Im Frühjahr 2002 war diese großartige Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen, jetzt kann man sie noch bis zum 29. September im Martin-Gropius-Bau in Berlin bewundern. Über 160 Objekte sind erstmals außerhalb der Türkei ausgestellt und bieten einen Einblick in die lange vergessene Kultur der Hethiter.

Von Bonn nach Berlin: Die Hethiter – Das Volk der 1000 Götter

Im Übergang vom 3. zum 2. Jahrtausend v.Chr. wanderten die Hethiter nach Anatolien ein und vermischten sich mit den dort bereits ansässigen Bevölkerungsgruppen. In der Mitte des 2. Jahrtausends wurden sie zu einem Großreich, das über ganz Anatolien und weite Teile Syriens herrschte. Von den beiden mächtigsten Nachbarn, Babylon und Ägypten, wurden die Hethiter als eigenständige Macht anerkannt, es entstanden Handelsbeziehungen und diplomatische wie auch militärische Kontakte. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Schlacht von Kadesch, in der um 1285 v.Chr. der ägyptische Pharao Ramses II. der Armee Hattusilis III. unterlag. Als Folge dieser Schlacht ist uns der älteste Friedensvertrag überliefert, dessen Kopie sich heute als Symbol für den Frieden im UN-Gebäude in New York befindet. Dieser Friedensvertrag zwischen Ägyptern und Hethitern wurde in ägyptischer Sprache und in Keilschrift aufgezeichnet – beide Texte sind überliefert. Der Untergang des hethitischen Reiches war zum Ende des 13. Jahrhunderts besiegelt, als eine Welle von Völkerwanderungen von Norden in die Gebiete des Mittelmeerraumes eindrang.

Die Kultur der Hethiter ist zwar seit dem 18. Jahrhundert bekannt, doch die frühen Reisenden und Entdecker waren in erster Linie Schatzsucher und nicht an einer wissenschaftlichen Erkundung interessiert. Die Entschlüsselung der hethitischen Hieroglyphen gelang 1915 dem Tschechen Bedrich Hrozný, wodurch der junge Forschungszweig der Hethitologie Auftrieb gewann. Die Erforschung der hethitischen Kultur im großen Stile begann erst im 20. Jahrhundert durch eine Reihe von Ausgrabungen seitens türksicher und deer Archäologen. Sie förderten große Stadtanlagen und Paläste sowie mehrere Zehntausende an Schrifttafeln ans Licht, die detaillierte Erkenntnisse über die hethitische Kultur gewinnen lassen. 1986 erklärte die UNESCO die einstige Hauptstadt der Hethiter, Hattusa, die im 13. Jahrhundert v.Chr. eine Fläche von etwa zwei Quadratkilometern bedeckte, zum Weltkulturerbe.

Die Ausstellung zeigt feingearbeitete Steinreliefs und große reliefierte Steinplatten, die aus der Architektur stammen, sogenannte Orthostate, auf denen zahlreiche Gottheiten und hochgestellte Personen zu sehen sind. In der hethitischen Mythologie existiert eine große Anzahl von Göttern, die zumeist aus der Verschmelzung unterschiedlicher Traditionen und Einflüsse entstanden sind. Dies prägte den Begriff des „Volkes der 1000 Götter“.

Ein breites Spektrum an kunstvoll gefertigten Keramiken bildet eine besondere Attraktion der Ausstellung: Gefäße in Form von Tieren, wie Stiere, Falken, Eber, Hasen oder Löwen, oder aber in Form von Weintrauben oder gar Schuhen, unterschiedlich gearbeitete Schnabelkannen, sowie Gefäße auf einem hohen Fuß mit kleinen Tierapplikationen. Daneben sind Tontafeln und Siegel ausgestellt, die einen Einblick in die Verwaltung des großen Reiches verschaffen. Kleine Bronzestatuetten zeigen Gottheiten und Goldschmiedearbeiten belegen nicht nur die hohe Kunstfertigkeit der Handwerker sondern auch das Leben im Palast. Beeindruckend sind auch die ornamentierten Badewannen und die Wasserleitungen der großen Palastanlagen.

Großformatige Fotos von den Ausgrabungsstätten zeigen die Situation vor Ort und Architekturmodelle bieten ein plastisches Bild der heutigen Ruinenstädte. Die Begleittexte über die Geschichte der Hethiter sowie die Geschichte ihrer Erforschung sind sehr textlastig und erfordern sehr viel Geduld beim Besucher. Mehrere Karten zeigen die Ausbreitung des hethitischen Großreiches zu unterschiedlichen Zeiten und eine chronologische Tabelle gibt Auskunft über die historischen Ereignisse in Hattusa und seinen Nachbarreichen. Dagegen sind die Objektbeschreibungen äußerst spärlich, so dass der Besucher beispielsweise zu kaum einer der ausgestellten Keramiken mehr erfährt, als dass es sich um „Kultgefäße“ handelt.

Ein umfangreicher Katalog dokumentiert den aktuellen Forschungsstand. Aufgrund der Beiträge zahlreicher namhafter Archäologen, Philologen und Historiker, die einen profunden Überblick über Geschichte, Kultur, Religion, Kunst und Alltag geben, und der umfassenden Bibliographie, darf man den Katalog als ein aktuelles Standardwerk über die hethitische Kultur bezeichnen.

Literatur

o.A. (2002): Die Hethiter und ihr Reich. Das Volk der 1000 Götter. Stuttgart