Seit der irische Seemann James O’Connell als erster von den Ruinen auf einer unbewohnten, großen Insel bei Ponapé berichtete, ist Nan Madol im Gespräch. Neben verschiedensten Spekulationen sollte Nan Madol u.a. auch die Hauptstadt des versunkenen pazifischen Großreiches von Lemuria bzw. Mu gewesen sein. Aber auch für die PaläoSETI waren die Ruinen seit Jahren ein interessantes Forschungsobjekt. Walter-Jörg Langbein fand auf Nan Madol interessante Neuigkeiten über die amphibischen Götter – von denen Nan Madol erbaut worden sein soll.

Die überirdischen, göttlichen Ur-Gründer von Nan Madol lebten, so heisst es in uralten Überlieferungen, im Meer. Masao Hadley, ein angesehener Wächter der Ruinen von Nan Madol, erzählt:“Bevor das Volk von Pohnpei hier ankam, da gab es schon die Stadt der Götter! Auf dem Meeresgrund!“

Diese Behausungen tief unter dem Meeresspiegel sollen auch heute noch zu finden sein: direkt bei Nan Mwoluhsei, also dort, „wo die Reise endet“. Welche, die der Götter aus dem All?

Davon sind auch heute noch die Einheimischen überzeugt. Mutige Taucher, so wird berichtet, sind in jene Gefilde vorgedrungen und haben Ruinen erblickt. Diese Überreste einer archaischen Urkultur hat noch niemand zu erforschen gewagt. Ein göttlicher Fluch soll auf ihnen ruhen und jeden Menschen töten, der sich den einstigen Behausungen der himmlischen Wesen nähert.

Rätselhafte Funde im Meer

David Hatcher Childress liess sich durch die Schilderungen über diesen Fluch nicht davon abhalten, zusammen mit einigen Freunden vor Ort zu tauchen. In einer Tiefe zwischen zwanzig und fünfunddreissig Metern unter dem Meeresspiegel stiessen sie immer wieder auf senkrecht stehende Monolithen. Sie traten häufig paarweise auf und waren fast immer stark mit Korallen überwuchert.

„Einige dieser Steine tragen Gravuren, zum Beispiel Kreuze, Quadrate, Rechtecke und auf einer Seite offene Vierecke. Ähnliches habe ich in den fantastischen Ruinen in den Bergen Boliviens, einige Meilen von Tiahuanaco entfernt, gesehen, bei Puma Punku. Gab es eine Verbindung?“

Sind das die ersten Hinweise auf die Stadt der Götter?

Childress und seine Kollegen stellten fest: Unweit der stehenden Säule fiel der Meeresboden noch weiter ab, vermutlich auf fünfzig bis sechzig Meter. In jene tieferen Regionen wagten sie nicht hinabzutauchen.

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Bereits 1980 hat Dr. Arthur Saxe die unterseeische Nachbarschaft von Nan Madol tauchend erkundet. Das geschah im Auftrag der Behörde ‚The Trust Territory of the Pacific‘. Dr. Saxe veröffentlichte in einer wissenschaftlichen Broschüre seine unter Wasser gewonnenen Erkenntnisse. So berichtet er von senkrecht stehenden Säulen, die in einer schnurgeraden Linie verlaufen, die sich wiederum in den Tiefen des Meeres verliert. Sie haben einen Durchmesser. so der Gelehrte, zwischen 70cm und zwei Metern. lhre Länge war nicht festzustellen, da nicht eruiert werden konnte, wie tief sie im Boden des Meeresgrundes stecken. Besonders imposant: Majestätisch ruht da eine fast sieben Meter hohe Säule auf einer flachen Plattform, die an einem unterseeischen Abhang eingearbeitet ist.

Meine Forderung: Es ist endlich an der Zeit, den Meeresboden um Nan Madol herum gründlich zu erforschen. Es genügt nicht, planlos herumzutauchen. Vielmehr muss sehr sorgsam kartografiert werden. Und es gilt, die Säulen auf dem Meeresgrund zu vermessen. Schließlich muss versucht werden. auch jene tiefer gelegenen Regionen – vielleicht mit Mini-U-Booten – zu erfassen, in die bisher noch keine Taucher vorgedrungen sind.

Wird man dann endlich die uralte Stadt der Götter, über die die Überlieferungen berichten, entdecken? Warten gar mehrere solche Götter-Metropolen in den Tiefen der Südsee?

Davon sind zahlreiche Bewohner von Pohnpei überzeugt. Ein solches Unterfangen ist freilich extrem kostspielig. Im Augenblick fehlen -wie schon seit Jahrzehnten -die Mittel, um auch nur die wichtigsten bekannten Ruinen vor dem weiteren Verfall zu bewahren.

Die rätselhaften Bauten wirken auf den Besucher märchenhaft schön. In üppigem Pflanzengrün sind oft massive Mauerbauten nur noch zu erahnen. Selbst in den besterhaltenen Gebäuden breitet sich stetig die Natur aus. Palmen wachsen. Ihre mächtigen WurzeIn durchdringen die Fundamente von Steinmauern und drohen sie zum Einsturz zu bringen. Mangrovenbäume wachsen direkt im Gemäuer und sprengen Steinblöcke auseinander. – Geld für die Suche nach geheimnisvollen Bauten auf dem Meeresboden ist schon gar nicht verfügbar! So schützt die Ebbe in den Kassen mehr als der Aberglaube.

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Ein Fluch soll nicht nur auf der unterseeischen Heimstatt der Götter liege sondern auch auf den Gräbern der direkten Nachfahren der Besucher al dem All, davon sind viele Einheimischen überzeugt. So berichtete mir der kenntnisreiche Tour-Guide Lihp Spegal, kein Geringerer als Victor Berg, Kaiserlich, Regierungsrat und stellvertretender Gouverneur der Insel, sei ein Opfer dieses Fluches geworden. Ende April 1907 gab er den Befehl, das Grab des verehrten Iso Kalakal zu suchen und zu öffnen. Bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde tatsächlich die letzte Ruhestätte jenes frühen Herrschers gefunden.

Zur Erinnerung: Iso Kalakal war von Go Nan Dzapue höchstpersönlich gezeugt worden, der extra zu diesem Anlass vom Himmel auf die Erde herabgestiegen war. Trotz lauter Warnungen der Einheimischen wurde die Totenruhe Iso Kalakals empfindlich gestört. Sein Grab wurde geschändet. seine Gebeine herausgenommen.

Die Europäer machten sich lustig über den angeblich wirkungslosen Fluch. Abfällig äußerten sie sich über die vermeintlich dummen und abergläubischen Insulaner. Ihr Lachen verstummte bald! Einen Tag nach der Grabschändung erkrankte Victor Berg, der Stunden zuvor noch kerngesund war, und starb. Eine medizinische Erklärung fanden die Ärzte nicht. Die Einheimischen waren alles andere als überrascht. So ergehe es jedem, der die heiligen Orte von Nan Madol störe!

Info-Box:

Nan Madol steht auf der Insel Terwen (früher Temuen), einer der über 500 Inseln der Karolinen, die zu Mikronesien gehören. Die größte dieser Inseln heißt Pohnpei (früher Ponape), sie verfügt über einen Flughafen und Touristenunterkünfte. Die Insel Tewen ist von Pohnpei aus mit einem Boot zu erreichen. Sie besteht aus einem dichten Komplex von 92 künstlich geschaffenen Inseln, auf denen Nan Madol angelegt wurde.

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Die geheime Welt der amphibischen Götter

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Wie die amphibischen Gottheiten, die sich in der Südsee häuslich niedergelassen hatten, genau ausgesehen haben, darüber findet sich kaum ein Hinweis in den Mythen, die bis in unsere Tage erhalten geblieben sind. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Legende von Nan. Er soll sich als aalartiges Wesen in den Gefilden von Nan Madol getummelt haben und war das Ebenbild eines „himmlischen Gottes“.

Die mythologischen Überlieferungen machen deutlich, warum Nan Madol dort entstand, wo es gebaut wurde. Genau dort siedelten sich Götter, die aus dem Himmel kamen, an. Sie hatten in Nan Madol einen Stützpunkt. Ein rituelles Zentrum der Götterverehrung lag auf der Insel Darong. Im Zentrum befindet sich ein „heiliger Teich“. Es handelt sich dabei um einen künstlich angelegten, mit einer steinernen Einfassung versehenen See.

Elf sorgsam angelegte unterirdische Kanäle stellen eine direkte Verbindung zum Meer her. Einer dieser Tunnels ist immerhin zwei Kilometer lang. Er führt, teilweise unter dem Meeresboden verlaufend, bis jenseits des Riffs und endet unter Wasser!

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So war dafür Sorge getragen, dass der kleine See (Ausmaße 70 mal 56 m) niemals austrocknete. Freilich dienten die unterirdischen Kanäle nicht nur der simplen Wasserzufuhr. Vielmehr ermöglichten sie es einer der Wassergottheiten vom Meer aus direkt ins Zentrum des Eilands zu schwimmen.

Auch die zahllosen Kanäle zwischen den monströsen Steinbauten waren keineswegs nur simple Wasserwege. In ihnen bewegten sich auch die himmlischen Götter, die sich im Wasser am wohlsten fühlten. Deshalb mussten die Kanäle auch immer Wasser führen, auch bei Ebbe. Um das zu gewährleisten, hatte man ein kompliziertes System von Schleusen in die Wasserstrassen eingebaut. Auf diese Weise war es möglich, den Wasserstand in den Kanälen beliebig zu regulieren. So wurde mit Bedacht verhindert, dass sie bei Ebbe oder in Trockenzeiten kein Wasser führten.

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Noch heute erzählt man vor Ort eine uralte Legende. Einst habe im Bereich der künstlichen Inseln eine Furcht einflössende Drachenfrau gelebt. Jenes Wesen hat angeblich mit tosendem Schnauben die zahllosen Kanäle zwischen den vielen Eilanden entstehen lassen. Der Sohn der Drachenfrau hat dann, zusammen mit einem Gehilfen und einem geheimen Zauberspruch, die Steinsäulen durch die Luft herbeifliegen lassen.

Unterirdische Tunnel, die Wasser in künstlich angelegte Seen auf ebenso künstlich erbauten Inseln fließen ließen, sind vom Komplex Nan Madol einfach nicht mehr wegzudenken. Viele von ihnen sind inzwischen eingestürzt. So mancher ist nur einfach vergessen worden, so mancher Eingang auch nur überwuchert. Andere Kanäle sind nach wie vor bekannt, zumindest wo ihre Ein und Ausgänge auf den Inseln zu finden sind.

Immer wieder heißt es, dass aus diesen sakralen Kanalisationen verehrungswürdige Gottwesen auftauchten und Kontakt mit den Menschen aufnahmen. So war dies zum Beispiel auch auf der Insel Dau. Hier schließen sich die zahlreichen Berichte über die Ankunft der Götter in ihren „fliegenden Booten“ an und ihren Flug zuvor durch den „leeren und hohen Raum“ sowie von einer „unbekannten Erde“.

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So wenig wir sonst noch über das Aussehen dieser Wesen wissen, so ist zweierlei nicht zu bestreiten: Die steinzeitliche Anlage des Venedigs der Südsee entstand an der Stelle, die nicht von den Menschen, sondern von den Göttern auserwählt worden war. Und: Die Götter, intelligente Meereslebewesen, kamen eindeutig vom Himmel herab auf die Erde und begegneten den Menschen als amphibische Kreaturen. Selbst Archäologen sind davon überzeugt, dass die alten Erzählungen um Nan Madol einen wahren Kern haben müssen. Und den gilt es zu erforschen. Vor dem Hintergrund weltweit ähnlicher Überlieferungen lässt sich erahnen, wie dieser Kern aussehen könnte.

Dieser Artikel ist ebenfalls erschienen in der Zeitschrift ‚Sagenhafte Zeiten‘, Nr. 4/2000, S. 13-16

Literatur

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Ashby, G. – Hrsg. (1983): Micronesian Customs and Beliefs. Pohnpei

Ashby, G. – Hrsg. (1983): Never and Always. Micronesian Legends, Fables and Folklore. Pohnpei

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Hambruch, P. (1936): Ergebnisse der Südsee-Expedition 1908-1910. Berlin

Langbein, W. (1997): Die großen Rätsel der letzten 2500 Jahre. München

Morril, S. – Hrsg. (1970): Ponape. San Fransciso

Riesenberg, S (1968): The Native Polity of Ponape. Washington

Saxe, A. (1980): The Nan Madol Area of Ponape. Saipan

Spegal, Liph (1998): persönliche Mitteilungen, aufgezeichent vom Verfasser. Pohnpei, Februar 1998