Dieser Artikel ist eine kritische Betrachtung um die sog. „Manna-Maschine“ und deren Gleichsetzung mit dem heiligen Gral. Im zweiten Teil untersucht Ulrich Magin die angeblichen Verbindung zwischen den Templern, dem heiligen Gral und der „Manna-Maschine“.

Brezeln aus dem Weltraum

1. Kyot, Flegetanis und Wolfram – die geheimnisvolle spanische Quelle

Wer war Kyot, der in Toledo im maurischen Spanien die Urform der Gralslegende „in heidnischer Schrift“ entdeckte, wie Wolfram von Eschenbach – als einziger – sagt? [1] Natürlich gab es einen provenzalischen Minnesänger namens Guiot/Gyot, aber die Gebrüder Fiebag finden ihn als Finder der Gralssage „problematisch“ [2], obwohl wohl kaum jemand anders als er gemeint sein kann. Im Mittelalter gab es noch keinen Duden, und jeder konnte so schreiben, wie er wollte. Kyot und Gyot sind das gleiche Wort.

Das heißt aber nicht, dass Guiot der Verfasser eines Gralsepos ist. Die Forschung ist sich nämlich sicher, dass die Zuschreibung der Gralsquelle an Guiot eine ironische Passage in Wolframs Epos ist – er nannte jemand als Urquelle der Sage, der diese nie hätte schreiben können. Doch das erledigt die Gleichsetzung nicht, wie die Fiebags in typischer Manipulation der Fakten implizieren.

Denn die Umstände sind etwas komplizierter, als das Gralsbuch der Fiebags zulässt. Kindlers Literaturlexikon von 1974 beschäftigt sich mit der „… ‚Kyot-Frage‘. Dieser von Wolfram als Provenzale bezeichnete Dichter, dessen Name ins Nordfranzösische weist und an den GUIOTS DE PROVINS erinnert, ließ sich bisher nicht identifizieren und kann Fiktion sein.“ [3] Sicherer ist da schon der Germanist Volker Meid, dass nämlich „der mysteriöse ‚Kyot‘ … eine Fiktion (ist).“ [4]

‚Kindlers Neues Literaturlexikon‘ von 1992 [5] erklärt, wie Guiot de Provins zu unverdienten Ehren kam: Wolfram sage, „dass er nicht dem Conte du Gral gefolgt sei, sondern der französischen Parzivaldichtung eines Dichters namens Kyot. … Die Suche nach diesem Kyot hat jedoch zu keinem greifbaren Ergebnis geführt. Vielleicht war Kyot (frz. Guiot) ein mündlicher Gewährsmann, oder Wolfram hat ihn erfunden, um seine stofflichen Freiheiten mit einer Autorität zu decken oder um die Quellenberufungen seiner gelehrten Dichterkollegen zu verspotten.“

Davon, dass Kyot und sein Werk nie existiert haben, und dass der bekannte Dichter Guiot von Wolfram fälschlich angeführt wurde, um die Gelehrten zu verspotten, spricht auch der Germanist Borries. [6] Das heißt, Wolfram persifliert die Gelehrsamkeit seiner Kollegen, indem er seinen Quellentext ausgerechnet dem Dichter zuschreibt (Kyot de Provence), der am wenigsten dazu geeignet ist. Das passt gut zum Inhalt seines Parzivals, der ja gerade auch die unintellektuelle Hingabe an Gott rühmt.

Doch dann kommt als weitere Quelle Flegetanis, nach Fiebag [7] ein Jude aus der Zeit Salomos, also aus einer Zeit, als der Tempel zu Jerusalem als Aufbewahrungsort für die Bundeslade gebaut wurde. Es ist schwer, hier nicht von bewusster Irreführung zu sprechen – denn Wolfram sagt ausdrücklich mit einer vom Mittelalter bis heute gebräuchlichen Redewendung nur, dass Flegetanis „aus Salomos Geschlecht“ stammte, das er also ein Jude war. Die Behauptung, Flegetanis habe als phönizischer Astrologe zur Zeit Salomos gelebt, ist eine von vielen Erfindungen der Fiebags, für die sie nicht einmal Belege anführen können. Aber ihre These funktioniert nur, wenn genügend solcher Geschichtsfälschungen aneinandergereiht werden.

Dass Flegetanis kein vorchristlicher Jude gewesen sein kann, geht nämlich aus Wolframs Text eindeutig hervor, wie der Kindler von 1974 betont: „Wolfram zufolge hat Kyot in Toledo das Fundament seines Werkes in einer von dem Naturforscher FLEGETANIS verfassten Schrift gefunden, für deren Lektüre nicht bloß das Arabische, sondern auch der christliche Glaube Vorraussetzung gewesen sei.“ [8]

Flegetanis müsste in den Sternen somit den christlichen Glauben vorhergesehen haben.

Schauen wir uns einmal um, welcher arabische Text in „heidnischer Schrift“, der zur Zeit Wolframs einsehbar war, ein christliches Brotwunder enthält. Die Gebrüder Fiebag implizieren, dies müsse ein Buch der ‚Kabbala‘ gewesen sein, wohl der ‚Sohar‘ (den es auf Arabisch nie gab!). Aber es gibt eine viel simplere und einfachere Möglichkeit, die den Vorteil hat, dass sie die Gralslegende (mit Jesus in Verbindung stehender Gegenstand, der Brot produziert) explizit anführt: Es ist der Koran, der im muslimischen Spanien sicher leicht zu finden war, der in heidnischer Schrift verfasst war, Jesus erwähnt – und mit ihm den Gral. Es kann nur verwundern, das bisher diese Deutung (soweit ich weiß) nirgendwo erschienen ist. Es sollte jedoch betont werden, dass Wolfram von einem jüdischen Buch spricht.

Der Koran enthält, in der fünften Sure, Vers 115 und 116, einen Bericht über Jesus und seinen broterzeugenden Tisch. Koraninterpreten halten die Stelle für eine Anspielung auf das Abendmahl oder eine Variante des Tischtuches voller Tiere, das Petrus aus dem Himmel entgegenkam [9], mir erscheint es eher als eine muslimische Version der wunderbaren Brotvermehrung [10]:

„Darauf sagte Jesus, der Sohn der Maria: ‚O Gott, Herr, sende uns einen Tisch (mit Speise) vom Himmel, da· dies ein festlicher Tag für uns werde, für den ersten und letzten von uns, als ein Zeichen von dir. Nähre uns, denn du bist der beste Ernährer.‘ Darauf erwiderte Allah: ‚Ich will euch den Tisch herabsenden, wer aber von euch dann nicht glauben wird, den werde ich bestrafen, wie ich kein anderes Geschöpf in der Welt bestrafen werde.'“

Interessanterweise hat die spätere Muhammed-Verehrung der Muslime das im Koran erwähnte Speisewunder auch dem Gründer des Islam zugeschrieben:

„Dazu [zu den von Muhammad angeblich gewirkten Wundern, der hl. Quran verneint, dass Muhammad Wunder wirkte] kommen, vor allem in der späteren Überlieferung ausgeschmückt, noch eine Reihe von Speisewundern, wie etwa die Speisung von tausend Männern durch ein einziges Schaf.“ [11]

Wer immer also Kyot war, ein Buch „in heidnischer Schrift“, gefunden im muslimischen Toledo (die Stadt wurde erst 1087 christlich), das „die Urfassung“ der Gralsvorstellung enthielt – könnte Wolfram von Eschenbach nicht von jenen Koranversen sprechen, die ganz eindeutig erzählen, das Jesus vom Himmel einen Tisch erhielt, der Brot erzeugte?

Diese Vorstellung war so wichtig, dass die Sure den Titel „Der Tisch“ trägt. Ein christlicher Gelehrte, der einen islamischen Gelehrten gefragt hätte, was dieser über Jesus wisse, wäre ohne Umschweife auf diese Sure aufmerksam gemacht worden. Erneut haben wir hier eine Verknüpfung Jesu mit einem broterzeugenden Möbelstück, ohne dass wir irgendeine Manna-Maschine erfinden müssen, da die Quelle der Sure die christlichen Evangelien waren – und die wurden zur einer Zeit geschrieben, in der nach Fiebag die Manna-Maschine unter dem Tempel in Jerusalem verbuddelt lag. Nach dem Koran, Sure 3:38, hat übrigens auch die Jungfrau Maria göttliche Nahrung erhalten. Maria wurde im Christentum mit der Bundeslade gleichgesetzt, diese Symbolik ist also in auch im Heiligen Buch des Islam enthalten. Die Verknüpfung Manna/Jesus/Brot/Wunder/Erlösung ist also keine irgendwie geheime Tradition, sie ist im Neuen Testament, und sogar im Koran, genauestens bezeugt. Zugegeben, das sind Spekulationen, aber Denkansätze allemal.

Im Neuen Testament gilt Jesus als das göttliche Manna, das die Menschen erlösen kann – und genau das symbolisiert der Gral.

2. Templer, Baphomet und der Gral

Wie kam nun die Verbindung zwischen Templern und Gral zustande, die Wolfram so definitiv beschreibt, wenn nicht durch die tatsächliche Existenz einer Manna-Maschine?

Dazu kann es vorerst nur Vermutungen geben. Sicher allerdings ist, dass die Templer trotz der päpstlichen Intrigen vielen als ideale christliche Ritter galten, und dass sich mit dem Fluidum des Erhabenen und Geheimnisvoll en umgeben waren. Etwas so heiliges wie der Gral, das Symbol der christlichen Botschaft, konnte nur von solch edlen und vom ganzen christlichen Abendland bewunderten Rittern bewacht werden. Keltische Versionen der Gralssage lassen ja – ihrer eigenen Kultur gemäß – den keltischen König Arthus nach dem Gral suchen. War in Britannien Arthur die edelste Verkörperung des Rittertums, so waren das zu Wolframs Zeiten die Templer. Es ist äußerst gewagt, eigentlich mehr dahin zu vermuten, aber wir sind daran gewohnt, dass die Fiebags gerne ausgiebig spekulieren und diese Spekulationen dann als Tatsachen ausgeben. Tatsächlich ist das die Ansicht der „wissenschaftlichen Templerforschung SEIT JAHRZEHNTEN“, um ein von Fiebag geliebtes Argument anzuführen:

„Um den Gralstempel scharrt sich die Gralsgemeinde, mit denen Wolfram eine neue Ordnung entwirft: Die templeisen (Laien), an den 1119 gestifteten Orden der Tempelherren gemahnend und so Kreuzzugserinnerungen evozierend, bilden eine auf der Gottverbundenheit durch den von christlichen und höfischen Idealen geprägten Geist gründende, ordensähnliche Ritterschaft, die den Gral gegen Unberufene verteidigt.“ [12]

Eine gewagte, nichtsdestotrotz nicht gänzlich unwahrscheinliche These über die Verknüpfung der Templern mit dem Gral stammt von Ian Wilson. [13] Wilson weißt darauf hin, dass die Templer der Überlieferung nach das Grabtuch Christi, das sich heute in Turin befindet, aus dem Orient nach Europa brachten. Das Grabtuch enthält dem Volksglauben nach Blutspuren, die von Christi Geißelung und Kreuzigung stammen sollen – das heißt, die Templer waren tatsächlich in ihrer Zeit diejenigen Ritter, die eine Reliquie mit Christi Blut besaßen. Diese simple Tatsache, die unberührt davon bleibt, ob das Grabtuch eine clevere Fälschung ist oder nicht, verbindet Gral (das Behältnis des Blutes Christi) und Templer, ohne dass man eine Manna-Maschine braucht. [14]

– Der Abtransport der Templerschätze

Mit den Templern und den angeblich von ihnen entdeckten Tempelschätzen kennen sich die Fiebags nicht gerade gut aus, und ihre Recherche lässt zu wünschen übrig. Schon der den Fiebag’schen Thesen doch aufgeschlossene Jörg Dendl stellt fest, dass entgegen der Behauptung der Fiebags [15], die Menora des Jerusalemer Tempels habe sich um 455 in Carcassone befunden, archivarisch belegt ist, dass sie zu diesem Zeitpunkt in Rom war. [16] Das heißt, damit das Geschichtsgebilde der Fiebags stimmig ist, müssen unablässig historische Fakten gebeugt werden.

So auch, wenn es um den heimlichen Abtransport der Manna-Maschine vor der Zerschlagung des Templerordens geht. Die Fiebags [17] spekulieren, der „Innere Kreis“ der Templer (wer das gewesen sein soll, erklären sie leider nicht) habe von der bevorstehen Verfolgung gewusst und hätte deshalb die Manna-Maschine in Sicherheit gebracht.

Das verblüfft vor allem wissenschaftliche Templerforscher. Beck [18]:

„Man hat neuerdings die Fabel verbreitet, die Templer seien gewarnt gewesen: In der Nacht vom 12. auf den 13. Oktober habe eine Reihe von ‚Heufuhren‘ den Tempel von Paris verlassen. Auf diese Weise sollen die Ritter ihre Archive und den Ordensschatz in Sicherheit gebracht haben. Aber man konnte doch keine Heuwagen mit Rassepferden bespannen. … Nein, die Templer hatten keine Ahnung von ihrer bevorstehenden Verhaftung. Ansonsten hätten sie sich von der Polizei nicht überrumpeln lassen. Wenigstens die Großwürdenträger und der Großmeister wären rechtzeitig geflohen.“

– Der Baphomet

Überhaupt: die Templer. Nach den Gebrüdern Fiebag sollen die Templer in Jerusalem die Manna-Maschine entdeckt, sie nach Europa geschafft und als einen Götzen namens „Baphomet“ verehrt haben. Nun wurden die Templer nicht verfolgt, weil sie Götzendienst betrieben, sondern weil ihre Machtfülle dem französischen König Philipp dem Schönen zu stark wurde. Außerdem – auch das ist wichtig – war die Verfolgung der Templer nur eine weitere Schlacht im bereits lange anhaltenden Kampf zwischen geistiger Macht (Papst) und weltlicher Macht (König), welche das ganze Mittelalter prägte. [19] Im Mittelalter gab es nur ein Mittel, eine ganze Bevölkerungsgruppe oder eine Personengruppe sicher zu verurteilen: Man musste sie der Heräsie, der Abweichung von der christlichen Lehre, beschuldigen.

Das tat der französische König Philipp nicht ungeschickt, indem er den Templern vorwarf, aufgrund ihrer vielen Kontakte mit dem Islam seien sie vom Glauben abgefallen. Die Templer wurden beschuldigt, Anhänger „Mahomets“ (also Mohammeds) zu sein – dieses Wort wurde dann zu „Baphomet“ verballhornt. Zu dieser simplen Feststellung weiß sich Johannes Fiebag nicht weiter zu helfen, als seine Leser in die Irre zu führen. Die Verbindung von Baphomet zu Mahomet werde „in der wissenschaftlichen Templerforschung … SEIT JAHRZEHNTEN nicht mehr diskutiert.“ [20]

Natürlich ist die Gleichsetzung umstritten, doch wird sie dennoch von vielen Experten nach wie vor für richtig gehalten, so etwa von Best. [21] Meyers Enzyklopädisches Lexikon [22] schreibt unter dem Stichwort Baphomet: „wohl Verstümmelung von Mahomet.“

Einige Templer gestanden unter grausamer Folter das vorgworfene Verbrechen, und durch gezielte Fragen ihrer Folterer konnten sie diesen „Götzen“ auch beschreiben: Es sei ein Bild in „Form eines Männerkopfes mit einem großen Bart.“ [23] Diese Aussagen wurden anderen gefolterten Templern vorgelegt, die diese erzwungenen „Geständnisse“ ihrerseits unter Folter bestätigten. Mit Folter ist das kein allzu großes Problem. Die Verfolger hatten, was sie wollten. Es gibt aber keinerlei Grund, den Inhalt dieser unter Folter und nach Fangfragen gemachten Aussagen als Tatsachen zu betrachten. Um die Templer zu verurteilen, musste man ihnen den Abfall vom Christentum nachweisen, und was war da bequemer, als ihnen ein Götzenbild zu unterstellen.

Unabhängig davon, ob die Volksableitung des Baphomet von Mahomet korrekt ist oder nicht, wollte der französische König solche Zusammenhänge natürlich provozieren: Er hatte ja keine anderen Gründe als seine üblen Verleumdungen für seine Kampagne, die ihm übrigens kein Geld einbrachte, da der Papst das Vermögen der Templer den Johannitern überschrieb. Fiebags Argument [24], die Herleitung von Baphomet aus Mahomet sei unsinnig, denn der Islam kenne keinen Kopfkult, ist unsinnig. Es geht bei Verleumdungen nicht darum, was wirklich ist (und der Islam kennt in der Tat einen reinen abstrakten Glauben ohne Bilder), sonders um das, was man als Rechtfertigung für das eigene brutale Vorgehen braucht.

Denn „die wissenschaftliche Templerforschung“ ist sich „seit Jahrzehnten“ nicht nur einig darüber, dass die Templer keinen Kult des Islams übernommen haben, sie sind zudem einhellig einig, dass es nie einen Baphomet (also auch keine Manna-Maschine im Templerbesitz) gab. Beck [25] spricht von einem „Märchen“.

Es gibt keinerlei Grund, den Inhalt dieser unter Folter und nach Fangfragen gemachten Aussagen als Tatsachen zu betrachten. Um die Templer zu verurteilen, musste man ihnen den Abfall vom Christentum nachweisen, und was war da bequemer, als ihnen ein Götzenbild zu unterstellen.

„Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass die von König Philipp IV. gegen sie erhobenen Vorwürfe unbegründet waren.“ [26]

„Im allgemeinen sind die Aussagen der Templer reichlich monoton, fast schon gleichlautend. Offenbar gaben sich die Inquisitoren damit zufrieden, immer wieder dieselben Geständnisse zu erpressen. Und die verzweifelten Ritter gestanden schließlich das, was man von ihnen verlangte.“ [27]

Schließlich verschweigen die Fiebags völlig, dass die unsinnige Baphomet-Anschuldigung (denn es gab ja keinen Baphomet und keinen Templer-Kult um einen Baphomet) nur eine von vielen weiteren vollkommen unsinnigen und frei erfundenen Vorwürfen ist. So wurden gegen die Templer u.a. folgende Vorwürfe erhoben: des „Götzendienstes, der Anbetung einer Katze während der Kapitel, der schamlosen Küsse, der Verleugnung Christi während der Aufnahmezeremonie, der Billigung der Sodomie [i.e. Homosexualität], der unbefugten Absolution von Sünden durch den Großmeister und anderes mehr.“ Beck [28] nennt all das „phantastische Beschuldigungen.“ Der Baphomet ist eine Erfindung der Ankläger, nicht eine Realität der Templer.

– Baphomets werden gefunden

Dass der Baphomet eine Fiktion ist, keine Beschreibung der Manna-Maschine, wird deutlich, wenn wir alle Fälle untersuchen, in denen vom Templern unter Folter geschilderte „Baphomets“ wirklich gefunden wurden.

„Als ein solcher Zeuge gegen den Orden beschrieb Barthelmy Boucher am 19. April einmal mehr das Idol, das angebetet worden sei. Es habe dem Kopf eines Templers mit Bart und Mütze geglichen. Die Kommission wollte endlich Klarheit über diesen Götzen gewinnen. Man berief den Schatzmeister des Tempels von Paris vor das Tribunal. Er sollte über alle Statuen Auskunft geben, die man bei der Verhaftung im Schloss gefunden hatte. Guilherme de Pidoye brachte einen Kopf aus Silber, der, eine schöne junge Frau darstellend, als einziges Stück in Frage kommen konnte. Doch weder Füße noch Bart noch sonst ein Zeichen des so oft und widersprechend geschilderten Götzen waren an ihm zu sehen. Im Innere n der Skulptur befanden sich Knochen, die zweifelsfrei von einer jungen Frau stammten. Das Haupt trug die Zeichen ‚caput XVIII‘ und stellte fraglos ein Reliquiar dar, das nicht zu bestimmen war. Doch verehrte man in ihm offenbar die sterblichen Überreste einer der elftausend Jungfrauen, die der Legende nach in Köln von den Hunnen erschlagen worden waren. Pidoye erklärte dazu, es habe sich im Schatz des Tempels kein anderes Haupt befunden.“ [29]

Raynier de Larchant sah das Götzenbild angeblich zwölfmal, zuletzt im Tempel von Paris. Bei der Durchsuchung wurde nur eine Reliquie (ein nummerierter Schädel) gefunden. [30]

In einem weiteren Fall konnte Wilhelm von Arrablay konnte vor dem Untersuchungsausschuss das Götzenhaupt detailliert beschreiben, und tatsächlich wurde es gefunden. Es handelte sich um ein silbernes Reliquiar in Form eines Kopfes. [31]

Solche Reliquiare gab es in großer Zahl, sie enthielten die Überreste von Heiligen. Offenbar haben die gefangenen Templer, weil sie immer wieder nach dem nicht vorhandenen Baphomet gefragt wurden, unter Folter solche ihnen bekannte christliche Reliquiare als Götzenbilder beschrieben – ein deutliches Zeichen dafür, wie die Gefolterten auch den größten Unsinn gestanden, nur um der weiteren Tortur zu entkommen. Das, und nicht eine Manna-Maschine, ist also der reale Hintergrund der „Götzenhäupter“.

Die Baphomets der Geständnisse erinnern ebenfalls an solche christlichen Reliquiare und nicht an die „Manna-Maschine“ in Dale und Sassoons Interpretation. Der einzige Beleg, den die Fiebags für eine solche Gleichsetzung aufführen können, ist ohnehin, dass sowohl Manna-Maschine wie Baphomet „einen Bart“ hatten. Und wenn wir wissen, dass viele Reliquiare bärtige Köpfe waren und dazu bedenken, dass die Templer vor ihrer Zerschlagung die Besitzer des Turiner Grabtuches mit dem „bärtigen Wunderbild“ waren, dann entpuppt sich die Annahme einer Manna-Maschine als Baphomet ohnehin als unnötig.

Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die Templer in irgendeiner Weise tatsächlich vom Christentum abgefallen waren. Und – es muss zumindest verwundern, wie viel Realitätswert die Fiebags den unter Folter erzwungenen Geständnissen zumessen und verschwiegen wird, dass die unter Druck geschilderten Baphomets – in einem Fall nachweislich, sonst wurde ja nie etwas gefunden – mit bekannten Reliquiaren identisch waren.

3. Eine österreichische Manna-Maschine

Ganz verwandt mit der Unkenntnis der neutestamentarischen Grundlagen der Manna-Metapher der mittelalterlichen Epen ist die Unfähigkeit der Gebrüder Fiebag, mittelalterliche Symbolik zu verstehen. So behaupten sie, ein Reliefstein in einer österreichischen Burgkapelle zeige ein Abbild der Manna-Maschine. Deutlicher als eine außerirdische Maschine sind auf dem Altarrelief allerdings eine Brezel und ein Brötchen zu erkennen.

Der Altarstein habe zwar eine Aushöhlung für die Aufbewahrung von Hostien, aber die Darstellung auf dem Stein sei – so Fiebag – „ohne jede christliche Symbolik.“ [32] Das ist schlichtweg falsch. Denn den Fiebags zum Trotz sind gerade Brezel und Brot die christlichen Symbole für die Hostie, die in der Zeit gebräuchlich waren, in welcher die Burgkapelle gebaut wurden.

Das Brötchen entspricht der in der Mitte gebrochenen Hostie – passt also ausgezeichnet zu der Funktion des Steines als Altar mit Höhlung zum Aufbewahrung von Hostien. Und die Brezel? Die Brezel ist ein „antik-christliches Kultgebäck, das als Fastengebäck übernommen wurde.“ [33] Tatsächlich diente die Brezel ab dem 9. Jahrhundert als Abendmahlbrot, also Hostie, ab dem 10. Jahrhundert auch als Fastenspeise. [34] Sie wurde dieser Funktion entsprechend auch in Kirchen abgebildet, z. B. auf einem Glasfenster am Freiburger Münster, das aus dem frühen 14. Jahrhundert stammt. [35]

So fällt die angebliche österreichische „Manna-Maschine“ in eine Zeit, in der auch sonst die Brezel und das geteilte Brot als Symbol der Hostie dargestellt wurden. Fiebag (1999) hat diese Deutung mit dem Hinweis abgeschmettert, ich hätte „die Zeichnung von Lockenhaus bar der Kenntnisse jeglicher wissenschaftlicher Literatur … einfach nach eigenem Gutdünken in eine Brezeldarstellung um[gemünzt]“. Nun, zu Lockenhaus haben die Fiebags nur eine einzige Quelle, ein Buch (ohne Jahr) von Theuer. Es sieht so aus, als habe Theuer die Bedeutung der Brezel zu der untersuchten Zeit nicht gekannt, was ein Licht auf seine wissenschaftliche Kompetenz wirft. Meine Erfahrung mit wissenschaftlicher Literatur sagt mir aber, dass sie sehr selten undatiertes ist – denn immerhin soll sie ja zitiert werden. Ich kenne Theuer nicht, aber es mag sich sehr wohl um die Arbeiten eines rürigen Heimatforschers handeln. In der seriösen Templer-Literatur wird er zumindest nie zitiert.

4. Der Gral in Glastonbury

Der Gralmythos ist eine zutiefst christliche Angelegenheit, die aber auf vorchristlichen Grundlagen wie der keltischen Sage vom Füllhorn fußt. [36] In Großbritannien ist die Gralslegende eng mit dem Erzählkreis um den König Arthus verbunden. Obwohl die mittelalterlichen Epen häufig in einer Art Märchenland spielen, in dem die Ortsangaben schwer zueinander in Beziehung gesetzt werden können, hat sich doch in der Volkssage die Überzeugung entwickelt, der Gral liege in Glastonbury verborgen, dem Ort, den Maria und Joseph von Arimathea gründeten. [37]

Die Fiebags lehnen diese im Mittelalter nie umstrittene Lokalisierung ab (schließlich wollen sie ihre Manna-Maschine ja irgendwo ablegen, wo man sie bisher noch nicht gefunden hat), indem sie das vernichtende Urteil von Geoffrey Ashe zitieren, es habe in Glastonbury nie einen Gral gegeben:

„… Und obwohl sich die Abtei rühmte, über viele heilige Reliquien zu verfügen, erhob sie niemals den Anspruch, den heiligen Gral zu besitzen oder je besessen zu haben.“ [38]

Was sie verschweigen: Ashe – ein kompetenter Folkloreforscher – glaubt überhaupt nicht an die Realität des Grals. Wie sich ganz richtig zeigt, handelt es sich hierbei nur um eine Metapher. Wenn es keinen Gral gibt, kann er natürlich auch nicht in Glastonbury verborgen sein! Aber die Darstellung der Fiebags klingt so, als sei Ashe von der Existenz des Grals überzeugt, sei aber nach reiflicher Überprüfung zu dem Schluss gekommen, in Glastonbury könne er nicht liegen!

Ashe hätte jedoch auch jede andere Lokalisierung ebenso strickt abgelehnt. Vor allem sicher jene, die Templer hätten den Gral in Amerika versteckt. Eine These, die auf den Forschungen des rechtsextremen Historikers Jacques de Mahieu [39] basiert. Wie die Fiebags mit Ashe umgehen ist nur eines von vielen Beispielen für ihren häufig willkürlichen Umgang mit Quellen.

5. Weitere Gralsburgen

Neben Glastonbury gibt es zahllose andere Orte, an denen der Gral vermutet wurde (nur „unentdeckte Länder im Westen“ und Lockenhaus waren im Mittelalter nicht darunter):

  • In Deutschland galt die Pfälzer Burg Trifels als Gralsburg, der Historiker Sprater vertrat die Ansicht, die Reichsfeste sei das Modell für Wolframs Beschreibung der Gralsburg gewesen. [40] Andere Identifizierungen waren die Burg Wildenberg bei Amorbach im Odenwald [41], die Wartburg [42], die Liebfrauenkirche in Trier [43] und der Wehlenberg zwischen Gunzenhausen und Wolframs Heimatstadt Eschenbach. [44]
  • Im Elsass galt das Kloster Murbach als der Ort, an dem „sich der heilige Gral eine Zeit lang“ befunden habe. [45] Der KZ-Wächter und Nazi-Ideologe Otto Rahn hielt die südfranzösische Katharerburg Montsegur für die Gralsburg. [46] Schließlich soll der Gral auch in der Kirche Notre-Dame du Sabart in Tarascon-sur-Ariäge versteckt sein. [47]
  • In Großbritannien war man sich zwar einig, dass der Gral in Glastonbury liege, doch die Lokalsage bringt ihn noch mit zahlreichen anderen Kirchen und Burgen in Zusammenhang. Da ist einmal Dinas Bran in Wales [48], zum anderen die moderne These, der Gral sei in der Kapelle von Roslin in Schottland versteckt. [49]
  • In Katalonien gilt den Bewohnern der Montserrat als Gralsburg [50], ebenso wurde die Hagia Sophia in Istanbul [51] als der Ort identifiziert, wo der Gral liegt.

Niemand wusste, was der Gral war, denn jeder Autor des Mittelalters gestaltete diese Metapher so, wie sie am besten zu seinen Aussagen passte. Niemand wusste, wo dieses allerheiligste Symbol verborgen war; wohl eben dort, wo niemand jemals hingelangen konnte. Die Autoren der Epen und Sagen beschrieben die Gralsburg analog zu den prächtigsten Burgen und zu dem in der Bibel beschriebenen himmlischen Jerusalem, so dass einige Aussagen zu der Gralsburg wohl immer zu einzelnen der genannten Orte passen (schließlich war das himmlische Jerusalem auch Grundlage zahlloser Kirchenbauten). Keiner der genannten Orte hatte jemals etwas mit Templern zu tun, mit Ausnahme von Roslin Chapel, doch dies ist eine moderne Identifizierung.

6. Rennes-le-Chateau

Im Gralbuch der Gebrüder Fiebag [52] taucht auch kurz die moderne Sage vom zu plötzlichem Reichtum gekommenen Pfarrer des Dorfes Rennes-le-Chateau auf. Seit ‚Der heilige Gral und seine Erben‘ muss diese Lügengeschichte hinhalten für allerlei abstruses Thesen: der Pfarrer soll auf das Geheimnis Christi, eventuell auf einen Schatz gestoßen sein, er habe damit die Amtskirche erpresst, er habe den Gral entdeckt, er wusste, dass Jesus mit Maria Magdalena verheiratet war. Der plötzliche Reichtum des Pfarrers erklärt sich ganz prosaisch damit, dass der gute Mann widerrechtlich Messen verkaufte und das Geld in die eigenen Taschen scheffelte. Das Geheimnis von Rennes-le-Chateau war nie eines, und wer will, kann die ganze, ausführliche und simple Erklärung des Mythos bei Paul Smith nachlesen. [53]

7. Oak Island

Nicht nur Österreich, Glastonbury oder Rennes-le-Chateau gelten als Versteck des Grals – die Templer hätten die Manna-Maschine, so wird immer wieder spekuliert, auf Oak Island vor der Atlantikküste Kanadas vergraben. Seit rund 200 Jahren spukt das Geheimnis der Money Pit, der Schatzgrube, des Schatzschachtes, durch die Literatur. Begonnen hatte alles recht harmlos: Ein junger Holzfäller hatte 1795 auf der Insel eine Rodung und seltsame Markierungen in einer Eiche entdeckt. Die Zeit liebte Piratenromane, ein Piratenschatz müsse hier liegen, folgerte der junge Mann. Seit dieser Zeit durchpflügen Schatzsucher die gesamte Insel, doch gefunden wurde nichts: ein paar Kokosfasern, Markierungen auf Bäumen und Steinen, ein Lederhandschuh, ein Stück Pergament. Keine Darstellung von Oak Island in populären Büchern über Geheimnisse zweifelt daran, dass dort ein Schatz vergraben liegt, versteckt von Indianern, fliehenden Urchristen, Franzosen, Piraten, Spaniern, Inkas, etc.

Nur – stimmt den die ursprünglich Annahme, ein Schatz sei auf der Insel vergraben? Der Biologe Eric Mullen hat die Geschichte von Oak Island genau recherchiert und kommt zu dem Schluss, dass alles nur ein gewaltiger Irrtum ist, ausgelöst durch die Gruselgeschichten jener Zeit.

Kann es denn nicht sein, dass Schatzsucher, die auf Oak Island tief genug bohren, auf Grundwasser stoßen – ist so der Wassereinbruch durch angebliche Zuleitungskanäle zu erklären? Gerodet werden Bäume auch auf anderen Inseln vor der Küste, und ein Hinweis auf Schatzsucher ist das noch lange nicht. Die Kokosfasern könnten „angeschwemmte Reste von Dämm-Material (sein). Damit wurden früher Schiffe abgedichtet.“ Die gefundenen Gerätschaften, die erst spätere Expeditionen aus dem zerwühlten Inselgrund bargen, können sehr wohl von früheren Schatzsuchern gestammt haben. Der Schacht selbst könnte – weil das auch auf anderen Inseln so ist – eine natürliche Vertiefung sein, die Stürme und Überschwemmungen mit Sand und allerlei Müll angefüllt haben.

Ob es so war, das werden vielleicht erst spätere Forschungen zeigen. Dass es aber einfache Erklärungen gibt für die Schatzgrube, dass es also verfrüht ist, sie als festes Element einer Beweiskette zu sehen, das zeigen diese Einwände schon. [54] Bevor die Templer nach Oak Island segeln, muss also geklärt werden, ob dort überhaupt etwas versteckt ist.

8. Glosskap

Für Mathias Kappel [55] ist eine Legende der Abnaki-Nation im Nordosten der Vereinigten Staaten Beweis genug dafür, dass entweder die Templer oder der von ihnen informierte schottische Ritter Sinclair die Manna-Maschine nach Kanada gebracht haben:

„Bei den heute noch in Neuschottland lebenden Micmac-Indianern existiert die Legende von einem weißen Kulturbringer namens ‚Glooskap‘. Die Parallelen zum Abenteuer Henry Sinclairs sind offenkundig.“

Als Quelle reichen ihm zwei populärwissenschaftliche Bücher, ein Terra-X-Band und das grauenvolle Machwerk von Heinke Sudhoff, die beide so voller Falschangaben und logischer Kurzschlüsse sind, dass es schwer fällt, sie überhaupt „Sachbücher“ zu nennen. Aber sensationalistische Sachbücher, nicht wissenschaftliche Arbeiten, sind ja auch die Quellen der Gebrüder Fiebag – ob es sich um den Rechtsextremisten de Mahieu [56] handelt, den Nazi und KZ-Wärter Otto Rahn [57] oder die französischen Esoteriker de Sede und Charpentier. Weil wissenschaftliche Forschungen das Geschwätz von Manna-Maschinen nicht bestätigen, greift man zur unseriösen Literatur.

Überdies, wie Rudolf Eckhardt [58] so elegant formulierte, sei die These der Amerikabesuche der Templer „nicht zwingend. … Es fehlt der archäologische Befund.“

Aus solchen unseriösen Quellen zieht also Kappel, ohne die Angaben zu überprüfen, seine (vermutlich von Sudhoff) frei erfundene Version des Glooskap-Mythos. Man mag das wieder als Polemik abtun. Sehen wir uns also an, wie die Urfassung dieses Mythos lautet, wenn er nicht von Autoren manipuliert wird, die Europäer als Kulturbringer für die indianischen Kulturen Amerikas brauchen:

Glooskop ist einer von zwei Zwillingen. Er verkörpert das Gute, sein Bruder Malsum das Böse. Glooskop bedeutet „Lügner“, und er hat den Indianern der Abnaki-Nation (zu der die Micmacs gehören) die Kultur gebracht.

„Glooskap erschuf Himmel, Erde, Tiere und Menschen aus dem Körper seiner Mutter, Malsum schuf die Berge, Täler, Schlangen und all das, was Glooskap schaden sollte. Jeder der Brüder konnte nur durch einen bestimmten Gegenstand erschlagen werden. Malsum fragte Glooskap, wodurch er verletzt werden könnte, und Glooskap antwortete ihm, er könne nur durch die Feder einer Eule getötet werden. Malsum sagte Glooskap, er könne nur durch eine bestimmte Art Farn getötet werden. Mit diesem Wissen tötete Malsum Glooskap. Glooskap jedoch war nicht tot, sondern untot, und konnte sich zu Malsums Schrecken wieder selbst ins Leben rufen. Die Feindschaft zwischen den Brüdern war beendet, als Glooskap aus Erschöpfung Malsum mit einem Farn berührte und ihn so tötete. Alle bösen Geschöpfe, die Malsum erschaffen hatte, stürzten sich von da an auf all das Gute, das Glooskap geschaffen hatte, um ihren Erschaffer zu rächen. Um die Menschheit zu schützen, musste Glooskap glätten, die Naturkräfte einsperren und einen ständigen Kampf gegen Hexen, Geister und Zauberer führen. Nachdem er viele böse Mächte bezwungen hatte, entschloss sich Glooskap, es sei an der Zeit, die Welt zu verlassen. Am festgelegten Tag gab er ein großes Fest für alle Tiere am Ufer eines Sees, dann driftete er mit seinem Kanu davon. Als ihn die Tiere nicht mehr sehen konnten und auch seinen Gesang nicht mehr hörten, konnten sie sich untereinander nicht mehr verstehen.“ [59]

Diese Legende ist nur deswegen so ausführlich zitiert, weil zu befürchten ist, dass die vollkommen sinnlose Angaben über Glooskap immer weiter in die präastronautische Gral-Deutung integriert werden, ohne dass sich jemand die Mühe machen wird, das Original nachzulesen. Es fällt – zumindest mir – schwer, darin irgendeinen Bezug auf Henry Sinclair zu finden. Die Vorstellung, indianische Götter hätten weiße Haut gehabt, ist übrigens eine rassistische Lüge und stammt aus dem letzten Jahrhundert. Es gibt dafür (auch in Mexiko und Peru) keinen einzigen Beleg. [60]

9. Über Beweise

Die Gral-Forschung, der Gebrüder Fiebag bietet keinen einzigen Beweis, nicht einmal einen Beleg. Folgendes aber steht mit Sicherheit fest:

  • Es gibt überhaupt keinen Beweis dafür, dass die Sohar-Deutung von Dale und Sassoon korrekt ist. Trotzdem basiert das Buch der Fiebags darauf, dass Dale und Sassoons Deutung stimmt.
  • Kein wirklich antiker Text erwähnt eine Manna-Maschine. Im Gegenteil, Bibel, Josephus, Talmud und Koran stimmen darüber überein, dass das Manna vom Himmel fiel.
  • Der ‚Sohar‘ ist kein antikes Buch. Die Fassung, die Dale und Sassoon zu ihrer Deutung anregte, stammt aus dem 16. Jahrhundert.
  • Der ‚Sohar‘ ist eine Sammlung von Midraschim, d.h. von Bibelinterpretationen von Rabbinern, die zwischen dem 6. und dem 16. Jahrhundert lebten. Der ‚Sohar‘ kann schon als Texttypt keine „Fakten“ aus der Zeit des Exodus überliefern.
  • Im ganzen ‚Sohar‘ ist keine Manna-Maschine erwähnt.
  • Die Schechina wird von den Fiebags nicht nur völlig falsch dargestellt, ihre unsinnige Darstellung der Schechina zeigt überdeutlich, dass ihre Recherchen vollkommen unzureichend waren. Die Schechina ist definitiv nicht die Manna-Maschine.
  • Der Vergleich von Manna und Gral leitet sich aus der neutestamentarischen und späteren christlichen Metaphorik ab. Es gibt keinen Hinweis, dass der Gral je existiert hat, noch hat er etwas mit der Manna-Maschine zu tun.
  • Es gibt aus dem Mittelalter Dutzende von Gralsepen, die überwiegend auch älter sind als der Text Wolframs. Die Fiebags stützen sich ausschließlich auf diese später Version der Gralsgeschichte, ohne eine andere Version überhaupt in Erwägung zu ziehen. Gründe für diese Fixierung geben sie keine an.
  • Der „heidnische“ Text, der angeblich Wolfram als Quelle diente, kann – sollte er überhaupt existieren – sehr gut die Koransure gewesen sein, die Jesus als Besitzer eines brotspendenden Tisches darstellt.
  • Die Verbindung der Templer mit dem Gral hat den Grund, dass Wolfram die Templer als Idealbild des christlichen Ritters betrachtete. Dazu ist keine Manna-Maschine nötig.
  • Der Baphomet ist eine Erfindung. Seit Jahrzehnten weiß die moderne Wissenschaft, dass er nie existiert hat. Daher kann er auch nicht die Manna-Maschine gewesen sein.
  • Die Flucht der Templer, die Rettung ihrer Schätze und deren Verschiffung nach Amerika ist ein Mythus. Seit Jahrzehnten weiß das die moderne Wissenschaft, auch wenn die Fiebags ohne jeden Beleg das Gegenteil behaupten.

Es bleibt als Quintessenz festzustellen, dass im ‚Sohar‘ weder im Text, noch bedingt durch die Art des Texttyps, geheime Beschreibungen eines ausserirdischen Artefakts zu finden sind. Schon damit ist der Rest der Thesen der Fiebags unsinnig. Es ist dabei belanglos, ob Baphomet von Mahomet stammt oder Kyot eine Anspielung auf Guiot war – der Grundstein, auf dem die These beruht, ist falsch. Ganz gleich, wie viele Ausgaben des Fiebagschen Gralbuches es noch geben wird – die Vorgabe von Dale und Sassoon, welche die Fiebags ungeprüft übernommen haben, ist längst schon widerlegt. Der Rest sind wacklige Wände auf nicht existierenden Fundamenten.

Anmerkungen

[1] Fiebag 1989, S. 197
[2] ebd., S. 201
[3] Kindlers Literaturlexikon 1974 – Band 17, S. 7215
[4] Meid 1993, S. 34
[5] Kindlers Neues Literaturlexikon 1992 – Band 17, S. 809
[6] Borries 1991, S. 84
[7] Fiebag 1989, S. 206
[8] Kindlers Literaturlexikon 1974 – Band 17, S. 7215
[9] Apostelgeschichte 10:10-16
[10] vgl. Matthäus 15:32-38
[11] Schimmel 1981, S. 79
[12] Kindlers Literaturlexikon 1974 – Band 17, S. 7215
[13] Wilson 1999, S. 194-97, 209, 237-238
[14] vgl. dazu auch Badde 1998
[15] Fiebag 1989, S. 252
[16] Dendl 2000, S. 87
[17] Fiebag 1989, S. 247f.
[18] Beck 1992, S. 48
[19] Demurger 1991, S. 13
[20] Fiebag 1999, Versalien durch Fiebag
[21] Best 1998, S. 29
[22] Meyers Enzyklopädisches Lexikon – Band 3, S. 479
[23] Demurger 1991, S. 250
[24] Fiebag 1999
[25] Beck 1992, S. 86/87
[26] Best 1998, S. 39
[27] Beck 1992, S. 93
[28] ebd., S. 129-130
[29] ebd., S. 134
[30] ebd., S. 91
[31] Demurger 1991, S. 271
[32] Fiebag 1991, S. 7
[33] Eckstein o.J., Sp. 1567
[34] Kosler & Krauss 1993, S. 15
[35] ebd., S. 10-11
[36] vgl. dazu Evans-Wentz 1988, S. 311, 316, 325, 342, 350, 353
[37] Radford 1992, S. 4-7
[38] Fiebag 1989, S. 277
[39] Jäger 1988, S. 116)
[40] Sprater 1948; Sprater 1941/42.
[41] die dee Entsprechung von Munsalväsche; Kircher 1989, S. 313
[42] ebd., S. 298
[43] ebd., S. 333
[44] ebd., S. 313
[45] Landspurg 1994, S. 149
[46] Kircher 1989, S. 309
[47] Kröll 1998, S. 81
[48] Bord 1996, S. 54
[49] Knight & Lomas 1998
[50] Kircher 1989, S. 299
[51] ebd., S. 331
[52] Fiebag 1989, S. 254ff.
[53] Smith 1997, S. 51
[54] Röhl 1995, S. 60
[55] Kappel 1995, S. 107
[56] dazu: Heller & Maegerle 1995, S. 104-109, 126; Malcher 1998
[57] Goodrick-Clarke 1992, S. 188-189
[58] Eckhardt 1993, S. 18
[59] Cotterell 1989, S. 93
[60] vgl. Davies 1976, S. 216ff.

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