Meinung, dass die Kenntnisse der Maya aus dem Nichts auftauchten.

Archäologische Befunde belegen jedoch, dass sowohl Mathematik, Kalenderwesen und Astronomie, als auch das Schriftsystem von einer Vorläuferkultur übernommen wurden. Nachweislich wurde die von den Olmeken entwickelte Schrift weiterentwickelt und perfektioniert. Gleiches geschah in den anderen Bereichen der von den Maya verwendeten Wissenschaften. Sie übernahmen im Grunde bereits ausgereifte Systeme. Sogar ihre Glaubensvorstellungen basieren auf der Religion dieser Vorläuferkultur. Trotz dieser Übernahme ist nichts über die eigentliche Religion, über Kulte und Rituale dieser dieser Vorläuferkultur bekannt.

Ein weiteres Argument, welches Däniken vorbringt, sind die Zeremonialzentren der Maya. Er stellt es so dar, als ob es sich hierbei um reine Wallfahrtsorte gehandelt habe. Für ihn wurden die Städte sofort nach Fertigstellung verlassen. Dies impliziert den Gedanken, dass diese Städte tatsächlich nur für die Götter errichtet wurden. Tatsache ist jedoch, dass es sich bei den Städten der Maya, wie schon in vorangegangenen Abschnitten beschrieben, um voll funktionsfähige Städte gehandelt hat, welche über mehrere Jahrhunderte bewohnt waren.

Feinste Stuckarbeiten an den Gebäuden deutet er als aus massivem Stein gehauen, für die seiner Meinung nach nur Metallwerkzeuge eingesetzt worden sein können. Tatsache ist jedoch, dass die Maya die Hehrstellung eines Kunststeins aus Kalk und Kautschukmilch beherrschten, der nach dem Aushärten die annähernde Härte von Kalkstein erreichte. Der, auf diese Weise hergestellte, Brei konnte ohne weiteres mit einfachsten Werkzeugen zu feinsten Reliefs verarbeitet werden.

Mehr oder weniger nebenbei wird zur Stützung der These – Außerirdische hätten Einfluss auf die Kultur der Maya genommen – der Straßenbau und das Rad herangezogen. Ein ausgebautes Straßennetz existiert nur im Norden des Mayagebietes. Sein Zweck ist, wie bereits erwähnt, noch unbekannt. Die Tatsache, dass dieses Straßennetz nur im nördlichen Mayagebiet nachweisbar ist, könnte darin begründet liegen, dass diese Straßen in der postklassischen Phase errichtet wurden. Leider finden sich hierzu keine näheren Angaben.

Die Kenntnis des Rades wird vor allem in älteren Quellen negiert. Tatsache ist jedoch, dass den Maya das Prinzip des Rades durchaus bekannt war. Sie benutzten es beispielsweise für ihre Kalenderrechnungen. Eine praktische Nutzung für Transportmittel scheint jedoch ausgeschlossen. Der Grund hierfür mag darin liegen, dass nirgendwo Hinweise zu finden sind, dass es domestizierte Tiere gab, welche als Zugtiere Verwendung finden konnten. Zudem sind in dem unwegsamen Gelände Träger immer noch das effektivste Transportmittel. Die Maya hatten wahrscheinlich gar keine Veranlassung über die Nutzung des Rades nachzudenken. Als Indiz zur Stützung oben genannter These ist die Nichtanwendung des Rades untauglich.

2.2 ‚Mesoamerikanische Kulturen sind Erben einer untergegangenen Zivilisation‘

Eine andere spekulative These stammt von Graham Hancock. Er ist der Meinung, die Kulturen Mesoamerikas könnten nur die Erben einer wesentlich älteren, hochentwickelten Zivilisation sein. Diese Zivilisation hat seiner Meinung nach überall auf der Erde ihre Spuren hinterlassen. Als Beleg für seine These zieht Hancock die hervorragenden Kenntnisse der Maya in Astronomie, Mathematik und Kalenderwesen heran. Er vergleicht sie mit den sonstigen Fähigkeiten dieses Volkes. Ohne überhaupt die Mythologie und Religion der Maya in Betracht zu ziehen, fragt er sich.

„Ist das nicht ein wenig avantgardistisch für eine Zivilisation, die sich sonst kaum hervortat? Gewiss, die Maya-Architektur war im Rahmen ihrer Möglichkeiten lobenswert. Doch ansonsten deutet wenig im Leben dieser Dschungelbewohner darauf hin, dass sie die Fähigkeit (oder das Bedürfnis) hatten, sich von wirklich langen Zeiträumen einen Begriff zu machen.“ [25]

Die einzige Antwort die Hancock auf diese Frage kennt ist die, dass es unmöglich sein kann, dass eine Steinzeitkultur in der Lage wäre, sich derartige Fähigkeiten zu erarbeiten. Darum steht für ihn fest, dies alles kann nur das Erbe einer unbekannten Zivilisation gewesen sein. [26]

Indirekt schließt er sich damit den Vorstellungen der mesoamerikanischen Kulturen an. Für ihn bedeutet das Verschwinden dieser unbekannten Zivilisation einen Hinweis auf eine zyklisch verlaufende Evolution. In Anlehnung an den Gedanken mesoamerikanischer Kulturen, dass das gegenwärtige Zeitalter in einer Katastrophe enden wird, ist er der Meinung, dass das komplizierte Kalendersystem der Maya „ein Mechanismus zur Vorhersage einer entsetzlichen kosmischen oder geologischen Katastrophe“ [27] ist.

Sollten die Überlegungen Hancocks den Tatsachen entsprechen, müssten irgendwo auf der Erde noch rudimentäre Zeugnisse dieser vergangenen Zivilisation vorhanden sein. Es gibt keinerlei archäologische Belege, die das Vorhandensein einer derartigen Zivilisation stützen. Folgt man Hancocks Überlegungen, so hat es zumindest einige Überlebende dieser Zivilisation gegeben, die eine junge, sich gerade entwickelnde Zivilisation unterrichteten und ihr Wissen an diese weitergegeben haben. Ein Grund mehr, dass sich Belege irgend einer Art finden müssten.
Dies ist jedoch nicht der Fall.

Fragen, die man sich in diesem Zusammenhang stellen sollte sind:

Warum übermittelten diese Überlebenden nur ihr Wissen?
Warum nicht auch alle anderen Kenntnisse?
Warum ließen sie zu, dass sich die Menschen beispielsweise die Metallbe- und – verarbeitung mühsam selbst erarbeiten müssen?

Die Antwort auf diese Fragen kann nur lauten: Es gab keine frühe hochentwickelte Zivilisation!

Zugegeben – unser Wissen über die Geschichte der menschlichen Zivilisation ist noch recht lückenhaft. Aber die gegenwärtigen Erkenntnisse über den Verlauf der Entwicklung der menschlichen Zivilisation sprechen eine deutliche Sprache. Die archäologische und paläontologische Fundlage lässt einen derartigen Schluss nicht zu.

2.3 ‚Es gab kulturelle Diffusion zwischen Alter und Neuer Welt‘

Eine dritte spekulative Theorie geht von einer kulturellen Beeinflussung zwischen Alter und Neuer Welt aus. Diese Theorie scheint durch eine ganze Anzahl archäologischer Funde belegt zu sein. Auch Thor Heyerdahl favorisiert diese Theorie. Seiner Meinung nach könnte über Seefahrer das Prinzip des Pyramidenbaus nach Amerika gelangt sein.

Harald Braem vertritt die Ansicht, dass ein regelmäßiger Kontakt zwischen der Alten und Neuen Welt besonders durch die Phönizier gepflegt wurde. Unter Ausnutzung bestimmter Meeresströmungen, insbesondere des Golfstroms, soll es zu einem regelmäßigen Kulturaustausch gekommen sein. Die Tatsache, dass viele Bauwerke, insbesondere Pyramiden, überall nach astronomischen Gesichtspunkten ausgerichtet wurden, ist für Braem Beleg für einen transatlantischen Kulturaustausch. Darüber hinaus verweist er auf eine Vielzahl von archäologischen Funden, die seiner Meinung nach nur aus der Alten Welt stammen können. [28]

„Das ägyptische Lebens- und Fruchtbarkeitssymbol, das Ankh-Zeichen kommt auch in Amerika vor: im olmekischen La Venta, im toltekischen Teotihuacán, in Palenque der Maya und an anderen Plätzen. Es galt dort als Lebensbaum und Sinnbild für die drei weißen Götter. … Man hat Tausende von altamerikanischen Terrakottaköpfchen in mexikanischen Gräbern gefunden, die keltische, semitischen und ägyptische Physiognomien aufweisen. Bei den Ägyptern und Phöniziern auch bei den Südamerikanern war es üblich, für verstorbene Würdenträger Totenmasken aus kostbarem Material anzufertigen. Die Maya zeigen häufig keine Indiogesichter, sondern europide Züge.“ [29]

„All diese Übereinstimmungen machen deutlich, dass in vorgeschichtlicher Zeit ein kultureller Transfer in ostwestlicher Richtung stattgefunden haben muss. Altweltliche Besucher, Händler und Kolonisten müssen – viele Hunderte und Tausende Jahre vor Kolumbus – den amerikanischen Kontinent mit ihren religiösen Ansichten, ihren künstlerischen Geschmack und ihrer handwerklichen Fähigkeit prägend beeinflusst haben.“ [30]

Obwohl vereinzelte kulturelle Kontakte zwischen der Alten und der Neuen Welt nicht mehr ausgeschlossen werden können, ist eine kulturelle Beeinflussung nicht zwingend.

Allein aus eventuellen Parallelen zwischen beiden Hemisphären auf einen kulturellen Impuls zu schließen, ist beim gegenwärtigen Erkenntnisstand verfrüht. Die Unterschiede in der Entwicklung, im mythologisch-religiösen Weltbild, der Architektur und ihrer Symbolik sind zu groß, um Rückschlüsse auf einen dauernden Kontakt zuzulassen. Auch der Hinweis auf archäologische Funde, die einen östlichen Einfluss implizieren, kann so nicht ausreichen.

Heute kann niemand mit Sicherheit sagen, welchem Menschentyp die ursprünglichen Einwanderer angehörten. Es besteht die Möglichkeit, dass sich die Einwanderung nach Amerika in mehreren Schüben vollzog und dass sich bei diesen Einwanderungsschüben auch Menschen aus unterschiedlichen geographischen Zonen befanden.

Dies wäre zumindest eine Erklärung dafür, warum die archäologischen Funde das erwähnte Muster aufweisen. Inwieweit die Theorie vom transatlantischen Kulturtransfer ihre Berechtigung hat, werden zukünftige Forschungen noch belegen müssen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist über das tatsächliche Alter der Kulturen in der Neuen Welt noch zu wenig bekannt.

3. Schlussbetrachtungen

Ich habe versucht, einen Überblick über die Entwicklung der Kultur der Maya zu geben, die vielfach in einem falschen bzw. verzerrten Bild dargestellt wird. Häufig wird der Eindruck erweckt, diese Kultur sei um die Zeitenwende, aus dem Nichts entstanden. Manche Quellen setzen den Beginn der Maya-Kultur mit dem Ausbau der Zeremonialzentren gleich.

Tatsache ist jedoch, dass diese Kultur auf ein hohes Alter, verbunden mit einer langsamen gesellschaftlichen Entwicklung, welche von der Kultur der Olmeken nachhaltig beeinflusst wurde, zurückblicken kann. Man weiß heute, dass sowohl Mathematik, Astronomie als auch das Kalenderwesen von den Olmeken übernommen wurde. Wahrscheinlich war es bereits, in der von den Maya bekannten Form, ausgeformt. Die Interessen für Mathematik und Astronomie sind wahrscheinlich im mythologisch-religiösen Weltbild begründet. Die Wurzeln dieses Weltbildes und der Glaubensvorstellungen der Maya sind noch nicht restlos erforscht. Sie geben immer noch Rätsel auf. Betrachtet man das komplizierte Kalendersystem, mit dem versucht wurde die verschiedensten astronomischen Ereignisse in Beziehung zur Zeit zu setzen, könnte man meinen, die Zeit selbst sei von den Maya vergöttlicht worden. Eine Vergöttlichung, welche die Maya von ihren Vorläuferkulturen übernommen haben. Einen ähnlichen Eindruck kann man gewinnen, wenn man sich mit ihrem, an Fanatismus grenzenden Hang zur Astronomie auseinandersetzt. Alle antiken Kulturen weisen ein Interesse an astronomischen Ereignissen auf. Aber bei keiner dieser Kulturen ist dieses so ausgeprägt wie bei mesoamerikanischen Kulturen.

Um so erstaunlicher ist es, dass ein Großteil des Wissens und der Erkenntnisse beim Niedergang der Mayazentren im Zentralpetén verloren ging. Obwohl sich die Zentren im Norden des Mayagebietes relativ unbeeinflusst weiterentwickelten, konnten sie ihr Wissen nicht aufrechterhalten. Als von Norden her, fremde Stämme in das Mayagebiet eindrangen, konnten diese nur noch auf einen Bruchteil des ursprünglichen Wissens zurückgreifen.

Der Schlüssel zum Verständnis der Maya-Kultur liegt im Verständnis der Glaubensvorstellungen dieser Menschen. Leider ist dieser Schlüssel durch die Conquistadores und ihrer Gottesmänner zum allergrößten Teil zerstört worden. Erst wenn es möglich ist die Schrift der Maya vollständig zu entziffern und sprachlich zu verstehen, wird man dem Verständnis dieser Kultur näherkommen.

Überlieferungen sind in der Kolonialzeit niedergeschrieben worden und sind mit großer Wahrscheinlichkeit durch christliches Gedankengut beeinflusst. Auf alle Fälle sind sie von toltekischen Einflüssen geprägt. Die Tolteken drangen etwa ab dem 11. Jh. in das Mayagebiet ein. Zu diesem Zeitpunkt wurden sie durch den Zustrom von Nomadenstämmen aus dem Norden verdrängt. Durch Integration von Angehörigern dieser Stämme, geriet auch viel von dem Wissen der Tolteken in Vergessenheit. Die Reste ihres mythologischen Weltbildes fanden Eingang in die Mythologie der Maya. Das in der heutigen Form vorliegende Popol Vuh ist das Ergebnis dieser Vermischung.

Mit dem Eindringen der Tolteken wurden die Menschenopfer, welche bei den Maya nur zu außergewöhnlichen Anlässen üblich waren, forciert. Welche Bedeutung diese Menschenopfer bei den Tolteken hatten, kommt im Popol Vuh zum Ausdruck. Dort ist eindeutig die Rede von Menschenjagden, um immer genug Blut, als Nahrung für ihre Götter zu haben. In der Art und Weise, wie über diese Opfer berichtet wird, lässt sich jedoch ableiten, dass die Maya, eine Überbetonung der Notwendigkeit von Menschenpopfern ablehnten. [31]

Ob diese jemals in der, von den Spaniern überlieferten, Anzahl stattgefunden haben, ist nicht belegt. Zu keiner Zeit hatte ein Angehöriger der Conquistadores Zugang zu den Opferzeremonien. Auch von den sogenannten Augenzeugen ist anzunehmen, dass diese nicht nahe genug an den Zeremonialbezirk herankamen, um derart genaue Angaben machen zu können.

Häufig werden die Glaubensvorstellungen der Tolteken oder gar der Azteken mit denen der Maya gleichgesetzt. Die Kultur der Maya hat nichts von ihrer Rätselhaftigkeit verloren. Dies mag zum Teil daran liegen, dass man in verschiedenen Quellen unterschiedliche Interpretationen vermittelt bekommt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese Kultur einen, wie auch immer gearteten, Impuls erhielt.

Anmerkungen

[1] Lanczkowski 1989
[2] Cordan 1962: S. 29
[3] Lanczkowski 1989
[4] ebd.
[5] Cordan 1962: S. 104
[6] ebd., S. 105f.
[7] Schalley 2000: S. 60
[8] Cordan 1962
[9] ebd.
[10] ebd., S. 63
[11] Schalley 2000: S. 62
[12] ebd.
[13] Lanczkowski 1989: S. 79
[14] ebd.
[15] Däniken 1984: S. 143
[16] ebd., S. 145f.
[17] ebd., S. 177
[18] Cordan 1962: S. 119-122
[19] Däniken 1984: S. 140ff.
[20] ebd., S. 171
[21] Cordan 1962: S. 139f.
[22] Däniken 1992: S. 92ff.
[23] Cordan 1962: S. 106
[24] ebd., S. 107f
[25] Hancock 1995: S. 185
[26] ebd., S. 178-186
[27] ebd., S. 186
[28] Braem 1994: S. 163-178
[29] ebd., S. 164
[30] ebd., S. 168f.
[31] Cordan 1962

Abbildungsverzeichnis

[1] www.tu-dresden.de/slub/proj/maya/maya.html

Literaturverzeichnis

Braem, Harald (o.J): Die Geheimnisse der Pyramiden. München

Cordan, Wolfgang (1962): Popol Vuh – Das Buch des Rates. München

Däniken, Erich von (1984): Der Tag an dem die Götter kamen. München

Däniken, Erich von (1992): Der Götterschock. München

Hancock, Graham (1995): Die Spur der Götter. Bergisch Gladbach

Köhler, Ulrich – Hrsg. (1990): Altamerikanistik. Berlin

Lanczkowski, Günter (1989): Religionen der Azteken, Maya und Inka. Darmstadt

Prem, Hanns (1990): ,in Köhler – Hrsg.(1990): Altamerikanistik. Berlin (Reimer)

Riese, Berthold (1990): in Köhler – Hrsg. (1990): Altamerikanistik. Berlin

Schalley, Andrea. C. (2000): Das mathematische Weltbild der Maya.