Der Löwenfels von Sigiriya (Sri Lanka) stand Anfang diesen Jahren neben dem ägyptischen Sphinx und den vermeintlichen Unterwasserruinen von Yonaguni im Mittelpunkt des Artikels ‚Von Felsen und Löwen‘. Sabine Wendt setzt an der Argumentation dieses Artikels an und versucht nun einige Punkte zur Anlage von Sigiriya richtig zustellen.

Der Löwenfels von Sigiriya

In Mysteria3000-Ausgabe 1/2003 beschreibt die Autorin Ilona Schliebs in ihrem Artikel ‚Von Felsen und Löwen‘ ein Löwenmonument auf Sri Lanka. [1] Die heute als Sigiriya (Löwenmaul) bekannte Anlage wurde im 5.Jh. im Auftrag des Königs Kasyapa errichtet. Über ihre Funktion gibt es verschiedene Ansichten:

So wird sie zum einen wegen der scheinbar guten Verteidigungsmöglichkeiten, als Festung angesehen. In einer anderen Deutung soll es sich um die Nachbildung des Paradiesberges Kailasa im Himalaja handeln. Dort herrschte der Legende nach, der Gott Kuvera in seiner Stadt Alkamanda. Nach dieser Deutung hätte sich Kasyapa als Gottkönig gesehen. Einer dritten Auslegung zufolge soll die Anlage den Weg des Menschen zu Erlösung symbolisieren. Archäologen geben heute den beiden letztgenannten Deutungen den Vorzug, da eine Felsenfestung dieser Art, während einer Belagerung zu leicht ausgehungert werden konnte. [2]

Die Ausführungen zu Sigiriya in ‚Von Felsen und Löwen‘ suggerieren beim Leser den Eindruck das Löwenmonument wurde aus dem Fels gemeißelt. Mehreren Quellen zufolge soll es sich hier um ein gemauertes Treppenhaus gehandelt haben, welches bis zum Gipfel hin überdacht war. [3] [4] Da der Sigiriya-Felsen von weitläufigen Parkanlagen umgeben ist, kann diese Annahme zutreffen.

Der Grundriß der Palastanlage des Königs Kasyapa

Abb. 1: Der Grundriss der Palastanlage des Königs Kasyapa.

Zudem zeigt die die gesamte Westseite des Felsens noch Reste eines Verputzes, welche vollständig bemalt war. Wissenschaftler schätzen die ursprüngliche Anzahl der Fresken auf über 500. [5] Ausgehend von dieser Tatsache liegt die Vermutung nahe, dass für die Bewohner der Anlage eine leichter zu bewältigende Verbindung zwischen Palast und Gärten vorhanden war. Nach dieser Sicht könnten die, für den heutigen Aufstieg benutzen Vertiefungen durchaus auch der Verankerung einer gemauerten Treppe gedient haben. Leider gibt es hierzu nicht den geringsten Beleg. Zu wenig ist über die ehemalige Konstruktion der Anlage bekannt. Nach dem Freitod Kasyapas war der gesamte Komplex dem Verfall preisgegeben und erst H.C.P. Bell* begann 1894 mit den Ausgrabungen. [6]

Inwieweit Kasyapa der erste Bauherr um den Sigiriya-Felsen war, ist nicht belegt. Allerdings existieren Höhlen, welche von buddhistischen Mönchen genutzt wurden. Die Verfasserin des angesprochenen Artikels spricht hier fälschlicherweise von brahmanischen Mönchen. Zumindest deuten Legenden und spärliche archäologische Funde auf eine frühe Hochkultur auf Sri Lanka, welche einen ausgeprägten Sonnenkult praktizierte. Diese frühe Kultur soll archäologischen Befunden zufolge auch der Urheber einer ausgeklügelten Technologie des Wasserbaus gewesen sein.

Das Mahawamsa eine alte buddhistische Chronik, gibt erst über Geschichte des Landes nach der Übernahme des Buddhismus eine detaillierte Auskunft. Alle eigenständigen kulturellen Leistungen des Landes versinken in Legenden. Gerade so als sollte die Frühgeschichte ausgelöscht werden. Auf diese Weise degenerieren auch die früheren Bewohner Sri Lankas, die Yakkas, Nagas und Rakhshasas zu Dämonen. [7] [8]

Die allgemeine Bedeutung des Löwen, rekonstruiert die Autorin aus den arabischen Überlieferungen, welche den ägyptischen Sphinx als „Vater des Schreckens“ bezeichneten. Dieser Aussage zufolge sollte auch das Löwenmonument auf Sri Lanka der Abschreckung dienen. Dies ist schlicht falsch. Heute bilden die Singhalesen die größte Bevölkerungsgruppe auf Sri Lanka. Sie selbst nannten sich Sinhala (auch Singhala), was aus der Sanskritübersetzung „Löwensohn“ bedeutet.

Der Legende nach soll Vijaya, ein nordindischer Prinz aus dem Löwengeschlecht stammen. Seine Großmutter heiratete einen heiligen Löwen. Aus dieser Verbindung gingen Vijayas Vater und eine Tochter hervor. Diese heirateten und galten somit als Ahnen der Löwenmenschen. Vijaya erreichte mit 700 Getreuen um 543 v.u.Z. die Insel Sri Lanka und gründete dort die Löwendynastie, indem er die Tochter eines Dämonenkönigs heiratete. Der Stamm dieses Dämonenkönigs, welcher dem Stamm der Yakka angehört haben soll half Vijaya bei der Planung und beim Bau seiner Hauptstadt Anuradhapura. [9]

Ein Volk, welches seine Herkunft auf einen Löwen zurückführt, wird in diesem kaum etwas Schreckliches oder Abschreckendes sehen. Er war Symbol eines ganzen Volkes. Darüber hinaus kann davon ausgegangen werden, dass Kasyapa mit dem Monument von Sigiriya seine eigene Abstammung dokumentieren wollte. Hielt er sich doch für einen Nachfahren der auf Vijaya zurückgeführten Königslinie.

Insgesamt ist auch die Interpretation des Löwen als Wächter nicht zutreffend. Löwen galten zu allen Zeiten als Symbol für weltliche und sakrale Macht.

„Schönheit, Kraft und Erhabenheit des Löwen haben von jeher die Phantasie des Menschen angeregt. Sein Bild, Zeichen des Schreckens und der Macht erscheint zu allen Zeiten, in allen Kulturen. In unzähligen Sagen, Fabeln, Märchen und Erzählungen werden sein Mut, seine Weisheit und seine Intelligenz gepriesen.“ [10]

Aus dieser Sicht ergibt sich auch für die weltweit anzutreffenden Löwenstatuen eine ganz andere Interpretation. Nicht Wächter, sondern Symbol für Götter aber auch für Könige. In ‚Von Felsen und Löwen‘ wird weiterhin der göttliche Bezug sowohl des Löwen von Sigiriya als auch der ägyptische Sphinx bestritten. Auch dies ist schlicht falsch. Zumindest in der hinduistischen Mythologie hatte der Löwe sehr wohl einen göttlichen Bezug – er galt als vierte Inkarnation des Gottes Vishnu.

Wenden wir uns nun dem Ramayana zu. Hier sieht die Verfasserin eine Verbindung zu Sigiriya. Ihren Ausführungen zufolge soll eine Reihe von Forschern zu eben diesem Ergebnis kommen. Sie gibt diesbezüglich aber nirgendwo eine Quelle an. Im Ramayana wird mehrfach eindeutig von einer Stadt Lanka gesprochen. Im fünften Buch wird ausführlich auf die Lage der Stadt eingegangen. Darin wird die Stadt an sanften Hügeln liegend, mit weiten Parks und breiten Straßen sowie mit Gold gedeckten Dächern beschrieben. [11]

Tatsächlich hieß die alte Hauptstadt der Yakkas Lankapura. In der Übersetzung aus dem Sanskrit und dem Pali (altindische Sprachen) bedeutet pura Stadt und Lanka die Strahlende. [12] Wenn es nachgewiesenermaßen eine Stadt namens Lanka gegeben hat, ist es unverständlich, warum die im Epos genannte Stadt nicht mit der existierenden identisch sein soll.

Aus den möglicherweise fälschlich hergestellten Verbindungen zwischen dem Ramayana und den archäologischen Befunden, welche auf eine sehr frühe Besiedelung des Sigiriya-Beckens hindeuten, wird in „von Löwen und Felsen nach möglichen Verbindungen zwischen den frühen Hochkulturen gesucht“. Diese Verbindung sieht die Autorin in den weltweit auftauchenden Löwensymbolen. Über die Bedeutung des Löwen für die Symbolik des Menschen wurde schon eingegangen, so dass seine häufige Verwendung nicht wundern kann.

Abgesehen davon geht die Verfasserin bei ihrer Suche nach möglichen Verbindungen zwischen verschiedenen Kulturen nach dem Motto vor: die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade und sie lässt dabei auch noch 3000 Jahre menschliche Kulturgeschichte völlig unberücksichtigt.

So einfach kann man es sich nicht machen. Im Altertum existierten schon rege Handelsbeziehungen zwischen den relativ weit auseinander liegenden, gleichzeitig existierenden Kulturen. Es sind auch diverse Wanderungen in den letzten Jahrtausenden nachgewiesen.

Hier nur ein Beispiel:

Sri Lanka wurde von Norden her besiedelt. Die um 543 v.u.Z einwandernden Singhalesen gehörten zu den Ariern (arya= Sanskrit; die Edlen), Völker des indoiranischen Zweiges der indogermanischen Sprachfamilie. Einzelne Stämme dieses Zweiges wanderten bereits Mitte des zweiten Jahrtausends v.u.Z. von Mesopotamien kommend, wahrscheinlich über Iran und Armenien nach Nordwestindien ein. Sie prägten die indische Kultur nachhaltig. Von Nordindien her erfolgte dann in die Mitte des ersten Jahrtausends v.u.Z. die Einwanderung der ersten Singhalesen.

Kulturelle Verbindungen zwischen Ägypten und Mesopotamien reichen aber bis weit in die Bronzezeit zurück, wobei es wahrscheinlich unerheblich ist ob es sich um direkte oder indirekte Verbindungen handelte. Solche Verbindungen lassen sich auch durch die Verwendung gleicher Symbole an weit auseinander liegenden Siedlungen belegen.

H.C.P. Bell – Harry Charles Purvis Bell (1851-1937) begründete die wissenschaftliche Archäologie auf Ceylon (Sri Lanka) und weitete seine Forschungen später auf die Malediven aus.

Anmerkungen

[1] https://mysteria3000.de/archiv/d/sigiriya.htm
[2] http://www.srilanka-info.com/netscape/reise-info/sights/sigiriya/sigiriya.htm
[3] http://members.lycos.co.uk/withanage/Sigiriya.htm
[4] http://www.saadhu.com/sigiriya/history.html
[5] http://www.heinz-albers.de/reisebericht\_sri\_lanka.htm
[6] Heyerdahl 1989
[7] http://www.rootsweb.com/~lkawgw/sigiriya.html
[8] Heyerdahl 1989
[9] http://www.presidentsl.org/data/sri/history.htm
[10] o.A. 1992
[11] Meinck 1976
[12] Heyerdahl 1989

Literaturverzeichnis

o.A. (1992): Lebendige Wildnis. Stuttgart/Zürich/Wien

Heyerdahl, Thor (1989): Fua Mulaku. Berlin

Meinck, Willi (1976): Das Ramayana. Berlin

aus dem Internet:

https://mysteria3000.de/archiv/d/sigiriya.htm
http://www.srilanka-info.com/netscape/reise-info/sights/sigiriya/sigiriya.htm
http://members.lycos.co.uk/withanage/Sigiriya.htm
http://www.saadhu.com/sigiriya/history.html
http://www.heinz-albers.de/reisebericht\_sri\_lanka.htm
http://www.rootsweb.com/~lkawgw/sigiriya.html
http://www.presidentsl.org/data/sri/history.htm