Das chinesische I Ging zeigt erstaunliche Ähnlichkeit mit den Grundbausteinen der modernen Molekularbiologie. So scheinen die Trigramme des I Ging ihre Entsprechung in den Basentriplets der DNA zu finden. Weitere ‚Zufälle‘ lassen Ulrich Dopatka zur Frage kommen, ob das chinesische Buch der Wandlungen tatsächlich ein Tresor für wissenschaftliche Informationenen ist.

Fu Hsi, mythischer chinesischer Urkaiser oder kulturbringende Gottheit [1], hatte nach der Legende ein kurioses Erlebnis: Er sah, wie ein „Drachenpferd“ aus den Fluten des Hoangho, des gelben Flusses, aufstieg, das auf dem Rücken Zeichen oder Markierungen trug. Diese Zeichenfolge, die sogenannte Ho-Tu-Karte, bildet die Grundlage zum I Ging, dem Buch der Wandlungen [2].

Oft abgezeichnet und vielleicht auch manipuliert, stellt diese Karte eine Anordnung von zwei Arten von Punkten dar. Bedeutungsvoll wurde aber erst eine Lesart bzw. Deutung des Musters, die zur heute geläufigen Form des I Ging führte. Die Kulturforschung Chinas, die Sinologie, verlegt die Zeit dieser Festschreibung zwischen das 6. Jahrhundert vor und das 2. Jahrhundert nach Christus [3].

Es handelt sich dabei um nichts anderes als um acht Zeichenkombinationen von jeweils drei Einzelkomponenten. Man spricht hier von Trigrammen. Diese sind von der Verdoppelung zweier verschiedener Symbole abgeleitet, gleich, ob man von A und B, Yin und Yang oder Eins und Null (wie im binären Zahlensystem) spricht. Die Trigramme entstehen einfach, wenn man die Komponenten der letzten Verdoppelung addiert.

Alles noch ohne Stirnrunzeln:

Dieses System spiegelt lediglich eine simple logische Ordnung wieder. Die Geschichte beginnt aber komplexer und faszinierender zu werden, als ein anderer legendärer Ur-Kaiser, Yu, der Sage nach im Lo-Fluß eine „Schildkröte“ auftauchen sah, auf deren Panzer ähnliche Kombinationen von Punkten zu sehen waren wie bei der Ho-Tu-Karte [4]. Diese Zeichen sind als Lo-Shu-Karte bekannt.

Die Karte des Ho Tu - spiegelt sie molekular- biologisches Wissen wieder?
Abb. 1: Die Karte des Ho Tu – spiegelt sie molekular-biologisches Wissen wieder? (Quelle: Dopatka)

Es handelt sich um eine Anordnung, die angeblich eine Weiterentwicklung, ein Weiterdenken der Ho-Tu-Karte darstellen soll. Die Lo-Shu-Karte wurde so interpretiert, daß die ursprünglichen Trigramme sich jeweils verdoppeln müssten. Auch wenn diese Deutung schwer nachzuvollziehen ist, wichtig bleibt allein das Resultat der „geistigen Turnübung“. Denn: Zeichnet man wiederum alle nur denkbaren Kombinationen auf, entsteht ein Feld mit 64 Kombinationen – nicht mehr von Trigrammen, sondern von Hexagrammen. Ein Komplex, dessen mathematische Logik an einen Code erinnert.

In der Tat erkannte dies auch schon der große dee Mathematiker Leibniz. Die Logik der Entstehung der 64 Zeichenkombinationen, ausgehend von nur zwei unterschiedlichen Zeichen (gerade und durchbrochener Strich), ist nichts anderes als die uns bekannte binäre Logik, bei der das ganze Zahlsystem nur auf „Null“ und „Eins“ basiert [5].

Kaiser Yu, der Sage nach der erste Herrscher nach der großen Flut, mag auch der erste gewesen sein, der hier in der verwirrenden Folge von sich wandelnden Strichkombinationen eine geheime Botschaft vermutete. Und bis heute wird das I Ging als Orakel gebraucht, werden den einzelnen Zeichen Qualitäten und Farben zugeordnet. Feuer, Wasser, Donner, Meer, Purpur, Holz und Himmel – solche und andere Begriffe sollen in allen Varianten Vergangenheit und Zukunft entschlüsseln. Nichts gegen Esoterik, aber das I Ging reizt dazu, tollkühnen Nonsens zusammenzubrauen. Der Mythos selbst ist in mehreren Abweichungen, spiegelbildlichen Formen etc. in der Literatur verfälscht aufgetaucht.

Unumstritten ist jedoch, und daran sollte man sich orientieren, daß im mathematischen System der möglichen Kombinationen sogenanntes „deterministisches Chaos“ steckt. Vereinfacht gesagt: eine offensichtliche Unordnung, Chaos, das jedoch zielgerichtet ist, das mathematische Formeln, Strukturen bildet, die auf den ersten Blick nicht abzulesen sind. Oder noch deutlicher: tiefergründige Ordnung im Symbol- und Zahlensalat. Ordnung ist immer Information, Aussage, Botschaft. Also doch Orakelsprüche? Geheime Zeichen? Seelenkräfte? Oder sind hier nicht eher Naturgesetze dokumentiert? Finden sich Erkenntnisse aus Physik, Chemie, Biologie und Evolution verschlüsselt wieder?

Verhexter Zufall oder nicht: Die Logik des I Ging hat ihre Entsprechungen im Bereich der modernen Molekularbiologie.

Heute schon mehr oder weniger Allgemeinwissen, ist bekannt, daß der Grundbaustein des Lebens das Riesenmolekül DNS (Desoxyribonukleinsäure) ist. Jedes Lebewesen enthält im Inneren der Zellen solche Moleküle, die im Elektronenmikroskop wie eine verzwirbelte Strickleiter aussehen.

Die Biochemie hat zwei Bauelemente dieses Moleküls definiert: Die sogenannten Pyrimidine und Purine. Jede dieser Gruppe unterteilt sich wiederum in zwei Typen, die man Basennukleotidmoleküle nennt. Sie werden Thymin (oder Uracil), Cylosin, Guanin und Adenin genannt (man spricht auch einfach von T [oder U], C, G und A) – vier Grundeinheiten also, die das Leben bestimmen. Das Überraschende ist nun, daß sich jeweils drei dieser Komponenten in beliebiger Folge in sogenannten Triplets oder Codons zusammenfinden und dann eine Kette von solchen „Dreier-Päckchen“ bilden. Welche Sorte von „Päckchen“ auf welches folgt – dies ist die Information im genetischen Programm eines jeden Lebewesens.

Wir erkennen hier das gleiche Grundmuster wie beim I Ging. Die Aufsplittung von zwei Grundmustern in vier Untergruppen. Analog dem I Ging entstehen bei der nächsten Verdoppelung (oder sollte man von Verzweigung, Wachstum sprechen?) Dreier-Päckchen, Codons, Trigramme. Nur im Falle des genetischen Codes ist dies kein theoretisches Spiel – die Riesenmoleküle folgen stur dieser Regel. Warum sollten sie nicht Vierer-Päckchen bilden oder andere Kombinationen?

Vergleich zwischen I-Ging und der stilisierten molekularen Struktur der Basennukleotiden (Quelle: Dopatka, nach: Katya Walter)
Abb. 2: Vergleich zwischen I-Ging und der stilisierten molekularen Struktur der Basennukleotiden (Quelle: Dopatka, nach: Katya Walter)

Gibt es auch eine Analogie zu den Hexagrammen des I Ging? Dies würde einer Verdoppelung der einzelnen Codes entsprechen, die irgendwie miteinander reagieren müssten. Und das geschieht in der Tat. Die berühmte DNS-Spirale ist nämlich aus guten Gründen ein Doppelstrang. Bei jeder Zellteilung lösen sich die Hälften und komplementieren sich getrennt. Nur so ist Fortpflanzung und Evolution gesichert. Vor der Trennung sind die Molekülketten jedoch auch untereinander verbunden. Das Bild einer spiralförmig gewundenen Strickleiter verdeutlicht dies am besten. Nur sind die „Sprossen“ hier viel zahlreicher und bestehen aus den uns bekannten vier Molekülketten T, C, G und A, die sich bekanntlich „verschworen haben“, im Hauptstrang der DNS in Dreierpäckchen aufzutreten. Die Einzelheiten der Bindungen sind sehr komplex, grundsätzlich aber kann festgehalten werden, daß durch diese Reaktion nicht unkontrolliertes Chaos entsteht sondern Ordnung und Formenreichtum: Biologie, wie wir sie kennen. [6]

Auch bilden Gruppen dieser Doppel-Codons Aminosäuren oder Basenmoleküle mit besonderen Aufgaben (wie Start-/Stop-Befehle bei biochemischen Reaktionen). Ein weites Feld von Spekulationen eröffnet sich. [7] Kann das I Ging ein mathematisches Instrument für die moderne Biochemie sein?

Katya Walter ordnete die 64 Zeichenkombinationen des I-Ging den 26 Aminosäuren zu. (Quelle: Katya Walter)
Abb. 3: Katya Walter ordnete die 64 Zeichenkombinationen des I-Ging den 26 Aminosäuren zu. (Quelle: Katya Walter)

Noch erstaunlicher wird es, wenn man mit den Ur-Bildern, den Karten, Vergleiche zur stilisierten molekularen Struktur der Basennukleotiden anstellt. Es gehört schon eine große Portion Unvoreingenommenheit dazu, aber die Geisteswissenschaftlerin Katya Walter stieß auf augenscheinliche Übereinstimmungen.

Zunächst fällt auf, daß die Anzahl der Punkte sowie der Atome (jeweils 55) identisch ist. Da in der Natur der Basen T und A bzw. C und G miteinander ein Paar bilden (auf den „Sprossen“ der DNS-„Strickleiter“) kann man versuchen, hier verschiedene Seiten der Ho-Tu-Karten Molekülstrukturen zuzuordnen. Dunkle und helle Punkte entsprechen dann den sogenannten Ringatomen bzw. den „abzweigenden Atomen“ – wieder eine Übereinstimmung. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Wie wir wissen, verstanden es gerade die Philosophen der Antike, auch ohne naturwissenschaftliche Hilfsmittel zu erstaunlichen Einsichten zu kommen. Diese Erklärung oder der Faktor Zufall mögen auch beim I Ging im Spiel sein. Auf der anderen Seite lohnt es sich aber, den Ursprung der Ideen zu hinterfragen: Nicht allein im alten China wird von Göttern und mythischen Herrschern berichtet, die den Menschen „magisches“ Wissen anvertrauten. Bekanntes Beispiel ist der Dogon-Stamm in Mali und sein Wissen um das Sternsystem Sirius. Oft kamen die Botschafter in „Drachenpferden“, „sagenhaften Schildkröten“ und anderen Gestalten.

Heute verpackt in religiösem Kulturerbe, hinterließen sie – so hat es den Anschein – reale, naturwissenschaftliche Informationen. „Knacknüsse“, bestimmt für spätere Generationen. Einmal aufgebrochen, würde allein der Nachweis von modernem Wissen in der Vorzeit ein Licht auf die wahre, reale Natur der Götter werfen. Erst seit einigen Jahrzehnten hat unsere Zivilisation mit ihren Kenntnissen in der Biochemie den „richtigen Nussknacker“. Weitere Interpretationen in diese Richtung werden zeigen, ob das I Ging tatsächlich ein Tresor für wissenschaftliche Informationen ist. Wenn ja, dann hieße es: „Copyright: Hochkultur (außerirdisch)“.

Anmerkungen

[1] Krassa 1973

[2] Legge 1963

[3] Whincup 1986

[4] Walter 1992

[5] Leibnitz 1968

[6] Dulbecco 1991

[7] Schönberger 1973

Literatur

Krassa, Peter (1973): Als die gelben Götter kamen. München

Legge, J. (1963): I Ching. Book of Changes. New York

Whincup, G. (1986): Rediscovering the I Ching. Garde City

Walter, K. (1992): Chaosforschung. I-Ging und genetischer Code. München

Leibniz, G.W. (1968): Zwei Briefe über das binäre Zahlensystem und die chinesische Philosophie. Stuttgart

Dulbecco, R. (1991): Der Bauplan des Lebens. München

Schönberger, M. (1973): Verborgener Schlüssel zum Leben. Weltformel I-Ging im genetischen Code. Bern-München