In der Ausgabe 141, Juli/August, vom Magazin 2000plus nahm Gernot L. Geise zur Hypothese der „Zeitfälschung“ Stellung. Geise behauptete, wie vor ihm schon die Autoren Uwe Topper und Heribert Illig, dass das Mittelalter sehr viel kürzer gewesen sei, als es uns gelehrt wurde. Mehr noch, auch das Römische Reich sei fiktiv – alles das Produkt einer historizierenden Mafia, so Geise, Auftrag der Kirche.

Nun ist Kirchenkritik, ja, Polemik gegen alles Christliche, eine Mode unserer Zeit. Wer dem ach so bösen Vatikan Vertuschung, Verfälschung oder andere Skandale vorwirft, macht von sich reden. Dass die Kirche aber unsere ganze Geschichte erfunden haben soll, das ist zumindest neu.

Um die von Geise wiedergegebenen provokantesten Hypothesen kurz darzustellen und daraufhin zu überprüfen:

  • Illig behauptet, dass „rund 200 Jahre“ zwischen dem 7. und dem 10. Jahrhundert „hinzuerfunden“ seien, Karl der Große nie gelebt hätte.
  • Topper behauptet, dass die christliche Kirche im 12. Jahrhundert in Frankreich gegründet wurde, als man das „Märchen um Jesus“ erdichtete, um sich vor Juden, dem Islam und den Heiden zu legitimieren.
  • Selbst die Qumran-Rollen stammen „in Wirklichkeit aus dem Mittelalter“.
  • Auch das Römische Reich hätte es nie gegeben.

Was diese Autoren vergessen:
Es gibt verschiedene Stränge historischer Überlieferungen. Neben jener der christlichen Kirchen gibt es exzellente Historiker bei den Moslems, die uns eine ganze Reihe historischer Ereignisse aus ihrer Perspektive schildern. Sollen diese auch von der Vatikan-Mafia gefälscht worden sein?

Auch das oströmische Reich, Byzanz, das seit dem 11. Jahrhundert mit Rom auf Kriegsfuß stand, hat seine Kaiserviten und Chroniken hinterlassen. Geschichte ist eine Kette von Ursache und Wirkung, von Fortschritten und Rückschlägen.

Vergleichen wir das 8. Jahrhundert mit dem 10., so muss dazwischen allerhand geschehen sein. Das Land östlich des Rheins war vorher sächsisch-heidnisch, nachher von einem Netz von Kirchen und Klöstern durchzogen. Soll dies quasi über Nacht geschehen sein?

Im 7. Jahrhundert beherrschten die Merowingerkönige das Frankenreich, im 10. Jahrhundert gab es das Heilige Römische Reich Deutscher Nation mit einem Kaiser an der Spitze und ein autonomes, von einem König regiertes Frankreich, das seine Ostgebiete verloren hat. Wie konnte über Nacht aus der Ostprovinz des Frankenreiches und der heidnischen Stammeskultur der Sachsen ein blühendes und mächtiges Reich werden?

Es sei nicht bestritten, dass der Mythos Karls des Großen die historische Gestalt überstrahlt. Dass auf seine Großtat der Einigung Westeuropas ein Erbstreit und eine Zeit der Lähmung folgte, ist nachvollziehbar. Er hatte, bildlich gesprochen, den Boden überspannt. Dass er die byzantinische Kaiserin Irene heiraten wollte, ist gut bezeugt, ebenso dass Kaiser Alexios I. Komnenos im 11. Jahrhundert enge Kontakte zu Kaiser Heinrich IV. unterhielt. Dazwischen regierten den Chroniken zufolge 27 byzantinische und 17 deutsche Kaiser.

In diesen Zeitraum fällt auch die Glanzzeit Konstantinopels, die Regentschaft des Kaisers Konstantin VII. Porphyrogennetos, fallen Münzprägungen all jener Kaiser, wunderbare Kunstwerke und eine wechselvolle Geschichte. Auf islamischer Seite konnten 20 Kalifen gezählt werden.

Es besteht keine Frage, dass Karl dem Großen mehr zugeschrieben wird, als er tatsächlich getan haben kann. Er ist zum gern zitierten Mythos geworden. Doch ein Beweis gegen seine Existenz ist dies keineswegs. Genauer gesagt: Ohne seine Reichseinigung und Feldzüge würde die Geschichte des 11. Jahrhunderts keinen Sinn machen.

Das Alter der Qumran-Schriftrollen ist durch die Karbondatierung bestens belegt. Sie stammen aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Mit ihnen wurden Münzen entdeckt, die aus der Zeit der Seleukiden (2. Jh. v. Chr.) stammen. Die wechselvolle Geschichte Israels – die Zeit der Kanaaniter, Juden, Römer, Byzantier, Araber, Kreuzritter, Türken – ist archäologisch bestens dokumentiert.

Wenn heute so viele Details des Alten Testaments durch archäologische Entdeckungen bestätigt werden können, beweist dies auch das hohe Alter der Bibel, deren früheste uns erhaltene vollständige Handschriften aus dem 4. Jahrhundert, die ältesten Fragmente sogar aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Kein Fälscher aus dem Mittelalter hätte je über ein so umfangreiches historisches und topographisches Detailwissen verfügen können.

Eines der ersten Zeugnisse des Christentums ist ein Holzkreuz, das sich in der Wand eines Raumes in Herkulaneum befand, einer Stadt am Fuße des Vesuvs, die 79. n. Chr. zeitgleich mit Pompeji vom Vesuv verschüttet wurde – ein geologisch datierbares Ereignis. Christen werden in römischen Graffiti aus dem 1. Jahrhundert verspottet, wie man sie u. a. Auf dem Palatin in Rom fand, christliche Kunst entwickelte sich im 2. Jahrhundert – mit den Fresken der Katakomben –, christliche „Massenware“ – Öllampen mit christlichen Inschriften und Motiven – ist seit dem 4. Jahrhundert im ganzen Römischen Reich verbreitet und wird noch heute bei Ausgrabungen entdeckt.

Sollen mittelalterliche Fälscher die Zeugnisse der frühen Christengemeinde in Nordafrika, zu ihrer Zeit islamisches Gebiet, aus Propaganda-Gründen versteckt haben? Glaubt Geise, man hätte diese Fälschungen massenhaft unbemerkt in feindliche Gebiet schmuggeln und dort in Ruinen verstecken können, deren Reliefs und Mosaiken selbst christliche Motive tragen? Oder sollen die christlichen Fälscher gar ganze „Römerstädte“ in Tunesien unbemerkt aus dem Boden gestampft haben?

Zeitgenössische Autoren erwähnen Jesus von Nazareth, noch heute werden Evangelienfragmente aus dem 2.-4. Jahrhundert in den Höhlen Ägyptens gefunden, die ganz gewiss nicht von mittelalterlichen Fälschern dort deponiert wurden. Zudem sind die Evangelien voller historischer Details, die nur ein Zeitzeuge kennen konnte.

Wie hätte ein Fälscher aus dem 12. Jahrhundert den Tempel von Jerusalem – seit 70. n. Chr. zerstört – oder den Bethesda-Teich – ein Heilbad im Norden Jerusalems, dessen Ruinen erst im 19. Jahrhundert ausgegraben wurden – so präzise beschreiben können? Woher wusste er überhaupt von dem Statthalter Pilatus, von dem wir sonst nur bei Tacitus – laut Geise eine Fälschung aus derselben Zeit – lesen, und dessen Existenz erst 1963 durch den Fund einer zeitgenössischen Inschrift in Caesarea Maritima/Israel archäologisch bestätigt wurde? Wenn Topper im „Jesus-Märchen“ gar eine Reaktion der „neugegründeten“ Kirche auf den Islam sieht, so ist das geradezu absurd: Denn auch Mohammed erwähnt Jesus mehrfach im Koran.

Dass das Römische Reich „in den Papierkorb der Weltgeschichte“ gehört, ist die letzte dieser abstrusen Hpothesen. Denn von Schottland bis Syrien, von Nordafrika bis Rumänien findet man (in entsprechenden Erdschichten, eben unter denen des Mittelalters) die Ruinen, Inschriften, Handelsgüter, Münzen einer einheitlichen Kultur. Die Münzen bestätigen die Namen und die Regierungsdauer der Kaiser, wie sie uns überliefert ist, und damit auch jene „fiktiven“ Autoren wie Tacitus und Sueton.

Dass sich die Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ gerne an den römischen Imperatoren messen ließen und den Anspruch erhoben, ihre legitimen Nachfolger zu sein, ist kein „Phänomen der Verdopplung“, sondern nur ein Legitimationsversuch von Emporkömmlingen, ehemaligen Barbaren, deren Reich zivilisatorisch immer hinter Rom zurückstand.

Doch wer sagt, dass Geschichte immer linear verläuft?

Schließlich war auch die Türkei jahrhundertelang eine Großmacht, Jugoslawien das wohlhabendste und friedlichste Land Osteuropas, Spanien und Portugal die reichsten Länder der westlichen Welt und der Irak die Wiege der Zivilisation. Und eben das lehrt uns, dass „panta rhei“, alles im Fluss ist, ein Faktor, den die strikt linear denkenden „Zeitdetektive“ gerne vernachlässigen. Wir können also aufatmen. Es sind im nächsten Jahr tatsächlich etwa 2000 Jahre seit Christi Geburt vergangen…wobei das Geburtsjahr tatsächlich irgendwo zwischen 7 v. Chr. und 6. n. Chr. angesiedelt werden muss. Aber das ist ein anderes Thema…

Anmerkungen

Dieser Artikel erschien erstmals in Magazin 2000plus Nr. 142, 10/1999 und erscheint mit freundlicher Genehmigung des Autors jetzt bei Mysteria3000.