Zeigt die genetische Scheibe die Entwicklung eines Lebewesen, evtl. sogar die Entstehung menschlichen Lebens? Wenn ja, waren hierfür technische Hilfsmittel notwendig? Christian Zuppinger vergleicht die „genetische Scheibe“ mit der Embryonalentwicklung von Menschen und Amphibien und kommt dabei zu einem interessanten Ergebnis.

Möglichkeiten und Grenzen von Interpretationen

Wenn man einen Biologen oder Mediziner auffordert, Ornamente und unbekannte Symbole aus einem frühgeschichtlichen Kulturkreis auf ihre morphologische Aehnlichkeit zu Abbildungen von Tieren, Organen etc. zu untersuchen, und falls keine keine weiteren Daten vorliegen, muss man sich der folgenden Fehlerquellen bewusst sein:

Bestimmte Figuren und Symbole nehmen mit grosser Wahrscheinlichkeit Bezug auf eine mythologische Bedeutung oder historische Ereignisse, die ohne gute Kenntnisse der Ursprungskultur des Künstler nicht erschlossen werden können. Beispiele aus unserem Kulturkreis: Tierkreiszeichen, Wappensymbole, Markenzeichen etc.

Die Interpretationen von biologischen Objekten sind bis zu einem gewissen Grad durch die Tradition der Darstellung in Lehrbüchern und durch zeitgenössische Sehgewohnheiten beeinflusst. Beispiel: Vor der Renaissance wurden die Proportionen von menschlichen Körperteilen in der Malerei nicht realistisch dargestellt. So wurde beispielsweise die Kopfgrösse von Kindern nicht nach realen Verhältnissen (grösser im Verhältnis zum Körper), sondern wie bei kleinen Erwachsenen gemalt (siehe hierzu: Gasser). Für Licht-oder elektronenmikroskopische Fotografien haben die entsprechenden technischen Verfahren (Vorbereitung der Proben, Farbstoffe, Ausrichtung der Gewebeschnitte, optische Eigenschaften und Kontrastverstärkung im Mikroskop) einen massgeblichen Einfluss auf die bildliche Vorstellung der Menschen von „mikroskopisch“ kleinen Lebensformen in der heutigen Zeit.

Der folgende Punkt gilt in besonderem Masse für das vorliegenden Objekt : Die Detailtreue richtet sich nach dem Medium des Künstlers. Das Material der „genetischen Scheibe“ lässt nur einen begrenzten Detailreichtum feiner Strukturen (wie Finger, Haare etc.) zu, vor allem in den kleinsten Figuren. Dazu kommt die Formlosigkeit embryonaler Strukturen. Wenn man sich die Entwicklung eines menschlichen Embryos als einen Film vorstellt und diesen dann für einmal rückwärts laufen lässt, sieht man ein „Schmelzen“ und Zusammenfliessen der Strukturen wie z.B. der Finger oder Gesichtszüge. Je näher man dem Beginn des Lebens kommt, desto ähnlicher werden sich die Embryonen verschiedener Tierarten, weil die Merkmale verschwinden. Und damit wächst natürlich auch die Fehlerwahrscheinlichkeit jeder Interpretation.

Die Embryonalentwicklung des Menschen und der Amphibien

Es wurden Vergleiche der Symbole auf der Scheibe mit Embryonalstadien des Menschen und Fröschen angestellt. Ein erster Schritt dazu ist sicherlich, sich diese Stadien vor Augen zu halten z.B. in Form von Mikrofotografien.

Carnegie-Stadien der frühen Embryonalentwicklung des Menschen

Auf obiger Tafel sind die sog. Carnegie-Stadien der frühen Embryonalentwicklung des Menschen gezeigt. [1] Die ersten beiden Bilder links oben sind Mikrofotografien der Anfangsstadien: befruchtete Eizelle mit 2 Zellkernen und daneben ein 16-Zellstadium, in dem noch jede Zelle einzeln sichtbar ist. Die Stadien sind nicht im gleichen Masstab abgebildet. Die Stadien zwischen Tag 26 bis 42 sind nur zwischen 2 und 7 Millimeter gross, die früheren Stadien sind kleiner als 1 mm. Embryonen sind hier jeweils in Seitenansicht gezeigt, mit der Ausnahme des Stadiums der Tage 48-51, das am rechten Bildrand von der Seite und von vorn gezeigt ist.

Man beachte die frühen Stadien der Tage 19-30, in denen der ganze Bauplan des Körpers mit der Anlage von Gliedmassen und Organen festgelegt wird. Der menschliche Embryo zeigt in den frühen Stadien eine hohe Ähnlichkeit mit den Embryonen anderer Säugetiere. Schon in den Stadien ab Tag 31 werden die Knospen der Arme und, kurze Zeit später, der Beine sichtbar. Diese Extremitäten sind bei den Amphibien wie dem Frosch, auf Grund der Existenz eines Larvenstadiums, erst in der Phase sichtbar, in dem die Larve bereits aus dem Ei geschlüpft ist, frei schwimmt und Nahrung aufnimmt (siehe unten).

Die Entwicklung des Frosches

Auf obiger Tafel ist die Entwicklung des Frosches kurz dargestellt (Zeichnungen aus [2]). Die Stadien, als freilebende Kaulquappe und der Übergang zum Landleben, sind zusätzlich mit Fotos illustriert.

Zum Unterschied zwischen einerseits Fröschen, Kröten und Unken (Lurche) und andererseits Molche und Salamander (Schwanzlurche) ist zu sagen, dass beide ihre Jugend als Kaulquappe im Wasser verbringen. Erst wenn ihre Verwandlung (Metamorphose) stattfindet, trennen sich die Wege. Der Frosch bekommt lange Hinterbeine und bildet den Kaulquappenschwanz zurück während dem Schwanzlurch vier Beine wachsen und der lange Ruderschwanz erhalten bleibt.

Weiter zur Entwicklung des Frosches:

Die ersten Stadien bis zur freischwimmenden Kaulquappe entwickeln sich in den Eiern, die als Laichballen im Wasser treiben. Im Unterschied zur Befruchtung im Körperinnern beim Menschen werden bei Fröschen die Spermien und Eier zusammen ins Wasser abgegeben. Die Befruchtung der Eier findet somit erst ausserhalb des Körpers statt. Amphibieneier sind in Gallertmasse eingebettet. Kröten laichen in Schnüren, Frösche und Unken in Ballen. Nach der Befruchtung des Eies durch ein Spermium besitzt die Eizelle einen doppelten Chromosomensatz aus mütterlichen und väterlichen Chromosomen, in denen alle Informationen für das zukünftige Lebewesen enthalten sind. Danach beginnen die ersten Furchungsteilungen und der Embryo geht durch verschiedene Stadien der Zellvermehrung. In den letzten fünfzig Jahren wurden sehr grosse Fortschritte in der Erforschung der molekularen (biochemischen und genetischen) Mechanismen hinter den äusseren Erscheinungen der frühen Embryogenese gemacht.

Dazu sei auf Lehrbücher verwiesen, wie z.B. Gilbert S.F: [3]. Es bilden sich die Keimblätter und es entstehen spezialisierte Bereiche im Embryo, die schliesslich zu inneren Organen, Nervensystem, Haut und Knochen, Muskeln differenzieren. Beim Frosch existiert ein Larvenstadium, das selbständig schwimmt, mittels Kiemen atmet und sich von Pflanzen (Algen, verfaulende Blätter) ernährt, während die Entwicklung weiter fortschreitet: die Kaulquappe. Vor dem Schlüpfen aus dem Ei, in dem der Dottervorrat nun schon fast aufgebraucht ist, beginnen sich die Kaulquappen bereits zu bewegen. Bei der nun folgenden Metamorphose entstehen zuerst die Hinterbeine. Mit dem Auswachsen der Vorderbeine (aus dem Kiemenraum der Kaulquappe) beginnt die Umstellung von der Kiemen- zur Lungenatmung und damit zum Leben an Land.

Die Interpretationen der Symbole auf der „genetischen Scheibe“

Auf der folgenden Grafik der „genetischen Scheibe“ wurden Bereiche farblich hervorgehoben, zu deren Symbolik in den zitierten Quellen [4] eine Interpretation publiziert worden ist. Zudem wurde ein Bezifferung vorgenommen, welche die folgende Besprechung der Symbole und deren Interpretationen vereinfachen soll:

Links: „Vorderseite“ – Rechts: „Rückseite“

A1

„Unter dem Loch in der Scheibe sind zwei Frösche zu sehen, links ein weiblicher rechts ein männlicher“ [5]

Es ist nicht ganz klar, wie sich eine Froschähnlichkeit dieser Figuren (A1 und A2) begründen soll, wenn nicht ausschliesslich aus der Sitzhaltung. Die Gesichter sind weitgehend menschlich (man beachte den kleinen Mund).

A2

„Ein Blick auf die Position von 5 bzw. 7 Uhr zeigt ein hockendes Embryo, der männlich bzw. weiblich dargestellt wird. Besonders signifikant sind bei allen Kopfstrukturen die weit aussenliegenden Augen und ein breites Nasensegment. Dies ist ein Charakteristikum jeder frühen embryonalen Kopfstruktur“. [6]

Das Grössenverhältnis von Kopf- zu Körpergrösse wäre in einer realistischen Darstellung noch extremer. Die hockende Stellung der Körper deutet zumindest eine gewisse Unbeweglichkeit an, die sowohl für Neugeborene als auch für Frösche an Land charakteristisch wäre. Das kleine Objekt neben der männlichen Figur wurde bisher noch nicht interpretiert.

Frösche besitzen als Amphibien und damit nicht- säugende Tiere mit äusserer Befruchtung weder Brüste noch menschenähnliche Genitalien, wie etwa einen Penis. Für die Ausscheidung von Kot und die Abgabe von Eiern oder Spermien ist bei Fröschen und anderen Amphibien nur die After-ähnliche Kloake (Pfeil im linken Bild eines Frosch-Hinterteils) bei beiden Geschlechtern vorhanden.

A3

Diese Figur hat eine grosse Aehnlichkeit zu frühen Embryonalstadien, die, zumindest nach der äusseren Form, noch keine Unterscheidung zwischen Mensch oder Tier erlauben.

Ein Pfeil umläuft das Loch im Zentrum der Scheibe und zeigt auf den äusseren Ring der Scheibe mit 12 Symbolen. Die sechs Felder links von der Stelle, wo der Pfeil endet, wurden folgendermassen interpretiert:

A13

Aus: „1. Feld = Spermafaden.“ [7]
oder vielleicht doch eine Kaulquappe?

A14

„2. Feld = männliche und weibliche Eizelle.“ [8] Das Problem hier: Wenn dies die Chronologie einer Befruchtung darstellen soll, dann müsste an dieser Stelle die weibliche Eizelle erscheinen, diese ist aber immer kreis- bzw. kugelförmig. Auf der anderen Seite der Scheibe wurden Kreise als Eizellen interpretiert. [9]

Das Bild links zeigt eine elektronenmikroskopische Aufnahme von hunderten von Spermien auf der Oberfläche einer Eizelle. Beachten sie das Grössenverhältnis von Spermien und Ei. Die Spermienköpfe haben beim Menschen einen Durchmesser von ca 0.004 mm, die reife Eizelle hat einen Durchmesser von ca. 0.11 mm. [10]

„Auf der Vorderansicht des Aussenringes erkennt man unschwer einen Menschen im frühen embryonalen Stadium mit Dottersack.“ [11]

Die Erklärung der Figur als ein Embryo mit Dottersack erscheint tatsächlich bestechend. Handelt es sich aber um einen menschlichen Embryo?

Bei Tieren, die ihre Eier im Wasser oder an Land ablegen (Insekten, Fische, Frösche, Vögel, Echsen), sind die Nährstoffe für den Embryo in einem grossen Dottervorrat angelegt und die sich entwickelnden Embryonen sind direkt mit einem Dottersack verbunden. Der Dottersack ist für diese Tiere somit von grösster Wichtigkeit für die Embryonalentwicklung. Alle Säugetiere (mit Ausnahme der Monotremata und Marsupialia) haben dagegen eine Placenta d.h. einen Mutterkuchen mit Nabelschnur zum Embryo zur Versorgung des Embryos mit Nährstoffen und Sauerstoff.

Das ist auch der Grund, weshalb die Eier von Säugetieren extrem dotterarm und entsprechend klein sind. Es gibt auch beim Menschen einen Dottersack (auch Nabelblase genannt), der wird jedoch nur bis zum Einwachsen des Embryos in die Gebärmutterwand benötigt und verschmilzt beizeiten mit den Strukturen der Nabelschnur (um die 10. Woche). Das Besondere an den Säugetieren und dem Menschen ist in diesem Zusammenhang die Erfindung der Placenta . Es wäre ebendieses Organ und die Nabelschnur zum Embryo, die in z.B. einer Embryologie-Lektion zur Entwicklung des Menschen zu zeigen wären, und nicht nur der vergleichsweise weniger wichtige Dottersack.

A16

„4. Feld = der Fötus.“ [12]

A17

„5. Feld = das Embryo.“ [13]

A18

„6. Feld = das wachsende Embryo.“ [14]

Ein Vergleich mit den Carnegie-Stadien der menschlichen Entwicklung bietet sich an. Bei einer fortschreitenden Entwicklung eines menschlichen Embryos über Monate hinweg könnte man den Verlust der Schwanzknospe und das überproportionale Wachstum des Kopfes erwarten.

Die sechs Felder rechts von der Stelle, wo der Pfeil endet, wurden als eine evolutionäre Entwicklung interpretiert:

A12

„1. Feld = Zellteilung.“ [15]
oder: Das Schlüpfen aus einem Ei? Das Schlüpfen von Kaulquappen aus den Eiern kann auch mit blossem Auge beobachtet werden.

A11

„2. Feld = ein Wasserwesen.“ [16]

oder: Eine freischwimmende Kaulquappe, was auch die prominenten Augen erklären würde. Untenstehendes Bild zeigt die Kaulquappe einer Molchgattung kurz vor dem Schlüpfen aus der Gallerthülle des Eies.

A10

„3. Feld = ein Lurch, ein Kriechtier, ein Salamander?“ [17]

oder: der Kaulquappe wachsen die Beine, während der Schwanz noch vorhanden ist

A9

„4. Feld = vielleicht ein Vogel.“ [18]

oder: das Wachstum der Vorderextremitäten der Kaulquappe

A8

„5. Feld = eine Zwischenstufe der Entwicklung zum Menschen.“ [19]

A7

„6. Feld = ziemlich eindeutig der Mensch.“ [20]

oder: der erwachsene Frosch, vielleicht gar als mythologische Figur eines „Froschmenschen“ dargestellt?

Bezüglich der geäusserten Vermutung, dass an dieser Stelle eine Evolution von wasserlebenden Tieren bis zum Mensch dargestellt wird [21], bin ich der Ansicht, dass mit diesen kleinen, wenig detaillierten Symbolen (A7 – A12) keine Darstellung der Evolution in unserem heutigen Sinn gemeint sein kann. Dazu sind diese Interpretationen einfach zu spekulativ und ergänzen nicht vorhandene Merkmale ohne Begründung.

Nebst den zu Beginn erwähnten Figuren A1 und A2 sind auf der A-Seite sechs Felder gegen die Scheibenmitte mit grösser abgebildeten Figuren vorhanden.

A4, A5, A6

„…so finden wir die Abbildung eines neutralen embryonalen Stadiums vor der geschlechtsspezifischen Weiterentwicklung. Die beiden folgenden Bilder (2- und 3-Uhr Position) stellen die jeweils geschlechtliche Spezifizierung in weiblich bzw. männlich dar.“ [22]

„…könnten in drei Feldern linksseitig die Zellvermehrung darstellen“ [23]

Hier könnte man anmerken, dass es einen wirklich geschlechtsneutralen Embryo nicht gibt, da die genetische Geschlechtsdifferenzierung bereits bei der Befruchtung der Eizelle stattfindet (es sind entweder zwei X-Chromosomen oder ein X- und ein Y-Chromosom vorhanden). Dass sich die Genitalien eines Embryos ebenso weiterentwickeln wie z.B. Arme und Beine und auch zur selben Zeit sichtbar werden, scheint kaum erklärungsbedürftig. An dieser Stelle könnten auch verwandtschaftliche Beziehungen in einem uns unbekannten mythologischen Zusammenhang gezeigt sein.

A14, A15, A16

„… und rechtsseitig Weibchen und Männchen, Vagina und Penis. Und danach eine schwangere Frau, an den Brüsten kenntlich“ [24]

oder: Die Figur rechts aussen könnte ein Kind darstellen.

auf der Rückseite (B-Seite):

B2

Eine prähistorische Darstellung eines Spermiums?

B3

An einer anderen Stelle auf derselben Seite der Scheibe: eine Figur, deren naheliegende Interpretation in einer Schlange, die ihre Beute verdaut, besteht.

B1

„In 3-Uhr-Position hat der frühgeschichtliche Bildhauer ein Spermium in Dreiteilung abgebildet: Kopfstück, Schaltstück und Geissel sind zu sehen.“ [25]

In untenstehender Zeichnung nach einer elektronenmikroskopischen Aufnahme, sind die erwähnten Teile eingezeichnet (Schaltstück = ‚middle piece‘, Geissel: ‚tail+endpiece‘). Bei menschlichen Spermien misst der Kopf 3-5 Mikrometer (Millionstel Meter), das ganze Spermium ist im Mittel 60 Mikrometer lang. [26]

Die Figuren B1 und B2 befinden sich im selben Feld auf der Scheibe, es könnte also ein inhaltlicher Zusammenhang bestehen. Die Quelle geht offenbar von einer Art „Detailvergrösserung“ in B1 aus, wie es in einem Lehrbuch zu finde wäre. [27] In B1 hat der Künstler aber auch Augen eingesetzt, die bei einer Interpretation als Spermium (die Augen wären am falschen Ende) keinen Sinn ergeben. Es gibt allerdings Tiere, die eine deutliche Dreiteilung des Körpers in Abdomen, Thorax und Caput aufweisen: die Bienen, Wespen und Ameisen beispielsweise (siehe Abbildung).

B6

„Auf der Rückseite der Scheibe lässt sich in dem Segment der 8-Uhr-Position rechts eine Eizelle vor der Befruchtung (mit strukturlosem Inneren) ausmachen, rechts daneben die Eizelle nach der Befruchtung mit deutlich verdickter Zellmembran sowie einem nun klar strukturierten Zellkern.“ [28]

Im Gegensatz zu Symbol A14, das durch Prof. Gutierrez als Eizelle bezeichnet wurde [29], liegt hier eine viel grössere Ähnlichkeit zu modernen Darstellungen von Eizellen vor. Allerdings sehen hier die als Spermien gedeuteten „Schläuche“ wiederum anders aus als an anderen Stellen auf der Scheibe. Der Ablauf der realen Ereignisse würde beinhalten, dass der Kopf des Spermiums in die Eizelle eindringt, wonach Zellteillungen stattfinden. Beides ist in diesen Symbolen nicht erkennbar. Vor allem fehlt eine einfache Zeichnung der Teilung in 2,4,8 etc. Tochterzellen, wie sie in keinem Embryologie-Lehrbuch fehlen würde.

Hingegen zeigt die Beobachtung von Laichballen von Fröschen, dass nicht alle Kaulquappen zur selben Zeit schlüpfen und manche Eier bereits leer sind (wobei die Kaulquappen noch für einige Zeit an den Gallerthüllen hängen bleiben oder davon fressen), während andere Eier noch nicht so weit entwickelt sind (oder unbefruchtet bleiben) und zusammengerollte und dunkel gefärbten Embryonen enthalten.

Vorläufiges Fazit zu biologischen Interpretationen

Die Problematik der bisher vorgestellten Interpretationen der Symbole und Figuren, die auf der „genetischen Scheibe“ zu sehen sind, kann mit den folgenden Fragen umschrieben werden :

1) Zeigen die Symbole auf der Scheibe einzelne Stadien der Entwicklung von Lebewesen insbesondere deren Embryonalentwicklung?

2) Falls die erste Frage mit „ja“ zu beantworten ist, so lautet die zweite Frage: Wird die Embryonalentwicklung des Menschen gezeigt, oder diejenige anderer Lebewesen, wie z.B. von Fröschen oder anderen Tieren?

3) Welche Stadien der Embryonalentwicklung werden auf der Scheibe gezeigt und sind darunter auch solche, die nur mit dem Einsatz technischer Hilfsmittel abzubilden wären, die den vermutlichen Künstlern der präkolumbianischen Zeitepoche nicht zur Verfügung standen?

Bei einem direkten Vergleich der beiden Abbildungen über die Entwicklung des Menschen oder des Frosches mit den Symbolen der Scheibe fällt es recht schwer, in den Figuren auf der Scheibe eine zeitliche Abfolge zu erkennen. So gibt es kaum eine Abfolge von Figuren, in denen Körperteile und Extremitäten an Länge oder Volumen zunehmen. Man sieht keine sexuellen Handlungen, kein offensichtliches Schlüpfen aus einem Ei und auch keine Geburt. Auf der anderen Seite sind die Geschlechtsmerkmale einiger Figuren sehr deutlich dargestellt. Grosse, erwachsene und kleine menschenähnliche Figuren stehen nebeneinander. Dies und auch das von Dr. Eenboom erwähnte Symbol (A15) mit einem Dottersack deuten auf Vorgänge hin, die im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit und Wachstum stehen.

Zur zweiten Frage bin ich nach dem Vergleich von Stadien der Entwicklung von Amphibien mit den Symbolen der Scheibe eher geneigt, einige Darstellungen als Abbildung der Froschentwicklung anzusehen. Vor allem die grosse Ähnlichkeit von Kaulquappen mit den Symbolen, die von anderen Autoren als Spermien gedeutet wurden, ergibt mit dem danach folgenden Ablauf – vor allem in der Serie (A7 – A12) – Sinn. Eine mythologische Verfremdung der Entwicklungsvorgänge, bei der eine symbolische Durchmischung von Amphibien- und Menschenstadien stattfindet (Abstammung von Wasserlebewesen, Verehrung eines amphibischen Lebewesens) ist nicht von vornherein auszuschliessen.

Damit kommen wir zur dritten Frage, diejenige nach den Stadien, die nur mit aufwendigen technischen Hilfsmitteln gesehen werden können. Spermien zu beobachten wurde mit der Erfindung von einfachen Mikroskopen möglich. Leeuwenhoek zeichnete als erster 1677 Spermien, wobei die Befruchtung von Eizellen doch erst 1875 von Hertwig am Beispiel der Seeigeleier (die sich wegen ihrer Transparenz besonders für diese Beobachtung eigenen) beschrieben wurde. Die eigentlichen biochemischen und genetischen Mechanismen hinter diesen Vorgängen wurden aber erst in den letzten Jahrzehnten erkannt. Von Auge nicht sichtbar sind allgemein alle Spermien und die nicht einmal millimetergrossen Eizellen von Menschen und anderen Wirbeltieren mit innerer Befruchtung, nicht jedoch die grossen Eier von Amphibien, Fischen oder Vögel. Es wäre nach meiner Ansicht durchaus denkbar, dass die unbekannten Künstler die Entwicklung von Froschlaich, das Ausschlüpfen von Kaulquappen, die wundersame Metamorphose der Kaulquappen zu Fröschen und deren Leben an Land beobachteten, was gut möglich ist ohne Hilfsmittel, und auf ihre Weise festhielten.

Es ist auffällig, dass die abstrakten Vorgänge der frühen Embryonalentwicklung und Geschlechtsdifferenzierung, deren Aufklärung nicht nur das reine Beschreiben von äusserlichen Veränderungen sondern auch Experimente erfordert, wie z.B. die Rolle der Chromosomen in der Reifeteilung und in der Bestimmung des Geschlechts oder die Existenz verschiedener Keimblätter offensichtlich nicht in den Symbolen der Scheibe enthalten sind. Daraus folgt, dass die präkolumbianischen Künstler nicht notwendigerweise über ein Wissen verfügten, dass sie nicht durch eigene Naturbeobachtungen hätten erlangen können.

Anmerkungen

[1] Gasser 1975
[2] Gilbert 2000
[3] ebd.
[4] Däniken 1982; Eenboom 2001; Habeck 2001a; Habeck 2001b
[5] Däniken 1982; Habeck 2001a
[6] Eenboom 2001, S. 21
[7] Däniken 1982, S. 217
[8] ebd.
[9] Eenboom 2001, S. 22
[10] Leonhardt 1985
[11] Eenboom 2001
[12] Däniken 1982, S. 217
[13] ebd.
[14] ebd.
[15] ebd.
[16] ebd.
[17] ebd.
[18] ebd.
[19] ebd.
[20] ebd.
[21] ebd.
[22] Eenboom 2001, S. 21
[23] Däniken 1982, S. 217
[24] ebd.
[25] Eenboom 2001, S. 22
[26] Leonhardt 1985
[27] Eenboom 2001, S. 22
[28] ebd.
[29] Däniken 1982

Literaturverzeichnis

Däniken, Erich von (1982): Strategie der Götter. Wien u.a.

Eenboom, Dr. Algund (2001): „Embryologie in der Vorzeit“, in: Sagenhafte Zeiten 4/2001, S. 21f.

Habeck, Reinhard (2001a): Hochtechnologie der Frühzeit. Wien

Habeck, Reinhard (2001b): Unsolved Mysteries. Die Welt des Unerklärlichen. Wien

Gasser, R.F. (1975): Atlas of human embryos. Hagerstown

Gilbert, S.F. (2000): Developmental Biology. Massachusetts: 6. Aufl.

Leonhardt, Helmut (1985): Histologie, Zytologie und Mikroanatomie des Menschen. Stuttgart: 7. Aufl.