Hunderte Unterirdische Gänge in verschiedenen Teilen Tschechiens, Österreichs und Süddeutschlands stellen Fachleute bis heute vor ein Rätsel. Bei diesen Anlagen in Österreich spricht man von Erstställen, was so viel wie Stelle, Platz oder Ort unter der Erde bedeutet. [1]

Bei Erdställen handelt es sich um kürzere und längere Gangsysteme, die oft unter alten Gehöften liegen und mittels eines kleinen Zugangs, dem so genannten Schlupf, zugänglich sind. Die Gänge verbinden oft kleine Kammern miteinander und haben zuweilen labyrinthischen Charakter. Ein weiteres typisches Charakteristikum ist, dass nicht nur der Schlupf sehr eng verläuft, sondern auch die Gänge und Kammern von sehr geringer Höhe sind. Dies dürfte den Anlagen in Bayern die Bezeichnungen „Zwergenloch“ oder „Schrazelloch“ eingebracht haben. [2]

Da die Erställe oft unter Bauernhäusern zu finden sind und anhand von Keramikresten, die man in ihrem Inneren fand, geht man gemeinhin davon aus, dass die früheste Phase ihrer Errichtung zur Zeit der Bayrischen Landnahme 500 – 800 n. Chr. erfolgte und das Ende der Erdstallzeit um 1200 n. Chr. anzusiedeln ist. [3]

Die Bandbreite möglicher Erklärungen für die Erdställe ist groß, sie reichen von Schutzräumen, Vorratslagern und Kulträumen, bis hin zu sehr spekulativen Möglichkeiten, nach denen es sich tatsächlich um die Behausungen eines Zwergenvolkes handelte [4] oder gar, wie ein populäres Buch behauptet, die Gänge sich kilometerweit unter Mitteleuropa hindurchziehen und in die Zeit der Megalitherbauer oder noch weiter zurück ins Neolithikum reichen. [5]

Eine endgültige Erklärung konnte bislang nicht gefunden werden und wird vielleicht für immer auf sich warten lassen, denn schriftliche Überlieferungen der Erbauer fehlen und die Fundlage ist mehr als spärlich. Dies ist wahrscheinlich auch dadurch bedingt, dass die unterirdischen Gänge in späteren Zeiten oft zweckentfremdet, zerstört [6] oder sogar zum Spielplatz für Jugendliche wurden.

Im Oberösterreichischen Perg findet sich ein Erdstall, der sich sehr von anderen Anlagen seiner Art unterscheidet. Der so genannte Erdstall „Ratgöbluckn“ befindet sich im Norden der Stadt auf halber Höhe des Dollberges. Im Gegensatz zu anderen Erdställen, die sich durch ihre Enge auszeichnen, ist der Ratgöbluckn großzügig aus dem weichen Sandstein herausgearbeitet. Nicht nur die Gänge und Kammern sind bequem begehbar, insgesamt handelt es sich hierbei um einen der größten Erdställe überhaupt. Die verwirrend angeordneten 22 Gangstücke verbinden hierbei 8 größere Kammern miteinander, in denen insgesamt 19 Lichtnischen ausgemacht wurden. [7]

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Abbildung Nr. 1: Der Eingang zum Erdstall Ratgöbluckn in Perg (Foto: André Kramer)

Im Volksmund wird der Erdstall auch Räuberhöhle genannt und sein Alter lässt sich aufgrund fehlender Funde nicht genau bestimmen, wird aber auf bis zu 1000 Jahre alt angenommen. [8] Bei bei vielen Erdställen kursierenden Sagen, die Gänge würden kilometerweit auseinander liegende Burgen oder Kirchen miteinander verbinden tauchen auch bei dem Ratgöbluckn auf, konnten aber nicht bestätigt werden. [9]

Bei einer gemeinsamen Begehung des Erdstalls mit Franz Moser vom örtlichen Heimatmuseum, schilderte dieser, dass die Anlagen noch vor einigen Jahrzehnten der Tummelplatz von Kindern und Jugendlichen war. Hiervon zeugen auch noch einige Einritzungen von Initialen. Auch gruben diese, in den weichen Sandstein, der sich bereits mit den Fingernägeln einkratzen lässt, weitere kleinere Tunnelstücke in die Anlage hinein. Einige ältere Zeitzeugen der Stadt konnten sich noch an eigene diesbezügliche Aktionen erinnern. Dies betrifft auch einen ins Leere führenden Gang, der im Gegensatz zu den anderen, ob seiner geringen Höhe, tatsächlich an einen Zwergentunnel erinnert.

Abbildung Nr. 2: In die Wände eingeritzte Initialen ehemaliger Besucher (Foto: André Kramer)

Zur These, bei den Erdställen könnte es sich um Fluchttunnel zum Rückzug bei Angriffen gehandelt haben, wird oft, dieser widersprechend, angeführt, dass die Gänge zu schmal waren, um eine schnelle Flucht zu ermöglichen. Außerdem würde der schnell aufgebrauchte Sauerstoff ein längeres ausharren in den Tunneln unmöglich machen und schnell zur Todesfalle werden.

Im Fall des Erdstalls Ratgöbluckn erscheinen diese Einwände nicht angebracht. [10] Seine am Stadtrand gelegene Lage, die verwirrenden, an ein Labyrinth erinnernden Gangsysteme dem Zweck gedient haben, Eindringlinge zu verwirren und die Größe der Anlage könnte ein Hinweis darauf sein, dass dieser Erdstall eine Sammelfluchtburg der Bevölkerung der Stadt Perg gewesen ist.

Endgültige Antworten werden sich natürlich auch hier nicht geben lassen können, denn, so könnte man einwenden, im Fall einer Entdeckung der Zuflucht durch die Angreifer, hätten diese die Bevölkerung ganz einfach ausräuchern können, indem sie ein Feuer im Eingang legen.

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Abbildung Nr. 3: Verwirrende Tunnelsysteme könnten dazu gedient haben, mögliche Angreifer zu verwirren (Foto: André Kramer)
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Abbildung Nr. 4: Plan des Erdstall Ratgöbluckn mit seiner Vielzahl an Gängen und Kammern (Skizze: André Kramer, nach Falkenberg 1982, S. 200)

Anmerkungen

[1] Vgl. Falkenber 1982, S. 183
[2] Vgl. ebd.
[3] Vgl. ebd.
[4] Vgl. Habeck 2006, S. 59
[5] Vgl. Kusch 2011, einen Teil ihrer Thesen stützt das Autorenpaar auf radiästhetische Messungen mittels Wünschelruten, S. 35
[6] Ein Problem, mit dem weiter zu kämpfen ist. Bei dem Besuch des Gehöfts in Bad Zell in Oberösterreich, unter dem sich ebenfalls ein Erdstall befinden sollte, musste der Verfasser von den Gutsbesitzern erfahren, dass die Gänge bei Umbauarbeiten am Haus einstürzten und inzwischen mit Zement zugeschüttet wurden.
[7] Vgl. Stummer 1962, S. 56 f.
[8] Vgl. Zach 1975, S. 101
[9] Vgl. a. a. O., S. 102
[10] Vgl. Falkenberg 1982, S. 193

Literatur

Falkenberg, Hans: Die Erdställe – Zwischenbilanz einer rätselhaften Unterwelt in Oberösterreich. In: Oberösterreichische Heimatblätter. 36. Jahrgang. Heft ¾ 1982

Habeck, Reinhard: Geheimnisvolles Österreich. Rätselhafte Funde, wundersame Erscheinungen, übersinnliche Phänomene. Wien: Üeberreuter 2006

Kusch, Heinrich und Ingrid: Tore zur Unterwelt. Das Geheimnis der unterirdischen Gänge aus uralter Zeit. 2. Auflage. Graz: V. F. Sammler 2011

Stummer, Karl: Der Erdstall „Ratgobluckn“ in Perg. In: Oberösterreichische Heimatblätter. 16. Jahrgang, Heft 1, Januar/Februar 1962

Zach, Rudolf: Der Erdstall „Ratgöbluckn“ in Perg – ein Kulturdenkmal. In: Oberösterreische Heimatblätter. 29. Jahrgang, Heft ½ 1975