In unserer Reihe ausgesuchter, historischer Beiträge zur alternativen Archäologie veröffentlichen wir den 1930 erstmals erschienenen Artikel ‚Der Sonnentempel in den Ruinen von Tihuanacu‘ von Rolf Müller (ehemals: Astronom der Universität Potsdam). Rolf Müller unterstützt darin den deutsch-bolivianischen Prof. Posnansky durch den Versuch einer astronomischen Altersbestimmung der Kalasasaya der Ruinenstadt Tiwanaku.

Versuch einer astronomischen Altersbestimmung

Einleitung

In La Paz, der Hauptstadt Boliviens, wurde einige Jahre hindurch (1926-29) mit Unterstützung der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft von den Sternwarten Potsdam und Bonn eine astronomische Beobachtungsstation unterhalten. Während meines Aufenthaltes (1928-29) daselbst als Leiter dieser Station hatte ich Gelegenheit, die Ruinenstätte kennenzulernen und eingehend zu studieren.

Das Alter dieser Ruinen wird im allgemeinen hoch veranschlagt, doch schwanken diese Altersangaben in sehr weiten Grenzen. Während manche Autoren glauben, daß die Ruinen aus einer viele Jahrtausende vor Christi Geburt gelegenen Zeit stammen, verlegen andere ihre Entstehung in das erste Jahrtausend nach Christi Geburt und betrachten Tihuanacu als mehr oder minder unmittelbaren Vorläufer der Inka-Kultur.

Auf die Möglichkeit einer astronomischen Altersbestimmung des großen sogenannten „Sonnentemples“ von Tihuanacu, der im indianischen Volksmund den Namen Kalasasaya führt [1], hat schon Posnansky im Jahre 1912 hingewiesen [2]. Weitere Arbeiten desselben Verfassers über die astronomische Bedeutung des Sonnentemples sind im Boletin der geographischen Gesellschaft La Paz (1918) und in den in Literatur-Anhang zitierten Zeitschriften erschienen [3].

Viele mehrtägige Studienreisen, die der Verfasser in Gemeinschaft mit Prof. Posnansky aus La Paz nach den Ruinenstätten unternahm, lieferten eine Fülle von neuen Beobachtungen und Vermessungen [4]. Die Ergebnisse unserer Arbeiten im Ruinenfeld sollen nunmehr dazu dienen, erneut die Berechtigung und Möglichkeit einer astronomischen Altersbestimmung des großen Sonnentemples Kalasasaya zu prüfen und kritisch zu diskutieren.

Es ist mir ein Bedürfnis, an dieser Stelle Herrn Prof. Posnansky Dank zu sagen, durch dessen Fürsorge und Unterstützung meine Arbeiten ermöglicht wurden. Der größte Teil der Originale für die Bildwiedergaben wurde mir von ihm zur Verfügung gestellt. Ganz besonderen Dank schulde ich Herrn Prof. Ludendorff; sein Rat und seine Anregung sind für den Fortgang meiner Arbeit von größtem Wert gewesen.

1. Beschreibung der Ruinen von Tihuanacu.

Tihuanacu liegt in einem breiten Tal, etwa 70 km von der Landeshauptstadt La Paz entfernt. Die wichtigsten Ruinen sind auf dem beigefügten Orientierungsplan eingezeichnet.

Orientierungsplan von Ruinenfeld von Tihuanacu.

Orientierungsplan von Ruinenfeld von Tihuanacu.

Ein in die Erde eingelassenes Gebäude von etwa 30 x 26 m Ausdehnung ist mit A bezeichnet. Es ist eins der ältesten Bauwerke der Tihuanacukultur, das im Vergleich zu den späteren Kulturen eine weit primitivere Bautechnik zeigt. Posnansky schreibt die Reste dieser Kultur einer „I. Periode“ zu. Eine eingehende Beschreibung der Bautechnik dieses und der späteren Gebäude und der aus den verschiedenen Bauperioden herrührenden Skulpturen gibt Posnansky in der im Verlag von Reimer (Ernst Vohsen) erschienenen Monographie [5].

Anschließend an A, im Westen, liegt der große Sonnentempel Kalasasaya (Orientierungsplan B), dessen Steinumzäunungen einen Flächenraum von mehr als 15000 Quadratmeter einschließen. Die Umfriedigung des Tempels bilden riesige, zum Teil sehr sorgfältig behauene Steinpfeiler, die in der West- und Ostwand aus harter andesitischer Lava, in der Nord- und Südwand aus rotem Sandsteinmaterial bestehen. Wahrscheinlich bestanden ehemals zwischen den großen Steinmonolithen Verbindungsmauern aus fein behauenen Steinen; im Laufe der Jahrhunderte ist dieses „fertige Baumaterial“ verschwunden, so daß heute Kalasasaya den Anblick eines Stonehenge bietet. Ein Rundgang durch den heutigen Ort Tihuanacu zeigt, welche Fülle von Baumaterial das Ruinenfeld hergeben mußte; Höfe und Straßen sind mit Tihuanacusteinen gepflastert, fast alle Häuser und vor allen Dingen die große Kirche, mit ihren meterdicken Wänden, entstanden unter Verwendung alter Bausteine.

Südliche Pfeilerreihe von Kalasasaya.

Abb. 1: Südliche Pfeilerreihe von Kalasasaya.

Der Tempel Kalasasaya gehört einer weit fortgeschrittenen Kulturperiode (II. Periode) an. Die Architektur und die Technik der Steinbearbeitung weisen auf eine gegenüber der I. Periode höhere Entwicklung hin. Bild 1 zeigt die südliche Pfeilerreihe des Tempels. Die Ausmaße des Gebäudes sind 118 x 129 m; auf der Westseite befindet sich, um mehr als 6 m nach außen gerückt, eine aus 10 Pfeilern bestehende Wand, so daß hier eine Art von Erker entstanden ist. Diese ausspringende Wand gehört wieder einer späteren Kultur an (III. Periode) . Ihre aus andesitischer Lava bestehenden gewaltigen Pfeiler zeigen keineswegs derartige Verwitterungen wie die Steine gleichen Materials in den anderen Umfassungsmauern. Die Abbildungen 2 und 3 zeigen den grossen Unterschied der Verwitterung. Die sorgfältige Verarbeitung des Steinmaterials deutet auf weiteren Fortschritt. Eine gewaltige Freitreppe führt auf der Ostseite zum Tempel hinan. Die wuchtige Plattform, mit der letzten Stufe aus einem Stück gehauen, läßt heute noch erkennen, daß sie als Träger vielleicht einer torartigen Konstruktion dienen sollte. (Bild 4). Fast in der Mitte des Tempels (nach Westen verschoben) liegt ein in zwei Hälften gespaltener Block, auf dessen Bedeutung bei den folgenden Untersuchungen noch hingewiesen werden soll. In der NW-Ecke des Tempels steht das berühmte Sonnentor (Bild 5), dessen Relieffiguren Zeugnis von der hohen Entwicklung der Steinbearbeitung ablegen. Das Tor, ungefähr 3,5 m lang, 3 m hoch, 0,5 m dick, ist aus einem Stück gearbeitet (Material: harter Andesit).

Vorspringende Erkerwand.

Abb. 2: Vorspringende Erkerwand.

Andesitpfeiler in der Ostwand des Tempels.

Abb. 3: Andesitpfeiler in der Ostwand des Tempels.

Die Freitreppe.

Abb. 4: Die Freitreppe.

Das Sonnentor.

Abb. 5: Das Sonnentor.

Aus den Befunden der Steinmauern und vor allen Dingen aus dem großen Unterschied der Verwitterung muß man, wie ich schon erwähnte, für Kalasasaya zwangsläufig auf zwei Zeitepochen schließen (II. und III. Periode), die zeitlich sehr wesentlich differieren. (Die unterirdische Konstruktion des Gebäudes A, das Posnansky als der I. Periode angehörig bezeichnet, soll außerhalb der Betrachtung bleiben.) Ehe nicht systematische, gründliche Ausgrabungen in den Ruinen ausgeführt sind, muß meiner Meinung nach die Frage offen bleiben, welcher Periode die gefundenen Skulpturen, Idole und vor allen Dingen die so hoch entwickelten Keramiken zuzuschreiben sind. Ich neige zu der Ansicht, daß die Glanzperiode Tihuanacus und auch die Entstehung des Sonnentores mit der Zeit der Errichtung der Erkerwand, also mit der III. Periode zusammenfällt. Allen Anzeichen nach lag das Sonnentor lange Zeiten hindurch mit der Reliefseite im Boden, so daß es der Zersetzungsarbeit der Zeit und der Zerstörungswut der eindringenden Eroberer wenig preisgegeben war. Aber auch die Rückseite, die Seitenflächen und die Kanten des Tores zeigen im Vergleich zu den Andesitpfeilern des eigentlichen Tempels der II. Periode kaum Spuren der Verwitterung, so daß obige Ansicht über das Alter des Tores eine wesentliche Stütze erhält.

Westlich von Kalasasaya, im Übersichtsplan mit C bezeichnet, findet man Mauerreste eines größeren Gebäudes. Die Grundpfeiler aus hartem Andesit, die nur etwa 0.5 – 1.0 m aus der Erde ragen, sind sehr sorgfältig behauen und poliert. Die schnurgerade Ausrichtung der Pfeiler in den Umgrenzungswänden, deren Seitenlängen 40 x 49 m sind, ist erstaunlich.

Eine besondere Anlage ist der künstliche Berg Akapana (Plan D), der durch gewaltige Mauern befestigt und gestützt ist. Nicht ganz einen Kilometer südwestlich von den eigentlichen Ruinen Tihuanacus befinden sich die Reste der Stätte Puma Puncu. Es sei hier nochmals auf die eingehende Beschreibung der Ruinen in Posnanskys Monographie [6] hingewiesen.

2. Astronomische Probleme und Meßresultate.

Die geographische Ortsbestimmung ergab folgende Werte:

Geographische Breite = – 16° 34.9′
Geographische Länge = 4h 35.3m westlich Greenwich
Meereshöhe = 3845 m

Die Untersuchungen in dieser Arbeit beziehen sich hauptsächlich auf den Sonnentempel Kalasasaya.

Das eigentliche Gebäude der II. Periode (ohne den vorgeschobenen Erker) ist fast genau nach den vier Himmelsrichtungen orientiert, also derart, daß die West- und die Ostwand sehr nahe im Meridian, die Süd- und die Nordwand sehr nahe in der West- Ostrichtung verlaufen. Ost- und Westwand resp. Nord- und Südwand sind innerhalb der Grenzen der Meßgenauigkeit parallel zueinander, da aber die Eckwinkel nicht genau 90° betragen, so sind die Abweichungen gegen die Haupthimmelsrichtungen für Ost- und Westwand größer als für Süd- und Nordwand. Die Skizze in Figur 1 zeigt, zur besseren Anschauung sehr weit überzeichnet, die Winkelabweichungen, deren Bestimmung folgende Werte ergab:

Eckwinkel
SW SO NO NW Beobachter
90° 19′ 89° 37′ 90° 21′ 89° 43′ Posnansky
90° 29′ 89° 29′ 90° 27′ 89° 36′ Kohlschütter
90° 19′ —– —– —– Müller
90° 22′ 89° 33′ 90° 24′ 89° 40′ Mittelwerte

Daraus ergibt sich für die Eckwinkel im Mittel: 90° ± 23′.

Die Bestimmung der Azimute der vier Tempelwände mit Hilfe der Sonne gab folgende Werte:

Südwand Westwand Nordwand Ostwand Beobachter
89° 24′ 358° 55′ 89° 20′ 358° 53′ Kohlschütter-Becker
89° 12′ 358° 52′ —– 359° 4′ Müller

Die Eckwinkel in Kalasasaya weichen von Rechten ab. Übertriebene Darstellung.

Figur 1. Die Eckwinkel in Kalasasaya weichen von Rechten ab. Übertriebene Darstellung.

Aus der in Figur 1 eingezeichneten Windrose, die die wahren Himmelsrichtungen gibt, ist der Sinn der Abweichung sogleich ersichtlich. Für die West- und Ostwand ergibt sich im Mittel eine Abweichung von:

1° 4′ (Abweichung nach Osten bei Blickrichtung nach Süd).

Wie bei allen hier abgeleiteten Resultaten unterliegt die genaue Festlegung der Richtungen dieser über 100 m langen Pfeilerwände und auch die Festlegung der Ecken einer gewissen Unsicherheit, die ihren Grund in der mehr oder weniger starken Verwitterung und auch in der nicht mehr ganz lotrechten Lage einiger Pfeiler hat. Diese Umstände bedingen also im Wesentlichen die Fehlergrenzen, während die Instrumentalfehler dagegen verschwindend klein bleiben.

Die von Posnansky durchgeführte große Triangulation von Kalasasaya [7], [8] ergab folgende Seitenlängen: Ostwand = 118,30 m; Westwand = 118,22 m; Südwand = 128,91 m; Nordwand = 128,58 m. Von mir ausgeführte Triangulationen führten zu neuen Bestimmungen der Seitenlängen (in folgender Tabelle in Klammern gesetzt) die, mit Posnanskys Werten gemittelt, die endgültigen Längen ergeben:

Ostwand =118.39 m (118.48)
Westwand =118.23 m (118.23)
Südwand =128.76 m (128.61)
Nordwand =128.57 m (128.56)

Es ist erstaunlich, mit welcher Genauigkeit man, trotz der großen Ausmaße, die Längen gegenüberliegender Seiten nahezu gleich machte, und es ist wohl anzunehmen, daß in Wirklichkeit die Übereinstimmung noch besser war, denn in Folge der Verwitterungen hängt grade die Bestimmung der Ecken sehr von der persönlichen Auffassung ab. Hier sei noch bemerkt, daß der Eckpfeiler in der SW-Ecke vor einigen Jahren gesprengt worden ist, so daß man diese Ecke nur durch Projektion festlegen kann.

Figur 2

Figur 2. Der Winkelwert, der sich trigonometrisch aus dem Verhältnis der Tempelseiten ergibt, ist annähernd gleich dem Winkelwert der Amplitude der Sonnenaufgänge zwischen den beiden Solstitien.

Die Figur 2 gibt einen Aufriß des Tempels (ohne den Erker) wieder. Denke ich mir im Punkt M, der Mitte der Westwand, also vor Ausbau des Erkers der III. Periode, einen Beobachter, der zu den abgrenzenden Eckpfeilern A, B in der gegenüberliegenden Ostwand schaut, so wird die Blickabgrenzung durch den Winkel (a) gemessen. Die Größe dieses Öffnungswinkels kann durch elementare trigonometrische Rechnung aus dem Längenverhältnis der Tempelseiten errechnet werden. Allgemein hat man für den halben Winkel die Beziehung:

Tangente (a / 2) = (a / c) oder = (b / c)

Rechne ich mit den oben gegebenen Seitenlängen die Größe des Sehwinkels (a) aus, so erhalte ich:

(a / 2) = 24° 41.45′ und damit (a) = 49° 22.9′ [9]

Von den zahlreichen direkten Theodolitmessungen dieses Winkels führe ich nur die neueren an:

Winkel (a) Beobachter
49° 28′ Kohlschütter-Becker 1927
49° 15′ Posnansky 1927
49° 26.3′ Müller 1928
49° 27.3′ Müller 1928
49° 19.6′ Müller 1929
49° 20.1′ Müller 1929

Der Mittelwert aus diesen 6 Bestimmungen wird = 49° 22.7′. Aus den Abweichungen der einzelnen Beobachtungen gegen diesen Mittelwert erhält man für die Unsicherheit folgende Übersicht. Es ist:

Der mittlere Fehler einer Beobachtung = ± 5.2′
Der mittlere Fehler des Resultates = ± 2.1′
Der wahrscheinliche Fehler einer Beobachtung = ± 3.5′
Der wahrscheinliche Fehler des Resultates = ± 1.4′

Der Aufgangspunkt der Sonne, dessen Richtung (Azimut) zur Zeit der Tag- und Nachtgleichen (Aequinoktien) am 21. März und 23. September genau in Osten liegt, verschiebt sich bis zum Tage der Sonnenwenden (Solstitien) im Juni resp. Dezember um einen größten Betrag nach Norden resp. Süden. Die Größe dieses Winkelausschlages (Amplitude) von Solstitium zu Solstitium hängt von der Schiefe der Erdbahn (Ekliptik) gegen den Erdäquator und von der geographischen Breite des Beobachtungsortes ab. Die im Junisolstitium im wahren Horizont in Tihuanacu halb aufgegangene Sonne hat 1930 eine Abweichung von 24° 32.1′ nördlich der Ostrichtung; um den gleichen Betrag geht sie im Dezembersolstitium südlich der Ostrichtung auf. Die Amplitude zwischen den beiden Daten der Sonnenwenden beträgt also 49° 4′. Der in dem Tempel enthaltene Winkel (a) = 49° 22.8′, dessen Bedeutung durch die Figur 2 erklärt war, ist also nahezu ebenso groß. Wenn man bedenkt, daß eine Verkürzung oder Verlängerung eines der Seitenpaare um nur 2 \% die Größe des Winkels (a) um fast einen Grad (0.9°) ändert, so ist es wenig wahrscheinlich, daß es sich hier um eine zufällige Gleichheit handelt.

Die Orientierung des Gebäudes nahezu im Meridian und das Seitenverhältnis der Tempelumgrenzung, das dem scheinbaren jährlichen Sonnenlauf angepaßt ist, lassen daher kaum einen Zweifel zu, daß wir es hier mit einer antiken Sonnenwarte zu tun haben.

Es hat danach fast den Anschein, als hätten die Priesterastronomen von Tihuanacu schon Mittel und Wege gekannt, um eine geographische Richtungsbestimmung vorzunehmen, oder als wären sie gar über die Neigung der Ekliptik gegen die Ebene des Erdäquators orientiert gewesen. Ich werde indessen im Folgenden einen Weg zeigen können, der, ohne große astronomische Kenntnisse vorauszusetzen, fast zwangsläufig zur Konstruktion einer Anlage wie Kalasasaya führt; dabei wird sich zeigen, daß die mehr oder weniger genaue Orientierung des Gebäudes nach den Haupthimmelsrichtungen fast von selbst zustande kommen mußte.

Es soll damit freilich keineswegs gesagt sein, daß die Erbauer des großen Sonnentempels eine direkte Meridianbestimmung nicht hätten vornehmen können; denn wer als aufmerksamer Beobachter die Ruinen besucht, wird auch heute noch der genauen Bearbeitung des Materials und der Bautechnik ganze Bewunderung zollen und eine hohe Meinung von jener alten Kultur gewinnen. So brauchte es nicht Wunder zu nehmen, wenn die Träger dieser Kultur etwa aus Kulminationen heller Fixsterne die Nord-Südrichtung hätten ermitteln können.

Uns heutige Kulturmenschen führen Kalender und Uhren durch Jahre, Tage und Stunden, und es ist uns daher oft schwer verständlich, welch zwingende Notwendigkeit die Gestirnsbeobachtung den in der Vorzeit lebenden Menschen war. Wie die heutigen, so waren auch die früheren Bewohner des Andenhochlandes ein Agrikulturvolk, das für die Erzielung guter Ernteerträgnisse dringend einer genauen Zeiteinteilung bedurfte. Es ist daher durchaus verständlich, daß sie sich eine Anlage zur Beobachtung der jährlichen Wanderung des Tagesgestirns schufen. [10]

Zum Verständnis der nachfolgenden Betrachtungen seien vorerst einige Messungs- und Rechnungsergebnisse besprochen:

Bei der Festlegung der Lage eines Sonnenaufganges mit bloßem Auge wird meiner Meinung nach der Moment bestimmend sein, zu dem etwa 1/4 bis 1/2 der Sonnenscheibe über dem Horizont erschienen ist. Die Unterschiede der Richtungen zwischen den beiden Extremen: „Oberer Sonnenrand erscheint im Horizont“, oder „unterer Sonnenrand berührt den Horizont“, sind klein. Figur 3 zeigt die Verschiebung am Horizont für das Dezembersolstitium in Tihuanacu, die also für die beiden Extreme nur 10′ beträgt. [11]

Bei allen Rechnungen ist der Einfluß der Strahlenbrechung (Refraktion) berücksichtigt. Herr Prof. Harzer in Kiel war so freundlich, die für die Höhe von 3850 m geltenden mittleren Refraktionswerte mitzuteilen.

Bewegung der Sonne.

Figur 3. Bewegung der Sonne von der ersten Randberührung (I) bis zur letzten Randberührung (III) mit dem Horizont. Mittelpunkt der Sonne steht im Horizont (II). Azimut südlich der Ostrichtung. Die Abbildung der Sonnenscheiben ist der besseren Anschauung wegen nicht maßstabgetreu.

Refraktionswerte für Tihuanacu: z = Zenitdistanz; R = Wert der zugehörigen Strahlenbrechung (Refraktion).

z R
83° 4’55“
84° 5’37“
85° 6’34“
86° 7’48“
87° 9’35“
88° 12’14“
89° 16’26“
90° 23’43“

Bei der Berechnung der Azimute muß eine etwaige Erhöhung des Horizontes durch nahe liegende Berge berücksichtigt werden. In Kalasasaya sind z. B. von der Mitte der Westwand aus (s. Fig. 2) die Horizontverhältnisse in südlicher Richtung (über B) andere wie nördlich über A. Man erhält für das Azimut der in Kalasasaya im Dezembersolstitium (1930) halbaufgegangenen Sonne den Wert: 24° 33.9′ ( I )

südlich der Ostrichtung, auf Grund der Rechnungsdaten :
Geographische Breite = – 16° 34.9′
Deklination = – 23° 27.0′
Refraktion = 0° 21.8′
Horizonthöhe = 0° 16′

Für das Junisolstitium liegt der Aufgangspunkt des Sonnenmittelpunktes: 25° 25.2′ ( II )

nördlich der Ostrichtung, auf Grund der Rechnungsdaten:
Geographische Breite = – 16° 34.9′
Deklination = + 23° 27.0′
Refraktion = 0° 10.2′
Horizonthöhe = 2° 47′

Die Gesamtamplitude der heute (1930) in Tihuanacu aufgehenden Sonne wird daher gleich ( I ) + ( II ) = 49° 59.1′ ( III )

Die wirklich im Tempel gemessene Amplitude, also der Winkel (a) in Fig. 2, ist gleich: (a) = 49° 22.8′ ( IV )

Die Differenz ( III ) – ( IV ), die zwischen der wahren heutigen Sonnenamplitude und dem gemessenen Winkel (a) besteht, beträgt 36′. Wir wollen annehmen, daß diese Differenz durch die Änderung der Schiefe der Ekliptik in der Zeit von der Anlage Kalasasayas bis zur Gegenwart zu erklären ist, indem wir die nähere Diskussion dieser Frage auf später verschieben. Wir haben dann also für die Zeit der Erbauung von Kalasasaya statt der Azimute ( I ) und ( II ) Winkelwerte von: 24° 16′ ( l a )und 25° 7′ (II a) zu nehmen, deren Summe = (a) und deren Differenz = ( II ) – ( I ) ist.

Von der Entstehung der Sonnenwarte kann man sich nun folgende Vorstellung machen, die zwar natürlich hypothetisch ist, aus der sich aber Folgerungen ergeben, die mit den Meßresultaten in Einklang stehen: Jahrelange Beobachtungen der auf- oder untergehenden Sonne lehrten die Priesterastronomen Tihuanacus die Wendepunkte der Sonne kennen. Von irgendeinem Beobachtungsplatz P aus fixierten sie z. B. die Richtungen der Sonnenaufgänge zur Zeit der Sonnenwenden und markierten sie schließlich durch monumentale Pfeiler A und B (Figur 4).

Sonnenaufgangspunkte.

Figur 4. Die Sonnenaufgangspunkte in den Solstitien liegen für einen Beobachter im Punkt P in Richtung der Pfeile A resp. B.

Aus Symmetriegründen wird man sich bemüht haben, die Entfernungen AP und BP annähernd gleich abzustecken, doch liegt meiner Meinung nach kein Grund vor, daß man darauf besonderes Gewicht legte, da man zunächst vielleicht noch gar nicht die Absicht hatte, dieser rein astronomischen Anlage einen monumentalen Charakter zu verleihen. Dazu entschloß man sich vielleicht erst später, und die Entstehung des Tempelbaues war dann durch die drei Festpunkte P, A, B in folgender Form gegeben:

Zwischen den Eckpfeilern A und B zog man die östliche Wand und legte parallel dazu durch P die Westwand fest. Dazu senkrechte Wände durch die Ecken A und B vollendeten den Bau. Wie bei der Besprechung der Tempelausmaße (S. 127) gezeigt wurde, ist diese Senkrechtstellung nicht ganz gelungen.

Wie lang man auch immer die Entfernungen PA und PB wählt, stets bleibt das Verhältnis der Tempelseiten das gleiche, es entspricht immer dem Spielraum der Sonnenaufgangspunkte von Solstitium zu Solstitium. Sind die Horizontverhältnisse in Richtung A und B die gleichen, und sind die Entfernungen PA und PB genau gleich lang, so ist auch der Tempel im Meridian orientiert. [12] Diese beiden Bedingungen sind indessen nicht streng erfüllt, so daß man auf Grund der gegebenen Verhältnisse eine Meridianabweichung zu erwarten hat, die im vorliegenden Falle 1° 4′ beträgt. Die Verschiedenheit der Horizontverhältnisse (die Horizonterhöhung in A beträgt 2° 47′, die in B 0° 16′) allein bedingt eine Meridianabweichung für Ost- und Westwand von 0.43°, der restlich bleibende Fehler: 1.07° – 0.43° = 0.64° findet seine Erklärung, wenn man annimmt, daß die Entfernungen PA und PB (Figur 4) nicht gleich lang abgesteckt wurden; und zwar muß PB etwa um 1.5 Meter länger gewählt sein als PA. Nach Aufbau des Tempels in der angegebenen Weise kam dann der Punkt P nicht mehr in die Mitte der Westwand zu liegen, sondern lag zwangsmäßig um rund 1 m nach Norden verschoben. Hätte man übrigens die Senkrechtstellung der Wände genau durchgeführt, so wäre diese Verschiebung des Beobachtungsplatzes P gegen die Mitte fast doppelt so groß geworden. Es ist daher gut denkbar, daß ganz bewußt diese kleine Abweichung der Eckwinkel von 90° durchgeführt wurde.

Die Sachlage ist demnach so: Der Beobachter in der Westwand mußte, wenn er die Sonne in den beiden Solstitien über den Eckpfeilern aufgehend beobachten wollte, um rund 1 m von der Mitte der Westwand nach Norden gehen, dann werden die Entfernungen vom Beobachtungsplatz zu den fraglichen Ecken ungleich lang. [13]

Infolge der Exzentrizität der Erdbahn wird das Jahr durch die beiden Solstitien und die beiden Aequinoktien nicht in 4 gleiche Teile von 91.3 Tagen geteilt, sondern die Zwischenzeiten sind:

Dezembersolstitium – 89.0 Tage
Märzäquinoktium – 92.8 Tage
Junisolstitium – 93.6 Tage
Septemberäquinoktium – 89.8 Tage
Dezembersolstitium

Jahresbahn der Sonne

Figur 5. In ihrer Jahresbahn braucht die Sonne vom nördlichen Wendepunkt (Wn) bis zum Tag des Aequinoktiums (Ae) 93 Tage, zum gleichen Weg von (Ae) bis zum südlichen Wendepunkt (Ws) nur 89 Tage.

In der Figur 5 soll der Kreisbogen einen Teil des wahren östlichen Horizontes darstellen. Die Punkte Wn und Ws sind die Wendepunkte; zur Zeit des Aequinoktiums (Tag- und Nachtgleiche) geht die Sonne im Osten auf. Infolge der Exzentrizität der Erdbahn durchwandert die Sonne die gleichen Strecken Wn, Ae = Ae, Ws in 93,2 resp. 89.4 Tagen (Mittelzeiten).

Der Tag des Aequinoktiums hat in der geographischen Breite von Tihuanacu keine ausgeprägte Bedeutung, da die Tageslängen dort viel weniger variieren als etwa in unserer Breite. Als Kalenderdaten viel wichtiger sind daher die Tage, die in der Mitte zwischen den Solstitien liegen; es ist dies der 24. März und der 21. September. In den Aequinoktien, also am 21. März und 23. September, geht die Sonne genau im Ostpunkt des wahren Horizontes auf, an beiden genannten Tagen offenbar etwas nördlich davon. Wenn man daher den Sonnenaufgangspunkt an diesen Tagen des Jahres von unserem Beobachtungsstand P in der Westwand festlegen wollte, so mußte man ein Markierungsmal jedenfalls (von der Ostrichtung) nach Norden zu verschieben. Rechnerisch ergibt sich unter Berücksichtigung der Horizonterhöhung über dem Ostpunkt (1° 34′) und der wirklichen Tempelorientierung diese Verschiebung zu 1.1 Meter gegen die wahre Mitte der östlichen Tempelwand.

Einleitend erwähnte ich, daß sich in der Ostwand die monumentale Freitreppe, eingerahmt von zwei gewaltigen Pfeilern, befindet. Der Mittelpunkt der Freitreppe liegt nach meinen Messungen 1.2 m nördlich der Mitte der Wand. Zweifellos ist dies kein Fehlerspielraum, denn jene gewissenhaften Baumeister verlegten ein solches imposantes Bauwerk sicherlich nicht über 1 m unsymmetrisch. Die obigen Ausführungen zeigen vielmehr beweisend genug, daß wir in der verschobenen Freitreppe das Kalendermal für die Mittelzeit zwischen den beiden Solstitien haben.

Meine hier skizzierten Anschauungen über den Aufbau des Tempels erhalten also durch die Meßergebnisse Stütze auf Stütze, und man erklärt so, ohne große astronomische Kenntnisse vorauszusetzen, zwangsläufig den Aufbau des Tempels. Lediglich aus dem Gedanken der Kalendernotwendigkeit heraus haben die Sonnenpriester von Kalasasaya Erfahrungen und Beobachtungskenntnisse gesammelt, die dann schließlich zur Anlage des steinernen Sonnenkalenders führten.

Bevor ich im folgenden Kapitel Berechtigung und Möglichkeit einer astronomischen Altersbestimmung behandle, will ich ausdrücklich betonen, daß diesen Betrachtungen die Voraussetzung zu Grunde liegt, daß wirklich Kalasasaya die Stätte eines alten Sonnenobservatoriums war. Ich denke, die vorangehenden Ausführungen lassen hierüber kaum Zweifel zu. Sollten aber, was schwer glaublich ist, die Orientierung oder die Ausmaße des Tempels rein zufällige sein, so ist auch der Zusammenhang mit dem Jahreslauf der Sonne ein zufälliger, und die Untersuchungen entbehren dann jeder Grundlage.

3. Die astronomische Altersbestimmung.

Die Neigung der Erdbahn (Ekliptik) gegen den Erdäquator (Schiefstellung der Ekliptik), ist gewissen Schwankungen unterworfen, über deren Größenordnung wir jedenfalls für die letzte Vergangenheit unterrichtet sind. Mit dieser Variation der Ekliptikschiefe ändert sich natürlich auch die Größe der Sonnenamplitude in den Solstitien. Es ist also durch Vergleich der in dem Tempel gegebenen und der heutigen Amplitude der Sonnenaufgangspunkte zwischen den Solstitien ein Weg gegeben, das Alter des Gebäudes abzuleiten.

Wie bereits erwähnt, hat Posnansky in vielen Arbeiten sich mit dieser Frage beschäftigt. Im Jahre 1926 erschien ein größeres Werk von Imbelloni „La Esfinge Indiana“ (Die Indianer-Sphinx) [14], in dem der Verfasser auch Stellung nimmt zur astronomischen Altersbestimmung Kalasasayas. Imbelloni übt scharfe Kritik an den Ansichten Posnanskys und kommt zu dem Schluß, daß nicht nur dessen ganze Rechnungen unsinnig und unhaltbar wären, sondern daß wohl überhaupt eine Altersbestimmung auf astronomischer Basis unmöglich sei. Gewiß ist an den frühesten Arbeiten Posnanskys (1912) manche Kritik berechtigt und Imbelloni zeigt mit Recht, daß auf solcher Grundlage einer astronomischen Altersbestimmung keine Berechtigung zukommt. Posnansky hat hier, ich möchte sagen, erste Arbeitshypothesen gegeben, die in seinen späteren Veröffentlichungen aus dem Jahre 1924 (siehe Literaturübersicht) modifiziert und berichtigt wurden. Diese Arbeiten Posnanskys übergeht Imbelloni in seiner „Esfinge Indiana“.

Wenn man schon diese astronomischen Fragen und Probleme, die Imbelloni auffallend oft elementar, einfach und bekannt nennt, diskutiert, dann soll man sie vorerst einmal gründlich studieren. Manche Mißverständnisse und falsche Vorstellungen z. B. über das Vorrücken der Aequinoktialpunkte und die Variation der Schiefe der Ekliptik wären dem Autor dann nicht unterlaufen. Wenn man, wie es Imbelloni tut, Fragen, die das Wesentliche nicht treffen, an eine astronomische Autorität stellt, so ist deren richtige Beantwortung keineswegs beweisend ! Wie wenig zutreffend Imbellonis Ausführungen sind, geht aus folgendem hervor: Er errechnet das Winkelmaß, das aus dem Seitenverhältnis der Tempelseiten folgt (Winkel (a) Fig. 2). Hierbei setzt er die längere Seite nicht gleich 129 m, sondern gleich 135 m, das ist also das Maß der längeren Tempelseite einschließlich des Erkervorsprunges der Westwand der III. Periode; der so erhaltene Winkelwert, der natürlich kleiner ausfällt, wird dann von Imbelloni mit der heutigen Schiefe der Ekliptik verglichen und es wird bei dieser Überlegung dann noch vergessen, den Polhöheneinfluß zu berücksichtigen, der um 2.2° beträgt !

Eine solche Kritik an den ersten Versuchen Posnanskys, bei denen noch die nötigen Beobachtungsdaten fehlten und die Problemstellung noch nicht gründlich durchdacht war, ist an sich natürlich völlig belanglos, da aber meines Wissens diese Arbeit Imbellonis die einzige ist, die sich neben Posnanskys Veröffentlichungen mit dem Fragenkomplex der Altersbestimmung beschäftigt, sollte sie hier nicht unerwähnt bleiben.

Skizze zu den Berechnungen

Figur 6.

Wie schon eingehend erörtert, ist die Schiefe der Ekliptik nicht konstant, sondern sie ändert sich zur Zeit um einen jährlichen Betrag von etwa 0.5″ (Bogensekunden). Die neuesten Untersuchungen zeigen, daß sich die Änderung der Schiefe der Ekliptik am besten durch folgende Formel darstellen läßt:

(eps) = 23° 27′ 8.26″ — 468.44″ (t) — 0.60″ (t 2)+ 1.83″ (t 3) [15]

(Formel der internationalen Ephemeridenkonferenz in Paris 1911). Es ist (t) in Tausenden von Jahren gerechnet, (t) = 0 im Jahre 1930 n. Chr.

Wenn man mit dieser Formel die Schiefstellung der Ekliptik für die vergangenen Jahrtausende berechnet, so kann man die erhaltenen Werte in einer Kurve darstellen wie sie Figur 6 zeigt (ausgezogene Kurve). Danach hat mit einem Wert (eps) = 24° 15′ um 7000 vor Chr. die Schiefe der Ekliptik ihren größten Wert erreicht. Es ist interessant, einmal die geschichtlich einigermaßen verbürgten Daten früherer Bestimmungen der Ekliptikschiefe (eps) zu betrachten, die ich aus dem Handbuch der Astronomie von R. Wolf entnahm. [16] Die Schiefe der Ekliptik war danach:

Autor Ort Zeit (eps)
Tschou-Kung China um 2100 v. Chr. 23° 54.0′
Eratostenes Alexandrien um 220 v. Chr. 23° 45.1′
Albategnius Damaskus 879 n. Chr. 23° 35.7′
Ulugbegh Samarkand 1437 n. Chr. 23° 31.8′
Bradley Greenwich 1750 n. Chr. 23° 28.3′

Diese Werte sind in dem gegebenen Diagramm Figur 6 eingezeichnet (o); man sieht, daß die Abweichungen gegen die Kurve nicht unbeträchtlich sind. Man muß aber auch bedenken, daß besonders die ältesten Überlieferungen und Wertangaben für die Schiefe der Ekliptik als recht unsicher zu werten sind. Die dargestellte Variationskurve hat also strenge Gültigkeit nur für ein zeitlich kleines Intervall, als Extrapolationskurve für große Zeiträume kommt ihr nur bedingt Geltung zu.

Ändert man in der Variationsformel den Faktor von (t 3) in 4.2 um, so verläuft die so errechnete Kurve (gestrichelt) durch das älteste chinesiche Datum. [17]

Vergleicht man die in dem Tempel enthaltene Amplitude (s. S. 128) von 49° 23′ mit dem für 1930 gültigen Werte von 49° 59′ so ergibt sich eine Differenz von 36′, deren Hälfte 18′ beträgt. Die mittlere Schiefe der Ekliptik ist (eps) (1930) = 23° 27′, so daß wir für die Zeit der Erbauung von Kajasasaya einen Wert von (eps) (Tih.) = 23° 9′ anzunehmen hätten.

Wir wollen zunächst rein formell den Gedankengang der Altersbestimmung weiterverfolgen, haben also den Schnittpunkt der beiden Kurven mit dem Wert (eps) (Tih.) = 23° 9′ aufzusuchen; es ergeben sich dann für das Alter von Kalasasaya die beiden Werte:

Aus Kurve 1: Rund 15000 v. Chr.
Aus Kurve 2: Rund 9500 v. Chr.

Diese Zahlenangaben haben, wie ich nochmals betonen möchte, nur formelle rechnerische Bedeutung, ich möchte aber ganz allgemein die Aufmerksamkeit auf folgende Tatsachen lenken:

1. Unsere Arbeitshypothese ergibt, daß um die Zeit der Entstehung des Tempels Kalasasaya die Schiefe der Ekliptik kleiner war als die heutige. Der Unterschied beträgt rund 20′.

2. Die Schiefe der Ekliptik, deren Wert heute (1930) 23° 27′ beträgt hat in historischer Vergangenheit größere Werte gehabt. Sicher verbürgt können wir aussagen, daß um 2000 – 3000 v. Chr. die Schiefe der Ekliptik eine Winkelgröße zwischen 23° 50′ bis 24° 0′ hatte. Mit den Werten (eps) zwischen 24° 0′ und 24° 3′ wird der Winkel zwischen der Ebene der Erdbahn und dem Erdäquator seinen größten Wert erreicht haben und in praehistorischer Vergangenheit kleiner gewesen sein.

Wenn man die sehr wenig wahrscheinliche Annahme macht, daß etwa vor 4000 v. Chr. die Schiefe der Ekliptik aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen rapide zunahm, d. h. also die Kurve damals viel steiler anstieg als in unserer Figur angegeben, so wird der Schnittpunkt einer solchen sehr hypothetischen Kurve mit dem (eps) (Tih.) = 23° 9′ immerhin als untere Grenze für Kalasasaya einen Wert zwischen 5000 – 6000 v. Chr. geben.

Bevor ich im folgenden Abschnitt noch weitere Bedenken kritisch diskutiere, möchte ich zusammenfassend das Ergebnis folgendermaßen formulieren:

„Die heutigen Kenntnisse über die Änderung der Schiefe der Ekliptik, die extrapolatorisch auf einen großen Zeitraum angewandt werden, geben unter gewissen eingehend diskutierten Arbeitshypothesen für den Sonnentempel ein ungeheures Alter.“

„Es muß angenommen werden, daß die Epoche von Kalasasaya spätestens um 6000 vor Christi Geburt liegt, ein noch größeres Alter ist wahrscheinlicher.“

Ein Einwand, welcher sich gegen die Altersbestimmung erheben läßt, ist der, daß der Beobachter nicht genau in der Westwand selbst seinen Beobachtungsplatz gehabt zu haben braucht. Wir führen damit natürlich eine gewisse Willkür ein, denn die Erbauer hätten dann nicht mehr die Umgrenzung des Tempels dem Sonnenlauf angepaßt.

Die Frage ist insofern von Bedeutung, als etwa 5 m von der Mitte der Westwand der II. Periode entfernt ein größerer Steinblock liegt, der in Bild 6 wiedergegeben ist. Die Lage des Steines, dessen Dimensionen 2.75 x 2.05 m betragen, ist aus dem im Anhang gegebenen Plan ersichtlich. Die Entfernung von der Mitte des Steines zur Westwand der II. Periode beträgt 5.4 m. Es muß in Erwägung gezogen werden, ob nicht dieser Stein ehemals die Beobachtungsplattform für die Sonnenbeobachtungen war. Es ist möglich, daß der Block, der durch Ausgrabungen freigelegt wurde, verschoben worden ist, jedoch kann es sich wohl nur um geringfügige Beträge handeln.

Der Steinblock

Bild 6. Der Steinblock.

Steht der Beobachter nicht in der Westwand, sondern innerhalb des Tempels, so wird der Winkel (a), dessen Wert für die Altersbestimmung maßgebend ist, größer (Figur 7).

Der Winkel (a) wird größer, wenn ein Beobachter innerhalb des Tempels steht.

Figur 7. Der Winkel (a) wird größer, wenn ein Beobachter innerhalb des Tempels steht.

Jedem Wert (a) ist nach den vorangehenden Ausführungen ein Wert (eps) (Schiefe der Ekliptik) zugeordnet. In der folgenden Übersicht sind nun für drei verschiedene Beobachtungspunkte die Werte von (a), (eps) und das aus der Variationsformel der Schiefstellung folgende Alter zusammengestellt:

Beobachter (a) (eps) Alter um
1. In der Westwand 49° 23′ 23° 9′ 15000 v. Chr.
2. Innerhalb des Tempels, Entfernung a = 1.8 m 49° 59′ 23° 27′ 1930 n. Chr.
3. Innerhalb des Tempels, Entfernung a = 5.4 m (Steinblock) 51° 16′ 24° 6′ 4000 und 10000 v.Chr.

Wir sehen, daß für 1. (eps) kleiner und für 3. (eps) größer ist als zur Jetztzeit 2., mit (eps) = 24° 6′ ergeben sich zwei Schnittpunkte mit der Variationskurve (2 Zeiten). Die in der Größenordnung naheliegenden hohen Alterswerte von 15000 resp. 10000 dürfen natürlich nicht beweisend in Zusammenhang gebracht werden; jede der beiden entsprechenden Hypothesen schließt unbedingt die andere aus.

Ich selbst glaube nicht, daß der Steinblock der Beobachtungsplatz war, und ich meine, daß die im vorangehenden Abschnitt dargelegte Erklärung und Deutung der Meßdaten recht sehr für die erste Hypothese spricht.

Es sei hier erwähnt, daß Posnansky (l. c.) auf Grund seiner geologischen und paläontologischen Studien glaubt, ein sehr hohes Alter für die Erbauung des Sonnentempels annehmen zu müssen. Uhle tritt den Ansichten Posnanskys keineswegs bei. [18]

Mauerreste innerhalb Kalasasayas lassen erkennen, daß man hier terassenförmig absteigend ein „Sanktissimum“ schuf. Für dieses Sanktissimum ist vermutlich der schon in der Einleitung erwähnte zweifach geteilte Block (wohl zu unterscheiden von dem früher besprochenen Beobachtungspunkt), den ich im Folgenden „Beobachtungsstein“ nennen möchte, von Bedeutung gewesen. Er liegt an der höchsten Stelle des Tempels, etwas außerhalb der Mitte, seine Südkante liegt in der Mittellinie des Gebäudes; es ist denkbar, daß nach Süden noch eine Fortsetzung des Steines gelegt werden sollte oder auch vorhanden war. [19]

Die NO-Ecke des Sanktissimum wird durch einen großen Eckpfeiler gebildet, der heute das einzige noch erhaltene Monument dieses Baues ist. (Bild 7.) Vom Beobachtungsstein sollte sicher auch dieser Eckpfeiler ein bedeutsamer Punkt für Sonnenbeobachtungen darstellen. Dieser Eckpunkt hat von der Mitte des Beobachtungssteines aus ein Azimut von: 24° 38′ ( a ) nördlich der Ostrichtung. Die Höhe des Horizontes ist hier 1.6°, das ergibt für die im Junisolstitium 1930 aufgehende Sonne (Mittelpunkt) ein Azimut von: 24° 59.3′ ( b ) nördlich der Ostrichtung.

Der heutige Wert der Schiefstellung der Ekliptik (eps) (1930) ist: 23° 27.0′ ( c )
Der Einfluß der Polhöhe, der Refraktion und der Horizonterhöhung auf dieses Rechendatum ist also gleich der Differenz (D) = ( b ) — ( c ).

(D) = 1° 32′

Ziehen wir diese Differenz (D) von ( a ) ab, so erhalten wir für das (eps) (Sanktissimum) den Wert: (eps) (S) = 23° 6′

Dieser Wert stimmt fast genau mit dem früher gefundenen überein (23° 9′) und gibt also auch für das Alter den so beträchtlich hohen Wert.

4. Die Erkerwand auf der Westseite des Sonnentemples.

Sorgfältig, fast schnurgerade ausgerichtet, stehen in sehr regelmäßigen Abständen im Westen des Sonnentempels 10 große Pfeiler, welche die Erkerwand der III. Periode bilden (Vgl. auch Bild 2).

Lage und Orientierung der 10 Pfeiler der Erkerwand im Westen des Sonnentempels.

Figur 8. Lage und Orientierung der 10 Pfeiler der Erkerwand im Westen des Sonnentempels.

Die Figur 8 zeigt die Lage dieser Steine und ihre Orientierung zum Beobachtungsstein B. Der Pfeiler 9 liegt am Boden, er sollte noch errichtet werden oder ist später umgestürzt worden. Zwischen dem gewaltigen Mittelpfeiler 5 und Pfeiler 4 fehlt ein Block; entweder hatte man ihn noch nicht fertiggestellt, oder er ist, wie so Vieles, später zum Bau von Kirchen, Brücken usw. verschleppt worden. Die Erkerwand ist, wie man aus Mauerresten erkennt, auf der Südseite über den Pfeiler 1 hinaus noch fortgesetzt worden. Die Ecken E1 und E2 lassen sich durch Projektion noch recht genau festlegen. (E2 ist der Eckpunkt der vorspringenden Wand mit der Westwand der II. Periode). Es scheint mir wahrscheinlich, daß man in E1 einen Pfeiler errichtet hat oder errichten wollte. Da die in Figur 8 gegebenen Abstände von Mitte zu Mitte der Pfeiler rechnen, stimmt auch die gemessene Distanz von 5.14 m zwischen Pfeiler 1 und E1 in die Regelmäßigkeit der Pfeilerabstände, wenn man nur annimmt, daß dieser Eckpfeiler E1 60 bis 70 cm Breite hatte. Die Breitendimensionen der 10 Pfeiler schwanken etwa zwischen 40 und 200 cm.

Man hätte meinen können, daß aus Symmetriegründen auch über den Pfeiler 10 hinaus nach Norden ein weiterer Ausbau vorhanden war. Ausgrabungen, die ich zur Entdeckung von alten Fundamenten hier vornahm, führten zu keinem Resultat.

Für einen Beobachter in der Mitte des Beobachtungssteines B bietet daher der Aufbau der Pfeilerreihe einen durchaus unsymmetrischen Anblick. Merkwürdig ist dabei, daß die Amplitude des Winkel zwischen Pfeiler E1 und 10, gemessen vom Beobachtungsstein B aus, 49° 18″ ( I ) beträgt, ein Wert, der fast genau mit dem für das Kalasasaya der II. Periode gefundenen von 49° 22.8′ übereinstimmt vgl. (S. 131). Da von B aus die Richtung nach Westen hart an der Nordkante des großen Mittelpfeilers vorbeiweist, und demnach E1 und Pfeiler 10 ganz unsymmetrisch zu dieser Richtung liegen, kann der Beobachtungsstein nicht etwa der Ort für Beobachtungen des Sonnenunterganges gewesen sein.

Dagegen ist es sehr plausibel, daß man von B aus Mondbeobachtungen anstellte, und das ist folgendermaßen zu erklären: Die Mondbahn ist um 5° 8.2′ gegen die Erdbahn (Ekliptik) geneigt, so daß also die Neigung der Mondbahn gegen den Erdäquator zwischen den Grenzen (eps) (Schiefe der Ekliptik) ± 5° 8.2′ schwanken kann. [20] Um die Jetztzeit [(eps) (1930) = 23° 27′] sind diese Grenzen:

a) 28° 35′
b) 18° 19′

Der Zyklus, in dem sich diese Variation der Mondbahnneigung gegen den Erdäquator, vom größten Neigungswert a) über den kleinsten b) bis wieder zum größten a), abspielt, beträgt 18 Jahre. Jnnerhalb von 9 Jahren verschiebt sich also der extreme Auf- oder Untergangsort des Mondes um beträchtliche Weiten am Horizont (mehr als 10°).

Den alten Beobachtern in Tihuanacu sind natürlich die Maximal- und Minimalamplituden der Monduntergänge nicht unbekannt geblieben, und es ist denkbar, daß man den untergehenden Mond bei der größten Bahnneigung a) über der Ecke E1 beobachtete, im Norden aber durch den Pfeiler 10 die Untergangsrichtung bei der kleinsten Bahnneigung b) markiert war. Unter Berücksichtigung der Horizonterhöhung und der Refraktion sind vom Beobachtungsstein B aus die Azimute des heute (1930) untergehenden Mondes:

a) Richtung über E1 (größte Bahnneigung) = 29° 11′ ( II )
b) Richtung über Pfeiler 10 (kleinste Bahnneigung) = 19° 14′ ( III )

Die Amplitude für die beiden betrachteten Momente, also Winkel ( II ) + ( III ), wird gleich: 48° 25′ ( IV )

Im Sinne einer Altersbestimmung wäre dieser Wert mit der gemessenen Amplitude ( I ) von 49° 18′ ( I ) zu vergleichen: Die Werte ( I ) – ( IV ) ergeben eine Differenz von 53′, deren Hälfte 26.5′ beträgt. Die Größe der Neigung der Ekliptik würde sich damit aus der Erkerwand ergeben zu (eps) (III. Periode) = 23° 53′

Die Epoche würde also im ersten bis zweiten Jahrtausend v. Chr. liegen. Hervorzuheben ist aber, daß jedenfalls von der Mitte des Beobachtungssteines aus die Mondazimute ( II ) und ( III ) nur in grober Annäherung mit den wirklich vorhandenen (gemessenen) übereinstimmen (vgl. Fig. 8). Ich betone ausdrücklich, daß bei Annahme unserer Hypothese der oben durchgeführten Altersbestimmung daher nur wenig Gewicht zukommt.

Das Wesentliche, was uns obige Betrachtung lehrt, ist, daß im Gegensatz zu den Resultaten für den eigentlichen Sonnentempel (II. Periode), hier, für die weit besser erhaltene Erkerwand (III. Periode), sich ein Wert für die Schiefe der Ekliptik ergibt, der größer ist als der gegenwärtige, woraus also ein jüngeres Alter für diese Bauperiode resultiert.

Die merkwürdige Asymmetrie der vorspringenden Wand im Westen zum eigentlichen Tempelbau findet durch die vorstehende Betrachtung eine gute Erklärung. Die nicht so genaue Übereinstimmung von Rechnung und Beobachtung mag durch die Schwierigkeit der Beobachtungen des Mondes in seinen verschiedenen Phasen und auch durch die kurzperiodische Variation der Neigung bedingt sein. Als ganz besonders erschwerend kommt noch der Umstand hinzu, daß der Mond seine extremen Untergangspunkte nur in Intervallen von 18 Jahren erreicht.

Die Erkerwand der III. Periode zeigt eine Meridianabweichung von 0.7°, sie verläuft ebenso wie die Seiten des Haupttempels, östlich des Meridians, wenn der Beobachter nach Süden blickt.

5. Meßresultate für andere Gebäude Tihuanacus.

Das Gebäude der ersten Periode (Übersichtsplan A) zeigt eine Meridianabweichung von: 2° 50′,

und zwar weicht dieser Palast um diesen Betrag bei Blickrichtung nach Süd westlich ab. In derselben Richtung sind auch die Stützmauern des künstlichen Berges Akapana (D) orientiert. Verwunderlich ist, daß auch die Ruinen von Puma-Puncu, die etwa 1 km südwestlich von Kalasasaya liegen, dieselbe Orientierung aufweisen. Für Puma-Puncu ergab sich eine westliche Meridianabweichung von 2.7°. (Wert ungenau, aus Sonnenbeobachtungen bei ungünstiger Witterung). Die gleiche Orientierung der drei Bauwerke kann eine zufällige sein; vielleicht hat hier aber eine Absicht vorgelegen, diese Gebäude gleich zu orientieren, deren rätselhafter Zweck heute wohl kaum mehr aufzuklären sein wird. Jedenfalls muß bei solcher Annahme die Feldmeßkunst hoch ausgebildet gewesen sein.

Wie schon erwähnt, läuft die Erkerwand der III. Periode 0.7° östlich des Meridians; der noch ganz unvollendete Palast westlich des Sonnentempels (Übersichtsplan C) zeigt etwa dieselbe Abweichung von 0.7° im gleichen Sinne.

Erstmals erschienen: Baessler – Archiv, Band XIV, S. 123-142. Verlag von Dietrich Reimer (Ernst Voshen), Berlin 1930-1931

Anhang

Erläuterung zum Plan 1:1000 vom Sonnentempel Kalasasaya.

Plan 1:1000 vom Sonnentempel Kalasasaya

Plan 1:1000 vom Sonnentempel Kalasasaya

E1, 10: Erkerwand auf der Westseite mit den 10 großen Pfeilern; m: Mittelpfeiler.
MM: Mittellinie durch den Tempel.
B: Beobachtungsstein in der Westwand des „Sanktissimums“. Die Mitte des Beobachtungssteines liegt um etwa 0.8 m nördlich der Mittellinie.
W: Westrichtung von der Mitte des Beobachtungssteines aus.
O: Ostrichtung von der Mitte des Beobachtungssteines aus.
So: Platz, an dem man das umgestürzte Sonnentor fand. (Das Sonnentor steht an derselben Stelle heute aufgerichtet).
F: Freitreppe. Die exzentrische Lage des Mittelpunktes der Freitreppe beträgt 1.18 m nördlich M.

Heutige Anzahl der Pfeiler, die die Umgrenzung des eigentlichen Sonnentempels Kalasasaya bilden:

Südseite: 27 Pfeiler.
Ostseite: 22 Pfeiler.
Nordseite: 32 Pfeiler.
Westseite: Etwa 10 Pfeiler.

Sanktissimum: Die eingezeichneten Pfeiler a bis d und der Eckpfeiler E3 sind trigonometrisch genau festgelegt und entsprechend eingezeichnet, sie bilden die höchste Außenumwandung des Sanktissimums. Nach der Mitte zu abfallend sind noch sehr spärliche Reste zweier weiterer Mauerumgrenzungen zu finden.

Anmerkungen

[1] Aymarawort = „Aufrecht stehende Steine“. Die Schreibweise der überlieferten Eigennamen lehnt sich an die in den Schriften Posnansky gegebene an.
[2] Posnansky 1912, Posnansky 1918
[3] Posnansky 1924

[4] Messungen und Meßresultate der Herren Prof. Kohlschütter und Dr. Becker aus den Jahren 1926/27 wurden mir freundlichst zur Verfügung gestellt und konnten mitverwertet werden.

[5] Posnansky 1914
[6] ebd.
[7] Posnansky 1912, Posnansky 1918
[8] Posnansky 1924

[9] Streng genommen muß, die Schiefstellung der Wände um 23′ bei dieser Rechnung berücksichtigt werden, der Winkelwert wird dann (a) = 49° 22.8′.

[10] Derartige Bestimmungen von Jahresdaten mit Hilfe von Horizontazimuten der auf- oder untergehenden Sonne finden wir vielfach bei den Naturvölkern. So stellten z. B. die Priester der Stämme am Mahakam-Fluß (Borneo) zwei Steine so hintereinander auf, daß die Gesichtslinie über diese Steine hinweg nach dem Untergangspunkt zeigte, der den Beginn der Saatzeit angab. Bei den Labrador-Eskimo bildet das Wintersolstitium den Jahresanfang. Beide Solstitien wurden nach dem Azimut der Sonne mit Hilfe fester Landmarken bestimmt. Die Hopi-Indianer (Nordamerika) legen noch heute die Daten ihrer Feste und die Zeiten der Solstitien durch Beobachten von Horizontazimuten fest (d. h. durch Festlegen mittels irdischer Marken). Die Sonnenpriester der Zuni (westl. Neumexiko) können das Wintersolstitium (den Haupttag ihres Sonneujahres) auf Tage genau angeben, indem sie von einem Beobachtungsplatz aus täglich den Ort der Sonnenaufgänge verfolgen. Ähnliche Horizont- und Azimutbeobachtungen sind auch von den Inkas angestellt worden (Ginzel. Bd. II).

[11] Wenn ich den Beobachtungsfehler so ansetze, daß er die Grenzen der Azimute einer gerade aufgehenden und ganz aufgegangenen Sonne einschließt, also rund ± 5′ beträgt, so ist er, auch bei Beobachtung mit bloßem Auge, reichlich bemessen. Die Erbauer von Tihuanacu haben sich bei der Konstruktion ihrer Gebäude und sicherlich auch bei Gestirnsbeobachtungen technischer Hilfsmittel bedient. Verschiedene derartige Instrumente hat man gefunden und es ist möglich, daß mit der Deutung der Funde ihre Zweckbestimmung erklärt wird. So z. B. Visiervorrichtungen bis zu 70 cm Höhe, die mit einem schweren sich unten verbreiternden Fuß auf bestimmte Punkte aufgestellt werden konnten. Ich sah auch Steinquadern, die kreisrund durchbohrt waren und über derem Bohrloch Riefen eingemeißelt waren, die sicherlich zur Aufnahme eines Visiers nach Art eines „Fadenkreuzvisieres“ dienten.

[12] Abgesehen von einer sehr kleinen Abweichung, die durch die Refraktion bedingt wird.
[13] Die Änderung, die dadurch der Winkel (a) (vgl. Figur 2) erfährt, kann vernachlässigt werden, sie beträgt nur 0.1′.
[14] Imbelloni 1926

[15] Diese Formel gibt die mittlere Schiefe der Ekliptik. Die wahre Schiefe der Ekliptik berücksichtigt noch den Nutationsbetrag, dessen Größe von der Länge des aufsteigenden Mondknotens und der Sonnenlänge abhängt. Es ergeben sich daraus kurzperiodische Schwankungen, deren Wert heute nicht größer als = 0.2′ wird und für die folgenden Überlegungen daher nicht in Betracht kommt.

[16] Wolf 1890

[17] Diese Änderung des kubischen Faktors von (t) ist natürlich sehr willkürlich, und die neue Kurve erhält, wegen der Unzulänglichkeit der Überlieferung, durch das chinesische Datum keineswegs feste Stütze.

[18] Stübel u. Uhle 1913

[19] Es ist kaum glaublich, wieviel kostbares bearbeitetes Steinmaterial zur Zeit und nach der Zeit der Konquista von den spanischen Eroberern zum Bau von Kirchen und Dörfern entwendet wurde. Auch die heutige Kultur hat diesem Rauben keinen Einhalt geboten, rollt doch die neueste Errungenschaft unserer Kultur, die Eisenbahn La Paz – Guaqui durch Bahnhöfe, über Brücken und Bahnübergänge, die fast ausschließlich aus Steinen und Monolithen Tihuanacus gebaut wurden.

[20] Diese Neigung der Mondbahn ist geringfügigen kurzperiodischen Schwankungen innerhalb der Grenzen 4° 59′ bis 5° 18′, aber keinen säkularen Veränderungen unterworfen.

Literaturverzeichnis

Posnansky (1912): Guia general ilustrada, Tihuanacu é Islas del Sol y la Luna. La Paz, 1912. – El gran templo del Sol en los Andes, – La edad de Tihuanacu. – Astronomia prehistorica. Boll. Soc. geogr. de La Paz. Nr. 45, S. 36 – 46, 1918.

Posnansky (1924): Kulturvorgeschichtliches und die astronomische Bedeutung des großen Sonnentemples von Tihuanacu in Bolivien. „Das Weltall“. Jahrgang 24, Heft 2, 1924. Desgl. Conférence faite au Congres intern. des Américanistes, Session de la Haye 12-16 aoút 1924.

Posnansky (1914): Eine praehistorische Metropole in Südamerika. (Una Metrópoli prehistórica en la America del Sud). Bd. 1. Verlag von Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). Berlin 1914.

Ginzel (1911): Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Das Zeitrechnungswesen der Völker. Bd. 2. Leipzig 1911. J.C. Hinrichs’sche Buchhandlung.

Imbelloni (1926): La Esfinge Indiana. Buenos Aires 1926. El Ateneo, Libreria cientifica y literaria.

Wolf, R. (1890): Handbuch der Astronomie, ihrer Geschichte und Literatur. Zürich 1890. Verlag F. Schulthess.

Stübel u. Uhle (1913): Die Ruinenstätte von Tihuanacu. Leipzig. W. Hirsemann. 1892. Siehe auch Posnansky : „Ein paar Worte der Kritik über Stübel und Uhles Tiahuanaco“. Berlin 1913. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen).

Schlußwort

Während der Fertigstellung der vorliegenden Arbeit erschien in der Annalen der „Sociedad cientifica de Bolivia“. Tomo I. Año I. (1930) eine Arbeit: ‚El Concepto Astronómico del gran Observatorio solar Kalasasaya de Tihuanacu.‘ von Dr. Rolf Müller. Die Arbeit ist eine Übersetzung eines ersten Manuskriptes, das ich noch vor Abschluß meiner Arbeiten in Tihuanacu schrieb. Die Veröffentlichung dieser Manuskriptes geschah ohne mein Wissen und Wollen. Die dort mitgeteilten Resultate stehen in Übereinstimmung mit den hier veröffentlichten, jedoch war damals die Problemstellung noch nicht so klar gezeichnet, so daß ich durch die vorliegende sehr viel umfangreichere Studie nicht eine Wiederholung, sondern eine wesentliche Erweiterung in der Behandlung der fraglichen Materie gebe.