Die Skidi sind einer der vier Pawneestämme, die in historischen Zeiten die Grasprärien und Plains von Kansas und Nebraska bewohnten. Inmitten der sie umgebenden Sioux, Oto, Omaha, Arapaho und Cheyenne waren die Pawnee das einzige der sog. Caddo-Völker; doch das ist es nicht, was sie so einzigartig macht.

Dieses Indianervolk war geradezu besessen vom Sternenhimmel, besonders die Gruppe der Skidi, die von den Ethnologen inzwischen gerne als die Astronomen unter den Pawnee bezeichnet werden. Diese Indianer praktizierten eine stark ausgeprägte Stellarreligion, einen Sternenkult, wie man ihn bei keinem anderen Stamm in Nordamerika findet. Nicht nur ihre Religion, auch ihr soziales und politisches Leben drehte sich um eine Anzahl besonderer Sterne und Sterngruppen. Die Tatsache, dass die Position der Sterne bis in die jüngste Vergangenheit hinein einen den Stammesalltag kontrollierenden Einfluss ausübte, deutet darauf hin, dass wir es hier mit den Spuren eines uralten und verwurzelten Kultes zu tun haben, denn viele der Bedeutungen von einzelnen Sternen oder der genauen Positionen am Himmel waren bereits verloren, als die Europäer begannen, in das Pawnee-Stammesgebiet vorzudringen und lange, bevor Ethnologen anfingen, sich für diese Sternenreligion zu interessieren.

Für das Verständnis der Sternenreligion der Skidi ist es unerlässlich, einen Blick in ihre Mythologie zu werfen:

Einst gab Hochgott Tirawa den Auftrag an verschiedene Sternenwesen, Erde und Sonne für die Besiedlung durch Lebewesen vorzubereiten. Morgen- und Abendstern spielten bei diesen Aufgaben Hauptrollen, nach deren Abschluss ein menschliches Mädchen auf eine „Wolke\“ gesetzt und zur Erde gesandt wurde. Mitgegeben wurde dem Mädchen Getreidesamen aus dem himmlischen Garten im Westen des Universums, den sie auf der Erde anpflanzen sollte. Etwas später wurde ein Junge – ein Sohn von Sonne und Mond – ebenfalls zur Erde gesandt. Von diesen beiden, davon sind die Pawnee überzeugt, stammen die Erdenmenschen ab.

Die Grundidee der Skidivorstellung, dass die ersten Menschen aus dem Himmel herstammten, ist auch zahlreichen anderen Völkern rund um den Erdball bekannt.

Die ersten Menschen fingen an, sich zu vermehren und entdeckten eines Tages, dass es außer ihnen noch eine andere bisher unbekannte Menschengruppe gab, die ebenfalls behauptete, ihre Existenz Sternwesen zu verdanken. In einer Traumvision erfuhr der Erste Mann, der als Sohn von Sonne und Mond zur Erde geschickt worden war: Dies sind die Geschöpfe anderer Sternengötter, denen man ebenfalls verschiedene Saatkörner anvertraut habe. Beide Gruppen sollten sich nun versammeln; alle Fremden sollten eingeladen werden, ihre Sternengötter hätten sie bereits darüber informiert, und dann werde eine große und umfassende Zeremonie abgehalten, die viele Tage lang andauern werde, und während der Tirawas Schöpfung von Himmel, Erde, Menschen und Tieren nachgespielt werden solle; auch diene diese Zeremonie dazu, die Menschen die einzelnen Positionen der Sterne und Sterngötter im Himmel zu lehren, ihnen zu zeigen, wie sie ihre Siedlungen nach den Stellungen besonderer Sterne am Himmel anzulegen hätten.

Diese Zeremonie fand statt in der uralten Zeit, als es noch Verbindung zwischen Himmel und Erde gab, so die Pawnee.

Bis in die Zeit hinein, als man die Pawnee nach Oklahoma abschob (1886), lagen sämtliche Skididörfer an Positionen, die bestimmten Sternen am Himmel entsprachen. Jede Siedlung hatte ihren eigenen Stern, ein diesem Stern gehöriges Heiliges Bündel und eigene Riten, die sie von ihrem Sternengott erhalten haben wollen. Es gab vier Siedlungen, die Leitdörfer, die die Sterne der vier Weltallquadranten repräsentierten, ein Abendsterndorf im Westen und weitere Siedlungen mit Zugehörigkeit zu Sternen, deren Identifikation bis heute unklar ist, weil viele der alten Siedlungsnamen für immer verloren gingen. Für ein nordamerikanisches Indianervolk ist es absolut einmalig, dass die örtliche Lage sämtlicher Siedlungen von astronomischen Regeln vorgegeben war, durch die Position bestimmter Sterne am Himmel.

Eine Pawneemythe berichtet, dass einst Wesen dieser Sterne herab zur Erde kamen, wo sie ihre Aufenthaltsorte genau nach Ordnung „ihrer\“ Sterne am Himmel anlegten, die bis in die jüngste Vergangenheit hinein von den Skidi peinlich genau imitiert wurde.

Archäologische Forschungen ergaben, dass es wahrscheinlich 18 Siedlungen gab, von denen sich dann zu einem späteren Zeitpunkt die vier Leitdörfer zu einer Siedlung zusammenschlossen, Old Village.

Der Sternenkult der Skidi zeigte sich auch in der Konstruktion ihrer Erdhütten. Kein Teil dieser Bauten war ohne astronomischen Bezug: der Eintritt imitierte den Aufgang der Sonne – bei einer streng ostwestlichen Ausrichtung der Hütte -, die runde Kuppel stellte den Sternenhimmel dar, jeder Pfosten repräsentierte einen bestimmten Stern usw. Das Skidi-Erdhaus stellte sozusagen ein Universum im Universum dar, eine Miniatur gewissermaßen der großen Welt. Gleichzeitig diente jede dieser Erdhütten als einfaches Observatorium. Himmelsbeobachtungen konnten sowohl durch den Eingang als auch durch das Rauchloch im Zentrum der Kuppel gemacht werden. Platzierte sich ein Skidi an verschiedenen Stellen innerhalb der Hütte, so konnte er bestimmte astronomische Objekte observieren. Die wichtigste Aufgabe der Priester war es, die Position bestimmter Sterne festzustellen sowie ihren ersten Aufgang nach Sonnenuntergang bzw. vor der Morgendämmerung. Dies diente nicht nur zum Bestimmen der Zeiten für religiöse Zeremonien, sondern auch profanen Dingen wie Aussaat-, Jagd- und Ernte-Zeiten. Die Sternenbeobachtung gehörte in den Skidihütten zur täglichen Routine. Jeder Tag begann und endete mit der Himmelsbeobachtung. Frühe Beschreibungen von Siedlungen zeigen, dass die Hütten so gruppiert waren, dass sie eventuell der Observation verschiedener Himmelsobjekte vorrangig dienten. Hier gab es Heilige Bündel spezieller Sterne, und man kann vermuten, dass in diesen Hütten die dazugehörigen Sterne bevorzugt beobachtet wurden.

Waldo Wedel hat archäologische Belege gefunden, die all das oben gesagte bestätigen. Erdhütten aus der Zeit, in der die Skidi am Lower Loup siedelten (1550 – 1750), zeigen die Sternensymbolik noch viel deutlicher, als Erdhütten aus dem 19. Jahrhundert. Bei Ausgrabungen förderte das archäologische Team vier Weltallquadranten-Pfosten zutage und stellte einwandfrei die einstmalige Ausrichtung dieser Hütten mit der Öffnung nach Osten fest.

Der Ethnologe Melvin Gilmore schrieb 1930, dass die Arikara sehr ähnliche Erdhütten und Dörfer mit gleicher Symbolik gehabt hätten. Daraus kann man mit großer Sicherheit schließen, dass diese kosmische Anordnung von Siedlungen und einzelnen Hütten uralt ist, denn die Arikara – auch Missouri-Pawnee genannt – spalteten sich schon sehr früh von den Pawnee ab, um weiter nach Norden zu ziehen.

1906 erhielt das Field Museum of Natural History in Chicago ein merkwürdiges und rätselhaftes Artefakt: ein ovales Stück Hirschleder, bemalt mit zahlreichen vierstrahligen Sternen und Punkten in verschiedener Größe. Dieser inzwischen als einzigartige Sternenkarte identifizierte Gegenstand befand sich im Besitz von James R. Murie, einem Skidihalbblut mit schottischem Vater und Skidimutter (1862 – 1921), der zwar unter den Weißen aufgewachsen war, dann in einer Bank arbeitete, später aber für das Büro für Amerikanische Ethnologie tätig wurde.

Murie, der begonnen hatte, sich für sein indianisches Erbe, für Religion und Mythologie besonders der Skidi zu interessieren, besuchte immer wieder diese Indianer, durfte bei Zeremonien anwesend sein und erfuhr dann von dem Skidi Lone Chief, dass es eine mit Sternen bemalte Tierhaut gebe. Es gelang Murie, das Vertrauen der Skidi zu gewinnen, und sie zeigten ihm bereitwillig das Heilige Bündel, in dem u.a. diese Sternenkarte aufbewahrt wurde. Aus Freude über sein großes Interesse an ihrer Kultur und mit dem Hintergedanken, dies wichtige Kultobjekt für spätere Generationen zu bewahren, veräußerten die Skidi das gesamte Big Black Meteoric Star-Bündel an Murie mitsamt Sternenkarte, und Murie gab alles weiter an das Field Museum.

Was wissen wir über diese Sternenkarte? Zunächst einmal handelt es sich um ein Stück Wapitihirschhaut, ca. 56 mal 38 cm groß. Auf die ehemalige Haarseite gemalt findet man Sterne und Sterngruppen in verschiedenen Größen. Das Alter der Sternenkarte ist unklar, doch wurde sie wahrscheinlich im 16. Jahrhundert gezeichnet und in einem Heiligen Bündel zusammen mit einem vermeintlichen Meteoriten und anderen Gegenständen aufbewahrt. Der Skidi Running Scout erzählte Murie über die Herkunft der Sternenkarte eine äußerst interessante Mythe:

Eines besuchte Big Black Meteoric Star einen jungen Pawnee auf der Erde und nahm ihn mit hinauf in den Himmel an eine Stelle, wo ein „Stern\“ schwebte. Nach der Rückkehr zur Erde träumte der junge Indianer eines nachts, dass dies Sternenwesen ihm von einem Objekt auf einem bestimmten Hügel Kenntnis gab und ihm auftrug, dieses zu suchen und zu holen. Am nächsten Tag ging der junge Pawnee zu dem Hügel und fand dort ein Bündel, in dem sich eine Messingscheibe und die Sternenkarte befanden.

Über die Besitzverhältnisse dieses heiligen Artefaktes erfuhr Murie: Jedes Jahr habe man im Frühjahr und im Herbst ein Wettrennen veranstaltet von einer Erdhütte zum Fluß. Der schnellste Renner bekam die Karte, und die ganze Veranstaltung schloss mit einer „Großen Waschzeremonie\“.

Der Zustand der Sternenkarte bei Ankunft im Field Museum ließ in der Tat auf einstmaligen regen Gebrauch schließen.

Christine Danziger, Konservator in der Abteilung für Anthropology dieses Museums, ließ winzige Proben von der Oberfläche entnehmen, um die Farbpigmente analysieren zu lassen. Das Ergebnis: alle drei verschiedenen Farben – rot, schwarz und gelb – waren mineralischen Ursprungs. Die Tierhaut erwies sich als auf Indianerart gegerbt. Das – wenn auch noch nicht einwandfrei bestimmte- hohe Alter der Karte zeigte, dass sie ohne jegliche Beeinflussung durch Europäer entstanden war.

Was zeigt diese Karte? Man sieht auf ihr elf Sternbilder, zwei Doppelsterne, Sternengruppen und die Milchstraße, die sich wie ein Band durch die Mitte der Karte zieht.

Es gab mehrere Versuche, die Sterne und Sternbilder zu identifizieren. Einige der Sternengruppen stimmen grob mit der Wirklichkeit überein, andere wieder stehen offensichtlich seitenverkehrt zur Milchstraße; manche Sternbilder enthalten mehr Sterne, als man mit bloßem Auge sehen kann! Bis heute ist die Identifikation dieser Konstellationen und Einzelsterne noch immer umstritten. Bei den vier „Weltallquadranten-Sternen\“ – White Star, Yellow Star, Red Star und Black Star – tippt man auf Sterne wie Sirius, Capella, Antares, Deneb, aber auch Spika, Aldebaran oder Regulus. Ihre Identität ist anscheinend verloren gegangen. Einigkeit herrscht unter den Astronomen, die sich mit der Karte befassten, nur über den Nordstern, den sie einstimmig als Polarstern identifizierten. Doch schon beim Südstern gibt es keine Einigung, im Gespräch sind Deneb und Sirius.

Vollends verwirrend wird es beim Morgenstern und beim Abendstern, den beiden wichtigsten Sternen der Skidireligion. Erst einmal muss man wissen, dass die Bezeichnung Abend- bzw. Morgenstern wohl erst aufkam, als die Pawnee zunehmend von den Weißen beeinflusst (und überrannt!) wurden. Die Skidibezeichnungen lauteten Heller Stern und Großer Stern. Haben sich die Astronomen und Ethnologen beim Abendstern vorläufig auf den Planeten Venus geeinigt, so brachte die Identifikation des Morgensterns überraschende Schwierigkeiten. Mal wurde Mars, mal Venus in die engere Auswahl gezogen, auch Jupiter schien nicht abwegig. Konnten die Daten der schriftlich dokumentierten Morgensternopfer Aufschluss bringen?

Der Morgenstern (Skidi: Großer Stern, u-pirikucu) verlangte hin und wieder ein Menschenopfer als Gegenleistung für das erste Mädchen, das er zur Erde geschickt hatte. Das Opfer fand nicht in regelmäßigen Abständen statt, sondern immer dann, wenn Morgenstern einem Krieger im Traum erschienen war und diese Zeremonie „in Auftrag\“ gegeben hatte. Von diesem Zeitpunkt an nahm das Ereignis seinen seit uralten Zeiten vorgeschriebenen Verlauf: Informieren des Priesters, erste kleine Riten, Vorbereiten der Kostüme, das Öffnen des Morgensternbündels, Rauchopfer, Unterweisung der freiwilligen Teilnehmer durch den Priester, der Zug einiger Krieger in Feindesland, um ein als Opfer geeignetes Mädchen zu rauben, die Rückkehr und die Übergabe des Mädchens an einen bestimmten Krieger. Nun kam die Zeit des Wartens – Tage, Wochen oder Monate -, bis der Priester feststellte, dass der Morgenstern am Himmel aufgetaucht war und nun sein Opfer verlange. Das untrügliche Zeichen für den Priester, dass der „richtige\“ Stern am Morgenhimmel erschien: eine Art roter Ring um ihn bzw. eine auffallende rötliche Ausstrahlung, eine Eigenschaft, die den Astronomen großes Kopfzerbrechen bereitet hat. Nun folgten die vier Tage der eigentlichen Opferzeremonie: der Visionär verkleidete sich als Morgenstern, er und das Mädchen bekamen rote Farbe ins Haar, symbolisch für die rote Farbe des Sterns; ein Holzgerüst wurde errichtet und aufgestellt, in einiger Entfernung in einer Mulde ein Feuer entfacht und neben dem Gerüst eine kleine Grube ausgehoben, die den wunderbaren Garten im Westen des Himmels darstellen sollte, aus dem all unser Getreide stamme. Am letzten Morgen wurde das Mädchen gebeten, die Querstangen des Holzgerüstes zu besteigen, dabei die Passage durch die verschiedenen Himmelsregionen imitierend, bis hin zum Morgenstern. Der ganzen Schar war dabei stets bewusst, dass die Sternenwesen wohlwollend von oben herabschauten und registrierten, was sich hier unten abspielte. Sobald dann der Morgenstern aufging, verrichtete ein auf das Mädchen geschossener Pfeil den tödlichen Akt, und das Morgensternritual war beendet.

Folgende Morgensternopfer sind dokumentiert worden:

1817: Im Jahr 1816 war ein Mädchen gefangen genommen worden, um im Frühjahr 1817 nach gut vorbereiteter Zeremonie geopfert zu werden. Als das Mädchen bereits das Holzgerüst erklettert hatte, stürmte der Pawnee Pi-tari-sa-ru heran, rettete es in letzter Minute vor dem tödlichen Pfeilschuss und verschwand mit ihm hoch auf einem Pferderücken. Diese gute – oder unverzeihliche – Tat, je nach Standpunkt, machte den Indianer weit berühmt, doch die Skidi gaben so schnell nicht auf. Man fing einen spanischen Jungen, bereitete ihn für das Opfer vor – doch vergebens: er konnte entfliehen. Im Juni 1818 erreichte er seine Landsleute und sorgte für Schlagzeilen in der Presse.

1827: Diesmal war ein junges Cheyenne-Mädchen gefangen genommen worden und sollte geopfert werden. Am 11. April, just zum „richtigen Zeitpunkt\“, tauchte zufällig der Indianeragent John Dougherty mit einigen Begleitern im Dorf auf – der Vier-Tage-Event wart bereits im vollen Gange -, und es gelang ihm, den Häuptling und andere wichtige Dorf-VIPs zu überreden, das Mädchen freizulassen. Doch als es aus dem Dorf geführt wurde, traf es der Pfeil eines der Zeremonieteilnehmer tödlich; das Morgensternopfer war vollzogen, wenn auch auf unvorschriftsmäßige Weise.

Am 22. April des Jahres 1838 wurde ein Oglala-Sioux-Mädchen dem Morgenstern geopfert.

Einige weitere Opfer mögen stattgefunden haben, ohne dass die Weißen davon Kenntnis bekamen. Nach 1838 fanden dann wahrscheinlich nur noch unblutige Morgensternopfer statt, so in den Jahren 1902, 1905 und 1915.

Im Jahr 1905 wurde von einer Gruppe Pawneeindianer ein letztes Mal eine Erdhütte nach alten Vorschriften errichtet, um Zeremonien abzuhalten. In der darauffolgenden Zeremonie, nach Aufgang des Morgensterns, wurde diesem u.a. in einem Gesang mitgeteilt, dass man ihm nun keine Menschenopfer mehr bringen könne.

Für die Identifizierung des Morgensterns standen also einige Datumsangaben zur Verfügung. Groß war die Überraschung der Astronomen und Ethnologen, als sich herausstellte, dass zu den bekannten Zeiten mal Venus, mal Mars als Morgenstern am Himmel gestanden hatte.

Es ist schwer zu glauben, dass die Pawnee-Priester, die so kontinuierlich die hellen Himmelsobjekte beobachteten, nichts davon gewusst haben sollen, dass Venus mal als Morgenstern, mal als Abendstern am Himmel stehe; das gleiche Aussehen, der Wechsel vom Morgen- zum Abendhimmel und die Tatsache, dass dieser Stern niemals an beiden Orten gemeinsam gesehen wurde, hätte zumindest nahe legen sollen, dass ihr Abendstern Teile seines Daseins am Morgenhimmel verbrachte. Gespräche eines Ethnologen mit Skidi-Indianern im Jahr 1906 ergaben, dass diese davon keine Ahnung hatten.

Der Astronom Von Del Chamberlain vermutete, dass der Priester nach dem In-Auftrag-Geben des Opfers durch die Traumerscheinung eines Sternenwesens so lange den Himmel beobachtete, bis ein passender Morgenstern am Himmel stand, und das konnte dann entweder Venus oder Mars sein; sobald er auftauchte, spielte er seine Rolle als DER Morgenstern für die Zeremonie. In einigen Fällen – astronomisch zurückgerechnet – schien sogar Jupiter diese Rolle gespielt zu haben. Welcher Stern oder welches Himmelsobjekt der ursprüngliche Morgenstern dieser Zeremonie war, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Was, wenn das ursprüngliche Himmelsobjekt gar kein Stern war? Man erinnere sich an die Mythe, die davon berichtet, dass einst ein Pawnee-Indianer zu einem am Himmel schwebenden\“Stern\“ gebracht wurde und wieder zur Erde zurück; weitere Mythen berichten von diesem besonderen „Stern\“ und erwähnen einen roten Ring – was nicht zu den uns bekannten Sternen zu passen scheint und die Identifikation für heutige Astronomen so schwer macht.

Die weitere Erforschung der Skidi-Sternenkarte – bis heute im Field Museum of Natural History in Chicago vorhanden – im Zusammenhang mit den Pawnee-Überlieferungen über die Sterne und Sterngruppen, mag noch manche Überraschung bereit halten. Es ist schade, dass so viele Informationen, so viel Wissen, so viele Sternennamen verloren gingen, doch die Daten, die sich bis heute erhalten haben, bieten noch eine Menge Stoff für weitere Spekulationen und Erkenntnisse.

Das Morgensternopfer der Skidi ist einmalig unter den nordamerikanischen Indianervölkern. Einige Ethnologen sehen darin eine Parallele zu den Azteken, die ebenfalls ein Pfeilopfer an einem Holzgerüst kannten vor einem Tempel mit einem Heiligen Bündel. Woher die Pawnee bzw. die Caddo-Völker ursprünglich stammen, ist noch unbekannt, doch vermuten einige Ethnologen bzw. Archäologen, dass sie aus dem Süden kamen, vielleicht von Mexiko und über Texas und Louisiana nach Nebraska und Kansas wanderten, wo die Pawnee im 15. Jahrhundert stellvertretend für die Plainsindianer waren.

Unbekannt ist auch die Antwort auf die gerade für die Paläo-SETI-Forschung interessante Frage nach der Ursache für die streng astronomische Ausrichtung ihrer Siedlungen. Sollte hier für die nachfolgenden Generationen irgendein Wissen erhalten werden? Das Wissen um eine bestimmte Örtlichkeit am\“Himmel\“ bzw. im All? Diente dazu auch die Sternenkarte mit ihren noch unerklärten Abweichungen vom heutigen Sternenhimmel? So konnte schon Ralph Buckstaff, der 1927 als erster versuchte, die Sterne der Karte zu identifizieren, nicht erklären, warum einige Sterne in korrekten Positionen waren, andere aber nicht. Seine Vermutung um „künstlerische Schwierigkeiten des Malers\“ muss nicht stimmen. Wer weiß, welche Botschaft in der Karte gefunden werden kann, wenn sich ein unvoreingenommener Astronom, der außerdem die Skidi-Mythen ernst nimmt, mit ihr befassen würde.

In der Paläo-SETI-Forschung ist längst bekannt, dass auch in anderen Ländern und Kulturen astronomische Daten in Bauten oder Zeremonien übermittelt wurden. Die Skidi hatten einen guten Grund, ihre Siedlungen astronomisch auszurichten und wussten, dass sie dazu von den die Erde besuchenden Sternenwesen angeleitet worden waren. Hoffen wir, dass die Archäologen die einstmalige Lage der Skidi-Siedlungen rekonstruieren können, was bisher nur teilweise geschehen ist.

Literaturverzeichnis

Buckstaff, R. (1927): Stars and Constellations of a Pawnee Sky Map. In: American Anthropologist 19, Washington 1927

Chamberlain, Von Del (1982): When Stars Came to Earth. Los Altos

Dorsey, George A. (1904): Traditions of the Skidi Pawnee. Boston, New York

Dorsey, George A. (1906): The Pawnee: Mythology. Washington D.C.

Gilmore, Melvin R. (1930): The Arikara Tribal Temple. Papers of the Michigan Academy of Science, Arts and Letters 14, Ann Arbor 1930

Fletcher, Alice C. (1981): Starcult among the Pawnee. In: American Anthropologist 4, 1981

Fletcher, Alice C. (1903): Pawnee Star Lore. Journal of American Folk Lore. 16, 1903.

Murie, James R. (1981): The Ceremonies of the Pawnee. Washington D.C.

Schoolcraft, Henry Rowe (1855): Informations Respecting the History, Condition and Prospects of the Indian Tribes of the United States. Vol 5, Philadelphia 1855

Schroeter, Willy (1994): Religion und Mythologie der Pawnee. Wyk auf Föhr

Wedel, Waldo (1936): An Introduction to Pawnee Archaeology. Washington D.C.

Wellfish, Gene (1977): The Lost Universe. Lincoln