Sabine Wendt gibt in ihrem dreiteiligen Artikel einen Überblick über die Entwicklung der Maya-Kultur. Seit Catherwood und Stephens im Amerika und Europa des 19. Jahrhundert das Interesse für die Kulturen Mesoamerika weckten, hat sich in der Erforschung der mittelamerikanischen Kulturen einiges getan. Unser Bild der Mayas wird immer genauer, die Forschung steht gerade jetzt vor neuen Höhepunkten.

Teil I: Kultur, Siedlungsgebiete, bedeutende Mayazentren, Gesellschaft

Die Kultur der Maya

1. Kultur
1.1 Ursprünge

Die Ursprünge der Maya-Kultur reichen zurück bis in das Archaikum. Die als Halbnomaden lebenden Stämme domestizierten ab ca. 5000 v.u.Z. Mais und andere Kulturpflanzen. Bereits um 2500 v.u.Z können zwischen Pazifik und Karibik erste Siedlungen nachgewiesen werden. Diese zeigen noch keine Verbindung miteinander. Es handelt sich um lose Ortsgemeinschaften, die noch keine Anzeichen einer hierarchischen Organisation aufweisen. Der Prozess der Sesshaftigkeit und Neolithisierung ist noch nicht ausreichend geklärt.

Für diese frühe Zeit wurden noch keine Zeremonialzentren und ausgeprägte Kunststile nachgewiesen. Frühe Keramikfunde stammen aus Belize, La Victoria und Ocós. Es handelt sich hierbei um anspruchsvolle, formenreiche und bunt bemalte Ware. Erstaunlicherweise tauchen schon sehr früh Jadeperlen auf. Das nächstgelegene Jadevorkommen befindet sich im 200km entfernten Montagua-Tal. Dies lässt auf sehr frühen Fernhandel schließen.

Ein qualitativer Sprung zu höherer gesellschaftlicher Komplexität und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit ist an der Golfküste früher nachweisbar als im übrigen Mayagebiet, welches erst um ca. 800 v.u.Z. von der Olmeken-Kultur erfasst wird. Um diese Zeit kamen erstmals Obsidianklingen in Gebrauch, was auf eine abermalige Erweiterung der Handelsbeziehungen hinweist. Die Ursachen für den kulturellen Aufschwung sind bisher noch ungeklärt. Möglicherweise gab die teilweise Weiterführung olmekischer Tradition, nach dem Untergang dieser Kultur um die Mitte des ersten Jahrtausends v.u.Z., den Anstoß. Erschwerend wirkt sich dabei aus, dass immer wieder archäologische Fundstücke und Kunstgegenstände auftauchen, die aus Raubgrabungen stammen. Eine Datierung wird dadurch erschwert, dass weder der Fundort noch der Fundkontext bekannt sind. [1]

1.2 Aufstieg und Blüte

Präklassik

Die Periode zwischen 2600 v.u.Z. und 250 u.Z. wird allgemein als Präklassik oder auch formative Periode bezeichnet. Wie bereits im Abschnitt 1.1. besprochen, vollzog sich in dieser Periode die Besiedlung des gesamten Mayagebietes bis ca. 900 v.u.Z. unter Herausbildung erster hierarchischer Strukturen.

Ab ca. 400 v.u.Z stiegen die Bevölkerungszahlen stark an, was zu einer Umorientierung in der Landwirtschaft führte. Neben schwach extensiver Brandrodungswirtschaft (Milpa) wurden Terrassenfelder und Hochäcker angelegt. Für die Bewässerung, der so entstandenen Flächen, wurden Bewässerungskanäle errichtet, welche eine intensive Landwirtschaft ermöglichten.

Ab ca. 100 v.u.Z. setzt die eigentliche Entwicklung der Maya-Kultur ein. Es entstanden die Zeremonialzentren mit Holztempeln auf erhöhten Plattformen, Pyramiden und Plätzen. Das Königtum wurde um diese Zeit voll ausgeformt. Im gesamten Tiefland entstand ein Netz kleiner Fürstentümer. Obwohl in der ersten Zeit, der Präklassik, eine gesellschaftliche und kulturelle Evolution nachweisbar ist, bleiben die kulturhistorischen Prozesse der Tieflandmaya in hohem Maße hypothetisch. Die Entwicklung des äußersten Nordens Yukatáns vollzog sich relativ isoliert. Einzelne qualitative Sprünge sind wahrscheinlich auf den Kontakt zu der weit höher stehenden und ausgeprägteren Kultur der Olmeken zurückzuführen, deren Einflüsse, wie schon erwähnt, in weiten Bereichen des Mayagebietes nachweisbar sind.

Klassik

Der Übergang zur Klassik vollzog sich ohne zeitliche Grenzen und umfasst den Aufstieg und Verfall der meisten Städte im Tiefland. In diese Zeit fällt die Entwicklung der Struktur des Staates, verbunden mit dem Aufstieg mächtiger Herrschaftsgebiete.

Etwa ab 400 u.Z. ist ein starker Einfluss Teotihuacáns zu verzeichnen. Unter diesem Einfluss erreichten die Städte im Tiefland ihre erste Blüte. Die kulturelle Ausstrahlung Teotihuacáns hat die Entwicklung der führenden Zeremonialzentren maßgeblich mitbestimmt. Datierbare Funde stammen aus der Zeit zwischen 380 und 620 u.Z. Gegen Ende des 6. Jh. lockerten sich die Verbindungen wahrscheinlich. Die Auswirkungen des Untergangs von Teotihuacán lösten in den meisten Mayastädten eine schwere Krise aus, welche mit einer Stagnation der Bautätigkeit einher ging. Insbesondere die Errichtung sogenannter Geschichtsstelen fand vorübergehend ein Ende. Viele der, in die Abhängigkeit von Teotihuacán geratenen, Städte überstanden diese Krise nicht. Es konnte nicht eindeutig geklärt werden, warum das Mayagebiet von den Ereignissen im fernen Zentralmexiko so nachhaltig beeinflusst wurde. Gründe dafür sind möglicherweise im Zusammenbruch des Fernhandels zu suchen.

Nach dem Aufbau neuer intensiver Handelsverbindungen, folgte für die restlichen, wiedererstarkten, Zentren die Zeit der absoluten Hochblüte. An der karibischen Küste setzte sich aufgrund intensiver Handelsbeziehungen eine weltoffene Lebensweise durch, die alle Epochen hindurch erkennbar bleibt. Das Ausmaß der Städte nahm stetig zu und auch Anzahl und Größe der Bauwerke, war nicht mehr zu überbieten. Nach Überwindung der Krise wurden wieder Stelen aufgestellt. [2]

In der Phase der Spätklassik ist eine Zersplitterung der Herrschaftsbereiche in eine Vielzahl wirtschaftlich und politisch souveräner Zentren zu verzeichnen, wodurch die Rivalität untereinander noch verstärkt wurde. Erstaunlicherweise bleibt die kulturelle Einheitlichkeit erhalten, was für eine Interaktion und häufige Kontakte spricht. Die Endklassik ist von einem allgemeinen „Abstieg“ gekennzeichnet, der vor allem von der rapiden Abnahme der Bautätigkeit gekennzeichnet ist. Es wurden keine Denkmäler mit dynastischen und kalendarischen Daten mehr errichtet. Veränderungen in der Gesellschaft zeigen sich im Übergang zentraler Macht an mehrere hochgestellte Personen. Gleichzeitig ist eine starke Abwanderung der Bevölkerung zu verzeichnen.

Postklassik

Als Postklassik wird der Zeitraum zwischen 900 und 1542 u.Z. bezeichnet, sie endete mit der Unterwerfung der Maya durch die spanischen Conquistadores. In der Zeit des Übergangs von der Klassik zur Postklassik erhielten die Städte im nördlichen Tiefland des Mayagebietes neuen Auftrieb. [3]

Bedingt durch Bevölkerungsverschiebungen entstanden sogar neue Städte, die nur noch in gut zu verteidigenden Gebieten errichtet wurden. Vereinzelt kam es wieder zum Aufstellen beschrifteter Stelen, die aber nur noch Datierungen der kurzen Zählung (52 Jahre) trugen. Die Annahme, dass die Postklassik eine dekadente Phase mit geringer kultureller Potenz darstellt, ist nicht haltbar. Es bestehen deutliche Hinweise auf Kontinuität und Gemeinsamkeiten in der sozialen Organisation.

Die Zeit der Postklassik ist durch häufige Kriegshandlungen gekennzeichnet, die mit der Invasion durch die Tolteken aus dem Gebiet Zentralmexikos enden. Damit geriet das Gebiet der Maya immer mehr unter Fremdeinfluss. Kennzeichen hierfür sind Änderungen in der Architektur, insbesondere flache Gebäude mit offenen Vorhallen und kantige und bizarre Formen in Malerei und Skulpturen. Viele, in der Zeit der Postklassik gegründeten, Städte hatten bis zum Eintreffen der Spanier ihre Blütezeit. Den eigentlichen Bruch in der Entwicklung der Kultur stellt das Eindringen der Spanier dar. Das Ende der Mayagesellschaft basiert auf dem Unverständnis der Lebensweise seitens der Eindringlinge sowie unbekannten Krankheiten, Unterdrückung, Ausbeutung und radikaler Christianisierung. [4]

1.3 Niedergang

Die Ursachen, die zum Niedergang der Maya-Kultur im Tiefland führten, sind nicht geklärt. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist eine Vielzahl von Faktoren für die flächige, umgreifende Aufgabe der Städte im südlichen Tiefland zu berücksichtigen. Eine mögliche Auswirkung könnte auf das Eindringen fremder Stammesverbände und -gruppen zurückzuführen sein, jedoch passt der dramatische Rückgang der Bevölkerung nicht ins Bild.

Beim Niedergang der Maya-Kultur wird möglicherweise der Einfluss kriegerischer Gruppen unterschätzt, weil nie ein großräumiger Zusammenhang hergestellt wurde. Mögliche andere Faktoren sind im Zusammenbruch der Handelsnetze zu sehen, durch die ein komplexes Netzwerk von Beziehungen verschiedener Elemente und Entwicklungen aus wichtigen Bereichen des Lebens beeinträchtigt wurde. Dies kann durchaus zu Rückkopplungen und damit zur Verstärkung der Tendenzen geführt haben. Einige dieser Beeinträchtigungen wurden möglicherweise ohne großen Schaden überstanden.

Die Vermutung, dass diese Kultur durch Natur- oder Umweltkatastrophen unterging, ist nicht nachweisbar. Das Mayagebiet ist in seiner Gesamtheit nicht erdbebengefährdet. Für einen Klimawechsel, wie er vielfach als Ursache vermutet wird, gibt es keine Belege. Es konnte keine Auslaugung oder Erosion der Böden nachgewiesen werden. Ebenso wenig kam es zu einer Versteppung infolge von Brandrodung. Für alle, vielfach vermuteten, Ursachen für den Niedergang der Maya-Kultur, fehlen die Beweise. Das Ende der Maya-Kultur im Tiefland ist weiterhin mit vielen Rätseln behaftet. [5]

Der Norden des Mayagebietes, insbesondere Yukatán, blieb von diesen Erscheinungen weitgehend verschont. Hier vollzog sich eine stetige Entwicklung. Leider existieren keine gut erhaltenen Inschrifttexte und Grabbeigaben, so dass die Kenntnisse über die politische und gesellschaftliche Verfassung nur indirekt gewonnen werden können.

2. Siedlungsgebiete

Das Gebiet in dem die Maya siedelten, umfasste die Halbinsel Yukatán, Belize, das Hochland von Guatemala und den gebirgigen Teil El Salvadors. Allgemein wird es in drei Zonen unterteilt, denen im wesentlichen auch die jeweiligen Kunststile zugeordnet werden.

Die Nordzone umfasst den größten Teil Yukatáns mit den Städten des Puuc- und Río-Bec-Stils. Es handelt sich um ein monotones Tafelland, in dem Kalkkarst langsam in Dolinenkarst und schließlich in der Puuc-Region in Kuppenkarst übergeht. Im Süden steigt das Gelände langsam auf etwa 30m über NN an. Das Oberflächenwasser versickerte in dem Kalkboden schnell, so dass sich die Maya mit ihren Siedlungen nach den Einsturzdolinen (Cenotes) richten mussten. Diese Cenotes sind mit Grundwasser gefüllt und ihre Tiefe nimmt landeinwärts zu. Yukatán liegt ebenso wie die Zentralzone (Petén) im heißen Tiefland. Die Vegetation ist hauptsächlich von Menge und Verteilung der Niederschläge abhängig. Eine typische Stadt des Puuc-Stils ist Uxmál.

Die regenwaldreiche Zentralzone umfasst das Petén-Gebiet, Belize und das an die Südzone grenzende Becken des Rio Montagua. In diesem, mit tropischem Regenwald bedeckten, Gebiet finden sich die ältesten Städte. Hier erreichte die Maya-Kultur ihren Höhepunkt. Im Übergang von der Nord- zur Zentralzone sind auch die ersten oberirdischen Flüsse zu finden. Es herrscht feuchtheißes Klima und der Passatwind versorgt das Kernland mit hohen Niederschlagsmengen. Typische Städte des Petén-Stils sind Uaxactún und Tikal.

Die Südzone umfasst das Hochland Guatemalas und den gebirgigen Teil El Salvadors. Dieses Gebiet ist gekennzeichnet durch in Ost-West-Richtung verlaufende Vulkanketten. Das Klima ist gemäßigt und der vulkanische Boden sehr fruchtbar. Aus dieser Region stammt auch der, von den Maya begehrte, Obsidian. [6]

3. Bedeutende Mayazentren

Übersicht über die bedeutendsten Kulturzentren Mesoamerikas

Abb. 1: Übersicht über die bedeutendsten Kulturzentren Mesoamerikas

3.1 Kaminaljuyú

Die ersten Anzeichen für eine Besiedelung dieses Ortes werden auf ca. 800 v.u.Z. datiert. Es soll sich um das erste städtische Zentrum im Mayagebiet handeln. In Kaminaljuyú wurde die olmekische Tradition fortgeführt. Es sind deutliche Anbindungen, oft mit räumlicher Kontinuität, feststellbar. Leider gibt es nur punktuelle Einblicke, da eine flächendeckende Erfassung noch fehlt. Die Grabungen werden dadurch erschwert, dass sich ein Teil dieser antiken Siedlung unter dem Stadtgebiet von Guatemala-City befindet. Die Bauten wurden vorwiegend aus luftgetrockneten Ziegeln errichtet und zeigten noch nicht die Pracht von Tikal. Es wird vermutet, dass bereits eine Schrift Verwendung fand. Das Auffinden einer Stele deutet darauf hin. Unbestritten ist, dass Kaminaljuyú große Bedeutung für die Entwicklung der klassischen Maya hatte. Gegen 300 v.u.Z. soll es in die Bedeutungslosigkeit gesunken sein.

Mit dem Erstarken von Teotihuacán setzte eine zweite Blüte der Stadt ein. Die Bevölkerung wurde von nun an wahrscheinlich von Einwanderern aus Teotihuacán dominiert. Die Stadt erlangte eine neue Bedeutung als Grenzbastion des Machtbereiches von Teotihuacán.

Obwohl bisher etwa 400 Bauten und andere Strukturen lokalisiert werden konnten, ist die Siedlung kaum erforscht. Es ist denkbar, dass viele Bauwerke im Stil von Teotihuacán überbaut wurden. Mit dem Niedergang Teotihuacáns endete auch die zweite Blüte der Stadt und sie wurde möglicherweise endgültig verlassen. [7]

3.2 Tikal

Die Anfänge dieses Zentrums der Maya-Kultur werden auf die Zeit zwischen 800 und 700 v.u. Z. datiert. Möglicherweise wurde der Siedlungsort gewählt, weil ein niedriger Hügel, von Sümpfen umgeben, eine gewisse Sicherheit bot. Eine andere Möglichkeit ist in den Obsidianvorkommen zu sehen, die für die Menschen von großer Bedeutung waren. Aufgrund der sich rasch entwickelnden Handelsbeziehungen konnte sich der Ort schon früh zu einem urbanen Zentrum entfalten.

Bis ca. 200 v.u.Z. hatte die Bevölkerung stark zugenommen. Etwa um diese Zeit wurde mit dem Aufbau des Zeremonialzentrums der Stadt begonnen. Wie in allen Mayazentren, wurde es nach astronomischen Gesichtspunkten ausgerichtet. Von großer Bedeutung waren auch hier die Sonnenauf- und -untergänge während der Äquinoktien und Solstitien. Etwa um die Zeitenwende war dieser Zeremonialbezirk, in der heute noch sichtbaren Form, fertiggestellt. Tikal hatte sich zum wichtigsten Mayazentrum im Zentralpetén entwickelt. Um 200 u.Z. wurde mit der Errichtung der sogenannten Geschichtsstelen begonnen. Auf ihnen wurden die wichtigsten Daten, wie Inthronisation und Tod des jeweiligen Herrschers, festgehalten. Ebenso wurden wichtige politische Ereignisse, während der Regierungszeit des jeweiligen Herrschers, notiert. [8] [9]

Tikal - Tempel II

Abb. 2: Tikal – Tempel II

Tikals Macht nahm bis ins ausgehende 6. Jh. stetig zu. Seine Handelsbeziehungen erstreckten sich über das gesamte Mayagebiet bis nach Teotihuacán. Während der Hochblüte Teotihuacáns unterlag dieses Mayazentrum zunehmend dem Fremdeinfluss. Der Untergang Teotihuacans löste auch in Tikal eine tiefe Krise aus. Etwa um diese Zeit wurden in Tikal keine Stelen mehr errichtet.

Im ausgehenden 8. Jh. wurde die Bautätigkeit wieder aufgenommen und Tikal erlangte in der Folgezeit eine Vormachtstellung, nicht nur als militärische Macht, sondern auch in dem Bestreben, die schönste Stadt im Mayagebiet zu sein. Um 900 u.Z. brach die Macht Tikals zusammen. Der allgemeine Niedergang der Städte im Mayatiefland setzte ein. [10]

3.3 Copán

Der Name der Stadt wurde möglicherweise an den gleichnamigen Fluss angelehnt. Es ist nicht bekannt, ob es sich hierbei um den ursprünglichen Namen handelt. Während der Regenzeit traten regelmäßig Überschwemmungen auf. Zwischen 1100 und 900 v.u.Z. tauchten die ersten Siedler auf, die sich an der Schwelle zur Sesshaftigkeit befanden. Im gesamten Tal wurden Ortschaften angelegt.

Über die Zeit zwischen 300 v.u.Z. und 150 u.Z. ist wenig bekannt. Möglicherweise war das Tal zeitweise verlassen.

Erst um 160 wurde das Königreich Copán gegründet, dass über 400 Jahre von der gleichen Herrscherdynastie regiert wurde. Im Verlauf dieser Zeit scheint die Stadt kaum an Bedeutung gewonnen zu haben. Zwischen dem ausgehenden 4. und 7. Jh. geriet auch diese Stadt unter den Einfluss von Teotihuacán. Während dieser Zeit begann für Copán ein kometenhafter Aufstieg zur Großmacht und es erreichte seine größte flächenmäßige Ausdehnung. Es brachte mehrere kleine Städte unter seine Oberhoheit. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Stadtkern komplett umgebaut. Copán erlangte sein heutiges Aussehen.

Ab Mitte des 9. Jh. begann die Macht Copáns zu schwinden. Innerhalb von 200 Jahren war ein dramatischer Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen. [11] [12]

3.4 Uaxactún

Die Stadt soll etwa um die gleiche Zeit gegründet worden sein wie Tikal. Allerdings werden als Gründungsdaten meist die Zeiten angeben, in denen sich die Orte bereits zu urbanen Zentren entwickelt hatten und mit dem Bau der Zeremonialzentren begonnen wurde, bzw. diese bereits bestanden. Baustil und Königtum entwickelten sich etwa zeitgleich.

Zwischen den beiden Städten bestand eine ständige Rivalität, die etwa 378 in der Eroberung Uaxactúns durch Tikal gipfelte. Im Zeremonialzentrum von Uaxactún soll sich eines der ältesten Monumentalbauwerke der Maya-Kultur befinden. Seine Bauten sind, wie in allen Mayazentren, nach astronomischen Gesichtspunkten ausgerichtet und nehmen in ihrer Ikonographie Bezug auf kosmologische Vorstellungen.

Obwohl Uaxactún als die am besten erforschte Mayastadt gilt, finden sich erstaunlich wenige Aufzeichnungen über diesen Ort. Die Keramik- und Kleinkunstfunde, die als Grabbeigaben dienten, bilden die Grundlage für die gesamte Tieflandchronologie.

3.5 Chichén Itzá

Die Stadt wurde um zwei große Cenotes gebaut, von denen eine der Versorgung der Bevölkerung diente und die andere, weil aufgrund steil abfallender Felswände unzugänglich, nur für kultische Zwecke genutzt wurde.

Chichén Itzás Geschichte ist widersprüchlich und birgt noch sehr viele Ungereimtheiten. Entsprechend aufgefundenen Aufzeichnungen soll die Stadt zwischen 430 und 450 gegründet worden sein. Sie wurde wahrscheinlich nur während der folgenden 200 Jahre bewohnt und möglicherweise schon um 690 wieder verlassen. Über diese Phase der Besiedlung ist nur sehr wenig bekannt.

Seine Hochblüte erreichte Chichén Itzá erst im 10. Jahrhundert, als es unter toltekischem Einfluss neu errichtet wurde. Alle Bauten dieser Stadt sind von diesem Einfluss geprägt. Chichén Itzá ist damit eine typische Stadt der postklassischen Phase.

Die Theorien, zur Übernahme Chichén Itzás durch die Tolteken, sind recht widersprüchlich. Eine besagt, dass die Stadt nach einer militärischen Invasion übernommen wurde.

Chichén Itzá - Kriegertempel mit vorgelagerter Säulenhalle

Abb. 3: Chichén Itzá – Kriegertempel mit vorgelagerter Säulenhalle

Als Beweis wird die angeblich sehr kriegerische Ornamentierung der Tempel angeführt. Einige Quellen belegen allerdings den recht kriegerischen Charakter der Tolteken. Eine andere Theorie führt den Einfluss auf Handelsbeziehungen zurück. Architektur und Kunst der Maya und Tolteken wurden hervorragend miteinander verwoben. Gegen 1224 geht die Blüte Chichén Itzás, als postklassisches Zentrum, zu Ende. [13]

3.6 Palenque

Die Anfänge der Besiedelung reichen bis in die präklassische Zeit, möglicherweise sogar bis vor die Zeitenwende, zurück. Palenque ist der spanische Name der Stadt und bedeutet „befestigte Häuser“. Der ursprüngliche Name ist unbekannt. Leider wissen wir über die frühe Geschichte der Stadt kaum etwas. Palenque scheint sich ähnlich wie andere Mayazentren entwickelt zu haben.

Aus erhalten gebliebenen Inschriften konnte die jüngere Geschichte rekonstruiert werden. Die älteste Inschrift datiert in das Jahr 431. Seine Hochblüte erreichte Palenque unter dem Herrscher Pacal, etwa um das Jahr 615. Unter dieser Herrscherdynastie hatte die Stadt etwa bis um 800 ihre Blütezeit. Danach wurde sie verlassen. Die Gründe hierfür sind unbekannt. Möglicherweise wurde die Bevölkerung bei kriegerischen Auseinandersetzungen mit Angehörigen der Tajin-Kultur vertrieben. Diese Annahme stützt sich auf das Auffinden von Votiväxten, die dieser Kultur zuzuordnen sind.

Palenque stellt innerhalb der Maya-Kultur eine Besonderheit dar. Die Inschriften über die Geschichte der Stadt wurden nicht, wie anderenorts, auf Stelen angebracht, sondern als Inschrifttafeln an den Bauwerken. Außerdem zeichnet sich die Stadt durch ihre feine helle Architektur aus. Die Bauwerke trugen Steinreliefs, die oft in leuchtenden Farben bemalt waren. [14]

Palenque - Palastbezirk

Abb. 4: Palenque – Palastbezirk

3.7 Mayapán

Erst nach dem Untergang Cichén Itzás, um 1200, begann die Entwicklung Mayapans zu einem Machtzentrum. Gegründet wurde die Stadt wahrscheinlich um 1000 unter toltekischem Einfluss. Sie ist eine der wenigen befestigten Mayastädte. Den Überlieferungen zufolge soll sie die Hauptstadt eines Bundes gewesen sein. Die Architektur dieser Stadt, die sich nicht mehr mit ihren Vorläufern messen kann, zeigt bereits deutliche Anzeichen des Verfalls der Kultur. Um 1400 kam es wohl zu einem Aufstand der Vasallenstädte, der mit der Zerstörung und dem Untergang Mayapans endete. [15]

3.8 Uxmál

Über die Geschichte dieser Stadt ist wenig bekannt. Das wenige, was man den Mayachroniken entnehmen kann, ist nicht nur verworren und widersprüchlich, sondern steht auch im Widerspruch zu archäologischen Funden. Gesichert scheint nur, dass die wichtigsten Bauten, zur Zeit der höchsten Bevölkerungsdichte, um 800 bis 1000 errichtet wurden. Wann sich erste Siedler an diesem Ort niederließen ist noch unbekannt. Ab dem 10. Jh. ist starker toltekischer Einfluss nachweisbar. Uxmál gehörte zur Liga von Mayapán und überlebte den Untergang dieser Stadt relativ unbeschadet. Die Stadt war beim Eintreffen der Spanier noch bewohnt. Erst nach heftigen Kämpfen, um 1547, erlagen die Bewohner den Eindringlingen. [16]

Uxmal - Nonnenviereck

Abb. 5: Uxmal – Nonnenviereck

4. Gesellschaft

Aus kleinen, wenig hierarchisch gegliederten Bevölkerungsgruppen, wie sie zu Beginn der Sesshaftwerdung bestanden haben mögen, entwickelte sich, im Laufe eines relativ langen Zeitraumes, eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft mit hoher administrativer Organisation. Über die frühe Phase der Gesellschaftsentwicklung ist nichts bekannt. Zu Beginn der Besiedlung der ältesten Mayazentren deutet noch nichts auf eine hierarchische Ordnung hin. Die Bewohner dieser Orte waren anfangs wahrscheinlich einfache Bauern. Mit Beginn der schriftlichen Überlieferungen findet man eine bereits voll ausgeformte Gesellschaft mit hierarchischer Struktur vor.

Grundlage dieser Gesellschaft bildeten die Bauern, die in Familienverbänden, auf gehöftartigen Anwesen lebten. Extensive Landwirtschaft führte zu einer gleichmäßigen Verteilung über das gesamte Territorium. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ständig neue Felder erschlossen wurden, sondern die so gewonnen Nutzflächen um die Gehöfte wurden sehr intensiv genutzt. Während der Zeit der Hochblüte wurde die bäuerliche Bevölkerung wahrscheinlich durch Feste, Rituale, Bautätigkeit u.ä. in das Leben der Stadt integriert. Ob eine derartige Integration das ideologische und zivilisatorische Niveau begründeten, ist nicht belegbar. Neuere archäologische Untersuchungen ergaben eine große Vielfalt an angebauten Früchten. Als Nahrung dienten unter anderem Mais, Bohnen, Kürbis, Tomaten, Arten von Süßkartoffeln sowie Guajava und Papaya. Ein hervorragend ausgebautes Wasserleitungssystem ermöglichte eine breite Palette landwirtschaftlicher Methoden. Diese reichte von Intensivkulturen über Terrassenanbau und intensivem Gartenbau bis hin zur Plantagenkultur.

Das tägliche Leben spielte sich, quer durch alle Gesellschaftsschichten, im Freien, vor dem Haus oder in dahinter liegenden Höfen ab. Es wurde auch im Freien gekocht. Nur für wenige Spezialbauten konnte die Funktion geklärt werden. Bei den Maya-Städten handelte es sich keineswegs um leere Zeremonialzentren, die nur zu bestimmten Zeiten für kultische Feste genutzt wurden, sondern um voll ausgebildete Städte, die mit ihrer funktionierenden Infrastruktur, für die in der Umgebung wohnenden Menschen, durchaus interessant waren. Es konnte eine unerwartete Bevölkerungsdichte nachgewiesen werden.

Inwieweit qualifizierte Handwerker in der gesellschaftlichen Hierarchie über den Bauern standen, ist nicht geklärt. Sicher ist hingegen, dass die Gruppe der Priester eine eigene Kaste bildete. Innerhalb dieser Priesterkaste gab es nochmals eine gewisse hierarchische Abstufung, deren unterste Stufe den Opferpriestern zukam. Den höchsten Rang nahmen die Kalender- und Orakelpriester ein. Grundlage ihres Berufes war das Beherrschen der Mathematik, der Astronomie und der Schrift. Orakelpriester nahmen möglicherweise aktiven Einfluss auf das politische Leben.

Die Spitze der gesellschaftlichen Pyramide bildete der Adel. Neben politischer Repräsentation und Lenkung von Staatsgeschäften oblag den Angehörigen des Adels auch die Aufgabe, wichtige Rituale durchzuführen. In bezug auf den höheren Klerus sind die Forschungen noch nicht abgeschlossen, dabei ist noch keineswegs klar, ob politische und religiöse Führung, getrennte Bereiche darstellten.

„Die spätklassische Gesellschaft und Kultur stelle ich hier im Rahmen des Modells einer geschichtlichen Gesellschaft dar, die von politischen und wirtschaftlichen Faktoren gesteuert wird, das aber auch bedeutende Aspekte der Ideologie (Weltbild, Religion) integriert. Früher verwendete Modelle einer Theokratie oder Demokratie sind in ihrem Totalanspruch und wegen ihrer geringen Differenziertheit durch die Daten nicht belegbar, oder widersprechen ihnen sogar.“ [17]

Die Kontrolle der Märkte und des Fernhandels stellte eine wichtige Aufgabe der Staatsbürokratie dar. Im gesamten Mayagebiet gab es kein einheitliches Reich. Es war in Stadtstaaten, ähnlich der griechischen Polis, untergliedert, die zeitweise in starker Rivalität zueinander standen.

Im gesamten Tiefland bestand eine umfassende politische Ordnung, in der möglicherweise ideelle Gründe ausschlaggebend waren. Eine Zusammenarbeit zwischen den Astronomen und Kalenderpriestern verschiedener Mayazentren ist wahrscheinlich. Das Ergebnis solcher Zusammenarbeit war möglicherweise eine politische Entente, in deren Folge das Tiefland in vier Großprovinzen aufgegliedert wurde. Eine ständige Bevölkerungszuwanderung und damit verbunden ein Rückgang der Landwirtschaft ist nicht belegt. Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Stadtstaaten führten zeitweise zu Verschiebungen des Machtgefüges und des Einflussbereiches. [18]

„Betrachtet man die Entwicklung der Mayaforschung aus einer kritischen Distanz, so entlarvt sich… welchen verhängnisvollen Einfluss die Prämisse hatte, eine alte Kultur als rückständig einzustufen, wenn sie nicht unseren ethisch-moralischen Vorstellungen entspricht und keinen von uns als der jeweiligen Zeit gemäß eingeordneten technischen Standard aufweist. Auffällig ist das bewusste Festhalten am ‚Bild der Wilden‘, verbunden mit der Weigerung einiger Forscher, die ihnen plausibel erscheinenden Thesen und Deutungen aufzugeben, sobald neue Erkenntnisse diese eindeutig in das Reich der Legendenbildung verweisen.“ [19]

Abbildungsverzeichnis

[1] Microsoft Encarta
[2] Brockhaus-Enzyklopädie, Band 22, S. 175
[3] ebd., Band 4, S. 465
[4] ebd., Band 16, S. 450
[5] ebd., Band 23, S. 24

Literaturverzeichnis

Köhler, Ulrich – Hrsg. (1990): Altamerikanistik. Berlin

Prem, Hanns (1990): in Köhler – Hrsg. (1990): Altamerikanistik. Berlin

Riese, Berthold (1990): in Köhler – Hrsg. (1990): Altamerikanistik. Berlin